Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2015.art12d
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Rezension: Inklusion von Anfang an. Eine empirische Studie zur Diversität und Bildung im frühkindlichen Alltagserleben
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Birgit Mampe-Keller
Bei dem Buch handelt es sich um eine empirische Studie, die im Rahmen einer Dissertation an der pädagogischen Hochschule Heidelberg durchgeführt wurde. Die Zielsetzung der Studie liegt darin „(…) Aspekte der Aktivität und Teilhabe für den Lebensbereich 0 –6 Jahre bei Kindern mit und ohne besondere Bedürfnisse vergleichend zu untersuchen.“
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117 FI 2 / 2015 Rezensionen Inklusion von Anfang an Eine empirische Studie zur Diversität und Bildung im frühkindlichen Alltagserleben Christiane Bischoff, Heidelberg, Median Verlag, 2013, 237 S., € 24,60 Bei dem Buch handelt es sich um eine empirische Studie, die im Rahmen einer Dissertation an der pädagogischen Hochschule Heidelberg durchgeführt wurde. Die Zielsetzung der Studie liegt darin „(…) Aspekte der Aktivität und Teilhabe für den Lebensbereich 0 -6 Jahre bei Kindern mit und ohne besondere Bedürfnisse vergleichend zu untersuchen.“ (S. 81) Dabei muss betont werden, dass hier vornehmlich der Einfluss einer vorliegenden Hörschädigung berücksichtigt wird (die untersuchten Referenzgruppen umfassen: Hörgeschädigte Kinder mit Mehrfachbehinderung, Hörgeschädigte Kinder mit Cochlear-Implant, Hörende Kinder im vergleichbaren Höralter, Hörende Kinder im vergleichbaren Lebensalter; vgl. S. 90). Das Buch besteht aus vier Kapiteln. Einleitend stellt die Autorin zunächst den allgemeinen Forschungshintergrund dar. In diesem Zusammenhang werden Inklusion als Bildungschance, Frühkindliche Bildung, Dialogik sowie der Lebensalltag Kind abgehandelt. Anschließend werden die wissenschaftliche Fragestellung sowie die Studienergebnisse dargestellt, die dann abschließend diskutiert werden. Zentrales Anliegen der Studie ist die Beantwortung der Frage „Hilft viel wirklich viel? “. Diese Frage betrifft Eltern und (pädagogische, therapeutische und medizinische) Fachpersonen gleichermaßen, weshalb sie von hoher Relevanz ist. Die zentrale Frage fasst die Schwierigkeit zusammen, aus der Vielzahl an (Förder-) Angeboten ein geeignetes Programm für Kinder (zwischen 0 -6 Jahren) mit besonderen Bedürfnissen zusammenzustellen. Bischoff versucht, dieser Frage mithilfe der Auswertung von Kalenderdaten von Familien mit Kindern mit und ohne besonderen Bedürfnissen auf den Grund zu gehen. Dabei untersucht die Autorin, wie viele Termine die verschiedenen Untersuchungsgruppen im Schnitt wahrnehmen, welche Art von Terminen wahrgenommen werden, sowie den Wechsel der Experten, mit dem die untersuchten Kinder konfrontiert waren. Kurz: Die Autorin versucht über die Terminnutzung Einsicht in die Lebenswirklichkeit von Kindern mit und ohne besondere Bedürfnisse zu erhalten und darauf aufbauend zu evaluieren, wie hoch der Grad an Teilhabe und Aktivität der untersuchten Gruppen ist. Die Auswertung der Situation der vier Untersuchungsgruppen wird ergänzt durch Interviews von Experten aus sechs verschiedenen Bereichen, die eine langjährige Erfahrung mit Inklusion vorweisen können. Aus den gewonnenen Daten soll abgeleitet werden, an welchem Punkt des Inklusionsprozesses Kinder in der heutigen Zeit stehen. Die Studie knüpft an theoretische Arbeiten zur Inklusion an. In der Tradition dieser Arbeiten wird die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels von der Integration hin zur Inklusion betont. Inhaltlich ist die Arbeit auf den Bereich der Hörbehindertenpädagogik beschränkt. Die Autorin ist jedoch bemüht, ausgewählte Probleme aus Sicht der Sonderpädagogik sowie aus Sicht der Allgemeinen Pädagogik zu beleuchten. Hier deckt die Autorin nicht selten große Unterschiede des Rollenverständnisses der Disziplinen auf und blickt besonders kritisch auf die eigene Fachrichtung der Sonderpädagogik. Diese kritische Gegenüberstellung ist zuweilen sehr interessant und spannend. 118 FI 2 / 2015 Rezensionen Die Studie zielt darauf, Antworten zu liefern bezüglich des Problems der Umsetzung und Umsetzbarkeit inklusiver Settings im Bereich der frühkindlichen Bildung. Insgesamt werden in der Studie zwar keine komplett neuen Fragen zur Inklusion gestellt, die Betonung, dass Inklusion bereits vor dem Schuleintritt, in verschiedenen Bereichen der Frühpädagogik stattfinden sollte und daher eine pädagogische Reflexion verschiedener pädagogischer Konzepte und Settings für Kinder zwischen 0 -6 Jahren notwendig ist, ist jedoch eine Bereicherung für die bestehende Inklusionsdebatte. Positiv ist außerdem, dass in der Studie erstmalig (in der Hörgeschädigtenpädagogik) die Sicht der Eltern berücksichtigt wurde. Bedauerlicherweise ist das Buch jedoch an einigen Stellen missverständlich, was vor allem durch eine wenig differenzierte Verwendung wesentlicher Begriffe bedingt ist. So werden beispielsweise die Begriffe „Frühförderung“, Frühe Hilfen“, „Frühe Förderung“ und „Frühpädagogik“, „Hilfen“, „Förderung durch Kurse“ wenig differenziert und teilweise sogar synonym verwendet. Ferner wäre eine theoretische Hinterlegung der zugrunde liegenden Hypothesen für ein besseres Verständnis des methodischen Vorgehens der Studie hilfreich gewesen. Auch sind die angewandten Methoden nicht immer deutlich beschrieben. Der von der Autorin eigens eingeführte Interdisziplinaritätsindex (INDI) ist beispielsweise nur sehr oberflächlich beschrieben. Die Nachvollziehbarkeit der Untersuchung ist leider auch im Ergebnisteil teilweise eingeschränkt. Hier fehlen Werte zu den beschriebenen Gruppenunterschieden. Darüber hinaus geht aus den Abbildungen und Ausführungen z. T. nicht klar hervor, ob es sich um absolute, relative und/ oder (Mittel-)Werte handelt. Weiterhin wurden verwendete Materialien dem Anhang nicht beigefügt. Kritisch ist auch die Aussagekraft der Experteninterviews zu betrachten. Insgesamt wurden 6 Experten aus 6 verschiedenen Disziplinen (Medizin, Pädagogik, Therapie, Kindergarten, Teilhabe und andere) befragt. Dies erscheint wenig, um stellvertretend für die einzelnen Fachdisziplinen verallgemeinernde Aussagen treffen zu können oder gar Implikationen aus den Expertenaussagen abzuleiten, wie dies vorgenommen wurde. Zweifelsfrei stellen die Experteninterviews jedoch eine interessante und aufschlussreiche Ergänzung zu den quantitativen Daten dar. Auch hier wäre ein Einblick in gestellte Fragen oder die im Interviewprozess eingesetzten Ankerbeispiele für den Leser interessant gewesen. Konkrete Umsetzungsvorschläge zur Gestaltung inklusiver Settings oder einer Veränderung der Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen werden im Rahmen des Buches leider nur oberflächlich beschrieben. Lediglich ein konkretes Beispiel (die Gestaltung von „Oma- Opa-Nachmittagen“) wird von der Autorin angeführt. Das ist bedauerlich hinsichtlich der weitreichenden praktischen Erfahrung der Autorin mit Inklusion im Bereich der frühkindlichen Bildung. Allerdings muss in diesem Zusammenhang berücksichtigt werden, dass die empirische Untersuchung von Inklusion und nicht deren praktische Umsetzung im Fokus der Arbeit stand. Zusammenfassend kann jedoch festgehalten werden, dass das Buch, bei einigen Schwächen, sicherlich einen Beitrag zur Gestaltung inklusiver Beratungssituationen für Eltern mit Kindern zwischen 0 -6 Jahren liefert. So liefert die Studie durchaus wichtige Denkanstöße zu verschiedensten Aspekten der Arbeit mit Kindern zwischen 0 -6 Jahren wie etwa zur Reflexion der eigenen fachlichen Rolle (und Priorität) innerhalb des Systems Kind oder zur interdisziplinären Kooperation im Sinne der Inklusion. 119 FI 2 / 2015 Rezensionen Wichtig für die Diskussion zum Thema Inklusion ist auch der Hinweis darauf, dass Inklusion ein Prozess ist, in dem verschiedene Wege erprobt werden müssen, um neue Bildungskonzepte zu erarbeiten, die in Einklang mit dem Inklusionsgedanken stehen. Die Schwierigkeit besteht sicher darin, diese Wege in bestehenden, nach wie vor auf Integration ausgerichteten Strukturen zu gehen. Birgit Mampe-Keller DOI 10.2378/ fi2015.art12d
