Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Stichwort: Der Förderplan
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Eva Klein
Der Förderplan bildet den Rahmen, in dem die Leitkonzepte von Frühförderung - Interdisziplinarität, Ganzheitlichkeit, Familienorientierung - in ihrer konkreten Umsetzung einfließen und Ausdruck finden. Die Förderplanung stellt einen Prozess dar, der den gesamten Verlauf einer Frühfördermaßnahme - Eingang, Verlauf und Abschluss - begleitet und fundiert. Das Instrument, in dem die Ergebnisse abgebildet werden, ist der jeweilige Förder- und Behandlungsplan.
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211 FI 4 / 2012 Stichwort StIchwort Der Förderplan Eva Klein Der Förderplan bildet den rahmen, in dem die Leitkonzepte von Frühförderung - Interdisziplinarität, Ganzheitlichkeit, Familienorientierung - in ihrer konkreten Umsetzung einfließen und Ausdruck finden. Die Förderplanung stellt einen Prozess dar, der den gesamten Verlauf einer Frühfördermaßnahme - Eingang, Verlauf und Abschluss - begleitet und fundiert. Das Instrument, in dem die Ergebnisse abgebildet werden, ist der jeweilige Förder- und Behandlungsplan. Am Anfang dieses Prozesses steht die Diagnostik (vgl. „Interdisziplinäre Diagnostik“, Frühförderung interdisziplinär 3/ 2012). Den interdisziplinären Frühförderstellen kommt dabei die Aufgabe zu, die fachdisziplinen- und institutionenübergreifende Zusammenarbeit zu koordinieren und damit eine Abstimmung von Diagnostik und Einschätzungen mehrerer Personen und Fachrichtungen zu ermöglichen und in einen Gesamtprozess einzubinden. Die diagnostischen Elemente umfassen neben der medizinischen Diagnostik die Diagnostik der allgemeinen Entwicklung, heilpädagogische Diagnostik, therapeutische Befundung, Beurteilung der Belastung und Bedürfnisse der Eltern, Anamnese von Umfeld, Erziehung, Familie und sozialer Situation sowie weitere fachspezifische Diagnostik (vgl. thurmair/ Naggl, 2010, 60). Gemäß der berufsgruppenspezifischen Schwerpunkte ergänzen sich dabei Beobachtungsansätze und normorientierte Verfahren. Diese umfassende Datensammlung und deren Auswertung dient als Grundlage zu ersten hypothesengeleiteten Annahmen bezüglich möglicher Unterstützungsbedarfe und -angebote. Die anschließende interdisziplinäre Fallbesprechung bildet im rahmen der Förderplanung die „wichtige Schnittstelle, an der Bedingungsanalysen, Differenzialdiagnostik, Prognosen, Behandlungsempfehlungen und erste Förderziele formuliert werden“ (thurmair/ Naggl, 2010, 60). Die interdisziplinäre Fallbesprechung bietet den raum, die diagnostischen Beiträge der einzelnen Fachdisziplinen, bestehende Vorbefunde sowie die Beobachtungen der Eltern gemeinsam einzuschätzen und zu einer systemischen Gesamtschau zu integrieren. Entwicklungsrisiken und ressourcen von Kind und familiärem Umfeld finden dabei gleichermaßen Berücksichtigung. In Bezug auf die aktuelle Diskussion um Inklusion kann hier auf das mit einer Diagnostik verbundene „Etikettierungs-ressourcen-Dilemma“ (vgl. Albers 2011, 14f) hingewiesen werden. Um den Zugang zu bestehenden Unterstützungsmöglichkeiten zu eröffnen, ist eine Diagnosestellung erforderlich, die oft defizitorientiert ausgerichtet ist. hier zeigt sich ein Problemfeld, das nicht einfach zu lösen ist. weder eine Verengung des Blickwinkels auf Defizite, die es zu beheben gilt, noch die auf der anderen Seite zuweilen zu beobachtende tendenz, den Blick ausschließlich auf bestehende ressourcen zu legen, unter Ausblendung bestehender Schwierigkeiten, kann unter dem Aspekt der Ganzheitlichkeit handlungsleitend sein. Eine herausforderung, insbesondere für den Bereich der Frühförderung, bleibt es deshalb, sowohl Begrenzungen, Schwierigkeiten und Bedürfnisse von 212 FI 4 / 2012 Stichwort Kindern und ihren Familien zu erkennen und zu benennen als auch die bestehenden ressourcen, Kompetenzen und Fähigkeiten zu sehen, daran anzuknüpfen und beides in handlungskonzepte zu überführen. In den „Empfehlungen zur Diagnostik im rahmen der Komplexleistung in interdisziplinären Frühförderstellen“ der VIFF (2009) heißt es hierzu: „Um den Besonderheiten der frühkindlichen Entwicklung gerecht zu werden, muss in der Diagnostik, in der Förder- und Behandlungsplanung sowie im praktischen tun (…) eine zusammenfassende und ganzheitliche Sichtweise auf das Kind handlungsleitend sein. Erst aus diesem Gesamtbild des Kindes und seinem Lebensumfeld können wirksame Förder- und Behandlungsziele sowohl für das Kind als auch für die Unterstützung der Selbsthilfepotenziale seiner Familie abgeleitet werden.“ Als Grundlage für dieses komplexe Verständnis kann die IcF-cY (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit für Kinder und Jugendliche) hilfreich sein, der als Konzept ein bio-psychosoziales Modell zugrunde liegt. Die Komponenten der IcF-cY können eine gemeinsame, interdisziplinäre Diagnostik und Zusammenarbeit auch im Sinne einer gemeinsamen Sprache unterstützen. Das übergeordnete Ziel dabei ist die Partizipation der Kinder am gesellschaftlichen Alltag. In der Förderplanung begründet die interdisziplinäre Abstimmung das weitere Vorgehen. Dies kann die Indikation zur Komplexleistung Frühförderung sein oder, je nach individuellem Förder- und Beratungsbedarf, eine Empfehlung zu anderen Unterstützungsmaßnahmen. Konkretisiert wird die Förderplanung in Form eines interdisziplinären Förderkonzepts. Festzulegende Parameter hierfür sind: ort und Setting der Förderung, inhaltliche Schwerpunkte, Ansprechpartner, Fallregie und Verantwortlichkeiten, häufigkeit und Zeitrahmen der Zusammenarbeit mit Kind, Familie und weiteren Fachkräften. Außerdem Zeitpunkt und Modalitäten der Überprüfung und Fortschreibung. Um gemeinsame Zielformulierungen im individuellen Einzelfall entwickeln zu können ist die Bereitschaft aller Beteiligten erforderlich, in einen Prozess mit der Familie und den Vertretern der anderen Fachdisziplinen einzutreten, in dem eine gemeinsame Perspektive und Zielorientierung entwickelt werden können (vgl. hessisches Sozialministerium, 2003, 29). Eine wesentliche rolle im gesamten Prozess der Förderplanung spielen die Eltern bzw. die Familie als erstes Entwicklungs- und Erfahrungsfeld eines Kindes. Um für die Eltern innerhalb des Prozesses Klarheit und Sicherheit zu schaffen, muss er für sie transparent und nachvollziehbar sein. Erst das Abstimmen und Aushandeln mit den Eltern ergibt die gemeinsame Grundlage für ein Arbeitsbündnis und den Beginn von Förderung, therapie und Beratung. Die Vereinigung für Interdisziplinäre Frühförderung beschreibt in diesem Sinne als Grundsätze der Förder- und Behandlungsplanung in ihren handreichungen zur interdisziplinären Diagnostik (VIFF, 2003) u. a.: n Die Einzelbeiträge von Förderung und therapie sind klar beschrieben, fachlich begründet, aufeinander abgestimmt und orientieren sich an gemeinsam erarbeiteten Zielen. n Die Zielsetzung von Förderung und Behandlung werden so formuliert, dass sie sachgerecht dokumentiert und evaluiert werden und die Eltern sie verstehen können. 213 FI 4 / 2012 Stichwort Die interdisziplinäre Förderplanung umfasst also einen multidimensionalen kommunikativen Prozess aller Beteiligten. Für eine gelingende Durchführung der Förderplanung bedarf es damit zahlreicher organisatorischer und struktureller Voraussetzungen, wobei mit Blick auf die aktuellen Umsetzungen der Komplexleistung Frühförderung deutlich wird, dass diese häufig nicht in ausreichendem Maße gegeben sind. wesentliche Voraussetzung zur Umsetzung ist ein gesicherter rahmen, der organisationsstruktur und finanzielle Ausstattung gleichermaßen umfasst. Erst dadurch werden den beteiligten Fachkräften nicht nur die eigene fachspezifische Diagnostik und Befundung, sondern die zusätzlich erforderlichen Kapazitäten zu Austausch und Abstimmung ermöglicht. Dies gilt sowohl für die Strukturen innerhalb interdisziplinär besetzter teams als auch in der Kooperation mit externen Fachkräften. Ein besonderes Augenmerk ist dabei nach wie vor auf die Möglichkeiten des Einbezugs der niedergelassenen Kinderärzte zu legen. Der Förder- und Behandlungsplan wird gemäß § 7 der Frühförderungsverordnung entsprechend dem Verlauf der Förderung und Behandlung angepasst, spätestens nach Ablauf von 12 Monaten. Anhand der Erfahrungen, die die Fachkräfte und die Familie während des vorangegangenen Förder- und Behandlungszeitraums machen, können bei der Fortschreibung der Förderplanung vertiefende anamnestische Kenntnisse, neue qualitative Aspekte in den Entwicklungsbereichen des Kindes sowie eine erweiterte Umfeldanalyse in die weitere Planung einfließen. Im rahmen erneuter gemeinsamer Fallkonferenzen führen diese Kenntnisse in der Fortschreibung des Förder- und Behandlungsplans zu einer Differenzierung der Förderziele. Dabei dient die schriftliche Fixierung als Voraussetzung für eine wirksame reflexion und Evaluation, sowohl fallbezogen als auch fallübergreifend. Im Förderverlauf können neue Fragestellungen auch Ansatzpunkte für Empfehlungen und Entscheidungshilfen zu weiterführenden Maßnahmen liefern. wenn durch die Feststellung weiterer Bedarfe zusätzliche Kooperationspartner hinzukommen, werden auch diese in die Abstimmungen zur Förder- und Behandlungsplanung mit einbezogen. Der gemeinsame Blick ermöglicht es in diesen Fällen, auch komplexe Bedarfslagen systemübergreifend abzustimmen und inhaltliche Schwerpunkte für die einzelnen Bereiche festzulegen. Auf diese weise können auch Schwerpunktverschiebungen, die zu einem wechsel von einem System ins andere führen (bspw. von der Eingliederungshilfe in die Kinder- und Jugendhilfe oder umgekehrt), zeitnah erkannt und gemeinsam begleitet werden. Dabei ist in der Zusammenarbeit mit der Kinder- und Jugendhilfe die Schnittstelle von Förderplan und hilfeplan zu beachten und im Einzelfall zu klären. Die dabei deutlich werdenden Systemgrenzen finden zur Zeit in der Diskussion um die „große Lösung“ ihren Ausdruck. Neben erforderlichen gesetzlichen Bemühungen zur Auflösung von Grenzen bleibt das zentrale Element für die beteiligten Fachkräfte die Möglichkeit einer gemeinsamen handlungsebene, um in der geforderten Gesamtschau die Bedürfnisse des einzelnen Kindes und seiner Familie auf jeweils fachspezifischer Grundlage in ihrer Gesamtheit berücksichtigen zu können. Denn „erst der Austausch der einzelnen An-Sichten und das planvolle Zusammenwirken aller Beteiligten im Umgang mit behinderten und von Behinderung bedrohten Kindern und deren Familien erzeugt nachhaltige wirkung im handeln der Fachleute und im Alltag der Familien“ (Kron 2001, 14). Eva Klein, Dipl.-Päd. Arbeitsstelle Frühförderung Hessen Ludwigstraße 136 D-63067 Offenbach E-Mail: asff@fruehe-hilfen-hessen.de 214 FI 4 / 2012 Stichwort · Danksagung Literatur Albers, T. (2011): Mittendrin statt nur dabei - Inklusion in Krippe und Kindergarten. München: reinhardt Hessisches Sozialministerium (2003): rahmenkonzeption Frühförderung hessen. Marburg Kron, W. (2001): Einführung in An-Sichten über Frühförderung. Ergebnisse aus wissenschaft und Praxis. Bundesvereinigung Lebenshilfe/ hessisches Sozialministerium (hrsg.). Marburg: Lebenshilfe-Verlag Sarimski, K. (2009): Frühförderung behinderter Kleinkinder. Grundlagen, Diagnostik und Intervention. Göttingen: hogrefe Thurmair, M./ Naggl, M. (2010): Praxis der Frühförderung. München: reinhardt, 4. Auflage (Erstauflage 2000) Vereinigung für Interdisziplinäre Frühförderung e.V. (2009): Empfehlungen zur Diagnostik im rahmen der Komplexleistung in interdisziplinären Frühförderstellen Verlag und Schriftleitung möchten sich bei folgenden Personen ganz herzlich bedanken für ihre differenzierten und sorgfältigen reviews der Artikel, die für die „Frühförderung interdisziplinär“ im laufenden 31. Jahrgang eingereicht wurden: Dr. Gerhard haas, herrenberg Dr. Lothar held, Salzburg Prof. Dr. Manfred hintermair, heidelberg christina Ingeln, Dipl. Psych., Berlin Prof. Dr. Gerhard Klein, Pfullingen Prof. Dr. Max Kreuzer, Mönchengladbach Udo Kinsler, Stuttgart Prof. Dr. Jürgen Kühl, Bremen Prof. Dr. Andrea Lanfranchi, Zürich toni Mayr, Dipl.-Psych., München Monika Naggl, Dipl.-Psych., München Prof. Dr. Gerhard Neuhäuser, Linden Prof. Dr. Franz Peterander, München Prof.’in Dr. renate walthes, Dortmund Prof. Dr. Andreas warnke, würzburg Prof. Dr. hans weiß, reutlingen Prof. Dr. Etta wilken, hildesheim DANKSAGUNG
