Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2018.art22d
1_037_2018_3/1_037_2018_3.pdf71
2018
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Eltern-Kind-Konzepte: Playpicknick - ein Gruppenangebot für Kleinkinder mit Essproblemen und ihre Eltern
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2018
Maria Teresa Diez Grieser
Monika Strauss
Der Artikel beschreibt ein Gruppenangebot für Kleinkinder mit Essproblemen und ihre Eltern, welches seit 10 Jahren an einem Kinderspital umgesetzt wird. Das niederschwellige Angebot, welches interdisziplinär geleitet wird, unterstützt die Eltern und ihre Kinder im Umgang mit Essen und trägt dazu bei, dass die Angst und der Stress, der die Essprobleme der Kinder in den Familien auslösen, verringert werden können. Eine begleitende wissenschaftliche Untersuchung konnte die Effekte der Intervention messen und aufzeigen.
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144 Frühförderung interdisziplinär, 37.-Jg., S.-144 - 150 (2018) DOI 10.2378/ fi2018.art22d © Ernst Reinhardt Verlag ELTERN-KIND-KONZEPTE Playpicknick - ein Gruppenangebot für Kleinkinder mit Essproblemen und ihre Eltern Maria Teresa Diez Grieser, Monika Strauss Zusammenfassung: Der Artikel beschreibt ein Gruppenangebot für Kleinkinder mit Essproblemen und ihre Eltern, welches seit 10 Jahren an einem Kinderspital umgesetzt wird. Das niederschwellige Angebot, welches interdisziplinär geleitet wird, unterstützt die Eltern und ihre Kinder im Umgang mit Essen und trägt dazu bei, dass die Angst und der Stress, der die Essprobleme der Kinder in den Familien auslösen, verringert werden können. Eine begleitende wissenschaftliche Untersuchung konnte die Effekte der Intervention messen und aufzeigen. 1 Einleitung In verschiedenen Kliniken, die Essstörungen in der frühen Kindheit behandeln, ist die tägliche „Spieleessen“-Sitzung in der Gruppe ein Kernstück der stationären Sondenentwöhnungsbehandlung (Dunitz-Scheer et al. 2000). Eine Weiterentwicklung der „Spieleessen-Sitzungen“ wird seit 2008 am Kinderspital Zürich in Form des Mehrfamiliengruppenangebots Playpicknick für Kinder im Alter zwischen acht Monaten und drei Jahren angeboten 1 . Das Konzept zielt darauf ab, dieser Patientengruppe ein entwicklungsgerechtes und wirksames Therapieangebot zur Verfügung zu stellen. Die Sitzungen werden von mehreren Fachpersonen geleitet, welche so wenig wie möglich ins Geschehen eingreifen. Ziel ist es, den zumeist hohen Grad an Angst und Ablehnung gegenüber der oralen Nahrungsaufnahme zu reduzieren. Dies wird dadurch erreicht, dass die Kinder einen Raum zur Verfügung gestellt bekommen, in dem sie im Rahmen einer Gruppe von Kindern und Eltern autonom experimentieren, beobachten und miteinander interagieren können. Zentrales Element für die Kinder ist das freie Spiel, wobei die einzigen Objekte zum Explorieren Nahrungsmittel und Esswerkzeuge sind. Die Eltern werden angeleitet, sich zurückzuhalten und in Anlehnung an das „Watch, Wait and Wonder“-Konzept von Cohen und Mitarbeitern (1999) nur zuzuschauen. Ziel ist zum einen, bei den Eltern eine Reduktion negativer Affekte in Bezug auf das Essverhalten ihrer Kinder zu erreichen, zum anderen die Entwicklung erhöhter Kompetenz im Umgang mit dem Verhalten des Kindes. Dabei nimmt die Unterstützung der Mentalisierungsfähigkeit ihrer Kinder durch die Eltern einen wichtigen Platz ein. Dies wird durch den Austausch mit anderen Eltern der Gruppe und durch die Vermittlung von entwicklungspsychologischen Informationen durch die Fachpersonen gefördert (Strauss et al. 2011). Das seit nunmehr 10 Jahren bestehende Angebot Playpicknick ist bisher in dieser Form in der Schweiz einzigartig und wird rege genutzt. Zuweisungen erfolgen sowohl aus dem Kinderspital selbst als auch durch niedergelassene Ärzte und Therapeuten. Der Erfolg ist in vielen Fällen klinisch offensichtlich. Um die Wirkung des Angebots auch durch eine wissenschaftlich begleitete Qualitätssicherung zu überprüfen und die Passung zwischen den Bedürfnissen der Zielgruppe und dem Angebot zu optimieren, fand 2014 eine Untersuchung durch das Marie Meierhofer Institut 1 Das Konzept wurde von Monika Strauss zusammen mit der Logopädin Ilona Maurer entwickelt und umgesetzt. 145 FI 3/ 2018 Eltern-Kind-Konzepte für das Kind in Zürich statt 2 . Die daraus resultierenden Ergebnisse und daran anschließenden Schlussfolgerungen führten zu Anpassungen im Angebot. Diese haben sich inzwischen als sinnvoll erwiesen und werden im vorliegenden Artikel ebenfalls kurz diskutiert. 2 Essprobleme bei Kleinkindern und Playpicknick 2.1 Zielgruppe Säuglinge und Kleinkinder mit schweren und komplexen Essstörungen stellen an einer universitären Kinderklinik eine interdisziplinäre Herausforderung dar. Die moderne Medizin mit ihren technischen Möglichkeiten kann heutzutage vielen Kindern, die noch vor wenigen Jahrzehnten als Neugeborene nicht überlebt hätten, das Leben retten. Ein großer Teil der Kinder des Playpicknick wurden viel zu früh, mit Missbildungen oder Erkrankungen geboren. Diese Kinder weisen aufgrund ihrer Grunderkrankung ein hohes Risiko für verschiedene Entwicklungsauffälligkeiten auf, so auch für Trink- oder Essstörungen. Andere Kinder benötigen aufgrund einer angeborenen oder erworbenen Erkrankung komplexe intensivmedizinische und chirurgische Behandlungen, welche monatelange Krankenhausaufenthalte nach sich ziehen. Bei diesen Kindern besteht ein Teil der Behandlung oft in einer mittelfristigen Ernährung mittels Sonde. Etwa 15 % der Kinder fangen nicht an zu essen, nachdem die medizinische Notwendigkeit der Ernährung durch die Sonde wegfällt, und bleiben von der Sonde „abhängig“. Diese Kinder und ihre Familien benötigen eine intensive interdisziplinäre Betreuung. Das Playpicknick ist für diese Kinder am Kinderspital Zürich ein integraler Bestandteil der Behandlung zur Sondenentwöhnung. Der andere Teil dieser Patientengruppe besteht aus somatisch weitgehend gesunden Kindern, die bereits ab dem Säuglingsalter unter verschiedenen Essstörungen leiden (Chatoor 2012). Der Leidensdruck in Familien mit essgestörten Kleinkindern ist hoch, die Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern geraten unter Druck, was die emotionale Entwicklung der Kinder gefährdet. Die Störungsbilder der Kleinkinder in der Spezialsprechstunde für Essstörungen und die Hintergründe der Familien sind also sehr unterschiedlich. Dennoch hat sich die interdisziplinäre Gruppe als ein und dasselbe Angebot für diese unterschiedlichen Patienten sehr bewährt. 2.2 Das Gruppenangebot Playpicknick Das Playpicknick wird zweimal jährlich in der Regel ein bis zwei Mal pro Woche (abhängig von den personellen Rahmenbedingungen) für eine Periode von 10 Wochen angeboten. Betreut wird die Gruppe von einer spezifisch psychotherapeutisch geschulten Kinderpsychiaterin, einer auf Schluckstörungen spezialisierten Logopädin und einer Ernährungsberaterin. In den jeweiligen Sprechstunden wird die Indikation für eine Teilnahme gestellt und die Familien auf den Eintritt in die Gruppe vorbereitet. Konkret kann das Setting des Playpicknick folgendermaßen beschrieben werden: In der Mitte eines leeren Raumes befindet sich ein Leintuch, auf dem verschiedenste Speisen in für Kinder attraktiver Weise angerichtet sind. Es sind alle Geschmacksrichtungen und Konsistenzen vertreten. Dieser Bereich ist den Kindern vorbehalten. Die Erwachsenen lassen sich auf Matten rundherum nieder und dürfen die Decke nur betreten, wenn ein Kind Hilfe braucht. Sie wer- 2 Unter der Leitung von Maria Teresa Diez Grieser waren Corinne Dreifuss, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Marie Meierhofer Institut für das Kind, und mehrere Studierende an der wissenschaftlichen Begleitung von Playpicknick mitbeteiligt. 146 FI 3/ 2018 Eltern-Kind-Konzepte den angehalten, sich so gut wie möglich zu entspannen und sie sollen die Kinder weder füttern noch verbal zum Essen auffordern. Die Therapeutinnen versuchen auf die Einhaltung dieser Grundregeln zu achten, ohne dabei rigid vorzugehen. Die Kinder sollen sich in der Gruppe frei bewegen können und sich in ihrem jeweiligen Tempo und auf ihre Art selbstständig mit Essen und Esswaren beschäftigen. Sie können im Rahmen der entstehenden Kleingruppe autonom experimentieren, sich gegenseitig beobachten und miteinander interagieren. Sie dürfen mit dem Essen alles machen, was sie wollen, und merken schnell, dass sie in diesem Rahmen zu nichts gezwungen werden. Dadurch können die Kinder den meist hohen Grad an Angst und Ablehnung gegenüber Esswaren und oraler Nahrungsaufnahme reduzieren und kleine selbstständige Schritte in der Entwicklung des Essverhaltens machen. Die Eltern können sich miteinander austauschen und die anwesenden Fachleute für konkrete Fragen nutzen. 3 Die wissenschaftliche Begleitung des Playpicknick Die wissenschaftliche Begleitung des Angebots Playpicknick fokussierte zum einen auf die Beschreibung der Gruppensitzungen und dem beobachtbaren Verhalten der verschiedenen Akteure (Kinder, Eltern und Fachpersonen). Zum zweiten wurden die Effekte und die Zufriedenheit mit der Intervention mit verschiedenen Instrumenten gemessen. 3.1 Methodisches Vorgehen Ein wesentliches Element der Datenerhebung war ein standardisierter Beobachtungsbogen, der aufgrund von früheren Videoaufzeichnungen des therapeutischen Gruppenangebots vom Forschungsteam konzipiert wurde. Auf diesem Bogen hielten die beteiligten Fachpersonen nach jeder Gruppensitzung zum einen Angaben zur Teilnehmergruppe und zum Ablauf des Playpicknick und zum anderen ihre Beobachtungen zu den Interaktionen, Verhaltensweisen und zur Gruppendynamik fest. Weiter wurde ein Fachpersonenbogen verwendet, um verschiedene Daten auf der Ebene der einzelnen Familien zu erfassen. Auf dem Bogen notierten die Fachpersonen Basisdaten zu den teilnehmenden Kindern und ihren Eltern (Alter und Geschlecht des Kindes, Nationalität etc.), und am Schluss des Therapiezyklus hielten sie ihre Einschätzungen unter anderem zu Effekten des Angebots hinsichtlich der psychosomatischen Entwicklung des teilnehmenden Kindes sowie zu Veränderungen auf der Elternebene fest. Am Ende des Therapiezyklus wurde den Eltern ein Fragebogen abgegeben, der ihre Einschätzungen zu den Effekten sowie ihre Zufriedenheit mit dem Angebot abfragte. Die Playpicknicksitzungen wurden mit Video aufgezeichnet und vom wissenschaftlichen Team bei Bedarf gesichtet. Die mit den standardisierten Instrumenten erhobenen quantitativen Daten wurden mit der Statistik-Software SPSS (Version 21) ausgewertet. 4 Ergebnisse Die Datenerfassung erfolgte von Ende März bis Mitte Juni 2014. Der Therapiezyklus umfasste 8 Montags- und 8 Donnerstagstermine. Zu 13 Playpicknicksitzungen wurde von den Fachpersonen ein Beobachtungsbogen ausgefüllt. Während des wissenschaftlich begleiteten Zyklus wurde das Therapieangebot von insgesamt 16 Familien genutzt. Von den Fachpersonen lagen am Schluss 26 Fragebögen über die einzelnen Kinder/ Familien vor. Diese Anzahl ergibt sich dadurch, dass teilweise mehrere Fachpersonen (Kinderpsychiaterin, Logopädin und Ernährungsberaterin) einen Fragebogen zur Familie ausgefüllt haben. 147 FI 3/ 2018 Eltern-Kind-Konzepte 4.1 Basisdaten zu den Kindern und Familien 9 der 16 Kinder waren Mädchen und 7 Jungen. Im Durchschnitt waren die Kinder zu Beginn des Therapieangebots 20 Monate alt (Median; SD: 7.2 Monate, Min.: 10 Monate, Max.: 36 Monate). 69.2 % der Kinder, zu denen die Angabe vorliegt (9 von 13), hatten die Schweizer Nationalität. Bei 64.3 % der Kinder (9 von 14) wurde Deutsch als Erstsprache angegeben. Über die Hälfte der Kinder waren Einzelkinder (8 von 14). Die Mehrheit der Kinder lebte mit beiden Elternteilen zusammen. 4.2 Angaben zur Teilnahme der Familien am Angebot Durchschnittlich nahmen die Familien an 4 der 8 Montagsbzw. Donnerstagstermine teil (die meisten Familien besuchten das Playpicknick nur an einem der Wochentage) (SD: 2.7 Mal, Min.: 1 Mal, Max.: 9 Mal). 11 der 16 Familien nahmen während der gesamten Dauer des Therapiezyklus am Playpicknick teil. Bei den restlichen 5 Familien erfolgte in 3 Fällen ein frühzeitiger Abschluss aufgrund mangelnder Passung des Angebots aus der Sicht der Eltern. Die beiden anderen Familien haben aufgrund eines späteren Einstiegs nicht während der gesamten Dauer am Angebot teilgenommen. 66.7 % der Kinder wurden mehrheitlich von der Mutter, 20 % von Mutter und Vater und die weiteren Kinder abwechselnd von der Mutter, dem Vater oder der Großmutter zum Playpicknick begleitet. Die Teilnehmerzahl an den Playpicknicksitzungen variierte zwischen 3 und 7 Familien und lag bei durchschnittlich 4 Familien (Median; SD: 1.1 Familien). 4.3 Beobachtungen während der Gruppensitzungen 4.3.1 Zu den Kindern In allen Therapiestunden wurde beobachtet, wie viele Kinder aßen, Speisen, Besteck und Geschirr explorierten. Interaktionen zwischen den Kindern und anderen Erwachsenen kamen zu Beginn des Therapiezyklus vereinzelt, später häufiger vor. Es wurden verschiedene Formen der Interaktion der Kinder mit ihren Bezugspersonen festgestellt. Beispielsweise baten Kinder ihre Bezugsperson um Hilfe, fütterten sie oder luden sie zum Spiel ein. Die Häufigkeit des gemeinsamen Spielens nahm im Verlauf des Therapiezyklus zu. In 62 % der Gruppensitzungen wurde bei vielen Kindern beobachtet, dass sie die Nähe anderer Kinder suchten und einander imitierten. In Einzelfällen konnte gegenseitiges Füttern beobachtet werden. In 92.3 % der Gruppensitzungen wirkten die meisten Kinder zufrieden und interessiert. 4.3.2 Zu den Bezugspersonen Die meisten Eltern beobachteten ihre Kinder aufmerksam. In 70 % der Sitzungen animierten mehrere Eltern (trotz anderslautender Anleitung) ihre Kinder nonverbal zum Essen oder boten ihnen teilweise Essen an, wobei dies im Verlauf des Therapiezyklus abnahm. In allen Sitzungen tauschten sich viele der Eltern mit den Fachpersonen aus. In 61,5 % der Sitzungen tauschten sich einzelne oder mehrere Eltern untereinander über kinder-/ elternbezogene Erfahrungen aus. 4.3.3 Schlusseinschätzungen der Fachpersonen zum Therapieverlauf Die Fachpersonen haben eingeschätzt, wie hoch die Belastung der Familiensituation durch die Essproblematik zu Beginn und am Schluss des Therapiezyklus war. Die Auswertung zeigt, dass die Belastung mit einem Mittelwert von 7.5 auf einer Skala von 1 bis 10 zu Beginn der Therapie hoch war (SD: 1.3, Min.: 5.7 Max.: 10). Am Schluss der Therapie lag der Durchschnittswert bei 4.9 (SD: 2.9, Min.: 1, Max.: 10). Der Unterschied ist statistisch signifikant (T (11) = 2.8; p < 0.5). 148 FI 3/ 2018 Eltern-Kind-Konzepte Die Fachpersonen gaben an, dass die Eltern oft aktiv Rat bei ihnen gesucht haben. Zu anderen Eltern suchten sie hingegen nur wenig Kontakt. Als häufigste kindliche Symptome in Bezug auf die Essproblematik bei Beginn der Therapie wurden von den Fachpersonen wenig/ keine Erkundung oder Interesse an unterschiedlichen Speisen und Getränken, eine ausgeprägte selektive Auswahl der Nahrungsmittel (je 12 von 16 Nennungen) sowie ablehnendes Verhalten gegenüber Lebensmitteln (10 Nennungen) angegeben. In der untenstehenden Tabelle ist die Einschätzung der Fachpersonen bezüglich Rückgang von Symptomen/ Verhalten am Schluss des Therapiezyklus aufgetragen (vierstufige Skala von 1 nicht/ kaum bis 4 sehr). Ein weiteres Ergebnis war, dass die 3 Kinder, die bei Beginn der Therapie mittels Sonde ernährt wurden, am Schluss des Therapiezyklus keine Sondenernährung mehr benötigten. Nach Beendigung des Therapiezyklus wurden 7 Kinder mit Einzel-Logopädie behandelt, 3 Familien besuchten im Anschluss an das Playpicknick eine Ernährungsberatung und 2 Familien wurden durch eine Psychologin weiter betreut. 2 Familien meldeten sich erneut für einen Playpicknick- Zyklus an. 4.3.4 Einschätzungen der Eltern Die Hälfte der Eltern (8 von 16 Eltern), die am Therapiezyklus teilnahmen, haben den Elternfragebogen ausgefüllt. Die Belastung der Familiensituation durch die Essproblematik bei Beginn des Therapieangebots schätzten die Eltern ähnlich hoch ein wie die Fachpersonen; der Mittelwert auf der zehnstufigen Skala beträgt 7.3 (SD: 2.2, Min.: 3, Max.: 9). Die Belastung verringerte sich nach Einschätzung der Eltern bis zum Schluss der Therapie auf einen Mittelwert von 5.2 (SD: 3.4, Min.: 1, Max.: 9). Die Eltern gaben weiter an, dass sie am meisten von der persönlichen Beratung und der spezifischen Fachlichkeit der Playpicknickleiterinnen profitiert haben. Am wenigsten hilfreich war für sie der Austausch mit den anderen Eltern. Die Zufriedenheit der Eltern mit dem Angebot war hoch. Insbesondere bei der Zusammenarbeit mit den Fachpersonen zeigten sich die Eltern sehr zufrieden. Im Bogen wurde erfragt, inwieweit die Eltern den Eindruck hatten, dass der Besuch des Therapieangebots Veränderungen bei ihnen als Eltern bewirkt hat. Die Auswertung zeigt, dass die Eltern eine deutliche Veränderung in ihrem Verhalten beobachten konnten. Bezüglich der Essproblematik erlebten sich alle Eltern als entspannter, zuversichtlicher und weniger besorgt als vor dem Therapiezyklus. Mittelwert Min. Max. wenig/ keine Erkundung oder Interesse an unterschiedlichen Speisen kein Hungergefühl unangemessener Umgang mit Hungergefühl sehr selektive Auswahl der Nahrungsmittel Würgen/ Erbrechen ablehnendes Verhalten gegenüber Lebensmitteln allgemein unruhiges und/ oder aggressives Verhalten Übergewicht/ Untergewicht 2.7 2.2 2.3 2.3 2.6 2.6 1.6 2.2 1 1 1 1 2 1 1 1 4 3.5 3.5 4 3.5 4 2 3.5 Tab. 1: Verbesserung in Bezug auf das Symptom/ Verhalten nach Einschätzung der Fachpersonen auf der Skala 1 bis 4 (n = 14) 149 FI 3/ 2018 Eltern-Kind-Konzepte 4.3.5 Vergleich zwischen den Einschätzungen der Fachpersonen und der Eltern 3 Der Verlauf wurde hinsichtlich der meisten Symptome von den Fachpersonen positiver eingeschätzt als von den Eltern. Eine Übereinstimmung in den Einschätzungen ergibt sich teilweise bei der Frage, bei welchen Symptomen die deutlichsten Veränderungen beobachtet werden konnten; konkret wurde beispielsweise sowohl von den Fachpersonen als auch von den Eltern eine Verbesserung bezüglich des Interesses an unterschiedlichen Speisen festgestellt. Die Einschätzung der Belastung dieser 7 Familien liegt bei den Fachpersonen bei einem Mittelwert von 6.9 und bei den Eltern bei einem Wert von 7.1 (zehnstufige Skala von 1 bis 10). Die Belastung am Ende der Therapie wurde sowohl von den Eltern als auch von den Fachpersonen mit einem Mittelwert von 5.6 eingeschätzt. Beide Quellen stellten somit übereinstimmend eine Verbesserung fest. 5 Zusammenfassung und Diskussion Die Erfahrungen der letzten 10 Jahre mit Playpicknick am Kinderspital Zürich haben gezeigt, dass dieses interdisziplinäre, niederschwellige Multifamilien-Gruppenangebot bei Kleinkindern mit Essproblemen und ihren Eltern ein wichtiges Element der Behandlung darstellt. Um die Qualität der Intervention zu gewährleisten und um neue Impulse für die Weiterentwicklung des Angebotes zu erhalten, wurde 2014 eine Untersuchung durch das Marie Meierhofer Institut für das Kind durchgeführt. Für die wissenschaftliche Begleitung und Weiterentwicklung des Therapieangebots Playpicknick wurden die Daten zu den 16 Kindern und ihren Familien einbezogen, die während des Zyklus von Ende März bis Mitte Juni 2014 am Playpicknick teilgenommen haben. Die teilnehmenden Kinder waren von Essproblemen verschiedener Art betroffen. Die Playpicknicksitzungen wurden im Durchschnitt von 4 Kindern mit ihren Müttern/ Eltern besucht. Ziel der wissenschaftlichen Begleitung war es, die Effekte der Intervention und die Zufriedenheit der Zielgruppe mit dem Angebot zu beschreiben. Die wissenschaftliche Begleitung hat gezeigt, dass Playpicknick ein wirksames Angebot ist, um Eltern mit Kleinkindern, die Essstörungen aufweisen, zu stützen und zu stärken. Die Eltern, die am Anfang des Therapiezyklus durch die Essproblematik sehr belastet waren, erlebten nach eigener Einschätzung, aber auch nach Meinung der Fachpersonen eine deutliche Entlastung. Dabei zeigte sich, dass insbesondere die persönliche Beratung der Eltern durch die Fachpersonen eine zentrale Dimension darstellte. Die Kinder profitierten ebenfalls von der Intervention, wenn auch dieser Effekt weniger deutlich war als derjenige auf der Familienebene. Die Auswertung zeigte weiter, dass es sich beim Angebot Playpicknick weniger um eine Gruppentherapie im engeren Sinn handelt, da es auf Gruppenebene kaum systematische Interventionen gab und der Austausch insbesondere zwischen den anwesenden Eltern gering war. Es handelte sich vielmehr um ein Multifamilien-Gruppensetting, das für die Kinder spielerische und entlastende Momente bei der Exploration und dem Ausprobieren von Nahrungsmitteln beinhaltete und den Eltern die Möglichkeit gab, von den Fachpersonen mehr oder weniger spezifische Beratung bezüglich ihres Kindes zu erhalten. Das Angebot war niederschwellig und hatte bei den meisten Eltern eine gute Akzeptanz. Da die meisten Kinder nach dem Besuch des Therapiezyklus weiterer Betreuung bedürfen, ist der Besuch des Angebots Playpicknick möglicherweise ein guter Einstieg für weitere therapeutische Unterstützung. Die aufgrund der Untersuchung gewonnene Erkenntnis, dass Playpicknick als ein Angebot für freies Spiel der Kinder mit parallelen zahlreichen Einzelberatungen der Eltern verstanden werden muss, führte zu neuen konzeptuellen Überlegungen. Es wurde deutlich, dass die geringe Gruppen- 3 Für diesen Vergleich lagen vollständige Datensätze zu 7 Familien vor. 150 FI 3/ 2018 Eltern-Kind-Konzepte kohärenz und teilweise unregelmäßige Teilnahme der Familien mit der Niederschwelligkeit des Angebots zusammenhing. Die Therapeutinnen nutzten die Befunde aus der Untersuchung, um einige Veränderungen vorzunehmen. Zugewiesene Familien werden nun nicht mehr direkt nach der Indikationsstellung in der Spezialsprechstunde in die Gruppe eingeladen, sondern haben mindestens einen vorbereitenden Termin mit einer der Playpicknick-Therapeutinnen. Bei neuen Patienten wird eine Vereinbarung getroffen, dass sie zu drei Sitzungen kommen und am Ende der dritten Sitzung gemeinsam evaluiert wird, ob das Playpicknick für das Kind und seine Familie die richtige Intervention ist. Wenn möglich, wird nach dem Start der Gruppe nur eine neue Familie pro Sitzung zugelassen. Diese Veränderungen haben zu einer wesentlich höheren Verbindlichkeit geführt sowie zu einem stärkeren Gruppenzusammenhalt. Eltern nehmen jetzt wesentlich stärker aufeinander Bezug, machen sich gegenseitig auf Aktionen der Kinder aufmerksam, fragen nach der aktuellen Entwicklung, bemerken, wenn jemand fehlt. Da die Therapeutinnen sich nicht mehr um mehrere neue Familien gleichzeitig kümmern müssen, können sie sich auch mehr auf spezifische Interventionen konzentrieren und die Kommunikation auf der Metaebene fördern. Insgesamt sind die Sitzungen dadurch ruhiger und entspannter geworden. 6 Bedeutung für die Praxis Der vorliegende Artikel zeigt die Wichtigkeit von niederschwelligen Gruppenangeboten im Kontext von Störungen im Kleinkindalter auf. Am Beispiel eines Gruppenangebots für Kleinkinder mit Essproblemen und ihre Eltern an einem Kinderspital wird illustriert, wie ein solches Setting Kindern und Eltern helfen kann, entspannter mit Essen und Essverhalten umzugehen. Des Weiteren konnte nachgewiesen werden, dass die Symptome der Kinder deutlich zurückgehen. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass ein interdisziplinäres Angebot, das entlang der Bedürfnisse und Ressourcen der Familien schrittweise den Prozess begleitet, einen positiven Einfluss auf die Symptome und Befindlichkeit der Betroffenen hat. Die positiven Effekte der Intervention konnten im Rahmen einer Untersuchung gemessen werden. Dr. phil. Maria Teresa Diez Grieser Gartenhofstr. 1 CH-8004 Zürich E-Mail: mtdiez@bluewin.ch Dr. med. Monika Strauss Kinderspital Zürich Steinwiesstr. 75 CH-8032 Zürich E-Mail: monika.strauss@kispi.uzh.ch 7 Literatur Chatoor, I. (2012): Fütterstörungen bei Säuglingen und Kleinkindern. Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten. Klett-Cotta, Stuttgart Cohen, N. J., Muir, E., Parker, C. J., Brown, M., Lojkasek, M., Muir, R., Barwick, M. (1999): Watch, wait and wonder. Testing the effectiveness of a new approach to mother-infant-psychotherapy. Infant Mental Health Journal, 20, 429 - 451, https: / / doi.org/ 10.1002/ (SICI)1097-0355(199924)20: 4<429: : AID-IMHJ5 >3.0.CO; 2-Q Dunitz-Scheer, M., Wilken, M., Walch, G., Schein, A., Scheer, P. (2000): Wie kommen wir von der Sonde los? ! Diagnostische Überlegungen und therapeutische Ansätze zur interdisziplinären Sondenentwöhnung im Säuglings-und Kleinkindalter. Die Kinderkrankenschwester, 19, 448 - 456 Strauss, M., Pedrina, F. Marti, D. (2011): Wieviel Gramm braucht eine Seele - Psychosomatische Behandlung von Fütter- und Gedeihstörungen im Säuglings- und Kleinkindalter. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 60, 430 - 451, https: / / doi.org/ 10.13109/ prkk.2011.60.6. 430
