Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2020.art17d
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2020
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Rezension: Julie von Bismarck. 84 Monate - Sieben Jahre gefangen im Kinderwunsch
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2020
Annabel Zwönitzer
Das Buch „84 Monate – Sieben Jahre gefangen im Kinderwunsch“ ist ein autobiografischer Erfahrungsbericht über das Leben eines jungen Ehepaares, welches mit einem unerfüllten Kinderwunsch lebt. Es beschreibt die extremen physischen und psychischen Belastungen des Paares, die es in dieser Zeit durchleben muss. Julie von Bismarck berichtet aus dem Moment der letzten gescheiterten künstlichen Befruchtung heraus retrospektiv über die langjährigen Versuche, ein Kind zu bekommen, und die damit verbundenen Entbehrungen sowie die körperlichen und seelischen Verletzungen und Belastungen. [...]
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170 FI 3/ 2020 REZENSIONEN Julie von Bismarck 84 Monate - Sieben Jahre gefangen im Kinderwunsch Piper, 1. Auflage, 2019, 304 S., € 15,- Das Buch „84 Monate - Sieben Jahre gefangen im Kinderwunsch“ ist ein autobiografischer Erfahrungsbericht über das Leben eines jungen Ehepaares, welches mit einem unerfüllten Kinderwunsch lebt. Es beschreibt die extremen physischen und psychischen Belastungen des Paares, die es in dieser Zeit durchleben muss. Julie von Bismarck berichtet aus dem Moment der letzten gescheiterten künstlichen Befruchtung heraus retrospektiv über die langjährigen Versuche, ein Kind zu bekommen, und die damit verbundenen Entbehrungen sowie die körperlichen und seelischen Verletzungen und Belastungen. Das frisch verheiratete Paar lebt zu Beginn des aufkeimenden Kinderwunsches ein sorgloses Leben, auch eine Schwangerschaft stellt sich schnell ein. Nach einer Fehlgeburt in den ersten Wochen und den darauf notwendigen mehrmaligen gynäkologischen Behandlungen wird die Gebärmutter der Frau nachhaltig geschädigt. Dennoch wird das Paar weiterhin im Glauben gelassen, alles sei in bester Ordnung und sie hätten die besten Voraussetzungen, mithilfe der modernen Kinderwunschbehandlungen trotzdem ein Kind bekommen zu können. So beschreibt die Autorin sehr mitreißend, wie sie immer wieder überzeugt werden, weitere und auch invasivere Methoden über sich ergehen zu lassen, um sich den Wunsch vom leiblichen Kind doch noch zu erfüllen. Teils wird dabei die Gesundheit von Julie von Bismarck gefährdet, auch finanziell deutet sich eine starke Belastung an. Immer wieder werden neue Experten konsultiert, neue Methoden getestet und immer wieder gibt es einen neuen Hoffnungsschimmer, der das Paar zum Weitermachen motiviert. Die ersehnte Schwangerschaft will sich jedoch nicht einstellen. Es handelt sich um ein ausgesprochen gut zu lesendes Buch, das das psychische Erleben von Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch, die die Methoden der Reproduktionsmedizin nutzen, sehr gut darstellt und verdeutlicht, wie unglaublich kräftezehrend dieser Prozess sein kann und wie belastend die Behandlungen nicht nur für die Gesundheit der Frau, sondern insbesondere für die Lebensqualität des Paares sein können. Nicht nur die Partnerschaft als solches, sondern auch alle sozialen Beziehungen des Paares werden auf eine harte Bewährungsprobe gestellt. Die Belastungen, die in diesem Zeitraum erlebt werden, müssen sicherlich auch bei Eltern, die beispielsweise im Rahmen der Frühförderung beraten werden, wieder aufgegriffen werden und erklären möglicherweise Verhaltensweisen im Erziehungs- und Beziehungsverhalten mit ihrem Kind maßgeblich. Daher ist es wichtig, sich mit der psychischen Situation der Eltern und ihrem Leidensweg bis zum erfüllten Kinderwunsch auseinanderzusetzen. Der Erfahrungsbericht von Julie van Bismarck stellt dabei einen wichtigen, aber auch subjektiven Einblick in die Lebenswelt von Paaren in ähnlichen Situationen dar. Es muss klar gesehen werden, dass das Paar das Glück hat, über scheinbar gute finanzielle Mittel zu verfügen. Zum einen haben sie die Möglichkeit, die invasiven und kostenintensiven Behandlungen zu ermöglichen, und zudem können sie es sich leisten, in Behandlungspausen längere Urlaube im Ausland zu verbringen, die ihnen viel Kraft gegeben haben. Dabei handelt es sich sicher um wichtige Ressourcen, die jedoch nicht jedem Paar in ähnlicher Situation gegeben sind. Annabel Zwönitzer DOI 10.2378/ fi2020.art17d
