Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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2013
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Bewegung im Dialog
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2013
Regina Klaes
Renate Walthes
Konzeptentwicklung und theoretischer Hintergrund Das Eltern-Kind-Kurs- oder besser Familienkurskonzept wurde von 1986 bis 1994 im Rahmen zweier Theorie-Praxis-Projekte an der Universität Tübingen erarbeitet. Erfahrungen mit integrativen Skifreizeiten und Nachfragen von Familien mit einem blinden bzw. sehbehinderten Kind im Raum Tübingen haben 1986 zu einem ersten integrativen Familienkurs geführt. Durch die Unterstützung verschiedener Unternehmen und Stiftungen im Raum Stuttgart hatte das Team um Prof. Dr. Renate Walthes die Möglichkeit, ein Konzept zur bewegungsorientierten Frühförderung mit Familien zu entwickeln. Seit 1994 ist die Arbeit im Zentrum für Systemische Bewegungstherapie und Kommunikation e. V. kurz Bewegung im Dialog verortet und wird hier von einem interdisziplinären Team stetig weiterentwickelt.
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175 FI 3 / 2013 EltErn-KInd-KonzEptE auF dEn punKt gEbracht Bewegung im Dialog Bewegung als Wegweiser für die Selbstorganisation der Weltaneignung eines Menschen und als Kommunikationsform steht im Zentrum dieses Konzepts Regina Klaes, Renate Walthes Konzeptentwicklung und theoretischer Hintergrund das Eltern-Kind-Kurs- oder besser Familienkurskonzept wurde von 1986 bis 1994 im rahmen zweier theorie-praxis-projekte an der universität tübingen erarbeitet. Erfahrungen mit integrativen Skifreizeiten und nachfragen von Familien mit einem blinden bzw. sehbehinderten Kind im raum tübingen haben 1986 zu einem ersten integrativen Familienkurs geführt. durch die unterstützung verschiedener unternehmen und Stiftungen im raum Stuttgart hatte das team um prof. dr. renate Walthes die Möglichkeit, ein Konzept zur bewegungsorientierten Frühförderung mit Familien zu entwickeln. Seit 1994 ist die arbeit im zentrum für Systemische bewegungstherapie und Kommunikation e.V. kurz bewegung im dialog verortet und wird hier von einem interdisziplinären team stetig weiterentwickelt. unabhängig davon, ob es um Kinder mit oder ohne behinderung geht, stellt sich die Frage, ob lernen in den ersten lebensjahren überhaupt etwas anderes sein kann, als eine im weiten Sinn selbstgesteuerte bewegungsentfaltung. bewegen, sich fortbewegen ist neben den sensorischen und den kognitiven Fähigkeiten nicht einfach die motorische Seite unserer Existenz. bewegung ist die grundlage unserer Existenz überhaupt - sowohl auf der Ebene der körperlichen prozesse des Stoffwechsels, des herzschlags, der atmung, des Wachstums etc. als auch auf der Ebene der Wahrnehmung, der Sprachentwicklung, der Kommunikation, der Enkulturation. Sich bewegen ist sich mitteilen und sich informieren zugleich. Sich bewegen ist sich selbst und die Welt sowie sich selbst in der Welt erleben. Es ist die grundlage der Identität. Wo immer ein Fuß beim Strampeln auch landet, was immer eine hand berührt, die selbst initiierte bewegung erfährt eine resonanz, zeigt also einen erlebbaren Effekt und wird somit zu einer Möglichkeit, zwischen der eigenen aktivität und den darauf erfolgenden resonanzen zusammenhänge herzustellen und so der Wahrnehmung von sich und der Welt bedeutung zu geben. das Kind (wie auch jeder andere) erlebt mittels seiner selbstgesteuerten bewegungen und handlungen, dass es etwas bewirken kann; es erlebt, einwirken und verändern zu können und zugleich erlebt es dabei unmittelbar die Ein-Wirkungen (Eindrücke/ Empfindungen) der Welt an sich selbst. dieser Kreislauf von eigenaktivem bewirken und Wirkungen an sich erleben, ist die basis der sich selbststrukturierenden Wahrnehmung, sowohl der materialen wie sozialen umgebung 176 FI 3 / 2013 Eltern-Kind-Konzepte auf den Punkt gebracht als auch der eigenen person. Sie ist der trägerstoff der kognitiven und emotionalen Entwicklung. der ansatz der Systemischen bewegungstherapie, umgesetzt im Konzept der Familienkurse, basiert im Wesentlichen auf drei theorien und den mit diesen verbundenen grundhaltungen und -prinzipien: die theorie der virtuellen bewegung des ungarischen philosophen Melchior palágy, in der die eigenaktive bewegung den ausgangspunkt für Wahrnehmen, bewusstes Erkennen, emotionales bedeuten und geistiges Entwickeln darstellt. die theorie der autopoiese von h. Maturana und F. Varela, die Entwicklung als einen selbstgesteuerten, selbstreferentiellen, autonomen prozess der fortwährenden Strukturveränderung von biologischen und psychischen Systemen beschreibt. die theorie sozialer Systeme von niklas luhmann, umgesetzt in therapietheorie und -praxis der Systemischen therapie und beratung. das ziel ist die Stärkung aller am prozess beteiligten, damit das zusammenspiel im gemeinsamen alltag gelingen kann und für alle größtmögliche Entwicklungschancen bestehen. zusammengenommen bedeutet dieser theoretische hintergrund: im zentralen Moment der bewegungsorientierten Förderung ist die Mitgestaltung solcher handlungs- und Interaktionserfahrungen intendiert, die gemeinsames handeln und leben trotz großer unterschiedlichkeiten der Einzelnen zum alltäglichen Können werden lassen. Insofern bedeutet bewegung in diesem Konzept sowohl gestalten von Er-lebens-Wirklichkeiten als auch die Entwicklung von handlungs-, Kommunikations- und Interaktionsfähigkeiten der Familienmitglieder bzw. der jeweiligen handlungspartner. Für wen ist es bestimmt und wie baut sich das Konzept auf ansatzpunkte für die arbeit von ‚bewegung im dialog‘ finden sich in der aktuellen lebenssituation von Familien mit einem behinderungserfahrenen Kind. der blick auf Kinder und Eltern, das Verständnis ihnen gegenüber folgt der prämisse: Sie tun, was sie im Moment tun können, etwas anderes steht ihnen jetzt gerade nicht zur Verfügung und sie verfolgen dabei als Einzelne wie als zusammengehörige gemeinschaft implizit das ziel der aufrechterhaltung ihrer handlungsfähigkeit. die handlungsressourcen, die sie durchaus haben und die vielleicht in der einen oder anderen Situation von außen (fachlich) betrachtet günstiger wären, können jetzt offenbar nicht ins Spiel gebracht werden. die Fachperson, die antritt, für eine gelingende Kommunikation und Interaktion zwischen Eltern und Kindern, Kindern und Kindern, Eltern und Fachleuten, Fachleuten und Familien nützlich sein zu wollen, hat die aufgabe, gemeinsame lernprozesse anzuregen, in denen alle, sowohl als Individuen als auch als Mitgestalter der gemeinschaft, ihre Möglichkeiten der teilhabe an einer gelingenden Interaktion und Kommunikation ausbauen können. um einen solchen prozess gemeinsam zu gestalten, bedarf es bestimmter Voraussetzungen: zeit, gemeinsam geteilte Wirklichkeit und raum. Familienkurse, in denen die ganze Familie gemeinsam mit einem interdisziplinären team an einem familienfreundlichen ort zehn bis vierzehn tage zusammenarbeitet und lebt, haben sich als ein hervorragendes und unverzichtbares Mittel zur gestaltung unterstützender prozesse erwiesen. diese Kurse haben eine bestimmte Struktur und in verschiedenen konzeptionellen Überlegungen entwickelte Elemente, bezüglich der konkreten zusam- 177 FI 3 / 2013 Eltern-Kind-Konzepte auf den Punkt gebracht menarbeit mit der jeweiligen Familie sind jedoch die themen dieser Familie handlungsleitend. Wesentliche Strukturelemente sind: bewegungs-, Spiel- und Erlebnisangebote für die ganze gruppe; familienbezogenes tun, d. h. themen- und prozessorientierte zusammenarbeit, gemeinsame themen- und handlungsentwicklung zwischen einem teammitglied und einer bzw. zwei Familie(n), bewegungs- und gesprächsangebote für die gruppe der Eltern, ggf. gesprächs- und bewegungsangebote für ältere Kinder und Jugendliche/ geschwister. diese Elemente gestalten den tages- und Wochenablauf des Kurses, sie sind geprägt von hoher Intensität, aber auch großer lebendigkeit und Freude am gemeinsamen tun. Was soll es bewirken? Es soll in erster linie Familien darin unterstützen, den alltag mit ihren Kindern gut zu gestalten. Eltern möchten ihren Kindern bestimmte Fähigkeiten angedeihen lassen, möchten ihnen die Welt zeigen, erklären und verfügbar machen. Sie möchten ihre Kinder in dem, was sie tun und auch lassen, verstehen. Sie möchten die Kommunikationspartner ihrer Kinder sein und diese Kommunikation als gelungen empfinden. die aufgabe des teams in der gestaltung des Familienkurses bezieht sich dementsprechend auf die Erweiterung der handlungs- und bewegungsmöglichkeiten von Kindern und Eltern zugleich, mit dem ziel, ihre dialogkompetenzen zu stärken. dabei folgt die Kursarbeit der Intention, möglichst alltagsnah und familienspezifisch zu sein. das heißt, die teammitglieder orientieren ihre unterstützung an den Fragestellungen und Veränderungsbzw. Entwicklungswünschen der Eltern, verbunden mit den aktuellen Möglichkeiten und themen der Kinder und unter berücksichtigung der jeweiligen familiären lebensbedingungen. dazu ist ein intensiver kontinuierlicher austausch mit den Eltern über die in den gemeinsam gestalteten handlungssituationen gewonnenen Eindrücke, über ihre wie unsere handlungsleitenden Ideen, annahmen und aufmerksamkeitsorientierungen enorm wichtig. Ein großer Vorteil für die Entwicklung, Mitgestaltung und begleitung dieser prozesse liegt darin, dass den Familien im Familienkurs bei gleichzeitiger intensiver zusammenarbeit mit einer teamkollegin das gesamte team in seiner interdisziplinären Kompetenz zur Verfügung steht. zudem bietet die gruppe der Familien selbst einen solchen Schatz an Erfahrungen, Wissen und Können, wie er von einem reinen Fachexpertenteam nicht zusammengetragen werden könnte. Wer wendet es an, welche Voraussetzungen gibt es für die Mitarbeitenden? aufgrund der 25-jährigen Erfahrung und der interdiziplinären zusammenarbeit mit vielen Kolleginnen und Kollegen aus der Frühförderung sowie durch Fortbildungen, Weiterbildungen, Vorträge und publikationen ist das Konzept einer Vielzahl von Fachleuten bekannt. das Familienkurskonzept bedarf einer intensiven auseinandersetzung mit der ressourcenorientierten gestaltung von Kommunikationsprozessen in Sprache und bewegung und nicht zuletzt auch mit den prozessfärbenden organisatorischen Feinheiten des Settings. Wer diese arbeitsweise erlernen und das Konzept umsetzen und anwenden möchte, kann dies über die Weiterbildung von 178 FI 3 / 2013 Eltern-Kind-Konzepte auf den Punkt gebracht bewegung im dialog, die mit dem zertifikat „Systemische bewegungstherapie und beratung“ abschließt. die grundprinzipien des gesamtkonzepts können in verschiedenen arbeitskontexten anwendung finden. Womit wird Wirksamkeit erwiesen? Was wissen Sie über Nachhaltigkeit? Es gibt umfangreiche Evaluationsbögen, die nach jedem Kurs sowohl von den Eltern als auch von den Fachleuten ausgefüllt werden und von dem jeweiligen team ausgewertet werden. die Kontakte zu den Familien, die an den Familienkursen teilnehmen, bestehen oft über Jahre, es gibt sehr häufig schriftliche rückmeldungen zur bedeutsamkeit des erlebten Kurses. oft nehmen die Familien nach etwa zwei bis drei Jahren an einem weiteren Kurs teil und berichten hier der gesamten gruppe, welche auswirkungen die zusammenarbeit im alltag gezeigt hat. die meisten Eltern sehen in der Kombination von einem jährlichen Familienkurs und drei bis vier terminen mit dem team der örtlichen Frühförderung eine ideale unterstützung. Was sagen die Kritiker die Familienkurse sind kein regelangebot und werden daher auch nicht durch öffentliche Mittel finanziert. die Kurskosten betragen bei einem 14-tägigen Kurs für die ganze Familie etwa € 2500,- zuzüglich unterkunft, Verpflegung und Fahrtkosten. diese Kosten seien von vielen Familien nicht aufzubringen. gemeinsam mit den Eltern hat der Verein und der „Förderverein bewegung im dialog“ ein Maßnahmenpaket entwickelt, das es jeder Familie ermöglichen soll, an den Familienkursen teilzunehmen. Informationen zum Konzept unter: n www.bewegung-im-dialog.de Filme: n Familien in bewegung - Systemische bewegungstherapie in der praxis (dVd) n Kinder in bewegung - bewegungserziehung mit Kindern mit einer Sehschädigung (dVd) Regina Klaes Paul-Dietz-Straße 6 72072 Tübingen r.klaes@bewegung-im-dialog.de Prof. Dr. Renate Walthes Technische Universität Dortmund, Fakultät Rehabilitationswissenschaften Rehabilitation und Pädagogik bei Blindheit und Sehbehinderung Emil-Figge-Str. 50 D-44221 Dortmund renate.walthes@uni-dortmund.de
