eJournals Frühförderung interdisziplinär32/4

Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2013.art11d
1_032_2013_4/1_032_2013_4.pdf101
2013
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"Auf die Familie kommt es an."

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2013
Klaus Sarimski
Manfred Hintermair
Markus Lang
Die empirischen Befunde zur Entwicklung von Kindern mit und ohne Behinderung sprechen dafür, dass sich eine frühe Aufnahme in eine Kindertagesstätte nicht nachteilig auf die Entwicklung der Kinder auswirkt, wenn sie dort eine hohe Betreuungsqualität erleben. Für Kinder, die unter ungünstigen sozialen Bedingungen aufwachsen, kann sie Beeinträchtigungen der Entwicklung vermeiden helfen. Die kognitive, sprachliche und sozial-emotionale Entwicklung hängt jedoch in höherem Maße von der Qualität der familiären Beziehungen ab. Dies gilt nach Ansicht der Autoren in besonderem Maße für Kinder mit Behinderungen. Für sie sollte ein späterer Eintritt in eine Krippe (erst im Alter von zwei Jahren) und ein zunächst reduzierter Betreuungsumfang erwogen werden, sofern keine zusätzlichen sozialen Risiken vorliegen. Für die Frühförderstellen ergibt sich der Auftrag, sowohl die familiären Erziehungs- und Bewältigungskompetenzen zu stärken als auch die Fachkräfte in der Kindertagesstätte darin zu unterstützen, sich auf die besonderen Bedürfnisse behinderter Kinder einzustellen. Implikationen dieser Forderung werden diskutiert.
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195 Frühförderung interdisziplinär, 32. Jg., S. 195 -205 (2013) DOI 10.2378/ fi2013.art11d © Ernst Reinhardt Verlag ORIGINALARBEIT „Auf die Familie kommt es an.“ Familienorientierte Frühförderung und inklusive Krippenförderung Klaus Sarimski, Manfred Hintermair, Markus Lang Zusammenfassung: Die empirischen Befunde zur Entwicklung von Kindern mit und ohne Behinderung sprechen dafür, dass sich eine frühe Aufnahme in eine Kindertagesstätte nicht nachteilig auf die Entwicklung der Kinder auswirkt, wenn sie dort eine hohe Betreuungsqualität erleben. Für Kinder, die unter ungünstigen sozialen Bedingungen aufwachsen, kann sie Beeinträchtigungen der Entwicklung vermeiden helfen. Die kognitive, sprachliche und sozial-emotionale Entwicklung hängt jedoch in höherem Maße von der Qualität der familiären Beziehungen ab. Dies gilt nach Ansicht der Autoren in besonderem Maße für Kinder mit Behinderungen. Für sie sollte ein späterer Eintritt in eine Krippe (erst im Alter von zwei Jahren) und ein zunächst reduzierter Betreuungsumfang erwogen werden, sofern keine zusätzlichen sozialen Risiken vorliegen. Für die Frühförderstellen ergibt sich der Auftrag, sowohl die familiären Erziehungs- und Bewältigungskompetenzen zu stärken als auch die Fachkräfte in der Kindertagesstätte darin zu unterstützen, sich auf die besonderen Bedürfnisse behinderter Kinder einzustellen. Implikationen dieser Forderung werden diskutiert. Schlüsselwörter: Familienorientierung, Frühförderung, Inklusion, Krippenförderung “Family counts.” - Family-oriented early intervention and inclusive day care Summary: The current state of research suggests that early day care services for children with and without disabilities have no negative consequences for child development, if quality of care is well enough. However, the quality of family relations has more effect on child development than day care. According to our view, this fact has special relevance for children with disabilities. We propose that children with disabilities should not visit day care settings before their second birthday and the amount of time in nonmaternal care should be restricted if there are no severe additional social risks. Early intervention services should support the coping skills of families as well as the professional skills of day care providers to adapt to the special needs of this group of children. Implications of this position are discussed. Keywords: Family orientation, early intervention, inclusion, early day care service Einleitung A uf die Familie kommt es an“ - so überschreibt die ZEIT (Nr. 26, 2013) ein ausführliches Interview mit James Heckman, Nobelpreisträger für Ökonomie, zu den positiven Auswirkungen frühkindlicher Bildung auf die langfristige Entwicklung bis ins Erwachsenenalter. Er hat u. a. die Daten des Perry-Preschool-Projects analysiert, bei dem Kinder, die unter ungünstigen familiären Lebensumständen aufwuchsen, in qualitativ hochwertigen Kindergärten intensiv gefördert wurden. Sein Ergebnis aus der Zusammenschau dieser und anderer Studien, bei denen die Förderung noch früher ansetzt, ist: Eine qualitativ hochwertige Förderung in Kindertagesstätten kann zu einer Kompensation von Entwicklungsrisiken bei diesen Kindern wirk- „ 196 FI 4 / 2013 Klaus Sarimski et al. sam beitragen, aber entscheidend ist es, mit den Familien zu arbeiten. Aktuelle Übersichtsarbeiten, die den Forschungsstand zu Effekten außerfamiliärer Betreuung im Kleinkindalter auf die kognitive und sprachliche Entwicklung, die Bindungssicherheit und die sozial-emotionale Entwicklung analysieren, kommen zu einem ganz ähnlichen Fazit (Bäuerlein et al. 2013; Linkert et al. 2013). Einige dieser Forschungsergebnisse sollen an dieser Stelle vorgestellt werden. Schlussfolgerungen, die sich daraus für die Förderung von Kindern mit bereits früh erkannten Behinderungen und die Aufgaben der Frühförderung ergeben, werden anschließend diskutiert. Das Thema ist von aktueller Bedeutung. Viele Praktiker der Frühförderung sehen die Gefahr, dass sich mit einem wachsenden Anteil von Kindern, die früh in eine Kindertagesstätte aufgenommen werden, der Schwerpunkt der Arbeit der Fachkräfte der Frühförderung von der Familie in die Krippe oder den Kindergarten verlagert, d. h. die Familien den Frühförderstellen „verloren gehen“ könnten. Eine frühzeitige Aufnahme von Kindern in eine Kinderkrippe entspricht allerdings sowohl dem gesellschaftspolitischen Ziel einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Berufstätigkeit wie auch - auf den ersten Blick - dem Gedanken der Förderung der sozialen Teilhabe behinderter Kinder in inklusiven Settings. Nicht wenige alleinerziehende Mütter und Familien mit sehr niedrigem Einkommen sind auch aus wirtschaftlichen Gründen auf eine solche frühzeitige Aufnahme ihres Kindes in eine Krippe angewiesen. Um dies zu ermöglichen, wurde auf politischer Ebene die Entscheidung gefällt, die verfügbaren Plätze in Kindertagesstätten für Kinder ab dem zweiten Lebensjahr auszubauen und zum 1. August 2013 jedem Kind, dessen Eltern dies wünschen, einen Krippen- oder Tagesbetreuungsplatz zur Verfügung zu stellen, auf den ein Rechtsanspruch besteht. Dabei wird von einem Bedarf bei etwa einem Drittel aller Kinder dieser Altersgruppe ausgegangen. Ob die nötigen Ressourcen tatsächlich bis zu diesem Termin zur Verfügung stehen werden, ist äußerst fraglich. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend betont zwar in einer aktuellen Stellungnahme vom 14. 3. 2013, dafür gut gerüstet zu sein (http: / / www.bmfsfj.de/ BMFSFJ/ Kinder-und-Jugend/ kinderbetreu ung.html), die Kommunen hingegen, die für die Bereitstellung der Kita-Plätze verantwortlich sind, sehen dies weit weniger optimistisch. So hat z. B. der neue Präsident des Deutschen Städtetages, der Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg, Ulrich Maly, kürzlich betont, dass die Kommunen zwar alle „Kitas gebaut hätten wie die Blöden“ und „die letzten lebenden Erzieherinnen aus den hintersten Ecken des Bayerischen Waldes in die Großstädte“ gelockt werden, dennoch sehe er dem 1. August 2013 mit gemischten Gefühlen entgegen (http: / / www.br.de/ nachrichten/ rechtsanspruch-kitaplatz100.html). Zudem ist bislang nicht erkennbar, dass die besonderen Bedürfnisse behinderter Kinder bei den Bedarfsschätzungen und der Planung der nötigen personellen und materiellen Ressourcen für die Ausstattung von Krippen und Tagespflegeplätzen hinreichend berücksichtigt werden, wenn auch das zuständige Bundesministerium die Realisierung „bedarfsgerechter Betreuungsangebote“ ausdrücklich betont (http: / / www.bmfsfj.de/ BMFSFJ/ Kinder-und-Jugend/ kinderbetreu ung.html). Der oben erwähnte Umstand, dass offensichtlich jede/ r verfügbare/ r Erzieher/ in eine Beschäftigung in einer Kita findet, stimmt hier eher nachdenklich. Aus unserer Sicht ergibt sich daraus die Notwendigkeit, Stellung zu beziehen, ob und in welcher Form eine familienorientierte Frühförderung und die frühe Aufnahme behinderter Kinder in eine Krippe miteinander verbunden werden können. Wir beziehen uns dabei primär auf Kinder mit (drohender) geistiger Behinderung, körperlicher Behinderung, 197 FI 4 / 2013 Familienorientierte Frühförderung und inklusive Krippenförderung Hör- und Sehschädigung, bei denen die Behinderung bereits in diesem frühen Kindesalter erkennbar ist und dauerhafter Art sein wird. Kinder mit Entwicklungsgefährdungen, bei denen eine Entwicklungsverzögerung aufgrund sozialer Risiken droht, müssen dabei mitgedacht werden. Wir möchten in diesem Beitrag zunächst auf empirische Befunde eingehen, die zum Entwicklungsverlauf von Kindern vorliegen, die im frühen Kindesalter in familienergänzenden Einrichtungen betreut werden. Anschließend möchten wir die besonderen Bedürfnisse von Kindern mit Behinderungen und ihren Eltern beleuchten sowie Bedingungen ansprechen, die für das Gelingen einer frühen Inklusion in Gruppenkontexten erforderlich sind. Der Beitrag schließt ab mit Überlegungen zu Rahmenbedingungen, die erforderlich sind, damit die soziale Teilhabe behinderter Kinder und ihrer Familien bestmöglich gefördert werden kann. Entwicklung von Kindern in familienergänzender Betreuung Eine der umfangreichsten Untersuchungen zu diesem Thema ist die „National Study of Early Child Care“ (NICHD 2001), die in den USA durchgeführt wurde. In dieser Studie wurde von 1991 bis 2006 längsschnittlich eine repräsentative Stichprobe von 1.364 Kindern von der Geburt bis zum 15. Lebensjahr wissenschaftlich begleitet, die ab dem ersten Geburtstag in eine Tagespflege oder Kindertagesstätte aufgenommen wurden, um die Auswirkungen ihrer Betreuungserfahrungen innerhalb und außerhalb ihrer Familien auf ihre Entwicklung zu untersuchen. Die frühe kognitive Entwicklung der Kinder wurde dabei mit dem Bayley- Entwicklungstest, die sprachliche Entwicklung mit dem „MacArthur Communicative Development Inventory“ (CDI) untersucht. Im Alter von drei Jahren wurden die „Reynell Developmental Language Scales“ (RDLS) durchgeführt und das Sozialverhalten im Alter von 24 und 36 Monaten mit dem „Adaptive Social Behaviour Inventory“ (ASBI) sowie mit der „Child Behavior Checklist“ (CBCL) beurteilt. Weiterhin wurde die Selbsteinschätzung depressiver Symptome durch die Mütter sowie ihre sprachliche Ausdrucksfähigkeit mittels eines rezeptiven Wortschatztests erhoben. Das häusliche Anregungsniveau wurde schließlich mit der „HOME-Scale“ („Home Observation for the Measurement of the Environment“) beurteilt. Darüber hinaus wurden Art, Quantität und Qualität der außerfamiliären kindlichen Betreuung mit verschiedenen Verfahren dokumentiert. Je nach Altersgruppe und Entwicklungsbereich ergaben sich aus diesen umfassenden Daten unterschiedliche Zusammenhänge, wobei die drei Faktoren Qualität und Quantität der außerhäuslichen Betreuung sowie Qualität der familiären Beziehungen besonders relevant sind. n Die Qualität der außerfamiliären Betreuung in Kindertagesstätten erwies sich als signifikanter Prädiktor des kindlichen Entwicklungsverlaufs während der ersten drei Lebensjahre. Vor allem die Menge der sprachlichen Anregungen durch die Erzieherinnen korrelierte positiv mit den kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten der Kinder im Alter von 15, 24 und 36 Monaten. Allerdings erwiesen sich die jeweiligen Effektgrößen als relativ gering. Auf die sozial-emotionale Entwicklung hatte die Qualität der außerfamiliären Betreuung ebenfalls einen nachhaltigen Einfluss. Mit 24 Monaten zeigten Kinder, die Einrichtungen mit hoher Betreuungsqualität (insbesondere mit günstigen Personalrelationen) besuchten, aus Sicht der Mütter und der Fachkräfte weniger Verhaltensauffälligkeiten und wurden höher in ihrer sozialen Kompetenz eingeschätzt als Kinder, die Einrichtungen mit niedriger Betreuungs- 198 FI 4 / 2013 Klaus Sarimski et al. qualität besuchten. Im Alter von 36 Monaten war die Betreuungsqualität assoziiert mit mehr Kooperationsbereitschaft und weniger negativen Verhaltensweisen in der Mutter-Kind-Interaktion sowie weniger Verhaltensproblemen aus Sicht der Mütter. n Es zeigten sich dagegen vermehrt unsichere Bindungsmuster bei den Kindern, wenn zwei ungünstige Bedingungen zusammentrafen: eine niedrige Betreuungsqualität der Einrichtung und eine geringe Feinfühligkeit und Responsivität der Mutter in Beobachtungen der Eltern-Kind-Interaktion. Insgesamt fanden sich negative Effekte auf die Entwicklung eher dann, wenn die Betreuung in einer Krippe bereits im ersten Lebensjahr begonnen wurde. n Neben der Qualität der Betreuung wurde auch die Auswirkung des zeitlichen Betreuungsumfangs untersucht. Bei den unter dreijährigen Kindern fand sich kein Zusammenhang zwischen Betreuungsumfang und Verlauf der kognitiven und sprachlichen Entwicklung; Kinder mit hohem täglichen außerfamiliären Betreuungsumfang zeigten allerdings etwas mehr Verhaltensauffälligkeiten im Alter von zwei und drei Jahren - ein Zusammenhang, der sich bei älteren Kindern nicht mehr bestätigen ließ. Wenn längere Betreuungszeiten und niedrige Qualität der Mutter-Kind-Interaktion zusammentrafen, war das Risiko für unsichere Mutter-Kind-Beziehungen wiederum signifikant höher. Mit 24 Monaten zeigten die Kinder, bei denen das zutraf, weniger soziale Kompetenzen aus Sicht der Mütter und mehr Verhaltensauffälligkeiten aus Sicht der Fachkräfte. Aus Deutschland liegen seit Kurzem die Ergebnisse der NUBBEK-Studie vor. Es handelt sich um eine multizentrische Studie, in der sich verschiedene Forschergruppen mit der Auswirkung der Strukturqualität (z. B. Gruppengröße und Erzieherinnenausbildung) sowie der Prozessqualität von Bildung, Erziehung und Betreuung in außerfamiliären Betreuungssettings in Deutschland beschäftigten (Tietze et al. 2012). Die Studie umfasst umfangreiche Interviews und schriftliche Befragungen von Müttern und Vätern zum Familiensetting und zur Einschätzung des kindlichen Entwicklungs- und Bildungsstandes, eine mehrstündige Beobachtung der Kinder im institutionellen Setting bzw. in der Kindertagespflege und Interviews sowie schriftliche Befragungen der pädagogischen Fachkräfte. Insgesamt wurden 1956 Kinder im Alter bis zu sechs Jahren in 567 Betreuungssettings einbezogen, von denen sich 468 Kinder bereits im zweiten Lebensjahr in einer Krippe für 0 - 3-jährige Kinder oder in altersgemischten Gruppen befanden. Die pädagogische Prozessqualität in den Einrichtungen wurde - wie in der NICHD-Studie - über Befragungs- und Beobachtungsbögen erhoben („Krippen-Skala“, KRIPS-R; „Caregiver Interaction Scale“, CIS; Aktivitätsfragebögen zu verschiedenen Aktivitäten mit den einzelnen Kindern“, AKFRA). Danach lagen über 80 % der außerfamiliären Betreuungsformen in der Zone mittlerer Qualität; als gut konnte die pädagogische Prozessqualität nur in weniger als zehn Prozent der Krippen eingeschätzt werden. Analog zu den außerfamiliären Betreuungssettings wurden auch Merkmale der familiären Betreuung erhoben. Dazu gehörten Strukturmerkmale wie die Zusammensetzung der Familie, Bildungsstatus der Mutter, sozio-ökonomischer Status, Persönlichkeitsmerkmale der Mutter, psychisches Wohlbefinden, Erziehungsziele und Rolleneinstellungen. Merkmale der Prozessqualität wurden als mütterliches Interaktionsklima mit dem Kind (mittels der „Caregiver Interaction Scale“), Anregungsgehalt in der familiären Umgebung („HOME“-Skala), Aktivitäten mit dem Kind („AKFRA“) erfasst, die Mutter- Kind-Beziehung wurde mit einer Beobachtungsskala beurteilt. Zur Einschätzung der kindlichen Entwicklung wurden Maße der sprachlich-kognitiven Kompetenz (z. B. des 199 FI 4 / 2013 Familienorientierte Frühförderung und inklusive Krippenförderung rezeptiven Wortschatzes, PPVT), der sozialemotionalen Entwicklung („Infant Toddler Social Emotional Assessment“, ITSEA) und des Problemverhaltens („Child Behavior Checklist“, CBCL) sowie der alltagsbezogenen, motorischen und kommunikativen Fähigkeiten („Vineland Adaptive Behavior Scale“, VABS) eingesetzt. Die Analyse der korrelativen Zusammenhänge bestätigte die Befunde der internationalen Studien zur Bedeutung der Betreuungsqualität weitgehend. Betreuungsqualität lässt sich in Struktur- und Prozessqualität differenzieren. Strukturqualität beschreibt die Rahmenbedingungen wie z. B. Gruppengröße, Personalschlüssel, Qualifikation der Fachkräfte sowie räumliche und materielle Ausstattung. Prozessqualität beschreibt die pädagogischen Interaktionen zwischen dem Kind und den Fachkräften. Hierbei sind Merkmale wie der entwicklungsangemessene und auf die Bedürfnisse des Kindes abgestimmte Umgang sowie die Qualität der Erziehungs- und Bildungspartnerschaft mit den Eltern von Bedeutung (Tietze & Lee 2009). Kompensatorische Effekte bei sozialen Risiken Bäuerlein et al. (2013) und Linkert et al. (2013) sehen es nach den Ergebnissen dieser und anderer Studien als hinreichend bewiesen an, dass eine frühe und zeitlich ausgedehnte Betreuung in einer Kindertagesstätte selbst kein Risiko für die Bindungsqualität der Kinder ist. Positive, kompensierende Auswirkungen auf die kognitive, sprachliche und sozial-emotionale Entwicklung kann sie haben, wenn die Kinder aus sozial hoch belasteten Familiensituationen stammen. Kinder aus sogenannten Hochrisikofamilien, in denen die Mütter aufgrund von Armutslagen, jugendlichem Alter, eigenen psychischen Störungen, Alkohol- oder Drogenabhängigkeit mit den Erziehungs- und Alltagsaufgaben häufig überfordert sind, zeigen nach den Ergebnissen dieser Forschungsübersicht im Kindergarten weniger sozial-emotionale Auffälligkeiten und einen günstigeren kognitiv-sprachlichen Entwicklungsverlauf, wenn sie früh in eine Kindertagesstätte aufgenommen werden. Dies gilt aber nur, wenn dort eine hinreichende Betreuungsqualität gesichert ist. Sie spiegelt sich in der Sensitivität der Erzieherinnen für die Bedürfnisse der Kinder wider und geht mit günstigen Rahmenbedingungen (z. B. kleinen Gruppengrößen, gutem Ausbildungsstand der Mitarbeiterinnen) einher. Zahlreiche empirische Studien belegen, dass die genannten sozialen Risiken die Entwicklung einer stabilen und förderlichen Eltern- Kind-Beziehung gefährden und mit negativen Auswirkungen auf die kognitive, sprachliche und sozial-emotionale Entwicklung einhergehen. Aus den vorliegenden Forschungsergebnissen zu präventiven Hilfen in Familien mit besonderen sozialen Belastungen lässt sich schließen, dass eine Betreuung der Kinder in familienergänzenden Einrichtungen nur dann nachhaltige positive Effekte hat, wenn sie mit elternzentrierten Interventionen verbunden wird. Diese elternzentrierten Interventionen müssen früh beginnen, sich über einen hinreichend langen Zeitraum erstrecken und sich auf die Förderung der frühen Eltern-Kind-Beziehung konzentrieren. Darüber hinaus müssen sie umfassende Hilfen zur Verbesserung der Lebenssituation der Familien einbeziehen, die sich aus Armutslagen, psychischen Störungen oder Suchtproblemen ergeben (Sarimski 2013, im Druck). Die Bedeutung der elternzentrierten Hilfen, die sich aus diesen Präventionsstudien zur Kompensation von Entwicklungsrisiken bei sozial benachteiligten Kindern ergibt, bestätigt sich in den Studien zu Effekten der außerfamiliären Betreuung im frühen Kindesalter. Die Autorinnen der beiden zitierten Übersichtsarbeiten weisen auf die Sensitivität der Mutter 200 FI 4 / 2013 Klaus Sarimski et al. und eine qualitativ hochwertige Gestaltung der kindlichen Umgebung zu Hause als einen der bedeutsamsten Faktoren für die kindliche Entwicklung hin. Diese Familienmerkmale und -prozesse erweisen sich in der Mehrheit der Studien als Prädiktoren mit wesentlich mehr Vorhersagekraft für die kindliche Entwicklung als Aspekte außerfamiliärer Betreuung. In der NICHD-Studie wurde z. B. die Qualität der Bindung im Alter von 15 Monaten in erster Linie von der Feinfühligkeit, Responsivität und psychischen Stabilität der Mütter bestimmt, während die Qualität und Quantität der außerfamiliären Betreuung, das Alter bei Beginn und die Häufigkeit von Betreuungswechseln keinen zusätzlich entscheidenden Einfluss hatten. Die Qualität der Familiensituation und der häuslichen Anregung - insbesondere die sprachliche Anregung durch die Mutter - erklärte auch den größten Anteil der Varianz in der kognitiven und sprachlichen Entwicklung der Kinder. Auch in der NUB- BEK-Studie hing der Bildungs- und Entwicklungsstand der Kinder stärker mit Merkmalen der Familie zusammen als mit Merkmalen der außerfamiliären Betreuung. So erklärte z. B. die Qualität der familiären Betreuung bis zu 50 % der Varianz im Sprachentwicklungsstand der zweijährigen Kinder. Die Autoren des Forschungsüberblicks ziehen daraus das Fazit: „Entscheidender als Merkmale der Betreuungseinrichtung sind für die Ausbildung einer sicheren Bindung sowie einer positiven sozialemotionalen Entwicklung ein feinfühliger Umgang der Eltern mit dem Kind sowie ihre Verfügbarkeit und prompte Reaktion auf seine Bedürfnisse“ (Linkert et al. 2013, S. 11). Kleinkinder mit (drohender) Behinderung in außerfamiliären Betreuungskontexten Leider fehlt es bislang an Langzeitstudien zum Entwicklungsverlauf von Kleinkindern mit Behinderungen in außerfamiliären Betreuungskontexten, die der NICHD-Studie oder der NUBBEK-Studie vergleichbar wären, um die spezifische Situation und die spezifischen Bedürfnisse dieser Kinder und ihrer Eltern umfassend beurteilen zu können. Immerhin gehörten zur Stichprobe der NICHD-Studie auch 166 Familien mit Kindern mit „special needs“, die im Alter von einem Jahr in eine außerfamiliäre Betreuungseinrichtung mit einem zeitlichen Umfang von mindestens zehn Stunden pro Woche aufgenommen wurden (Booth & Kelly 1998). Bei 89 dieser Kinder war eine Behinderung diagnostiziert (darunter 27 Kinder mit Down-Syndrom) - definiert als Entwicklungsrückstand in den kognitiven und adaptiven Kompetenzen um mehr als 25 % im Vergleich zum Durchschnitt der Altersgruppe. Bei den anderen 77 Kindern lagen erhebliche Entwicklungsrisiken vor, z. B. ein Geburtsgewicht < 2000 g, Anfälle oder schwere Atemregulationsstörungen in der Neugeborenenperiode, neurologische Auffälligkeiten oder ein nachgewiesener Alkohol- oder Drogenkonsum der Mütter. Im Alter von 12 Monaten wurde der Entwicklungsstand dieser Kinder mit dem Bayley-Entwicklungstest bestimmt, im Alter von 15 Jahren die Qualität der Betreuungsumgebung mit Beobachtungsverfahren beurteilt. Im Vergleich zu einer (nach sozio-ökonomischen Kriterien parallelisierten) Kontrollgruppe aus Kindern ohne Behinderungen oder Entwicklungsrisiken, deren Entwicklung in der NICHD-Studie begleitet wurde, fanden sich einige Unterschiede. Die Kinder mit „special needs“ waren pro Woche für eine kürzere Zeit in außerfamiliärer Betreuung; außerdem wurden sie häufiger von Verwandten und seltener in einer Kindertagesstätte betreut. Ihre Mütter entschieden sich seltener als die Vergleichsgruppe, bereits nach Ablauf des ersten Lebensjahres des Kindes ihre Berufstätigkeit wieder aufzunehmen. Die Betreuungsqualität der Tagespflege oder der Einrichtungen, die die Kinder besuchten, 201 FI 4 / 2013 Familienorientierte Frühförderung und inklusive Krippenförderung wurde als signifikant besser eingeschätzt als die durchschnittliche Betreuungsqualität der Einrichtungen, die die Kinder ohne Entwicklungsprobleme besuchten. Eine nachfolgende Studie untersuchte den Entwicklungsstand von 80 Kindern aus dieser Stichprobe und verglich ihn mit dem Entwicklungsstand von 73 Kindern mit vergleichbaren Entwicklungsrisiken, die durchgängig zu Hause aufwuchsen (Booth & Kelly 2002). Im Alter von 30 Monaten hatte die erste Gruppe durchschnittlich mehr als 15 Monate lang eine außerfamiliäre Betreuung (Tagespflege oder Kindertagesstätte) für mehr als zehn Stunden in der Woche erhalten. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Erziehungshaltungen der Mütter, die Betreuungsqualität der familiären oder außer-familiären Umgebung, der mentale und motorische Entwicklungsstand der Kinder (mit dem Bayley-Entwicklungstest), das Niveau ihrer adaptiven Kompetenzen, Verhaltensauffälligkeiten der Kinder (mit der Child Behavior Checklist) sowie die Bindungsqualität (mit dem Fremde-Situations- Test) eingeschätzt. Zwischen Kindern in einem außerfamiliären Betreuungssetting und Kindern, die ausschließlich von den Eltern betreut worden waren, fand sich in keinem der Outcome-Maße ein signifikanter Unterschied, d. h., dass Kinder, die eine außerfamiliäre Betreuung erhielten, sich im kognitiven, motorischen und adaptiven Entwicklungsstand nicht von Kindern unterschieden, die ausschließlich von ihren Eltern betreut wurden. Sie zeigten nicht mehr Verhaltensauffälligkeiten und (zu 61 %) ebenso häufig ein sichereres Bindungsmuster in der Beziehung zu ihren Müttern. Innerhalb der Gruppe der Kinder in außerfamiliären Betreuungssettings erwies sich die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung als bedeutsamer Faktor für die emotionale Bindungsqualität der Kinder zu ihren Müttern im Alter von 30 Monaten. Die Ergebnisse dieser Studie lassen sich als Hinweis interpretieren, dass sich eine frühe außerfamiliäre Betreuung auch bei Kindern mit Behinderungen oder anderen „special needs“ nicht negativ auf die kognitive, motorische und adaptive Entwicklung auswirkt. Für eine sichere Bindung als Voraussetzung für eine langfristig stabile sozial-emotionale Entwicklung ist jedoch die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung der entscheidende Faktor. Was bedeutet das für eine inklusive Krippenbetreuung? Eine frühe Aufnahme - jenseits des ersten Lebensjahres - in eine Kinderbetreuungseinrichtung hat bei Kindern mit Behinderung genauso wenig negative Auswirkungen auf die Entwicklung wie bei Kindern ohne Behinderung - vorausgesetzt, das Elternverhalten war hinreichend feinfühlig und auf die Bedürfnisse des Kindes so abgestimmt, dass eine sichere Bindung entstehen konnte, und die Betreuungsqualität in der Einrichtung ist hinreichend gut. Für Kinder aus besonders ungünstigen sozialen Lebensumständen kann sie negative Effekte kompensieren helfen. Der Glaube mancher Pädagogen, dass allein schon die Aufnahme in eine Krippe die Kinder vor Entwicklungsbeeinträchtigungen schützt, lässt sich allerdings nicht empirisch stützen: Es kommt auf die Qualität der Betreuung in der Krippe an und es bedarf zusätzlicher elternzentrierter Interventionen, die die familiären Beziehungen stabilisieren. Damit eine inklusive Betreuung von Kindern mit Behinderungen in diesem frühen Alter gelingt, müssen die Gruppengröße, ihre Zusammensetzung und der Personalschlüssel so gestaltet sein, dass die Fachkräfte die Möglichkeit haben, auf die individuellen Hilfe- und Förderbedürfnisse der Kinder einzugehen. Diese sind je nach Art und Schwere der Behin- 202 FI 4 / 2013 Klaus Sarimski et al. derung unterschiedlich, sodass keine verbindlichen „Richtwerte“ hierzu formuliert werden können, die für Kinder mit (drohender) geistiger Behinderung, Körperbehinderung, Hör- oder Sehschädigung zu gelten haben. Wichtigstes Merkmal der Prozessqualität ist die fachliche und persönliche Kompetenz der Erzieherinnen, eine stützende sozial-emotionale Beziehung zu den Kindern zu entwickeln, feinfühlig auf ihre Bedürfnisse einzugehen und in der Gestaltung der alltäglichen Interaktionen in der Gruppe ihre spezifischen Hilfebedürfnisse zu beachten. Dieses Qualitätskriterium gilt selbstverständlich ganz allgemein in der frühkindlichen Bildung. In inklusiven Krippen bedarf es jedoch insbesondere einer guten Information der Erzieherinnen über die jeweilige Behinderung und ihre Auswirkungen auf die frühen Entwicklungsprozesse, eines fachlichen Wissens, wie Entwicklungsschritte der Kinder im Rahmen ihrer Behinderung wirksam gefördert werden können, und eines Zutrauens in ihre pädagogischen Fähigkeiten, die soziale Teilhabe und die Entwicklung der Kinder in der Gruppe nachhaltig fördern zu können. Damit diese Voraussetzungen erfüllt werden, ist in der Regel eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit einer interdisziplinären oder sonderpädagogischen Frühförderstelle angezeigt, die die Erzieherinnen in diesen Fragen beratend begleiten kann (Heimlich & Behr 2008; Seitz & Korff 2008; Albers 2010; Sarimski 2012). Wie lassen sich Förderung in der Krippe und familienorientierte Konzepte der Frühförderung verbinden? Die Beratung von Erzieherinnen in der Beziehungsgestaltung und Förderung von Kindern mit Behinderung stellt damit eine spezifische Aufgabe für die Mitarbeiter in Frühförderstellen dar, wenn ein Kind zu einem frühen Zeitpunkt in eine Kinderkrippe aufgenommen wird. Die Entscheidung für eine solche Aufnahme kann adäquat sein, wenn zusätzliche soziale Belastungen vorliegen, die die Bewältigungskräfte der Eltern (oder - wie in vielen Fällen - einer alleinerziehenden Mutter) zu überfordern drohen. Aus der Darstellung der Forschungslage ist aber wohl deutlich geworden, dass eine einseitige Ausrichtung der Frühförderung auf die Arbeit in der Kindertagesstätte keineswegs dem Anspruch gerecht wird, die soziale Teilhabe und langfristig bestmögliche Entwicklung des Kindes zu sichern. Vielmehr muss die Beratung der Erzieherinnen verbunden werden mit Unterstützungsangeboten für die Eltern des Kindes, wie sie in einem familienorientierten Konzept von Frühförderung vorgesehen sind. Dazu gehört die Vermittlung von Informationen über die Behinderung an die Eltern, die Unterstützung der emotionalen Verarbeitung der Diagnosemitteilung, die Mobilisierung sozialer Ressourcen zur Bewältigung der behinderungsbedingten Belastungen sowie Hilfen zur Gestaltung einer emotional stabilen Beziehung und entwicklungsförderlichen Interaktion im Alltag. Eine qualitativ gute Zusammenarbeit mit den Eltern erfordert Offenheit der Fachleute für Gespräche über die elterliche Belastung, eine kooperative Einbeziehung der Eltern in die Zielplanung und den Förderprozess selbst, Transparenz der Förderstrategien sowie die Berücksichtigung der Bedürfnisse aller Familienmitglieder im Alltag (Sarimski et al. 2013). Das Ziel der Beratung ist die Stärkung des elterlichen Zutrauens in die eigenen Fähigkeiten, ihr Kind in seiner Entwicklung gut unterstützen und die besonderen Herausforderungen meistern zu können. Trivette et al. (2010) haben die vielfältigen Faktoren, die für das Gelingen dieses Prozesses von Bedeutung sind, in einer Meta-Analyse von acht Studien zusammengeführt, die sich auf 910 Kinder mit und ohne Behinde- 203 FI 4 / 2013 Familienorientierte Frühförderung und inklusive Krippenförderung rung und ihre Eltern bezogen, die an Programmen zur Frühförderung behinderter und entwicklungsgefährdeter Kinder teilnahmen. Sie konnten mit komplexen Pfadanalysen nachweisen, dass sowohl die Qualität der Zusammenarbeit mit Fachkräften der Frühförderung wie auch die erhaltenen Hilfen direkte Effekte auf das elterliche Zutrauen in die eigene Kompetenz und ihre psychische Stabilität hatten und dass diese beiden Faktoren als Mediatoren indirekte Effekte auf die Qualität der Eltern-Kind-Interaktion und den kindlichen Entwicklungsverlauf hatten. Es zeigt sich somit, dass im Zusammenhang mit einer Behinderung besondere Anpassungsprozesse erforderlich sind, die es früh und differenziert zu stärken gilt. Es liegen hierzu zahlreiche andere nationale wie internationale Studien vor, die die Rolle der beschriebenen Faktoren für die Zufriedenheit von Eltern behinderter Kinder mit der Frühförderung belegen und damit klare Hinweise geben, auf was in der Begleitung von Familien Wert gelegt werden muss (u. a. Bailey et al. 2004; Peterander 2000; Lanners & Mombaerts 2000; Lanners et al. 2003; Sarimski et al. 2012 a, 2012 b, 2013). Schlussfolgerungen für die Praxis Der Prozess der emotionalen Auseinandersetzung mit der Diagnose, der Anpassung an die besonderen Bedürfnisse des Kindes und des Erwerbs von Zutrauen in die eigenen Kompetenzen vollzieht sich im gemeinsamen Alltag mit dem Kind. Wie viel Zeit und welche Hilfen Eltern für diesen Prozess benötigen und wie rasch sie von der Unterstützung durch die Fachkräfte der Frühförderung profitieren, ist individuell unterschiedlich. Sie hängt von ihren biografisch geprägten Bewältigungsstilen, ihren aktuellen Lebensumständen und der sozialen Unterstützung ab, die sie in ihrer Familie und sozialen Umgebung erfahren - aber natürlich auch von der fachlichen Qualität der Hilfen, die sie erhalten. Aus den Forschungsbefunden ist deutlich geworden, welche zentrale Bedeutung die Entwicklung einer stabilen und förderlichen Eltern-Kind-Beziehung als Fundament für die weitere Entwicklung des Kindes hat. Es gilt deshalb sorgfältig abzuwägen, zu welchem Zeitpunkt die Aufnahme in eine familienergänzende Betreuungseinrichtung sinnvoll ist. Um den geschilderten komplexen Anpassungsprozessen der Eltern genügend Zeit zu geben und auf einem „stabilen Fundament“ für die weitere Entwicklung auf bauen zu können, ist es nach unserer Überzeugung in vielen Fällen sinnvoll, eine außerfamiliäre Betreuung nicht vor dem zweiten Geburtstag des Kindes anzustreben und danach die Betreuungszeit auf zunächst 4 - 5 Stunden täglich zu begrenzen. Die verlängerte Zeit bis zum Krippeneintritt erlaubt es den Eltern, vielfältige Erfahrungen zu machen, wie sie ihr Kind in Alltagssituationen wirksam unterstützen können. Die begrenzte tägliche Betreuungszeit nach dem Krippeneintritt gibt der Frühförderstelle die Möglichkeit, die Unterstützung der Erzieherinnen in der Kindertagesstätte weiterhin mit familienorientierten Interventionen zur Förderung des Kindes im häuslichen Alltag zu verbinden. Es ist uns bewusst, dass es als eine Fortschreibung der sozialen Benachteiligung von Familien mit behinderten Kindern interpretiert werden kann, wenn wir eine spätere und zeitlich zunächst enger begrenzte außerfamiliäre Betreuung empfehlen; es mag auf den ersten Blick auch im Widerspruch stehen zu dem gesellschaftspolitischen Ziel, Eltern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch eine Erweiterung der Plätze in Tagespflege und Krippen zu erleichtern. Wir sind jedoch der Überzeugung, dass eine nicht-diskriminierende Grundhaltung gegenüber Behinderungen nicht gleichgesetzt werden darf mit der Annahme, dass für alle Kinder und Eltern die gleichen Wege zum Ziel einer bestmöglichen sozialen Teilhabe führen. Kinder mit Behin- 204 FI 4 / 2013 Klaus Sarimski et al. derungen und ihre Eltern stehen gerade am Anfang ihres gemeinsamen Weges vor besonderen Herausforderungen, deren Bewältigung durch fachliche Hilfen wirksam unterstützt werden kann, um auf diese Weise ihre soziale Teilhabe langfristig bestmöglich zu sichern. Inklusion von Kindern mit einer Behinderung könnte somit bewusst über den „Umweg“ einer besonderen Stärkung familiärer Beziehungen auf den Weg gebracht werden, woraus den Kindern zusätzliche Kräfte erwachsen, die sie später brauchen, um sich in sozialen Gruppen zu integrieren und zu selbstbewussten Menschen zu werden. Inklusion fängt für alle Kinder, für Kinder mit Behinderungen aber besonders, in den Familien an! Selbstverständlich ist uns auch bewusst, dass eine qualifizierte Betreuung eines Kindes mit Behinderung in einer Krippe auch zu einem früheren Zeitpunkt bereits eine adäquate Lösung sein kann, wenn eine Mutter mit den alltäglichen Erziehungs- und Alltagsaufgaben überfordert wird. Damit eine Entscheidung für eine frühe Aufnahme aber nicht allein aus wirtschaftlichen Gründen notwendig ist, gilt es, politische Entwicklungen für andere Lösungen anzustoßen. Damit plädieren wir keineswegs für das von der derzeitigen Bundesregierung beabsichtigte Betreuungsgeld („Herdprämie“) als „Nachteilsausgleich“ für Familien, die ihre Kinder zu Hause betreuen. Dieses Konzept gefährdet vielmehr die Kompensationsmöglichkeiten, die frühe Bildungseinrichtungen bieten können, gerade für die Kinder in sozialen Notlagen, die ihrer in besonderem Maße bedürfen. Stattdessen sind Regelungen anzustreben, nach denen die Förderung von behinderten Kindern in den ersten Lebensjahren durch die Eltern als Leistung zur Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen nach dem Sozialgesetzbuch IX anerkannt wird. Nach § 4, Abs. 1, Satz 4 sollen die Leistungen der Rehabilitationsträger dazu dienen, „die persönliche Entwicklung ganzheitlich zu fördern und die Teilhabe am Leben der Gesellschaft… zu ermöglichen und zu erleichtern“. § 9, Abs. 2 sieht die Möglichkeit zu Geldleistungen an die Familien vor: „Sachleistungen zur Teilhabe, die nicht in Rehabilitationseinrichtungen auszuführen sind, können auf Antrag der Leistungsberechtigten als Geldleistungen erbracht werden, wenn die Leistungen hierdurch voraussichtlich bei gleicher Wirksamkeit wirtschaftlich zumindest gleichwertig ausgeführt werden können“. § 9, Abs. 3 besagt schließlich: „Leistungen, Dienste und Einrichtungen lassen den Leistungsberechtigten möglichst viel Raum zu eigenverantwortlicher Gestaltung ihrer Lebensumstände und fördern ihre Selbstbestimmung“. Es erscheint uns möglich, auf diese Weise eine finanzielle Unterstützung von Eltern behinderter Kinder zu begründen, die Eltern, die aus wirtschaftlichen Gründen eine sehr frühe Aufnahme in eine Kindertageseinrichtung anstreben, die Entscheidung für eine spätere Anmeldung des Kindes und einen zunächst enger begrenzten Betreuungsumfang erleichtert. Prof. Dr. Klaus Sarimski Institut für Sonderpädagogik Pädagogische Hochschule Heidelberg Keplerstraße 87 D-69120 Heidelberg E-Mail: Sarimski@ph-heidelberg.de Prof. Dr. Manfred Hintermair Institut für Sonderpädagogik Pädagogische Hochschule Heidelberg Keplerstraße 87 D-69120 Heidelberg E-Mail: Hintermair@ph-heidelberg.de Prof. Dr. Markus Lang Institut für Sonderpädagogik Pädagogische Hochschule Heidelberg Zeppelinstraße 1 D-69121 Heidelberg E-Mail: Lang@ph-heidelberg.de 205 FI 4 / 2013 Familienorientierte Frühförderung und inklusive Krippenförderung Literatur Albers, T. (2010): Mittendrin statt nur dabei. Inklusion in Krippe und Kindergarten. 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