Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2015.art19d
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Chronisch kranke Kinder in Kindertageseinrichtungen
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Silvia Wiedebusch
Anne Lohmann
Gregor Hensen
Laut epidemiologischer Daten sind in Deutschland zwischen 9 und 14 % der Kinder bis zum Alter von sechs Jahren chronisch erkrankt (Neuhauser et al. 2014). Zur Betreuung dieser Kinder wurden Leiter/innen von Tageseinrichtungen (N = 112) sowie früh- und heilpädagogische Fachkräfte (N = 1030) schriftlich befragt. Insgesamt wurden in den teilnehmenden Einrichtungen 94 chronisch kranke Kinder betreut; dies entspricht einem Anteil von 1,1 % an der Gesamtzahl der Kinder. Die Mehrheit der Leitungs- und Fachkräfte, die chronisch kranke Kinder betreuen, ist bereit, sich auf die besonderen Versorgungsbedarfe einzustellen. Heilpädagogische Fachkräfte zeigen hierzu eine signifikant höhere Bereitschaft und fühlen sich bei der Betreuung der Kinder sicherer als frühpädagogische Fachkräfte.
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152 Frühförderung interdisziplinär, 34. Jg., S. 152 -163 (2015) DOI 10.2378/ fi2015.art19d © Ernst Reinhardt Verlag ORIGINALARBEIT Chronisch kranke Kinder in Kindertageseinrichtungen Eine Befragung pädagogischer Fachkräfte Silvia Wiedebusch, Anne Lohmann & Gregor Hensen Zusammenfassung: Laut epidemiologischer Daten sind in Deutschland zwischen 9 und 14 % der Kinder bis zum Alter von sechs Jahren chronisch erkrankt (Neuhauser et al. 2014). Zur Betreuung dieser Kinder wurden Leiter/ innen von Tageseinrichtungen (N = 112) sowie früh- und heilpädagogische Fachkräfte (N = 1030) schriftlich befragt. Insgesamt wurden in den teilnehmenden Einrichtungen 94 chronisch kranke Kinder betreut; dies entspricht einem Anteil von 1,1 % an der Gesamtzahl der Kinder. Die Mehrheit der Leitungs- und Fachkräfte, die chronisch kranke Kinder betreuen, ist bereit, sich auf die besonderen Versorgungsbedarfe einzustellen. Heilpädagogische Fachkräfte zeigen hierzu eine signifikant höhere Bereitschaft und fühlen sich bei der Betreuung der Kinder sicherer als frühpädagogische Fachkräfte. Schlüsselwörter: Chronisch kranke Kinder, Kindertageseinrichtungen, Inklusion Chronically ill children in day-care facilities - a survey of educational staff Summary: In Germany 9 to 14 % of children up to the age of six years are chronically ill according to epidemiological data (Neuhauser et al. 2014). Managers of day-care facilities (N = 112) as well as educational staff (N = 1030) took part in a written survey concerning the day-care of these children. A total of 94 chronically ill children were cared for in the participating day-care facilities; this represents a share of 1.1 % of the total number of children. The majority of the managers and educational staff of day-care facilities, who care for chronically ill children, are willing to adapt to the specific needs of care of these children. Special education professionals show a significantly higher willingness to adopt to the health care needs and feel safer in the care of these children than early education professionals. Keywords: Chronically ill children, day-care facilities, inclusion Einleitung I n den letzten Jahrzehnten hat die Anzahl chronisch körperlich erkrankter Kinder zugenommen, was vor allem auf verbesserte Therapiemöglichkeiten und daraus resultierende verlängerte Überlebenszeiten zurückzuführen ist (vgl. Schmidt/ Thyen 2008). Epidemiologische Daten werden zumeist für die gesamte Altersgruppe des Kindes- und Jugendalters angegeben, während Daten für die Altersgruppe der Kinder, die Kindertageseinrichtungen besuchen, deutlich seltener vorliegen. Insgesamt sind ca. 10 bis 15 % aller Kinder und Jugendlichen von einer langfristigen behandlungsbedürftigen Erkrankung betroffen (Lohaus/ Heinrichs 2013), wobei die Auftretenshäufigkeit mit zunehmendem Alter ansteigt (Neuhauser et al. 2014). Erste bundesweite Prävalenzdaten für (Klein-)Kinder bis zum Schulalter liefert der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey KiGGS, in dem für einige Krankheitsbilder Lebenszeitprävalenzen für zwei Altersgruppen (0 - 2; 3 - 6 Jahre) angegeben 153 FI 3 / 2015 Chronisch kranke Kinder in Kindertageseinrichtungen werden. In der im Zeitraum von 2003 bis 2006 durchgeführten KiGGS-Basiserhebung wurden Lebenszeitprävalenzen für seltener auftretende Erkrankungen, wie Herzkrankheiten (3,4 %; 2,7 %), epileptische Anfälle (1,8 %; 3,5 %) und Typ 1 Diabetes (0,09 %; 0,05%) ermittelt (Kamtsiuris et al. 2007). Laut der 2009 bis 2012 durchgeführten Folgebefragung, der KiGGS-Welle 1, liegt die Lebenszeitprävalenz für atopische Erkrankungen (Asthma bronchiale, Heuschnupfen oder Neurodermitis) am höchsten, nämlich bei 13,6 % für nullbis zweijährige und bei 23,1 % für dreibis sechsjährige Kinder (Schmitz et al. 2014). Insgesamt sind laut Elternauskunft 9,0 % der Kleinkinder (0 - 2 Jahre) und 13,8 % der Kinder (3 - 6 Jahre) chronisch erkrankt (Neuhauser et al. 2014). Bei einzelnen Erkrankungen, wie beispielsweise Asthma bronchiale oder Typ 1 Diabetes, sind vor allem in der Altersgruppe der unter fünfbis siebenjährigen Kinder in den letzten Jahren zunehmende Prävalenzraten dokumentiert (vgl. Schmitz et al. 2014, Neu et al. 2013). Die beschriebenen epidemiologischen Entwicklungen lassen erwarten, dass die Anzahl chronisch kranker Kinder, die Kindertageseinrichtungen besuchen, steigt. Allerdings liegen keine empirischen Daten dazu vor, wie viele Kinder mit einem chronischen Gesundheitsproblem aktuell in Tageseinrichtungen betreut werden. Während der Betreuungszeiten in der Einrichtung kann für diese Kinder ein vielfältiger Unterstützungs- und Förderbedarf bestehen, der je nach krankheitsspezifischen Besonderheiten, dem Ausmaß von dauerhaften oder episodisch auftretenden Symptomen, Beeinträchtigungen oder Funktionseinbußen sowie der erforderlichen Langzeittherapie variieren kann. Die betroffenen Kinder können bei der täglichen Therapiedurchführung, bei der Einhaltung von Diät- oder Ernährungsregeln, bei der Einhaltung krankheitsbedingter Verhaltensregeln oder in akuten Krisen- und Notfallsituationen auf Unterstützung angewiesen sein; zusätzlich kann nach längeren Krankheitsepisoden oder Fehlzeiten in der Einrichtung ein Förderbedarf entstehen, um Entwicklungsrückstände aufzuholen. Diese individuellen Bedarfe stellen eine Herausforderung für das Betreuungspersonal von Kindertageseinrichtungen dar. In einer qualitativen Interviewstudie wurde das vielfältige Anforderungsprofil früh- und heilpädagogischer Fachkräfte bei der Betreuung chronisch kranker Kinder herausgearbeitet (vgl. Wiedebusch et al. 2015 a). Demnach benötigen die Fachkräfte aus medizinischer und pädagogischer Sicht spezifische Kompetenzen, um den Versorgungs- und Betreuungsbedarfen der Kinder im Alltag gerecht werden zu können. Bisher ist jedoch wenig über ihre Sicherheit im Umgang mit chronisch kranken Kindern sowie ihre grundsätzliche Einstellung zur Betreuung dieser Kinder bekannt. Des Weiteren fehlen Angaben dazu, ob Einrichtungen, die chronisch kranke Kinder betreuen, einen personellen Mehraufwand haben, weil sie beispielsweise häufiger spezifische Förder- und Unterstützungsleistungen erbringen und externe Kooperationspartner kontaktieren als andere Tageseinrichtungen. Um einen Einblick in die Betreuung chronisch kranker Kinder in Kindertageseinrichtungen zu gewinnen, wurden Leitungs- und Fachkräfte um Angaben zum Aufkommen chronisch kranker Kinder in ihren Einrichtungen und eine Einschätzung der erbrachten Förder- und Unterstützungsleistungen für Kinder mit besonderen Bedarfen sowie zur Netzwerkarbeit mit Kooperationspartnern aus dem Gesundheitswesen gebeten. Außerdem wurden sie zu ihrer Einstellung und ihrem Kompetenzerleben in Bezug auf die Betreuung chronisch kranker Kinder befragt. Eingebettet waren diese Fragen in eine Erhebung zum Stand inklusiver Praxis in Tageseinrichtungen der Stadt und des Landkreises Osnabrück, die im Teilprojekt „Inklusive Bildung in niedersächsischen Kindertageseinrichtungen“ (vgl. Lohmann et al. 2014) des 154 FI 3 / 2015 Silvia Wiedebusch et al. Forschungsschwerpunktes „Inklusive Bildung“ der Hochschule Osnabrück durchgeführt wurde. Methode Erhebungsinstrument. Für die Leitungs- und Fachkräfte wurden getrennte Fragebogen zur Inklusiven Bildung in Kindertageseinrichtungen entwickelt. Im Folgenden werden nur die Fragen vorgestellt, die im Kontext der Betreuung von chronisch kranken Kindern relevant sind. Die Leiter/ innen machten Angaben zur Anzahl der chronisch kranken Kinder in ihrer Einrichtung und zum Spektrum der vorkommenden Krankheitsbilder; die Fachkräfte gaben an, ob sie aktuell ein chronisch krankes Kind betreuen. Des Weiteren wurden Angaben zu folgenden inhaltlichen Bereichen erhoben: n Die Leitungskräfte schätzten ein, wie häufig in ihrer Einrichtung Förder- und Unterstützungsleistungen für Kinder mit besonderen Bedarfen geleistet werden. Die abgefragten Leistungen umfassten beispielsweise die Unterstützung bei der Therapiedurchführung, bei der Einhaltung krankheitsbedingter Verhaltensregeln oder in Krisen- und Notfallsituationen. Die Frequenz, mit der diese Leistungen erbracht werden, wurde mit einer 5-stufigen Ratingskala („täglich“, „wöchentlich“, „monatlich“, „seltener“, „nie“) erfasst. n Bei Fragen zur Kooperation und Netzwerkarbeit von Kindertageseinrichtungen machten die Leitungskräfte Angaben zur Häufigkeit und den Anliegen der Kontaktaufnahme zu kooperierenden Fachkräften und Einrichtungen aus dem Gesundheitswesen, wie beispielsweise Ärzten, Physio- und Ergotherapeuten, der Frühförderung oder Sozialpädiatrischen Zentren. Die Häufigkeit der Kontaktaufnahme wurde ebenfalls mit einer 5-stufigen Ratingskala (s. o.) erfasst; als Zweck der Kontaktaufnahme konnte der fachliche Austausch, die Vermittlung in externe (Therapie-)Angebote oder die Absprache eines gemeinsamen Angebotes angegeben werden. n Die Abfrage von Einstellungen und dem Kompetenzerleben bezüglich inklusiver Betreuungsangebote erfolgte durch eine deutschsprachige Adaptation der Multidimensional Attitudes toward Inclusive Education Scale (MATIES; Mahat 2008) und eine eigens für die Untersuchung konzipierte Skala zum Kompetenzerleben (Werding/ Schinnenburg 2015). Zwei Items bezogen sich hier auf Kinder mit chronischen Erkrankungen. Zum einen wurden Leitungs- und Fachkräfte um ihre Einschätzung gebeten, inwieweit sie bereit sind, sich auf die besonderen medizinischen Bedürfnisse von Kindern mit chronischen Erkrankungen einzustellen. Die früh- und heilpädagogischen Fachkräfte schätzten zudem ein, ob sie sich im Umgang mit individuellen medizinischen Bedürfnissen der Kinder in der Einrichtung sicher fühlen. Die Einschätzung wurde bei beiden Items mit einer 6-stufigen Ratingskala („stimme gar nicht zu“ bis „stimme voll und ganz zu“) erfasst. Durchführung. Im Frühjahr 2014 wurden die Leiter/ innen sowie die früh- und heilpädagogischen Fachkräfte aller 226 Kindertageseinrichtungen der Stadt und des Landkreises Osnabrück zur Teilnahme an der Fragebogenerhebung aufgefordert. An der Studie beteiligten sich Mitarbeiter/ innen aus insgesamt 131 Einrichtungen (Rücklaufquote bei den Einrichtungen: 58,0 %), davon 41 Regeleinrichtungen ohne eine integrative Ausrichtung (31,3 %) und 71 Regeleinrichtungen mit mindestens einer integrativen Gruppe (54,2 %). Bei weiteren 19 Einrichtungen (14,5 %) fehlte diese Angabe. Insgesamt wurden 1146 Fragebögen bearbeitet und an die Hochschule Osnabrück zurückgeschickt, von denen 4 nicht in der Auswertung berücksichtigt werden konnten (z. B. weil zwei Personen den Fragebogen gemeinsam ausgefüllt hatten). 155 FI 3 / 2015 Chronisch kranke Kinder in Kindertageseinrichtungen Stichprobenbeschreibung. An der Fragebogenerhebung beteiligten sich 112 Leiter/ innen sowie 1030 früh- und heilpädagogische Fachkräfte. Davon gaben 39 Leitungskräfte (34,8 %) an, zum Erhebungszeitpunkt in ihrer Einrichtung Kinder mit einer chronischen Erkrankung zu betreuen; 235 früh- und heilpädagogische Fachkräfte (22,8 %) gaben an, aktuell mindestens ein betroffenes Kind zu betreuen. Die Befragten waren überwiegend weiblich (Leitungskräfte: 97,3 %; Fachkräfte: 96,4 %), sie repräsentierten ein breites Altersspektrum und verfügten über unterschiedlich lange Berufserfahrungen im frühkindlichen Bereich (s. Tab. 1). Leiter/ innen, die zum Zeitpunkt der Befragung chronisch kranke Kinder in ihrer Einrichtung betreuten, unterschieden sich hinsichtlichihres Alters undihrerBerufserfahrung nicht signifikant von den übrigen Leitungskräften. Fachkräfte, die ein Kind mit einer chronischen Erkrankung betreuten, waren älter (t (2,1010) = 1,97; p ≤ 0,05) und verfügten über eine längere Berufserfahrung (t (2,990) = 2,13; p ≤ 0,05) als ihre Kolleg/ innen. 80,9 % der Fachkräfte, die chronisch kranke Kinder betreuten, absolvierten eine frühpädagogische und 16,6 % eine heilpädagogische Ausbildung; weitere 2,5 % verfügten über sonstige Ausbildungen (z. B. eine psychologische, therapeutische oder pflegerische Ausbildung). 22,1 % der Fachkräfte, die chronisch kranke Kinder betreuten, arbeiteten in Regeleinrichtungen und 64,3 % in integrativen Kindertageseinrichtungen; von weiteren 13,6 % lag hierzu keine Angabe vor. Ergebnisse Die folgenden deskriptiven und inferenzstatistischen Auswertungen wurden mit dem Programm SPSS 22 vorgenommen. Aufkommen chronisch kranker Kinder in Kindertageseinrichtungen. Laut Angabe der Leitungskräfte wird in 39 (34,8 %) von 112 Einrichtungen mindestens ein chronisch krankes Kind betreut. Insgesamt werden 94 betroffene Kinder betreut, wobei die Anzahl pro Einrichtung zwischen einem und 10 Kindern schwankt (MW = 2,4; sd = 1,8). Dies entspricht einem Anteil von 1,1 % chronisch kranken Kindern an allen betreuten Kindern (N=8592) in den befragten Kindertageseinrichtungen. Das Spektrum der Krankheitsbilder, mit dem früh- und heilpädagogische Fachkräfte konfrontiert sind, umfasst Allergien (13 Einrichtungen), Typ 1 Diabetes (12 Einrichtungen), Asthma bronchiale (10 Einrichtungen), Neurodermitis (5 Einrichtungen), Epilepsie (4 Einrichtungen), angeborene Herzerkrankungen (2 Einrichtungen) und Erkrankungen der Ausscheidungsorgane (2 Einrichtungen). In jeweils einer Einrichtung wird ein Kind mit Phenylketonurie, Zöliakie, Juveniler idopathischer Arthritis, multipler Sklerose, Leukämie oder Kleinwuchs betreut. Weiterhin wird jeweils eine Einrichtung von einem Kind mit einer nicht näher bezeichneten Muskelerkrankung, Nierenerkrankung oder einem Zustand nach Organtransplantation besucht. Leitungskräfte range MW sd Alter in Jahren Berufserfahrung in Jahren 29 -64 1 -45 49,3 24,7 8,3 10,0 Früh- und heilpädagogische Fachkräfte Alter in Jahren Berufserfahrung in Jahren 19 -65 0 -43 38,9 14,1 11,2 10,4 Tab. 1: Stichprobencharakteristika der befragten Leitungskräfte (N =112) sowie früh- und heilpädagogischen Fachkräfte (N =1030). 156 FI 3 / 2015 Silvia Wiedebusch et al. Förder- und Unterstützungsleistungen. Einrichtungen, in denen chronisch kranke Kinder betreut werden, erbringen vielfältige und häufige Förder- und Unterstützungsleistungen für Kinder mit besonderen Bedarfen (s. Tab. 2). Laut Auskunft der Leitungskräfte unterstützt mehr als die Hälfte der Einrichtungen diese Kinder täglich bei der Einhaltung krankheitsbedingter Verhaltensregeln (59 %) sowie bei der Nutzung von Hilfsmitteln (53,8 %). Etwas weniger Leitungskräfte geben an, dass ihre Einrichtung eine tägliche Unterstützung bei der Therapiedurchführung leistet (41 %). Fast ein Drittel der Einrichtungen stellt nach Einschätzung der Leitungskräfte eine tägliche Einzelbetreuung von Kindern im gesamten Alltag sicher (30,8 %). Eine Unterstützung in Krisen- und Notfallsituationen muss bei einem Fünftel der Einrichtungen täglich (20,5 %), in den meisten Einrichtungen jedoch selten bis nie (61,6 %) gewährleistet werden. Die Anwesenheit pädagogischer Fachkräfte bei Fördereinheiten durch therapeutische Fachkräfte erfolgt selten täglich (7,7 %), sondern am häufigsten wöchentlich bis monatlich (66,7 %). Leitungskräfte, die chronisch kranke Kinder in ihrer Einrichtung betreuen, geben jeweils signifikant häufiger als andere Leitungskräfte an, dass Kinder mit besonderen Bedarfen in ihrer Einrichtung Unterstützungsleistungen bei der Therapiedurchführung (t (2,101) = 3,05; p ≤ 0,01), bei der Einhaltung krankheitsbedingter Verhaltensregeln (t (2,102) = 2,64; p ≤ 0,01) sowie bei der Nutzung von Hilfsmitteln (t (2,97) = 2,85; p ≤ 0,01) erhalten. Kooperation und Netzwerkarbeit. Eine Kontaktaufnahme von Kindertageseinrichtungen zu kooperierenden Fachkräften findet am „Bei Kindern mit einem besonderen Förder- und Unterstützungsbedarf leisten wir in unserer Einrichtung … täglich wöchentlich bis monatlich seltener bis nie nicht bekannt N % N % N % N % Unterstützung bei der Therapiedurchführung (z. B. Verabreichung von Medikamenten/ Injektionen, Blutzuckermessungen) 16 41,0 0 0 20 51,3 3 7,7 Unterstützung bei krankheitsbedingten Verhaltensregeln (z. B. Einhaltung von Essensregeln/ Diäten, Ruhezeiten) 23 59,0 2 5,1 11 28,2 3 7,7 Unterstützung in Krisen-/ Notfallsituationen (z. B. allergische Reaktion, epileptischer Anfall, Asthmaanfall, Unterzuckerung) 8 20,5 1 2,6 24 61,6 6 15,4 Unterstützung bei der Nutzung von Hilfsmitteln (z. B. Alltagshilfen, orthopädische Hilfsmittel) 21 53,8 1 2,6 11 28,2 6 15,4 Förderung nach krankheits- oder therapiebedingten Fehlzeiten 8 20,5 4 10,3 20 51,2 7 17,9 Anwesenheit bei Fördereinheiten durch therapeutische Fachkräfte 3 7,7 26 66,7 8 20,6 2 5,1 Einzelbetreuung des Kindes im gesamten Alltag 12 30,8 7 17,9 18 46,1 2 5,1 Tab. 2: Förderung und Unterstützung von Kindern mit besonderen Bedarfen aus der Sicht von Leitungskräften, in deren Einrichtungen chronisch kranke Kinder betreut werden (N =39). 157 FI 3 / 2015 Chronisch kranke Kinder in Kindertageseinrichtungen häufigsten mit Partnern aus den Therapieberufen statt (s. Tab. 3). Laut Einschätzung der Leitungskräfte kontaktieren die Einrichtungen wöchentlich bis monatlich die Frühförderung (76,9 %), Logopäden (58,9 %) und Ergotherapeuten (43,6 %). Dagegen nehmen die meisten Kindertageseinrichtungen selten bis nie Kontakt mit Kooperationspartnern aus dem medizinischen Bereich auf, beispielsweise mit Fachärzten (71,8 %), Sozialpädiatrischen Zentren (89,7 %) oder dem Kinder- und Jugendgesundheitsdienst (69,2 %). In Bezug auf fast alle abgefragten Kooperationspartner gibt deutlich mehr als die Hälfte der Leitungskräfte an, dass die Kontaktaufnahme zum Zweck des fachlichen Austausches erfolgt (s. Tab. 4). Allerdings sieht etwa ein Viertel bis ein Drittel der Leiter/ innen bei den einzelnen Kooperationspartnern auch die Vermittlung als Ziel des Kontaktes an. Seltener werden die Kooperationspartner kontaktiert, um ein gemeinsames Angebot zu besprechen, hier am häufigsten mit den Logopäden (28,2 %). Leiter/ innen, in deren Einrichtungen chronisch kranke Kinder betreut werden, unterscheiden sich in ihren Angaben zur Netzwerkarbeit nicht signifikant von anderen Leitungskräften (t (2,103) = 3,49; p ≤ 0,73). Einstellungen und Kompetenzerleben. Leitungs- und Fachkräfte, die chronisch kranke Kinder betreuen, stimmen mehrheitlich der Häufigkeit der Kontaktaufnahme in den letzten Monaten täglich wöchentlich bis monatlich seltener bis nie nicht bekannt N % N % N % N % Frühförderung 0 0 30 76,9 7 17,9 2 5,1 Logopäden 2 5,1 23 58,9 13 33,3 1 2,6 Ergotherapeuten 1 2,6 17 43,6 19 48,7 2 5,1 Physiotherapeuten 1 2,6 7 17,9 29 74,4 2 5,1 Ärzte (Pädiater, Fachärzte) 0 0 9 23,0 28 71,8 2 5,1 Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) 0 0 2 5,1 35 89,7 2 5,1 Kinder- und Jugendgesundheitsdienst 0 0 11 28,2 27 69,2 1 2,6 Tab. 3: Häufigkeit der Kontaktaufnahme zu Kooperationspartnern von Kindertageseinrichtungen laut Auskunft von Leitungskräften, in deren Einrichtungen chronisch kranke Kinder betreut werden (N =39). Zweck der Kontaktaufnahme in den letzten 3 Monaten Austausch Vermittlung gemeinsames Angebot N % N % N % Frühförderung 32 82,1 10 25,6 8 20,5 Logopäden 29 74,4 10 25,6 11 28,2 Ergotherapeuten 26 66,7 9 23,1 7 17,9 Physiotherapeuten 18 46,2 5 12,8 4 10,3 Ärzte (Pädiater, Fachärzte) 28 71,8 11 28,2 0 0,0 Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) 18 46,2 12 30,8 1 2,6 Kinder- und Jugendgesundheitsdienst 24 61,5 13 33,3 8 20,5 Tab. 4: Zweck der Kontaktaufnahme zu Kooperationspartnern von Kindertageseinrichtungen laut Auskunft von Leitungskräften, in deren Einrichtungen chronisch kranke Kinder betreut werden (N =39; Mehrfachnennungen möglich). 158 FI 3 / 2015 Silvia Wiedebusch et al. Aussage zu, dass sie bereit sind, sich auf den medizinischen Versorgungsbedarf dieser Kinder einzustellen (s. Abb. 1); am deutlichsten ausgeprägt ist diese Zustimmung bei den heilpädagogischen Fachkräften mit 94,9 % („stimme voll und ganz zu“/ „stimme zu“). Beim Ausmaß der Zustimmung gibt es keine signifikanten Unterschiede zwischen Leitungskräften, die in ihren Einrichtungen betroffene Kinder betreuen, und solchen, die 6 5 4 3 2 1 Leitungen (N =39) frühpädagogische Fachkräfte (N =190) heilpädagogische Fachkräfte (N =39) MW =5,1 sd =0,8 MW =5,0 sd =1,0 MW =5,7 sd =0,6 Abb. 1: Bereitschaft zur Betreuung chronisch kranker Kinder von Leitungs- und Fachkräften, die betroffene Kinder betreuen (Skalenrange: 1 „stimme gar nicht zu“ bis 6 „stimme voll und ganz zu“). 6 5 4 3 2 1 frühpädagogische Fachkräfte (N =190) heilpädagogische Fachkräfte (N =39) MW =3,9 sd =1,3 MW =5,1 sd =0,9 Abb. 2: Sicherheitserleben im Hinblick auf die Betreuung chronisch kranker Kinder bei Fachkräften, die betroffene Kinder betreuen (Skalenrange: 1 „stimme gar nicht zu“ bis 6 „stimme voll und ganz zu“). 159 FI 3 / 2015 Chronisch kranke Kinder in Kindertageseinrichtungen dies nicht tun (t (2,112) = 0,45; p ≤ 0,65). Dagegen ist die Bereitschaft, sich auf den Versorgungsbedarf einzustellen, bei Fachkräften, die zur Zeit chronisch kranke Kinder betreuen, signifikant höher als die Bereitschaft anderer Fachkräfte (t (2,1009) = 4,08; p ≤ 0,001). Des Weiteren ist die Zustimmung bei heilpädagogischen Fachkräften, die betroffene Kinder begleiten, stärker ausgeprägt als bei frühpädagogischen Fachkräften (t (2,224) = 6,07; p ≤ 0,001; s. Abb. 1). Fachkräfte mit einer heilpädagogischen Ausbildung fühlen sich in der Betreuung chronisch kranker Kinder signifikant sicherer als Fachkräfte mit einer frühpädagogischen Ausbildung (t (2,216) = 6,12; p ≤ 0,001; s. Abb. 2). Insgesamt 74,4% der heilpädagogischen Fachkräfte stimmen der Aussage zu („stimme voll und ganz zu“/ „stimme zu“), dass sie sich sicher im Umgang mit den medizinischen Bedürfnissen der Kinder fühlen, während dies nur für 35,3 % der frühpädagogischen Fachkräfte zutrifft. Fachkräfte, die zur Zeit chronisch kranke Kinder betreuen, fühlen sich signifikant sicherer im Umgang mit den medizinischen Versorgungsbedarfen dieser Kinder als andere Fachkräfte (t (2,978) = 5,34; p ≤ 0,001). Außerdem korreliert das Kompetenzerleben der Fachkräfte mit ihrer Bereitschaft, chronisch kranke Kinder zu betreuen (r = 0.33; p ≤ 0,001). Diskussion In Deutschland liegen keine empirischen Daten zur Anzahl chronisch kranker Kinder in Tageseinrichtungen vor. Die Gesamtzahl kann aufgrund epidemiologischer Daten lediglich geschätzt werden; demnach wäre laut aktueller Prävalenzzahlen zu erwarten, dass bis zu 9 % aller nullbis zweijährigen und bis zu 14 % aller dreibis sechsjährigen Kinder, die Tageseinrichtungen besuchen, ein chronisches Gesundheitsproblem aufweisen (vgl. KiGGS-Welle 1; Neuhauser et al. 2014). In der vorliegenden Studie gibt jedoch nur etwa ein Drittel der befragten Leitungskräfte niedersächsischer Einrichtungen an, zum Erhebungszeitpunkt chronisch kranke Kinder zu betreuen; die Anzahl liegt hier im Durchschnitt bei zwei bis drei betroffenen Kindern pro Einrichtung. Hierbei ist das Spektrum der angegebenen Krankheitsbilder breit und umfasst auch seltenere Erkrankungen. Am häufigsten werden jedoch, wie aufgrund der epidemiologischen Daten zu erwarten ist, Kinder mit atopischen Erkrankungen betreut. Insgesamt bleibt das Aufkommen chronisch kranker Kinder mit einem Anteil von 1,1 % an allen in den befragten Einrichtungen betreuten Kindern jedoch deutlich hinter dem erwarteten Anteil zurück. Dies kann zum Teil dadurch erklärt werden, dass es sich sowohl bei den in der KiGGS-Studie erhobenen Prävalenzdaten als auch bei den in der vorliegenden Studie erhobenen Daten zum Tageseinrichtungsbesuch chronisch kranker Kinder um subjektive Einschätzungen von Eltern beziehungsweise Leiter/ innen handelt, die voneinander und von objektiven Befunden abweichen können. So ist zu vermuten, dass Kinder mit leichter verlaufenden Erkrankungen, die keinen regelmäßigen Behandlungsbedarf haben, in Kindertageseinrichtungen nicht als chronisch kranke Kinder erlebt werden. Die Diskrepanz zwischen den erwarteten und erhobenen Angaben ist jedoch so gravierend, dass kritisch hinterfragt werden muss, ob Kinder mit chronischen Erkrankungen und damit auch ihre potenziellen Unterstützungs- und Förderbedarfe in Tageseinrichtungen aufmerksam und differenziert genug wahrgenommen werden. Dies geht einher mit der Frage, ob die betroffenen Kinder eine ausreichende Unterstützung bei der Therapie- und Krankheitsbewältigung erhalten. Die Thematik chronischer Erkrankungen des Kindesalters und die Entwicklungsförderung der betroffenen Kinder scheinen 160 FI 3 / 2015 Silvia Wiedebusch et al. insgesamt in frühpädagogischen Kontexten unterrepräsentiert zu sein. Beispielsweise wird in pädagogischen Konzeptionen von Kindertageseinrichtungen nur selten auf die Betreuung chronisch kranker Kinder eingegangen (vgl. Wiedebusch et al. 2015 b). Auch in der aktuellen Inklusionsdebatte finden Kinder mit chronischen Erkrankungen im Vergleich zu Kindern mit anderen Beeinträchtigungen kaum Erwähnung (Lohmann et al. 2014). Nationale wie internationale Studien zur Inklusion dieser Kinder in Tageseinrichtungen fehlen. Kindertageseinrichtungen, die chronisch kranke Kinder betreuen, erbringen den vorliegenden Resultaten zufolge signifikant häufiger spezifische Förder- und Unterstützungsleistungen als Einrichtungen, die keine betroffenen Kinder betreuen. Dies betrifft vor allem tägliche Leistungen, wie beispielsweise die Unterstützung bei der Durchführung von Therapien, der Einhaltung von Verhaltensregeln oder der Nutzung von Hilfsmitteln. Bei chronisch-episodisch verlaufenden Erkrankungen kann es darüber hinaus immer wieder zu krisenhaften Zuspitzungen kommen, die ein kompetentes Notfallmanagement erfordern (Noeker/ Petermann 2013). Die Mehrheit der befragten Einrichtungen kommt zwar selten oder nie in die Situation, Hilfe in Krisen- und Notfallsituationen leisten zu müssen, bei einem Fünftel der Einrichtungen trifft dies jedoch häufig zu. Die Tagesbetreuung chronisch kranker Kinder scheint somit ein grundlegendes Krankheitswissen, therapeutische Fertigkeiten sowie eine hohe Sensitivität in Bezug auf kritische Situationen bei den Fachkräften vorauszusetzen und insgesamt mit einem höheren Betreuungsaufwand einherzugehen (vgl. Wiedebusch et al. 2015 a). Ob die hierfür notwendigen personellen Ressourcen in den Einrichtungen zur Verfügung stehen, wird von frühpädagogischen Fachkräften bezweifelt. So waren beispielsweise bei einer Befragung von Erzieherinnen, die ein Kind mit Typ 1 Diabetes betreuten, über 40 % der Meinung, dass die zeitlichen Ressourcen in ihrer Einrichtung hierfür nicht ausreichend seien (Wiedebusch et al. 2014). Eine qualitativ hochwertige inklusive Betreuung chronisch kranker Kinder erfordert somit, wie bei Kindern mit anderen Beeinträchtigungen auch, angemessene organisationale Rahmenbedingungen. Tageseinrichtungen, die Kinder mit besonderen Bedarfen betreuen, kooperieren mit Netzwerkpartnern im Gesundheitswesen, um eine umfassende Förderung realisieren zu können (Wiedebusch 2013, Hensen et al. 2015). Bei der Beschreibung von Kompetenzprofilen für pädagogische Fachkräfte in inklusiven Kindertageseinrichtungen wird übereinstimmend eine Kooperationskompetenz, die eine interprofessionelle und -institutionelle Zusammenarbeit ermöglichen soll, als zentrale fachliche Qualifikation herausgestellt (Albers 2010, Sulzer/ Wagner 2014). Daher wurden in der vorliegenden Studie Netzwerkkontakte von Tageseinrichtungen, die chronisch kranke Kinder betreuen, erfasst. Es zeigt sich, dass Kindertageseinrichtungen am häufigsten mit Fachkräften aus therapeutischen Berufen und Frühfördereinrichtungen mit dem Ziel des fachlichen Austausches kooperieren. Dagegen erfolgt vergleichsweise selten eine Kontaktaufnahme zu medizinischen Versorgungseinrichtungen, die gerade bei chronisch kranken Kindern in die Betreuung involviert sind. Tageseinrichtungen, die betroffene Kinder betreuen, nehmen nicht häufiger Kontakt zu Kooperationspartnern auf als andere Einrichtungen. Ob dieses Resultat darauf zurückzuführen ist, dass bei chronisch kranken Kindern kein höherer Bedarf an kooperativen Absprachen besteht oder darauf, dass es den Fachkräften an der geforderten Kooperationskompetenz mangelt, kann auf Grundlage der vorliegenden Daten nicht geklärt werden. 161 FI 3 / 2015 Chronisch kranke Kinder in Kindertageseinrichtungen Die Befragten äußern mehrheitlich die Bereitschaft, sich auf die Betreuung chronisch kranker Kinder einzustellen. Dieses Resultat stimmt überein mit Befunden, die eine generell positive Einstellung frühpädagogischer Fachkräfte zur Inklusion von Kindern mit Beeinträchtigungen bestätigen (Rafferty/ Griffin 2005, Seitz/ Korff 2009). Die Bereitschaft, auf die medizinischen Versorgungsbedarfe einzugehen, sowie die Sicherheit bei der therapeutischen Unterstützung dieser Kinder sind bei Fachkräften mit einer heilpädagogischen Ausbildung und bei Fachkräften, die aktuell betroffene Kinder betreuen, signifikant stärker ausgeprägt. Somit scheinen sowohl die Vorbereitung auf Kinder mit chronischen Erkrankungen während der Berufsausbildung als auch spätere Betreuungserfahrungen prägend für die Einstellung der Fachkräfte zu sein. Ein vergleichbares Ergebnis berichten Engstrand und Roll-Pettersson (2014), in deren Studie pädagogische Fachkräfte, die über sonderpädagogisches Fachwissen verfügten, positivere Einstellungen gegenüber einer inklusiven Betreuung vertraten. Es ist zu vermuten, dass Unsicherheit im Umgang mit erkrankten Kindern ebenfalls auf einem mangelnden Krankheits- und Therapiewissen beruht. Mangelndes Wissen pädagogischer Fachkräfte im Hinblick auf die Bedürfnisse von Kindern mit Beeinträchtigungen scheint generell ein zentraler Faktor zu sein, der die Bereitschaft, diese Kinder inklusiv zu betreuen, einschränkt (Rafferty/ Griffin 2005). In Bezug auf den Umgang mit chronisch kranken Kindern könnten hier gezielte Schulungsangebote die Bereitschaft zur Betreuung dieser Kinder erhöhen sowie das Kompetenzerleben der Fachkräfte verbessern. Mehrere Evaluationsstudien zeigen, dass die Teilnahme frühpädagogischer Fachkräfte an Fort- und Weiterbildungen die Einstellung zur inklusiven Betreuung von Kindern mit Beeinträchtigungen verbessert und das eigene Kompetenzerleben stärkt (Mulvihill et al. 2002, Baker-Ericzén et al. 2009, Secer 2010). Studienlimitationen. An der Erhebung beteiligte sich die Mehrheit der angefragten Kindertageseinrichtungen (58,0 %). Die demografischen Merkmale (Einrichtungsgröße, städtische oder ländliche Lage) der 95 Einrichtungen, die nicht teilnahmen, lassen zwar nicht auf systematische Verzerrungen bei der Stichprobenauswahl schließen, dennoch kann nicht ausgeschlossen werden, dass ein Ergebnisbias vorliegt. Dieser könnte beispielsweise darin begründet sein, dass integrative Einrichtungen, die über umfangreichere Erfahrungen in der Betreuung von Kindern mit Beeinträchtigungen verfügen und eine andere Teamzusammensetzung aufweisen als Regeleinrichtungen, bei den teilnehmenden Einrichtungen leicht überrepräsentiert waren. Ferner beruhen die Angaben zum Auf kommen chronisch kranker Kinder in den teilnehmenden Einrichtungen nicht auf objektiven Daten, sondern auf subjektiven Einschätzungen der Leitungskräfte. Hier konnte nicht überprüft werden, ob alle Befragten Kinder mit chronischen Erkrankungen korrekt identifizierten. Insgesamt bleibt festzuhalten, dass die Fragebogenerhebung in einer begrenzten niedersächsischen Region durchgeführt wurde; um die Repräsentativität der Ergebnisse zur Betreuung chronisch kranker Kinder zu bestätigen, bedarf es einer überregionalen Folgestudie. Prof. Dr. phil. Silvia Wiedebusch Prof. Dr. phil. Dr. rer. medic. Gregor Hensen Dr. phil. Anne Lohmann Forschungsschwerpunkt „Inklusive Bildung“ Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften Hochschule Osnabrück Caprivistr. 30 a 49074 Osnabrück Kontakt: s.wiedebusch@hs-osnabrueck.de 162 FI 3 / 2015 Silvia Wiedebusch et al. Literatur Albers, T. (2010): Inklusion in der frühen Kindertagesbetreuung. Anforderungen an eine inklusive Frühpädagogik. Frühe Kindheit, 2, 24 -28 Baker-Ericzén, M. J., Mueggenborg, M. G., Shea, M. M. 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