Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2019.art18d
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Originalarbeit: Kommunikative Kompetenz, Teilhabe und ICF-CY-Perspektive in der Unterstützten Kommunikation
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Tobias Bernasconi
Stefanie K. Sachse
Der Beitrag entwirft – ausgehend von der teilhabeorientierten ICF-CY-Perspektive und auf der Grundlage des Modells von kommunikativer Kompetenz (Light 1989) – Ideen für eine systematische Interventionsplanung im Kontext Unterstützter Kommunikation. Angestrebt wird die gelingende Alltagskommunikation bei ausgewählten teilhabebezogenen Aktivitäten. Die Identifikation handlungsleitender Aktivitäten bildet den Ausgangspunkt der Interventionsplanung. Die Erweiterung der kommunikativen Kompetenz der Person bei diesen Aktivitäten – unter Berücksichtigung relevanter Kontextfaktoren – sind Gegenstand der Interventionen. Ob die Interventionen erfolgreich sind, zeigt sich in der Alltagskommunikation: Ziel ist, dass die betreffende Person ihre neuen Kompetenzen nutzt und ihre Teilhabe an den identifizierten Aktivitäten zunehmend selbstständiger mitgestalten kann.
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127 Frühförderung interdisziplinär, 38.-Jg., S.-127 - 134 (2019) DOI 10.2378/ fi2019.art18d © Ernst Reinhardt Verlag ORIGINALARBEIT Kommunikative Kompetenz, Teilhabe und ICF-CY-Perspektive in der Unterstützten Kommunikation Grundlagen einer systematischen Interventionsplanung Tobias Bernasconi, Stefanie K. Sachse Zusammenfassung: Der Beitrag entwirft - ausgehend von der teilhabeorientierten ICF-CY- Perspektive und auf der Grundlage des Modells von kommunikativer Kompetenz (Light 1989) - Ideen für eine systematische Interventionsplanung im Kontext Unterstützter Kommunikation. Angestrebt wird die gelingende Alltagskommunikation bei ausgewählten teilhabebezogenen Aktivitäten. Die Identifikation handlungsleitender Aktivitäten bildet den Ausgangspunkt der Interventionsplanung. Die Erweiterung der kommunikativen Kompetenz der Person bei diesen Aktivitäten - unter Berücksichtigung relevanter Kontextfaktoren - sind Gegenstand der Interventionen. Ob die Interventionen erfolgreich sind, zeigt sich in der Alltagskommunikation: Ziel ist, dass die betreffende Person ihre neuen Kompetenzen nutzt und ihre Teilhabe an den identifizierten Aktivitäten zunehmend selbstständiger mitgestalten kann. Schlüsselwörter: Unterstützte Kommunikation, Teilhabe, ICF-CY, Interventionsplanung, Kommunikative Kompetenz Communicative Competence, Participation and ICF-CY Perspective in Augmentative and Alternative Communication. Foundations for Systematic Intervention Planning Summary: This paper presents a systematic approach to intervention planning in Augmentative and Alternative Communication (AAC) based on the ICF-CY perspective on participation combined with an AAC-specific model of communicative competence (Light 1989). The goal of the intervention is successful communication in daily activities. To identify certain activities that matter for the person with complex communication needs and her environment is the first of three steps; intervention with a strong focus on the use of communicative competence in real life situations and contexts the second, and the evaluation of participation during the identified activities the last one. Keywords: Augmentative and Alternative Communication, Participation, ICF-CY, Intervention planning, Communicative Competence Kommunikative Kompetenz in der UK I m Fachgebiet Unterstützte Kommunikation (UK) ist die kommunikative Kompetenz von Menschen ohne verständliche Lautsprache Ausgangs- und Zielpunkt jeder Diagnostik und Intervention. Dabei stellt sich die Frage, wie kommunikative Kompetenz so definiert werden kann, dass die spezifischen Fähigkeiten unterstützt Kommunizierender detailliert und umfassend beschrieben werden können. Hier stellt sich die Frage, wann eine unterstützt kommunizierende Person als kompetenter Gesprächspartner wahrgenommen wird. Light (vgl. 1989, 138) erläutert: Eine unterstützt kommunizierende Person wird dann als kompetent 128 FI 3/ 2019 Tobias Bernasconi, Stefanie Sachse wahrgenommen, wenn Alltagskommunikation gelingt, d. h. wenn die Person ihre Kommunikationsform(en) entsprechend der Erfordernisse der jeweiligen Situation und der beteiligten Gesprächspartner verwendet. Die zentrale Frage von individuellen UK-Interventionen ist demnach auch eine grundsätzliche Frage der Fachdiskussion: Welche Fähigkeiten müssen UK- Anwender/ -innen erwerben, um kompetente Gesprächspartner/ -innen zu werden? Light (1989) beschreibt hier vier UK-spezifische Fähigkeiten: 1. linguistische Fähigkeiten (lexikalische und grammatikalisch-syntaktische Fähigkeiten zur Kombination von Wörtern/ Gebärden, um konkrete Gesprächsbeiträge realisieren zu können); 2. operationale Fähigkeiten (z. B. Wörter auf der Kommunikationshilfe finden, Kommunikationshilfe ansteuern können, um Beiträge in der jeweiligen Kommunikationsform zusammenstellen zu können); 3. soziale Fähigkeiten (sich je nach sozialer Situation und Gesprächspartner adäquat am Gespräch beteiligen und an die Gesprächspartner/ -innen anpassen können); 4. strategische Fähigkeiten (z. B. die kreative Nutzung vorhandenen Wissens und Vokabulars, um fehlende Wörter oder Formulierungen zu umschreiben (vgl. Canale und Swain 1980; Savignon 1983). Es wird deutlich, dass im Sinne dieses Modells z. B. das Finden von Wörtern auf der Kommunikationshilfe nicht ausreicht, um die kommunikative Kompetenz einer Person zu verbessern. Vielmehr gehört z. B. auch die strategische Kompetenz dazu, immer die effektivste Kommunikationsform zu nutzen - also z. B. mit vertrauten Gesprächspartnern körpereigene Kommunikationsformen zu verwenden. Entsprechend verbieten sich Aufforderungen wie ‚Sag’s nochmal mit deinem Talker‘, weil die Person ja schon eine Kommunikationsform gewählt hat, die verstanden wurde. Die kommunikative Kompetenz und deren Nutzung in konkreten Gesprächssituationen wird durch verschiedene förderliche und hemmende Faktoren beeinflusst (vgl. Light 2003): aufseiten der unterstützt kommunizierenden Person vor allem durch psychosoziale Faktoren wie Motivation, Einstellung, Selbstvertrauen und Resilienz; aufseiten des Umfelds z. B. durch Einstellungen, Wissen & Können der Gesprächspartner sowie das Vorhandensein adäquater Kommunikationshilfen mit guten und individuell passenden Wortschätzen. Im Kontext Unterstützter Kommunikation ist kommunikative Kompetenz folglich als interpersonales Konstrukt zu verstehen, welches nicht nur von den Fähigkeiten einer unterstützt kommunizierenden Person abhängt, sondern auch von den Fähigkeiten der Gesprächspartner sowie der Gestaltung des Umfeldes. Diese Sichtweise ist vergleichbar mit der ICF-CY-Perspektive, dass sich die individuelle Leistungsfähigkeit einer Person aus der Wechselwirkung zwischen den Voraussetzungen des Individuums und seinem Umfeld ergibt (vgl. DIMDI 2005, s. u.). Kommunikative Kompetenz Strategische Fähigkeiten Soziale Kompetenzen Linguistische Fähigkeiten Operationale Fähigkeiten Abb. 1: Das Modell kommunikativer Kompetenz in der UK (vgl. Light 1989) 129 FI 3/ 2019 ICF-orientierte Interventionsplanung in der Unterstützten Kommunikation Zusammenfassend ist das übergreifende Ziel von UK-Interventionen damit die gelingende Alltagskommunikation. Dieser Begriff bezieht sich jedoch nicht nur auf die konkrete Kommunikationssituation bzw. nur den Austausch von Inhalten zwischen zwei Personen. Light sieht gelingende Kommunikation als etwas an, was deutlich über den Austausch von Inhalten zwischen Kommunikationspartnern hinausgeht und die Kontext- und Umweltfaktoren mit in den Blick nimmt (Light und McNaughton 2015). Kritische Würdigung des Modells Beukelman und Mirenda (2005, 311) heben die Bedeutung dieses Modells für das Fachgebiet UK hervor: „There is no doubt that Light’s description of these four domains and their importance for persons who communicate with AAC led the field in a new direction.” Zwei Aspekte, welche für die individuelle Interventionsplanung von Bedeutung sind, sollen an dieser Stelle hervorgehoben werden: 1 Der Fokus auf kompetente UK-Nutzung im Alltag und auf die relevanten und konkreten Fähigkeitsbereiche. Den unterstützt Kommunizierenden kommt dabei eine hohe Verantwortung in der Bewältigung von Kommunikationssituationen im Alltag zu und sie werden als gleichwertig im Kommunikationsprozess angesehen. Entsprechend wird die Förderung kommunikativer Kompetenz nicht länger als isolierte und planbare Fördereinheit gesehen, sondern als alltagsintegrierte und alltagsrelevante Planung und Gestaltung von Kommunikationssituationen. 2 Die Möglichkeit, anhand des Modells die Fähigkeiten unterstützt Kommunizierender umfeldbzw. systembezogen zu beschreiben und nicht nur individuelle Schwierigkeiten im Bereich der Kommunikation zu sehen. Eine derart umfangreiche Beschreibung von kommunikativer Kompetenz geht weit über Definitionen von Kommunikation im Sinne eines ‚Sender-Empfänger-Modells‘ hinaus. Es werden verschiedene Aspekte integriert, die insbesondere für unterstützt Kommunizierende eine hohe Relevanz haben, wie beispielsweise das Umfeld sowie Besonderheiten der individuellen alternativen Kommunikationsformen (AKF). Diese Aspekte sind im Fachgebiet in der praktischen Diskussion integraler Bestandteil. Es besteht mittlerweile Einigkeit, dass der Erfolg von UK-Interventionen maßgeblich abhängig ist vom Umfeld der unterstützt Kommunizierenden. Kommunikation, Teilhabe und individuelle Lebenssituation Der Zusammenhang zwischen Kommunikation und Teilhabe ist ein sich gegenseitig beeinflussender: Teilhabe an sozialen Situationen wird durch Kommunikation ermöglicht und verbessert. Gleichsam ist für eine erfolgreiche Kommunikation die Teilhabe an sozialen Situationen essenziell (vgl. Lage 2016, 376). Teilhabe jedoch ist als Interventionsziel nur schwer zu fassen und zu planen, da zum einen unterschiedliche Vorstellungen darüber existieren, was mit Teilhabe gemeint ist, und zudem insb. im Deutschen oftmals inhaltlich schwierige Vermischung mit dem Begriff der Partizipation besteht. Während sich Teilhabe vor allem auf das Einbezogen sein in eine Lebenssituation bezieht, fokussiert Partizipation weitergehend die Mitbestimmung und Gestaltung der Lebenssituation (vgl. Schwab 2016, 127f.). Zum anderen ist Teilhabe nur bedingt zu operationalisieren bzw. eine Operationalisierung von Teilhabe durch ein Messinstrument betrifft ggf. nur einzelne Bereiche der komplexen Lebenssituation eines Menschen. Dennoch ist Teilhabe aktuell einer der zentralen Leitbegriffe innerhalb der Pädagogik für Menschen mit Behinderung. Die Aspekte Teilhabe und Behinderung können sogar als in- 130 FI 3/ 2019 Tobias Bernasconi, Stefanie Sachse haltlich aufeinander bezogen gesehen werden, wenn Behinderung als Einschränkung der Teilhabe angesehen wird (vgl. Schmidt und Dworschak 2011). Dieser Gedanke folgt dem inhaltlichen Modell der International Classification of Functioning (ICF) der WHO. Die Besonderheit des ICF-Modells - dem sog. biopsychosozialen Modell von Behinderung - liegt darin, dass nicht lediglich auf eine funktionale Einschränkung einer Person geblickt wird, sondern vielmehr auf die Wechselwirkungen, die sich sowohl aus dem Umfeld der betreffenden Person als auch aus ihren individuellen Eigenschaften ergeben. Eine Behinderung ist damit nicht kausale Folge einer individuellen Schädigung, sondern entsteht aus der Relation zwischen einem Individuum und seiner Umwelt (vgl. Bernasconi und Böing 2016). Die Möglichkeiten der Teilhabe und Aktivität eines Individuums werden unter Berücksichtigung seiner Körperfunktionen und -strukturen als wesentliche Faktoren betrachtet, die einen Menschen behindert werden lassen. In der Umkehrung entsteht aus einem ‚Nicht-Einbezogensein‘ - aus fehlender Teilhabe und begrenzten Aktivitätsmöglichkeiten - Behinderung. Grundlagen der systematischen Interventionsplanung in der UK In der ICF-CY und ihrer besonderen Struktur wird zunehmend ein Potenzial für die Planung von Interventionen an sich gesehen. Trotz vielfacher Empfehlung, sie als Instrument im Rahmen der Frühförderung zu nutzen, existiert jedoch dafür bisher kein durchgängiges Konzept für alle Handlungsfelder und Anwendungsbereiche. Grund dafür ist die Vielzahl an Items und deren mögliche Kombinationen, die durch das zugrundeliegende philosophischethische Modell von Behinderung jederzeit flexibel und veränderbar sein müssen. Zur Berücksichtigung der ICF-CY-Perspektive in der Praxis ist eine Zielgruppenspezifik erforderlich. Pretis und Berger (2016, 125) merken dazu an: „Die große Herausforderung dieser Umsetzung liegt möglicherweise im Spagat, die Philosophie der ICF-CY und deren ethische Beweggründe […] zu nutzen und die Risiken, die Klassifikationssysteme immer in sich bergen, bewusst einzugrenzen.“ Den unterschiedlichen Ideen und Vorschlägen, die ICF-CY für die Praxis nutzbar zu machen, ist aber vor allem gemein, dass sie sich an der Struktur der ICF orientieren. Dabei bedeutet Orientierung jedoch nicht lediglich die Nutzung einzelner Codes oder die ‚vage Beachtung‘ des Modells, sondern die Beachtung aller in der WHO-Definition genannten Komponenten und deren Wechselwirkungen (vgl. Wolf et al. 2016, 130f.). Ausgangspunkt und Ziel einer ICF-CY-orientierten Interventionsplanung ist dabei in der Regel eine Teilhabemöglichkeit bzw. relevante Aktivität (vgl. ebd. 132). So wird Verbesserung der Teilhabe einer Person in ihrem sozialen Umfeld angestrebt. Diese Perspektive ist auch in ersten Versuchen enthalten, die ICF-CY im Kontext Unterstützter Kommunikation zu nutzen (vgl. z. B. Rowland et al. 2012). Für Menschen mit fehlender Lautsprache steht in diesem Verständnis nicht nur die fehlende oder kaum verständliche Lautsprache (z. B. als Folge einer infantilen Cerebralparese) oder die Beschaffung und funktionale Anwendung einer alternativen Kommunikationsform im Fokus der Intervention. Handlungsleitend sind vielmehr Teilhabe bzw. teilhabebezogene Aktivitäten der Person unter Beachtung aller auf die Situation einwirkenden Faktoren. Diese Faktoren können sowohl die Person selbst betreffen (z. B. hohe oder niedrige Motivation sich mitzuteilen, selbst entwickelte Strategien, bisherige Erfahrungen mit UK etc.) als auch das Umfeld (Bereitschaft zur Nutzung von UK, Wissen über UK, Bereitschaft sich ggf. zu verändern etc.). Die Identifikation handlungsleitender Aktivitäten bildet den Ausgangspunkt der Interventionsplanung. D. h. es werden solche Aktivitäten beschrieben, bei denen die Teilhabemöglich- 131 FI 3/ 2019 ICF-orientierte Interventionsplanung in der Unterstützten Kommunikation keiten der betreffenden Person aufgrund der kommunikativen Einschränkung aktuell begrenzt sind, bei denen mehr Teilhabe aber als individuell bedeutsam angesehen wird. Die Gründe dafür können vielfältig sein: persönliches Interesse, wichtig für die Entwicklung, relevant für das Zusammensein mit anderen usw. Hier werden im Team mit den betreffenden Personen eine oder mehrere Aktivitäten ausgewählt, die im Rahmen der UK-Interventionen systematisch erweitert werden sollen. Zur Ableitung von konkreten, d. h. operationalisierbaren Interventionszielen und Inhalten bietet das oben beschriebene Modell kommunikativer Kompetenz eine differenzierte Grundlage. Die immanente Passung zur ICF-CY ergibt sich v. a. aus dem Fokus auf gelingende Alltagskommunikation bzw. gelingende Teilhabe. Durch die Verbindung der ICF-CY-Perspektive mit dem Modell kommunikativer Kompetenz können Ziele so beschrieben werden, dass neue Fähigkeiten tatsächlich die Erweiterung der Teilhabe anstreben. Dieser Paradigmenwechsel, d. h. der verstärkte Fokus auf die sozialen Aspekte und Teilhabe wird in den letzten Jahren konsequent gefordert (vgl. Klang et al. 2016; Pless und Granlund 2012). Klang et al. (2016) analysieren in diesem Zusammenhang, welche Ziele für Schülerinnen und Schüler mit komplexen kommunikativen Beeinträchtigungen in deren Förderplänen festgehalten werden. Sie stellen fest, dass sich die Ziele nur selten auf den Austausch und die Teilhabe in Schule und Freizeit beziehen. Auch Light und McNaughton (2015) kritisieren, dass Ziele von UK-Interventionen oftmals auf die Person selber und eher kurz- oder mittelfristig formu- Kommunikative Kompetenz Strategische Fähigkeiten Soziale Kompetenzen Linguistische Fähigkeiten Operationale Fähigkeiten Körperfunktionen und -strukturen Partizipation (Teilhabe) Aktivitäten Gesundheitsproblem (Gesundheitsstörung oder Krankheit) Umweltfaktoren personbezogene Faktoren Analyse des Lebensalltags einer Person zur Identifikation relevanter Aktivitäten und Kontextfaktoren Operationalisierung von Interventionszielen anhand des Modells der kommunikativen Kompetenz Rückführung der Ziele in den Lebensalltag der betreffenden Person Abb. 2: UK-Interventionsplanung auf der Grundlage der ICF-CY und dem Modell der kommunikativen Kompetenz 132 FI 3/ 2019 Tobias Bernasconi, Stefanie Sachse Übergreifendes Interventionsziel: Gelingende Alltagskommunikation Planungsebene Zielbeschreibung Teil A: Aktivitäten für Lisa, 4 J. identifizieren und Teilhabemöglichkeiten beschreiben Kommunizieren als Sender (Sprechen: d330, d340) n Welche Aktivitäten sind für die unterstützt kommunizierende Person und ihr Umfeld von Interesse? Lesen lernen (d140); konkret soll Lisa eine aktivere Rolle beim Buch Anschauen übernehmen n Welche Schwierigkeiten bestehen hinsichtlich der Teilhabe bei diesen Aktivitäten? Lisa ist noch weitgehend abhängig von ihrem Umfeld und gut eingesetzten kleinen Kommunikationshilfen wie BigMack und StepbyStep n Welche individuellen Fähigkeiten nutzt die unterstützt kommunizierende Person bereits zur Kompensation von entstehenden Schwierigkeiten? (personenbezogene Faktoren) Zeigt Interesse an Personen und ihrem Umfeld, nimmt Blickkontakt auf, zeigt, wenn sie eine Situation verändern will n Welche Besonderheiten (Eigenschaften von Personen, räumliche-sächliche oder strukturelle Besonderheiten), im Umfeld der unterstützt Kommunizierenden sind förderlich oder hemmend für die Teilhabe in einzelnen Alltagsbereichen? (Umweltfaktoren) Förderlich: gut motiviertes Umfeld, das die Kommunikationshilfen zunehmend mehr nutzt und zunehmend mehr den Einsatz der Hilfe modelt und einfordert Hemmend: Bezugspersonen geben Lisa z. T. zu wenig Zeit und erwarten kaum Äußerungen von ihr Teil B: Bereiche der kommunikativen Kompetenz konkret beschreiben n Linguistische Fähigkeiten Nutzt beim Vorlesen einen BigMack mit einer wiederkehrenden Zeile („Aber satt war sie noch lange nicht“) und einen zweiten um „weiter“-lesen einzufordern n Operationale Fähigkeiten Stellt die Kommunikationshilfen so, dass sie diese beim Lesen erreichen kann; merkt, wenn die Hilfe nicht auslöst n Soziale Fähigkeiten Schaut nach „weiter“ erwartungsvoll zum Erwachsenen - ob dieser umblättert n Strategische Fähigkeiten Drückt noch einmal, wenn Hilfe nicht ausgelöst hat oder wenn die Aussage nicht gehört wurde Teil C: Kontrolle im Lebensalltag n Hat sich die Teilhabe an der gewählten Aktivität im Alltag verbessert? Inwiefern? n Welche Schwierigkeiten bestehen (weiterhin)? n Was sind Ansatzpunkte für weitere Interventionen? Lisa übernimmt eine aktivere Rolle beim Vorlesen, allerdings werden bisher nur exakt die Bücher und Aussagen von den Eltern angeboten, die in der Beratung vorgeschlagen wurden; in Zukunft weitere Beispiele gemeinsam zusammentragen und die Eltern dabei unterstützen, dass sie mehr selbst vorschlagen, ausprobieren usw. Tab. 1: Beispiel für die konkrete Umsetzung liert werden, z. B., dass eine Person bestimmte Wörter auf der Kommunikationshilfe lernt oder mittels Gebärden anzeigt, dass sie z. B. etwas trinken oder ein bestimmtes Spiel spielen möchte. Hier müssen sich die Beteiligten immer die kritische Frage stellen, ob und wie diese (isolierten) Fähigkeiten tatsächlich zur Erweiterung der Teilhabe beitragen bzw. welche weiteren Angebote berücksichtigt werden müssen, um das aktive Mitgestalten der teilhabebezogenen Aktivitäten sicherstellen zu können. 133 FI 3/ 2019 ICF-orientierte Interventionsplanung in der Unterstützten Kommunikation Aus diesen Ausführungen resultieren folgende Schritte einer systematischen UK-Interventionsplanung, die dem Teilhabefokus der ICF-CY- Perspektive folgt und zielgruppenspezifisch das Modell der kommunikativen Kompetenz berücksichtigt. Das übergreifende Interventionsziel ist dabei stets die gelingende Alltagskommunikation im Sinne einer Verbesserung der alltäglichen kommunikativen Situation (Kommunikation als Sender & Empfänger) einer Person in ihrem Lebensumfeld (s. a. Abb. 2 und Tab. 1 mit einem Beispiel): A. Aktivitäten identifizieren und Teilhabemöglichkeiten beschreiben B. Bereiche der kommunikativen Kompetenz operationalisierbar beschreiben (ein umfangreicher Katalog mit operationalisierten Items findet sich bei Sachse und Bernasconi 2018) C. Kontrolle im Lebensalltag: Ob die Interventionen erfolgreich sind oder nicht, zeigt sich in der (gelingenden) Alltagskommunikation bei der Realisierung der individuell fokussierten Aktivitäten (vgl. Abb. 2). Die ICF-CY-Perspektive ermöglicht demnach zunächst die Identifikation nachhaltiger und langfristiger UK-Interventionsziele. Diese können auf der Grundlage des Modells der kommunikativen Kompetenz operationalisiert und systematisch geplant werden. Dabei wird der Fokus nicht einseitig auf die Person und ihre derzeitigen Fähigkeiten in einer Domäne (z. B. linguistische Fähigkeiten) gelegt, sondern ein umfassender Blick auf das System ermöglicht. Bei der hier beispielhaft dargestellten Vorgehensweise werden die Vorteile beider Modelle genutzt. Entscheidend ist dabei nicht primär, dass Förderziele im Kodierungssystem der ICF-CY abgebildet werden können, sondern dass die besondere Philosophie der ICF-CY aufgegriffen und in die Intervention und in den Alltag implementiert wird (vgl. auch Wolf et al. 2016, 130). Entsprechend ermöglicht dieses Vorgehen höchste Individualität bei der Beschreibung der Interventionen und wendet sich von dem Gedanken ab, „dass auf eine Standard- Diagnose eine Standard-Therapie zu erfolgen hat“ (Grötzbach und Iven 2009). Bedeutung für die Praxis Mit der ICF-CY liegt ein primär beschreibendes Instrument (vgl. Pretis 2014, 241) vor, das bei der Interventionsplanung in der UK genutzt werden kann: zum einen kann die aktuelle Lebenssituation einer Person umfassend beschrieben werden; zum anderen können Aktivitäten identifiziert werden, die ein Potenzial zur Verbesserung der Teilhabe der Person haben. Die kommunikativen Fähigkeiten, die erforderlich sind, um diese Aktivitäten erfolgreich (mit-)gestalten zu können, werden anhand des Modells der kommunikativen Kompetenz mit vier ausdifferenzierten Fähigkeitsbereichen operationalisiert. Dieses Vorgehen ermöglicht das Anknüpfen am konkreten Alltag der Person und die Planung von Interventionszielen, welche nicht lediglich die Ebene der Person fokussieren, sondern auch vorhandene Ressourcen sowie hemmende Faktoren des sozialen und kulturellen Umfelds berücksichtigen. Neben einer besseren Verständigung in multiprofessionellen Teams durch die Nutzung der Struktur der ICF-CY wird so zudem dem Paradigmenwechsel innerhalb der UK entsprochen, der insbesondere die Integration der Perspektive der Kinder in die Intervention betont (vgl. Nilsson et al. 2015; Klang et al. 2016). Tobias Bernasconi Universität zu Köln Habsburger Ring 1 50674 Köln E-Mail: tobias.bernasconi@uni-koeln.de Stefanie K. Sachse Universität zu Köln Habsburger Ring 1 50674 Köln E-Mail: stefanie.sachse@uni-koeln.de 134 FI 3/ 2019 Tobias Bernasconi, Stefanie Sachse Literatur Bernasconi, T., Böing, U. (2016): Schwere Behinderung und Inklusion? ! Skizzen einer nicht ausgrenzenden Pädagogik. In: Behindertenpädagogik 55, 270 - 284 Beukelman, D. R., Mirenda, P. (2005): Augmentative & alternative communication supporting children and adults with complex communication needs. Brookes, Baltimore Canale, M.. Swain, M. (1980): Theoretical bases of communicative approaches to second language teaching and testing. Applied Linguistics 1, 1 - 47, https: / / doi.org/ 10.1093/ applin/ 1.1.1 DIMDI (2005): ICF - Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit. Hrsg. v. Deutsches Institut für medizinische Dokumentation und Information. 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