Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2016.art05d
1_035_2016_1/1_035_2016_1.pdf11
2016
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Stichwort: Kinderarmut
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2016
Hans Weiß
Erst seit den 1990er Jahren ist Kinderarmut in Deutschland stärker in den Blick von Politik, Öffentlichkeit und (Sozial-)Wissenschaften gerückt. Exemplarisch hierfür ist die bundesweite AWO-ISS-Studie, die Kinder in Armutslagen vom Vorschulalter bis zum Ende der Grundschulzeit in ihrer Entwicklung erfasste (Holz et al. 2006). Orientiert an der Kindheits- und der Resilienzforschung, richtet sich das Interesse der noch jungen Kinderarmutsforschung im deutschen Sprachraum nicht nur auf die objektiven Folgen von Armut für Kinder, sondern auch auf die subjektiven Strategien der Bewältigung ihrer Situation. Dadurch hat sich – vor dem Hintergrund einer nicht mehr zu übersehenden Zahl von Kindern in Armutslagen (auch in der Frühförderung) – „Kinderarmut“ als eigenständiger Begriff etabliert.[...]
1_035_2016_1_0005
53 Frühförderung interdisziplinär, 35.-Jg., S.-53 - 56 (2016) DOI 10.2378/ fi2016.art05d © Ernst Reinhardt Verlag STICHWOR T Kinderarmut Hans Weiß Erst seit den 1990er Jahren ist Kinderarmut in Deutschland stärker in den Blick von Politik, Öffentlichkeit und (Sozial-)Wissenschaften gerückt. Exemplarisch hierfür ist die bundesweite AWO- ISS-Studie, die Kinder in Armutslagen vom Vorschulalter bis zum Ende der Grundschulzeit in ihrer Entwicklung erfasste (Holz et al. 2006). Orientiert an der Kindheits- und der Resilienzforschung, richtet sich das Interesse der noch jungen Kinderarmutsforschung im deutschen Sprachraum nicht nur auf die objektiven Folgen von Armut für Kinder, sondern auch auf die subjektiven Strategien der Bewältigung ihrer Situation. Dadurch hat sich - vor dem Hintergrund einer nicht mehr zu übersehenden Zahl von Kindern in Armutslagen (auch in der Frühförderung) - „Kinderarmut“ als eigenständiger Begriff etabliert. Gleichwohl muss die Klärung des Begriffs Kinderarmut beim Grundwort Armut ansetzen. Absolute oder extreme Armut (bis hin zur Bedrohung der leiblichen Existenz) liegt vor, wenn eine Person höchstens über 1,25 Dollar täglich verfügt. Dieses von der Weltbank festgelegte durchaus umstrittene Einkommenskriterium trifft auf Menschen in westlichen Industriestaaten im Allgemeinen nicht zu. Daher geht man in diesen Staaten vom Konzept der relativen Armut aus, indem man das verfügbare Nettoeinkommen eines Haushaltes mit dem Nettoeinkommen der in ihrer Größe und Zusammensetzung gleichen Haushalte in Bezug setzt (als haushaltsgewichtetes Nettoäquivalenzeinkommen bezeichnet). Innerhalb der Europäischen Union gilt jemand als (einkommens-) arm, dessen haushaltsgewichtetes Nettoäquivalenzeinkommen entweder 60 % (milde Armut bzw. Armutsgefährdung) oder 40 % (strenge Armut) des entsprechenden Durchschnittseinkommens vergleichbarer Haushalte nicht überschreitet. Auch die 50-Prozent-Grenze wird verwendet. Als weiteres Kriterium für Einkommensarmut gelten sozialstaatliche Mindestsicherungsleistungen, in Deutschland insbesondere Arbeitslosengeld II/ Sozialgeld („Grundsicherung für Arbeitssuchende“), als „Hartz IV“ bekannt, oder „Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung“ (SGB II), Sozialhilfe genannt (Hock et al. 2014, 13). Man spricht hier auch von administrativer Armut. Armut nur als Einkommensarmut wäre aber im Hinblick auf die Lebenssituation von Menschen zu eng gefasst. Ein solcher eindimensionaler Armutsbegriff berücksichtigt nicht, wie sich Armut auf Personen, speziell auch Kinder, in den verschiedenen Lebensbereichen wie Wohnen, Essen, Freizeitmöglichkeiten usw. auswirkt, wie sie dies erleben und damit umgehen. Daher bezieht ein mehrdimensionales Lebenslagekonzept diese Bereiche mit ein. (Kinder-)Armut wird dann verstanden als materielle Unterversorgung, die zu gravierenden Einschränkungen von individuellen Handlungsspielräumen und Entfaltungsmöglichkeiten in zentralen Lebensbereichen wie Arbeit, Versorgung, Bildung, Kontakte und Beziehungen, Erholung, Förderung individueller Neigungen und Fähigkeiten usw. führt. Unter Bezug auf das „Konzept der Verwirklichungschancen“ nach Amartya Sen lässt sich Armut auch als „Mangel an Verwirklichungschancen“ (BMAS 2013, 436) verstehen. Ein solch weites Armutsverständnis ist gerade auch für die Einfassung dessen, was Kinderarmut für die Betroffenen bedeutet, gut geeignet. 54 FI 1/ 2016 Stichwort Im Verlauf der letzten zwei, drei Jahrzehnte zeigen sich konsistente Trends in der Entwicklung und Verteilung von (Einkommens-)Armut in Deutschland. Armutslagen haben sich - bei einem zunehmenden Auseinanderdriften von Arm und Reich - tendenziell ausgeweitet und verfestigt (Groh-Samberg 2014). Die Kinderarmutsquote (bezogen auf die 60-Prozent-Armutsgefährdungsschwelle) liegt seit vielen Jahren auf einem hohen Niveau von ca. 15 bis 20 % und damit über der Armutsquote der Gesamtbevölkerung. Ein-Eltern-Familien und Familien mit drei und mehr Kindern sind ebenso wie Migrantenfamilien besonders armutsgefährdet. Neben der Familienform spielt für Kinderarmut eine geringe Erwerbsbeteiligung der Eltern bis hin zur Erwerbslosigkeit eine Rolle (Hock et al. 2014, 18). Die Zusammenhänge von Kinderarmut und Entwicklungsgefährdungen sind vielfältig. Kinderarmut bedingt Risiken für die Entwicklung, die eintreten können, jedoch nicht müssen. Einige zentrale Erkenntnisse seien genannt: n Komplexe Armut, die nicht „nur“ das Einkommen, sondern verschiedene zentrale Lebensbereiche wie Wohnen, Ernährung, Gesundheit oder die familiären Sozialisationsbedingungen betrifft, führt bei den Kindern oftmals zu einer multiplen Deprivation mit entsprechenden psychosozialen Risiken. So wiesen in der AWO- ISS-Studie 36,1 % der armen Vorschulkinder multiple Deprivationserscheinungen auf (Holz 2006, 7). n Frühe und lang andauernde Armut stellt einen besonders hohen Risikofaktor dar: „Je früher, je schutzloser und je länger Kinder einer Armutssituation ausgesetzt sind, […] umso geringer wird die Möglichkeit, individuell die eigentlichen Potenziale herauszubilden und Zukunftschancen zu bewahren“ (Holz 2006, 7). n Auch in deutschen (Groß-)Städten zeigen sich Tendenzen der sozialen Entmischung. Dadurch werden Familien in Armutslagen oftmals sozial segregiert und leben mit ihren Kindern in wenig anregungsreichen Stadtteilen mit einer schlechteren Infrastruktur, z. B. weniger gut ausgestatteten Kindertagesstätten. n Armut, besonders in der Kumulation ökonomischer, sozialer und psychischer Belastungen, ist ein Nährboden für Kindesvernachlässigung, vor allem dann, wenn Eltern als Kinder eigene Vernachlässigungserfahrungen gemacht haben. n Bei Kindern mit einem niedrigen Sozialstatus treten häufiger biologische Risiken, wie Frühgeburtlichkeit und niedriges Geburtsgewicht, prä-, peri- und postnatale Komplikationen, Fehlernährung und ein belasteter gesundheitlicher Status, auf als bei Kindern aus besser gestellten Familien (Lampert/ Richter 2010, Altgeld/ Hofrichter 2000). Bei den Einschulungsuntersuchungen in Brandenburg wiesen „Kinder aus sozial benachteiligten Familien […] dreimal häufiger frühförderrelevante Befunde auf als Kinder aus Familien mit mittlerem oder hohem Sozialstatus“ (MASGF 2007, 58). n Deprivierende, stressreiche Umweltbedingungen haben problematische Einflüsse auf die Entwicklung des neurobiologischen Systems, insbesondere auf den präfrontalen Cortex, die Sprachregionen der linken Hirnhälfte, die Amygdala und den Hippocampus - mit Auswirkungen auf die exekutiven Funktionen (Planung der Handlungsabläufe, willentliche Aufmerksamkeitsfokussierung, soziale und emotionale Selbstregulierung), die sprachliche Entwicklung und das Gedächtnis (vgl. z. B. Noble et al. 2012). Je länger ein Kind in einer deprivierenden familiären Umgebung aufwächst, ohne dass sich diese Bedingungen, z. B. durch 55 FI 1/ 2016 Stichwort Hilfen für die Familie, verbessern, desto negativer sind häufig diese neurologischen Auswirkungen (ebd.). Eltern kommt innerhalb des Zusammenhangs von Armut und Entwicklungsgefährdung eine moderierende Funktion zu. Viele versuchen, Belastungen von ihren Kindern fernzuhalten, z. B. durch eigenen Verzicht ihre Kinder hinreichend zu versorgen (BMAS 2013, 74). Aber es gelingt ihnen mit zunehmender Dauer der Armut - gefangen in ihren Alltagsproblemen und Konflikten, bedrängt von existenzieller Unsicherheit, belastet mit Dauererfahrungen unzureichender Anerkennung - oft immer weniger. Das Vermögen, sich auf Kinder einzulassen, ihre Grundbedürfnisse zu erkennen und halbwegs angemessen darauf einzugehen, sinkt mit dem Zunehmen wachsender „sozialer Erschöpfung“ (Lutz 2014), unter der Eltern in chronischen und komplexen Armutslagen oftmals leiden. Diese facettenreichen Zusammenhänge erklären, dass nicht nur Lern- und Verhaltensprobleme bis hin zu Schulversagen und Lernbehinderung bei armutsbedingter Deprivation überrepräsentiert auftreten, sondern auch, wenngleich in geringerem Ausmaß, körperliche, geistige und sinnesspezifische Behinderungen (BMFSFJ 2002, 222). Der Stellenwert der Frühförderung im Kontext der Kinderarmut ist differenziert zu sehen. Es kann nicht deutlich genug betont werden, dass den gesellschaftlich-strukturellen Prozessen der Entstehung und Verfestigung von (Kinder-)Armut primär politisch auf verschiedenen Ebenen entgegengewirkt werden muss (z. B. kommunalpolitisch durch Maßnahmen gegen soziale Segregation und durch die Herstellung angemessener Bedingungen in der Infrastruktur bei Kindertagesstätten in benachteiligten Stadtteilen). Bei allen Kindern in Armut gleichsam von vornherein von individuellen Problemen auszugehen und diese auf der individuell-pädagogischen und -therapeutischen Ebene anzugehen, hieße ihre Situation unangemessen zu „pädagogisieren“ und zu „therapeutisieren“, letztlich zu „pathologisieren“ - mit entsprechenden problematischen Nebenwirkungen. Gleichwohl darf nicht übersehen werden, dass mit Kinderarmut erhöhte Entwicklungsrisiken für betroffene Kinder verbunden sind. Für sie ist daher dringend notwendig, systematische Präventionsketten im Sozialraum mit niedrigschwelligen entwicklungsanregenden Angeboten im Früh-, Elementarbereich und Schulbereich sowie eine vernetzte, zielgruppenadäquate und lebensphasenorientierte Unterstützung ihrer Familien aufzubauen. Anregende Beispiele hierfür gibt es, so in Dormagen (NRW). Neben den Frühen Hilfen muss die Interdisziplinäre Frühförderung in diesen Präventionsketten einen festen Platz haben, denn die Arbeit mit entwicklungsgefährdeten Kindern und ihren Familien im Kontext von Armut gehört zu den Kernaufgaben der Frühförderung. Literatur Altgeld, T., Hofrichter, P. (Hrsg.) (2000): Reiches Land - kranke Kinder? Mabuse, Frankfurt a. M. BMAS (Hrsg.) (2013): Lebenslagen in Deutschland. Der 4. Armuts- und Reichtumsbericht in der Bundesrepublik, Bonn BMFSFJ (Hrsg.) (2002): Elfter Kinder- und Jugendbericht, Bonn Groh-Samberg, O. (2014): Die Verfestigung der Armut. In: Frech, S., Groh-Samberg, O. (Hrsg.): Armut in Wohlstandsgesellschaften. Schwalbach/ Ts. Wochenschau Verlag, 155 -171 Hock, B., Holz, G., Kopplow, M. (2014): Kinder in Armutslagen. Grundlagen für armutssensibles Handeln in der Kindertagesbetreuung. Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte, WiFF Expertisen. Bd. 38. München Holz, G. (2006): Lebenslagen und Chancen von Kindern in Deutschland: Aus Politik und Zeitgeschichte 56, 26, 3 -11 Holz, G., Richter, A., Wüstendörfer, W., Giering, D. (2006): Zukunftschancen für Kinder! ? - Wirkung von 56 FI 1/ 2016 Stichwort Armut bis zum Ende der Grundschulzeit. Zusammenfassung des Endberichts der 3. Phase der AWO-ISS- Studie In: www.familienhandbuch.de/ cms/ Kindheitsforschung_Zukunftschancen.pdf, 4. 1. 2008 Lampert, T., Richter, M. (2010): Armut bei Kindern und Gesundheitsfolgen. In: Holz, G., Richter-Kornweitz, A. (Hrsg.): Kinderarmut und ihre Folgen. München/ Basel, Ernst Reinhardt, 55 - 65 Lutz, R. (2014): Soziale Erschöpfung. Beltz, Weinheim MASGF Brandenburg (2007): Wir lassen kein Kind zurück. Potsdam Noble, K. G., Houston, S. M., Kan, E., Sowell, E. R. (2012): Neural correlates of socioeconomic status in developing human brain. Developmental Science, 15, 516-527, http: / / dx.doi.org/ 10.1111/ j.1467-7687.2012. 01147.x
