eJournals Frühförderung interdisziplinär35/2

Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2016.art15d
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2016
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Rezension: Die 10 Prinzipien des Bobath-Konzepts in der Entwicklungsneurologie und Neurorehabilitation

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2016
Willy Nachtmann
Hans Weiß
Seit Dezember 2014 liegt das in bewegungs­therapeutischen Fachkreisen bekannte Buch „Die 10 Prinzipien des Bobath-Konzepts in der Kindertherapie“ in einer aktualisierten und erweiterten Zweitauflage vor. Wie die Veränderung des Buchtitels zeigt, steht nicht mehr nur die bewegungstherapeutische Arbeit mit Kindern im Zentrum, sondern auch die Behandlung von Erwachsenen im Rahmen der Neurorehabilitation.
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117 FI 2/ 2016 REZENSION Die 10 Prinzipien des Bobath-Konzepts in der Entwicklungsneurologie und Neurorehabilitation Gisela Ritter, Alfons Welling, Gabriele Eckhardt unter Mitarbeit von Helga Treml- Sieder, 2., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage 2014, Castrop-Rauxel, Vereinigung der Bobath- Therapeuten e.V., € 20,- Seit Dezember 2014 liegt das in bewegungstherapeutischen Fachkreisen bekannte Buch „Die 10 Prinzipien des Bobath-Konzepts in der Kindertherapie“ in einer aktualisierten und erweiterten Zweitauflage vor. Wie die Veränderung des Buchtitels zeigt, steht nicht mehr nur die bewegungstherapeutische Arbeit mit Kindern im Zentrum, sondern auch die Behandlung von Erwachsenen im Rahmen der Neurorehabilitation. Das übersichtlich gegliederte Kompendium besteht aus 5 Kapiteln. Das 215 Seiten umfassende 3. Kapitel stellt das weitaus umfangsreichste Kernstück des Buches dar und handelt die 10 Prinzipien des Bobath-Konzepts jeweils unter folgenden Aspekten ab: definitorisch-begriffliche Erläuterungen (A); historische Betrachtungen (B); gegenwärtige Zugangsweisen (C); handlungstheoretische Interpretationen (D); Arbeit mit erwachsenen Patienten (E); ein letzter Gesichtspunkt der Darstellung (F) beinhaltet „handlungstheoretisch formulierte Thesen und Leitfragen“, sie können die Fachperson dazu anregen, ihr bewegungstherapeutisches Handeln und ihre fachliche Fundierung zu reflektieren. Diese einheitliche Darstellungsstruktur erleichtert die gedankliche Aufnahme der inhaltlich komplexen und anspruchsvollen Darlegungen erheblich. Die weiteren Kapitel umrahmen das zentrale 3. Kapitel mit einleitenden Überlegungen (Kap. 1), geben einen Überblick über die vier in einem „Schachtelungsverhältnis“ stehenden Hauptkategorien Konzept, Prinzip, Methode und Technik (Kap. 2), fassen die 10 Prinzipien noch einmal zusammen (Kap. 4) und münden in abschließende Überlegungen (Kap. 5). Seit seinen Anfängen ist das Bobath-Konzept ein offenes und der pemanenten Weiterentwicklung zugängliches Konzept. Offene Konzepte können jedoch Gefahr laufen, in ihren Konturen unkenntlich zu werden und ihr Profil zu verlieren. Vor diesem Hintergrund sehen wir einen zweifachen Wert dieses inhalts- und anregungsreichen Buches, der nicht hoch genug eingeschätzt werden kann: Zum einen lässt es deutlich werden, wie das Bobath-Konzept Erkenntnisse und Einsichten aus ganz unterschiedlichen wissenschaftlichen Kontexten bis heute produktiv aufnimmt. Zum anderen zeigt es in einer vertiefenden, handlungstheoretisch orientierten Auslotung notwendige profilbildende Konturen dieses bewegungstherapeutischen Konzepts für die heutige Zeit auf. Der Einbezug der bewegungstherapeutischen Behandlung Erwachsener mit neurologisch bedingten Bewegungsbeeinträchtigungen im Rahmen der Neurorehabilitation ist sicher ein Gewinn für das Buch - gerade auch in der Kontrastierung zur entwicklungsneurologisch fundierten Arbeit mit Kindern. Allerdings entsteht der Eindruck, dass dies eher in einer additiven Weise geschieht. So werden Kinder im Rahmen der entwicklungsneurologischen Behandlung durchweg mit dieser alterstypischen Bezeichnung, die ihre Gesamtexistenz widerspiegelt, angesprochen, Erwachsene in den Abschnitten E hingegen rollenspezifisch als Patienten, obwohl die Neurorehabilitation nicht nur im klinisch-stationären Bereich erfolgt, sondern auch im häuslich-familiären Umfeld und in Pflegeeinrichtungen. Kinder können sich ebenfalls in der Patientenrolle befinden, wie umgekehrt sich Erwachsene mit Bewegungsbeeinträchtigungen nicht immer als Patienten verstehen, auch nicht in der Pflege. 118 FI 2/ 2016 Rezension Diese additiv wirkende Eingliederung der bewegungstherapeutischen Behandlung fällt besonders bei der Darstellung des „Bewegungshandeln[s] mit Säuglingen und Menschen mit schwersten Behinderungen“ (S. 220) auf. Entgegen dieser Überschrift ist in dem dazugehörigen Text (S. 220ff ) ausschließlich von Kindern die Rede. Damit wird jedoch womöglich dem Vorurteil Vorschub geleistet, als ob Erwachsene mit von Geburt an schwerster Behinderung wie Kinder behandelt werden könnten, obwohl sie im Unterschied zu diesen schon lebenslange Erfahrungen gemacht haben und zwischen beiden Personengruppen fundamentale Differenzen in ihrer Identität bestehen. Von der Gliederungssystematik her hätte es sich angeboten, die Arbeit mit von Geburt an schwerstbehinderten Erwachsenen - bei aller Unterschiedlichkeit der Behandlungsbedürfnisse und -bedarfe - in die Arbeit mit Erwachsenen in der Neurorehabilitation zu integrieren. Unter formalen Gesichtspunkten fällt auf, dass die Literaturhinweise im Text und im Literaturverzeichnis nicht immer deckungsgleich sind. Ungeachtet dieser konstruktiv-kritischen Anmerkungen kann das Fachbuch mit seinem engen Theorie-Praxisbezug, seiner klaren Sprache und dem differenzierten Sachwortverzeichnis nachhaltig empfohlen werden. Es erscheint uns nicht nur für das bewegungstherapeutische Fachpersonal, das nach dem Bobath-Konzept arbeitet, speziell bei der Frage, wo stehe ich fachlich in dem Spannungsverhältnis von Offenheit und handlungsbefähigender Profilbildung, unentbehrlich. Dies gilt auch für Pflege- und weitere Fachkräfte im Umfeld der bewegungstherapeutischen Professionen und ebenso für schulisches Personal im Kontext insbesondere der Körper- und Geistigbehindertenpädagogik sowie für Studierende in all diesen Disziplinen. Wiederholt und eindringlich wird in diesem Buch der interprofessionelle und interdisziplinäre Charakter des Bobath-Konzepts betont (die Bobath-Therapie als ‚Brückenbau‘- Funktion „hin zu weiteren Professionen und Disziplinen“; S. 19). Daher ist es besonders auch für die Interdisziplinäre und transdisziplinäre Frühförderung und für die interprofessionelle Verständigung ein bedeutsames Buch. Seinen großen Wert erweist es gerade auch dann, wenn man sich mit ihm gemeinsam, z. B. im Team, beschäftigt. Es ist schließlich ein „sympathisches“ Buch, weil es das selbstkritische Bewusstsein von Berta und Karel Bobath um die Grenzen des jeweiligen Wissensstandes und die Weiterentwicklungsbedürftigkeit jeder Disziplin und jedes Konzeptes mithilfe vieler auch englischer Originalzitate (von Helga Treml-Sieder übersetzt) transportiert und damit überzeugend weitergibt. Eine Leseprobe kann angefordert werden unter publikationen@bobath-vereinigung.de. Willy Nachtmann Hans Weiß DOI 10.2378/ fi2016.art15d