Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2011.art18d
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Die Rolle früher Erfahrungen für die kindliche Entwicklung
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L. Alan Sroufe
Brianna Coffino
Elizabeth A. Carlson
Die Daten unserer prospektiven und sich von der Geburt bis ins Erwachsenenalter erstreckenden Langzeitstudie über die Rolle früher Erfahrungen im Entwicklungsprozess werden zusammenfassend erörtert. Eine solche Analyse stellt sich aus methodischen wie auch aus konzeptionellen Gründen als komplex dar. Selbst direkte Wirkungen früher Erfahrungen sind als probabilistisch anzusehen und über die Kumula-tion von Messwerten deutlicher erkennbar wie bei Einzelmesswerten. Durch die Auf-einanderfolge von Lebensereignissen zeigen sich die Effekte früher Erfahrungen häufig auf eine indirekte Weise, die den Organismus irgendwie verändern und/oder die Wirkungen späterer Erfahrungen potenzieren. Es werden Beispiele erörtert, in denen die frühen Erfahrungen über andere Faktoren moderiert und vermittelt und die mit Entwicklungsveränderungen einhergehenden verborgenen Wirkungen sichtbar werden. Wir stellen Entwicklungsprozesse dar, die durch frühe Erfahrungen beeinflusst werden und schließen in der Überzeugung, dass frühen Erfahrungen bei der Erforschung von Entwicklungsprozessen auch in Zukunft ein zentraler Stellenwert zukommt.
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184 Frühförderung interdisziplinär, 30. Jg., S. 184 -195 (2011) DOI 10.2378/ fi2011.art18d © Ernst Reinhardt Verlag ORIGINALARBEIT Die Rolle früher Erfahrungen für die kindliche Entwicklung L. Alan Sroufe, Brianna Coffino, Elizabeth A. Carlson Zusammenfassung: Die Daten unserer prospektiven und sich von der Geburt bis ins Erwachsenenalter erstreckenden Langzeitstudie über die Rolle früher Erfahrungen im Entwicklungsprozess werden zusammenfassend erörtert. Eine solche Analyse stellt sich aus methodischen wie auch aus konzeptionellen Gründen als komplex dar. Selbst direkte Wirkungen früher Erfahrungen sind als probabilistisch anzusehen und über die Kumulation von Messwerten deutlicher erkennbar wie bei Einzelmesswerten. Durch die Aufeinanderfolge von Lebensereignissen zeigen sich die Effekte früher Erfahrungen häufig auf eine indirekte Weise, die den Organismus irgendwie verändern und/ oder die Wirkungen späterer Erfahrungen potenzieren. Es werden Beispiele erörtert, in denen die frühen Erfahrungen über andere Faktoren moderiert und vermittelt und die mit Entwicklungsveränderungen einhergehenden verborgenen Wirkungen sichtbar werden. Wir stellen Entwicklungsprozesse dar, die durch frühe Erfahrungen beeinflusst werden und schließen in der Überzeugung, dass frühen Erfahrungen bei der Erforschung von Entwicklungsprozessen auch in Zukunft ein zentraler Stellenwert zukommt. Schlüsselwörter: Prospektive Langzeitstudie, frühe und spätere Erfahrungen, Bindungsmuster, kumulative Lernerfahrung, Entwicklungsprozess Evaluating the Role of Early Experience in Development Summary: We draw upon data from a prospective, longitudinal study from birth to adulthood to evaluate the role of early experience in development. Such an evaluation is complex for both methodological and conceptual reasons. Even direct effects are probabilistic and are more in evidence with cumulative than with single measures. Often early experience has its effect indirectly by initiating a chain of events, by altering the organism in some way, and/ or by potentiating the impact of later experience. We provide examples where early experience is moderated and mediated by other factors and where it shows latent effects following developmental change. We illustrate developmental processes through which early experience has its effect. We conclude that early experience retains a vital place in the study of development. Keywords: Prospective longitudinal study, early and later experiences, attachment pattern, cumulative history, developmental process D ie Hypothese der besonderen Bedeutung früher Erfahrungen für den kindlichen Entwicklungsprozess bildet schon seit vielen Jahren eine wichtige Basis für die Entwicklungspsychologie. Diese Hypothese spielt nicht nur in der psychoanalytischen Theorie über die grundsätzliche Bedeutung früher Erfahrungen für die Persönlichkeitsentwicklung und der anhaltenden Wirkung früh erlebter Trieb-frustrationen eine Rolle, sondern auch in späteren systemischen Entwicklungstheorien sowie in Theorien, die die Differenzierung und hierarchische Integration betonen (Gottlieb und Halpern, 2002; Werner, 1948), bis hin zu heutigen neurobiologischen Konzepten (Stiles, 2008). So 185 FI 4 / 2011 Die Rolle früher Erfahrungen für die kindliche Entwicklung weisen z. B. Perry und Szalavitz (2006) ebenso wie Siegel (2003) darauf hin, dass wegen der größeren Vulnerabilität des Organismus in den frühen Jahren zu diesem Zeitpunkt erlebte Traumata bedeutsamere Folgen haben. Siegel (2003) schreibt: „Traumata during the early years may have lasting effects on developing brain structures responsible for such processes as the response to stress, the integration of information, and the encoding of memory“ (S. 9). Demnach bildet die „Vorgeschichte“ den Ausgangspunkt für weitere Entwicklungsprozesse (Lieberman et al., 2011). Es gibt auch überzeugende empirische Befunde für den starken Einfluss früher Erfahrungen. Das wohl bekannteste Beispiel hierfür bilden die Studien von Wiesel und Hubel (1965), die dafür den Nobelpreis erhielten. Sie konnten zeigen, dass eine Katze, die in den ersten Lebenswochen auf einem Auge keine visuelle Stimulation erhielt (Deprivation), auf diesem Auge für immer blind blieb. Ähnlich zeigten experimentelle Deprivationsstudien mit Rhesusaffen, dass die in den ersten 6 Lebensmonaten deprivierten Tiere (dies entspricht einem Lebensjahr bei Menschen) später häufiger soziale Auffälligkeiten zeigten als Rhesusaffen, die zwischen dem 6. - 12. Monat unter deprivierenden Bedingungen aufwuchsen (Suomi, 1977). Erfahrungen beim Menschen erbrachten ähnlich beeindruckende Ergebnisse. Wenn das Schielen von Säuglingen (Strabismus) in den ersten Lebensmonaten operativ korrigiert wird, entwickeln sie eine normale zweiäugige Fähigkeit der Tiefenwahrnehmung; erfolgt diese Korrektur nicht früh, ist dies nicht mehr möglich, auch wenn später ein operativer Eingriff erfolgt (Aslin und Banks, 1978). Ferner zeigen auch unter gravierend sozial deprivierenden Bedingungen aufwachsende Säuglinge, wie z. B. in osteuropäischen Waisenhäusern, oft permanente Störungen (Gunnar, 2001). Der besondere Einfluss pränataler Ereignisse wird in vielen Studien über die Wirkung von Teratogenen deutlich, d. h. Stoffen, die in der Schwangerschaft Fehlbildungen beim Embryo hervorrufen, wie z. B. Chemikalien, Viren, Drogen, ionisierende Strahlung etc. (DeHart et al., 2004). Eine Vielzahl von Teratogenen haben dramatische und schwerwiegende Auswirkungen während der Phase der Ausformung der Basisorgane im ersten Trimester der Schwangerschaft (1. - 12. SSW). Häufig ist das Zeitfenster für die Schädigung sehr eng. Es kann sein, dass ein Teratogen in den ersten Schwangerschaftswochen eine verheerende Wirkung hat, aber keine Effekte ein oder zwei Wochen später. Es besteht die Vermutung, dass dies in Zusammenhang mit einer Störung der normalen Ausdifferenzierung der Organe steht. So können zum Beispiel Neurone im Gehirn nur migrieren, sich untereinander verbinden und sich zu Systemen organisieren, wenn sie sich überhaupt ausgebildet haben. Frühe und spätere Erfahrungen Trotz überzeugender Theorien und substanzieller empirischer Ergebnisse ist die Evaluierung der spezifischen Rolle früher Erfahrungen komplizierter und komplexer, als es auf den ersten Blick erscheint. 1. Zum einen kommt frühen Erfahrungen nicht immer eine größere Bedeutung zu als späteren Erfahrungen. Mit Blick auf die pränatale Entwicklung stellt die mütterliche Ernährung während der Schwangerschaft ein beeindruckendes gegenteiliges Beispiel dar. Obwohl sich bestimmte Nährstoffe wie die Folsäure als sehr wichtig im frühen embryonalen Stadium erwiesen, hat eine Mangelernährung der Mütter im ersten Trimester der Schwangerschaft keine nachweisbaren Auswirkungen, da sich der entwickelnde sehr kleine Organismus einfach viele der benötigten Nährstoffe aus den mütterlichen De- 186 FI 4 / 2011 L. Alan Sroufe et al. pots holt. Im dritten Trimester (29. - 40. SSW) nimmt der Fötus schnell am Größe und Gewicht zu - hier ist eine angemessene Ernährung der Mütter von größter Wichtigkeit. Es gilt vorzubeugen, dass das Baby zu früh bzw. zu klein geboren wird, weil dies ein ernsthaftes Risiko für eine beeinträchtigte Entwicklung darstellen kann. Viele empirische Studien lenken in diesem Zusammenhang die Aufmerksamkeit auf das eher generelle Problem des Zeitpunktes früher Erfahrungen. In der Phase der Entwicklung neuer Systeme scheinen diese sehr vulnerabel zu sein. Damit bezeichnet „früh“ ein relatives Konzept, das nur unter Berücksichtigung von Entwicklungsprozessen betrachtet werden kann. 2. Eine zweite Schwierigkeit bei der Evaluierung der Bedeutung früher Erfahrungen besteht darin, dass die Konsequenzen früher und späterer Erfahrungen kumulativ wirken oder auch im Kontext mit anderen Risikofaktoren zu sehen sind. Eine klassische Studie von Cadoret et al. (1990) über kindliche Depressionen kam zu dem Ergebnis, dass erlebte Risikobedingungen, wie z. B. die Anzahl von Heimaufenthalten vor einer Adoption oder das Alter der Kinder vor einer dauerhaften Heimunterbringung bzw. Unterbringung bei Pflegeeltern, an sich nur wenig Aussagekraft für die Vorhersage einer späteren kindlichen Depression hatten; in Verbindung mit genetischen Risikofaktoren hingegen wie z. B. einer Depression der biologischen Mutter kam den oben genannten Risikofaktoren eine beträchtliche prädiktive Aussagekraft zu. Auch das genetische Risiko allein hatte nur einen geringen Einfluss auf die Entwicklung der Kinder. In unseren eigenen Forschungsarbeiten zeigte sich, dass bei Vorliegen desorganisierter Bindungen im Säuglingsalter später auftretende dissoziative Symptome vorausgesagt werden konnten - dies war umso mehr der Fall, wenn es in der Folge zu Misshandlungen kam. Allgemein lassen unsere Forschungsergebnisse die Aussage zu, dass aufgrund unterschiedlicher Bindungsmuster verschiedene Entwicklungsverläufe vorausgesagt werden können; die Voraussagen sind allerdings aussagekräftiger, wenn frühe Bindungserfahrungen gemeinsam mit späteren Erfahrungen (z. B. Beziehungen zu Gleichaltrigen in der Kindheit) betrachtet werden (Sroufe et al., 2005 a). Es sei erwähnt, dass solche Überlegungen die Bedeutung früher Erfahrungen für die langfristige Entwicklung nicht schmälern - im Gegenteil: sie weisen auf ihre große Bedeutung hin, insbesondere wenn frühe Erfahrungen in größeren Entwicklungszusammenhängen gesehen werden. 3. Ein dritter Punkt betrifft die Veränderung möglicher Wirkungen früher Erfahrungen als Folge späterer Erfahrungen, was bedeutet, dass ein vorhersehbarer Entwicklungspfad sich ändern kann, was manchmal der Fall ist. Ein Beispiel hierfür ist eine Beobachtung von Sameroff & Chandler in den 70er Jahren, dass in Familien der Mittelschicht aufwachsende Frühgeborene keine negativen Entwicklungsfolgen zeigen. Dieses Ergebnis spornte beide zur Entwicklung ihres bedeutsamen „Transaktionalen Entwicklungsmodells“ an (Sameroff & Chandler, 1975). Früh geborene Säuglinge mit förderlichen Eltern aus der Mittelschicht tendieren in den ersten ein oder zwei Lebensjahren dazu, eventuelle Entwicklungsverzögerungen aufzuholen (Sigman et al., 1981), da diese Eltern offenbar in unterstützenden Kontexten ein erhöhtes responsives Verhalten gegenüber den hilfsbedürftigen Säuglingen zeigen. Frühe negative Ereignisse wie die Frühgeburt können - wie dieses Beispiel zeigt - später durch positive Erfahrungen korrigiert werden. Unsere Forschungsarbeiten zeigen: wenn sich bei den Eltern der Faktor Stress, die soziale Unterstützung oder Depressionen verändern, ist dies häufig auch mit einer Veränderung der frühkindlichen Entwicklungspfade verbunden (Sroufe et al., 2005 b). 187 FI 4 / 2011 Die Rolle früher Erfahrungen für die kindliche Entwicklung 4. Eine weitere Hürde bei der Erfassung der Wirkungen früher Erfahrungen ist die Beobachtung, dass sensible Phasen der Entwicklung nicht nur in den frühen Jahren vorkommen. Die Pubertät kann eine weitere sensible Phase darstellen. Darüber hinaus sind spezifische Ereignisse wahrscheinlich sensibel gegenüber bestimmten Erfahrungen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten gemacht werden. Zuweilen ist das, was sich während oder unmittelbar vor einer bestimmten Entwicklungsphase ereignet, wichtiger als das, was Jahre davor erlebt wurde. Abhängig davon, wie Kinder die Anforderungen einer bestimmten Entwicklungsphase meistern, können die früheren oder auch die späteren Erfahrungen in den Vordergrund rücken. Schließlich scheint Mehreres bedeutsam zu sein: das konkrete Ergebnis der kindlichen Entwicklung, die spezielle Art der Erfahrung sowie das Alter der Kinder. Insgesamt sind wichtige grundsätzliche Fragen zur Rolle früher Erfahrungen: n auf welche Weise wird frühe Erfahrung wirksam? und n wie interagieren frühere mit späteren Erfahrungen mit Blick auf das Erreichen eines bestimmten Entwicklungsergebnisses? In diesem Zusammenhang ist auch zu fragen, warum bestimmte „frühe Erfahrungen“ offensichtlich nur bei bestimmten Personen Auswirkungen haben. So führen frühkindliche Traumata nur bei einigen Kindern zu Dissoziationen oder zu posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), wie auch frühe Missbrauchserfahrungen nur bei einigen von ihnen Aggressionen auslösen oder dazu führen, dass sie als Erwachsene selbst misshandelndes Elternverhalten zeigen. Somit stellt sich vorrangig nicht die Frage, ob frühe Erfahrungen wichtiger als spätere Erfahrungen sind, sondern eher, welche spezifische Rolle (und wann) frühen Erfahrungen im Entwicklungsprozess zukommt. In diesem Kontext werden in Forschungsarbeiten mögliche Veränderungen grundlegender neuronaler und affektiver Strukturen diskutiert oder möglicherweise auch veränderte Erwartungen hinsichtlich des Selbstbildes einer Person oder seitens sozialer Partner. Generell können frühe Erfahrungen zu Vulnerabilität oder Stärke führen, wobei zum besseren Verständnis von Entwicklungsprozessen spätere Erfahrungen zu berücksichtigen sind. Systemtheoretiker wie Thelen und Smith (2006) sprechen hier von frühen Erfahrungen als Ausgangsbedingungen, die Wirkungen entfalten, da sie Verhaltensweisen des Kindes wie auch der Umwelt mit Blick auf spätere Erfahrungen festlegen. Auf diese Weise können bereits in der frühen Entwicklungsphase bestimmte Anpassungsschemata entstehen und dann aufgrund ihres Einflusses auf spätere Umweltbedingungen zur Wirkung kommen. Das heißt: zu bestimmten Zeitpunkten setzen frühe Erfahrungen eine Kette von Erfahrungen in Gang, von denen jede die nächste in der Weise beeinflusst, dass zu einem späteren Zeitpunkt die Wirkung früherer Erfahrungen nicht länger erkennbar ist. Auf diese Weise könnte zum Beispiel ein Kind, das für sich aufgrund erlebter Ablehnung eine nachvollziehbare Strategie entwickelt hat, emotionale Äußerungen zurückzuhalten, sich später mehr und mehr selbst von anderen Personen isolieren und sich dadurch korrigierenden Erfahrungen entziehen, die geeignet wären, das früh ausgebildete ungünstige Entwicklungsschema zu verändern (Sroufe, 1983). Aus einer nicht-linearen Sicht von Entwicklungsprozessen würden so frühe Erfahrungen indirekt durch fortlaufende wechselseitige Beeinflussungsprozesse zwischen Kind und Umwelt ihre Wirkung entfalten. Mit Hilfe unserer prospektiven Langzeitstudie „Minnesota study of risk and adaption from birth to adulthood“ (Sroufe et al., 2005 b) 188 FI 4 / 2011 L. Alan Sroufe et al. konnten wir die Komplexität früher Erfahrungen von der pränatalen Phase bis ins Erwachsenenalter untersuchen, wie auch die Wirkungen früher Erfahrungen für eine große Anzahl von Entwicklungsverläufen voraussagen. Planung und Durchführung dieser Forschungsarbeiten orientierten sich an dynamischen Systemtheorien oder „kumulativen Pfadmodellen“ der Entwicklung (Sroufe et al., 2005 b; Thelen und Smith, 2006). Die Grundidee unseres Forschungsansatzes fasste Bowlby (1973) folgendermaßen zusammen: „Development turns at each and every stage of the journey on an interaction between the organism as it has developed up to that moment and the environment in which it then finds itself “ (S. 412). Aus dieser Perspektive wird die Entwicklung nicht allein durch frühe Erfahrungen, sondern durch die kumulativen Lernerfahrungen, die Biografie des Kindes in der Interaktion mit seiner Umwelt bestimmt. Die frühen Jahre verdienen eine besondere Aufmerksamkeit, da sie die anfänglichen Anpassungsprozesse vorantreiben und zum Ausgangspunkt für spätere Wechselwirkungen Kind-Umwelt werden. Deshalb sei nochmals betont: die grundlegende Frage ist nicht die nach der Bedeutung früher Erfahrungen, sondern nach ihrer spezifischen Rolle im Entwicklungsprozess. Aus dieser Sicht werden die frühen Erfahrungen nicht durch nachfolgende Veränderungen in der Entwicklung gelöscht, sondern bleiben stets als Einflussfaktor vorhanden. Sie wirken nicht deterministisch, sondern sind als Teil von Entwicklungsprozessen zu sehen. Frühe Erfahrungen und späteres Verhalten In unserer Langzeitstudie basieren einige der aus theoretischer Sicht bedeutsamsten sowie empirisch eindeutigsten Zusammenhänge zwischen frühen Erfahrungen und späterem Verhalten auf Bindungsmustern, die im 12. und 18. Lebensmonat erfasst wurden (Sroufe et al., 2005 b). Es zeigt sich, dass diese Bindungsmuster mit feinfühligem Verhalten von Bezugspersonen gegenüber Kindern im frühen Alter korrelieren, nicht aber mit dem Temperament der Säuglinge (Vaughn et al., 2008). Demzufolge werden die Bewertungen des Bindungsverhaltens nach Mary Ainsworth (1970) richtigerweise als Ergebnis früher interaktiver Erfahrungen des Säuglings mit der primären Bezugsperson interpretiert. Diese Bewertungen des Bindungsverhaltens stehen in einem stabilen Zusammenhang mit späteren individuellen Charakteristiken der Kinder wie Abhängigkeit/ Unabhängigkeit, Selbstwert, Selbstregulation sowie schulischem Leistungsvermögen. Zudem bilden die Bindungsmuster konsistente Prädiktoren für spätere soziale Beziehungen, und zwar angefangen von den Spielpartnern in der Kindertagesstätte bis hin zur Bildung enger Freundschaften in der mittleren Kindheit. Desorganisierte Bindung im Säuglingsalter, das an sich ungünstigste Bindungsmuster, korrelierte mit zahlreichen Indikatoren für psychopathologisches Verhalten im Jugend- und Erwachsenenalter: ohne Einbeziehung zusätzlich erhobener Daten in den ersten Lebensjahren betrug die Korrelation r = 0.40 (Carlson, 1998). Angstauslösendes Elternverhalten erwies sich in hohem Maße als Prädiktor für desorganisiertes Bindungsverhalten (Abrams et al., 2006). Wenn die Eltern für Säuglinge gleichzeitig die Quelle für Angst wie auch der verfügbare „sichere Hafen“ sind, steht der Säugling vor einem unlösbaren Dilemma, das nur durch die Abwehr dieser Erfahrung und durch einen Zusammenbruch der kindlichen Verhaltensorganisation gelöst werden kann. Liotti (1992) geht davon aus, dass diese mikro-dissoziativen Erfahrungen des Säuglings als Prototyp für spätere Dissoziation angesehen werden können. Auch nach unseren Ergebnissen stand, wie prognostiziert, das desorganisierte Bindungsmus- 189 FI 4 / 2011 Die Rolle früher Erfahrungen für die kindliche Entwicklung ter mit dissoziativen Symptomen zu unterschiedlichen Zeitpunkten der Entwicklung in Verbindung (Carlson, 1998). Zudem zeigte sich in unserer Studie, dass eine desorganisierte Bindung im Säuglingsalter ein früher Prädiktor für selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen war. Auch führten früh erlebte Misshandlungen der Kinder zu einem selbstverletzenden Verhalten - ein Zusammenhang, der durch eine später diagnostizierte Dissoziation „vermittelt“ wurde. Nach den Angaben der in unserer Studie befragten Jugendlichen war einer der häufigsten Gründe für Selbstverletzungen, dass sie „etwas fühlen wollten“. Wir gehen deshalb davon aus, dass eine desorganisierte Bindung üblicherweise im Zusammenhang mit einer Borderline-Persönlichkeit im Erwachsenenalter steht (Carlson et al., 2009). Trotz dieser eindrucksvollen Zusammenhänge zwischen der Bindungsqualität des Säuglings und seinem späteren Verhalten ist anzumerken, dass diese Zusammenhänge und Ergebnisse theoretisch interessant und nahezu immer signifikant sind, die Korrelationen aber in vielen Fällen nur niedrig waren. Darüber hinaus ist von großer Bedeutung, dass diese Korrelationen häufig höher sind, wenn das Ergebnis der Bindungsdiagnostik bei den Säuglingen mit den Messwerten anderer Instrumente kombiniert wird, die sowohl frühere als auch spätere Erfahrungen erfassten (Belsky und Fearon, 2002). In vielen Analysen unserer Studie sind die zwei Messwerte zur Bindungssicherheit von Säuglingen (12. und 18. Lebensmonat) mit anderen Messwerten zur Qualität des elterlichen Fürsorgeverhaltens kombiniert worden, die im Zeitraum vom Säuglingsalter bis zum dritten Lebensjahr erhoben worden sind, wobei alle Ergebnisse auf direkter Verhaltensbeobachtung basierten (Sroufe et al., 2005 b). In den meisten Fällen prognostizieren diese kumulierten Messwerte das spätere Sozialverhalten deutlich besser, als dies allein durch die Kenntnis des Bindungsmusters möglich ist. Anhand eines Beispiels sei dies verdeutlicht: die Korrelation zwischen einer sicheren Bindung des Säuglings und sozialer Kompetenz in der mittleren Kindheit betrug r = 0.18, wohingegen sich bei Einbezug des elterlichen Fürsorgeverhaltens die Korrelation auf r = 0.39 erhöhte. Wenn die Messwerte über die Kompetenz von Kindern im Umgang mit Gleichaltrigen im Vorschulalter in die Regressionsanalyse aufgenommen wurden, erhöhte sich die Korrelation sogar auf r = 0.62 und erklärte nahezu 40 % der Varianz (Sroufe et al., 1999). In ähnlicher Weise konnte die kumulative Wirkung multipler Risikofaktoren bestätigt werden. Die dabei berücksichtigten fünf Faktoren waren: Kindesmisshandlung, Beobachtung von Gewalt, zerrüttete Familienverhältnisse, allgemeiner Familienstress und soziökonomischer Status (SES). Es zeigte sich, dass jeder Risikofaktor für sich Verhaltensprobleme in der Jugend voraussagen konnte. Übereinstimmend mit der Literatur über Risikofaktoren und Psychopathologie (Rutter, 2000; Sameroff, 2010) fand sich ein linearer Zusammenhang zwischen der Anzahl der Risikofaktoren und dem Störungsverhalten. Die prognostische Aussagekraft erhöhte sich signifikant mit jedem Risikofaktor, der in die Analyse einbezogen wurde. Da die Ergebnisse zu jeder dieser Variablen auch für das mittlere Alter verfügbar waren, konnten vergleichende Analysen durchgeführt werden. Es zeigte sich, dass Kindesmisshandlung und die Beobachtung von Gewalt in der Familie wie auch der kumulative Risikoindex starke Wirkungen entfalteten. Dabei ist hervorzuheben, dass Risiken in der frühen Kindheit stärker mit Verhaltensproblemen im Jugendalter zusammenhängen, als dies bei Risiken in der mittleren Kindheit der Fall ist. Allein die Kenntnis der Risiken in der frühen Kindheit ist ein signifikanter Prädiktor von Problemverhalten im Jugendalter, selbst wenn die Risiken in der mittleren Kindheit nicht in die Analyse ein- 190 FI 4 / 2011 L. Alan Sroufe et al. flossen. Dieses wichtige Forschungsergebnis unterstreicht die große Bedeutung früher Erfahrungen für das spätere Verhalten. Frühe Erfahrungen und Entwicklungsprozesse a) Entwicklungsveränderungen Im Fokus unserer Langzeitstudie steht eher die Untersuchung von Veränderungsprozessen als von Kontinuitäten. Selbst bei eindeutigen Beziehungen zwischen früher Erfahrung und späterem Verhalten ist diese Beziehung als probabilistisch und nicht als deterministisch zu bewerten. Es gibt zahlreiche Hinweise aus Einzelfällen über die Möglichkeit zur Bewältigung potenziell negativer Folgen frühkindlicher Erfahrungen, wofür es auf der Grundlage von Forschungsergebnissen nachvollziehbare Erklärungsmodelle gibt. Zum Beispiel fanden Rutter und Quinton (1984) bei einer Gruppe von in Heimen aufgewachsenen jungen Frauen generell negative Folgen hinsichtlich der Qualität ihres späteren elterlichen Erziehungsverhaltens; solche Wirkungen wurden aber über eine positive Paarbeziehung im Erwachsenenalter abgeschwächt. Entwicklungsprozesse zu verstehen, die sowohl der Kontinuität als auch der Veränderung unterliegen, ist wichtiger als lediglich zu verstehen, dass frühere Erfahrungen häufig späteres Verhalten voraussagen. In unserer Studie zeigten sich auch im Vorschulalter Hinweise auf Entwicklungsveränderungen (Erickson et al., 1985). Obwohl wir eine signifikante Stabilität im Bindungsverhalten beobachteten und ein signifikanter Zusammenhang zwischen ängstlicher Bindung und Verhaltensproblemen in der Kindertagesstätte vorlag, gab es auch Ausnahmen. Einige Kinder, die ängstlich gebunden waren, wiesen später keine signifikanten Probleme auf. Solche Entwicklungen hingen zumeist mit positiven Veränderungen des in der Familie erlebten Stresses sowie mit der sozialen Unterstützung der Kinder zusammen. Demnach wirkten hier die Veränderungen im familiären Umfeld kompensierend auf die frühen kindlichen Erfahrungen. Über einen längeren Lebenszeitraum hinweg fanden sich sogar noch häufiger Hinweise auf Veränderungsprozesse. In unserer Stichprobe mit Familien aus der Unterschicht konnte zum Beispiel nur ein moderater Zusammenhang zwischen dem beobachteten Bindungsverhalten eines Säuglings und der späteren Bindungsrepräsentation (d. h. der kognitiven und emotionalen Verarbeitung früher Bindungserfahrungen) festgestellt werden, wie sie mit Hilfe des Adult Attachment Interviews (AAI) im Erwachsenenalter erfasst wurden (Weinfield et al., 2000). Wie gesagt, Veränderungen folgen Gesetzmäßigkeiten und können teilweise durch spätere Misshandlungen, Veränderungen des Familienstresses und der Eltern-Kind- Beziehung, oder durch die Qualität einer positiven Paarbeziehung im Erwachsenenalter erklärt werden. Offensichtlich führen neue Lebensumstände zur Veränderung individueller Bindungsrepräsentationen. Ein letztes Beispiel sei im Kontext des Auftretens von Verhaltensproblemen diskutiert. In der Kindheit und im Jugendalter fanden sich Verhaltensprobleme, die mit vermeidender und desorganisierter Bindungserfahrung und insbesondere mit dem frühen Fürsorgeverhalten der Eltern im Zusammenhang standen (Aguilar et al., 2000). Diese Ergebnisse stimmen überein mit einer Vielzahl von Forschungsresultaten über die hohe Stabilität bestehender Verhaltensstörungen über Lebensphasen hinweg (Koko und Pulkkinen, 2005). Dennoch kann es sogar im Bereich von Verhaltensstörungen zu positiven Veränderungen kommen. Der stärkste Prädiktor für die Reduzierung von Verhaltensstörungen zwischen dem Jugend- und Erwachsenenalter - bei schon frühem Beginn der Verhaltensprobleme - war bemerkenswerterweise 191 FI 4 / 2011 Die Rolle früher Erfahrungen für die kindliche Entwicklung (1) der Beginn einer positiven romantischen Paarbeziehung und (2) die Aufnahme einer erfüllenden Berufstätigkeit (Roisman et al., 2004). Auch in diesem Fall ist die frühe Erfahrung nicht als Schicksal anzusehen. Nicht selten sind Veränderungen möglich. Wenn es Hinweise auf außergewöhnlich schwierig zu bewerkstelligende Veränderungen gibt - wie sich dies in einigen der rumänischen Waisenhausstudien gezeigt hat - ist dies wahrscheinlich dann der Fall, wenn die Deprivation massiv und langanhaltend war (Gunnar, 2001; Rutter et al., 2009). b) Schicksal früher Erfahrungen nach Entwicklungsveränderungen Nach John Bowlby beruht Entwicklung auf der kumulativen Historie des Organismus. Wenn dies zutrifft, dann kommt es mit Blick auf Umbrüche im Entwicklungsverlauf selbst bei späteren Veränderungen zu keiner Löschung früher Erfahrungen. Die Ergebnisse unserer Langzeitstudie eröffnen verschiedene Möglichkeiten, dies aufzuzeigen (Sroufe et al., 2005 b). In einem ersten Durchgang bildeten wir zwei Gruppen von Kindern, die über drei Messzeitpunkte hinweg konsistent schlechte Anpassungsleistungen in der Vorschulzeit aufwiesen (Sroufe et al., 1990). Unter der Annahme, dass frühe Erfahrungen gelöscht werden, bilden sie eine homogene Gruppe, da das schlechte Niveau der Entwicklung vergleichbar ist. Was die beiden Gruppen jedoch unterscheidet, ist die Tatsache, dass die Kinder einer Gruppe während der frühen Kindheit seitens ihrer Eltern durchgehend eine sichere Bindung und emotionale Unterstützung erfahren hatten, was bei der anderen Gruppe nicht der Fall war. Wir erwarteten, dass die Gruppe mit der in der frühen Kindheit erlebten emotionalen Unterstützung zum Beginn der Grundschule weniger Problemverhalten zeigen würde, da sie sich wahrscheinlich von der ungünstigen Anpassungsphase während der Vorschulzeit wieder erholt hat. Diese Annahme konnte klar bestätigt werden. Zu einem späteren Zeitpunkt replizierten wir diese als grundsätzlich anzusehenden Ergebnisse und benutzten dabei die Resultate über positive Veränderungen zwischen der mittleren Kindheit und dem Jugendalter (Sroufe et al., 1999). Auch hier zeigte sich, dass depressive oder verhaltensauffällige Jugendliche ohne klinisch relevante Werte im Erwachsenenalter in der frühen Kindheit eine positive elterliche Fürsorge erfahren hatten. Erwachsenen mit klinisch signifikanten Problemen wurde hingegen diese elterliche Fürsorge nicht zuteil. In Übereinstimmung mit anderen Forschungsergebnissen lässt sich allgemein sagen: Resilienz ist häufig das Ergebnis sowohl sich früh entwickelter positiver Grundlagen als auch aktueller Unterstützung, wie sich bei Yates et al. (2003) zeigt. Eine weitere Frage ist, ob frühe positive Erfahrungen spätere Entwicklungsveränderungen verstärken können, indem sie den Individuen erlauben, ihre Möglichkeiten besser zu realisieren oder Wendepunkte konstruktiv zu nutzen, die sich im Lebenslauf ergeben. Wir stellten beispielsweise die Frage, ob Personen mit positiven frühen Erfahrungen von ihren positiven Paarbeziehungen oder befriedigenden Arbeitsmöglichkeiten mehr profitieren als Personen ohne solche positiven Erfahrungen. In unserer Studie konnten wir statistisch eine signifikante Zunahme bei Depressionen nachweisen: diejenigen depressiven Jugendlichen, die eine positive Paarbeziehung begannen und als Säuglinge eine sichere Bindung aufwiesen, zeigten eine größere Abnahme von Symptomen im Erwachsenenalter als die Personen mit einer ebensolchen Paarbeziehung, aber ohne sichere Bindung im Säuglingsalter. Aufgrund der geringen Anzahl von hierbei untersuchten Personen lassen sich definitive Schlussfolgerungen allerdings noch nicht ziehen. 192 FI 4 / 2011 L. Alan Sroufe et al. c) Wie und warum sind frühe Erfahrungen mit späterem Verhalten verbunden? Auf welche Weise üben frühe Erfahrungen ihren Einfluss auf die Entwicklung aus? Dabei soll uns folgende Grundüberlegung leiten: Frühe Erfahrungen entfalten Wirkungen, da sie bei der Förderung der Anpassung des Individuums hilfreich sind, was wiederum nachfolgende Erfahrungen beeinflusst (Carlson et al., 2004; Sroufe et al., 2005 b). Personen passen sich an aktuelle Lebensumstände an und diese Anpassung unterstützt sie, in ihrem zukünftigen Engagement weitere Erfahrungen zu machen, worauf es zu neuen Anpassungsprozessen kommt - und dies fortlaufend über den gesamten Entwicklungsverlauf hinweg. Viele Forschungsarbeiten setzen sich heute intensiv mit der Frage auseinander, wie frühe Erfahrungen die Struktur und Funktion des Gehirns verändern und wie dies Personen bei der Verarbeitung späterer Erfahrungen beeinflussen kann (Stiles, 2008). Unsere Forschungsarbeiten konzentrieren sich auf zwei andere Ebenen, die des Verhaltens und die der Repräsentation von Bindungsmustern im Erwachsenenalter. Der Auf bau und die Organisation komplexer Fähigkeiten erfolgt unserer Meinung nach schlüssig über den gesamten Entwicklungszeitraum hinweg (Sroufe et al., 1999). Nicht alles lässt sich allerdings direkt auf frühe Erfahrungen zurückführen. Es gibt beispielsweise eine Reihe von Hinweisen, dass bestimmte Kompetenzen und Eigenschaften in der symmetrischen Welt der Gleichaltrigen (Peers) mit ihrem steten Geben und Nehmen erworben werden müssen. Zu lernen, Interaktionsprozesse mit Partnern aufrechtzuerhalten, die selbst noch nicht reif sind, und Konflikte mit Partnern auf gleicher Ebene zu bewältigen, sind zum Beispiel nicht Teil der frühen Bindungsbeziehung. Welche Rolle kommt hierbei der frühen Bindungserfahrung zu? Wir sind der Überzeugung, dass frühe Bindungserfahrungen grundlegende einstellungsbezogene Komponenten, Motivationen und Emotionen zur Verfügung stellen, die eine Plattform zum Eintritt in die Welt der Gleichaltrigen bilden, um damit verbundene Herausforderungen zu bewältigen. Wie bereits erwähnt, entwickeln Säuglinge mit einer früh erfahrenen responsiven Fürsorge positive Erwartungen hinsichtlich ihrer Beziehungen zu anderen und bauen Kompetenzen zur Emotionsregulation und Fertigkeiten zur Objektbeherrschung auf, da eine sichere Bindung das Explorationsverhalten fördert. Diese Kinder können angenehme und geschätzte Spielpartner sein. In seinen qualitativen Studien über Freundschaften bei Vorschulkindern kam Gottman (1983) zu dem Ergebnis, dass „Freundschaft“ in erster Linie die Fähigkeit bezeichnet, miteinander Spaß zu haben. Kinder im Vorschulalter mit einer sicheren Bindungserfahrung initiieren positive Interaktionen und reagieren auf Angebote von Gleichaltrigen auf eine gleichfalls positive Weise. Dies kann als Folge einer frühen sicheren Bindung angesehen werden. Es sind diese emotionalen Aspekte, die dazu führen, dass sich durch die Kenntnis des Bindungsmusters eines Säuglings die Qualität von Beziehungen im Jugendalter bis hin zum Erwachsenenalter hochsignifikant voraussagen lässt. Auch das Einüben sozialer Interaktionen und das Erleben belohnender Erfahrungen in frühen Beziehungen mit Gleichaltrigen ist von großer Bedeutung für die zukünftige kindliche Entwicklung. In der Vorschulzeit lernen die Kinder die Aufrechterhaltung interaktiver Beziehungen auch in schwierigen Situationen und dies mit Partnern, die über vergleichbar begrenzte Fertigkeiten wie sie selbst verfügen. Sie stehen hier zudem am Beginn 193 FI 4 / 2011 Die Rolle früher Erfahrungen für die kindliche Entwicklung eines Lernprozesses über das Zusammenleben in einer Gruppe. Diese Fähigkeiten können nicht in Beziehungen mit Eltern oder Bezugspersonen erworben werden, sie stellen aber Anforderungen in späteren Lebensphasen dar, die für das Verhalten in festen Gruppenstrukturen und für die Bildung von Freundschaften entscheidend sind. Kompetenzen zur Kooperation mit Gleichaltrigen in jeder Altersstufe lassen auch Voraussagen über diese Kompetenzen in der nächsten Altersstufe zu, auch wenn diese Beziehungen besonders komplex sind und neue Fragen aufwerfen (Sroufe et al., 1999). Auch wenn sich mit der Zeit das Bindungsverhalten verändert, sind weiterhin Voraussagen möglich, sogar wenn berücksichtigt wird, dass sich die Kompetenzen eines Kindes im Umgang mit Gleichaltrigen auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe befinden. Das Ergebnis einer komplexen Analyse hat gezeigt, dass eine sichere Bindung im Säuglingsalter die soziale Kompetenz eines Kindes in der Grundschule voraussagen kann; diese wiederum ließ Voraussagen zu über positive Freundschaftsbeziehungen im Jugendalter, und diese wiederum erlaubten schließlich Voraussagen über das Auftreten sowohl emotional positiver Erfahrungen wie auch über weniger negative Emotionen bei der Bewältigung von Konflikten in Paarbeziehungen bei jungen Erwachsen (Simpson et al., 2007). Das wichtigste Ergebnis für uns ist, dass keines dieser Forschungsergebnisse die Bedeutung früher Erfahrungen bagatellisiert. Die Ergebnisse unterstreichen eher, dass frühen Erfahrungen eine wesentliche Rolle im gesamten Entwicklungsprozess zukommt. Ein anderer Weg zur Beschreibung der Rolle früher Erfahrungen ist über ihren Einfluss auf Bindungsrepräsentationen möglich - d. h. das Ausmaß des Verstehens und der Erwartungen der sozialen Umwelt, wie das Individuum sie konstruiert. Frühe Erfahrungen sind verinnerlicht, in die Zukunft gerichtet und strukturieren auf diese Weise zum Teil spätere Erfahrungen. Spätere Erfahrungen wiederum können Bindungsrepräsentationen verändern und diese veränderten Repräsentationen stellen in einem permanenten Zyklus ein neues Bezugssystem für nachfolgende Erfahrungen dar. Schluss Angesichts der langen Spanne und der Komplexität des Lebens scheint es höchst bemerkenswert, dass aufgrund der in den ersten Lebensjahren gemachten Erfahrungen Voraussagen über Entwicklungsprozesse im Jugend- und Erwachsenenalter gemacht werden können. Dazu gibt es eine Vielzahl empirischer Forschungsergebnisse. Aus dem Blickwinkel einer Entwicklungsperspektive ist das nicht wirklich bemerkenswert, aber doch sehr bedeutsam. Es kann auf überzeugende Weise nachgewiesen werden, dass Entwicklungen hierarchisch oder kumulativ zu denken sind: ein späterer Entwicklungsprozess baut auf vorhergehenden Erfahrungen auf. Trotz der Komplexität und den Herausforderungen bei der Erforschung der Bedeutung frühkindlicher Erfahrungen hat dieses Thema seinen zentralen Stellenwert in entwicklungspsychologischen Studien seit vielen Jahren zu Recht. Unsere Analysen weisen allerdings in die Richtung, dass jenseits der Frage, „ob“ frühe Erfahrungen bedeutsam sind, in Zukunft die Rolle früher Erfahrungen im Entwicklungsprozess verstärkt zu untersuchen ist. Anmerkung Forschungsarbeiten wie auch vorliegender Beitrag wurden beim ersten und dritten Autor durch das National Institute of Child Health and Human Development grant (HD054850-01; Collins, PI) unterstützt; die Zweitautorin erhielt einen grant vom National Institute of Mental Health training (MH015755-28). 194 FI 4 / 2011 L. Alan Sroufe et al Prof. Dr. L. Alan Sroufe Institute of Child Development University of Minnesota 51 East River Road Minneapolis, MN 55455, USA E-Mail: srouf001@umn.edu Übersetzung: Prof. Dr. F. Peterander Literatur Ainsworth, M. D. S. 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