Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Wie (un)gesund sind Kinder in Deutschland? Fakten, Einschätzungen, Handlungsbedarf
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Hans G. Schlack
Der nationale Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) hat Besorgnis erregende Daten über die Häufigkeit von Gesundheitsstörungen in den Altersgruppen bis 18 Jahre geliefert. Besonders häufig sind Entwicklungsstörungen, psychische Auffälligkeiten und Übergewicht/Fettleibigkeit. Diese Störungsbilder sind ein wesentlicher Teil der „neuen Morbidität“ im Kindesalter und sind bei Kindern aus der unteren Sozialschicht sehr viel häufiger als in der oberen Sozialschicht. Dieser Befund weist darauf hin, dass die psychosozialen Bedingungen eine wesentliche Rolle bei der Entstehung dieser Störungen spielen. Die Erfüllung essenzieller Bedürfnisse in der Kindheit ist offensichtlich eine wesentliche Voraussetzung auch für körperliche Gesundheit und günstige Entwicklung. Daher kommt der Prävention der psychischen Deprivation, auch in der Frühförderung, eine immer größere Bedeutung zu. In der Praxis muss sich die Frühförderung darauf einstellen, dass die Klientel sich verändert (mehr psychosozial als körperlich bedingte Entwicklungsstörungen).
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Frühförderung interdisziplinär, 27. Jg., S. 147 - 154 (2008) © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Wie (un)gesund sind Kinder in Deutschland? Fakten, Einschätzungen, Handlungsbedarf Hans G. scHlack Zusammenfassung: Der nationale Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) hat Besorgnis erregende Daten über die Häufigkeit von Gesundheitsstörungen in den Altersgruppen bis 18 Jahre geliefert. Besonders häufig sind Entwicklungsstörungen, psychische Auffälligkeiten und Übergewicht/ Fettleibigkeit. Diese Störungsbilder sind ein wesentlicher Teil der „neuen Morbidität“ im Kindesalter und sind bei Kindern aus der unteren Sozialschicht sehr viel häufiger als in der oberen Sozialschicht. Dieser Befund weist darauf hin, dass die psychosozialen Bedingungen eine wesentliche Rolle bei der Entstehung dieser Störungen spielen. Die Erfüllung essenzieller Bedürfnisse in der Kindheit ist offensichtlich eine wesentliche Voraussetzung auch für körperliche Gesundheit und günstige Entwicklung. Daher kommt der Prävention der psychischen Deprivation, auch in der Frühförderung, eine immer größere Bedeutung zu. In der Praxis muss sich die Frühförderung darauf einstellen, dass die Klientel sich verändert (mehr psychosozial als körperlich bedingte Entwicklungsstörungen). Schlüsselwörter: Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS), neue Morbidität, psychosoziale Bedingungen, Frühförderung. How (Un)healthy are Children in Germany? Facts, Interpretations, and Tasks Summary: The German Health Interview and Examination Survey for Children and Adolescents has provided worrying data about actual health conditions in childhood and adolescence, especially with regard to the frequency of developmental disorders, mental or behavioral problems, and overweight/ obesity. These conditions, reflecting a major part of so called new morbidity, are in lower-class children much more frequent in comparison to high-class children. This finding suggests a pathogenetic dependance on psycho-social conditions. Obviously mental health is a prerequisite of best-possible somatic health and development. Therefore, prevention of mental deprivation is a major concern also for early intervention. In practice, early intervention has to deal increasingly with developmental problems of psycho-social origin. Keywords: German Health Interview and Examination Survey for Children and Adolescents, new morbidity, psycho-social conditions, early intervention. Fakten: Daten aus dem nationalen Gesundheitssurvey In den Jahren 2003 - 2006 ist in Deutschland eine Datenerhebung über den Gesundheitszustand der Kinder und Jugendlichen durchgeführt worden, die in Umfang, Konzeption und Repräsentativität einmalig ist: der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS). Die wesentlichen Kenngrößen des KiGGS sind in Tab. 1 aufgeführt. Gewonnen wurden dabei nicht nur genaue Informationen über die Häufigkeit von Gesundheitsstörungen allgemein, sondern auch z. B. über deren Abhängigkeit von sozio-ökonomischen Bedingungen, unter denen Kinder aufwachsen. Die wichtigsten Ergebnisse der ersten Auswertungsebene, der deskriptiven Statistik, wurden inzwischen publiziert; die vollständige Basispublikation kann kostenfrei als pdf-Datei unter „www. kiggs.de“ aus dem Internet heruntergeladen werden. Einige ausgewählte Ergebnisse aus den für die Frühförderung relevanten Altersgruppen bis 6 Jahre sollen hier zitiert werden. Sie machen deutlich, wie es aktuell um Gesundheit und Entwicklung von Kindern bestellt ist und auf welche Aufgaben sich die Frühförderung einstellen muss. Originalarbeiten 148 Hans G. Schlack FI 4/ 2008 Kinder mit „besonderem Versorgungsbedarf“. Unter dieser Fragestellung wurden Kinder erfasst, die über jeweils 12 Monate oder länger ärztlich verordnete Medikamente, medizinisch orientierte Therapien (Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie), psychologische Behandlung oder spezielle pädagogische Förderung erhalten haben. Anlässe zu solchen Maßnahmen sind chronische Krankheiten, Behinderungen, Störungen der funktionellen Entwicklung und/ oder psychische Probleme. Wie aus Tab. 2 hervorgeht, nimmt die Inanspruchnahme dieser Behandlungsmaßnahmen bis zum Einschulungsalter stark zu, um dann bis zum Ende des Jugendalters auf konstant hohem Niveau zu bleiben. Im Durchschnitt aller Altersgruppen trifft ein so definierter besonderer Versorgungsbedarf auf Probandenzahl: n = 17.641 altersbereich: 0 - 17 Jahre (ab 1. bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres) Datenquellen: Schriftliche Befragung der Eltern und (ab 11 Jahren) der Probanden selbst Persönliches computergestütztes Interview Eingehende körperliche Untersuchung Blut- und Harnanalysen Repräsentativ bezüglich Altersgruppen (0 - 2, 3 - 6, 7 -10, 11 - 13, 14 -17 Jahre) Geschlecht Wohnort (Stadt/ Land, West/ Ost) Migrationshintergrund sozialer status in 3 Stufen (hoch, mittel, niedrig) zugeordnet Zeitraum der Datenerhebung 2003 - 2006 Durchführung Robert-Koch-Institut, Berlin Tabelle 1: Der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) Tabelle 2: Kinder und Jugendliche mit besonderem Versorgungsbedarf (KiGGS; Scheidt-Nave et al. 2007) kriterien: • Einnahme ärztlich verordneter Medikamente • Medizinische, pädagogische oder psychosoziale Maßnahmen • Funktionelle Therapien (Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie) • Behinderung oder erhebliche Einschränkungen • Probleme der Emotionalität, des Verhaltens oder der Entwicklung jeweils über 12 Monate oder länger Relative Häufigkeit alle Probanden Jungen Mädchen Gesamt (0 -17 J.) 13,7 % 16,0 % 11,4 % 0 - 2 Jahre 5,0 % 5,7 % 4,1 % 3 - 6 Jahre 11,2 % 14,4 % 7,9 % FI 4/ 2008 Wie (un)gesund sind Kinder in Deutschland? 149 nahezu jedes 7. Kind zu (Scheidt-Nave et al. 2007). Jungen sind davon häufiger betroffen als Mädchen; besonders groß ist dieser Unterschied in der Altersgruppe der 3bis 6-Jährigen. Was dahintersteckt, lassen die damit gut übereinstimmenden Daten der gesetzlichen Krankenversicherung vermuten: Danach erhielten in der Altersgruppe 5 - 10 Jahre 23 % (! ) der Jungen und 13 % der Mädchen Ergotherapie (Bode et al. 2008). Anscheinend sind es vor allem Entwicklungs- und Verhaltensauffälligkeiten, die im Zusammenhang mit der Einschulung manifest werden und dann die Inanspruchnahme einer Ergotherapie auslösen. Ob und in welchem Umfang damit die bestehenden Probleme gelöst werden, ist bisher nicht untersucht worden. Wie verbreitet Störungen der funktionellen (sprachlichen, motorischen, kognitiven) Entwicklung sind, geht auch aus anderen Quellen hervor: Grimm et al. (2004) stellten bei einer Kindergartenuntersuchung in Bielefeld bedeutsame Sprachauffälligkeiten bei fast drei Vierteln der Migrantenkinder und bei mehr als einem Viertel der deutschen Kinder fest. In den motorischen Fähigkeiten der Kinder ist ein allgemeiner Trend zu geringerer Leistungsfähigkeit festzustellen (Dordel 2000). Störungen des Verhaltens und der Emotionalität. Mit dem Strength and Difficulties Questionnaire (SDQ), einem international erprobten und validierten Instrument, können emotionale Störungen, Hyperaktivität, Probleme mit Gleichaltrigen und Erziehungsschwierigkeiten ermittelt und in Form eines Gesamtproblemwerts zusammengefasst werden. Nach den KiGGS-Ergebnissen sind in der Altersgruppe der 3bis 6-Jährigen insgesamt 13,3 % psychisch auffällig oder grenzwertig auffällig (Hölling et al. 2007, Tab. 3). Davon sind Kinder aus der unteren Sozialschicht doppelt so häufig betroffen wie Kinder aus der oberen Sozialschicht. (In den älteren Altersgruppen steigt der soziale Gradient bei psychischen Störungen weiter an bis zum rund dreifachen Risiko in der unteren gegenüber der oberen Sozialschicht.) Übergewicht und Fettleibigkeit (Adipositas). Die zunehmende Verbreitung von Übergewicht und Adipositas schon ab dem frühen Kindesalter ist ein gesundheitliches Problem von enormer Bedeutung, weil damit ein erhöhtes Risiko für zahlreiche körperliche Erkrankungen wie auch für psychische und soziale Probleme einhergeht. Von Übergewicht spricht man bei einem Body-Mass-Index Gesamt Jungen Mädchen auffällig 5,3 % 6,9 % 3,7 % grenzwertig 8,0 % 8,9 % 6,9 % Häufigkeit von Verhaltensstörungen (Emotionale Störungen, Hyperaktivität, Probleme mit Gleichaltrigen, Erziehungsschwierigkeiten) nach dem Gesamtproblemwert im Strength and Difficulties Questionnaire (SDQ), Altersgruppe 3 -6 Jahre: sozialer Gradient: Kinder und Jugendliche aus der untersten Sozialschicht sind im Durchschnitt doppelt so häufig betroffen wie Altersgenossen aus der oberen Sozialschicht (Die Definition der Kategorien „auffällig“ und „grenzwertig“ bezieht sich auf die Normierungsstichprobe des SDQ). Tabelle 3: Psychische Auffälligkeiten im Vorschulalter (KiGGS; Hölling et al. 2007) 150 Hans G. Schlack FI 4/ 2008 (BMI) über der 90. Perzentile, von Fettleibigkeit (Adipositas) bei einem BMI über der 97. Perzentile. (Der BMI errechnet sich aus dem Körpergewicht in kg, geteilt durch das Quadrat der Körperlänge in m.) Übergewicht und Adipositas sind vordergründig ein körperliches, tatsächlich aber ein hauptsächlich psychisch bedingtes Phänomen, das mit ungünstigen Lebensgewohnheiten zusammenhängt (falsche Ernährung, körperliche Inaktivität, passiver Konsum insbesondere von elektronischen Medien u. a.). Daher ist es erklärlich, warum Übergewicht/ Adipositas in der unteren Sozialschicht mehr als dreimal häufiger ist als in der oberen Sozialschicht; auch sind Kinder aus Migrantenfamilien verstärkt betroffen (Kurth/ Schaffrath Rosario 2007, Tab. 4). Einschätzungen: Die „neue Morbidität“ und ihre sozialen Hintergründe Störungen der funktionellen und der psychischen Entwicklung sowie verhaltensabhängige körperliche Gesundheitsprobleme wie die Adipositas und ihre Folgeerkrankungen machen einen Großteil der sog. neuen Morbidität im Kindes- und Jugendalter aus. Mit diesem Begriff wird der Wandel des Krankheitsspektrums bezeichnet, der etwa seit dem Ende der 1960er Jahre zu beobachten ist und sich ausdrückt in einer Verschiebung von den akuten zu den chronischen Krankheiten und von den primär körperlich bedingten Krankheiten zu den psychischen und funktionellen Entwicklungsstörungen. Zugleich ist eine Zunahme des „sozialen Gradienten“ festzustellen, worunter die Erhöhung der Erkrankungswahrscheinlichkeit von Kindern aus der unteren Sozialschicht gegenüber ihren Altersgenossen aus der oberen Sozialschicht zu verstehen ist. Daraus ist zu schließen, dass psychosoziale Faktoren eine entscheidende Rolle in der „neuen Morbidität“ spielen. Der soziale (oder sozio-ökonomische) Status einer Familie wird üblicherweise (so auch im KiGGS) durch Kriterien der schulischen bzw. beruflichen Bildung sowie des Einkommens der Eltern bestimmt. Ein niedriger sozialer Status hat - statistisch gesehen - einen negativen Einfluss auf Familienklima, Erziehungsverhalten und Interaktionsweisen und wirkt sich dadurch mittelbar als soziale Benachteiligung auf Gesundheit und Entwicklung des Kindes aus. Die Bedeutung der Tabelle 4: Häufigkeit von Übergewicht (BMI > 90. - 97. Perzentile) und Adipositas/ Fettleibigkeit (BMI > 97. Perzentile) in der Altersgruppe 3 - 6 Jahre (KiGGS; Kurth/ Schaffrath Rosario 2007) Untere sozialschicht 4,4 % Migrant 4,9 % Obere sozialschicht 1,3 % nicht-Migrant 2,4 % Gesamt Jungen Mädchen Übergewicht 6,2 % 6,4 % 6,0 % adipositas 2,9 % 2,5 % 3,3 % Beides zusammen 8,1 % 8,9 % 9,3 % sozialer Gradient: Adipositas (Fettleibigkeit) ist bei Kindern der unteren Sozialschicht 3,4 mal häufiger als in der oberen Sozialschicht, bei Migrantenkindern doppelt so häufig wie bei Nicht-Migranten: Relative Häufigkeiten der adipositas (BMI > 97. Perzentile): FI 4/ 2008 Wie (un)gesund sind Kinder in Deutschland? 151 psychischen und funktionellen Entwicklungsstörungen liegt darin, dass sie die betroffenen Kinder daran hindern, ihr individuelles Entwicklungspotenzial auszuschöpfen. In einer Gesellschaft, in der ausreichende Vorsorge gegen Hunger, Seuchen und andere primär körperliche Gesundheitsrisiken getroffen ist, wird Gesundheit hauptsächlich von Merkmalen der psychischen Gesundheit bestimmt. Psychische Gesundheit setzt die Erfüllung bestimmter seelischer Grundbedürfnisse vor allem in der frühen Kindheit voraus. Gravierende Mängel in der Erfüllung dieser Bedürfnisse gibt es zweifellos in allen Teilen der Gesellschaft, aber die Risiken sind, wie erwähnt, unter den Bedingungen von Armut und niedriger Bildung stark erhöht. Tatsächlich sind die äußeren Umstände, die mit einem erhöhten Risiko für Kindesvernachlässigung verbunden sind, die gleichen wie bei der „neuen Morbidität“. Es liegt also nahe anzunehmen, dass die Risiken für Vernachlässigung und für Störungsbilder der neuen Morbidität nicht grundsätzlich verschiedener Art sind, sondern hauptsächlich im Grad der Nichterfüllung psychischer Grundbedürfnisse liegen. Die spektakulären Fälle von Kindesvernachlässigung mit Todesfolge sind nur die Spitze des Eisbergs. Der weitaus größere Teil der vernachlässigten (deprivierten) Kinder wird zwar nicht um das Leben, wohl aber um wesentliche Chancen im Leben gebracht. Kindesvernachlässigung und neue Morbidität sind danach zwei Schauseiten eines offensichtlichen gesellschaftlichen Problems, das darin liegt, dass die essenziellen psychischen Grundbedürfnisse bei sehr vielen Kindern (wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß) nur unzureichend erfüllt und dadurch Gesundheit und Entwicklung beeinträchtigt werden. Gesundheit ist, nach Definition der WHO, die Voraussetzung dafür, dass ein Mensch seine soziale Rolle erfüllen und die von der Gemeinschaft als normal definierten Aufgaben bewältigen kann. Für Kinder und Jugendliche sind das in erster Linie die in den jeweiligen Altersstufen anstehenden Entwicklungsaufgaben. Ein Beispiel einer Entwicklungsaufgabe ist die Erlangung der „Schulreife“ im Alter von 6 Jahren, die darin bestehen sollte, den Anforderungen der Regelschule gerecht zu werden und sich mit eigener Motivation und Freude am Lernen sowie mit Fähigkeit und Bereitschaft zur sozialen Anpassung mit diesen Anforderungen auseinanderzusetzen. (Dass hierfür nicht nur eine günstige Entwicklung des Kindes, sondern auch adäquate Bedingungen auf Seiten der Schule erforderlich sind, soll nicht vergessen werden.) Viele der eingangs erwähnten, weit verbreiteten Störungsbilder können die Schulreife so erheblich beeinträchtigen, dass auch bei der Bewältigung nachfolgender Entwicklungsaufgaben (z. B. Verselbstständigung, soziale Integration, Berufsausbildung) große Probleme entstehen. Das Scheitern an diesen Entwicklungsaufgaben ist später mit erhöhter Wahrscheinlichkeit eines niedrigen sozioökonomischen Status und dadurch zugleich - wie oben dargestellt - mit vielfältig erhöhten Gesundheitsrisiken verbunden. Es schließt sich also ein Teufelskreis, der dafür sorgt, dass soziale Benachteiligung sehr oft an die folgende Generation weitergegeben wird. Das Konzept der Salutogenese. Der amerikanische Soziologe Aaron Antonovsky hat 1987 (deutsche Ausgabe 1997) das Konzept der Salutogenese vorgestellt, das zur Grundlage des inzwischen weit verbreiteten und anerkannten bio-psycho-sozialen Krankheitsmodells geworden ist. In sehr kurz gefasster Form lässt sich das Konzept der Salutogenese etwa wie folgt charakterisieren: Gesundheit ist kein absoluter, statischer Zustand, sondern Ausdruck eines dynamischen Gleichgewichts zwischen gesund erhaltenden, schützenden Faktoren einerseits und potenziell krank machenden Faktoren (z. B. Infektionen, Stress) andererseits. Ob ein Mensch effektiv gesund ist (und damit in der Lage, seine Rolle und Aufgaben in der Gesellschaft, in der er lebt, 152 Hans G. Schlack FI 4/ 2008 zu erfüllen), hängt ganz wesentlich von seinem psychischen Gesundheitspotenzial ab. Dieses ist Ausdruck einer individuellen, aktiv erworbenen Kompetenz. Es kommt darauf an, diese Kompetenz lebenslang weiterzuentwickeln und zu stärken. Das Fundament dieser Kompetenz wird in der frühen Kindheit durch die Erfüllung essenzieller psychischer Grundbedürfnisse gelegt. Resch und Lehmkuhl (2008) haben folgende sieben Grundbedürfnisse formuliert: • Das Bedürfnis nach beständigen liebevollen Beziehungen, • das Bedürfnis nach körperlicher Unversehrtheit und Sicherheit, • das Bedürfnis nach individuellen Erfahrungen, • das Bedürfnis nach entwicklungsgerechten Erfahrungen, • das Bedürfnis nach Grenzen und Strukturen, • das Bedürfnis nach stabilen kulturellen Umfeldbedingungen, • das Bedürfnis nach einer sicheren Zukunft für die Menschheit. Eine besondere Bedeutung haben die Qualität der frühkindlichen Bindung und der Eltern- Kind-Interaktion, deren Wirkungsweise auf die Gesundheit über den Neurotransmitterstoffwechsel und die Neurobzw. Psychoimmunologie heute plausibel erklärt werden kann (Bauer 2006), sowie die Anregung, Ermutigung und Herausforderung zu eigenmotivierter Erkundungs-, Betätigungs- und Lernaktivität. Das ist eine wesentliche Voraussetzung für die Erfüllung des Bedürfnisses nach individuellen und entwicklungsgerechten Erfahrungen, somit auch für die Erfahrung mit eigenen Fähigkeiten und für Erfolgserlebnisse als Grundlage für Selbstwert und anhaltende Motivation. Schutzfaktoren und Ressourcendefizite. Der Erwerb salutogener Kompetenzen hängt, nicht nur in der frühen Kindheit, von verschiedenen Schutzfaktoren (Ressourcen) ab, die unter methodischen Gesichtspunkten in personale, familiäre und soziale Faktoren unterteilt werden. Die Annahme, dass das erhöhte Krankheitsrisiko unter den Bedingungen eines niedrigen sozio-ökonomischen Status mit Defiziten in spezifischen Schutzfaktoren zusammenhängt, wurde auch im KiGGS bestätigt (Erhart et al. 2007, s. Tab. 5): Kinder und Jugendliche aus der sozialen Unterschicht verfügen nach eigener Einschätzung über signifikant geringere Ressourcen auf diesem Gebiet. Diese Ergebnisse können als weitere Bestätigung des Konzepts der Salutogenese von Antonovsky gewertet werden. subjektiv empfundene Defizite hoher niedriger sozialstatus sozialer Gradient (Relatives Risiko) im personalen Bereich (Selbstvertrauen, Optimismus, Intelligenz) 8,2 % 13,8 % 1,68 im familiären Bereich (Familienklima, familiärer Zusammenhalt) 9,1 % 13,5 % 1,48 im sozialen Bereich (Unterstützung durch Erwachsene und Peers) 7,6 % 12,7 % 1,67 Tabelle 5: Defizitäre Schutzfaktoren (Ressourcen) nach Selbstangaben 11bis 17-Jähriger, abhängig vom sozialen Status (KiGGS; Erhart et al. 2007) FI 4/ 2008 Wie (un)gesund sind Kinder in Deutschland? 153 Handlungsbedarf: Konsequenzen für die Frühförderung Veränderung der Klientel - Anpassung der Methoden. In den Anfängen der Frühförderung hatten es die Fachleute überwiegend mit Kindern zu tun, deren Entwicklungsprobleme auf körperliche Ursachen (z. B. frühkindliche Hirnschädigungen oder Anlagestörungen) zurückzuführen waren. Mit der starken Zunahme von Störungsbildern der neuen Morbidität sind die Ursachen mehr und mehr in den psychosozialen Lebensbedingungen zu finden. Obwohl nicht-optimale psychosoziale Umstände sicherlich nicht nur in Familien mit niedrigem sozialem Status gegeben sind, werden sich die Veränderungen der Klientel nicht nur auf die Kinder und ihre Störungsbilder, sondern auch auf die Eltern erstrecken. Eltern, die (z. B. wegen unzureichender Erfahrungen in der eigenen Kindheit) keine zutreffenden Vorstellungen von den psychischen Grundbedürfnissen ihrer Kinder haben, brauchen eine andere Beratung und Anleitung als z. B. gut informierte Eltern bei der Förderung eines Kindes mit Zerebralparese oder Down- Syndrom. Zunehmende Bedeutung der Prävention. Wenn der verhängnisvollen Spaltung der Gesellschaft in Aussichtsreiche und Chancenlose entgegengewirkt werden soll, so müssen Maßnahmen der Frühförderung einsetzen, bevor funktionelle und psychische Entwicklungsstörungen unübersehbar geworden sind. Wir stehen heute vor der Situation, dass für viele Kinder durch ungünstige Lebensbedingungen bereits bis zur Einschulung eine Weichenstellung erfolgt ist, die sie wegen psychosozialer und sprachlicher Entwicklungsdefizite auf die Verliererseite führt. Spätere Kompensationsversuche, etwa durch Therapiemaßnahmen, können das kaum noch ausgleichen, zumal solche Interventionen in Familien mit niedrigem sozialem Status im Allgemeinen weniger in Anspruch genommen und weniger effektiv umgesetzt werden. Inhaltliche Ausrichtung. Die wünschenswerte frühe (präventive) Intervention wird nur dann ihr Ziel erreichen, wenn die in der Frühförderung tätigen Fachleute über die psychischen Grundbedürfnisse von Kindern und über den Zusammenhang zwischen psychischer Gesundheit und Entwicklung gut Bescheid wissen und bei der Vermittlung dieses Wissens an die Eltern den „richtigen Ton“ treffen. Entscheidend ist, dass Frühförderung nicht als ein Antrainieren von Fertigkeiten, sondern als Anregung zu selbstmotivierter Aktivität, Neugier und Lernbereitschaft verstanden wird. Eine zentrale Bedeutung hat dabei die Information über die physiologische Entwicklung des Spielverhaltens (vgl. Largo 2007) und in Verbindung damit die Beratung über geeignetes, altersangemessenen Spielzeug, weil davon die Anregung der Eigenaktivität, das entwicklungsadäquate Lernen und die Erfahrung des Kindes mit seinen eigenen Kompetenzen abhängen. Gegenstand der präventiven Beratung müssen auch die aktuellen zivilisationsbedingten Entwicklungshemmnisse sein, die weit verbreitet und mit hoher Wahrscheinlichkeit an der neuen Morbidität ursächlich beteiligt sind: Vor allem die Inaktivierung der Kinder durch ausschließlich passiven Konsum (insbesondere Fernsehen und andere elektronische Medien, die schon im Kleinkind- und Vorschulalter bei vielen Kindern die Hauptbeschäftigung sind), durch Verwöhnung und Überbehütung oder aber durch einengende Kontrolle. Ausblick: Was kann die Frühförderung leisten? Man kann mit Recht einwenden, dass die Frühförderung damit überfordert ist, die Auswirkungen sozialer Ungleichheit auf Gesundheit und Entwicklung der Kinder ausgleichen zu sollen. Diese Dinge zum Besseren zu wenden, ist zweifellos eine vordringliche Aufgabe der Sozial- und Familienpolitik, und einiges hat sich auf diesem Gebiet auch schon getan, wenngleich noch vieles zu tun bleibt. 154 Hans G. Schlack FI 4/ 2008 Dennoch sollten sich die in der Frühförderung tätigen Fachleute bewusst machen: Der soziale Status einer Familie wirkt sich auf Gesundheit und Entwicklung des Kindes nicht unmittelbar, sondern indirekt über den täglichen Umgang mit dem Kind aus. Daran lässt sich in der Regel, wenn auch manchmal nur mühsam und in kleinen Schritten, mit Fachkompetenz, Einfühlungsvermögen und gutem Willen etwas verbessern. Es kommt dem einzelnen Kind zugute, wenn man sich dieser Aufgabe stellt und nicht (nur) nach „dem Staat“ oder „der Politik“ ruft. Literatur Antonovsky, A. (1997). Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Deutsche erweiterte Ausgabe, hrsg. v. A. Franke. Tübingen: dgvt. Bauer, J. (2006). Prinzip Menschlichkeit. Hamburg: Hoffmann & Campe. Bode, H., Schröder, H., Waltersbacher, A. (2008). Heilmittel-Report 2008. Stuttgart, Schattauer. Dordel, S. (2000). Kindheit heute: Veränderte Lebensbedingungen = reduzierte motorische Leistungsfähigkeit? Motorische Entwicklung und Leistungsfähigkeit im Wandel. Sportunterricht 49, 341 - 349. Erhart, M., Hölling, H., Bettge, S., Ravens-Sieberer, U., Schlack, R. (2007). Der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS): Risiken und Ressourcen für die psychische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Bundesgesundheitsbl-Gesundheitsforsch-Gesundheitsschutz 50: 800 - 809. Grimm, H., Aktas, M., Jungmann, T., Peglow, S., Stahn, D., Wolter, E. (2004). Sprachscreening im Vorschulalter: Wie viele Kinder brauchen tatsächlich eine Sprachförderung? Frühförderung interdisziplinär 23: 108 - 117. Hölling, H., Erhart, M., Ravens-Sieberer, U., Schlack, R. (2007). Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen. Bundesgesundheitsbl-Gesundheitsforsch-Gesundheitsschutz 50: 784 - 793. Kurth, B. M., Schaffrath Rosario, A. (2007). Die Verbreitung von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Bundesgesundheitsbl-Gesundheitsforsch-Gesundheitsschutz 50: 736 - 743. Largo, R. H. (2007). Babyjahre. Vollständig überarbeitete Neuausgabe. München, Zürich: Piper Resch, F., Lehmkuhl, U. (2008). Zur Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit: Grundbedürfnisse und Forderungen an die soziale Umwelt. Frühe Kindheit 10: 6 - 11. Scheidt-Nave, C., Ellert, U., Thyen, U., Schlaud, M. (2007). Prävalenz und Charakteristika von Kindern und Jugendlichen mit speziellem Versorgungsbedarf im Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) in Deutschland. Bundesgesundheitsbl-Gesundheitsforsch-Gesundheitsschutz 50: 750 - 756. Prof. Dr. med. Hans G. schlack An den Kreuzen 8 D-53125 Bonn
