Frühförderung interdisziplinär
1
0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2016.art29d
1_035_2016_4/1_035_2016_4.pdf101
2016
354
Rezension: Inklusion und Partizipation - Vielfalt als Chance und Anspruch Eva Reichert-Garschhammer, Christa Kieferle, Monika Wertfein und Fabienne Becker-Stoll (Hg.), Göttingen, Vandenhoeck & Ruprec
101
2016
Christian Walter-Klose
Kaum ein Thema wird in der Pädagogik aktuell mehr diskutiert als das Thema Inklusion. Dies mag sicherlich daran liegen, dass die mit dem Themenbereich Inklusion verbundene Diskussion um die bestmögliche Förderung des Einzelnen in sozialer Gemeinschaft den Kern der Pädagogik berührt: Die Unterstützung eines Kindes in seiner Entwicklung, das Erkennen seiner Stärken und Schwächen sind ebenso zentrale pädagogische Themen wie die Vorbereitung eines Individuums auf ein Leben in der Gesellschaft, die ihr Potenzial aus der Heterogenität und Vielfalt ihrer Mitglieder schöpft. Inklusion verlangt in diesem Sinne eine Anerkennung des Einzelnen bei gleichzeitiger Wertschätzung der Vielfalt.
1_035_2016_4_0005
240 FI 4/ 2016 REZENSION Inklusion und Partizipation - Vielfalt als Chance und Anspruch Eva Reichert-Garschhammer, Christa Kieferle, Monika Wertfein und Fabienne Becker-Stoll (Hg.), Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 2015, 268 S., € 39,99 Kaum ein Thema wird in der Pädagogik aktuell mehr diskutiert als das Thema Inklusion. Dies mag sicherlich daran liegen, dass die mit dem Themenbereich Inklusion verbundene Diskussion um die bestmögliche Förderung des Einzelnen in sozialer Gemeinschaft den Kern der Pädagogik berührt: Die Unterstützung eines Kindes in seiner Entwicklung, das Erkennen seiner Stärken und Schwächen sind ebenso zentrale pädagogische Themen wie die Vorbereitung eines Individuums auf ein Leben in der Gesellschaft, die ihr Potenzial aus der Heterogenität und Vielfalt ihrer Mitglieder schöpft. Inklusion verlangt in diesem Sinne eine Anerkennung des Einzelnen bei gleichzeitiger Wertschätzung der Vielfalt. Mit ihrem Herausgeberwerk beteiligen sich Reichert-Garschhammer, Kieferle, Wertfein und Becker-Stoll an der Diskussion und lenken den Blick auf den frühpädagogischen Bereich. Sie möchten mit ihrem Buch eine Diskussionsgrundlage, einen Orientierungsrahmen bieten, der für Praxis, Wissenschaft und Administration Impulse geben kann und - als besonderen Schwerpunkt - das Thema Beteiligung von Kindern und Eltern an pädagogischen Bildungsangeboten berücksichtigt. Um dies zu erreichen, stellen die Herausgeberinnen in dem Buch „Inklusion und Partizipation - Vielfalt als Chance und Anspruch“ unterschiedliche Betrachtungsweisen von Autoren aus verschiedenen Arbeitsbereichen zusammen, die bereits beim Lesen ganz im Sinne einer inklusionsorientierten Denkweise zeigen, wie bereichernd die Vielfalt unterschiedlicher Blickwinkel sein kann. Das Herausgeberwerk ist in sechs Kapitel gegliedert, die sich mit verschiedenen Aspekten inklusiver Frühpädagogik befassen und die Bereiche der Pädagogik, Partizipation, Interkulturalität, Armut, Bildungspartnerschaft, Bildungsplanung und Umsetzung in der Realität betreffen. In jedem dieser Kapitel kommen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Fachdisziplinen wie z. B. Pädagogik, Psychologie, Soziologie und Sprachwissenschaft zu Wort und geben aus ihrer Sicht Impulse für theoretisches, konzeptionelles und praktisches Handeln und Denken. Neben den wissenschaftlichen Überlegungen zeigen Praktiker verschiedener Professionen, die in frühpädagogischen Einrichtungen oder der Verwaltung tätig sind, wie pädagogische Umsetzungen konkret im Alltag aussehen können. Im ersten Kapitel beispielsweise, in dem es um inklusionsförderndes pädagogisches Handeln geht, führt der Universitätsprofessor Ulrich Heimlich seine Überlegungen zur Qualität inklusiver Einrichtungen aus. Mithilfe seines Mehrebenenmodells zeigt er auf, dass neben dem Wahrnehmen individueller Förderbedürfnisse des einzelnen Kindes auch organisatorische und strukturelle Faktoren das Gelingen von Inklusion beeinflussen. Monika Wertfein baut in ihrem Beitrag auf diesen Gedanken auf und macht aus psychologischer Sicht deutlich, welche Potenziale in Alltagssituationen (z. B. gemeinsame Mahlzeiten) stecken, wenn sie bewusst und feinfühlig mit dem Ziel, Inklusion zu gestalten, praktiziert werden. Hierfür sind neben Fachkompetenzen auch unterstützende Teamstrukturen sowie ausreichendes Personal erforderlich. Im dritten Unterkapitel findet wieder ein Perspektivenwechsel statt. Eva Reichert-Garschhammer lenkt den Blick auf das 241 FI 4/ 2016 Rezension pädagogische Prinzip der Differenzierung und zeigt, wie diese in Kindertagesstätten mithilfe des Konzepts der offenen Arbeit umgesetzt werden kann. Neben Überlegungen zur Bedeutung des aus Sicht der Autorin in der nationalen Inklusionsdebatte übersehenen Konzepts (vgl. S.49) stellt Reichert-Garschhammer Ergebnisse aus Arbeitsgruppen und eigener Forschungstätigkeit vor, die Impulse für die Gestaltung offener Arbeit im Zusammenhang mit Inklusion liefern. Im Unterkapitel vier illustriert sie zusammen mit Claudia Reiher, Susanne Kleinhenz und Maria Förster Beispiele erfolgreicher Umsetzung des Konzepts der offenen Arbeit im Hinblick auf die Raum- und Tagesgestaltung sowie die Planung von Bildungsprozessen. Diese Grundstruktur der aufeinander aufbauenden Perspektiven zu einem Thema zieht sich durch alle Kapitel. Stets folgen auf einführende Beiträge wie von Rüdiger Hansen zur Partizipation und Kindermitbestimmung, Annick De Houwer zur Mehrsprachigkeit und Interkulturalität, Susan B. Neumann zur Wirksamkeit von Interventionen bei Risikokindern oder von Fabienne Becker-Stoll und Kollegen, die die Ergebnisse ihrer nationalen Studie zur Untersuchung der Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit vorstellen, weitere Texte, die Impulse aus der Praxis oder Wissenschaft geben und das Themenfeld vertiefen und erweitern. Auf diese Weise werden Unterstützungsbedürfnisse von Kindern mit Behinderung oder Kinder mit Migrationshintergrund benannt, Herausforderungen im Umgang mit Armut oder das Bildungsmanagement der Stadt München ebenso erörtert, wie Möglichkeiten der vorurteilsfreien Erziehung, die Zusammenarbeit mit Eltern, Instrumente zur Bildungsplanung bei Kindern, inklusive Bildung in der Schule oder Kompetenzen für Aus- und Fortbildung im Zusammenhang mit Inklusion. Das Buch erzeugt beim Lesen den Eindruck, als schaue man von oben auf eine frühpädagogische Landschaft herab. Neben einzelnen für die Inklusion relevanten Anpassungen von Tagesstruktur und Raumgestaltung, dem Einsatz spezifischer pädagogischer Konzepte und Kooperationen mit Familien, ist die Ausrichtung pädagogischer Handlungen an den Bedürfnissen des Einzelnen verbunden mit einer von Sensibilität und Feinfühligkeit gestalteten Beziehung, die alle Kinder gleichberechtigt einbezieht, das verbindende Element. Wie ein roter Faden ziehen sich diese beiden Dimensionen durch alle Artikel des Buches und sorgen dafür, dass der Leser sich in der Komplexität der vielen für die Inklusion wichtigen benannten Dimensionen und Perspektiven nicht verliert. Auch ermutigen die vielen Praxisbeispiele, das eigene Handeln zu überdenken und neue Wege zu gehen, denn man sieht: Eine Umsetzung der theoretischen und konzeptionellen Gedanken ist in der Praxis möglich. Gleichzeitig macht die Vielzahl angesprochener Dimensionen aber auch deutlich: Das Aufbauen eines inklusiven Bildungssystems ist komplex und kann nicht von heute auf morgen gelingen. Das Buch bezieht hier Stellung und erzählt auf wissenschaftlich solider Grundlage keine Märchen: Inklusion gibt es nicht nebenbei - Änderungen in vielen Bereichen und das Zur-Verfügung-Stellen von Ressourcen sind erforderlich. Das Buch will Diskussionsgrundlage bieten und Orientierungsrahmen für Menschen aus Wissenschaft, Praxis und Theorie sein und hat hier eindeutig seine Stärken. Es weitet den Horizont, vor allem auch durch das vertretene weite Inklusionsverständnis, das Prozesse der Mitbestimmung, Vernetzung und Kooperation ebenso einbezieht wie unterschiedliche von Ausgrenzung bedrohte Gruppen (z. B. Kinder mit Behinderung, arme Kinder oder Kinder mit Migrationshintergrund). Der Nachteil - wenn man es so nennen will - dieses Vorgehens ist allerdings, das sich der Leser immer wieder auch weitergehende Informationen zu den angesprochenen Themen wünscht. Dies sind mal vertiefende Ausführungen zu einzelnen Argumentationslinien (z. B. bei Heimlich oder Albers), zu Inhalten wie z. B. zu frühpädagogischen Anpas- 242 FI 4/ 2016 Rezension sungen im Zusammenhang mit unterschiedlichen Behinderungen (z. B. Albers) oder weitergehende Informationen zu unterschiedlichen frühpädagogischen Ansätzen (Reichert-Garschhammer). Insgesamt ist das Buch für alle, die sich an der Diskussion um die Weiterentwicklung inklusiver Bildungssysteme besonders im frühpädagogischen Bereich beteiligen wollen, ein Muss: Es schafft einen Überblick über die Inklusion in der Kindertagestätte, es regt an und ermutigt mit vielen Praxisbeispielen. Vor allem aber ist das Buch selbst ein Beispiel für Inklusion: Es zeigt auf, wie sehr der wertschätzende Umgang mit Vielfalt anregend und bereichernd sein kann. Christian Walter-Klose DOI 10.2378/ fi2016.art29d
