Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2015.art05d
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Stichwort: Erfahrung
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Franz Peterander
Persönliche Erfahrungen im kognitiven und emotionalen Bereich werden mit unterschiedlicher Intensität erworben. Sie beeinflussen von Anfang an Wissen und Emotionen und modifizieren und determinieren in einem fortlaufenden Prozess individuelle Überzeugungen, Einstellungen und Verhaltensweisen. Mit Blick auf die kindliche Entwicklungsförderung ist von herausragender Bedeutung, wie Kinder ihre Erfahrungen wahrnehmen, interpretieren und verarbeiten. Es gilt ein tieferes Verständnis der vielschichtigen Wirkungen kindlicher Erfahrungen im Kontext von Erziehung und Förderung zu gewinnen.
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51 Frühförderung interdisziplinär, 34. Jg., S. 51 -54 (2015) DOI 10.2378/ fi2015.art05d © Ernst Reinhardt Verlag STICHWORT Erfahrung Franz Peterander Persönliche Erfahrungen im kognitiven und emotionalen Bereich werden mit unterschiedlicher Intensität erworben. Sie beeinflussen von Anfang an Wissen und Emotionen und modifizieren und determinieren in einem fortlaufenden Prozess individuelle Überzeugungen, Einstellungen und Verhaltensweisen. Mit Blick auf die kindliche Entwicklungsförderung ist von herausragender Bedeutung, wie Kinder ihre Erfahrungen wahrnehmen, interpretieren und verarbeiten. Es gilt ein tieferes Verständnis der vielschichtigen Wirkungen kindlicher Erfahrungen im Kontext von Erziehung und Förderung zu gewinnen. Jedem Lernen geht eine Erfahrung voraus. „Unter Lernen versteht man die Fähigkeit von Lebewesen, ihr Verhalten aufgrund von Erfahrungen zu ändern“ (Edelmann & Wittmann 2012, 32). Dabei ist „Erfahrung“ an sich ein täglich häufig benutzter wie auch gleichzeitig ein „diffuser, unaufgeklärter Begriff “ (Gadamer 1960), obwohl sich die Philosophie über Jahrhunderte damit auseinandergesetzt hat (Freudiger et al. 1996). Mit Beginn der naturwissenschaftlich fundierten psychologischen Erfahrungswissenschaften von Wilhelm Wundt (1879) und William James (1890) ist die Frage nach dem das subjektive Erleben des Kindes prägenden Erfahrungsbegriff aus Psychologie und Pädagogik weitgehend verschwunden. Dadurch sind die Ergebnisse von Wissenschaft und Forschung im Hinblick auf umfassende Erfahrungen, die auch die individuellen, täglichen Erfahrungen von Menschen explizit mit einbeziehen, weder in Bildungseinrichtungen noch im Kontext einer systematischen Prävention, Förderung und Therapie von Kindern genutzt bzw. theoretisch weiterentwickelt worden. Es gibt zwar in der Entwicklungspsychologie und in der Pädagogik zum Beispiel eine Vielzahl differenzierter Beschreibungen von entwicklungsförderlichen Bedingungen. Auch wurden die Mechanismen und Konzepte der kindlichen Entwicklung sowie hilfreiche Konstrukte wie Lernen, Bindung, Erziehungsstile, Resilienz, Risiko- und Schutzfaktoren herausgearbeitet. Häufig handelt es sich hierbei aber um statistisches, korrelatives, epidemiologisches und meistens auch um allgemeines abstraktes Forschungswissen wie zum Beispiel die Lerngesetze wie Verstärkung und klassische Konditionierung, deren Bedeutung für Erziehung und Förderung in der individuellen Fördersituation für Frühförderinnen nur begrenzt konkrete handlungsleitende Potenziale enthält. Jedes Kind ist jedoch durch seine Biografie, die im höchsten Maße individuell verläuft, und durch seine persönliche Art der Interpretation der Umwelt bzw. des eigenen Erlebens so einzigartig, dass selbst vergleichbare Umwelterfahrungen von Kindern zu jeweils unterschiedlichen Entwicklungsverläufen führen. Es ist dieses hohe Maß an Individualität jedes Kindes, das unter Berücksichtigung von Entwicklungstheorien und Forschungsergebnissen den Blick von Frühförderinnen und Therapeuten verstärkt auf die alltäglichen, lebensweltlichen Erfahrungen der Kinder lenken muss. Kinder sind einem unaufhörlichen Strom von Erfahrungen ausgesetzt, wodurch von Moment zu Moment, von Situation zu Situation, von Tag zu Tag ihre steten Entwicklungsveränderungen bedeutsam beeinflusst werden. 52 FI 1 / 2015 Stichwort Eine hochwertige Förderung setzt ein besseres Verstehen der alltäglichen Erfahrungsprozesse eines Kindes voraus: auf welche Weise stellen die Umwelten dem Kind Erfahrungen „bereit“; wie und unter welchen Bedingungen kann das Kind diese Erfahrungen nutzen - oder auch nicht; wie lassen sich die gemachten Erfahrungen in seine/ ihre mentalen Systeme integrieren (kognitive, emotionale Schemata); und letztlich, unter welchen spezifischen Bedingungen können die individuellen Erfahrungen des Kindes bei ihm/ ihr handlungssteuernde Wirkungen entfalten? Zwei Aspekte gilt es in diesem Kontext hervorzuheben: zum einen ist unter dem Blickwinkel eines „erweiterten Erfahrungsbegriffs“ die Bedeutung des Beitrags von Eltern und Frühförderinnen beim Erwerb der Selbstregulationsfähigkeit von Kindern zu thematisieren. Es handelt sich dabei um die sehr frühe, von der Geburt an notwendige Unterstützung der Kinder („other-regulation“) durch Eltern und Frühförderinnen zum Erwerb der Fähigkeit, das Verhalten eigenständig kontrollieren und steuern zu können. Selbstregulation ist nach übereinstimmender entwicklungspsychologischer Auffassung einer der wichtigsten Bausteine zu einer positiven und gesunden kindlichen Entwicklung. Natürlich erwerben die Kinder viele ihrer Erfahrungen in der täglichen Kommunikation und ihren Beziehungen zu Eltern und Frühförderinnen, wobei die kindliche Fähigkeit zur Interpretation der Umwelt vielfach erst durch Unterstützung seiner/ ihrer Bezugspersonen erworben wird. Diese Art von indirekter Erfahrung sowie der jeweilige Erkenntnisgewinn für das Kind ist wie eine Optimierung von Prozessen zur Gewinnung von Erfahrungen anzusehen, da die Kinder viele neue Erfahrungen nicht selbst durch eine direkte Konfrontation mit der Wirklichkeit erwerben müssen - und in ihrer Umwelt oft auch nicht unmittelbar erwerben können -, sondern Eltern und Frühförderinnen für sie diese wichtige Rolle des Erklärens der „Welt“ übernehmen. Zum anderen bedarf es beim Transparentmachen der Bedeutung alltäglicher Erfahrungen für den Entwicklungsprozess der Kenntnis wichtiger theoretischer Konzepte über das Konstrukt „Erfahrung“ und die Konsequenzen für die individuelle Entwicklung in spezifischen Lebenskontexten, wie sie in den bekannten Theorien von Urie Bronfenbrenner und Arnold Sameroff formuliert wurden. Erfahrung, Selbstregulation und Entwicklung Eltern und Fachleute stehen bei der Förderung von Kindern in einer komplexen Verantwortung. Neben einem wünschenswerten feinfühligen und klaren Erziehungsstil geht es stets auch um die Fähigkeit von Eltern und Frühförderinnen, wichtige Entwicklungsdimensionen beim Kind bewusst und gezielt zu fördern. Die Qualität ihrer Beziehung und ihrer Interaktion mit dem Kind entscheidet über den Aufbau einer für die optimale Entwicklung des Kindes (Ausdauer, Konzentration, Motivation) notwendigen Fähigkeit zur „Selbstregulation“. Dabei bauen die einzelnen Entwicklungsfortschritte der Kinder kumulativ aufeinander auf, wobei die Entwicklungsdynamik zentral von vorausgehenden Erfahrungen determiniert wird. Der Selbstregulation kommt dabei eine bedeutsame Funktion zu, da das Kind durch diese Fähigkeit mehr und mehr die Selbststeuerung seiner eigenen Entwicklung übernimmt. Die durch das kindliche Verhalten bei seiner Umwelt ausgelösten Reaktionen schaffen durch den wechselseitigen Beeinflussungsprozess eine „neue Umwelt“ für das Kind, d. h. Kinder schaffen sich selbst ihre eigene Umwelt, die wiederum ihren weiteren individuellen Erfahrungsprozess bestimmt. So gesehen, kommt den frühen Erfahrungen von Kindern und den damit bereits eingeschlagenen Entwicklungspfaden eine für die langfristige Entwicklung des Kindes entscheidende Funktion zu. 53 FI 1 / 2015 Stichwort Auch das Handeln von Eltern und Frühförderinnen bei der Förderung der Kindsentwicklung ist vielschichtig - es basiert zentral auf ihren Erfahrungen. Ihre komplexe Unterstützung des Kindes beim Erwerb der Selbstregulationsfähigkeit macht eine mehrdimensionale Sicht auf das entwicklungsförderliche Elternverhalten notwendig. Eltern und Frühförderinnen sollten über ein ,vertieftes Bewusstsein‘ über ihre situative Aufgabe in der Interaktion mit dem Kind sowie über Verhaltenskompetenzen verfügen, um in den jeweiligen Mikrosituationen und abgestimmt auf den momentanen Entwicklungsstand des Kindes ihm/ ihr Erfahrungen zu ermöglichen, die eigenständiges Denken und Handeln sowie ein positives Selbsterleben fördern. Dies kann gelingen, indem Eltern und Frühförderinnen das Kind bestärken und wertschätzen, immer wieder „herausfordernde“ Aufgaben in den Alltag bzw. in die Fördersituation integrieren, die die Fähigkeiten zur Selbstregulation beim Kind stärken. Die Bedeutung eines erfahrungsbasierten Ansatzes - Handeln und Erfahrungen anbieten in momentanen alltäglichen Situationen - ergibt sich auch aus dem „Allgemeinen Entwicklungsmodell“ von Arnold Sameroff, in dem auf die Wichtigkeit von höchstpersönlichen Erfahrungsmomenten hingewiesen wird: Kinder gehen aufgrund ihrer individuellen neuen Erfahrungen jeden Tag verändert zu Bett und wachen nach jeder Nacht verändert auf (Sameroff 2010). Prävention und Intervention Das Transparentmachen der Bedeutung des Erfahrungsbegriffs im Kontext kindlicher Entwicklungsveränderungen ermöglicht eine systemische Sicht auf den gesamten Entwicklungsprozess. In diesem Kontext stellt sich generell die Frage nach den Mechanismen zur Erklärung von kindlichen Entwicklungsfortschritten. In Psychologie und Pädagogik wird dies unter dem Aspekt „Kluft zwischen Wissen und Handeln“ vielfach thematisiert (Miller, Galanter und Pribram 1960). Es bedarf der Entwicklung neuer Konzepte zum besseren Verständnis von Wegen bzw. Methoden zur Realisierung spezifischer Förderziele unter besonderer Beachtung des Umgangs der Kinder mit neuen Erfahrungen und deren Wirkungen: wie interpretiert das Kind seine Lebenswelt und seine Interaktions- und Beziehungserfahrungen; erlebt es sich mit zunehmender Erfahrung als kompetenter bzw. inwieweit hat es durch neue Erfahrungen gelernt sein Verhalten selbst gut zu regulieren und mit seinen Emotionen gelassener umzugehen. Beim Förderprozess ist seitens der Fachleute die Passung zwischen den dem Kind angebotenen Erfahrungswelten und seinem augenblicklichen Entwicklungsstand zu hinterfragen (Fit- Konzept i. S. von Vygotsky). In dem hier für die Frühförderung favorisierten „erfahrungsbasierten Förderansatz“ sollten Frühförderinnen ihre eigenen Förder-Erfahrungen auf der Basis ihrer systematischen Selbstbeobachtungen der Interaktion bzw. Beziehung mit dem einzelnen Kind reflektieren. Ihre täglichen Erlebnisse mit dem sich in einem dynamischen Entwicklungsprozess befindlichen Kind führen auch bei ihnen fortlaufend zu neuen Erfahrungen und zu einem „tieferen“ Verstehen des individuellen Kindes. Es gilt diese Dynamik zu sehen, um die Entwicklung jedes Kindes angemessen zu fördern sowie die Eltern unterstützen zu können. Die Fähigkeit zur handlungsbegleitenden Selbstbeobachtung ist in ihrer generellen Bedeutung beim situationsbezogenen fachlichen Handeln nicht hoch genug einzuschätzen und sozusagen der ,Dreh- und Angelpunkt‘ jedes qualitätsvollen pädagogisch-psychologischen Handelns (Peterander 1997). Diese Kernkompetenz von Frühförderinnen führt über die tägliche Erfahrung bei der Kindförderung zu einer Ausdifferenzierung ihrer kognitiven und emotionalen Schemata und stärkt somit ihre Expertise in diesem zentralen Bereich - letztlich kann die systematische Selbstbeobachtung als eine Form des Selbstcoaching angesehen werden. 54 FI 1 / 2015 Stichwort Literatur Edelmann, W. & Wittmann, S. (2012): Lernpsychologie. 7. Auflage, Beltz, Weinheim Freudiger, J., Graeser, A. & Petrus, K. (1996): Der Begriff der Erfahrung in der Philosophie des 20. Jahrhunderts. Beck, München Gadamer, H. G. (1960): Wahrheit und Methode. 7. Auflage (2010, S. 352 -368). Mohr Siebeck, Tübingen Miller, G. A., Galanter, E. & Pribram, K. H. (1960): Plans and structure of behavior. Adams-Bannister-Cox, N.Y. Peterander, F. (1997): Interaktions- und kommunikationszentrierte Gesprächsführung in Familien mit Problemkindern. Kindheit und Entwicklung, 6, 67 -78 Sameroff, A. (2010): A unified theory of development. Child Development, Vol. 81, pp. 6 -22
