eJournals Frühförderung interdisziplinär30/2

Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2011.art06d
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Brücken zwischen Frühförderung und Frühe Hilfen

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Gerhard Klein
Der Beitrag befasst sich mit den Systemen der "Frühförderung" und der "Frühen Hilfen". Er gibt einen Abriss über das System Frühförderung, analysiert, warum Kinder mit psychosozialen Risiken durch dieses System kaum, vor allem aber zu spät erreicht werden. In einem dritten Schritt wird gezeigt, wie die Frühen Hilfen genau diesen Mangel im System Frühförderung beheben können. Das setzt voraus, dass Brücken, Verbindungen oder Kooperationen zwischen beiden Systemen entstehen; welche Schritte hier möglich, notwendig und sinnvoll sind, wird dargestellt.
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73 Frühförderung interdisziplinär, 30. Jg., S. 73 -81 (2011) DOI 10.2378/ fi2011.art06d © Ernst Reinhardt Verlag ORIGINALARBEIT Brücken zwischen Frühförderung und Frühe Hilfen Gerhard Klein Zusammenfassung: Der Beitrag befasst sich mit den Systemen der „Frühförderung“ und der „Frühen Hilfen“. Er gibt einen Abriss über das System Frühförderung, analysiert, warum Kinder mit psychosozialen Risiken durch dieses System kaum, vor allem aber zu spät erreicht werden. In einem dritten Schritt wird gezeigt, wie die Frühen Hilfen genau diesen Mangel im System Frühförderung beheben können. Das setzt voraus, dass Brücken, Verbindungen oder Kooperationen zwischen beiden Systemen entstehen; welche Schritte hier möglich, notwendig und sinnvoll sind, wird dargestellt. Schlüsselwörter: Frühförderung, psychosoziale Risiken, Frühe Hilfen Brigding the Gap Between Early Intervention and Prevention Of Child Neglect and Abuse Summary: “Early Intervention” and the system of “Frühe Hilfen”, which is going to be established in Germany to enhance prevention of child neglect and child abuse, are two social systems with a range of overlapping in their possible clients. After a short explanation of the system of Early Intervention it is shown that children at psycho-social risks are seldom, and especially too late served by the system of Early Intervention; the initiatives of “Frühe Hilfen” are a possible way to cover with this shortage in services. In order to enhance cooperation between the two systems, it is necessary to bridge the gap which exists at the moment. It is outlined, which steps may be useful and necessary in this process. Keywords: Early Intervention, children at psycho-social risks, prevention, child neglect Vorbemerkungen W enn es um Brücken geht, die geplant, gebaut und auch genützt werden sollen, so ist es notwendig, zunächst die Ufer sichtbar zu machen und in den Blick zu nehmen, zwischen denen Brücken entstehen können. Das System Frühförderung hat sich in der Bundesrepublik seit über dreißig Jahren entwickelt. Angestoßen wurde der Auf bau der Frühförderung durch die Empfehlungen der Bildungskommission des Deutschen Bildungsrates im Jahre 1973. Das Nationale Zentrum „Frühe Hilfen“ (NZFH) plant und entwickelt Maßnahmen der frühen Hilfen seit 2007. Ob es die Koalitionsvereinbarungen waren oder die Häufung von Fällen der Kindsmisshandlung und Vernachlässigung, die den Anstoß zur Entwicklung der Frühen Hilfen gaben, vermag ich nicht zu sagen. Die Arbeitsfelder beider Systeme überschneiden sich. Die Arbeitsweisen und Methoden sind ähnlich. Beide Systeme bestehen nebeneinander. Zusammenarbeit, Vernetzung und Ergänzungen gibt es m. W. bis jetzt so gut wie keine. Für jedes System ist ein anderes Bundesministerium zuständig. Die Kommunikation zwischen den Ministerien scheint nicht sehr intensiv zu sein. Was beide Systeme unterscheidet, ist ihre Entstehungsgeschichte. 74 FI 2 / 2011 Gerhard Klein Das System Frühförderung Um das aktuelle System Frühförderung zu verstehen, ist ein kurzer Rückblick zur Entstehungsgeschichte notwendig. Wie schon erwähnt, gaben die Empfehlungen der Bildungskommission des Deutschen Bildungsrates von 1973 den Anstoß für die Entwicklung des Systems Frühförderung. In diesen Empfehlungen wurden als institutionelle Basis der Früherkennung und Frühförderung behinderter und von Behinderung bedrohter Kinder Zentren für pädagogische Frühförderung vorgeschlagen. Jedes Zentrum sollte einen Einzugsbereich von 200.000 Einwohnern haben und mit Fachkräften aller beteiligten Disziplinen also interdisziplinär besetzt werden. Die Zielgruppen waren behinderte und „von Behinderung bedrohte Kinder“. Mit dem Begriff „von Behinderung bedrohte Kinder“ waren vor allem Kinder sozial benachteiligter Randgruppen gemeint, die durch frühkindliche Deprivation in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden (S. 38). Zur Errichtung solcher Zentren kam es nicht. Es konnte keine Einigung darüber erzielt werden, wer diese Zentren leiten soll. Aus medizinischer Sicht konnten diese Zentren nur unter ärztlicher Leitung stehen, nach deren Anweisung die übrigen Mitarbeiterinnen/ er zu handeln hatten. Der Streit darüber wurde z. T. in großen, überregionalen Zeitungen ausgetragen. Schließlich wurde der Bildungsrat auf Betreiben einiger Bundesländer aufgelöst und es blieb nun den einzelnen Bundesländern überlassen, wie sie die Frühförderung, die anfänglich auch unter dem Begriff „Frühe Hilfen“ firmierte, gestalten. Aufbau der Frühförderung in den Bundesländern Bayern begann sehr bald mit der Errichtung dezentraler Frühförderstellen im ganzen Land. Sowohl das Kultusministerium als auch das Sozialministerium waren die treibenden Kräfte. Vor allem aber war es Otto Speck, der sich für die Umsetzung dezentraler Frühförderstellen in Bayern engagierte. In Baden-Württemberg ergriff das Kultusminis- Rheinland-Pfalz Abb. 1: Frühförderstellen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg BMAS 2000 Rheinland-Pfalz: 19.850 km², 4 Mio EW; Baden-Württemberg: 35.750 km², 10,7 Mio EW Baden-Württemberg 75 FI 2 / 2011 Frühförderung und Frühe Hilfen terium die Initiative und verordnete, dass an jeder Sonderschule des Landes eine Frühförderstelle eingerichtet wurde. Daher waren in Baden-Württemberg anfangs hauptsächlich Lehrerinnen und Lehrer der Sonderschulen in der Frühförderung tätig. Rheinland-Pfalz dagegen errichtete nur vier oder fünf Sozialpädiatrische Zentren (SPZ), die vorwiegend medizinisch ausgerichtet sind. Im Lauf der Jahre entwickelten sich so in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedliche Systeme der Frühförderung. Das Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung fasste schließlich die Vielzahl von Einrichtungen und Stellen in der Bundesrepublik in einer Broschüre zu einem Wegweiser zusammen. Der vorletzten Ausgabe dieser Broschüre sind Karten zur Verteilung der Frühfördereinrichtungen beigegeben. Davon zwei Beispiele in Abbildung 1. Die letzte mir bekannte Fassung der Broschüre aus dem Jahre 2005 weist etwa 1200 solcher Einrichtungen für das ganze Bundesgebiet aus. Die Finanzierung der Frühförderung war und ist von Land zu Land unterschiedlich geregelt. Beteiligt sind die örtlichen Sozialhilfeträger, die Krankenkassen, Kultusministerien und Sozialministerien. Mit der Aufnahme in das SGB IX hat die Frühförderung zwar eine gesetzliche Verankerung erfahren, doch bedurfte es der Frühförderverordnung der Bundesregierung vom 24. Juni 2003, um die einzelnen Bundesländer zu veranlassen, durch sog. Landesrahmenempfehlungen jeweils zu regeln, wie die im Gesetz genannten „Komplexleistungen“ umgesetzt werden sollen. Bis 2006 hatten nur 8 Bundesländer solche Rahmenempfehlungen erlassen. Anfang 2008 waren es immerhin 13 Bundesländer, die die Aufforderung des Bundes befolgt hatten. Eine aktuelle Untersuchung des Instituts für Sozialforschung in Köln, über die Heike Engel in der Zeitschrift „Frühförderung interdisziplinär“ (1/ 2000) berichtet, stellt fest, dass nach wie vor große Unterschiede zwischen den Rahmenempfehlungen der Länder bestehen. Verlässliche Vereinbarungen über die Finanzierung fehlen oft. Wie schwierig es bis heute ist, einen gewissen Überblick über das System Frühförderung in der Bundesrepublik zu gewinnen, macht gerade diese Untersuchung deutlich. Von den bestehenden 1200 Frühfördereinrichtungen wurden 762 schriftlich befragt. Die Verfasserin des Berichts ist jedoch der Meinung, es seien alle Frühförderstellen und Sozialpädiatrischen Zentren (SPZ) befragt worden. Zur inhaltlichen und konzeptionellen Gestaltung der Frühförderung Für die inhaltliche und konzeptionelle Gestaltung der Frühförderung wurden im Lauf der Jahre als leitende Prinzipien entwickelt: Ganzheitlichkeit, Familienorientierung und Interdiziplinarität. Dadurch sollte der anfänglichen Dominanz von defizitorientierten Therapien entgegengewirkt werden. Mit der Gründung der Vereinigung für interdisziplinäre Frühförderung (VIFF) im Jahre 1982 wurden die Gräben zwischen Medizinern und Pädagogen überbrückt und die Zusammenarbeit aller an der Frühförderung beteiligten Disziplinen auf einen guten Weg gebracht. Der Auf- und Ausbau der Frühförderung im ganzen Bundesgebiet wurde neben den Fachvertretern vor allem durch die Eltern behinderter Kinder und entsprechender Verbände wie z. B. der Lebenshilfe vorangebracht. Kinder mit eindeutig und früh diagnostizierbaren Behinderungen werden heute fast alle durch die Frühförderung erreicht. Nehmen wir jedoch die Gesamtzahl aller Kinder, die im Schulalter als behindert erscheinen und sonderpädagogischen Förderbedarf haben, dann sieht das anders aus. 76 FI 2 / 2011 Gerhard Klein Kinder mit Lernbehinderung oder emotionalen Störungen (Verhaltensgestörte) bilden zusammen mehr als die Hälfte (56,3 %) aller Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Diese Kinder werden nur zu einem geringen Teil von den Maßnahmen der Frühförderung erreicht, und wenn sie erreicht werden, dann viel zu spät (Trost, 1992; Klein 2001; Sohns, 2000, 2001). Diese Kinder kommen zu einem großen Teil (2/ 3 und mehr, vgl. Klein, 2002) aus sozial schwachen und randständigen Familien und werden vor allem in den ersten Lebensjahren durch deprivierende Lebensbedingungen in ihrer Entwicklung beeinträchtigt und geschädigt. Die Entwicklungsverzögerungen werden erst im Lauf der Jahre deutlich erkennbar. Was man aber schon bei der Geburt und kurz danach deutlich erkennen könnte, ist die prekäre Lebenssituation, in die sie hineingeboren werden und unter der die frühe und grundlegende Ausbildung der Gehirnstrukturen leidet. Zwar wissen wir schon lange, dass deprivierende Lebensbedingungen im Kleinkindalter die Entwicklung dieser Kinder erheblich beeinträchtigen und schädigen können, doch haben die Ergebnisse der Gehirnforschung in den letzten Jahrzehnten erneut bestätigt, dass alle Arten von Vernachlässigung in den ersten Lebensjahren die Ge- Lernen 46,4 % Sehen 1,4 % Hören 2,9 % Körperliche und motorische Entwicklung 6,1 % Geistige Entwicklung 15,6 % Emotionale und soziale Entwicklung 9,9 % Sprache 10,3 % Übergreifend, ohne Zuordnung 5,1 % Kranke 2,1 % Abb. 2: Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf nach Förderschwerpunkten 2006 Datengrundlage: Sekretatriat der Kultusministerkonferenz … 2008, 127 Abb. 3: Alter der Kinder in Frühfördereinrichtungen, Bundesrepublik, in %, N = 905 Datengrundlage: Institut für Sozialforschung …, 2008, 127 77 FI 2 / 2011 Frühförderung und Frühe Hilfen hirnentwicklung beeinträchtigen und dauerhaft schädigen können. Mangelnde Befriedigung der Grundbedürfnisse nach Nahrung, Pflege und Sicherheit, mangelnder Blickkontakt, unsichere Bindung oder Unterdrückung der Eigenaktivität sind nur einige Faktoren, die hier genannt werden können, die sich entwicklungshemmend auswirken. Probleme der Früherkennung Damit stellt sich die Frage: Warum werden diese Kinder so spät, oft erst bei der Einschulung oder gar nicht durch Maßnahmen der Frühförderung erreicht? Entwicklungsverzögerungen als Anzeichen einer drohenden Behinderung lassen sich erst dann bei einem Kind erkennen, wenn in seiner Entwicklung die Ausbildung der verschiedenen Funktionen zu erwarten ist. Solange die nicht altersgerechte Ausbildung der einzelnen Fähigkeiten und Fertigkeiten als Kriterium der Früherkennung dient, wird sich daran nichts ändern. Die üblichen Verfahren zur Früherkennung sind dafür ungeeignet, denn bei diesen Verfahren geht es in erster Linie um den Entwicklungsstand des Kindes. Fragen nach der Lebenswelt und den Erziehungsbedingungen dieser Kinder kommen so gut wie nicht vor. Die Checkliste der Vorsorgeuntersuchungen (U3 - U9) weist nur zwei Fragen in dieser Richtung auf. Die erste Auflage der Schrift „Praxis der Frühförderung“ von Thurmair und Naggl (2000, S. 63 - 69) führt 17 Screeningverfahren auf, die als Hilfsmittel für eine fachspezifische Diagnostik dienen können. Bei den Inhaltsbereichen dieser Verfahren erscheint nur einmal die Frage nach „familiärer und psychosozialer Belastung“ in dem Beobachtungsbogen (BEK) von Mayr (1998). Das bisher gängige Verfahren der Frühförderung, das nach eingehender Diagnose für die jeweiligen Schädigungen und Defizite die entsprechende Therapie verordnet und durchführt, ist zur Förderung vernachlässigter Kinder nicht geeignet. Früherkennungsuntersuchungen zur Pflicht zu machen erscheint daher wenig sinnvoll, wenn weiterhin nur die Kinder untersucht werden, ohne nach ihrem Lebenskontext zu fragen. Verfahren, die auch die Lebenswelt der Kinder zu erfassen versuchen, wurden schon in den Empfehlungen des Deutschen Bildungsrates (1973, S. 47 ) gefordert. Dort ist zu lesen: „Neben der Fortentwicklung der Diagnose und Therapie medizinisch feststellbarer Schäden muss ein Instrumentarium geschaffen werden, das vorbeugende Maßnahmen bei sozialer Benachteiligung ermöglicht. Dabei sollen Befunde nicht nur über das Kind selbst erhoben werden, sondern vor allem über die Erziehungsbedingungen, unter denen das Kind aufwächst.“ Dieser Forderung wird heute im Rahmen der „Frühen Hilfen“ versucht Rechnung zu tragen, indem Indikatoren aufgelistet werden zur Erkennung von Vernachlässigung und Misshandlung (Künster, Ziesel, Ziegenhain, 2009, S. 53); in Bezug auf die Früherkennung im Gesundheitswesen hat Thyen (2010, 3ff) einige Akzente aufgezeigt, die die Früherkennung gerade im Hinblick auf die sozialen Bedingungen verbessern können. Damit ist ein wesentlicher Mangel des Systems Frühförderung markiert: In Bezug auf die Früherkennung wird das System Frühförderung zu Recht als „kindzentriert“ bezeichnet. Der zweite kritische Punkt ist die Unzulänglichkeit möglicher Maßnahmen im Rahmen der Frühförderung. Da die Hilfen, die durch die Frühförderstellen selbst erbracht werden können, meist auf wenige Stunden pro Woche begrenzt sind, müssen sie durch zeitlich umfangreichere Maßnahmen, z. B. der Kinder- und Jugendhilfe, ergänzt werden. Wie schwie- 78 FI 2 / 2011 Gerhard Klein rig das ist, davon können die Mitarbeiterinnen der Frühförderstellen ein Lied singen. Die notwendigen Hilfen für Kinder mit allgemeinen Entwicklungsverzögerungen und psychosozialen Auffälligkeiten müssen meist hart erkämpft werden. Auch ein hoher Anteil organisch behinderter Kinder, die im Rahmen der Frühförderung betreut werden, kommt aus sozial schwachen Familien. Tausende von Mitarbeiterinnen haben inzwischen jahrelange Erfahrungen in der mobilaufsuchenden Arbeit mit behinderten Kindern in ihrer Lebenswelt. Frühförderung jeder Art, ob mobil oder ambulant, kann immer nur in enger Zusammenarbeit mit den Familien durchgeführt werden. Ohne eine ausdrückliche Familienorientierung wäre die Frühförderpraxis heute nicht mehr denkbar. Allerdings bestehen nach wie vor große Schwierigkeiten, die notwendigen und angemessenen Fördermaßnahmen in armen und mit weiteren Problemen behafteten Familien durchzuführen. Thurmair und Weiß haben hinlänglich darüber berichtet. Vor allem die Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit mit den Sozial- und Jugendämtern erschweren die Arbeit in diesen Familien. Wenn Naggl und Thurmair (2008) als Fazit ihrer Erörterungen zum Kindeswohl feststellen, „dass es u. U. besser sein kann, die Polizei zu verständigen oder in eine Arztpraxis zu gehen, als das Jugendamt zu verständigen“ (S. 64), so macht das deutlich, vor welchen Problemen die Kooperation mit anderen Systemen steht. Das Etikett „kindzentriert“ oder mangelnde Familienorientierung trifft für die praktische Arbeit mit den Familien in der Frühförderung nicht zu. Fazit Die Notwendigkeit, bei vernachlässigten Kindern eine Befriedigung der Grundbedürfnisse sicherzustellen, ist seit Jahrzehnten bekannt und wurde immer wieder als Aufgabe interdisziplinärer Frühförderung beschrieben (Klein, 2002), die allerdings nur in enger Zusammenarbeit mit dem Jugendamt zu lösen ist. Doch es gab keine politischen Kräfte, die sich dafür engagierten, vielmehr wurden die Mittel der Jugendämter immer sehr knapp gehalten. Für Familien und Kinder in prekären Lebenslagen gab es keine Lobby, während starke Verbände wie z. B. die Lebenshilfe die Frühförderung früh erkennbarer Behinderungen vorantrieben. Hinzu kommt, dass die Eltern lernbehinderter Kinder der Frühförderung ihrer Kinder skeptisch gegenüberstehen, weil mit den Maßnahmen zur Frühförderung ihrer Kinder indirekt auch Kritik an ihrem Erziehungsverhalten verbunden ist. Die Frühen Hilfen schließen eine Lücke im System Frühförderung Genau diese seit Jahrzehnten beklagten Mängel im System Frühförderung werden heute durch das Aktionsprogramm „Frühe Hilfen“ angegangen. In präventiver Absicht soll lebensweltorientierte Hilfe geleistet werden. Aus der Einsicht und dem politischen Willen heraus, dass das Aufwachsen von Kindern nicht nur Privatsache ist, sondern in der öffentlichen Verantwortung liegt, leiten sich die Pläne für Kindertagesbetreuung durch Krippen und Tagesmütter, der Schutz vor Vernachlässigung, die Hilfe für schwangere und junge Mütter in belastenden Lebenslagen ab. Zur aktuellen Situation Somit haben wir die Situation, dass neben und unabhängig von dem System „Frühförderung“ das System „Frühe Hilfen“ entsteht. Beide Systeme haben weitgehend dieselbe Zielgruppe von Kindern und damit sich überschneidende Arbeitsfelder. Verbindun- 79 FI 2 / 2011 Frühförderung und Frühe Hilfen gen zwischen den beiden Systemen gibt es kaum und wenn, so sind sie eher zufällig und von den regionalen Bedingungen abhängig. Um ein Beispiel zu nennen: Bei der Fachtagung in Berlin „Frühe Hilfen interdisziplinär gestalten“ vom 19. - 21. 11. 2008 wurden bei der Zielgruppe möglicher Teilnehmer die Mitarbeiter der Frühförderung nicht aufgeführt. Das System Frühförderung besteht heute aus ca. 1200 Frühförderstellen und SPZs im ganzen Bundesgebiet. Große Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern bestehen hinsichtlich der Dichte des Netzes und der Finanzierung. Gleichwohl unterscheidet sich die Arbeit vor Ort in den einzelnen Frühförderstellen nur wenig. Ca. 5000 - 6000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leisten seit Jahren gute Arbeit unter z. T. sehr erschwerten Bedingungen. In keinem anderen Arbeitsfeld gibt es so viel langjährige Erfahrung in der mobil-aufsuchenden Arbeitsweise wie in der Hausfrüherziehung der Frühförderung. Ein gravierender Mangel besteht darin, dass die Maßnahmen zur Frühförderung von Kindern aus sozial schwachen Familien unzureichend sind. Das System „Frühe Hilfen“ wird seit 2006 mit Unterstützung der Bundesregierung geplant und aufgebaut. Renommierte Institutionen wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Auf klärung (Köln) und das Deutsche Jugendinstitut (München) sind beauftragt, Programme und Institutionen voranzubringen. Brücken, Vernetzungen, Kooperation oder Zusammenführung Brücken, wir könnten auch sagen Verbindungen, Vernetzungen mit Synergieeffekten zwischen beiden Systemen zu schaffen, muss jedem vernünftig denkenden Menschen als sinnvoll und notwendig erscheinen. Die Frage wo, wie und durch wen solche Verbindungen hergestellt werden können und sollen, ist nicht leicht zu beantworten. Um im Bilde der Brücken zu bleiben, sei mir ein Vergleich erlaubt. In manchen masurischen Seen gibt es schwimmende Inseln. Wie schwierig es sein dürfte, zwischen solchen schwimmenden Inseln Brücken zu bauen, kann sich jeder vorstellen. Beim Militär sind es die Pioniere, die mit dem Bau von Brücken beauftragt werden. Trotz der erkennbaren Schwierigkeiten will ich versuchen, einige Punkte zu skizzieren, an denen Brücken, Vernetzungen oder Kooperationen entstehen könnten. 1. An erster Stelle nenne ich das flächendeckende Netz von Frühförderstellen und SPZs, das von dem Aktionsprogramm Frühe Hilfen wahrgenommen und genützt werden könnte, um die geplanten Unterstützungs- und Hilfeangebote umzusetzen. 2. Die langjährigen Erfahrungen in der Arbeit mit Familien und Kleinkindern von Tausenden von Mitarbeitern könnten auch im Rahmen der Frühen Hilfen genützt werden. 3. Die Angebote der Frühen Hilfen für Kinder in schwierigen, vernachlässigenden Lebenssituationen könnten eine große Lücke in den Maßnahmen der Frühförderung schließen. 4. Die Möglichkeiten der Frühförderstellen zur diagnostischen Abklärung des Förderbedarfs bei Kleinkindern könnten auch von den Aktivitäten der Frühen Hilfen genützt werden. 5. Eine engere Kooperation zwischen Frühförderung und Frühen Hilfen könnte dazu beitragen, dass einerseits die Frühförderung eine stärkere zentrale Ausrichtung bekommt und andererseits die Frühen Hilfen mehr dezentral und damit wohnortnah den regionalen Gegebenheiten angepasst werden könnten. 80 FI 2 / 2011 Gerhard Klein 6. Am ehesten wird die Kooperation beider Systeme dort gelingen, wo sie von den Akteuren vor Ort angegangen wird, denn die Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern sind noch zu groß, als dass sich bundeseinheitliche Regelungen finden lassen. Allerdings müssen solche Kooperationen auch von der Bundesregierung gewollt und unterstützt werden. Abschließende Überlegungen Bei allen Bemühungen um Verbindungen und Kooperationen zwischen Frühförderung und Frühen Hilfen wird die gegenseitige Wahrnehmung als gleichwertige Partner eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen sein. Der Versuch, eine Brücke zu bauen, wurde beim 15. Symposion der Vereinigung für interdisziplinäre Frühförderung im März 2009 in Dortmund unternommen. Alexandra Sann vom D J I hielt dort ein beachtenswertes Referat zum Thema: „Prävention von Vernachlässigung und Misshandlung in der frühen Kindheit - eine interdisziplinäre Gemeinschaftsaufgabe“. Wenn Alexandra Sann darin fragt, „wie Frühförderung systematisch in die entstehenden Netzwerke der Frühen Hilfen integriert werden kann“, dann ließe sich diese Frage auch umkehren und fragen, „wie die im Entstehen begriffenen Frühen Hilfen systematisch in das schon bestehende Netzwerk der Frühförderung integriert werden können“. Hinsichtlich der Ziele, der Zielgruppen, der Arbeitsweisen und der Professionen sind die Unterschiede zwischen beiden Systemen gering. Der eigentliche Unterschied besteht darin, dass die frühen Hilfen für Kinder, die in deprivierenden Lebenslagen aufwachsen, jetzt politisch gewollt sind. Obwohl sie im Rahmen der Frühförderung von Anfang an und bis in die Gegenwart zwar als Ziel und Aufgabe der Frühförderung gesehen und thematisiert wurden, konnte eine Umsetzung nur eingeschränkt realisiert werden, weil es an politischen Kräften und politischem Willen fehlte, die erforderlichen Maßnahmen zu finanzieren. Heute haben wir nun endlich die Situation, dass durch das „Aktionsprogramm Frühe Hilfen“ genau dieser über Jahrzehnte beklagte Mangel im System Frühförderung behoben werden kann. Was sich geändert hat, ist nicht der Forschungsstand über die Notwendigkeit und die Möglichkeiten der frühen Hilfen für Kinder, die unter psychosozialen Risiken aufwachsen, sondern geändert hat sich der politische Wille gegenüber dieser Gruppe von Eltern und Kindern, die Verantwortung des Staates für ein humanes Aufwachsen der Kinder wahrzunehmen. Darüber können alle bisher an der Frühförderung Beteiligten nur froh sein. Wir können heute nur hoffen und wünschen, dass die Tendenz zur Abgeschlossenheit, wie sie allen Systemen eigen ist, nicht zu mächtig wird und der Zwang zum Sparen nicht die hoffnungsvollen Pläne zunichte macht. Wenn es von beiden Seiten und auch von den Entscheidungsträgern in der Bundesregierung gewollt wird, dann müsste es möglich sein, nicht nur Brücken zwischen beiden Systemen zu bauen, sondern beide Systeme zu einem bundeseinheitlichen System zusammenzuführen, in welchem alle erkennen, dass sie im selben Haus zum Wohle des ganzen Staates arbeiten. Prof. em. Dr. Gerhard Klein Schloßgartenstraße 105 D-72793 Pfullingen 81 FI 2 / 2011 Frühförderung und Frühe Hilfen Literatur Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung, BMAS (Hrsg.) (2000): Frühförderung, Einrichtungen und Stellen der Frühförderung in der Bundesrepublik Deutschland - Ein Wegweiser. Bonn Deutscher Bildungsrat (Hrsg.). (1973): Empfehlungen der Bildungskommission: Zur pädagogischen Förderung behinderter und von Behinderung bedrohter Kinder und Jugendlicher. Bonn Engel, H., Engels, D., Pfeufer, F. 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