eJournals Frühförderung interdisziplinär29/4

Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2010.art16d
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Frühe Hilfen, Kinderschutz und Hörschädigung

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Manfred Hintermair
Alexandra Trainer
Der "Anhaltsbogen für ein vertiefendes Gespräch" wurde in einer kleinen Studie bei hörgeschädigten Kindern in der Frühförderung eingesetzt, um zu prüfen, ob sich damit über die bestehende Hörproblematik der Kinder hinaus mögliche Indikatoren einer zusätzlichen Gefährdung des Kindeswohls feststellen lassen. Die Ergebnisse zeigen zum einen, dass immerhin 36 % der Familien in dieser Hinsicht Anzeichen einer Gefährdung aufweisen, wobei insbesondere soziale Belastungen vermehrt registriert werden. Die weitere Erprobung des Anhaltsbogens in der Frühförderung hörgeschädigter Kinder mit längsschnittlich angelegten Evaluationen ist zu empfehlen. Die Daten geben weiterhin dazu Anlass, das Ziel der Früherfassung hörgeschädigter Kinder konsequent zu verfolgen, damit gesichert ist, dass auch wirklich alle Kinder mit einer relevanten Hörschädigung erfasst und begleitet werden können.
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Frühförderung interdisziplinär, 29. Jg., S. 154 - 161 (2010) DOI 10.2378/ fi2010.art16d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Frühe Hilfen, Kinderschutz und Hörschädigung Eine Pilotstudie mit dem „Anhaltsbogen für ein vertiefendes Gespräch“ Manfred HinterMair, alexandra trainer Zusammenfassung: Der „Anhaltsbogen für ein vertiefendes Gespräch“ wurde in einer kleinen Studie bei hörgeschädigten Kindern in der Frühförderung eingesetzt, um zu prüfen, ob sich damit über die bestehende Hörproblematik der Kinder hinaus mögliche Indikatoren einer zusätzlichen Gefährdung des Kindeswohls feststellen lassen. Die Ergebnisse zeigen zum einen, dass immerhin 36 % der Familien in dieser Hinsicht Anzeichen einer Gefährdung aufweisen, wobei insbesondere soziale Belastungen vermehrt registriert werden. Die weitere Erprobung des Anhaltsbogens in der Frühförderung hörgeschädigter Kinder mit längsschnittlich angelegten Evaluationen ist zu empfehlen. Die Daten geben weiterhin dazu Anlass, das Ziel der Früherfassung hörgeschädigter Kinder konsequent zu verfolgen, damit gesichert ist, dass auch wirklich alle Kinder mit einer relevanten Hörschädigung erfasst und begleitet werden können. Schlüsselwörter: Kindeswohl, Frühförderung, Hörschädigung, Prävention Early Prevention, Child Protection and Hearing Impairment A Pilot Study with the Screening Instrument “Anhaltsbogen für ein vertiefendes Gespräch” Summary: The screening instrument “Anhaltsbogen für ein vertiefendes Gespräch” was applied in a small pilot study with deaf and hard of hearing children in early education, to test, if there are - beyond the hearing impairment - some indicators relating to an additional threat of child’s well-being. The results reveal, that 36 % of the families show such potential signs, and social stress factors are named in particular. A further testing of this screening instrument with deaf and hard of hearing children in early education with longitudinal evaluation is to approve. The data show once again how important early detection of a hearing loss is to make sure that all children with a relevant hearing loss can be supported for their development in early education programs. Keywords: Child’s well-being, early education, hearing impairment, prevention Der „Anhaltsbogen“ - zusätzliche Hinweise für eine differenzierte Beratung und Förderung von Familien mit hörgeschädigten Kindern? Frühe Hilfen zur Prävention einer möglichen Gefährdung des Kindeswohls sind in den letzten Jahren vermehrt in das Blickfeld gesellschaftlicher wie wissenschaftlicher Diskussionen gerückt (vgl. exemplarisch hierfür das Schwerpunktheft 2/ 2009 der Zeitschrift Frühförderung interdisziplinär).Auch im 13. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung (http: / / www.dji.de/ bibs/ 13_Kinder_und_Jugendbe richt_DRS_1612860.pdf), der sich zentral mit der Situation junger Menschen in Deutschland befasst und hierbei insbesondere auf die gesundheitsbezogene Prävention und Gesundheitsförderung fokussiert, werden von der Sachverständigenkommission auf der Basis ihrer Recherchen und Ergebnisse fünf besonders bedeutsame und dringliche Gesundheitsziele formuliert, von denen eines die „systematische und frühe Förderung der Entwicklung von Kindern und Reduktion der Fälle von Vernachlässigung und Kindeswohlgefährdung in den nächsten fünf Jahren [ist]“ (S. 41). Bei dem Versuch, Indikatoren für eine mögliche Kindeswohlgefährdung zu identifizieren, hat sich u. a. der sog. „Anhaltsbogen für ein vertiefendes Gespräch“ als eine ökonomische Möglichkeit erwiesen, hierzu relevante Informationen zu bekommen (vgl. Kindler, 2009; Künster, Ziesel & Ziegenhain, FI 4/ 2010 Frühe Hilfen, Kinderschutz und Hörschädigung 155 2009). Der Bogen ist zugeschnitten auf die Situation sehr kleiner Kinder (ca. 0 - 6 Monate) und als Screening in der Klinik vorgesehen, das durch das Klinikpersonal durchgeführt werden soll. Er enthält fünf Punkte, die sich aus Metanalysen von 18 vorliegenden internationalen Risikoinventaren als besonders bedeutsam herausgestellt haben (a.a.O., S. 54): - Mindestens eine besondere soziale Belastung - Mehrere fehlende Schwangerschaftsuntersuchungen bzw. U-Untersuchungen - Kind stellt deutlich erhöhte Fürsorgeanforderungen, die die Möglichkeiten der Familie zu übersteigen drohen - Beobachtbare deutliche Schwierigkeiten der Hauptbezugsperson bei der Annahme und Versorgung des Kindes - Hauptbezugsperson beschreibt starke Zukunftsangst, Überforderung oder Gefühl, vom Kind abgelehnt zu werden Die Autoren halten fest, dass mit diesen fünf Punkten „eine erhebliche Bandbreite möglicher Risikofaktoren“ (a.a.O., S. 54) abgedeckt wird. Bei Vorliegen eines oder mehrerer Risikofaktoren wird ein weiterführendes Gespräch empfohlen, nach dem dann gemeinsam von allen Beteiligten entschieden bzw. überlegt werden kann, welche Maßnahmen, Hilfen im Sinne von Gesundheitsförderung etc. hilfreich sein könnten. Die Idee, den Anhaltsbogen bei einer spezifischen Zielgruppe wie in diesem Fall bei hörgeschädigten Kindern zu erproben, hat verschiedene Gründe. Zunächst ist aus zahlreichen Studien bekannt, dass die Prävalenz sozial-emotionaler Auffälligkeiten bei hörgeschädigten Kindern und Jugendlichen im Schnitt 2.5bis 3-fach erhöht ist (vgl. zusammenfassend Hintermair, 2006 a, 2009 a). Die möglichen Risikofaktoren für diese Erhöhung sind ebenso bekannt. Greenberg & Kusche (1998) benennen u. a. frühe kommunikative Deprivation, Probleme in den Familien im Zuge der Diagnosestellung, zum Teil unzureichende Bildungsangebote, Stigmatisierungen etc. und kommen so zu dem Schluss: „As a result, a significant portion of deaf persons show developmental misintegrations of language, cognition, and affect“ (S. 49). Diese möglichen Schwierigkeiten der kindlichen Entwicklung können mittlerweile durch zahlreiche Veränderungen auf technischem, pädagogischem und gesellschaftlichem Sektor in den letzten Jahren, allen voran durch frühe Diagnose und familienzentrierte Intervention, mehr und mehr positiv beeinflusst werden. Dieser positive Einfluss zeigt sich u. a. auch daran, dass das elterliche Belastungserleben (das einen hohen korrelativen Zusammenhang mit der sozialemotionalen Entwicklung der Kinder aufweist, vgl. Hintermair, 2006 b) in neueren Studien im Vergleich zur Mehrzahl älterer Studien nicht zwingend erhöht sein muss (vgl. z. B. Lederberg & Golbach, 2001; Pipp-Siegel, Sedey & Yoshinaga-Itano, 2002). Gleichwohl ist festzuhalten, dass nicht alle Familien in gleicher Weise damit erreicht werden können und davon profitieren. Die biografischen Folgen der gesellschaftlichen Veränderungsprozesse, die seit dem Ausgang des letzten Jahrhunderts mit zunehmender Intensität zu beobachten sind (Beck, 1986) und eng verknüpft sind mit Begriffen wie Globalisierung, Individualisierung, Wertewandel, Pluralisierung, Entnormativierung, Mobilität, Auflösung traditioneller Normen etc., machen nicht halt vor den Familien. Sie wirken in vielerlei Weise hinein in den ganz privaten Lebensraum der Menschen, sie tangieren damit zentral auch Familien mit (hörgeschädigten) Kindern und führen zu Unübersichtlichkeit, Umbruch, Orientierungs- und Sinnkrisen, Verunsicherung, Bodenlosigkeit oder Grenzverlust (in Anlehnung an Keupp, 1994), die wiederum Entwicklungsprozesse von Kindern gefährden können. Indirekte Hinweise in dieser Richtung ergaben sich bei der Durchführung einer Befragung aller schulischen Einrichtungen für hör- 156 Manfred Hintermair, Alexandra Trainer FI 4/ 2010 geschädigte Kinder im Rahmen eines Projekts zu aggressiv-dissozialen Auffälligkeiten. Dort wurde u. a. von den Kindergärten dieser Einrichtungen vermehrt rückgemeldet, dass im Vergleich zu früheren Jahren immer häufiger Kinder im vorschulischen Bereich ankämen, die neben den zu erwartenden Problemen im Bereich des Hörens und Sprechens z. T. bereits massive Schwierigkeiten in ihrer sozial-emotionalen Entwicklung zeigten (Hintermair, 2009 b). Es scheint deswegen wichtig zu sein, diesen Beobachtungen ernsthaft nachzugehen und u. a. zu prüfen, ob sich sehr früh schon Indizien für solche sich anbahnende Probleme finden lassen, um dann entsprechend bereits in der Frühförderung innerhalb der ersten drei Lebensjahre Schritte in die Wege zu leiten, die u. U. helfen können, die sozial-emotionale Entwicklung der Kinder zu sichern und zu stützen. Gegen die Überlegung, ob hierfür nun der Einsatz des Anhaltsbogens hilfreich und vor allem notwendig ist, ließe sich argumentieren, dass - vor allem durch das Neugeborenen- Hör-Screening (NHS), das seit 1. 1. 2009 flächendeckend gesetzlich verankert ist - die Kinder mit einer relevanten Hörschädigung ja bereits mit dem Netz der Früherfassung „herausgefischt“ werden können und ihnen dann sozusagen automatisch frühe Hilfen zuteil werden durch die behinderungsspezifische Frühförderung. Auf die positiven Folgen der Früherfassung, vor allem die Tatsache, dass früh erfasste hörgeschädigte Kinder sich in vielen relevanten Entwicklungsbereichen besser entwickeln als Kinder, die später erfasst werden, wurde oben bereits verwiesen (Yoshinaga-Itano, 2003; 2006, vgl. zum Überblick Hintermair, 2009 c). Wozu also dann noch der Anhaltsbogen? Ein Grund ist darin zu sehen, dass bislang die Gefährdungen der kindlichen Entwicklung bei hörgeschädigten Kindern eher sehr stark (und durchaus auch mit gutem Recht) von der Hörbehinderung her gedacht werden und die spezifischen Angebote vor allem auf die Förderung der sprachlichen Entwicklung zugeschnitten sind. Ganz pragmatisch formuliert: Wenn die Frühförderung für Hörgeschädigte ins Haus kommt, dann ist der (berechtigte) Erwartungshorizont, dass diese Förderung sich vorrangig um die Unterstützung der kommunikativen und sprachlichen Entwicklung des Kindes bemüht. Entsprechend steht dieser Aspekt bei aller Berücksichtigung von generellen Grundprinzipien der Frühförderung wie Familienorientierung, Ganzheitlichkeit etc. (vgl. Weiß, Neuhäuser & Sohns, 2004, S. 113) bei der Frühförderung hörgeschädigter Kinder im Mittelpunkt. Es ist aber ergänzend zu fragen, ob spezifische Hinweise auf eine frühe soziale und emotionale Gefährdung des Kindeswohls jenseits der Hörbehinderung nicht dazu beitragen könnten, das Profil des spezifischen Frühförderangebots zu schärfen und über interdisziplinäre und institutionelle Vernetzungen mit entsprechenden Ressourcen und Optionen in der Region das Angebot für die Familien noch passungsfähiger zu machen. Mit der vorliegenden kleinen Pilotstudie sollte deshalb der Anhaltsbogen (unter allerdings leicht modifizierten Bedingungen, vgl. Methode) bei hörgeschädigten Kleinkindern in der Frühförderung in Baden-Württemberg zum Einsatz gebracht werden, um zu prüfen, inwieweit sich Hinweise zur Prävalenz möglicher Kindeswohlgefährdungen zeigen und inwieweit sich dadurch die angestellten Überlegungen, das hörgeschädigtenspezifische Frühförderangebot zu bereichern und erweitern, bestärken lassen. Methode Stichprobe Kinder mit einem beidseitigen versorgungsrelevanten Hörverlust werden in Baden-Württemberg praktisch nahezu vollständig von den sonderpädagogischen Beratungsstellen, die an die Zentren für Hörgeschädigte angeschlossen sind, betreut. Es wurden insgesamt neun Stel- FI 4/ 2010 Frühe Hilfen, Kinderschutz und Hörschädigung 157 len angeschrieben und um Beteiligung gebeten. Bis auf eine Stelle nahmen alle angefragten Frühförderstellen an der Befragung teil. Aufgrund des Querschnittcharakters der Studie konnte der Anhaltsbogen nicht in zeitlicher Nähe zur Geburt potenziell hörgeschädigter Kinder über einen bestimmten Zeitraum kontinuierlich ausgegeben werden, sondern es wurde festgelegt, dass der Fragebogen für alle Frühförderkinder, die am 30.11.2009 nicht älter als 18 Monate waren, von einer mit der Situation des Kindes/ der Familie vertrauten Person (Frühförderin/ Leiterin der Frühförderung) ausgefüllt werden sollte. Unter den vorgegebenen Konditionen wurden insgesamt 25 Fragebögen zugesandt. Fragebogen Der Fragebogen enthielt einmal die weiter oben bereits benannten fünf Problembereiche, wobei der Punkt „fehlende U-Untersuchungen“ im Bogen behalten wurde, obwohl vermutet werden konnte, dass die Frühförderer dazu keine Angaben machen können (vgl. oben). Bei der Frage, ob das Kind deutliche erhöhte Fürsorgeanforderungen an die Familien stellt, wurde vermerkt, dass hier nicht die besonderen Anforderungen gemeint sind, die durch die Tatsache der Hörschädigung und ihrer Folgen entstehen können. Hinzugefügt wurde noch eine zusätzliche Frage, inwieweit die Fachkraft selbst in ihrer Zusammenarbeit Variable ausprägung n % Geschlecht Jungen Mädchen 12 13 48.0 52.0 Alter (Median = 12.0, M = 11.6, s = 4.0) 5 bis 6 Monate 7 bis 12 Monate 13 bis 17 Monate 5 9 11 20.0 36.0 44.0 Migrationshintergrund Nein Ja 15 10 60.0 40.0 Diagnosestellung (Median = 3.0, M = 3.5, s = 3.5) 1 bis 3 Monate 4 bis 6 Monate 7 bis 12 Monate Fehlende Angaben 13543 52.0 20.0 16.0 12.0 Frühförderbeginn (Median = 6.0, M = 6.4, s = 3.3) 1 bis 3 Monate 4 bis 6 Monate 7 bis 9 Monate 10 bis 14 Monate 4 1344 16.0 52.0 16.0 16.0 Grad der Hörschädigung einseitig 10 bis 39 dB 40 bis 69 dB 70 bis 89 dB 90 bis 120 dB Fehlende Angaben 10 12471 4.0 0.0 48.0 16.0 28.0 4.0 Cochlear-Implantat Nein Ja 223 88.0 12.0 Zusatzbehinderung Nein Ja 205 80.0 20.0 Elterlicher Hörstatus Hörend Hörgeschädigt 178 68.0 32.0 Tab. 1: Demografische Angaben zur Stichprobe (N = 25) 158 Manfred Hintermair, Alexandra Trainer FI 4/ 2010 mit der Familie des Kindes Erfahrungen gemacht hat, die aus ihrer Sicht Hinweise auf eine mögliche psychische Gefährdung enthalten und im Rahmen der fünf Punkte nicht genannt wurden. Bei allen Fragen bestand im Falle einer Bestätigung des angesprochenen Sachverhalts die Möglichkeit einer kurzen Beschreibung. Zusätzlich wurden einige allgemeine sowie im Kontext einer Hörschädigung relevante soziodemografische Variablen erhoben. Tabelle 1 zeigt hierzu die Angaben. Es zeigt sich, dass die Kinder bei der Diagnosestellung ca. dreieinhalb Monate alt waren und die Frühförderung dieser Kinder im Schnitt drei Monate später im Alter von ca. sechseinhalb Monaten begonnen hat. Der hohe prozentuale Anteil hörgeschädigter Eltern in der Stichprobe begründet sich in der Tatsache, dass eine elterliche Hörschädigung ein Risikofaktor für eine kindliche Hörstörung ist und hier deshalb ein frühes Hör- Screening immer schon stattfindet. Ein Fünftel der Kinder hat zusätzliche Beeinträchtigungen und 40 % der Kinder bringen einen Migrationshintergrund mit. Ergebnisse Tabelle 2 enthält die Angaben, bei wie vielen Kindern von den betreuenden Frühförderfachkräften Hinweise auf mögliche belastende Aspekte im Sinne des Kindeswohls vorzufinden sind. Danach weist ca. ein Drittel der von den Frühförderstellen in dem benannten Zeitraum (Kind nicht älter als 18 Monate) betreuten hörgeschädigten Familien Merkmale auf, denen im Sinne des Anhaltsbogens vertiefend nachgegangen werden sollte. Es ist zu der genannten Prozentzahl (36.0) hinzuzufügen, dass bei keinem Kind mehrere Problembereiche angekreuzt wurden und so N = 9 die reale Zahl von Fällen darstellt. Bei der am häufigsten benannten Kategorie „mindestens eine besondere soziale Belastung“ (N = 6, 24.0 %) wurden u. a. eine psychische Erkrankung der Mutter eines Kindes, Gewalt in der Partnerschaft, soziale Isolierung der Familie, schwere Mehrfachbehinderung eines größeren Geschwisters, alleinerziehende Mutter genannt. Bei der Zusatzfrage wurde von den Fachkräften bei zwei Familien angemerkt, dass diese derzeit „am Limit“ bzgl. ihrer Belastbarkeit seien und somit jeder zusätzliche belastende Moment zu einem „Kippen“ der Situation führen könne. Zusammenhangsanalysen mit den soziodemografischen Variablen ergaben nur in einem Fall einen bedeutsamen Kennwert: Ein Migrationshintergrund ist korreliert mit der Wahrscheinlichkeit, dass Probleme im Anhaltsbogen angegeben werden (Phi = .41, p ≤ .04). Neben der Analyse des Anhaltsbogens wurde ergänzend der Frage nachgegangen, wie die Anzahl der rückgesendeten Fragebögen zu bewerten ist im Kontext der statistisch bekannten Prävalenzzahlen einer kindlichen Hörstörung. Bogner und Diller (2009, S. 147) stellen unter Bezugnahme auf Schätzungen des Deutschen Zentralregisters für kindliche Hörstörungen fest, dass in Deutschland etwa ein bis zwei von tausend gesund geborenen Kindern mit einer erheblichen Hörminderung zur Welt kommen oder diese in der Neugeborenenphase erwerben. Danach ist in Deutschland pro Jahr mit ungefähr 700 bis 1.000 Kindern zu rechnen, die einen beidseitigen versorgungsrelevanten Hörverlust haben. In der vorliegenden kleinen Studie wurde versucht, möglichst alle bzw. viele der in Baden-Württemberg von Frühförderstellen für Hörgeschädigte betreuten hörgeschädigten Kinder bis zum Alter von 18 Monaten zu erfassen. Unter Bezugnahme auf Daten des Statistischen Bundesamts Deutschland (2009) sowie der Statistischen Berichte Baden-Württemberg (2009) betrug zum 31. 12. 2008 die Anzahl der Bürger Baden-Württembergs 13,1 %. Nimmt man diese Prozentzahl als Grundlage für eine grobe Prävalenzschätzung hörgeschädigter Kinder in Baden-Württemberg in FI 4/ 2010 Frühe Hilfen, Kinderschutz und Hörschädigung 159 der besagten Altersgruppe, dann müssten auf der Basis der unteren Schätzungszahl von 700 hörgeschädigten Kindern pro Jahr in ganz Deutschland ca. 92 Kinder in Baden- Württemberg eine relevante Hörstörung haben. Da in der vorliegenden Studie die Kinder bis zu 18 Monaten einbezogen wurden, müsste sich die Zahl entsprechend um 50 % auf ca. 138 erhöhen. Gleichwohl zeigte sich aber, dass keine Kinder in der Stichprobe waren, die im letzten Drittel des Erhebungsspektrums (also zwischen Mai und November 2009) geboren waren. Das deckt sich mit den Zahlen in Tabelle 1, wonach die Frühförderung im Schnitt mit ca. sechs Monaten beginnt, somit diese ganz jungen Kinder noch nicht in der Frühförderung „angekommen“ sind. Wir verwenden somit zum Vergleich die Zahl N = 92, mit der ein Jahrgang abgedeckt wird. Mögliche Fehlerquellen bzw. Korrekturen bei der Festlegung dieser Zahl sind zu berücksichtigen. So ist trotz der Tatsache, dass vermutlich nahezu alle hörgeschädigten Kleinkinder mit einer relevanten Hörstörung (auch) von einer speziellen Frühfördereinrichtung betreut werden, damit zu rechnen, dass vereinzelt Kinder von anderen Einrichtungen (z. B. sozialpädiatrischen Zentren) betreut werden und somit an den Frühförderstellen nicht bekannt sind. Weiter hatte sich eine Frühförderstelle an der Studie nicht beteiligt. Sie konnte uns aber auf Rückfrage versichern, dass dort auch nur zwei Kinder betreut werden, die sich altersmäßig in der vorgegebenen Altersspanne befinden. Aber auch wenn man diese möglichen Fehlerquellen berücksichtigt und so die reale Anzahl hörgeschädigter Kinder in Baden- Württemberg größer sein wird als hier beschrieben, bleibt festzuhalten, dass trotz allem die Zahl der betreuten hörgeschädigten Kinder immer noch deutlich zu gering ist. Es ist somit in Bezug auf die Daten der vorliegenden Pilotstudie mit einer entsprechenden deutlich höheren Zahl an Kindern zu rechnen, die bzgl. einer möglichen frühen Gefährdung des Kindeswohls näher ins Auge zu nehmen wären. Diskussion Im Zuge der Diskussionen um frühe Erkennung und Prävention von Gefährdungen des Kindeswohls wurde in der vorliegenden Pilotstudie der Anhaltsbogen eingesetzt, der sich als ökonomisches und gleichzei- Problembereiche des anhaltsbogens n % 1. Mindestens eine besondere soziale Belastung 6 24.0 % 2. Mehrere fehlende U-Untersuchungen (sofern bekannt) 0 0.00 % 3. Kind stellt deutlich erhöhte Fürsorgeanforderungen, die die Möglichkeiten der Familie zu übersteigen drohen (nicht die sprachliche Verzögerung wg. Hörstörung) 1 4.0 % 4. Beobachtbare deutliche Schwierigkeiten der Hauptbezugsperson bei der Annahme und Versorgung des Kindes 0 0.00 % 5. Hauptbezugsperson beschreibt starke Zukunftsangst, Überforderung oder Gefühl, vom Kind abgelehnt zu werden. 2 8.0 % Problembereiche zusammengefasst 9 36.0 % Zusatzfrage: Haben Sie selbst in Ihrer Zusammenarbeit mit der Familie des Kindes Erfahrungen gemacht, die Hinweise auf eine mögliche psychische Gefährdung enthalten und hier nicht genannt sind? 2 8.0 % Tab. 2: Ergebnisse mit dem Anhaltsbogen bei hörgeschädigten Kindern in der Frühförderung (N = 25) 160 Manfred Hintermair, Alexandra Trainer FI 4/ 2010 tig empirisch begründetes Screeninginstrument erweist, um zu überprüfen, inwieweit sich bei hörgeschädigten Kindern im Alter bis zu 18 Monaten Aspekte finden lassen, die dahingehend Probleme aufweisen könnten. Die Tatsache, dass in der vorliegenden Studie gut ein Drittel der Familien Probleme zu haben scheint, die im Sinne des Anhaltsbogens relevante Risiken für eine Gefährdung des Kindeswohls darstellen können, macht sichtbar, dass auch für die Frühförderung bei hörgeschädigten Kindern diese Problematik ernst zu nehmen ist und entsprechend in die inhaltlichen und konzeptionellen Überlegungen einzubinden ist. Inhaltlich meint, dass neben dem zentralen Fokus der kommunikativen Förderung, die Schwerpunkt des spezifischen Förderangebots ist, die sozial-emotionalen Belastungen der Familien mit in den Blick genommen werden sollten, um das Angebot für die Familien zu optimieren. Konzeptionell meint in Verknüpfung damit, dass eine Vernetzung mit regionalen Stellen in der Region anzudenken ist, die den Frühförderstellen hierbei beratend und unterstützend zur Seite stehen (vgl. Ziegenhain & Fegert, 2009). Es ist zu empfehlen, dass die Frühförderstellen für Hörgeschädigte den Anhaltsbogen, der mit geringem zeitlichen Aufwand einzusetzen ist, an ihren Einrichtungen weiter erproben und praktische Erfahrungen in der Anwendung und Umsetzung aufbereitet und im Längsschnitt evaluiert werden. Zudem ist zu überlegen, inwieweit es sich als sinnvoll erweisen könnte, den Anhaltsbogen zusammen mit dem Neugeborenen-Hörscreening bereits in den Kliniken zum Einsatz zu bringen. Angesichts der Daten aus dieser Pilotstudie könnte dies präventiv von hoher Bedeutsamkeit sein. Ein zweiter Aspekt, der in dieser Studie zutage trat und nur indirekt mit dem Anhaltsbogen zu tun hat, gleichwohl aber für die gesundheitsförderliche Entwicklung von hörgeschädigten Kindern sehr bedeutsam ist, ist der Befund, dass mit der aus den Frühförderstellen gewonnenen Stichprobe hörgeschädigter Kinder im Alter bis zu 18 Monaten bei Weitem nicht die Zahl von Kindern betreut werden kann, die gemäß den vorliegenden Prävalenzzahlen eigentlich ein Förderangebot bekommen müsste. Es bleibt somit zu klären, was die Gründe dafür sind, dass eine vergleichsweise geringe Zahl der potenziell hörgeschädigten Kinder an den Frühförderstellen vorstellig wird. Da das NHS erst seit dem 1. 1. 2009 gesetzlich geregelt ist, die Stichprobe dieser Studie aber auch Kinder erfasste, die ab Juni 2008 geboren wurden, könnte ein Grund möglicherweise hier zu suchen sein. Es ist aber auch davon auszugehen, dass das Neugeborenen-Hör-Screening (NHS) ab dem 1. 1. 2009 nicht umfänglich greift. Vor allem das so wichtige Follow-up (also die Nachüberprüfungen zur Sicherung der Diagnose nach dem Primärscreening in der Klinik) scheint in vielen Fällen der Initiative der Familien überlassen zu bleiben, was möglicherweise gerade auch bei Familien mit Problemkonstellationen dazu führen kann, dass diese sich nicht selbst wieder zur Kontrolluntersuchung melden. Nach Angaben von Nennstiel-Ratzel, Arenz, Kries, Wildner & Strutz (2007) liegt der Anteil der im Screening auffälligen, aber anschließend nicht weiter untersuchten Kinder in einigen Regionen, in denen Modellprojekte zum NHS durchgeführt wurden, bis über 50 %. Gerade aber bei Familien mit Problemlagen wäre es von besonderer Wichtigkeit, dass das NHS funktioniert, damit bestehende Risiken und Schwierigkeiten schnell identifiziert werden können und gehandelt werden kann. Die Daten der KiGGS-Studie (vgl. Kamtsiuris, Bergmann, Rattay & Schlaud, 2007, S. 8) enthalten bzgl. der Inanspruchnahme von Früherkennungsuntersuchungen aber deutliche Hinweise dahingehend, dass gerade Kinder aus Familien mit niedrigem Sozialstatus sowie solche mit Migrationshintergrund seltener bzw. unregelmäßiger an solchen Untersuchungen teilnehmen. FI 4/ 2010 Frühe Hilfen, Kinderschutz und Hörschädigung 161 Literatur Beck, U. (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Bogner, B. & Diller, G. (2009): Hörschädigungen: Prävalenz, Frühdiagnostik, technische Versorgung. Frühförderung interdisziplinär, 28, 147 - 157 Hintermair, M. (2006 a): Sozial-emotionale Probleme hörgeschädigter Kinder - Erste Ergebnisse mit der deutschen Version des Strengths and Difficulties Questionnaire (SDQ-D). Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, 34, 49 - 61 Hintermair, M. 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