Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Online-Artikel: Frühe Hilfen zum gesunden Aufwachsen von Kindern - Interdisziplinäre und intersektorale Zusammenarbeit, Teil 2
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Sabine Höck
Im zweiten Teil werden Inhalte der Arbeit in den Frühen Hilfen und erste Erfahrungen aus den Praxisberichten vorgestellt. Neben Erfahrungen mit den Familien werden auch übergeordnete Projekterfahrungen wie Netzwerkanalyse und Datenschutz sowie Gesundheitsförderung und Leitlinien behandelt. Die referierten Erfahrungen beziehen sich auf Modelle stärker basierend auf den Bereich des allgemeinen Gesundheitswesens (Familienhebammen - Projekt FrühStart, Gesundheitsförderung - Projekt "Pro Kind") und Bereich Psychiatrie -Psychotherapie/Sozialwesen unter dem Stichwort psychosoziale Belastung (Projekt Chancen für Kinder psychisch kranker +/oder suchtbelasteter Eltern; das STEEP-Praxisprojekt "Wie Elternschaft gelingt - WiEge"; Projekt "Keiner fällt durchs Netz"). Zentrales Element in den Modellversuchen ist die Stärkung der elterlichen Feinfühligkeit. Teil 1 des Beitrages lesen Sie in Frühförderung interdisziplinär, Heft 4, 2011.
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1 FI 1 / 2012 Gelesen in … Gelesen In … Im zweiten Teil werden Inhalte der Arbeit in den Frühen Hilfen und erste erfahrungen aus den Praxisberichten vorgestellt. neben erfahrungen mit den Familien werden auch übergeordnete Projekterfahrungen wie netzwerkanalyse und Datenschutz sowie Gesundheitsförderung und leitlinien behandelt. Die referierten erfahrungen beziehen sich auf Modelle stärker basierend auf den Bereich des allgemeinen Gesundheitswesens (Familienhebammen - Projekt Frühstart, Gesundheitsförderung - Projekt „Pro Kind“) und Bereich Psychiatrie - Psychotherapie/ sozialwesen unter dem stichwort psychosoziale Belastung (Projekt Chancen für Kinder psychisch kranker +/ oder suchtbelasteter eltern; das sTeeP-Praxisprojekt „Wie elternschaft gelingt - Wiege“; Projekt „Keiner fällt durchs netz“). Zentrales element in den Modellversuchen ist die stärkung der elterlichen Feinfühligkeit. Die Artikel zu Datenschutz (Schönecker u. a.) vom Deutschen Institut für Jugendhilfe und Familienrecht; zur Gesundheitsförderung im frühen Kindesalter (Pott u. a.) von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung; zu leitlinien und evidenz (Herrmann u. a.) von der ärztlichen Kinderschutz- und Kindergynäkologieambulanz Kassel); zu sozialer netzwerkanalyse (Künster u. a.) von der Universität Ulm, der Projektleitung von „Guter start ins Kinderleben“ geben jeweils eine gute Übersicht und Orientierung. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung/ Gesundheitsschutz Bd. 53, H 11; Nov. 2010 Leitthema „Frühe Hilfen zum gesunden Aufwachsen von Kindern - Interdisziplinäre und intersektorale Zusammenarbeit, Teil 2“ Sabine Höck Zum Präventionsziel Kindergesundheit im Rahmen des Modellprojektes „Pro Kind“ (Jungmann u. a.) von einem interinstitutionellen und interdisziplinären Autorenteam werden erst Daten einer längsschnittlichen, randomisierten Kontrollgruppenstudie von 755 multipel risikobelasteten erstgebärenden vorgestellt. Diese wurden 2009 in niedersachsen, Bremen und sachsen erfasst und in zwei Untersuchungsgruppen geteilt, eine Gruppe erhält Regelversorgung, die andere erhält zusätzlich über 2 ½ Jahre Hausbesuche von Familienbegleiterinnen. Die Teilnahme am Projekt ist freiwillig, beiden Untersuchungsgruppen werden die Fahrtkosten zu schwangerschaftsvorsorgeuntersuchungen, den U-Untersuchungen der Kinder erstattet und sie erhalten eine finanzielle Aufwandsentschädigung für die Teilnahme an den Forschungserhebungen. Die Hausbesuche erfolgen durchgängig durch Hebammen oder durch ein Tandem mit einer sozialpädagogin zusätzlich. es liegen manualisierte leitfäden vor, die Themenvorschläge und Arbeitsmaterialien zu jedem Hausbesuch beinhalten. sie konnten zeigen, dass die Zielgruppe, die normalerweise keine primäre Prävention in Anspruch nimmt, multipel belastete schwangere, mit dem Hausbesuchsprogramm erreicht wurde. Deutliche Programmeffekte auf mütterliches Gesundheits- und Inanspruchnahmeverhalten, auf Geburtsoutcome 2 FI 1 / 2012 Gelesen in … und weitere gesundheitliche kindliche entwicklung lassen sich noch nicht nachweisen, ein erster tendenzieller effekt findet sich bei der kognitiven entwicklung der Kinder mit einem Jahr. Die Autoren verweisen auf ähnliche ergebnisse ähnlicher studien und die Unvollständigkeit ihrer Daten und hoffen dass die ersten positiven Treatmenteffekte auf die kindliche entwicklung sich mit zunehmender Follow-up rate festigen. Für weitere Implementationszyklen werden Überarbeitungen des für die schwangerschaft verwendeten Materials empfohlen. Projekte bei Psychosozial belasteten Familien Kluth u. a. berichten zum Projekt „Chancen für Kinder psychisch kranker +/ oder suchtbelasteter eltern“ das sich in Mecklenburg-Vorpommern auf psychisch kranke jugendliche und erwachsene eltern mit säuglingen und Kleinkindern konzentrierte. sie geben erste Auswertungen zu Daten von 104 psychisch belasteten Müttern mit Kindern im Alter 0 - 3 Jahre. Der Zugang zum Projekt erfolgte aus allen Bereichen der Gesundheits- und sozialhilfe, wenn psychische Auffälligkeiten bei den Müttern festgestellt wurden, teilweise auch über selbstmeldung. Im bundesdeutschen Vergleich ist der Anteil von Teenagerschwangerschaften in Mecklenburg-Vorpommern besonders hoch, deswegen bildeten sie eine subgruppe (Anteil in der studie 46,1 %). Die im Modellprojekt erreichten Mütter weisen eine hohe psychopathologische symptomatik auf, auffällig wird diskutiert, dass Gewalterfahrungen in der eigenen Biografie in beiden Gruppen ( jugendliche und erwachsene Mütter[>19 J]) mit ca. 60 %, Traumata mit >80 % gehäuft auftreten, substanzmissbrauch und essstörungen fanden sich häufiger bei jugendlichen und Affekt- und Angststörungen mehr bei erwachsenen Müttern. Trotz Kontakten zu helfenden einrichtungen, die ja z. B. als Vermittler auftraten, fanden sie verstärkend eine fehlende wahrgenommene soziale Unterstützung, die von den jugendlichen Müttern noch ausgeprägter angegeben wird. Die Hilfe der verschiedenen Institutionen wird als nicht ausreichend unterstützend empfunden, die Autoren verweisen hier auf ähnliche ergebnisse anderer studien. Inanspruchnahme von Hilfen wird als wesentlicher Aspekt gesehen und die Bedeutung der eigenmotivation und passgerechter Intervention mit senkung der schwellen als wesentlich diskutiert. Trotz eigener Belastung beschreiben die Mütter das Verhalten ihrer Kinder eher unauffällig, dies unterstreicht Chancen, präventiv zu wirken, aber auch dass sich hier kein zusätzlicher Motivationsfaktor findet. Inwieweit die angebotenen niederschwelligen Interventionen tatsächlich wirken, sollen die Follow-up-Untersuchungen zeigen. Die Autoren weisen darauf hin, dass eine besondere Aufmerksamkeit auf den psychisch belasteten Müttern liegen sollte. Eickhorst u. a. berichten aus dem Projekt „Keiner fällt durchs netz“ von Daten zur Feinfühligkeit von je 30 Müttern und Vätern im Umgang mit säuglingen im 6. lebensmonat, die an dem Präventionsprojekt teilnahmen. Untersuchungen zu Vätern als Zielgruppe präventiver Arbeit finden sich nicht viele, gezieltes einbinden und Ansprechen noch weniger. Das Projekt zielt auf ein flächendeckendes freiwilliges Unterstützungsangebot, das eltern auf den geburtshilflichen stationen gemacht wird und abgestuft elternschulen und Familienhebammen umfasst. Für die referierte explorative studie wurden Familien aufgenommen, die schwellenwerte der „Heidelberger Belastungsskala“ [neu entwickelt in Validierungsphase] überschritten hatten, videografierte Interaktionen wurden mit dem CARe-Index bewertet und weitere Parameter zu elterlichem Belastung, postpartaler Depression, elterlichen Bindungsverhalten, stressbelastung, Kohärenzgefühl erhoben. In 3 FI 1 / 2012 Gelesen in … der vorliegenden Arbeit beziehen sich die Autoren vorrangig auf den CARe-Index. Die untersuchten Projektfamilien fanden sich im Interventionsbereich durchschnittlich im Bereich „unbeholfener“ Feinfühligkeit, mit einer geringeren Feinfühligkeit gegenüber vergleichbaren studien, zwischen Müttern und Vätern fanden sich in der gezeigten Feinfühligkeit keine bedeutsamen Unterschiede, die Gesamtscore-Werte korrelieren. Mit der familiären Belastung korreliert dagegen nur mütterliche Feinfühligkeit, weitere Unterschiede zeigten sich in geringeren Depressionswerten (n. s.) und höherem Kohärenzgefühl der Väter. Die Autoren halten den CARe-Index auch für Väter anwendbar, diskutieren aber die bei Vätern gefundene höhere Anzahl + viele unerwartete CARe-Pattern, die wissenschaftlich verfolgt werden müssten und evtl. ergänzungen im CARe-Manual nach sich ziehen könnten. Suess u. a. präsentieren vorläufige ergebnisse aus dem bindungsbasierten sTeeP-Praxisforschungsprojekt „Wiege - Wie elternschaft gelingt“. Vorgelegt werden Daten aus der multizentrischen Interventionsstudie in Hamburg, Offenburg und Frankfurt. An den standorten kooperieren sie mit anerkannten Trägern der Jugendhilfe, die das zweijährige sTeeP-Programm als Hilfen zur erziehung anbieten. sTeeP basiert auf dem Ansatz einer beraterischen Beziehung, die einen sicherheit spendenden Rahmen stellt, der zur Reflexion eigener Bindungserfahrungen und ihrer Auswirkungen auf den Umgang mit dem Kind anregt, und einer videogestützten Anleitung zum feinfühligen Umgang mit dem Kind. es richtet sich an hoch belastete junge Mütter, umfasst Hausbesuche und Gruppenangebote, in der Regel beginnend im letzten schwangerschaftsdrittel, und endet zum 2. Geburtstag des Kindes. Verglichen wurden hier die ergebnisse von 58 Mutter-Kind-Paaren mit einem Jahr sTeeP-Intervention und einer vergleichbaren Kontrollgruppe von 12 Paaren ohne sTeeP zur Bindungsqualität im einjahresalter. signifikant mehr Mütter der Interventionsgruppe entwickelten sichere Bindungsbeziehungen zu ihren einjährigen Kindern, erfasste Bindungsmuster im Fremde-situations-Test nach Ainsworth (59 % gegenüber 33 %). Hinsichtlich desorganisierter Bindungsqualitäten finden sich etwas mehr desorganisiert/ sichere einstufungen (n. s.) bei der Interventionsgruppe. Bei zusätzlich erhobenen Variablen, wie Depression, stress und erziehungseinstellungen, die bei der Interventionsgruppe zu Beginn und nach einem Jahr erhoben wurden, sank die Anzahl der depressiv belasteten Mütter und sie wiesen eine höhere stressbelastung auf, die Mütter der Kontrollgruppe zeigten tendenziell mehr die neigung, das streben ihrer Kinder nach Unabhängigkeit zu unterdrücken, es in den Autonomiebestrebungen einzuschränken. eine klare Vergleichsaussage war nicht möglich, da in der Kontrollgruppe nur mit einem Jahr erhoben wurde. Diese fehlende Baseline der Kontrollgruppe in der studie wird auch von den Autoren angesprochen und in der Interpretation berücksichtigt. sie verweisen auf andere Variablen, die unabhängig von entwicklungseinflüssen sind und eine tendenziell höhere Belastung in der Interventionsgruppe belegen, und halten die gefundenen deutlich besseren ergebnisse in der Bindungssicherheit für konzeptionell bedeutsam. Dr. med Sabine Höck Arbeitsstelle Frühförderung Bayern Seidlstr. 18 a 80335 München hoeck@astffby.de
