eJournals Frühförderung interdisziplinär32/3

Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2013.art09d
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Gemeinsam sehen wir weiter ...

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Christiane Freitag
Verena Petz
Renate Walthes
Sehüberprüfung im Kindesalter zu planen, durchzuführen und zu evaluieren verlangt vom Diagnostiker einen geschulten Blick, eine gewisse Routine in der Anwendung von Überprüfungsverfahren und die Fähigkeit, die Ergebnisse für den Rahmen interdisziplinärer Zusammenarbeit aufzubereiten. Einzelne Verfahren zur Sehüberprüfung sind vorhanden, jedoch gibt es bisher kein Gesamtkonzept, das eine gemeinsame Sprache in der Diagnostik festlegen und damit medizinische und alltagsbezogene Untersuchungsschwerpunkte zusammenführen hilft. Dieser Beitrag stellt Möglichkeiten dar, wie mithilfe einer Adaption des Visuellen Profils nach Hyvärinen et al. (2012) das Sehen im Kindesalter eingeschätzt werden kann. Orientiert an der Internationalen Klassifikation für Gesundheit, Funktionsfähigkeit und Behinderung im Kindes- und Jugendalter (ICF-CY) (WHO) werden visuelle Strategien von Kindern bezogen auf die jeweilige Aktivität beobachtet und so dokumentiert, dass der Austausch zwischen den am Prozess der Diagnostik beteiligten Disziplinen verbessert und damit gezielte Maßnahmen zur Unterstützung im Kontext der Frühförderung und im Kindergarten eingeleitet werden können.
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150 Frühförderung interdisziplinär, 32. Jg., S. 150 -159 (2013) DOI 10.2378/ fi2013.art09d © Ernst Reinhardt Verlag ORIgInalaRbEIt Gemeinsam sehen wir weiter … Eine Adaption des Visuellen Profils für frühpädagogische Berufe Christiane Freitag, Verena Petz, Renate Walthes Zusammenfassung: Sehüberprüfung im Kindesalter zu planen, durchzuführen und zu evaluieren verlangt vom Diagnostiker einen geschulten Blick, eine gewisse Routine in der Anwendung von Überprüfungsverfahren und die Fähigkeit, die Ergebnisse für den Rahmen interdisziplinärer Zusammenarbeit aufzubereiten. Einzelne Verfahren zur Sehüberprüfung sind vorhanden, jedoch gibt es bisher kein Gesamtkonzept, das eine gemeinsame Sprache in der Diagnostik festlegen und damit medizinische und alltagsbezogene Untersuchungsschwerpunkte zusammenführen hilft. Dieser Beitrag stellt Möglichkeiten dar, wie mithilfe einer Adaption des Visuellen Profils nach Hyvärinen et al. (2012) das Sehen im Kindesalter eingeschätzt werden kann. Orientiert an der Internationalen Klassifikation für Gesundheit, Funktionsfähigkeit und Behinderung im Kindes- und Jugendalter (ICF-CY) (WHO) werden visuelle Strategien von Kindern bezogen auf die jeweilige Aktivität beobachtet und so dokumentiert, dass der Austausch zwischen den am Prozess der Diagnostik beteiligten Disziplinen verbessert und damit gezielte Maßnahmen zur Unterstützung im Kontext der Frühförderung und im Kindergarten eingeleitet werden können. Schlüsselwörter: Visuelles Funktionsprofil, Visuelles Profil, ICF- CY, Sehen As a team we have a new view … - an adaptation of the Visual Profile for professionals in early intervention and education Summary: Planning, carrying out and evaluating assessment of vision in early intervention and education demands experience, a certain routine in the application of assessment procedures and the ability to describe the results for interdisciplinary team approach. There are several concepts for the assessment of vision but so far there is no strategy which establishes an uniform terminology for visual functioning and helps to bring together focuses of assessment in medical and everyday-life contexts. This article depicts how the Visual Profile by Hyvärinen can be adapted for assessment of visual functioning in early childhood. Adapting main principles of the International Classification of Functioning, Disability and Health, Version Children & Youth (ICF-CY) (WHO 2007) visual strategies of children in each respective activity area are analyzed. They are documented in a way that allows an effective exchange of information between the disciplines that are involved in the assessment process. This will improve support for children in the context of early intervention and education. Keywords: Visuelles Funktionsprofil, Visual Profile, ICF- CY, Vision Einleitung V erfahren zur Überprüfung des Entwicklungsstandes und der Intelligenz im Kindesalter wie die Münchener Funktionelle Entwicklungsdiagnostik (MFED) (Hellbrügge 1994), die Snijders-Oomen nonverbale Intelligenzdiagnostik (SON-R) (Tellegen et al. 2005), der Wiener Entwicklungstest (WET) (Kastner-Koller & Deimann 2002), der Intelligenztest Kaufmann Assessment Battery for Children (K-ABC) (Melchers & Preuß 151 FI 3 / 2013 Das Visuelle Profil für frühpädagogische Berufe 2009), der Entwicklungstest von sechs Monaten bis sechs Jahren (ET 6 - 6) (Petermann et al. 2008) und das Neuropsychologische Entwicklungsscreening (NES) (Petermann & Renziehausen 2005) basieren in vielen Teilbereichen auf abstrakten Zeichnungen oder Fotos unterschiedlichster Ausführung und Qualität. Mit diesen Bildvorlagen werden Anforderungen an Kinder gestellt, die ein präzises Zusammenwirken einer Vielzahl visueller Funktionen voraussetzt (vgl. Petz 2010). Im Rahmen der Anwendung psychologischer Testverfahren, etwa bei einer medizinisch-psychologischen Überprüfung, wird zwar eine augenärztliche Untersuchung empfohlen (vgl. DGSPJ 2003), diese bezieht sich aber vorwiegend auf die organische Gesundheit der Augen und weniger auf die ganze Bandbreite der visuellen Funktionen, die für die Analyse von Bildern wichtig sein könnte (z. B. Kontrastsehen, Liniencodierung, Form- und Objekterkennung). Bildanalyse ist wiederum nur eine von vielen visuellen Anforderungen, die an das visuelle Vermögen von Kindern im Alltag gestellt werden. Hyvärinen und Jacob (2011) benennen in diesem Zusammenhang vier umfassende Bereiche, die eine spezifische visuelle Aktivität erfordern: Kommunikation und Interaktion, länger andauernde Tätigkeiten in der Nähe (z. B. Basteln, Bilder anschauen, Lesen), Alltagspraktische Fähigkeiten (z. B. Anziehen, Spielen, Essen) so-wie Orientierung und Bewegung. Im Alltagskontext wird davon ausgegangen, dass Kinder mithilfe ihrer Blickzuwendung, visueller Aufmerksamkeit und guter Sehschärfe allen visuellen Anforderungen gewachsen sind. Dass Sehen auf zahlreichen Sehfunktionen fußt, diese unabhängig voneinander Veränderungen aufweisen - und sich zudem gegenseitig beeinflussen können, ist bisher zu wenig bekannt. Dies ist insofern nicht verwunderlich, als Verfahren zur Überprüfung des Sehens in der Frühförderung oder dem Kindergarten bisher noch nicht entwickelt wurden und damit auch kein Bestandteil der Aus- und Weiterbildung sowie der Beobachtungsroutine werden konnten. Das im Rahmen des Projektes PROVISION angewendete Visuelle Funktionsprofil (im Folgenden: VFP) orientiert sich an dem von Petz (2013) entwickelten Konzept zur Ermittlung von Sehbedingungen eines Kindes im Kontext pädagogisch-therapeutischer Frühförderung. Es bezieht sich im Grundsatz auf die ICF-CY (WHO 2011) und damit auf ein diagnostisches Paradigma, das situationsbezogen förderliche Faktoren für die erfolgreiche Bewältigung von visuellen Anforderungen kennzeichnet. Sehbedingungen sind bedeutsam Sehen entwickelt sich von Geburt an in Relation zu körperlich-motorischer Aktivität und Umwelt (vgl. Eliot 2001; Walthes 2005 a, b; Walthes 2010; Zihl et al. 2012). Mit dem Begriff der Sehbedingungen wird auf diese individuelle Interaktion eines Kindes in seinen biologischen und aktivitätsbezogenen Möglichkeiten und im Austausch mit seiner Umwelt in einem individuellen Entwicklungsprozess hingewiesen. Jeder, der visuell gesteuerte Handlungen beobachten und deuten will, wird vor diesem Hintergrund dazu angeregt, über die zahlreichen Einflussfaktoren nachzudenken, die das Sehen eines Kindes prägen können. Kindliche visuell gesteuerte Aktivität ist beobachtbar, sie äußert sich in kleinen Augenbewegungen (z. B. Sakkaden) bis hin zum großräumigen Erfassen von Bewegungen oder der Orientierung im Fernraum (vgl. Hyvärinen & Jacob 2011, 2). Einzelne Sehfunktionen können mithilfe entsprechender visueller Angebote überprüft werden. Umweltfaktoren (z. B. Lichtbedingung, Einzel- oder Gruppensituation, Bezugsperson) wechseln ständig und schaffen unterschiedliche, aber beschreibbare Handlungsspielräume. 152 FI 3 / 2013 Christiane Freitag et al. Die drei Faktoren Funktion, Aktivität und Umwelt zu beobachten gehört zum alltäglichen Aufgabenspektrum der interdisziplinären Frühförderung. Diagnostik wird im Rahmen der Frühförderung nicht nur eingangs, sondern zu verschiedenen Zeitpunkten durchgeführt. In den Leitlinien zur Diagnostik in der Interdisziplinären Frühförderung der Arbeitsstelle Frühförderung Bayern (2010) werden folgende diagnostische Bereiche benannt: n Allgemeine Entwicklung und Kognition n körperlich-neurologischer Befund (inkl. Sinnesschädigung oder körperliche Beeinträchtigung) n Teilleistungen (Lernschwächen oder Begabungen) n Verhalten, soziale und emotionale Entwicklung (psychische Stabilität, sozioemotionale Kompetenz, Bindung) n Entwicklungsbedingungen, das heißt Lebenskontexte mit „Belastungen“ und „Ressourcen“ (vgl. Schmid-Krammer & Naggl 2010, 2). Die Untersuchung der Sehbedingungen wird in dieser Aufzählung nicht explizit angeführt, vermutlich wurde sie unter den Begriff „Sinnesschädigungen oder körperliche Beeinträchtigungen“ subsummiert und damit in den Bereich der Medizin verwiesen. Aufgrund der bisher erhobenen Daten zu Ätiologie und Prävalenz insbesondere cerebral bedingter Sehbeeinträchtigungen (vgl. Boot et al. 2010; Flodmark & Jacobson 2010; Volpe 2003; Zihl & Münzel 2005) kann davon ausgegangen werden, dass viele der Kinder, die Anspruch auf die Komplexleistung Frühförderung hätten, vielfältige Sehbeeinträchtigungen aufweisen (vgl. Walthes in diesem Heft). Sehen ist also kein Randthema der Diagnostik, sondern ein wichtiger Bereich, dessen einzelne Funktionen für Wahrnehmung und Lernen und damit für Aktivität und Teilhabe Berücksichtigung finden müssen. Werden Verhaltensweisen als auffällig beschrieben, ohne die individuellen visuellen Voraussetzungen des jeweiligen Kindes zu kennen, besteht die Gefahr, dass Fördermaßnahmen ins Leere laufen. Die Rolle der Frühförderung im Rahmen der Ermittlung von Sehbedingungen Eine Sehüberprüfung mit dem VFP erfolgt im Wesentlichen in vier Schritten: 1) Entwicklung von Fragestellungen aus eigenen oder fremden Beobachtungen über ungewöhnliche Verhaltensweisen eines Kindes 2) Funktionale Diagnostik des Sehens 3) Festlegung erforderlicher Schritte einer externen und/ oder internen Differenzialdiagnostik 4) Evaluation der Nützlichkeit der Intervention (wie z. B. der Anpassung von Hilfsmitteln) bezogen auf die Entwicklungsthemen des Kindes Für diese Aufgaben bietet das VFP Unterstützung, die im folgenden Beitrag beispielhaft für den Bereich Kommunikation vorgestellt wird. Ungewöhnliche Verhaltensweisen von Kindern werden vielfach zunächst von den Eltern, den Erzieherinnen und Erziehern, aber v. a. auch von den Frühförderinnen und Frühförderern bemerkt. Da diese meistens von ihren eigenen Sehbedingungen ausgehen (z. B. direkter Blickkontakt auf der Basis von beidäugiger zentraler Fixation) sind Irritationen über seltenen oder fehlenden Blickkontakt verständlich. Die Frage, „warum schaut das Kind mich nicht an? “, soll hier beispielhaft zum Anlass für weiterführende Beob- 153 FI 3 / 2013 Das Visuelle Profil für frühpädagogische Berufe achtungen und funktionale Überprüfungen genommen werden. Diese allgemeine Beobachtung müsste zunächst einmal differenziert werden: n Zeigt das Kind überhaupt keinen Blickkontakt? n Unter welchen Bedingungen ist doch Blickkontakt zu beobachten? n Wie richtet das Kind seinen Blick in anderen Situationen aus? n Ist der Blickkontakt nur kurz und flüchtig oder gibt es Situationen, in denen er länger gehalten werden kann? Eine funktionale Diagnostik, die sich an diese Fragen anschließt, wird mit dem VFP als eine anforderungsbezogene Sehüberprüfung verstanden. Mit diesem Ansatz rücken Kontextbedingungen des Sehens in den Vordergrund (vgl. Freitag 1998). Funktionale Diagnostik wird je nach gewähltem Untersuchungssetting in formale Verfahren (z. B. LEA Testreihe, www.lea-test.fi) und einer Diagnostik mit Alltagsmaterial (vgl. Erin & Topor 2010; Petz 2013) unterschieden. Eine Überprüfung mithilfe von Alltagsmaterialien erinnert an das Konzept einer teilnehmenden, leitfadengestützten Beobachtung (vgl. Lamnek 2006), die im Sinne einer Beobachtung und Dokumentation des visuellen Verhaltens („history taking of visual behaviour“) (vgl. Erin & Topor 2010) geleistet wird. Um die Ausgangsfragestellung des selten gezeigten Blickkontakts entsprechend der Methoden der funktionalen Diagnostik zu präzisieren und zu Ergebnissen zu gelangen, gliedert sich das diagnostische Vorgehen nach dem VFP in folgende Schritte: Schritt 1) Erhebung von Daten im Alltagskontext mit dem Ziel der Beobachtung kindlicher Strategien in visueller Kommunikation - d. h. teilstrukturierte Aktivitätsbeobachtung (vgl. Tabelle 1) parallel: Initiierung einer augenärztlichorthoptischen Untersuchung zur Prüfung der Refraktion (mögliche Konsequenz: Brillenverordnung) und des Gesundheitszustandes der vorderen und hinteren Augenabschnitte sowie der beidäugigen und der monokularen Funktionen Schritt 2) Beobachtung kindlicher Strategien in Reaktion auf ausgewählte visuelle Angebote in einer eins-zu-eins-Situation - vorstrukturierte Aktivitätsbeobachtung (unter Gebrauch spezifischen Überprüfungsmaterials und Tabelle 1) Schritt 3) Dokumentation der Ergebnisse und Überführung in eine Übersicht Während der Beobachtung werden die Strategien des Kindes in Kommunikationssituationen erfasst. Als Dokumentationshilfe dient ein Bogen (vgl. Tabelle 1) welcher den Beobachtungsbereich (z. B. Kopfhaltung und -bewegung), mögliche Strategien des Kindes (z. B. deutliche Veränderung der Kopfhaltung) und die Entfernung zum visuellen Angebot beinhaltet (also z. B. ein Kind nimmt Blickkontakt auf, wenn die Bezugsperson etwa 1 m entfernt ist = Ferne [F]. Es vermeidet Blickkontakt, wenn die Person näher kommt = Nähe [N]). Werden einige der Strategien des Kindes mit „2“, (z. B. eine deutliche Veränderung der Körperhaltung) kodiert, kann dies ein Hinweis auf eine oder mehrere visuelle Funktionsänderungen sein, die eine besondere Strategie des Kindes erfordern. Dem gilt es über Hypothesenbildung nachzugehen, z. B. im Sinne der Bevorzugung eines Auges, eine Strategie, um bei einem Nystagmus eine beruhigte Zone zu finden, Schwierigkeiten, Gesichter zu erkennen, Gesichtsfeldausfall, Suche nach kontrastreichen Elementen im Gesicht oder visuelle Irritation des Kindes beim Anblick von Mundbewegungen. An diesen Strategiedokumentationen ansetzend werden die Sehfunktionen in einer dia- 154 FI 3 / 2013 Christiane Freitag et al. logisch angelegten Situation geprüft, um zu sehen, ob die bisher beobachteten Kopf- und Körperhaltungen und -bewegungen in einer vorstrukturierten Situation erneut oder in Variation gezeigt werden. Es geht also darum, die während der Beobachtung gebildeten Hypothesen über mögliche Ursachen für angewendete Strategien gezielt zu verfolgen. Folgende Sehfunktionen können mithilfe des VFP funktionaldiagnostisch abgedeckt werden: Okulomotorische Funktionen, Funktionen der Qualität des Gesehenen und solche, die der höheren visuellen Verarbeitung zuzurechnen sind, werden nacheinander geprüft (vgl. Abb. 1). Für jede einzelne Sehfunktion wird ein eigenes Überprüfungskonzept genutzt, in dem Vorgehensweise, Beobachtungsschwerpunkte und passendes Material für den Überprüfenden auf bereitet sind. Die Aufgabe der Un- Beobachtungsbereich Strategie N F antworten/ verbale Äußerungen in bezug auf das visuelle angebot 0 keine/ zustimmend/ freudig 1 nachfragend 2 ablehnend/ ausweichend Kopfhaltung und -bewegungen 0 zum visuellen angebot hin ausgerichtet, gerade, ruhig 1 Verändert sich bei anforderung (z. b. näher herangehen) 2 deutliche Veränderung der Kopfhaltung (Drehung, neigung, Hebung, Senkung), Kopfbewegungen beobachtbar Körperhaltung und -bewegungen 0 zum visuellen angebot hin ausgerichtet, gerade, ruhig 1 Verändert sich bei anforderung 2 deutliche Veränderung der Körperhaltung (beugend/ abwendend), Körperbewegungen beobachtbar tab. 1: ausschnitt aus der Dokumentationshilfe des VFP zur beobachtung kindlicher Strategien (aus: Petz 2013). Okulomotorische Funktionen Qualität des Gesehenen Visuelle Prozessierung n blickausrichtung n Konvergenz (mit Fragestellung akkomodation) n Sakkaden n augenfolgebewegungen n Visuelle geführte bewegungen n Details (mit Fragestellung akkomodation) n Kontrast n Farbe n bewegung n Mimik n gesichter n Form n Objekt n Raum abb. 1: Sehfunktionen, die mithilfe des VFP geprüft werden können (vgl. Petz 2013) in anlehnung an das Profil der Visuellen Funktionen (vgl. Hyvärinen et al. 2012) 155 FI 3 / 2013 Das Visuelle Profil für frühpädagogische Berufe tersuchenden ist es, die Sehfunktionen auszuwählen, die Einfluss auf die Möglichkeiten eines Kindes zu nonverbaler visueller Kommunikation haben. Für das Thema Blickkontakt sind dies insbesondere Sakkaden, Detailsehen, Kontrastsehen, Bewegungsehen, Mimik und Gesichter Erkennen. Während der Sehfunktionsprüfung wird beobachtet, ob Kriterien einer Funktionsänderung (vgl. Abb. 2, „auffällig“) vorliegen. Die folgende Manualkarte, die beispielhaft das Überprüfungskonzept für Detailsehen darstellt, legt neben der Fragestellung und einer Kurzbeschreibung mit Bildmaterial auch die Kriterien für „unauffällig“ und „auffällig“ dar. Werden bei der Überprüfung eines oder mehrere der Kriterien der Kategorie „auffällig“ festgestellt, bietet dies Anlass für eine weiterführende interne oder externe differenzierte Diag-nostik. Eine interne Differenzialdiagnostik beinhaltet Veränderungen der Umweltfaktoren im Lebenskontext des Kindes. So könnte ein reduziertes Kontrastsehen dazu führen, dass das Kind nur sehr wenig visuelle Information aus dem Blickkontakt mit seinem Gegenüber erhält, da Gesichter nur geringe Kontraste aufweisen. Die Veränderung der Umweltfaktoren kann dann auf verschiedene Weise erfolgen, etwa indem Kontraste im Gesicht der Bezugspersonen verstärkt werden (z. B. Schminken) oder eine Veränderung in der Art der Kommunikation angestrebt wird. Dies könnte bedeuten, dass gänzlich auf Blickkontakt verzichtet wird und stattdessen Informationen verbalisiert werden (z. B. Gefühle). Ob sich das Verhalten des Kindes nach Veränderungen der Umweltfaktoren ebenfalls verändert, ist eine wichtige differenzialdiagnostische Beobachtung, welche die Vermutung, eine geringe Kontrastsensitivität könnte vorliegen, bestärken kann. Eine externe Differentialdiagnostik bedeutet, dass eine augenärztlich-orthoptische und/ oder neuropsychologische Untersuchung empfohlen wird, welche gezielt an die dokumentierten Beobachtungen anschließen und sich daabb. 2: Manualkarte aus dem VFP zur Prüfung des Kontrastsehens mit Spielbzw. alltagsbezug (vgl. PEtZ, 2013) 156 FI 3 / 2013 Christiane Freitag et al. mit auf vertiefende diagnostische Verfahren konzentrieren kann. So sind beispielsweise Gesichtsfeldmessungen und die Prüfung des Kontrastsehens bei Kindern keine ophthalmologischen Routineuntersuchungen, können aber im Rahmen der Differenztialdiagnostik von großer Bedeutung sein. Die Drei-Faktoren-Tabelle Welcher nächste Schritt sinnvoll erscheint ist nach der Diskussion mit allen am Prozess beteiligten Bezugspersonen des Kindes zu entscheiden. Die Drei-Faktoren-Tabelle des VFP (vgl. Abb. 3) kann in dieser Hinsicht als Analyse- und Entscheidungsgrundlage dienen. Befunde der funktionalen Diagnostik im Kontext Frühförderung werden mit ihrer Hilfe übersichtlich dokumentiert und für Teambzw. Kooperationsgespräche aller Art auf bereitet. Die folgende Abbildung zeigt die Tabelle, deren Struktur (Bereiche A - C) im Folgenden knapp erläutert wird. In Bereich A werden die Ergebnisse der Sehfunktionsprüfungen (eins-zu-eins-Situation) vermerkt. Mithilfe eines Ankreuzsystems wird abgetragen, ob eine Funktion als unauffällig, weiter zu beobachten oder als auffällig eingestuft wurde. Im Bereich B sind Umweltfaktoren vermerkt, die sich direkt auf die Möglichkeit der Nutzung von Sehfunktionen auswirken können. Der Bereich C repräsentiert die Überlegungen der am Prozess der Diagnostik Beteiligten, welche Elemente aus den Bereichen kindlicher Aktivität, Umweltfaktoren und Sehfunktionen günstige und weniger günstige Sehbedingungen für ein Kind darstellen. abb. 3: Visuelles Funktionsprofil im Überblick, unterteilt in drei bereiche zur Verdeutlichung der Struktur (vgl. PEtZ, 2013) 157 FI 3 / 2013 Das Visuelle Profil für frühpädagogische Berufe In diesem Beispiel sind die Sehfunktionen Farbensehen und Bewegungsehen im Bereich „weiter beobachten“ eingestuft worden. Da Blickausrichtung, Kontrast-, Mimik- und Gesichter Sehen die Einstufung „auffällig/ untersuchen lassen“ erhalten haben, sind dies die Themen, an die für Unterstützungsideen anzuschließen ist (vgl. Bereich A). In Bereich C werden die Beobachtungen eingetragen, die so formuliert sind, dass sie gelingende Sehsituationen beschreiben. Die so ermittelten Faktoren bilden die Basis für die Entwicklung von Unterstützungsideen, wie die folgenden Überlegungen beispielhaft zeigen. Auf der Querachse der Tabelle können in Bezug auf den Umweltfaktor „Kontrast“ Beobachtungsbzw. Überprüfungsergebnisse abgetragen werden, die sich jeweils auf die Sehfunktionen in Bereich A beziehen, z. B.: n Kontrast im Verhältnis zu Blickausrichtung: Blickausrichtung gelingt bei Objekten mit hohem Kontrast n Kontrast im Verhältnis Mimik und Gesichter Sehen: das Gesicht des Gegenübers wurde bei Verstärkung des Kontrastes (Schminken) angeschaut Hohe Kontraste haben in diesem Beispiel für ein Gelingen von Blickausrichtung, Bildanalyse und Mimik- und Gesichter- Sehen einen bedeutenden Stellenwert. Wurden Überlegungen zu günstigen Sehbedingungen und weiteren Abklärungen angestellt, ist es die Aufgabe der Überprüfenden, die Ergebnisse in Form von Empfehlungen weiterzugeben und die Umsetzung im weiteren Verlauf zu evaluieren. Diese Evaluation bezieht sich auf das Verfolgen der Anschlussprozesse und die Befragung der Bezugspersonen zur Nützlichkeit der Empfehlungen. Wie deutlich wurde, gibt eine präzise und funktionsorientierte Beschreibung der visuellen Aktivität bereits wesentliche Hinweise für die weitere Unterstützung und Förderung. In diesem Beispiel wurde die Bedeutung der Konstrastsensitivität für die Kommunikation herausgearbeitet und in den Kontext anderer Sehfunktionen (z. B. Okulomotorik) und Umweltbedingungen (z. B. Beleuchtung) gestellt. Anschließend können die Beobachtungsergebnisse auf ihre Relevanz für andere visuelle Anforderungen befragt werden. Kontrastsensitivität wirkt sich nicht nur auf die Kommunikation aus, sondern ist auch für die Bildanalyse bedeutsam. Weiter gedacht müssten psychologische Testverfahren für ein Kind, dessen Kontrastsensitivität herabgesetzt ist, adaptiert oder die erlangten Ergebnisse in Bezug auf ihre Aussagekraft reflektiert werden. Nur so kann sichergestellt werden, dass die visuellen Voraussetzungen eines Kindes ihm bei der Beurteilung seines Entwicklungsstandes und seiner Intelligenz nicht zum Nachteil gereichen. Das Wissen um die visuellen Voraussetzungen und das Verstehen der (visuellen) Strategien des Kindes birgt die Chance, Fehldiagnosen zu vermeiden, die Strategien und Ressourcen des Kindes kennenzulernen, zu stärken und ihm und seiner sozialen Umwelt auf dieser Basis Lernmöglichkeiten zu eröffnen. Christiane Freitag, Verena Petz, Renate Walthes Technische Universität Dortmund, Fakultät Rehabilitationswissenschaften Rehabilitation und Pädagogik bei Blindheit und Sehbehinderung Emil-Figge-Str. 50 D-44221 Dortmund 158 FI 3 / 2013 Christiane Freitag et al. Literatur Bundesministerium der Justiz (2001): Sozialgesetzbuch (Sgb) neuntes buch (IX) - Rehabilitation und teilhabe behinderter Menschen. Online verfügbar: http: / / www.gesetze-im-internet.de/ sgb_9/ (zuletzt abgerufen: 27. 3. 2013) Boot F. H., Pel J. J. M., van der Steen J., Evenhuis H. M. (2010): Cerebral Visual Impairment: Which perceptive visual dysfunctions can be expected in children with brain damage? a systematic review. 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(1998): Förderung des Sehens im alltag - die gestaltung des augen-blicks. In: Fuchs, E., Zeschitz, M. (Hrsg.): Fleckerlteppiche und Frühförderung. 20 Jahre Frühförderung mehrfachbehinderter sehbehinderter und blinder Kinder in bayern. S. 51 -64. Würzburg: edition bentheim Hellbrügge, T. (1994): Münchener Funktionelle Entwicklungsdiagnostik (MFED). 4. Korr. und erw. aufl. göttingen: Hogrefe Hyvärinen, L., Jacob, N. (2011): What and How does this Child see? Helsinki: VIStESt ltd. Hyvärinen, L., Walthes, R., Freitag, C., Petz, V. (2012): Profile of Visual Functioning as a bridge between Education and Medicine in the assessment of Impaired Vision. In: Strabismus, Jg. 20, S. 63 -68 Kastner-Koller, U., Deimann, P. (2002): Wiener Entwicklungstest (WEt). Ein Verfahren zur Erfassung des allgemeinen Entwicklungsstandes bei Kindern von 3 bis 6 Jahren. 2. überarb. und neu norm. aufl. göttingen: Hogrefe Lamnek, S. (2006): Qualitative Sozialforschung. 4. aufl. Weinheim, basel: beltz Verlag Melchers, P., Preuß, U. (2009): Kaufman assessment battery for Children (K-abC). testbatterie zur Erfassung kognitiver Kompetenzen. Frankfurt/ Main: Pearson assessment Ministerium für Schule, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen (2001): Rahmenvorgabe und Richtlinien für die sonderpädagogische Förderung in Schulen des landes nordrhein-Westfalen. Online verfügbar unter: http: / / verband-sonderpaedagogik-nrw. de/ 08_aktuelles/ Richtlinien/ Rahmenvorgabe.pdf (zuletzt abgerufen: 27. 3. 2013) Petermann, F., Renziehausen, A. (2005): neuropsychologisches Entwicklungs-Screening (nES). 1. aufl. göttingen: Hogrefe Petermann, F., Stein, I. A., Macha, T. (2008): Entwicklungstest sechs Monate bis sechs Jahre (Et 6 -6). allgemeiner Entwicklungstest (Inventar). Frankfurt/ Main: Pearson assessment Petz, V. (2013): Das visuelle Funktionsprofil als Verfahren zur Ermittlung kindlicher Sehbedingungen im Kontext Früherziehung, -förderung und -therapie. Eine Konzeptentwicklung auf basis der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, behinderung und gesundheit bei Kindern und Jugendlichen (ICF-CY) (WHO, 2011) unter besonderer berücksichtigung der Komponenten Körperfunktionen, aktivität und Umweltfaktoren. Dortmund: Dissertation Petz, V. (2010): Sehüberprüfung durch Pädagoginnen - ein Kinderspiel? In: leyendecker, C. (Hrsg.): gefährdete Kindheit. Risiken früh erkennen, Ressourcen früh fördern. S. 110 -115. Stuttgart: Kohlhammer Schmid-Krammer, M., Naggl, M. (2010): leitlinien zur Diagnostik Frühförderung. ablaufschema. Online verfügbar unter: http: / / www. fruehfoerderung-bayern.de/ fileadmin/ files/ PDFs/ Informations-_und_arbeits-Papiere/ leitlinien_ Diagnostik/ ablaufschema.pdf (zuletzt abgerufen: 27. 3. 2013) Tellegen, P. J., Laros, J. A., Petermann, F. (2005): Snijders-Oomen nonverbaler Intelligenztest (SOn-R 2,5 -7). non-verbaler Intelligenztest. 3. aufl. göttingen: Hogrefe 159 FI 3 / 2013 Das Visuelle Profil für frühpädagogische Berufe Volpe, J. J. (2003): Cerebral white matter injury of the premature infant - More common than you think. In: Pediatrics, Jg. 112, S. 176 -180 Walthes, R. (2005 a): Einführung in die blinden- und Sehbehindertenpädagogik. 2. aufl. München: Reinhardt Walthes, R. (2005 b): Kinder mit zerebralen Sehschädigungen - eine Herausforderung an die Disziplinarität der Sonderpädagogik? In: Vierteljahreszeitschrift für Heilpädagogik und ihre nachbargebiete, Jg. 74, S. 207 -217 Walthes, R. (2010): „Zerebral bedingte Sehstörungen“ In: Dederich, Markus; Jantzen, Wolfgang; Walthes, Renate (Hrsg.): Sinne, Körper und bewegung - Enzyklopädisches Handbuch der behindertenpädagogik, bd. 9. Stuttgart: Kohlhammer Weltgesundheitsorganisation (WHO) (2011): Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, behinderung und gesundheit bei Kindern und Jugendlichen (ICF-CY). Übersetzt und herausgegeben von Judith Hollenweger und Olaf Kraus de Camargo unter Mitarbeit des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI). Hans Huber Verlag: bern Zihl, J., Mendius, K., Schuett, S., Priglinger, M. (2012): Sehstörungen bei Kindern. Visuoperzeptive und visuokognitive Störungen bei Kindern mit CVI. Wien, new York: Springer Zihl, J., Münzel, K. (2005): Wahrnehmungsstörungen: Klassifikation und Diagnostik. In: Perrez, M., baumann, U. (Hrsg.): lehrbuch Klinische Psychologie - Psychotherapie, S. 606 -639