Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2015.art11d
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2015
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Rezension: Heilpädagogische Konzepte und Methoden Orientierungswissen für die Praxis
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2015
Martin Thurmair
Dieses Buch entstand aus Anlass der Emeritierung von Prof. Dr. Dieter Gröschke von der Katholischen Hochschule NRW in Münster (der den Lesern dieser Zeitschrift durch eine Reihe von Beiträgen über viele Jahre durchaus bekannt sein könnte). Die Autorinnen und Autoren der Beiträge des Buches kommen deshalb auch aus dem fachlichen Umfeld der Heilpädagogik an dieser Hochschule. Dem Anlass und dieser Auswahl der Autorinnen und Autoren entsprechend spielt der heilpädagogische Ansatz von Gröschke in den Beiträgen immer wieder eine Rolle, als Ausgangspunkt von Reflexion und als Basis für fachliche Weiterentwicklung.
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115 FI 2 / 2015 REZENSIONEN Heilpädagogische Konzepte und Methoden Orientierungswissen für die Praxis Herausgegeben von Heinrich Greving und Sabine Schäper. Stuttgart (Kohlhammer) 2013. 209 S., € 29,90, ISBN: 978-3170230767 Dieses Buch entstand aus Anlass der Emeritierung von Prof. Dr. Dieter Gröschke von der Katholischen Hochschule NRW in Münster (der den Lesern dieser Zeitschrift durch eine Reihe von Beiträgen über viele Jahre durchaus bekannt sein könnte). Die Autorinnen und Autoren der Beiträge des Buches kommen deshalb auch aus dem fachlichen Umfeld der Heilpädagogik an dieser Hochschule. Dem Anlass und dieser Auswahl der Autorinnen und Autoren entsprechend spielt der heilpädagogische Ansatz von Gröschke in den Beiträgen immer wieder eine Rolle, als Ausgangspunkt von Reflexion und als Basis für fachliche Weiterentwicklung. Das Buch ist in zwei Teile gegliedert; im ersten Teil geht es um „Theoretische Impulse für heilpädagogische Konzepte und Methoden“, der zweite Teil enthält Betrachtungen zur Praxis einzelner Methoden und Inhalte heilpädagogischer Arbeit. Die beiden Herausgebenden skizzieren in einem ausführlichen Vorwort den Zusammenhang der Beiträge. Heinrich Greving setzt sich im ersten Beitrag „Heilpädagogisches Handeln in kontingenten Handlungsfeldern“ sehr differenziert mit Gröschkes Grundkonzepten zum Heilpädagogischen Handeln auseinander und zeigt seine Aktualität auch unter den aktuellen Herausforderungen und gesellschaftlichen Veränderungen. Mit dem Thema „Heilpädagogische Ethik unter dem Primat der Praxis“ greift Sabine Schäper einen zweiten zentralen Aspekt auf, bei dem sie herausarbeitet, wie Heilpädagogik historisch wie aktuell mit ethischen Fragestellungen konfrontiert ist, die sich aus gesellschaftlichen Zusammenhängen ergeben, an denen Heilpädagogik aber eben auch mitwirkt („Heilpädagogik mit dem Gesicht zur Gesellschaft“). Petr Ondraceks Beitrag in diesem ersten Teil befasst sich mit dem Thema „Bewusste Personzentriertheit im heilpädagogischen Berufsalltag, oder - Was kann man von einem Navigationsgerät lernen? “. Mit der „Personzentriertheit“ bezieht er sich auf Rogers und den Kontext der klientenzentrierten Psychotherapie; für die Heilpädagogik formuliert er als über die (psychotherapeutische) Haltung des „empathischen Verstehens“ hinausgehenden Auftrag das gemeinsame Tun mit den Menschen, mit denen Heilpädagogen beruflich zu tun haben, also eine Art „tätige Empathie“. An der technischen Analogie des Navigationsgeräts erläutert er, was in etwa darunter zu verstehen ist. Im zweiten Teil des Buches geht es um verschiedene methodische Ansätze und Inhaltsbereiche der Heilpädagogik. Unter dem Titel „Beziehung - Grundlage und Ziel der Heilpädagogischen Erziehungshilfe und Entwicklungsförderung (HpE)“ arbeitet Wolfgang Köhn wichtige Anliegen der HpE heraus und gibt Hinweise zur Reflexion von Beziehungen und Entwicklungen in Beziehungen. Die „Heilpädagogische Entwicklungsförderung und Begleitung im Spiel nach dem Konzept der ,Heilpädagogischen Übungsbehandlung (HpÜ)‘ “ ist Gegenstand eines Beitrags von Barbara Schroer und Elke Biene-Deißler; er thematisiert in der Form eines virtuellen Gesprächs der beiden Autorinnen mit Clara Maria von Oy, der „Erfinderin“ der HpÜ, und Dieter Gröschke wichtige Elemente und Weiterentwicklungen 116 FI 2 / 2015 Rezensionen der HpÜ und zeigt konkret an Fallbeispielen und Stundentafeln die Umsetzung des HpÜ- Konzepts in der Praxis auf. „Kreativität als Erlebnis - Bildnerische Gestaltungsprozesse in der heilpädagogischen Arbeit“ ist Gegenstand eines Beitrags von Natascha Simanski; Barbara Ortland befasst sich mit der Frage der „Realisierung sexueller Selbstbestimmung für Erwachsene mit geistiger Behinderung“. Die „Syndromanalyse“ als eine diagnostische Methode in der Art einer „verstehensorientierten Urteilsbildung“ stellt Kai-Uwe Schablon vor, und Maximilian Buchka beschreibt und analysiert „Grundlegendes zur Biografiearbeit“. Ein Sachwortverzeichnis und kurze Informationen zu den Autorinnen und Autoren beschließen das Buch. Nicht alle Beiträge des Bandes sind „Orientierungswissen für die Praxis“, wie der Untertitel vorstellt; vor allem bei den ersten beiden Beiträgen ist das Bezugssystem eher der akademische Diskurs, zu dem sie allerdings spannende und reiche Aspekte beitragen. Von den Praxisbeiträgen habe ich - mit Blick auf die Frühförderung - vor allem beachtet: Köhn und seine Ausführungen über die „Beziehung“ in der Heilpädagogischen Erziehungshilfe und Entwicklungsförderung. Dieser Beitrag ist wenig systematisch und spricht eher assoziativ eine Vielzahl von Aspekten an; viele Reflexionsfragen, die er zu Fallbeispielen stellt, gehören eher in ein Seminar denn in ein Buch. In dem Beitrag von Schroer und Biene-Deißler über die „Heilpädagogische Übungsbehandlung“ kann man sehr differenziert nachvollziehen, wie sich das Konzept der HpÜ in den vergangenen gut 30 Jahren verändert, erweitert und modernen Aufgabenstellungen angepasst hat. Die beiden Autorinnen haben solide Kenntnisse darüber, haben sie doch die aktuelle Auflage des Klassikers der „HpÜ“ von v. Oy und Sagi gründlich überarbeitet und erweitert. Ein ausführliches Praxisbeispiel verdeutlicht den Ansatz in seiner aktuellen Form noch einmal anschaulich. Bemerkenswert fand ich auch den Beitrag von Schablon über die „Syndromanalyse“ als eine verstehende diagnostische Methode, die, in fünf klaren Arbeitsschritten, nicht nur versucht, zu einem möglichst zutreffenden Verstehen eines Anderen zu kommen (durch eine Außen-Beschreibung, den Versuch einer Innen-Beschreibung, den Abgleich der beiden Bilder und eine Reflexion dessen, was der Diagnostiker möglicherweise in die Deutungen einbringt), sondern als letzten Schritt auch Handlungsvorschläge und -ideen aufzuzeigen, die zu dem so erarbeiteten Verständnis auch passen. Das ist klar dargestellt und wird durch ein ausführliches Beispiel auch konkretisiert. Das Verfahren scheint mir sorgfältig, aber auch aufwändig, könnte sich aber in verwickelten Fällen als sehr hilfreich erweisen. Am spannendsten fand ich den Beitrag von Ondracek über die „Personzentriertheit“. „Personzentriert“ nach Rogers kennt sozusagen jede und jeder, und nimmt leicht einmal für sich in Anspruch, „personzentriert“ zu handeln. Deshalb geht es dem Autor zunächst um ein vertieftes und differenziertes Verständnis dieser Handlungsorientierung, nach ihrem Ursprung bei Rogers, und dann speziell bei pädagogischen Aufgabenstellungen. Darin hat er viel „Bodenhaftung“ und treffende Beispiele. Mit der technischen Analogie des Navigationsgeräts, das geduldig immer neue Wege sucht, weil der Autor seiner Empfehlung, die Autobahn zu benutzen, nicht folgen mag, bringt er ein anregendes (freilich auch begrenztes) Bild über personzentriertes pädagogisches Handeln als „tätige Empathie“. Martin Thurmair DOI 10.2378/ fi2015.art11d
