Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2016.art10d
1_035_2016_2/1_035_2016_2.pdf41
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Originalarbeit: Verstrickungen in der gemeinsamen Arbeit mit psychisch verletzlichen Eltern
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Manfred Pretis
Im Zusammenhang mit beobachteten Einjahresprävalenzen bei Erwachsenen von nahezu 33 % in Richtung krankheitswertiger psychiatrischer Symptome erscheint es nicht verwunderlich, dass auch in der Frühförderung Kinder psychisch verletzlicher Eltern betreut werden. Aufgrund der Zunahme der Sensibilität (in den letzten Jahren ist ein deutlicher Anstieg von entsprechenden Projekten im deutschen Sprachraum zu beobachten) und neuer Morbiditäten sehen sich somit auch Frühförderdienste verstärkt mit dieser Herausforderung konfrontiert. Familienorientierte Arbeit im Kontext psychisch verletzlicher Eltern erfordert jedoch auch Wissen über die Dynamiken psychischer Erkrankung und deren Auswirkungen auf Kleinkinder. Mögliche professionelle Verstrickungen und Lösungsansätze werden dabei in der vorliegenden Arbeit diskutiert.
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91 Frühförderung interdisziplinär, 35.-Jg., S.-91 - 99 (2016) DOI 10.2378/ fi2016.art10d © Ernst Reinhardt Verlag ORIGINALARBEIT Verstrickungen in der gemeinsamen Arbeit mit psychisch verletzlichen Eltern Manfred Pretis Zusammenfassung: Im Zusammenhang mit beobachteten Einjahresprävalenzen bei Erwachsenen von nahezu 33 % in Richtung krankheitswertiger psychiatrischer Symptome erscheint es nicht verwunderlich, dass auch in der Frühförderung Kinder psychisch verletzlicher Eltern betreut werden. Aufgrund der Zunahme der Sensibilität (in den letzten Jahren ist ein deutlicher Anstieg von entsprechenden Projekten im deutschen Sprachraum zu beobachten) und neuer Morbiditäten sehen sich somit auch Frühförderdienste verstärkt mit dieser Herausforderung konfrontiert. Familienorientierte Arbeit im Kontext psychisch verletzlicher Eltern erfordert jedoch auch Wissen über die Dynamiken psychischer Erkrankung und deren Auswirkungen auf Kleinkinder. Mögliche professionelle Verstrickungen und Lösungsansätze werden dabei in der vorliegenden Arbeit diskutiert. Schlüsselwörter: Frühförderung, psychische Erkrankung, Verstrickung On entanglements arising in the process of working with mentally vulnerable parents Summary: Due to prevalence rates (within one year) about 33 % of psychiatric symptoms in adults early childhood intervention centres also deliver services to children in the context of mentally vulnerable parents. Increased sensitivity concerning the topic (see the number of projects in the German speaking area) and new “morbidities” lead to higher number of children in services. However family oriented approaches in the context of mentally vulnerable parents require specific knowledge about the dynamics of mental disorders and about the impact on toddlers. The paper focuses on observable problems concerning the cooperation with parents and discusses possible exit strategies for professionals. Keywords: Early childhood intervention, mental disorder, cooperation problems L ängsschnittstudien verweisen darauf, dass die psychische Gesundheit oder Krankheit der primären Bindungspersonen, d. h. vornehmlich von Müttern, für ein Kind als einer der wichtigsten psychosozialen Risikofaktoren für die Entwicklung anzusehen ist (Laucht et al. 2000, Laucht 2009). Hosman et al. (2009) beschreiben dabei ein erhöhtes Risiko der Kinder, an derselben Störung zu erkranken wie die Eltern. Das Risiko im Kontext psychisch verletzlicher Eltern eine eigene psychische Störung zu entwickeln, beträgt dabei zwischen 41 - 71 % (Hosman et al. 2009), abhängig davon, ob nur ein oder beide Elternteile erkrankt sind. Meyer et al. (2001) erhoben, dass 39 % betroffener Kinder im Kindesalter psychische Störungen entwickeln, 25 - 30 % im späteren Erwachsenenalter. In der Regel beschreiben post-hoc 68 % betroffener Kinder großteils negative und signifikante Auswirkungen des Aufwachsens mit ihren psychisch verletzlichen Eltern auf ihr Leben. Worüber reden wir? Epidemiologisch geschätzt leben bis zu 23 % aller minderjährigen Kinder mit mindestens einem Elternteil mit psychischer Erkrankung 92 FI 2/ 2016 Manfred Pretis (Maybery et al. 2009). Das bedeutet nicht, dass die gesamte Zielgruppe, die für den deutschen Sprachraum zwischen äußerst konservativ geschätzten 600.000 Kindern und maximal 3 Millionen angegeben wird, behandlungsbedürftig ist. Nur für jedes vierte Kind der oben angegebenen vulnerablen Gruppe erscheinen therapeutische Interventionen dringend notwendig (Ihle/ Esser 2002). Es ist somit kaum verwunderlich, dass eine verstärkte Hinwendung zu diesem Thema in den letzten Jahren beobachtet werden kann, was sich auch in der Anzahl neu entstandener Projekte im deutschen Sprachraum widerspiegelt (siehe die Landkarte von Projekten und Angeboten aus dem Bereich Kinder psychisch kranker Eltern unter http: / / kinder.mapcms.de). Die Auswirkungen psychischer Verletzlichkeit von Eltern auf Kleinkinder beziehen sich dabei nicht nur auf das Verhalten oder die Verhaltensregulation, sondern zeigen sich auch auf Neurotransmitterebene. Im Zusammenhang mit erlebtem Stress durch möglicherweise stark wechselnde Bindungserfahrungen lassen sich bei Kindern, vor allem im Kontext von Eltern mit Persönlichkeitsstörungen, höhere Cortisolspiegel und geringere Serotoninspiegel beobachten, Babys werden auch physiologisch als unreifer beschrieben (Abrams 1995, Jones 1998). Auch in frühkindlichen EEGs betroffener Kinder sind Asymmetrien zu beobachten, da durch erscheinen Neugeborene irritabel und weniger robust. Auch im Fallausschnitt von Elisabeth Ude (2016, in diesem Heft), die Einblicke in die Arbeit mit Julian und dessen Mutter gibt, wird auf der Interaktionsebene deutlich, wie die Symptome des Kindes mit der depressiven Verstimmung der Mutter korrelierten. Noch dazu war sich die Mutter - wie häufig bei depressiven Erkrankungen - dessen bewusst, was ihre Schuldgefühle nochmals verstärkte. Solantus (2012) beschreibt dabeitransgenerationale Teufelskreise, wobei dies auf eine Interaktion zwischen bestehendem genetischen Risiko und mangelnden erzieherischen Kompetenzen der Eltern zurückgeführt werden kann und sich psychische Verletzlichkeit von einer Generation in die andere Generation weiter zu „vererben“ scheint. Dies ist eine Erfahrung, die viele Fachkräfte in der Frühförderung selbst schildern, dass z. B. auch bei Großeltern oder im erweiterten Familiensystem psychisch verletzlicher Eltern kaum Ressourcen zu beobachten sind. Im extremen Risikobereich, d. h. bei jenen Kindern, in denen z. B. Jugendämter in Bezug auf die Frage der Gefährdung des Kindeswohles besorgt sind, zeigt sich, dass mehr als 90 % dieser Kinder, die bei spezifischen Diensten vorstellig werden, entwicklungsdiagnostisch auffällig sind, d. h. im Zusammenhang mit der familiären Belastung „leiden“. Auch bei Julian, von dem Ude (in diesem Heft) berichtet, wurde die Verdachtsdiagnose „Autismus“ gestellt. Wie wirken präventive Angebote im Bereich Kinder psychisch verletzlicher Eltern? Wie im Fallausschnitt beschrieben, lassen sich häufig sensible Interaktionen zwischen elterlicher (meist mütterlicher) psychischer Verletzlichkeit und kindlichen Verhaltensweisen beobachten. Bereits sehr kleine Kinder verfügen dabei über sehr feine „Antennen“ (z. B. Innehalten beim Spielen, wenn die Mutter über ihre Sorgen spricht), die es ihnen ermöglichen, Veränderungen im Denken, Fühlen und Verhalten ihrer Eltern wahrzunehmen, auch wenn sie dies möglicherweise nicht interpretieren können und somit häufig internal (d. h. auf sich selbst oder ihr Verhalten) attribuieren. Die evidenzbasierte Literatur zur Wirkung früher präventiver Dienste bei Kindern im Alter von 0 - 3 Jahren erscheint zurzeit gering (Nicholson 2009). Ausnahmen dazu betreffen die Literatur im Bereich der Depression. Des Weiteren sind im deutschen Sprachraum vermehrt Anstrengun- 93 FI 2/ 2016 Verstrickungen in der Arbeit mit psychisch verletzlichen Eltern gen zu beobachten, evidenzbasierte (z. B. modularisierte Förderprogramme - siehe Wiegand- Grefe et al. 2013) für Schulkinder - zu implementieren. Die meisten wissenschaftlich fundierten Programme fokussieren dabei auf a) das Schaffen von Verständnis für die Situation der Familie aufseiten der Kinder und Jugendlichen b) und die Erhöhung der elterlichen Sensibilität in Richtung Wahrnehmen der Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen sowie ein Eingehen darauf oder c) die Entlastung von Kindern und Jugendlichen durch Bereitstellung nicht belasteter Umwelten. Was wirkt generell in der Prävention bei Kindern psychisch verletzlicher Eltern? Stand am Beginn der Forschung die Auseinandersetzung mit Risikofaktoren im Zentrum, so wurde in den letzten Jahren (im Sinne einer „positiven Psychologie“) ein Hauptaugenmerk auf „Resilienz“ gelegt. Das Konstrukt bzw. die Wirkweise von Resilienzprozessen unterliegt zwar einer intensiven wissenschaftlichen Auseinandersetzung (Petermann/ Schmidt 2006), dennoch lassen sich trotz aller Heterogenität des Verständnisses oder der Operationalisierung Hauptwirkfaktoren im Sinne einer puffernden Wirkung (von Resilienzprozessen) beobachten. Diese basieren im Bereich von Kindern psychisch verletzlicher Eltern n auf der Verfügbarkeit einer stabilen, kontinuierlichen Bindungsperson; n auf der Stabilität und Vorhersehbarkeit elterlicher Probleme für Kinder (in „stürmischen“ Zeiten). Chang et al. (2007) sowie Crockenberg/ Leerkes (2003) sind der Ansicht, dass durch diese beiden Faktorengruppen negative Auswirkungen mütterlicher Depression auf das Kind „gedämpft“ werden können. In Julians Fall scheint allerdings nicht einmal die Stabilität und Vorhersehbarkeit der mütterlichen Stimmungs- und Verhaltensschwankungen aufgrund der stark wechselnden Beziehungsmuster der Mutter gegeben zu sein. Weiters werden in engem Zusammenhang mit dem oben Gesagten folgende Faktoren hervorgehoben: n positive Emotionalität zum Kind und n sichere Bindung (Lee et al. 2006). Kindbezogene Resilienzprozesse fokussieren auf die eigene Planbarkeit und Selbstwirksamkeit des Kindes (Silk et al. 2006), aber auch auf kognitive und soziale Kompetenzen des Kindes wie Selbstwert, Selbstvertrauen oder relevantes Verständnis über die Erkrankung (Beardslee/ Podorefsky 1988, Hammen/ Brennan 2003). Nicht zu unterschätzen sind auch sozialraumbezogene Angebote wie der Kontakt zu nichtauffälligen Gleichaltrigen und andere Bezugswelten (z. B. Tagesmütter, Kindergarten, Schule). Dabei wird angenommen, dass protektive Faktoren diagnoseunspezifisch wirken. Neben beobachtbaren Effekten birgt die gemeinsame Arbeit mit psychisch verletzlichen Familien jedoch auch einige Risiken für die Fachkräfte in sich, da psychische Erkrankungen auch die Kommunikation zwischen Familien und unterstützenden Diensten massiv beeinflussen können. Mögliche Verstrickungen in der Arbeit mit Kindern psychisch verletzlicher Eltern Die gemeinsame Arbeit mit psychisch verletzlichen Eltern ist durch krankheitsspezifische Verstrickungsrisiken potenziell bedroht und zwar im Sinne eines drohenden Verlustes professioneller Reflexivität. Dies kann geschehen 94 FI 2/ 2016 Manfred Pretis n durch unmögliche Aufträge (Heile mein Kind, aber verändere mich nicht.); n durch die Aktivierung eigener Lebensfragen durch die Fachkraft (Wie geht es mir selbst als Fachkraft in Familien mit schwierigen „Geschichten“? ); n oder durch die Erschöpfung eigener Ressourcen (Wie viel kann oder sollte ich in Familien tun? ). Dabei zeigen sich unterschiedliche Verstrickungsszenarien, die mit den jeweiligen Diagnosen in Zusammenhang stehen können. In der Praxis erscheint es wichtig, sich vor allem über mögliche reflexive fachliche „Exit-Strategien“ bewusst zu sein, ohne dabei gleichzeitig den Kontakt zum Kind oder eine minimale Basis der Zusammenarbeit mit den Eltern zu verlieren. In weiterer Folge werden einige „Verstrickungsszenarien“ exemplarisch dargestellt: Eltern, die Systeme verstehen und nutzen (z. B. im Kontext einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung) Bei diesen den FrühförderInnen wohlbekannten Familien ist (bisweilen auch als Ressource verstanden) häufig zu beobachten, dass sie über gutes Systemwissen verfügen. Die daraus entstehende Verstrickung besteht darin, dass möglicherweise unterschiedliche HelferInnensysteme gegeneinander ausgespielt werden oder es zu polarisierenden Koalitionen kommen kann. Als mögliche Exit-Strategien für die Fachkraft erscheinen eine klare eigene Positionierung (in Bezug auf Rollenübernahmen), kurze transparente Zielformulierungen (z. B. auf einen Zeitraum von wenigen Wochen bezogen) und das Halten einer kritischen Instanz hilfreich. Eltern, die vorsichtig sind in Bezug auf Kontakte (z. B. im Kontext von Angsterkrankungen) Vor allem Eltern mit Angststörungen neigen bisweilen dazu, wenn sie mit möglichen angstauslösenden Informationen konfrontiert werden (z. B. wenn das Kind eine „Therapie oder Förderung benötigt“), den Kontakt zu Fachkräften zu vermeiden. Damit ergibt sich für die Fachkräfte insofern eine Verstrickung, als sie zwar Sorgen um die Entwicklungssituation des Kindes schildern, gleichzeitig aber selbst aufgrund eines möglichen Kontaktabbruches durch die Familien hohe Hilflosigkeit erleben. Meist besteht dabei kaum eine Indikation zur Einschaltung der Jugendämter, da die Kinder in der Regel nicht in Bezug auf ihr Kindeswohl gefährdet erscheinen. Gerade in der Arbeit mit Eltern mit Angststörungen ist somit der sehr sensible, wenig konfrontierende, langsame und zeitintensive Beziehungsaufbau in Verbindung mit viel persönlicher Geduld notwendig, um eine solche Verstrickung zu vermeiden. Eltern, die versuchen, Fachkräfte durch Hilflosigkeit „zu verführen“ (z. B. Eltern mit Lernschwäche, die Systeme als unverständlich erleben) Eltern bieten Fachkräften bisweilen Beziehungsangebote an, bei denen sich Fachkräfte geschmeichelt fühlen und sich möglicherweise als einzige Retter in komplexen Multiproblemsituationen erleben. Immer wieder ist in der täglichen Arbeit zu beobachten, wie schwer es bisweilen Fachkräften fällt, Familien auch wieder in die Selbstständigkeit zu entlassen, da Fachkräfte hypothetisch auch aus der Wichtigkeit ihrer Position in Familien soziale Anerkennung erleben können. Eine Limitierung des Arbeitsauftrages z. B. im Sinne eines möglichen Wechsels nach einer gewissen Zeit der Betreuung, aber auch Eigen- und Fremdreflexion im Sinne von Intervision oder Supervision können hier Strategien professionellen Vorgehens darstellen. Eltern, die ihre Verletzlichkeit als Lebensentwurf sehen (häufig suchterkrankte Eltern) Wenn vor allem suchterkrankte Eltern versuchen Fachkräfte und die Umwelt mit viel Energie davon zu überzeugen, dass der Suchtmittelmissbrauch ein freiwillig gewählter Lebens- 95 FI 2/ 2016 Verstrickungen in der Arbeit mit psychisch verletzlichen Eltern entwurf ist, wird vonseiten der Eltern jedoch bisweilen übersehen, dass Kleinkinder im Zusammenhang mit einem Suchtmittelmissbrauch sehr wohl betroffen sind: Dies mag die Bindungsentwicklung betreffen - mit deutlich schwankender Feinfühligkeit und Ansprechbarkeit der Eltern - oder das Verhalten der Eltern selbst, die z. B. im Rahmen einer Substitutionstherapie häufig Apotheken aufsuchen oder Medikamente nehmen müssen. Dies bleibt auch Kleinkindern nicht verborgen, noch dazu besteht wenigstens ab dem Kindergartenalter die Gefahr der sozialen Stigmatisierung, und zwar als ein Kind von „Junkie-Eltern“ bezeichnet zu werden. Die Verstrickung besteht meist darin, dass Eltern Fachkräfte in nie enden wollende Diskussionen über Lebenswerte und Perspektiven verstricken. Da es kaum möglich ist, aus pädagogischer Sicht Eltern von ihrer Sucht zu „heilen“, erscheint somit der spezifische Fokus auf die Situation und die Bedürfnisse der Kinder (Als Fachkraft bin ich für die Förderung des Kindes hier) eine mögliche Exit-Strategie. Eltern mit für Fachkräfte wenig zugänglichen Lebenswirklichkeiten (Eltern, die an Psychosen leiden) Bei hochpsychotischen Eltern mag es Fachkräften bisweilen schwerfallen, die Validität berichteten Erlebens nachzuvollziehen, n wenn Eltern z. B. schildern, dass sie Stimmen hören, n wenn Eltern erleben, dass Kameras in der Wohnung aufgestellt sind, oder n wenn Eltern Ereignissen Deutungen zuschreiben, die im Regelfall nicht den Wert haben, den die Eltern ihnen geben (z. B. das Finden „geheimer Botschaften“ auf Bürgersteigen). Die Gefahr der Verstrickung besteht darin, an der eigenen fachlichen oder persönlichen Wirklichkeit zu zweifeln, da gerade am Beginn psychotischer Symptome manche Erlebnisse der Eltern durchaus denkbar, jedoch meist sehr unwahrscheinlich sind. Wirklichkeits- und Wahrscheinlichkeitskonstruktionen sollten somit vor allem im Team oder mit anderen gesunden Bezugspersonen, nicht jedoch mit den erkrankten Eltern gegengecheckt und validiert werden. Eltern, die schwer akzeptieren können, was ihnen vermittelt wird (Eltern, deren Kinder in - fremde - Obhut kommen) In der Stichprobe von Dimova/ Pretis (2011) wurde für ungefähr 25 % der Kinder mindestens eine zeitweise Trennung von ihren psychisch verletzlichen Eltern vorgeschlagen. Im Normalfall schwanken Eltern in solchen Situationen zwischen Wut und Resignation. Für die Fachkraft besteht die Gefahr einer Verstrickung darin, möglicherweise mit diesen beiden elterlichen Polen „mitzufühlen“. Die Sichtweise „für“ das oder „durch“ das Kind mag dabei eigene Gefühle der Elterlichkeit und die meist massiv erlebte Kränkung eines solchen „Eingriffes“ in ein Familiensystem in den Hintergrund rücken. Häufig hilft ein klarer Fokus auf die Entwicklungsbedingungen des Kindes, um mögliche Zweifel oder Verstrickungen hintan zu halten. Familien, die abwesend sind Auch wenn diese Form der Verstrickung eher paradox wirkt, da der Anschein erweckt wird, dass eine „abwesende Familie“ keine Verstrickung hervorrufen kann, erzeugen Familien, die Hilfsangebote nicht annehmen, zumindest in der Fachkraft selbst Verstrickung und Sorgen; meist in Bezug auf vertane Chancen für das Kind. Solche Verstrickungen treten wiederum häufig in der gemeinsamen Arbeit mit Eltern mit emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen auf: Die Familie ist nicht zu Hause, ist verzogen, wechselte die Mobilnummer etc. Als mögliche Exit-Strategie ist es hier bereits zu Beginn von Fördermaßnahmen hilfreich, wenn Kontaktregeln klar und transparent formuliert werden und mögliche Konsequenzen den El- 96 FI 2/ 2016 Manfred Pretis tern vorweg mitgeteilt werden (z. B. Mitteilung an das Jugendamt nach zwei nicht in Anspruch genommenen Terminen). Auch die Eltern selbst schildern, dass die (respektvolle) Klarheit der Sprache der Fachkräfte hilfreich ist. Familien, bei denen Fachkräfte Verletzlichkeit vermuten, dies aber nicht sicher wissen (Familien mit fehlenden Diagnosen) Eine der schwierigsten Verstrickungen stellt die Paradoxie des Zuganges bzw. Auftrages in der Frühförderung selbst dar: Meist ahnen oder vermuten Fachkräfte, dass eine psychische Erkrankung eines Familienmitgliedes vorliegt und dass die effizienteste Intervention für das Kind eine medikamentöse oder psychotherapeutische Behandlung für die Eltern selbst wäre. Gleichzeitig sind sich auch die Fachkräfte bewusst, dass sie vor allem im Bereich der pädagogischen Frühförderung genau eine solche Intervention (meist) nicht leisten können. Ein vermehrter Fokus auf das Kind stellt zwar häufig eine „ausreichend gute“ (zweitbeste) Alternative dar, es ist jedoch auch zu berücksichtigen, dass es meist Jahre dauert, bis Eltern für sich anerkennen, dass sie möglicherweise an einer psychischen Erkrankung leiden und fachliche Hilfe benötigen. Frühförderung stellt keine Psychotherapie für die Eltern dar: Die meisten Fachkräfte in der Frühförderung verfügen nicht über eine entsprechende Ausbildung, und es käme in solchen Settings mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Auftragsverstrickung gegenüber dem Kind. Um letztendlich eine notwendige fachliche (z. B. fachärztliche oder psychotherapeutische) Hilfe für Eltern einzuleiten, ist es notwendig, dass FrühförderInnen schnell und unkompliziert auf konkrete HelferInnen-Netzwerke (FachärztInnen für Psychiatrie, PsychotherapeutInnen etc.) zurückgreifen können, sodass es zu einem leichten Transfer für die Eltern kommen kann. Das bedeutet aber auch, dass diese Netzwerkkontakte vor und unabhängig von der jeweiligen Inanspruchnahme bestehen sollten. Bislang scheinen derartige Netzwerke für FrühförderInnen jedoch kaum vorhanden zu sein, was mit Datenschutzbedenken, aber auch zeitlichen Ressourcen (und deren Verschlechterung) zusammenhängen mag. Familien, in denen die psychische Verletzlichkeit ein Geheimnis ist Eine letzte Verstrickung betrifft den Umgang mit dem häufig zu beobachtenden Geheimnis „Psychische Erkrankung“ in Familiensystemen. Auch wenn Fachkräfte vermuten, dass Eltern psychisch verletzlich sind, befinden sie sich doch meist im Zweifel, da häufig keine klaren Diagnosen vorliegen oder Eltern eine solche vor ihren Kindern oder der Umwelt verbergen wollen. Es erscheint somit keineswegs verwunderlich, dass nur eines von vier Kindern zwischen 6 und 10 Jahren über die Erkrankung seiner Mutter oder seines Vaters informiert ist. Bei den 11bis 14-Jährigen sind es immer noch mehr als 50 %, die nicht wissen, warum sich ein kranker Elternteil manchmal so seltsam verhält. Bei den 15bis 18-Jährigen ist einer von vier immer noch nicht über die Krankheit aufgeklärt worden (Pretis/ Dimova 2004). Eine mögliche Exit-Strategie besteht darin, gemeinsam mit den Eltern sehr sensibel (da es letztendlich mit Ausnahme einer Obsorge-Übertragung an Jugendwohlfahrtsträger des Konsenses mit den Eltern bedarf) mit den Kindern Verständnis für die Situation zu schaffen. Kinder (und paradoxerweise auch andere Familienangehörige wie PartnerInnen) dürfen datenschutzrechtlich nicht über die Situation in der Familie aufgeklärt werden, wenn die PatientInnen dem nicht zustimmen. Im besten Fall mögen die Eltern den Kindern selbst erklären, wie es ihnen geht, in der praktischen Arbeit ist jedoch häufig zu beobachten, dass dies Eltern auch in einer gewissen Sprachlosigkeit sehr schwer fällt und sie Unterstützung durch Fachkräfte benötigen. 97 FI 2/ 2016 Verstrickungen in der Arbeit mit psychisch verletzlichen Eltern Über die Verstrickungen hinaus: was brauchen Kinder psychisch verletzlicher Eltern? Julian, so ist dem Fallausschnitt von Ude (in diesem Heft) zu entnehmen, vermittelte, dass er eine stabile ansprechbare Beziehungsperson benötigte. Die Frühförderin konnte in diesem Zusammenhang nur eine temporäre „Vermittlerin“ sein, die Mutter zu Veränderung bzw. Therapie zu motivieren. Bei Eltern mit Depression ist dies einfacher, auch wenn es Jahre dauert. Es soll nicht der Eindruck erweckt werden, dass jede Verstrickung in der gemeinsamen Arbeit mit psychisch verletzlichen Eltern leicht lösbar ist. Es darf jedoch angenommen werden, dass die Möglichkeit und Inanspruchnahme von Hilfe durch nicht-belastete Beziehungspersonen per se einen Hauptpräventionseffekt für Kleinkinder darstellt. Sie brauchen somit vor allem die Verfügbarkeit von mindestens einer stabilen Beziehungsperson, nicht belastete Entwicklungsumwelten und Verständnis in Bezug auf ihre Familiensituation. Was können dahingehend Fachkräfte anbieten? Sie können über einen definierten Zeitraum Beziehungsstabilität im Sinne ihrer fachlichen Beziehungsangebote anbieten und gemeinsam mit anderen Familienmitgliedern Beziehungstransparenz vorleben. Die gemeinsame Arbeit mit Eltern in der Frühförderung wird auch in hohem Maße darauf abzielen, gesunde Familienmitglieder „in die Arbeit“ zu holen. Voraussetzung dafür ist jedoch eine hohe eigene Ambiguitätstoleranz, d. h. mit Widersprüchen umgehen zu lernen, wie es z. B. Hans Weiß (2012) als eine der fachlichen Grundvoraussetzungen für die Arbeit in der Frühförderung beschreibt. Dies bedeutet auch, in möglichen Verstrickungssystemen Klarheit über eigene Aufträge und Wirklichkeitskonstruktionen zu erhalten oder zu behalten. Ein Rückblick auf mehr als zehn Jahre gemeinsamer Arbeit mit Kindern psychisch verletzlicher Eltern in einem interdisziplinären Team zwischen Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychologie und Heilpädagogik lässt uns auch zum Schluss kommen, dass bereits ein verstärkter Fokus auf die Bedürfnisse eines Kindes (durch Aufträge vonseiten des Jugendamtes oder Ernstnehmen der Sorgen der Eltern) im Regelfall familiäre Netzwerkressourcen in der Familie aktiviert. Die meisten Eltern hoffen zwar, dass ihre Kinder nichts über die psychische Verletzlichkeit wissen oder bemerken, stehen aber (mit wenigen Ausnahmen, die z. B. bei Eltern mit Angststörungen gegeben sind) Angeboten, die auf die Entwicklungsbedingungen der Kinder abzielen, positiv gegenüber. Für viele Eltern stellt somit die Information, dass bereits kleine Kinder Zeichen von Verhaltens- und Erlebensveränderungen der Eltern deutlich bemerken, ein Aha-Erlebnis dar. Der in unserer Arbeit postulierte Fokus auf die Bedürfnisse des Kindes (und somit nicht der Versuch, Eltern in ihrer psychischen Verletzlichkeit zu „heilen“) lässt Eltern Hilfsangebote größtenteils als Unterstützungsmöglichkeit sehen und nicht so sehr als Bedrohung oder als Kontrollaspekt vonseiten der Jugendämter. Wie anfangs beschrieben, ermöglicht dem Kind eine Veränderung des Beziehungs- und Erziehungsverhaltens der Eltern im Regelfall relativ schnell, auch sein eigenes Verhalten daran anzupassen. Ein verstärkter Fokus auf die Bedürfnisse von Kindern psychisch verletzlicher Eltern - sei es durch das (erweiterte) Familiensystem selbst oder durch Fachkräfte - stellt dabei einen ersten Schritt in Richtung Resilienz dar. Darauf beziehen wir uns auch, wenn wir von kleinen Kindern gefragt werden, ob auch sie selbst diese „Krankheit“ der Eltern „bekommen“ können. Eine ehrliche Antwort aus fachlicher Sicht besteht darin, darauf hinzuweisen, dass wir dies auch als Fachkräfte nicht wissen, dass Kinder sich jedoch schützen können (indem sie all das tun, was ihnen gut tut, was ihnen Spaß macht). 98 FI 2/ 2016 Manfred Pretis Prof. Dr. Manfred Pretis Medical School Hamburg Am Kaiserkai 1 20457 Hamburg Mail-Kontakt: manfred.pretis@medicalschoolhamburg.de Sozial Innovatives Netz Haushamerstraße 1 A-8054 Graz Österreich Mail-Kontakt: office@sinn-evaluation.at Literatur Abrams, S. M. (1995): Newborns of depressed mothers. Infant Mental Health Journal, 16, 233 - 239, http: / / dx.doi.org/ 10.1002/ 1097-0355(199523)16: 3< 233: : aid-imhj2280160309>3.0.co; 2-1 Beardslee, M. D., Podorefsky, M. A. (1988): Resilient adolescents whose parents have serious affective and other psychiatric disorders: Importance of self-understanding and relationships. American Journal of Psychiatry, 145, 63-69, http: / / dx.doi.org/ 10.1176/ ajp.145. 1.63 Chang, J. J., Halpern, C. 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