eJournals Frühförderung interdisziplinär38/3

Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2019.art22d
1_038_2019_3/1_038_2019_3.pdf71
2019
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Rezension: Michael J. Guralnick, Effective Early Intervention. The Developmental Systems Approach

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2019
Franz Peterander
Er hat es wieder getan. Nach seinem 1993 erschienenen, viel beachteten Buch über die Effektivität der Frühförderung hat Michael J. Guralnick in 2019 ein zweites Buch zu diesem überaus wichtigen Thema veröffentlicht – mit einem erweiterten Fokus auf die systemischen Aspkete zum Gelingen der Frühförderung für Kinder mit Beeinträchtigungen, ihre Eltern und die Gesellschaft. Dazu hat er ein Rahmenkonzept mit einem systemischen Ansatz entwickelt. Gleich vorneweg: sein neues Buch stellt auf wissenschaftlicher Grundlage eine für die Interdisziplinäre Frühförderung in vielfacher Weise wichtige und hiflreiche Ressource für alle in diesem Feld engagierten Fachleute sowie Politiker dar. [...]
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161 FI 3/ 2019 Rezensionen Michael J. Guralnick Effective Early Intervention. The Developmental Systems Approach Paul Brookes/ Baltimore, 2019, 370S., $ 88,- Er hat es wieder getan. Nach seinem 1993 erschienenen, viel beachteten Buch über die Effektivität der Frühförderung hat Michael J. Guralnick in 2019 ein zweites Buch zu diesem überaus wichtigen Thema veröffentlicht - mit einem erweiterten Fokus auf die systemischen Aspkete zum Gelingen der Frühförderung für Kinder mit Beeinträchtigungen, ihre Eltern und die Gesellschaft. Dazu hat er ein Rahmenkonzept mit einem systemischen Ansatz entwickelt. Gleich vorneweg: sein neues Buch stellt auf wissenschaftlicher Grundlage eine für die Interdisziplinäre Frühförderung in vielfacher Weise wichtige und hiflreiche Ressource für alle in diesem Feld engagierten Fachleute sowie Politiker dar. Als Professor für Psychologie und Medizin arbeitet und forscht Michael Guralnick an der University of Washington in Seattle und leitet seit vielen Jahren eines der renommiertesten und mit 600 MitarbeiterInnen größten interdisziplinären Forschungs- und Trainingszentren zur Förderung von Kindern mit Entwicklungsverzögerungen und -behinderungen in den Vereinigten Staaten (Center on Human Development and Disability - CHDD). In den USA hat der Bereich der frühen Kindheit auch in der Forschung einen hohen Stellenwert, was daher viele von uns häufig über den Atlantik blicken lässt. Guralnick hat Forschung und Praxis stets verbunden, Hunderte von Publikationen zur frühen Kindesentwicklung und insbesondere zur Frühförderung belegen seine eindrucksvolle wissenschaftliche Arbeit. Daneben kommt Michael Guralnick das große Verdienst zu, als Gründer und Präsident der International Society on Early Intervention (www.ISEI.com) alle drei Jahre die Community in der Frühförderung durch Weltkongresse zusammenzuführen und durch einen intensiven fachlichen Austausch die Theorie und Praxis der Frühförderung auf internationaler Ebene voran- 162 FI 3/ 2019 Rezensionen zubringen. Nach Rom, New York und Stockholm findet der ISEI Kongress dieses Jahr im Juni in Sydney/ Australien statt. Nun hat Michael Guralnick also ein in der Fachszene schon ungeduldig erwartetes Buch zur Effektivität der Frühförderung veröffentlicht. Auf 370 Seiten und unterteilt in 6 Kapitel sind die wesentlichen Komponenten einer wirksamen Interdisziplinären Frühförderung auf neuen empirischen Studien basierenden Ergebnissen übersichtlich dargestellt. Die größte Bedeutung für eine effektive Frühförderung sieht Guralnick in der Tatsache begründet, dass die Interdisziplinäre Frühförderung heute generell über wissenschaftlich fundierte Rahmenkonzepte verfügt. Er beschreibt dabei das von ihm entwickelte Rahmenkonzept „Developmental Systems Approach“ - DSA, als einen systemischen Ansatz, der auf vielfältigen interdisziplinären Grundlagen basiert. Sein Ansatz führt die Entwicklungswissenschaften (developmental science), die Kenntnis der Risiko- und Schutzfaktoren bei Kindern mit Behinderungen, die Interventionsforschung zu Förderprozessen (Intervention Science) und einen regionalen Ansatz in Theorie und Praxis der Frühförderung zusammen (Community Practice). Sein Rahmenmodell stellt nach seiner Aussage kein explizites Förderkonzept dar. Es zielt vor allem darauf ab, die wesentlichen inhaltlichen und organisatorischen Wirkvariablen in Beziehung zueinander zu setzen, übergreifende Förderprinzipien zu benennen und bedeutsame Entwicklungsmechanismen transparent zu machen. Sein Rahmenmodell ist ein überzeugender Ansatz, um Prozesse der Frühförderung tiefgreifend zu verstehen - und es stellt zugleich eine Leitlinie zur Verbesserung der Wirksamkeit der Arbeit der FrühförderInnen dar. In der Einleitung setzt sich Guralnick mit den theoretischen Grundlagen der heutigen Interdisziplinären Frühförderung auseinander (S. 23 - 48). In den folgenden Kapiteln II - V (S. 65 - 336) diskutiert er die internationale Literatur zu vier Gruppen von Kindern mit Beeinträchtigungen - stets mit Blick auf die Qualität und Wirksamkeit der Förderung: II. Frühgeborene Kinder (Preterm Birth, S. 65 - 124) III. Kinder mit Entwicklungsrisiken (Environmental Risk, S. 125 - 196) IV. Kinder mit Entwicklungsverzögerungen (Developmental Delays, S. 197 - 246) V. Kinder mit Autismus (Autism Spectrum Disorder, S. 247 - 336). Er wählt bei der Darstellung und Diskussion der Forschungsergebnisse für jede der vier Gruppen jeweils die gleiche Vorgehensweise, was den Lesern angesichts der Komplexität des Themas „Effektivität“ das Verständnis erleichtert: zuerst erfolgt auf der Grundlage der Ergebnisse der Entwicklungswissenschaften eine fachliche Auseinandersetzung zum Bereich der jeweiligen kindlichen Beeinträchtigung (Developmental Science). Nachfolgend werden in einem zweiten Schritt die wissenschaftlich fundierten Interventionskonzepte und ihre Umsetzung in der Gemeinde/ Region dargestellt (Intervention Science and Community Systems). Dieses Vorgehen erlaubt einen Überblick über die Vielfalt der frühförderrelevanten (Langzeit-)Studien und den gegenwärtigen Stand der Theorie und der internationalen Forschung und Praxis zur Wirksamkeit der Frühförderung. Einen breiten Raum nehmen in der Diskussion die für den Förderprozess zentralen Themen der Kindsentwicklung und die Bedeutung des Familiensystems ein. Auf hohem wissenschaftlichen Niveau erfolgt die Herausarbeitung entscheidender Wirkfaktoren. Diese Kapitel sind wie Monografien konzipiert, wobei Theorie, Forschung und Praxis aufeinander bezogen diskutiert werden, um daraus neue interessante Perspektiven und Methoden für die Weiterentwicklung einer wirksamen Frühförderung zu konzipieren. Guralnick hat mit Verweis auf die Originalstudien auf die Präsentation der in den Publikationen angewandten statistischen Verfahren und Detailergebnisse verzichtet. Stattdessen werden die Ergebnisse der zitierten Studien in ihrer Bedeutung für die Interdisziplinäre Frühförderung reflektiert und kritisch kommentiert. Dabei verliert er Fragen zur Umsetzung und den praktischen Wert der Ergebnisse nicht aus dem Blick. 163 FI 3/ 2019 Rezensionen Im abschließenden sechsten Kapitel widmet sich Guralnick in seinem Resümee denjenigen Aspekten, die für die Weiterentwicklung und Verbesserung einer systemischen, interdisziplinären und regionalen Frühförderung von Bedeutung sind. Er benennt Faktoren, Mechanismen, Beziehungs- und Förderprozesse, die die hohe Qualität einer Interdisziplinären Frühförderung kennzeichnen. Auch hier weist Michael Guralnick wieder auf die Bedeutung der engen Kooperation mit den Eltern hin, wenn die Interdisziplinäre Frühförderung eine hohe Wirksamkeit aufweisen soll. Sehr zu begrüßen ist der Hinweis von Guralnick auf die zentrale Bedeutung und Verantwortung von Politik und Gesetzgebung für das System der Interdisziplinären Frühförderung. Aus seiner Sicht hat die Sozialpolitik die Aufgabe, auf der Grundlage der vorliegenden wissenschaftlichen Ergebnisse die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit im Alltag die hohe Qualität der Interdisziplinären Frühförderung finanziell und gesellschaftlich umgesetzt werden kann. Dies beinhaltet die Schaffung geeigneter organisatorischer Rahmenbedingungen, Ressourcen für den Aufbau Interdisziplinärer Frühförderstellen, Mittel für die Ausbildung von Fachleuten und den Aufbau interdisziplinärer Teams. Dem ist in jeder Weise und mit allem Nachdruck zuzustimmen. Wie die Ergebnisse von Michael Guralnick eindrucksvoll zeigen, verfügen wir heute im System der Interdisziplinären Frühförderung über die notwendigen Erfahrungen, über das Wissen, die Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie über wissenschaftlich fundierte Konzepte zur Umsetzung einer effektiven Frühförderung. Ein äußerst gelungenes und wichtiges Buch als Grundlage für eine moderne und innovative Interdisziplinäre Frühförderung, das jeder verantwortlichen Person sehr zu empfehlen ist - zum Wohl der Kinder, der Familien und der Gesellschaft. Mit dem Zitat der letzten Sätze des Buches sollen den Lesern die Wünsche und Hoffnungen von Michael Guralnick für die Zukunft der Interdisziplinären Frühförderung nicht vorenthalten werden, sind es doch auch unsere Wünsche und Hoffnungen: „All of us in the early intervention field take justifiable pride in celebrating the extraordinary accomplishments that have substantially benefitted vulnerable children and their families. In many respects, the reason behind that progress has been our ability to integrate the domains of developmental science, our knowledge of risk and disability, intervention science, and the practice of early intervention. Further progress in the field will require advances in each domain and advances in their integration. By combining this increasing Ievel of integration across domains with policies that support all sectors relevant to early intervention, communities will be moving further toward optimizing family patterns of interaction and therefore the development and well-being of vulnerable children and their families.“ (S. 346). Prof. Dr. F. Peterander DOI 10.2378/ fi2019.art22d