eJournals Frühförderung interdisziplinär33/3

Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2014.art18d
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Der Spaß, indisches Spielzeug selber zu bauen

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Sudarshan Khanna
Zusammenfassung: Der Beitrag beschreibt einige Aspekte des Selber-Bauens von Spielzeug; darunter vor allem Spielzeuge, die in Indien gebräuchlich sind und von den Kindern dort gebastelt werden. Er betont den Spaß des Selbermachens und den Wert der damit verbundenen Tätigkeiten für die Entwicklung von Gestaltungs-Geschick, Freude am Experiment und Verständnis für die Gesetze und Eigenheiten der Natur.
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160 Frühförderung interdisziplinär, 33. Jg., S. 160 -164 (2014) DOI 10.2378/ fi2014.art18d © Ernst Reinhardt Verlag ORIGINALARBEIT Der Spaß, indisches Spielzeug selber zu bauen Sudarshan Khanna Aus dem Englischen von Siegfried Zoels Zusammenfassung: Der Beitrag beschreibt einige Aspekte des Selber-Bauens von Spielzeug; darunter vor allem Spielzeuge, die in Indien gebräuchlich sind und von den Kindern dort gebastelt werden. Er betont den Spaß des Selbermachens und den Wert der damit verbundenen Tätigkeiten für die Entwicklung von Gestaltungs-Geschick, Freude am Experiment und Verständnis für die Gesetze und Eigenheiten der Natur. Schlüsselwörter: Spielzeug selber bauen, Indien, Beispiele The joy of making Indian toys Summary: To build toys by yourself has some interesting aspects concerning dexterity, design, understanding of rules and specifities of nature, and it is fun. The article describes some toys which are common in India (and not only in India) Keywords: Self-made toys, India W as Kinder oft am liebsten mit einem Spielzeug machen, ist es zu zerstören. Das Nächstbeste ist es, es selber zu bauen. Das geht natürlich nur, wenn die Spielzeuge nicht viel kosten. Diese Spielzeuge, die nichts oder fast nichts kosten, waren und sind der tägliche Spielbegleiter von Millionen Kindern - in Indien, aber auch anderswo auf der Welt. Dabei sagt die Tatsache, dass die Spielzeuge nichts kosten und aus den einfachsten, oft Recycling-Materialien, gebaut wurden, überhaupt nichts über ihren Wert aus. Sie müssen nicht weniger wertvoll als die teuren, in der Fabrik hergestellten und im Geschäft gekauften Spielzeuge sein. Im Gegenteil: Alle diese selbst hergestellten Spielzeuge haben einen Vorteil gegenüber den kommerziell produzierten Spielzeugen. Lassen Sie uns dieser Frage nachgehen. Lernen durch „Experiment“ und „kreative Aktivitäten“ Eine der einzigartigen Möglichkeiten dieser Spielzeuge ist es, dass sie die Kinder in die wissenschaftliche Methode des Arbeitens einführen. Im Prozess des Bauens und des Spielens mit diesen Spielzeugen können die Kinder ganz leicht Fehler und Irrtümer in der Bauweise erkennen. Wenn ein Spielzeug, das sie nach Vorgaben oder Bauanleitungen gebaut haben, nicht oder nicht richtig funktioniert, werden die Kinder versuchen, das zu ändern. Zum Beispiel: Wenn sie eine Pfeife aus Papier nachgebaut haben und kein Pfeifton zu hören ist, dann fragen die Kinder sich doch: Ist die Konstruktion richtig? Blase ich richtig hinein? Habe ich das richtige Papier ausgewählt? Auf diesem Wege werden die Kinder in einer unaufdringlichen, aber sehr effektiven Art und Weise in ein grundsätzliches Verständnis von „Experiment“ und „Kreativität“ eingeführt. 161 FI 3 / 2014 Der Spaß, indisches Spielzeug selber zu bauen Lernen voneinander Kinder in Indien geben ihre Erfahrungen mit einfachen Spielzeugen an andere Kinder weiter. Sie sehen diese einfachen Spielzeuge bei ihren Freunden oder bei älteren Kindern oder womöglich bei Spielzeugmachern und möchten sie nachbauen. In diesem Prozess tauschen sie sich aus und lernen voneinander. Oftmals wird Unterstützung bei Älteren gesucht. Wurzeln von Wissenschaft und Technik Es kann wirklich so gesagt werden: Keine andere Art von Spielzeug kann Kinder so effektiv in die Grundlagen von Wissenschaft und Technik einführen wie diese selbst gebauten, einfachen Spielzeuge. Das Kind muss sich ganz selbstverständlich mit den Prinzipien der Wissenschaft auseinandersetzen, insbesondere mit denen der Physik. Natürlich kann argumentiert werden, dass die Grundlagen von Wissenschaft und Technik am besten durch wissenschaftliche Apparate und Experimente oder durch Beispiele aus der Umwelt gelernt werden können. Aber es ist doch etwas ganz Besonderes, Wissenschaft und Technik durch Spielzeugbau kennenzulernen. Da diese selbstgefertigten Spielzeuge einfach herzustellen sind und man sofort mit ihnen spielen kann, vermitteln sie ein unmittelbares und klares Konzept von Wissenschaft. Lernen wird Teil des Spielens selber und ist als solches freudvoll und interessant. Nehmen wir nur einmal das Spielzeug „Buzz“ („Summer“). Das besteht aus einem biegsamen dünnen Zweig, einem doppelten Papier und einem Stück Schnur. Es sieht durchaus nicht aus wie ein „Hubschrauber“ - Aber warte: Halte das freie Ende der Schnur fest und schwinge das Teil durch die Luft. Etwas völlig Tüte rollen Ecke festkleben Ende etwas eindrücken Musik! (eine Art Musik) Papier-Flöte Was, wenn die Rotorblätter kürzer gemacht werden? Was, wenn die Rotorblätter ungleich lang sind? Was, wenn ein Rotorblatt schwerer gemacht wird (Stück Papier aufkleben)? „Retpocileh“ (Helikopter) 162 FI 3 / 2014 Sudarshan Khanna Unerwartetes passiert: Ein Geräusch entsteht, das an einen Hubschrauber erinnert. Schon ist das Interesse des Kindes geweckt. Es fragt sich: wie kann ein einfach gebogener Zweig zusammen mit einem Stück Papier ein solch ungewöhnliches Geräusch verursachen? Einfach hergestellte Spielzeuge zeigen dem Kind nicht nur, wie etwas funktioniert, sondern führen es auch in die Grundlagen der Technik ein: n Das Planen und Bauen Schritt für Schritt; n Das Arbeiten mit Werkzeugen wie Messer, Schere, Hammer usw.; n Der Gebrauch einer Vielfalt von Materialien und das Kennenlernen ihrer besonderen Eigenschaften; n Das Verstehen von Grundlagen des Messens und der Notwendigkeit, exakt zu sein; n Das Berücksichtigen des Zusammenhanges von „Einzelteil“ und „Gesamtmontage“, d. h. wenn ein Spielzeug aus mehreren Teilen besteht, muss das separat hergestellte Einzelteil mit den anderen Teilen zusammenpassen; n Das Beurteilen der eigenen Arbeit und das Überlegen, was verbessert werden könnte. Einführung in „Design“ Nehmen wir das Beispiel der Windmühle: Die Aufgabe ist es, ein Spielzeug herzustellen, das sich durch Windenergie bewegt. Also muss das richtige Material ausgewählt und die angemessene Konstruktion entwickelt werden. Wenn das Papier zu dünn oder zu dick ist oder die Papierflügel nicht ausbalanciert sind oder die Faltung nicht exakt zu sehen ist, wird die Buzz Papierstreifen falten und an einem Rand zusammenkleben Ecken rund ausschneiden Biegsamen Zweig hineinstecken Schnur dranbinden durch die Luft wirbeln Windmühle Quadratisches Papier an den Ecken einschneiden und nach innen biegen Mit Nadel und Perle an einem Stab fixieren Läuft! 163 FI 3 / 2014 Der Spaß, indisches Spielzeug selber zu bauen Windmühle nicht funktionieren. Was kann die Ursache dafür sein? Wie wird das Kind erkennen,dass das Spielzeug gegendieWindströmung funktioniert? Hat die Form damit zu tun? All diese Überlegungen stellen die Kinder an, wenn sie ihre Windmühle in Betrieb nehmen wollen. Oft machen sie auch Farbringe auf die Flügel, um die Bewegungsveränderung zu verfolgen und den visuellen Effekt zu verstärken. Manche Spielzeuge vermitteln uns auch einiges über den Zusammenhang von „Design und Natur“. Ein besonders schönes Beispiel ist „Ameise und Ventilator“: Ein Stöckchen wird in einen ausgehöhlten Kautschuk-Samen gesteckt. Wenn man genau hinschaut, findet man aber weder eine Naht noch einen Bruch an dem Samen. Wie konnte er so ausgehöhlt werden? Das Folgende hört sich ein bisschen märchenhaft an, ist aber wahr: Kinder in Indien legen diesen Samen für ein oder zwei Tage in einen Ameisenhaufen. Die Ameisen bohren ein Loch in den Samen, fressen das Mark auf und schaffen so einen Hohlkörper. Die Kinder sammeln die ausgehöhlte Samenkapsel wieder ein und bauen daraus den Ventilator. Dieses Spielzeug ist sehr populär bei Kindern in Kerala. Ist es nicht faszinierend, dass „gewöhnliche“ Leute „ungewöhnlichste“ und erfinderischste Designlösungen entwickeln? ! Wie steht es mit der Verletzungsgefahr? Die selbst gebauten Spielzeuge sind relativ sicher in der nicht sicheren Umgebung. Kinder bauen die Spielzeuge aus Abfallmaterialien und nutzen Werkzeuge wie Messer, Scheren, Nadeln usw. Ab welchem Alter sollte den Kindern erlaubt werden, diese Werkzeuge zu benutzen? Sind diese Werkzeuge nicht zu gefährlich? Im Gegenteil, mit Materialien und Werkzeugen adäquat und vorsichtig umzugehen, ist ein besonders wichtiger Aspekt des Heranwachsens. Natürlich hat das Bauen von Spielzeugen ein Gefährdungspotenzial. Aber wie soll man den Umgang mit Werkzeugen lernen, wenn man sie nicht benutzt? Hier sind auch die Erwachsenen gefragt, die Kinder anzuleiten und ihnen den sorgfältigen und umsichtigen Gebrauch von Werkzeugen zu zeigen. Ventilator 164 FI 3 / 2014 Sudarshan Khanna Ist das Spielzeugbauen eine typisch indische Erfahrung? Die Antwort ist „Ja“ und „Nein“. Manche Spielzeuge sind typisch für Indien, bei anderen gibt es ganz ähnliche Beispiele aus anderen Ländern und Kontinenten. Zum Beispiel: „Windmühlen“ findet man auf der ganzen Welt; andere Beispiele sind typisch für Indien. International gibt es eine Fülle von einfachen selbst hergestellten Spielzeugen, mit denen die Kinder spielen. Diese Spielzeuge sind Teil der Kultur - genauso wie andere handgefertigte Gegenstände der Alltagskultur, wie Körbe, Tongefäße, Textilien usw., die bei anderen Völkern typische Formen, Farben, Dekore haben. Ein anderer Aspekt ist die Wiederverwendung von Materialien, die typisch für die Kultur Indiens ist. Die reiche, vielfältige Umwelt unseres Landes bietet so viele Möglichkeiten, neue Konzepte und Ideen zu entwickeln. Ausblick Selbsthergestelltes, einfaches Spielzeug aus Indien zeigt, dass Kreativität, Innovation und technisches Wissen auch bei den Menschen vorhanden ist, die keine formale Bildung oder Ausbildung erhalten haben. Der Lebensstil hat sich wesentlich verändert; neue soziale Themen und technische Entwicklungen sind zu verzeichnen. Gebrauchte Batterien, elektrische Kabel, Filmpatronen, Garnspulen, Plastikbehälter und -tüten, Verpackungen - all das wird täglich weggeworfen. Daraus kommen Anregungen und Ideen für die Wiederverwendung als neue Spielzeuge. Wer entwickelt intelligente Spiele weiter, die nichts kosten? Wo sehen die ausgebildeten Wissenschaftler, Designer und Lehrer ihre zukünftigen Schwerpunkte? Der wichtigste Aspekt in diesem Zusammenhang ist, dass diese einfachen Spielzeuge Spaß machen und die Erfahrungen von Kreativität vermitteln. Es ist das Genie der „gewöhnlichen“ Menschen, das derartige „außergewöhnliche“ Spielzeuge hervorbringt. Diese einfachen, selbst hergestellten Spielzeuge sind in Wirklichkeit die entscheidenden Weichensteller für die zukünftigen Wissenschaftler, Ingenieure und Designer. Wir hoffen, dass die Beschäftigung mit solchen einfachen, intelligenten Spielzeugen manchen inspirieren wird. Und es gilt für Fachleute ebenso wie für Kinder, die beim Herstellen oder Spielen mit irgendeinem der Spielzeuge auf Schwierigkeiten stoßen: Gib nicht auf, lass dich nicht entmutigen, sondern versuche immer wieder von Neuem, das Problem zu lösen. Sudarshan Khanna 782 Sector A, Pocket B & C Vasaut Kunj New Delhi 110070 India E-Mail: sudarshan.khanna@gmail.com