eJournals Frühförderung interdisziplinär33/3

Frühförderung interdisziplinär
1
0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2014.art16d
1_033_2014_3/1_033_2014_3.pdf71
2014
333

"...und was spielst du?"

71
2014
Alexandra Heinzelmann
Zusammenfassung: In unserer Klinik für Kinder- und Jugendmedizin wird mit den Kleinkindern sowie ihren Familien in der Spieltherapie nach dem klientenzentrierten Ansatz der Salutogenese gearbeitet. Die individuellen Bedürfnisse der Lebenssituation eines Kindes bestimmen – neben der medizinischen und pflegerischen Versorgung - die Interaktion mit dem interdisziplinären Team; Gelegenheiten zu spielen, und Spielinhalte sind wichtigster Inhalt für die ErgotherapeutInnen.
1_033_2014_3_0005
145 Frühförderung interdisziplinär, 33. Jg., S. 145 -152 (2014) DOI 10.2378/ fi2014.art16d © Ernst Reinhardt Verlag ORIGINALARBEIT „… und was spielst du? “ Eine ergotherapeutische Entdeckungsreise durch die frühkindlichen Spiellandschaften Alexandra Heinzelmann Zusammenfassung: In unserer Klinik für Kinder- und Jugendmedizin wird mit den Kleinkindern sowie ihren Familien in der Spieltherapie nach dem klientenzentrierten Ansatz der Salutogenese gearbeitet. Die individuellen Bedürfnisse der Lebenssituation eines Kindes bestimmen - neben der medizinischen und pflegerischen Versorgung - die Interaktion mit dem interdisziplinären Team; Gelegenheiten zu spielen, und Spielinhalte sind wichtigster Inhalt für die ErgotherapeutInnen. Schlüsselwörter: Kinderklinik, Spiel, Spieltherapie, Ergotherapie, Salutogenese “… and what do you like to play? ” A tour of an occupational therapist around childhood play sceneries Summary: In our hospital for children with severe health problems the concept of salutogenesis is an important idea. Therapeutical efforts of our interdisciplinary team concentrate on the life situation of the child and his whole family, and opportunities to play and a client-oriented therapeutical approach are the main tasks of occupational therapy. Keywords: Child hospital, play, play therapy, occupational therapy, salutogenesis I n der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Evangelischen Krankenhauses Bielefeld-Bethel wird mit den Kleinkindern, sowie ihren Familien, in der Spieltherapie nach dem klientenzentrierten Ansatz der Salutogenese gearbeitet. Die individuellen Bedürfnisse der Lebenssituation eines Kindes bestimmen - neben der medizinischen und pflegerischen Versorgung - die Interaktion mit dem interdisziplinären Team der ErgotherapeutInnen, HeilpädagogInnen, KunsttherapeutInnen, LehrerInnen, MusiktherapeutInnen, PhysiotherapeutInnen, PsychologInnen, SeelsorgerInnen und SozialarbeiterInnen. Alle Berufsgruppen stellen sich, je nach Entwicklungsstand und aktuellen Ressourcen eines Kindes bzw. Beratungsbedarf der Eltern oder anderer An-/ Zugehöriger, in unterschiedlichsten Konstellationen auf die Lebenswirklichkeit einer Familie ein. Ausgangssituation Die spieltherapeutischen Aktivitäten mit den Kindern im Frühförderalter finden täglich vorrangig im Rahmen der Ergotherapie auf den Intensivstationen, der onkologischen Station, der psychosomatischen Station und der neuropädiatrischen Station statt. Die Therapiezeiträume sind nach Aufmerksamkeitsspanne, -bedarf und aktueller Gestaltungskraft eines Kindes flexibel. Ein Kurzkontakt kann 10 Minuten dauern oder eine intensive Spielphase bis zu 90 Minuten. Im Durch- 146 FI 3 / 2014 Alexandra Heinzelmann schnitt dauert eine Ergotherapieeinheit ca. 45 Minuten. Es finden hauptsächlich Einzeltherapien im Bett, am Tisch im Krankenzimmer oder in den Ergotherapieräumen statt. Wann immer es der Gesundheitszustand eines Kindes zulässt, werden die Klinikräume verlassen. Wenn sich Kinder gut verstehen, oder sowieso zusammen im Zimmer untergebracht sind, ergeben sich häufig gemeinsame Spielzeiten bzw. werden sie bewusst in einer (Klein-)Gruppe initiiert. Da viele Kinder während des Klinikaufenthaltes von ihren Spielkameraden zu Hause (aufgrund räumlicher Distanz oder sonstigen Gründen) isoliert sind, ist es besonders wichtig, in der Klinik Spielfreundschaften zu pflegen. Es werden vorrangig Kinder behandelt, die aktuell stationär aufgenommen sind. Sofern der Zeitplan es zulässt, werden auf Wunsch bzw. nach Indikation auch chronisch kranke Kinder behandelt, wenn sie zu einer tagesklinischen Untersuchung ambulant in der Klinik sind. Die Lebenssituation der Kinder und ihrer Familien Eltern, die mit der Diagnose einer schweren Krankheit ihres eigenen Kindes konfrontiert sind, berichten immer wieder, dass sie fortan nicht mehr als „normal“ gelten bzw. sich nicht mehr zu der bisherigen kulturellen Gemeinschaft ihrer Lebenswelt zugehörig fühlen. Sie selbst und das gesamte Umfeld sind zunächst mit dem Zeitpunkt der Diagnose sehr auf die Krankheit fokussiert und das Kind bzw. die Symptome werden behandelt. Die engste Bezugsperson des Kindes - häufig die Mutter - wird zur Pflegeperson und das Kind zum Patienten (Kübler-Ross 1983, S. 75). Die Aufgabe der Ergotherapie ist es dann, den Kindern und ihren Eltern nichtsdestotrotz Spielräume zu eröffnen, die ihrem naturgegebenen Spiel- und Bewegungsdrang entsprechen. Wenn sich die Lebensbedingungen eines Kindes ändern, dann müssen die Betätigungen und die Umwelt adaptiert werden, damit eine neue Lebensqualität entstehen kann. Vor diesem Hintergrund wurden in den USA schon in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts von einer gemeinsamen Arbeitsgruppe des kanadischen Verbandes der ErgotherapeutInnen (Canadian Association of Occupational Therapists, CAOT) und dem Kanadischen Institut für Nationale Gesundheit und Wohlfahrt (Canadian Department of National Health and Welfare) Leitlinien und ein dazugehöriger konzeptioneller Rahmen für die Beschreibung ergotherapeutischer Leistungen entwickelt. Es entstand das Canadian Model of Occupational Performance (CMOP), das bereits anerkannte theoretische und philosophische Konzepte der Ergotherapie berücksichtigt. Die folgende Abbildung stellt die theoretischen Grundlagen des CMOP’s als Schnitt durch eine Kugel dar. Es wird anschaulich, wie die einzelnen Komponenten ineinander übergehen. Das Canadian Model of Occupational Performance (CMOP) (Kielhofner 1980; Mosey 1980) Im Mittelpunkt des Modells steht als Herzstück die Spiritualität, die nicht nur im religiösen Bezug zu verstehen ist, sondern sich im weiteren Kontext auf das Innere eines Menschen - seine Bedürfnisse, Beweggründe, sich den Herausforderungen des alltäglichen Lebens zu stellen, bezieht (Marotzki 2002, S. 110). Die Spiritualität strahlt in diesem Modell vom Kern aus in alle Facetten der einzelnen Komponenten hinein, so wie sie uns in unserem Leben durchwirkt: sie ist Ursprung und auch Ergebnis unserer Handlungen bzw. unseres Daseins. 147 FI 3 / 2014 „… und was spielst du? “ Der holistischen Sichtweise des Praxismodelles CMOP liegt, als zentrales Prinzip, die Klientenzentrierung zugrunde. Die Ergotherapie geht - als ethische Grundvoraussetzung - davon aus, dass die Klienten die besten Experten dafür sind, welche Lebensrollen für sie selbst gerade wichtig sind. Es ist das Ziel, trotz des veränderten gesundheitlichen Zustandes, die größtmögliche Passung zwischen den Bedürfnissen des Patienten und den Gegebenheiten der sozialen und materiellen Umwelt herzustellen. Dieser nicht-direktive Ansatz wurzelt in den Theorien des Psychologen und Psychotherapeuten Carl Rogers, der schon in den 1930er Jahren mit seiner Überzeugung bekannt wurde, dass jeder Mensch, folglich auch ein krankes Kind, entscheidungsfähig bezüglich seines eigenen Lebens sei. Hierzu ein Praxisbeispiel: Am dritten Tag nach der Diagnosestellung einer Leukämie des zweieinhalbjährigen Noah stand für die Eltern ein Beratungsgespräch mit der Sozialarbeiterin an. Die Patentante war für die Betreuung des Jungen eingeladen worden, sagte aber im letzten Moment ab. Ich bot mich in Absprache mit dem interdisziplinären Team den Eltern an, den Jungen während des eineinhalb Stunden dauernden Gespräches zu „bespielen“. Es wurde mit den Eltern die Absprache getroffen, dass die zuständige Pflegekraft den Eltern sofort Bescheid sagen würde, wenn der Junge nur mehrfach nach den Eltern fragt. Wir wollten nicht riskieren, dass der Junge die Spielzeit in negativer Erinnerung behält, da ihm noch lange Klinikaufenthalte bevorstanden. Es blieb keine Zeit um Material zu holen oder mich vorzubereiten. So ging ich direkt in das Zimmer des Jungen, der zunächst auf dem Schoß seines Vaters saß. Ich fragte ihn: „… und was spielst du? “. Noah kletterte prompt von dem Schoß seines Vaters, ging zu seinem Nachtschrank und holte aus dem unteren Fach eine kleine Tüte Gummibärchen. Seine Mutter sagte, dass er an dem Abb. 1: Canadian Model of Occupational Performance (CMOP) aus: Marotzki, U. (2002): Ergotherapeutische Modelle praktisch angewandt. Berlin, Springer Bestätigung Umwelt Person Freizeit Institutionell Physisch Kulturell Sozial Produktivität Selbstversorgung Kognitiv Physisch Affektiv Spiritualität 148 FI 3 / 2014 Alexandra Heinzelmann Tag einen Brief von seiner Patentante bekommen habe, mit der Tüte darin. Da er aber bisher nur sehr selten Gummibärchen bekommen habe, wolle er sie jetzt gar nicht aufessen, sondern er hüte sie wie einen Schatz. Ich richtete mich wieder an den Jungen und fragte ihn: „… und was spielen wir jetzt damit? “ Er überlegte kurz und sagte: „Meeeehr machen! “. Ich sagte dem Jungen: „Pass auf, mir fällt da etwas ein. Aber das ist ein Geheimnis, dass nur wir beide wissen dürfen, dafür müssen wir Mama und Papa rauswerfen.“ (Ich schaute die Eltern über den Jungen hinweg an und wies mit meinem Kopf in Richtung Tür. Sie verstanden, guckten etwas skeptisch und gingen hinaus.) Der Junge schaute mich erwartungsfroh an. Ich erklärte ihm, dass wir die Gummibärchen mit einem ganz scharfen Küchenmesser durchschneiden könnten. Er sagte: „Noah Messer nein.“ Ich flüsterte ihm zu, dass ich ein ganz besonderes Kindermesser für kleine Kinder habe, das scharf genug sei, um Gummibärchen zu schneiden und auf das ich dann ganz doll mit ihm zusammen aufpassen würde. Er willigte ein. Wir gingen ganz gemütlich mit seinem Infusomaten Richtung Stationsküche. Da ich wusste, dass wir viel Zeit zu verbringen hatten, schauten wir uns auf unserem Weg in aller Ruhe die Wandbilder auf dem Flur an. Plötzlich sagte Noah fragend: „Messer? “ Ich antwortete: „Ach ja, das Messer. Lass uns in die Küche gehen.“ Glücklicherweise, war das Messer, an das ich gedacht hatte, in der Schublade. Es hatte einen Griff in Baggerform. Wir nahmen das Messer, ein Brettchen und eine kleine Dose mit. Im Zimmer wieder angekommen richtete ich Noah an dem kleinen Spieltisch seinen Arbeitsplatz ein. Da ich ihn - und seine motorischen Fähigkeiten - nun noch gar nicht kannte, führte ich zunächst seine Bewegungen. Er sagte schnell: „Noah alleine! “ Ich sagte ihm noch einmal, dass das Messer zwar speziell für Kinder sei, aber dass er trotzdem sehr gut aufpassen müsse; vor allen Dingen, um die Tätigkeit für ihn noch spannender zu machen. Er zerschnitt alle Gummibärchen in mindestens drei Teile und beschäftigte sich intensiv damit, die kleinen Teilchen mit der Messerspitze auf dem Brettchen hin und her zu baggern und kleine Häufchen zu schaufeln. Als er gerade begann alle einzeln in einem hohen Bogen durch die Luft mit Baggergeräuschen in die aus der Küche mitgebrachte Dose zu transportieren, standen die Eltern in der Tür und die Mutter sagte überrascht: „Du spielst ja! “ Noah sagte: „Noah Messer.“ Er strahlte über das ganze Gesicht und hielt das Messer in Richtung der Eltern. Der Mutter liefen sofort Tränen herunter und sie schloss ihren Sohn in die Arme. Ich hatte selber die Zeit vergessen und war auch überrascht, dass die eineinhalb Stunden schon vergangen waren. Virginia Axline übertrug den klientenzentrierten Ansatz nach Rogers in ihrem Konzept der non-direktiven Spieltherapie speziell auf die kindliche Situation: „Das Kind selbst wird, in dem festen Glauben an seine Fähigkeit zur Selbstentscheidung, angenommen. Darin liegt die Achtung von der Fähigkeit des Kindes, ein denkendes, unabhängiges, konstruktives menschliches Wesen zu sein.“ (Axline 1994, S. 24). Davon ausgehend, dass Kinder in der Klinik, aufgrund ihrer Erkrankung allein physisch, aber auch institutionell, kulturell und sozial Einschränkungen erfahren, ist es umso wichtiger, ihnen speziell geschützte Räume der Selbstverwirklichung und der Autonomie zu eröffnen. In dem Spiel mit Noah habe ich ihm lediglich das passende Werkzeug für die altersentsprechende Umsetzung seines Vorhabens zur Verfügung gestellt. Ich habe mich mit ihm um sein Thema gekümmert und ihn nicht nur versucht von seinen Eltern abzulenken. Für eine gelingende medizinische Behandlung einer lebensbedrohlichen Erkrankung ist die Aktivierung der Selbstheilungskräfte von großer Bedeutung (Schiffer 2001, S. 73). Der amerikanische Medizinsoziologe Aron Antonovsky nannte es das Kohärenzgefühl. Nicht 149 FI 3 / 2014 „… und was spielst du? “ nur in seinem sozialen Umfeld zu partizipieren, sondern auch einen Sinn in dem eigenen Dasein und Schaffen zu erleben. Mit der Diagnose einer schweren oder sogar chronischen Erkrankung wird, schon den kindlichen PatientInnen, ein bestimmtes Rollenbild übergestülpt, das sie davon abhält, ihren ureigenen Impulsen zu folgen, sondern sich vorrangig ihrer Umgebung anzupassen (Heinzelmann 2012, S. 47). Spieltherapeutische Methoden und Medien So unterschiedlich wie die Kinder sind, sollte das Angebot der spieltherapeutischen Methoden und Medien sein. Spiel findet allein oder unter mindestens zwei Partnern statt, die sich nach bestimmten Regeln, die für beide altersentsprechend gelten, auf Augenhöhe begegnen (Schiffer 1997). Der Patient bestimmt im therapeutischen Spiel den Inhalt, der Therapeut geht mit; darf auch mal den Weg bereiten, gibt Sicherheit. Im therapeutischen Spiel wird gemeinsame Zeit gestaltet, die dem Patienten zu dem Moment möglichst maximal entspricht - ohne Ausrichtung auf Erfolg -, es geht um miteinander dasein, gemeinsam im Spiel unterwegs zu sein. Im Singspiel geht es zum Beispiel nicht darum, ein Lied perfekt vorzutragen, sondern die eigene Stimme zu spüren, den Klang neu wahrzunehmen, sich zu hören und die Stille zwischen den Tönen wahrzunehmen. Es werden Masken gebaut, die ein Gefühl ausdrücken, das sich während des Arbeitens zeigt… und vielleicht gar nicht schön aussieht. Es geht nicht darum, präsentable Ergebnisse zu erzielen, sondern es geht um sinnvoll gestaltete Zeit: Spielzeit, nicht verspielte Zeit. Die meisten genannten Spielsituationen arbeiten mithilfe von Materialien, die manches Mal den Einstieg erleichtern. Die folgende Tabelle zeigt Beispiele für Spielsituationen (Heinzelmann 2012, S. 155), die auch kranken Kindern in einer Klinik einen Ausflug in das Spiel ermöglichen. Es wird mit weichen Materialien gearbeitet, mit harten, mit Natur, mit Alltäglichkeit, mit Werkzeugen, Körperberührung, mit geistiger Bewegung, mit psychischer Freiheit in der Vorstellungskraft. Spielformen n Rollenspiele, Regelspiele, Handpuppenspiele, Spiele mit Naturmaterialien n Forscherspiele n Aktivitäten des täglichen Lebens, wie Backen, Kochen, gemeinsam Essen, Lesen n freies Improvisieren, Tanzspiele, Singspiele Kreativer Ausdruck n z. B. Malen, Texten, Tonarbeiten, Mosaiklegen, Steinhauen, Nähen, Maskenbau, Holzarbeiten, Zeichnen, Kleben, Traumfängerbauen, Handschmeichlerschleifen, Schminken Körperzentrierte Angebote n z. B. Klangmassage, Akupunktur-Massage, Handmassage, Ballspiele, Boxen, Trampolinhüpfen, Qi Gong, Fühlpfade Bauen, Klangmassage Geistig-seelische Begegnungsformen n z. B. Fantasiereisen, freies Assoziieren, Geschichten Erfinden, miteinander „Faulenzen“ Gespräche n z. B. Miteinander Reden, Fantasieren, Elterngespräche Tab. 1: Spielformen mit hohem Entwicklungspotenzial 150 FI 3 / 2014 Alexandra Heinzelmann Natürlich steht für die Heilung einer schweren Erkrankung in einer Klinik für Kinder- und Jugendmedizin die medizinische Behandlung der Ärzte und der Pflege an oberster Stelle. In dem spieltherapeutischen Setting gilt es Schlupflöcher für jede Minute Lebensqualität zu finden, Selbstheilungskräfte zu wecken und Selbstverwirklichung zu ermöglichen (Niethammer 2010). Wie kann nun unter diesen Umständen neue Lebensqualität entstehen? Alle Menschen bewegen sich immer in einem Wechselspiel zwischen Person, Betätigung und Umwelt. Wenn sich alle drei Pole im Gleichgewicht befinden, können Lebenssinn und Erfüllung entstehen. Sich spielerisch auf etwas Unbekanntes einlassen können, Eindrücke sammeln, eigene Bilder und Empfindungen äußern, Ambivalenzen entdecken, zwischen der Außenwahrnehmung und der eigenen Innenwahrnehmung hin und her zu pendeln, so lässt sich wirksame Lebendigkeit entfalten (Schiffer 2001). Die Kontrapunkte der gesunden Persönlichkeitsentwicklung zwischen Person, Betätigung und Umwelt entwickeln wie folgt ihre Wirkung: n Im Bereich des Individuums entsteht krankheitsbedingt eine Einschränkung der Rollenidentitäten. Auch wenn die Person momentan nicht, oder voraussichtlich nie wieder, eigenständig die komplette Handlungsperformanz ausführen kann, so ist sie trotzdem in der Lage, an Teilschritten zu partizipieren. Keiner von uns ist 100%ig gesund… oder krank! n Im Bereich der Betätigung gibt es schwerwiegende Veränderungen. Ein handelndes/ spielendes Kind wird zum behandelten Kind. Für jeden Menschen - und somit jedes Kind - ist es wichtig, nicht nur behandelt zu werden, sondern sich selber als handelndes Individuum zu erleben. n Im Bereich der Umwelt finden zusätzliche Veränderungen statt. Die soziale Isolation ergibt sich u. a. durch lange Klinikaufenthalte und gesellschaftliche Stigmatisierung. Wenn sich also die Lebenswirklichkeit einer Person grundlegend verändert, so müssen sich die anderen beiden Bereiche der Betätigung und Umwelt mit verschieben, damit ein neues Gleichgewicht - eine neue Lebensqualität - entstehen kann (Frank 2007). Aus unserer Wirk-lichkeit (von „bewirken“) entsteht die Motivation, die sich stellenden Aufgaben - z. B. während der Chemotherapie die nebenwirkungsreichen Medikamente einzunehmen - zu bewältigen. Die spieltherapeutischen Medien dienen als Kommunikativer Dritter. Inhalte müssen nicht ausgesprochen werden, sondern finden Ausdruck in der Gestaltung oder einfach in der Situation und können dort mit gesunder Distanz bearbeitet werden. Perspektivwechsel und Probehandlungen sind ohne nachteilige Konsequenzen möglich und erwünscht. Dem Verlust des Selbstwertes kann durch die spieltherapeutische Arbeit entgegengewirkt werden (Niethammer 2010). Jeder Mensch, sei er noch so krank, besitzt viele gesunde Anteile und immer das Potenzial seiner eigenen Vorstellungskraft, um sich zumindest in gedankliche Freiheit zu begeben (Antonovsky 1997). Im spieltherapeutischen Prozess können wertfreie Probehandlungen stattfinden, Tabus gebrochen oder bisher rollenfremde Positionen eingenommen werden. Es geht um eine Blickfelderweiterung eines derzeit überwiegend schwerst kranken Kindes und des umgebenden Lebensraumes (Marotzki 2002). Sobald die Diagnose einer schweren Erkrankung gestellt wird, reduziert häufig das Umfeld gerade die Kinder und Jugendlichen 151 FI 3 / 2014 „… und was spielst du? “ auf diese Krankheit. Die Eltern und Verwandten sind mit ihrer Zukunftsweitsicht derart besorgt, dass sie zunächst ohne therapeutische Hilfe nicht die nötige Distanz auf bringen können, um dem Patienten Lebendigkeit zu ermöglichen. Die Anbindung an intrapsychische Ressourcen setzt Selbstheilungskräfte frei und steigert das Wohlbefinden (Frank 2007). Umso wichtiger ist die therapeutische Unterstützung des Familiensystems, das durch die Erkrankung in besonderem Maße belastet wird. Um Kinder und ihre Familien wirkungsvoll unterstützen zu können, muss man sie und ihre Familien näher kennen, wissen, wie sie über Leben und Tod denken und woraus sie ihre Kraft schöpfen (Zernikow 2002). Die Vernetzung einer Familie in ihrem nahen und weiten Umfeld spielt als Schutz- oder Resilienzfaktor eine zentrale Rolle (Welter-Enderlin 2010, S. 79). Ziele des spieltherapeutischen Settings (Heinzelmann 2013, S. 49) Aus der Arbeit in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Evangelischen Krankenhauses Bielefeld haben sich folgende Ziele, basierend auf dem Theoriewissen, herauskristallisiert: n Fair Play: den anderen sich nach seinen Möglichkeiten entwickeln lassen, n Wieder erkennen: Raum schaffen und Eigenes des Patienten verstärken, n Vertrautheit: man kann sich nur etwas zutrauen, wenn man sich selber in dem Prozess wiederfindet, Abb. 2: „Familienkarneval“ Abb. 3: Flurfensterblicke 152 FI 3 / 2014 Alexandra Heinzelmann n Wiederholung: Impulse des Patienten aufnehmen und Feedback durch die Umwelt ermöglichen. Übermächtig erscheinende Prozesse werden in der Krankheitsbewältigung verstehbar und handhabbar gemacht. n Selbstwert: Wenn die Identität auch in einer neuen Rolle gesichert ist, dann kann der Selbstwert wieder wachsen. n Akzeptanz: Gerade in der Therapie ist es wichtig, die Patienten in allen ihren Anteilen wahrzunehmen und zu akzeptieren. Es wird ihnen viel abverlangt, immer nach dem Motto: „Du willst doch wieder gesund werden! “ n Eigen-Sinn: wenn der Patient selber Platz hat, um sich zu verwirklichen, dann können Fremde auch als fremd erkannt und müssen nicht bekämpft werden. Es ist nötig, sich diese Ziele immer wieder so deutlich vor Augen zu führen, da die gesundheitliche Lebenssituation der Patienten in der institutionellen Umgebung einer Klinik auf den ersten Blick so gar nicht nach spielerischer Handlungsfreiheit aussieht. Körperliche Einschränkungen müssen nicht rund-um-die- Uhr einen Krankheitswert haben, wenn Spielraum für Selbstachtung, Lebenslust und Selbstverwirklichung gewahrt bleibt (Hackauf & Jungbauer-Gans 2008, S.55). Alexandra Heinzelmann Prekerstr. 7 33330 Gütersloh E-Mail: alexandraheinzelmann@yahoo.de Literatur Antonovsky, A. (1997): Salutogenese. dgvt: Tübingen Axline, V. M. (1993): Kinder-Spieltherapie im nichtdirektiven Verfahren. Ernst Reinhard: München. Frank, R. (2007): Therapieziel Wohlbefinden. Springer: Heidelberg. Hackauf, H. & Jungbauer-Gans, M. (2008): Gesundheitsprävention bei Kindern und Jugendlichen. VS: Wiesbaden Heinzelmann, A. in: Gebhard, B., Hennig, B., Leyendecker, C. (2012): Interdisziplinäre Frühförderung: exklusiv - kooperativ - inklusiv. Kohlhammer: Stuttgart Heinzelmann, A. in: Wörster, W., Zoels, S. (2013): „… und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“. Köthen: Berlin Kielhofner, G. (1980): A model of human occupation. Part I: Conceptual framework and content. American Journal of Occupational Therapy 34: 572 -581 Kübler-Ross, E. (1984/ 2003): Kinder und Tod. Knaur: München Marotzki, U. (2002): Ergotherapeutische Modelle praktisch angewandt. Springer: Berlin Mosey, A. (1980): A model for occupational therapy. Occupational therapy in mental health 1: 11 -32 Niethammer, D. (2010): Wenn ein Kind schwer krank ist. Suhrkamp: Berlin Schiffer, E. (1997). Der kleine Prinz in Las Vegas. Beltz: Weinheim Schiffer, E. (2001): Wie Gesundheit entsteht. Salutogenese. Schatzsuche statt Fehlerfahndung. Beltz: Weinheim Welter-Enderlin, R. (2010): Resilienz und Krisenkompetenz. Auer: Heidelberg Zernikow, B. (2002): Schmerztherapie und palliative Versorgung krebskranker Kinder. Springer: Berlin