Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2012.art11d
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Verliert die Frühförderung die Familien? Eine explorative Studie zur Umsetzung von Elternarbeit
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Matthias Paul Krause
Mit einem an alle verfügbaren Emailadressen von Frühförderstellen in der BRD verschickten Fragebogen wurden strukturelle Gegebenheiten und inhaltliche Ausrichtung von Elterngesprächen erfasst. 357 Kolleginnen unterschiedlicher beruflicher Provenienz beteiligten sich. 39.9 % der Frühfördertätigkeit wird in den Familien erbracht, 30 % ambulant in einer Einrichtung sowie 30 % in einer KiTa. Im Mittel bringen Pädagoginnen in der allgemeinen Frühförderung 15,5 Minuten je Besuch für das Gespräch mit Eltern auf. 18,1 % der Pädagoginnen führten ein 30 bis 60 Minuten dauerndes, zusammenhängendes Elterngespräch einmal im Monat. Die Gespräche drehen sich am häufigsten um 'Erziehung' und 'Förderung'. Die Themen 'Behinderung', 'Bewältigung' und 'Lebensqualität' treten seltener auf. Höheres Lebensalter und Berufserfahrung bestimmen diese Themen häufiger als der Arbeitsort mobil oder ambulant. Stärkung von Gesprächsbereitschaft und Gesprächsführung, um die Bereitschaft zu erhöhen, emotional schwierige Themen anzusprechen, ergeben sich als Desiderate ebenso wie die Überprüfung der hier explorativ gewonnenen Befunde durch eine repräsentative Untersuchung.
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164 Frühförderung interdisziplinär, 31. Jg., S. 164 -177 (2012) DOI 10.2378/ fi2012.art11d © Ernst Reinhardt Verlag ORIgInalaRbEIt Verliert die Frühförderung die Familien? Eine explorative Studie zur Umsetzung von Elternarbeit Matthias Paul Krause Zusammenfassung: Mit einem an alle verfügbaren Emailadressen von Frühförderstellen in der BRD verschickten Fragebogen wurden strukturelle Gegebenheiten und inhaltliche Ausrichtung von Elterngesprächen erfasst. 357 Kolleginnen unterschiedlicher beruflicher Provenienz beteiligten sich. 39.9 % der Frühfördertätigkeit wird in den Familien erbracht, 30 % ambulant in einer Einrichtung sowie 30 % in einer KiTa. Im Mittel bringen Pädagoginnen in der allgemeinen Frühförderung 15,5 Minuten je Besuch für das Gespräch mit Eltern auf. 18,1 % der Pädagoginnen führten ein 30 bis 60 Minuten dauerndes, zusammenhängendes Elterngespräch einmal im Monat. Die Gespräche drehen sich am häufigsten um ‚Erziehung‘ und ‚Förderung‘. Die Themen ‚Behinderung‘, ‚Bewältigung‘ und ‚Lebensqualität‘ treten seltener auf. Höheres Lebensalter und Berufserfahrung bestimmen diese Themen häufiger als der Arbeitsort mobil oder ambulant. Stärkung von Gesprächsbereitschaft und Gesprächsführung, um die Bereitschaft zu erhöhen, emotional schwierige Themen anzusprechen, ergeben sich als Desiderate ebenso wie die Überprüfung der hier explorativ gewonnenen Befunde durch eine repräsentative Untersuchung. Schlüsselwörter: Frühförderung, Elternberatung, Behinderung, elterliche Bewältigung‚ Lebensqualität, Kommunikation zwischen Fachleuten und Eltern, E-Mail-Befragung Early intervention without parents? - Exploring the communication between early intervention therapists and parents Summary: Structures and content of the conversational contact between early intervention therapists and parents were covered by a questionnaire sent to German centres of early intervention. 357 colleagues with different professional background responded, giving a picture of 39.9 % of the interventional work to be done at the families’ home, 30 % with the families visiting institutions and 30 % at kindergartens. Results show that professionals with pedagogical backgrounds have a mean of a 15.5 minutes talk with the parents each contact. 18.1 % of them have a 30 to 60 minute continuous conversation with parents each month. The top ranking topics of these talks are ‘education’ and ‘intervention’. Issues like ‘disability’, ‘coping’ and ‘quality of life’ are less frequent. Professional experience and higher chronological age of the participants are relevant for dwelling on the latter themes. Further communicational training in depicting the more difficult coping issues is recommended. These exploratory results are to be grounded by a representative sample. Keywords: Early intervention, parent-professional communication, emipirical study, e-mail-questionnaire, parent counseling, parental coping, disability, quality of life Familienorientierung und Elternarbeit D er erste Schritt von der ausschließlichen Individualförderung hin zur Familienorientierung bestand in der Hinzuziehung der Eltern, in erster Linie der Mütter, als Kotherapeuten (Innerhofer & Warnke, 1978; Prinz, Tiesler & Prinz, 1980). Unter dem Einfluss familientherapeutischsystemischer Ansätze rückte die Familie als System in den Fokus, was nicht nur zur bis heute noch nicht ganz abgeschlossenen Entdeckung des Vaters führte, sondern auch familiäre psychologische Mechanismen der Behinderungsbewältigung als bedeutsame Pa- 165 FI 4 / 2012 Verliert die Frühförderung die Familien? rameter für Entwicklung und Förderung des Kindes beschrieb (Krause, 1986) und den Weg zu einer partnerschaftlichen Kooperation mit den Eltern bahnte. Eine familienorientierte bedeutet also im Gegensatz zu einer kindzentrierten Frühförderung die Einbeziehung von Eltern, ggfls. auch weiterer Familienmitglieder, in den Förderprozess um zu informieren, günstige Interaktionsformen zu etablieren, elterliche Erziehungs- und Entscheidungskompetenz zu stärken und zur Entlastung beizutragen (Sarimski, 1996). Die komplexen Zusammenhänge zwischen wahrgenommener elternbezogener professioneller Unterstützung und nicht nur dem elterlichen Wohlbefinden, sondern auch positiven Auswirkungen auf die Interaktion mit dem behinderten Kind und seiner Entwicklung lassen sich nicht nur theoretisch postulieren, sondern mittlerweile auch empirisch nachweisen (Trivette, Dunst & Hamby, 2010). Neben der Beschäftigung mit dem behinderten oder von Entwicklungsstörung bedrohten Kind wurde die Elternarbeit zur zweiten Säule der Frühförderung. Beide gehören zusammen und bedingen sich gegenseitig. Elternarbeit als konkretisierte Anwendung der Familienorientierung in der Frühförderung fußt heute auf keinem einheitlichen Konzept. Obgleich mittlerweile als notwendiger Bestandteil von Frühförderung angesehen (Thurmair, 1998; Bode, 2002), variiert ihr Erscheinungsbild je nach den institutionell vorgegebenen Möglichkeiten von sporadischer Informationsvermittlung - tragischerweise oftmals ‚zwischen Tür und Angel‘ - bis hin zu kontinuierlichem Austausch auf partnerschaftlicher Ebene. Zu dem bevorzugten Ende dieses Kontinuums von Elternarbeit in der Frühförderung würde eine die persönliche Erziehungs- und Bewältigungshaltung empathisch verstehende, wertschätzende und ressourcenstärkende Kompetenz aufseiten der Frühfördertherapeutin gehören, die es ermöglicht, Vertrauen aufzubauen um pädagogische Interventionen gemeinsam zu definieren und durchzuführen. Erschwerend kommt hinzu, dass dabei die emotionale und psychische Gesamtsituation der Eltern berücksichtigt werden muss, die z. B. bei mindestens 30 bis 40 % der Eltern mental retardierter Kinder als hoch belastet bezeichnet werden kann (Lang, Hintermair & Sarimski, 2012). Eine Metaanalyse zeigt, dass fast ein Drittel der Mütter behinderter Kinder im Zuge der Bewältigung der Behinderung ihrer Kinder eine depressive Symptomatik entwickeln, im Gegensatz zu 19 % der Mütter nichtbehinderter Kinder (Singer, 2006). So wundert es nicht, dass eine beträchtliche Anzahl, mehr als ein Viertel, der in der Heidelberger Untersuchung befragten Mütter sich mehr Hilfen zur persönlichen Stärkung und emotionalen Unterstützung, mehr Verständnis der Fachleute und mehr Berücksichtigung der Familienbedürfnisse von der Frühförderung wünschen (Sarimski, Hintermair, & Lang, 2012). Um die notwendige, nur im Kontakt mit den Eltern entstehende Arbeitsgrundlage zu erreichen, bedarf es eines zeitlichen Rahmens, der gemeinsame Gespräche in Ruhe und Konzentration ermöglicht. Auch der Ort der Begegnung der Fachperson mit den Eltern kann von entscheidender Bedeutung sein. War Frühförderung in ihren Anfängen weitgehend aufsuchend ausgerichtet, hat sich dieses Format mittlerweile durch ambulante Angebote und Implementation in Kindertagesstätten erweitert. Mit dieser Entwicklung gehen Befürchtungen einher, die anfangs gewährleistete Familienorientierung der Frühförderung leide und das Verhältnis zur Familie des geförderten Kindes, vorrangig zu dessen Eltern, werde distanzierter, Kooperation und Einbeziehung der Eltern in den Förderprozess schwieriger (Engeln, 2011). Für sog. Risikofamilien wird gefordert, ‚Komm‘- Strukturen durch ‚Geh‘-Strukturen zu ersetzen, um eine möglichst niedrige Schwelle zu gewährleisten (Klein, 2010). Diese Forderung gilt bestimmt nicht für alle Familien in der 166 FI 4 / 2012 Matthias Paul Krause Frühförderung, aber eben doch für manche, die ansonsten nicht erreichbar wären. Es ist eine zentrale Frage für die Frühförderung, ob Familienorientierung eher mit dem ambulanten oder einem mobilen Konzept verwirklicht werden kann. Erste empirische Hinweise zeigen, dass etwa das elterliche Belastungserleben weder von der Kontakthäufigkeit noch vom Ort der Frühförderung abhängt (Lang, Hintermair & Sarimski, 2012). In der folgenden Untersuchung wird der Frage nachgegangen, wie auf einem pragmatisch definierten Niveau die Wirklichkeit, sozusagen als Form und Inhalt der aktuell geleisteten Elternarbeit aussieht 1 . Deshalb musste interessieren, wo derzeit Frühförderung stattfindet - als Hausfrühförderung oder in der Einrichtung, wie viel Zeit Frühfördertherapeutinnen tatsächlich für Elterngespräche bleibt und ob sie diese auch in Ruhe durchführen können. Und es sollte erhoben werden, welche Themen in den Elterngesprächen auftauchen und welche von den Frühfördertherapeutinnen selbst eingebracht werden. Methode Ökonomische Gründe führten zur Erstellung eines Kurzfragebogens mit 10 vierbzw. fünffach gestuften Fragen und einer vereinfachten Form der online-Umfrage als Methode der Wahl. Die Fragen wurden per E-Mail an von den jeweiligen Arbeitsstellen zur Verfügung gestellten Listen von Frühförderstellen oder den in der vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales herausgegebenen Datenbank Frühförderung (Stand April 2011) aufgeführten Frühförderstellen verschickt, von dort an die Mitarbeiterinnen weitergegeben und per E-Mail zurückgesendet. Gefragt wurde nach Alter, Beruf, Berufsjahren, der selbsteingeschätzten Qualifikation in Gesprächsführung und Bundesland. Es sollte angegeben werden, zu wie viel Prozent der Tätigkeit in Hausfrühförderung, ambulant oder in der Kita gearbeitet wird. Die Gesprächsdauer mit den Eltern wurde je Besuch in Minuten und je durchschnittlichen Förderverlauf in einem halben Jahr in Stunden erfasst. Gezählt wurde ferner, wie häufig die Gelegenheit bestand, mit Mutter/ Vater 30 bis 60 Minuten ‚am Stück ‘ zu sprechen. Neben diesen strukturellen Aspekten der Elternarbeit sollten die Teilnehmerinnen inhaltlich nennen, wie häufig vorgegebene Themen von den Eltern bzw. von ihnen selbst angesprochen wurden. Der Fragebogen ist auf S. 169/ 170 einzusehen. Stichprobe Insgesamt wurden 637 E-Mails versendet, davon erwiesen sich 80 Adressen als unzustellbar. 357 Antworten konnten ausgewertet werden. In Tab. 1 sind die Teilnehmerinnen/ Teilnehmer nach ihrer Berufszugehörigkeit aufgeschlüsselt, in Tab. 2 nach ihrer Herkunft aus den Bundesländern. Überwiegend haben sich ältere Kolleginnen beteiligt, der Mittelwert beträgt 45 Jahre. Knapp 10 Prozent Zwanzigjährige haben teilgenommen. Fast Dreiviertel (71,5 %) sind zwischen 40 und 59 Jahre alt. Die Stichprobe ist also alterslastig. Entsprechend verteilt sich die Berufserfahrung. Etwa die Hälfte (49,1 %) hat zwischen elf und 20 Jahren in der Frühförderung, ein knappes Drittel (31 %) nur bis zu 5 Jahren gearbeitet. Die meisten Antworten kamen aus Bayern, auch Nordrhein- 1 Herzlichen Dank an Dr. Martin thurmair (arbeitsstelle bayern), Eva Klein (Hessen), Kerstin Mieth (thüringen) und gita Pötter in brandenburg, die mir ihre adresslisten zur Verfügung gestellt, an einem Probelauf des Fragebogens teilgenommen und Verbesserungsvorschläge gemacht haben. 167 FI 4 / 2012 Verliert die Frühförderung die Familien? Westfalen, Hessen und Brandenburg sind mit jeweils über 10 Prozent vertreten. 21,6 Prozent der Antworten kamen aus den neuen Bundesländern (Tab. 2). Die meisten Teilnehmerinnen hatten eine pädagogische Berufsausbildung (62,2 %): Erzieherinnen, Heil-, Diplom- und Sozialpädagoginnen machten zusammen 276 Personen aus. Weitere 14 % waren logopädische, ergotherapeutische, physiotherapeutische oder motopädische Therapeutinnen, 5,9 % Psychologinnen, 7 Lehrer und eine Kinder- und Jugendpsychotherapeutin. 78,1 % der Befragten halten sich für Gespräche mit Eltern für gut bis sehr gut ausgebildet. An der Befragung haben insgesamt also eher an Jahren und Berufserfahrung ältere und gut qualifizierte Kolleginnen teilgenommen. Es wurde geprüft, ob zwischen den Berufsgruppen Unterschiede hinsichtlich Tätigkeitsort, Gesprächsdauer und Gesprächsinhalten bestehen (Tab. 3). Die als Therapeutinnen zusammengefassten Ergo-, Logo-, Moto- und Physiotherapeutinnen arbeiten signifikant häufiger ambulant (M-W = 2743, p < .000) 2 , haben weniger Minuten je Kontakt (M-W = 3912, p < .000) und weniger Stunden im halben Jahr für Elterngespräche zur Verfügung (M-W = 4295, p < .000) als die Pädagoginnen, die mehr mobil arbeiten (M-W = 4018, p < .000). Auch die Psychologinnen arbeiten mehr ambulant als die Pädagoginnen (M-W = 2092, p < .037), nehmen sich mehr Zeit je Kontakt (M-W = 1170,5, p < .000) und suchen die Familien entsprechend seltener auf (M-W = 2 Mann-Whitney-U-test, exakte Signifikanz 2-seitig Beruf n % Alter (Jahre) Berufserfahrung (Jahre) allgemeine FF (%) Pädagogin* 276 77,3 45,1 (9,4) 11,8 (8,0) 84,8 Ergotherapeutin 22 6,2 42,5 (10,3) 9,5 (8,1) 100 logopädin 11 3,1 37,6 (10,0) 6,0 (6,1) 90,9 Physiotherapeutin 14 3,9 45,8 (7,4) 10,0 (9,5) 78,6 Motopädin 3 0,8 45,7 (14,3) 16,0 (10,1) 100 Psychologin 21 5,9 47,7 (8,9) 11,5 (10,2) 95,2 lehrerin 7 2,0 51,1 (8,1) 12,4 (11,4) 28,6 Psychotherapeutin 1 0,3 - - - gesamt 357 100 45,1 (9,5) 11,6 (8,3) 85,4 tab. 1: Soziodemografische Merkmale der Umfrageteilnehmerinnen (Mittelwert/ Standardabweichung) * 31 Pädagoginnen für Sehbehinderte, 20 für Hörbehinderte und 13 für beide; 2 berufsangaben fehlen SH HH HB NI NW HE SL RP BW BY MV BB TH SN ST 2,8 3,1 2,5 5,0 19,0 11,8 2,5 2,0 7,6 22,1 3,4 11,2 6,4 0,3 0,3 bb = brandenburg, bW = baden-Württemberg, bY = bayern, HH = Hamburg, Hb = bremen, HE = Hessen, nI = niedersachsen, MV = Mecklenburg-Vorpommern, nW = nordrhein-Westfalen, RP = Rheinland-Pfalz, SH = Schleswig-Holstein, Sl = Saarland, St = Sachsen-anhalt tab. 2: teilnehmerinnen/ teilnehmer nach bundesland (%) 168 FI 4 / 2012 Matthias Paul Krause 1737,5, p < .002). Diese Unterschiede deuten auf Unterschiede in der Arbeitsstruktur der Berufsgruppen hin. Die weiteren Analysen beschränken sich daher auf die zahlenmäßig stärkste Gruppe der Pädagoginnen, ohne die Mitarbeiterinnen in der Seh- und Hörfrühförderung, weil Letztere besondere Arbeitsbedingungen haben: Sie arbeiten signifikant mehr mobil (M-W = 4214,5, p < .001), haben mehr Minuten je Besuch (M-W = 3053,5, p<.000) und mehr Stunden im Halbjahr zur Verfügung (M-W = 4263, p < .045) - was sich aus den größeren Einzugsbereichen der Frühförderstellen und den damit verbundenen längeren Fahrzeiten ergibt. Ergebnisse Tätigkeitsort Unabhängig von der Berufszugehörigkeit arbeiten die Teilnehmerinnen unserer Befragung zu 39,9 % ihrer Tätigkeit in der Hausfrühförderung. Weitere 30 % sind sie ambulant in einer Einrichtung tätig, wo die Eltern sie aufsuchen. Die restlichen 30 % entfallen auf die Tätigkeit in der KiTa. Es kommt zu erheblichen regionalen Unterschieden bei den zum Vergleich herangezogenen Bundesländern mit mehr als 10 Rück- Beruf Mobil (Hausfrühförderung) Ambulant (Frühförderzentrum) Kontaktminuten Gesprächsstunden je Halbjahr Pädagoginnen 45,0 % 23,9 % 17,0 4,1 Pädagoginnen für Sehbehinderte oder Hörbehinderte* 57,6 % 23,2 5,1 therapeutinnen # 15,1 % 54,1 % 13,5 3,6 Psychologinnen 26,0 % 50,4 % 34,0 * 31 Pädagoginnen für Sehbehinderte, 20 für Hörbehinderte und 13 für beide; 2 berufsangaben fehlen # Ergo-, logo-, Moto- und Physiotherapeutinnen tab. 3: Unterschiede zwischen den berufsgruppen n Mobil (Hausfrühförderung) (%) Ambulant (Frühförderzentrum) (%) KiTa mit viel Elternkontakt (%) KiTa mit wenig Elternkontakt (%) nI 11 65,0 (26,3) 8,4 (12,7) 14,9 (19,7) 6,1 (9,8) HE 17 55,9 (29,1) 26,8 (26,9) 8,5 (11,7) 9,4 (12,5) nW 47 38,6 (29,0) 41,0 (33,9) 9,7 (13,7) 11,1 (14,2) bW 19 18,3 (18,9) 44,7 (32,9) 14,6 (21,1) 16,3 (19,5) bY 36 34,2 (28,4) 30,2 (26,2) 12,8 (15,9) 22,9 (24,8) bb 32 53,3 (22,6) 14,2 (20,3) 23,3 (20,9) 9,5 (13,8) tH 16 23,4 (20,0) 18,4 (14,8) 33,4 (23,1) 27,2 (27,0) gesamt (Päd) # 222 42,2 (29,5) 26,6 (28,3) 16,8 (20,1) 13,9 (18,8) gesamt (alle) § 357 39,9 (30,7) 29,7 (32,2) 15,2 (18,5) 14,5 (19,9) # Pädagoginnen ohne Seh-/ Hörfrühförderung § alle teilnehmerinnen tab. 4: Prozentualer anteil mobiler, ambulanter und Kita-arbeit an der gesamttätigkeit nach bundesland (Mittelwert und Standardabweichung; Pädagoginnen ohne Seh-/ Hörfrühförderung) 169 FI 4 / 2012 Verliert die Frühförderung die Familien? Der Fragebogen Liebe Kolleginnen und Kollegen, dies ist ein Fragebogen zur Arbeit mit den Eltern in der Frühförderung. Er geht an alle Frühförderstellen in der BRD, die Ergebnisse werden von mir am 10. 3. 2012 auf dem Symposion Frühförderung in München vorgestellt. Ich bin VIFF-Mitglied und Gründungsmitglied der VIFF NRW, in der Frühförderung durch Fortbildungsseminare und Publikationen bekannt. Natürlich sollen möglichst viele Kolleginnen diese Fragen beantworten. Die Leiterinnen werden deshalb gebeten, ihre Mitarbeiterinnen zu informieren und gerne auch zum Antworten zu motivieren. Das Ausfüllen dauert nicht länger als eine knappe Viertelstunde. Sie müssen nichts anderes tun als nach dem Lesen dieser E-Mail auf ‚Antworten‘ zu klicken. Dann können Sie die Fragen beantworten und die E-Mail anschließend mit ‚Senden‘ abschicken. Bitte informieren Sie dann die nächste Kollegin, die dann wiederum diese E-Mail ‚aufschlägt‘, auf ‚Antworten‘ klickt, die Fragen beantwortet und ‚absendet‘ - usw. Bitte antworten Sie bis 15. 2. 2012. Ihre Angaben bleiben anonym. Ich bedanke mich ganz herzlich für Ihre Mühe - alles Weitere dann in München! Dr. Matthias Paul Krause Fragen 1. Bitte tragen Sie hier ein: Ihr Alter: _____ Ihre Jahre in der Frühförderung: _____ Ihr Bundesland: ________________ Ihre Fachrichtung: ______________________________________________ Sie arbeiten: In der allgemeinen Frühförderung: Ja: ❐ , speziell mit sehgestörten: Ja: ❐ , hörbehinderten: Ja: ❐ , autistischen: Ja: ❐ , körperbehinderten Kindern: Ja: ❐ ? Oder: ______________________ Kindern. 2. Zu wie viel Prozent Ihrer Tätigkeit arbeiten Sie n in der Hausfrühförderung (Sie gehen in die Familien): _____%, n in der Frühförderstelle (Die Eltern kommen zu Ihnen): _____%, n in der Kita (mit häufigem Elternkontakt): _____%, n in der Kita (mit seltenem Elternkontakt): _____% ? 3. Wie viel Minuten sprechen Sie je Besuch mit Mutter/ Vater? _____ Minuten 4. Wie viel Stunden reines Elterngespräch (Mutter, Vater, beide Eltern) haben Sie bei einem durchschnittlichen Förderverlauf in einem halben Jahr? _____ Stunden 5. Wie oft haben Sie die Gelegenheit, mit Mutter/ Vater 30 bis 60 Minuten ‚am Stück‘ zu sprechen? Kreuzen Sie bitte an: ❐ einmal im Monat ❐ einmal in 2 Monaten ❐ einmal im Quartal ❐ einmal in 6 Monaten ➝ 170 FI 4 / 2012 Matthias Paul Krause 6. Wie häufig tauchen folgende Themen im Elterngespräch auf? Kreuzen Sie bitte an: Förderung (Ideen, Anleitung, Spiele): ❐ immer, ❐ oft, ❐ gelegentlich, ❐ selten, ❐ nie Erziehung (Verhalten, Probleme): ❐ immer, ❐ oft, ❐ gelegentlich, ❐ selten, ❐ nie Behinderung (Information, Diagnose): ❐ immer, ❐ oft, ❐ gelegentlich, ❐ selten, ❐ nie Vermittlung zu anderen Fachkräften: ❐ immer, ❐ oft, ❐ gelegentlich, ❐ selten, ❐ nie Behinderungsbewältigung (Trost, Trauer, elterliche Stimmung, Gefühle, Zukunft): ❐ immer, ❐ oft, ❐ gelegentlich, ❐ selten, ❐ nie Andere persönliche Probleme der Eltern (eigene Erkrankung, finanzielle Situation, Geschwisterkinder): ❐ immer, ❐ oft, ❐ gelegentlich, ❐ selten, ❐ nie Ehe- oder Partnerschaftsprobleme: ❐ immer, ❐ oft, ❐ gelegentlich, ❐ selten, ❐ nie Unterstützung durch Ehepartner: ❐ immer, ❐ oft, ❐ gelegentlich, ❐ selten, ❐ nie Unterstützung durch Andere: ❐ immer, ❐ oft, ❐ gelegentlich, ❐ selten, ❐ nie Lebensqualität der Familie: ❐ immer, ❐ oft, ❐ gelegentlich, ❐ selten, ❐ nie 7. Welche Themen sprechen Sie im Elterngespräch von sich aus an, auch ohne von den Eltern gefragt worden zu sein? Kreuzen Sie bitte an: Förderung (s. o.): ❐ immer, ❐ oft, ❐ gelegentlich, ❐ selten, ❐ nie Erziehung (s. o.): ❐ immer, ❐ oft, ❐ gelegentlich, ❐ selten, ❐ nie Behinderung (s. o.): ❐ immer, ❐ oft, ❐ gelegentlich, ❐ selten, ❐ nie Vermittlung zu anderen Fachkräften: ❐ immer, ❐ oft, ❐ gelegentlich, ❐ selten, ❐ nie Behinderungsbewältigung (s. o.): ❐ immer, ❐ oft, ❐ gelegentlich, ❐ selten, ❐ nie Persönliche Probleme der Eltern (s. o.): ❐ immer, ❐ oft, ❐ gelegentlich, ❐ selten, ❐ nie Ehe- oder Partnerschaftsprobleme: ❐ immer, ❐ oft, ❐ gelegentlich, ❐ selten, ❐ nie Unterstützung durch Ehepartner: ❐ immer, ❐ oft, ❐ gelegentlich, ❐ selten, ❐ nie Unterstützung durch Andere: ❐ immer, ❐ oft, ❐ gelegentlich, ❐ selten, ❐ nie Lebensqualität der Familie: ❐ immer, ❐ oft, ❐ gelegentlich, ❐ selten, ❐ nie 8. Wie viel Prozent ihrer Elterngespräche finden mit beiden Elternteilen (elterlichen Bezugspersonen) statt? _____ % 9. Welche Spezialangebote haben Sie für Eltern (z. B. Gesprächskreis, Wochenenden, Müttercafé, Interaktionstraining, marte meo, STEEP etc)? _________________________________________________________________________________ 10. Wie gut fühlen Sie sich für das Führen von Elterngesprächen ausgebildet? ❐ sehr gut, ❐ gut, ❐ wenig, ❐ schlecht Ihre persönlichen Anmerkungen zu Elterngesprächen in der Frühförderung: _________________________________________________________________________________ _________________________________________________________________________________ _________________________________________________________________________________ ➝ 171 FI 4 / 2012 Verliert die Frühförderung die Familien? meldungen. Pädagoginnen ohne Seh-/ Hörfrühförderung sind in Niedersachsen, Hessen und Brandenburg zu einem besonders hohen Anteil mobil zu den Familien unterwegs - über die Hälfte der Arbeitszeit wird dort mobil gearbeitet, während in Thüringen über 60 % der Frühförderung in Kitas stattfindet. Allerdings sind die z. T. geringen Antwortquoten zu berücksichtigen. In den neuen Bundesländern arbeiten mehr Frühförderinnen in KiTas als im Westen (42.7 % zu 26,5 %), während der Anteil mobiler Frühförderung in beiden Landesteilen annähernd gleich ist (41,3 % zu 42,5 %). Gesprächsdauer Im Mittel bringen Pädagoginnen in der allgemeinen Frühförderung 15,5 Minuten je Besuch für das Gespräch mit Eltern auf. Über zwei Drittel von ihnen (70,3 %) bringen in ihrem Termin 10 bis 20 Minuten Elterngespräch unter. Auch hier bestehen regionale Unterschiede, wobei sich nur die geringsten und die höchsten Minutenzahlen, also NRW von Brandenburg signifikant unterscheiden (M-W = 412, p < .005). Bei einem durchschnittlichen Förderverlauf in einem halben Jahr standen den Pädagoginnen im Mittel 3,9 Stunden reines Elterngespräch ohne Anwesenheit der Kinder zur Verfügung. 41,1 % der Frühförderinnen bringen nur bis zu maximal zwei Stunden je Halbjahr für Elterngespräche auf, 22,5 % haben drei Stunden, 9 % vier und 12,2 % fünf bis sechs Stunden dafür. Mehr als sechs Stunden je halbes Jahr für Elterngespräche geben nur 9,5 % der Pädagoginnen an. Unterschiede zwischen den Bundesländern sind hier nur zwischen Niedersachsen einerseits und Hessen, Nordrhein-Westfalen und Thüringen andererseits, aber auch zwischen NRW und Baden-Württemberg signifikant (NI vs. HE: M-W = 45, p < .041; NI vs. NRW: M-W = 110,5, p < .008; NI vs. BY: M-W = 72, p < .007; NI vs. TH: M-W = 37, p < .031; NRW vs. BW: M-W = 264, p < .010). Da die Gesamtstundenzahl für Elterngespräche noch nicht aussagt, ob genügend Zeit für ein zusammenhängendes Gespräch vorhanden war, wurde gefragt, wie oft Gelegenheit bestand, mit Mutter/ Vater 30 bis n Gesprächsminuten n Stunden je Halbjahr nI 11 13,3 (3,1) 10 6,3 (7,5) HE 15 13,7 (3,4) 17 2,9 (1,7) nW 45 13,0 (7,7) 46 2,7 (1,3) bW 19 16,6 (16,9) 19 3,9 (2,1) bY 34 14,9 (11,5) 32 3,7 (5,5) bb 29 17,1 (10,9) 27 4,8 (6,6) tH 15 17,1 (15,2) 15 2,7 (1,2) gesamt (Päd) # 211 15,5 (11,4) 208 3,9 (4,4) gesamt (alle) § 339 17,4 (13,6) 336 4,0 (4,8) # Pädagoginnen ohne Seh-/ Hörfrühförderung § alle teilnehmerinnen Wegen fehlender angaben variieren die gesamtzahlen. tab. 5: gesprächsdauer von Elterngesprächen nach bundesland (Mittelwert und Standardabweichung; Pädagoginnen ohne Seh-/ Hörfrühförderung) 172 FI 4 / 2012 Matthias Paul Krause 60 Minuten ‚am Stück ‘ zu sprechen. 18,1 % der Pädagoginnen führten ein zusammenhängendes Elterngespräch einmal im Monat. 21,9 % war ein solches Gespräch einmal in 2 Monaten, 44,8 % einmal im Quartal möglich. Auch hier bestehen regionale Unterschiede. Am besten schneiden Baden-Württemberg und Brandenburg ab, wo jeweils ein gutes Viertel der Frühförderinnen ein monatliches Elterngespräch anbieten kann Gesprächsthemen Der Fragebogen enthielt zehn Themen wie etwa Behinderung (Information, Diagnose), Behinderungsbewältigung (Trost, Trauer, elterliche Stimmung, Gefühle, Zukunft) oder Eheproblem, zu denen angegeben werden sollte, wie häufig diese im Elterngespräch auftraten, also von den Eltern angesprochen wurden. ‚Erziehung‘ und ‚Förderung‘ sind die Themen, die von den meisten der Befragten als n 1 x Mon 1 x 2 Mon 1 x 3 Mon 1 x 6 Mon nI 10 10,0 30,0 40,0 20,0 HE 15 13,3 20,0 53,3 13,3 nW 44 20,5 25,0 40,9 13,6 bW 19 26,3 36,8 21,1 15,8 bY 35 11,4 17,1 60,0 11,4 bb 27 25,9 14,8 33,3 25,9 tH 16 6,3 12,5 56,3 25,0 gesamt (Päd) # 210 18,1 21,9 44,8 15,2 gesamt (alle) § 335 21,5 20,0 41,5 17,0 # Pädagoginnen ohne Seh-/ Hörfrühförderung § alle teilnehmerinnen tab. 6: Zusammenhängendes Elterngespräch von 30 bis 60 Minuten nach bundesland (%; Pädagoginnen ohne Seh-/ Hörfrühförderung) immer/ oft gelegentlich selten/ nie Erziehung 93,3 6,3 0,5 Förderung 87,4 10,4 1,8 persönliche Probleme der Eltern 48,7 43,2 7,2 behinderungsbewältigung 45,1 36,0 17,1 behinderung 41,0 48,2 10,4 Vermittlung zu anderen Fachkräften 30,7 62,2 6,8 lebensqualität der Familie 28,4 47,3 23,5 Unterstützung durch Ehepartner 19,9 55,9 24,4 Unterstützung durch andere 15,8 55,9 28,0 Ehe- oder Partnerschaftsprobleme 14,9 52,7 32,4 tab. 7: Häufigkeit von themen, die die Eltern ins gespräch einbringen (%; n = 222 Pädagoginnen ohne Seh-/ Hörfrühförderung) 173 FI 4 / 2012 Verliert die Frühförderung die Familien? ‚immer‘ oder ‚oft‘ auftauchend angegeben werden. Sie sind demnach die beiden häufigsten Gesprächsthemen. Über ‚Behinderung‘ und ‚Bewältigung‘ wird weniger gesprochen. Bei noch nicht einmal der Hälfte der Kolleginnen tauchen diese Themen ‚immer‘ oder ‚oft‘ auf. Das Thema ‚Lebensqualität‘ tritt bei gut einem Viertel der Kolleginnen häufig auf. Auch bei den von den Frühförderinnen selbst eingebrachten Themen geht es überwiegend um ‚Förderung‘ und ‚Erziehung‘. ‚Behinderung‘, ‚Bewältigung‘ und ‚Lebensqualität‘ wird noch nicht einmal von einem Drittel der Frühförderinnen selbst häufig (‚immer‘ und ‚oft‘) ins Gespräch mit den Eltern eingebracht. Einflüsse auf Gesprächsdauer und Gesprächsthemen Zunächst wurde untersucht, ob sich mobile bzw. ambulante Tätigkeit auf Gesprächsdauer und Gesprächsthemen auswirkte. Da von den Pädagoginnen ohne Seh-/ Hörfrühförderung nur 1.8 % komplett mobil und nur 1.4 % gänzlich ambulant arbeiteten, 96,8 % folglich beiden Tätigkeitsformen in einem individuellen Mischungsverhältnis nachgingen, wurden zwei Extremgruppen von Mitarbeiterinnen gebildet, die entweder mehr als 50 % mobil oder mehr als 50 % ambulant tätig waren. Diese beiden Gruppen wurden auf Unterschiede bei Dauer und Themen von Elterngesprächen verglichen. Immer / oft gelegentlich selten / nie Förderung 96,4 3,2 0 Erziehung 77,0 21,6 0,9 Vermittlung zu anderen Fachkräften 39,6 54,1 4,5 Unterstützung durch andere 33,8 45,9 19,4 behinderungsbewältigung 31,1 46,4 19,4 behinderung 28,9 55,0 13,5 lebensqualität der Familie 27,1 45,0 26,6 Unterstützung durch Ehepartner 25,3 45,0 26,2 persönliche Probleme der Eltern 17,2 47,7 34,7 Ehe- oder Partnerschaftsprobleme 6,4 31,5 60,4 tab. 8: Häufigkeit von durch die Fachleute angesprochenen gesprächsthemen (%; n = 222 Pädagoginnen ohne Seh-/ Hörfrühförderung) mobil > 50 % n =74 ambulant > 50 % n =38 P gesprächsminuten je Kontakt 14,5 11,5 .002 gesprächsstunden je Halbjahr 4,0 4,2 .015 Mann-Whitney-U-test = M-W-U, exakte Signifikanz zweiseitig tab. 9: Unterschiede in der gesprächsdauer zwischen überwiegend mobil und überwiegend ambulant arbeitenden Pädagoginnen (ohne Seh-/ Hörfrühförderung) (am Median dichotomisierte Variablen) 174 FI 4 / 2012 Matthias Paul Krause Lebensalter (in Jahren) Berufserfahrung (in Jahren) ≤ 45 (n =108) > 45 (n =102) p ≤ 10 (n =112) > 10 (n =99) p gesprächsminuten je Kontakt 14,6 16,4 n.s. 15,0 16,0 n.s. gesprächsstunden je Halbjahr 3,9 3,8 n.s. 3,7 4,1 n.s. Mann-Whitney-U-test = M-W-U, exakte Signifikanz zweiseitig tab. 10: Unterschiede in der gesprächsdauer in abhängigkeit vom lebensalter und der berufserfahrung von Pädagoginnen (ohne Seh-/ Hörfrühförderung) (am Median dichotomisierte Variablen) aufgeführt sind nur signifikante Unterschiede. Lebensalter Berufserfahrung ≤ 45 J. (n =108) > 45 J. (n =102) p ≤ 10 J. (n =112) > 10 J. (n =99) p durch Eltern ‚immer‘ oder ‚oft‘ angesprochene Gesprächsthemen Förderung 42,3 % 45,5 % .002 43,4 % 44,3 % .007 Erziehung behinderung 18,1 % 23,1 % .029 Vermittlung zu anderen Fachkräften behinderungsbewältigung 20,3 % 25,8 % .021 21,1 % 24,8 % .077 persönliche Probleme der Eltern Ehe- oder Partnerschaftsprobleme Unterstützung durch Ehepartner Unterstützung durch andere 5,4 % 10,4 % .017 lebensqualität der Familie durch Fachleute ‚immer‘ oder ‚oft‘ angesprochene Gesprächsthemen Förderung Erziehung 37,7 % 39,5 % .076 behinderung 13,0 % 16,7 % .075 Vermittlung zu anderen Fachkräften behinderungsbewältigung 14,0 % 18,1 % .057 persönliche Probleme der Eltern 5,0 % 12,3 % .002 6,8 % 10,4 % .076 Ehe- oder Partnerschaftsprobleme 1,8 % 4,6 % .094 Unterstützung durch Ehepartner Unterstützung durch andere lebensqualität der Familie tab. 11: Unterschiede bei durch Eltern bzw. durch Fachleute angesprochenen gesprächsthemen (Pädagoginnen ohne Seh-/ Hörfrühförderung) (am Median dichotomisierte Variablen; chi²-test, exakte Signifikanz zweiseitig) 175 FI 4 / 2012 Verliert die Frühförderung die Familien? Die Frühförderinnen mit überwiegend mobiler Tätigkeit geben signifikant mehr Minuten je Besuchskontakt an als ihre vorwiegend ambulant arbeitenden Kolleginnen. Diese jedoch scheinen dies zu kompensieren, indem sie signifikant mehr Stunden je Halbjahr ‚reines Elterngespräch‘ anbieten. Auch bei den sowohl von den Eltern als auch bei den von den Pädagoginnen selbst angesprochenen Themen finden sich keine Unterschiede, insbesondere nicht bei den von den Frühförderinnen selbst eingebrachten Themen. Anschließend wurde überprüft, ob Lebensalter oder Berufserfahrung der Pädagoginnen einen Einfluss auf Themenvorkommen und Themenwahl ausübten (Tab. 10). Lebensalter und Berufserfahrung der Pädagoginnen scheinen keine Rolle bei strukturellen Variablen der Gesprächsgestaltung zu spielen. Die Gesprächsdauer je Kontakt bzw. je Halbjahr unterscheidet sich nicht bei jüngeren, älteren, weniger oder sehr berufserfahrenen Frühförderinnen. Lebensalter und Berufserfahrung der Pädagoginnen wirken sich allerdings beim ‚Auftauchen‘ der Gesprächsthemen oder deren Einbringen aus. Je älter und je höher die Berufserfahrung, desto mehr rücken insbesondere ‚Behinderung‘ und ‚Bewältigung‘ in den Fokus des Gesprächs. Persönliche Probleme der Eltern und Ehe- oder Partnerschaftsprobleme werden tendenziell häufiger angesprochen (Tab. 11). Fazit Zum ersten Mal wurden Mitarbeiterinnen der Frühförderung zu elementaren Daten ihres Elternkontaktes befragt. Die Methode einer E-Mail-Befragung trifft auf Zustimmung und scheint deshalb für Frühförderstellen geeignet, die nun größtenteils über die notwendige Technik verfügen. So stellte sich heraus, dass von dem ursprünglich propagierten Vorrang der mobilen Tätigkeit in der traditionellen Frühförderung nur noch 39,9 % der Frühfördertätigkeit in der Hausfrühförderung erbracht wird. In den neuen Bundesländern arbeiten mehr Kolleginnen der Frühförderung in Kitas als in den alten. Über zwei Drittel der Pädagoginnen sprechen zwar pro Kontakt 10 bis 15 Minuten mit den Eltern, bedenklich stimmt jedoch, dass 41,1 % der Frühförderinnen nur bis zu maximal zwei Stunden je halbes Jahr für Elterngespräche auf bringen. In zwei Gesprächsstunden in sechs Monaten kann keine kontinuierliche und wirkungsvolle Elternarbeit stattfinden, keine positive und vertrauensvolle Beziehung entstehen. Allerdings ist anzumerken, dass die pauschalen Angaben bei der Beantwortung dieser Fragen im Rückblick möglicherweise zu Verzerrungen geführt haben. Hätte man bei der Frage nach den Gesprächsstunden je Halbjahr nach deren Anzahl je Arbeitsform gefragt (Hausfrühförderung, Frühförderzentrum, im Kindergarten mit viel oder wenig Elternkontakt), wäre die Aussage differenzierter ausgefallen. Gleiches gilt auch für die Frage nach der Gesprächsdauer je Kontakt. Da 98 % der Befragten in unterschiedlichem Mischungsverhältnis sowohl ambulant als auch mobil tätig sind, ist die Frage, ob ambulant oder mobil mehr Zeit für die Eltern besteht, nicht eindeutig zu beantworten. Bei der hier vorgenommenen Zweiteilung der Befragten in solche, die mehr als 50 % mobil oder mehr als 50 % ambulant arbeiten, ist das Ergebnis hinsichtlich der Gesprächszeit mit den Eltern ausgeglichen. Die mehr mobil Tätigen nehmen sich mehr Zeit je Kontakt mit den Eltern, die mehr ambulant Arbeitenden nehmen sich dafür mehr Zeit für Gesprächsstunden im Halbjahr. Im Hinblick auf die angegebenen Gesprächsthemen wurden ‚Erziehung‘ und ‚Förderung‘ am häufigsten genannt - über ‚Behinderung‘, ‚Bewältigung‘‚ und ,Lebensqualität‘ wird we- 176 FI 4 / 2012 Matthias Paul Krause niger gesprochen. Hierzu ist anzumerken, in einer Querschnittserhebung wie dieser natürlich nicht beurteilt werden kann, ob die Ansprachehäufigkeit eines Themas den elterlichen Bedürfnissen oder den Anforderungen angemessen ist. Erst im Längsschnitt würde man geringes Auftreten eines wichtigen Themas kritisch bewerten können, wobei man allerdings immer noch nicht wüsste, ob im Einzelfall dieses spezielle Thema nicht doch von untergeordnetem Belang ist. Schließlich sind die vorgegebenen Themen nicht einander ausschließend. Aktivitäten in den Themen ‚persönliche Probleme der Eltern‘, ‚Ehe- oder Partnerschaftsprobleme‘ oder ‚Unterstützung durch Ehepartner‘ können durchaus im Zusammenhang mit ‚Behinderungsbewältigung‘ und ‚Lebensqualität‘ stehen. Höheres Lebensalter und Berufserfahrung bestimmen die Themen häufiger als der Arbeitsort mobil oder ambulant. Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass jüngere Kolleginnen noch besser in Gesprächsführung geschult werden und motiviert werden sollten, brisante Themen mutig, aber empathisch anzusprechen. Nach dieser Blitzumfrage hat die Frühförderung die Familien noch lange nicht verloren - aber sie muss sich hüten, zur reinen Kindertherapie reduziert zu werden. Der Kontakt zu den Eltern muss gesucht werden, die Gesprächszeit mit den Eltern allein ohne parallele Arbeit mit dem Kind muss ein vordringliches fachliches Ziel bleiben, das von den Institutionen vor Ort gewollt und eingeplant, von den Berufsverbänden gefordert werden muss. Wenn die Begleitung der Eltern in einem informierenden, aufklärenden, beziehungsfördernden Sinne als wesentliches Medium von Frühförderarbeit garantiert bleibt, wird die Frühförderung die Eltern auch behalten. Wenn nicht, wird sie ihre zentrale Position in der Förderung behinderter und entwicklungsgestörter Kinder verlieren. So plausibel diese Ergebnisse auch erscheinen, darf nicht vergessen werden, dass sie auf einer explorativen Studie beruhen. Der Charakter der E-Mail-Befragung brachte es mit sich, dass der Rücklauf nicht kontrolliert werden konnte. In Anbetracht der sicher viel höheren Mitarbeiterinnenzahl ist der erzielte Rücklauf zwar enorm und zeigt das Interesse vieler an Untersuchungen der eigenen Situation, ist aber eben doch insgesamt zu gering und keinesfalls repräsentativ. Der Umstand, dass auf die einzelnen Fragen unterschiedlich viele Pädagoginnen geantwortet haben, fällt bei den geringen Schwankungen nicht ins Gewicht. Unter diesem caveat sind die berichteten Ergebnisse als Denkanstöße und Hypothesen zu bewerten, deren Gültigkeit für die gesamte Mitarbeiterschaft der Frühförderung noch nachgewiesen werden muss. Für diesen Aspekt ist Quantifizierung nötig. Um einen Trend der strukturellen Daten wie Häufigkeit und Dauer zur Kooperation mit den Eltern zu erheben ist es unentbehrlich, solche Befragungen zu wiederholen. Dazu wird zu überlegen sein, wie man der Befragung mehr Repräsentativität verleiht, etwa indem man mithilfe der Fachverbände in den einzelnen Bundesländern eine zu befragende Quote festlegt. Ein Desiderat ist zudem die Vervollständigung der Adresslisten zur Frühförderung im Bundesgebiet. Durch Zahlen muss aber auch belegt werden, welchen inhaltlichen Sinn die Arbeit mit Eltern macht, wie ihre tatsächliche Erscheinungsform ist - die vorliegende Untersuchung ist ein erster Schritt dazu - inklusive Stress- und Belastungsfaktoren (z. B. Amann, 2005) und der Evaluation effektiver Methoden und Vorgehensweisen. Hier muss untersucht werden, welche Themen wie und mit welchem Erfolg angesprochen und bearbeitet werden, welche Vor- und Nachteile der mobi- 177 FI 4 / 2012 Verliert die Frühförderung die Familien? le gegenüber dem ambulanten Zugang zu den Eltern auf der sachlichen und der Beziehungsebene hat, bei welchen Typen von Familien man möglicherweise jenseits sozioökonomischer Rahmenbedingungen mit welchem Zugang effektiver intervenieren kann. Sinnvoll wäre das Unterfangen. empirisch nachzuweisen, wie Mitarbeiterinnen ihre Sicherheit im Umgang mit den Familien stärken können, welche Chancen systemische, entwicklungspsychologische oder eine Weiterbildung in Gesprächsführung bieten. Schließlich wären die kritischen Parameter zu finden, die über Erfolg oder Misserfolg einer guten ‚Elternförderung‘ in der Frühförderung entscheiden, ob dies Indikatoren sind, die sich auf die Interaktion mit dem Kind, auf elterliche Zufriedenheit, Lebensqualität, adäquate Einschätzung des Kindes oder Bewältigungsfaktoren beziehen. Vielleicht wird die fortschreitende Akademisierung der Frühförderung dazu beitragen, die ihr eigenen Prozesse, Interventionen und Ziele empirisch noch umfassender zum Forschungsgegenstand zu nehmen. Dr. Matthias Paul Krause Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut Kinderneurologisches Zentrum Bonn Waldenburger Ring 46 D-53119 Bonn E-Mail: matthias.krause@lvr.de Literatur Amann, N. (2005): Psychische arbeitsbelastungen in den aufsuchenden ambulanten Erziehungshilfen: Eine quantitative Studie über potentielle Stressoren. Fachhochschule Münster, Diplomarbeit Bode, H. (2002): Die bedeutung der Eltern für eine erfolgreiche Frühförderung. Frühförderung Interdisziplinär, 21, 3 -10 Engeln, Stefan (2011): Familienorientierung. Frühförderung Interdisziplinär, 30, 221 -223 Hintermair, M., Sarimski, K. & Lang, M. (2011): Qualität von Frühförderung aus Sicht der Eltern. Zeitschrift für Heilpädagogik, 8, 284 -289 Innerhofer, P. & Warnke, A. (1978): Eltern als Co-therapeuten. Heidelberg: Springer. Frühförderung Interdisziplinär 3, 97 Klein, G. (2010): Frühförderung für Kinder in prekären lebenslagen. In borchert, J., Hartke, b. & Jogschies, P. (Hrsg), Frühe Förderung entwicklungsauffälliger Kinder und Jugendlicher (108 -121). Stuttgart: Kohlhammer Krause, M. P. (1986): Entwicklungsförderung behinderter Kinder: Die Rolle der Eltern in der Entwicklungsförderung. Sozialpädiatrie in Klinik und Praxis, 8/ 1, 39 -42 Lang, M., Hintermair, M. & Sarimski, K. (2012): belastung von Eltern behinderter Kleinkinder. Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre nachbargebiete 81, 112 -123 Prinz, D., Tiesler, J. A. & Prinz, P. (1980): Verhaltenstherapeutische Elternanleitung - Eltern als Co-therapeuten für ihre behinderten Kinder. In Hellbrügge, th. (Hrsg.), Klinische Sozialpädiatrie (522 -532). berlin: Springer Sarimski, K. (1996): bedürfnisse von Eltern mit behinderten Kindern, Frühförderung Interdisziplinär 3, 97 Sarimski, K., Hintermair, M. & Lang, M. (2012): Zufriedenheit mit familienorientierter Frühförderung. Frühförderung Interdisziplinär 31, 56 -70 Singer, G. H. S. (2006): Meta-analysis of Comparative Studies of Depression in Mothers of Children With and Without Developmental Disabilities. american Journal on Mental Retardation 111, 155 -169 Thurmair, M. (1998): Die Zusammenarbeit mit den Eltern in der Frühförderung. Sozialpädagogisches Institut im SOS-Kinderdorf München Trivette, C. M., Dunst, C. J. & Hamby, D. W. (2010): Influences of family-systems intervention practices on parent-child-interaction an child development. topics in Early Childhood Special Education 30, 3 -19
