eJournals Frühförderung interdisziplinär40/1

Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2021.art04d
1_040_2021_1/1_040_2021_1.pdf11
2021
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Mit disziplinären Wurzeln interdisziplinäre Netze knüpfen

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2021
Heidi Simoni
Gute Rahmenbedingungen, Infrastruktur und Angebote für Kinder und Familien beruhen auf einer Politik „der frühen Kindheit“, wie sie etwa die Schweizerische Kommission der UNESCO postuliert.1 Initiativen wie Frühe Hilfen2 oder Programme wie Primokiz2 bieten Kommunen oder Kantonen und Bundesländern Konzepte und Instrumente zur Entwicklung, Umsetzung und Evaluation einer derartigen Politik. [...]
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Frühförderung interdisziplinär, 40.-Jg., S.-20 - 22 (2021) DOI 10.2378/ fi2021.art04d © Ernst Reinhardt Verlag 20 Mit disziplinären Wurzeln interdisziplinäre Netze knüpfen Heidi Simoni FRÜHFÖRDERUNG NEU DENKEN 40. Jahrgang Gute Rahmenbedingungen, Infrastruktur und Angebote für Kinder und Familien beruhen auf einer Politik „der frühen Kindheit“, wie sie etwa die Schweizerische Kommission der UNESCO postuliert. 1 Initiativen wie Frühe Hilfen 2 oder Programme wie Primokiz 2 bieten Kommunen oder Kantonen und Bundesländern Konzepte und Instrumente zur Entwicklung, Umsetzung und Evaluation einer derartigen Politik. Das Programm Primokiz beinhaltet ein Modell aus Säulen und Ebenen. Dessen drei tragende Säulen bilden das Bildungs-, Sozial- und Gesundheitssystem. Sie sollen zugunsten der jüngsten Einwohnerinnen und Einwohner zusammenspannen und übergreifend reflektieren, planen und handeln. Der Boden der vier konstituierenden Ebenen des Modells besteht aus dem Kinderschutzsystem, das Dach bilden familien- und kinderfreundliche Gesetzgebung und Infrastrukturen sowie Angebote, die allen Kleinkindern und ihren Familien zugutekommen. Die mittleren beiden Ebenen stehen für Angebote und Maßnahmen, die sich entweder an bestimmte Gruppen von Kindern und Familien oder an einzelne Kinder und Familien mit einem spezifischen Unterstützungsbedarf richten. Die Ebenen könnten mit den Begriffen „indizierte Intervention“ sowie „universelle“, „selektive“ und „indizierte Prävention“ etikettiert werden. Der Begriff der Prävention greift jedoch insbesondere mit Blick auf die frühe Kindheit zu kurz: Die Verhinderung von Fehlentwicklungen und Störungen steht an zweiter Stelle, die erste gebührt der Förderung gelingender Entwicklung. Frühe Förderung oder Frühförderung? Das Schlagwort frühe Förderung ist anders als das Konzept der Frühförderung deutlich jünger. Ersteres ist seit wenigen Jahren in aller Munde und war zeitweise auf vielen politischen Programmen zu finden. Entsprechend kann frühe Förderung für Verschiedenes stehen und auch Unterschiedliches suggerieren. Es stellen sich Fragen wie: Wer und was soll gefördert werden? Warum ist frühe Förderung notwendig? Sind Kleinkinder unfertige, defizitäre Wesen? Oder sind es die bzw. manche Eltern, die einen Förderbedarf bei ihren Kindern verschulden? Oder geht es bei früher Förderung vielmehr darum, jedes Kind in seiner Entwicklung so zu unterstützen, dass es seine Persönlichkeit und sein Potenzial entfalten kann? Das Nachhaltigkeitsziel 4.2 der UNESCO 3, 4 hilft klären: Bis 2030 soll sichergestellt sein, dass alle Mädchen und Jungen Zugang zu hochwertiger früher Betreuung, Erziehung und Vorschulbildung haben, damit sie auf die Primarschule vorbereitet sind. Es zählt also jedes Kind und es geht offenbar um ein System, das etwas sicherstellen soll. Qualitativ hochwertige frühe Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE) bietet Kindern eine anregende soziale und materielle Umgebung im Sinne des Orientierungsrahmens für FBBE in der Schweiz: „Kinder entdecken die Welt. Angespornt von ihrer Neugier. Aufmerksam begleitet von uns.“ 5 21 FI 1/ 2021 Mit disziplinären Wurzeln interdisziplinäre Netze knüpfen Das übergeordnete Nachhaltigkeitsziel 4 der UNESCO postuliert: Inklusive, gleichberechtigte und hochwertige Bildung gewährleisten und Möglichkeiten lebenslangen Lernens für alle fördern. Das Berufsfeld der Frühförderung passt sehr gut zu den genannten Nachhaltigkeitszielen, weil diese letztlich auf gesellschaftliche Teilhabe zielen. Frühförderung meint die Förderung von Kindern, die besondere, nämlich heilpädagogische Begleitung und Unterstützung benötigen, um sich in den ersten Lebensjahren gut zu entwickeln und entsprechend ihrer Möglichkeiten und Bedürfnisse teilhaben zu können. Was gefährdet und schützt gelingende frühe Entwicklung? Der Stand der Erkenntnisse dazu, welche Faktoren und Prozesse eine gute frühe Entwicklung gefährden und schützen, legen ein systemisches Verstehen und Handeln aus verschiedenen Gründen zwingend nahe. So gilt es neben Voraussetzungen des Kindes und dem Entwicklungsverlauf erstens die Qualität der Beziehungen des Kindes und den Anregungsgehalt seines Umfeldes und zweitens die psychosoziale Gesamtsituation der Familie in den Blick zu nehmen. Anhaltend hoch belastende Lebensumstände können auch an sich gute elterliche Kompetenzen zermürben und damit die gelingende Entwicklung eines Kindes erheblich beeinträchtigen. Soziale Entlastung und ein wertschätzender, Ressourcen stärkender Einbezug der Eltern kann viel Positives bewirken. Dies gilt nicht zuletzt deshalb, weil damit die Wirkung der heilpädagogischen Arbeit überhaupt erst und nachhaltig zum Tragen kommen kann. Je nach Situation und Unterstützungsbedarf von Kind und Familie ist eine hochspezifische zeitlich begrenzte Intervention und/ oder eine Begleitung mit Kontinuität eventuell sogar über die frühe Kindheit hinaus wichtig. So oder so geht es darum, rechtzeitig und in passender Form und Dosis passende Unterstützung zur Verfügung zu stellen, damit sich Kinder trotz isolierter oder multipler Beeinträchtigungen und Belastungen so gut wie möglich entwickeln können und entwicklungspsychopathologische Prozesse möglichst vermieden werden. Die intensive Dynamik zwischen individuellen Voraussetzungen des Kindes selbst, der Qualität seiner nahen Beziehungen und die psychosozialen Voraussetzungen der Familie stellt auch vielschichtige Anforderungen an Diagnostik und Planung von Interventionen. Dies ist auch ein wichtiger Grund, warum es zum Standard der Frühförderung gehört, mehraxiale Erfassungsinstrumente sowohl für die eigene Arbeit wie für die Zusammenarbeit mit allen anderen Involvierten zu nutzen. Interdisziplinäre Frühförderung: Teilsystem und Knoten in einem umfassenden Versorgungsnetz Ein tragfähiges, funktionales Netz zeichnet sich durch fixe Knoten, flexible Verbindungen und zum Zweck passende Zwischenräume aus. Dies gilt auch für Netzwerke zur Unterstützung von Kindern und ihren Bezugspersonen. „Interdisziplinäre Frühförderung“ bezeichnet in einem umfassenden Versorgungsnetz einen bestimmten Knoten und ebenso das ihn umgebende Teilsystem. In beiderlei Hinsicht entspricht es dem aktuellen Stand der Fachlichkeit, dass die Früherziehung interdisziplinär und systemisch arbeitet. Das Teilsystem der interdisziplinären Frühförderung umfasst Fachpersonen und Behörden, die gemeinsam mit der Heilpädagogin und idealerweise koordiniert von einer Frühförderstelle, Kinder und ihre Familie in ihrer Entwicklung passend zu einem spezifischen Bedarf unterstützen. Der Kinderarzt/ die Kinderärztin gehört ebenso dazu wie eventuell die Sozialhilfe und Fachpersonen einer Spielgruppe oder Kita. Sie können je mit ihrem eigenen Fachwissen und im Rahmen ihres Wirkungsradius Wichtiges zur 22 FI 1/ 2021 Heidi Simoni 40. Jahrgang Frühförderung beitragen oder sie werden von der Spezialistin/ dem Spezialisten für Frühförderung angeleitet. So kann ein Kind mit einem zusätzlich spezifischen Unterstützungsbedarf wie alle anderen Kinder von einer bildungsorientierten Kita, die beispielsweise mit der Methode der Bildungs- und Lerngeschichten arbeitet, profitieren. Die Heilpädagogin/ der Heilpädagoge kann anderen Beteiligten erklären, wie sie ein Kind mit bestimmten Einschränkungen individuell unterstützen können. Oder die Logopäd/ in dient den Erzieher/ innen als Modell, wie sie bei Kindern mit einer verzögerten oder blockierten Spiel- und Sprachentwicklung die Lust an der (verbalen) Kommunikation und am Spiel wecken können. Eine systemische Herangehensweise bedeutet zudem auch, dass die Fachperson für Frühförderung so vernetzt ist, dass sie wenn dies angezeigt ist, rechtzeitig eine Stabübergabe an die Schule oder die schulische Heilpädagogik an die Hand nehmen kann. Im Zentrum der interdisziplinären Frühförderung steht die eigentliche heilpädagogische Arbeit mit dem Kind und seiner Familie. Systemisch ist diese Facharbeit, weil die Heilpädagog/ in das unmittelbare Beziehungsumfeld des Kindes einbezieht bzw. mit diesem zusammenarbeitet. Interdisziplinär ist die Aufgabe, weil je nach Art und Kombination der kindlichen Einschränkung(en) unterschiedliche und teils mehrere Spezialist/ innen heilpädagogisch involviert sind. Ausblick Frühförderung leistet seit vielen Jahren Eindrückliches, indem sie mit ihren disziplinären Wurzeln und einer systemischen Herangehensweise ein interdisziplinäres Unterstützungsnetz für Kleinkinder mit Beeinträchtigungen knüpft und pflegt. Sie hat dabei verschiedene historisch geprägte Paradigmen, was die frühe Lebensphase und die Unterstützung von Kleinkindern und Familien anbelangt, miterlebt und mitgeprägt. Die Herausforderung, sich in einem systemischen Kontext zu bewegen und zu positionieren, wird der Frühförderung erhalten bleiben. Sie hat sich dabei als ausgesprochen lern- und entwicklungsfähig erwiesen. Die Fachpersonen der Frühförderung stehen heute gemeinsam mit anderen Berufsgruppen und -feldern vor herausfordernden Fragen, wie Kinder bereits in den ersten Lebensjahren noch stärker als bisher zu Subjekten ihrer Entwicklung und ihres persönlichen Bildungsprozesses werden können. Es gilt auch auf einer Metaebene noch mehr mit dem Kind als über das Kind zu reden. Dies kann ihm helfen, sich zu orientieren und mit seinen Anliegen einzubringen. Der heilpädagogischen Fachperson kann diesbezüglich gegenüber Kolleginnen und Kollegen und ebenso gegenüber von Eltern eine wichtige und modellhafte Rolle zukommen. Dies gilt erst recht dann, wenn im System der Familie oder im Unterstützungsnetz Sorgen oder Überforderungssituationen in den Vordergrund rücken. Anmerkungen 1 Für eine Politik der frühen Kindheit: Eine Investition in die Zukunft, Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung/ Frühe Förderung in der Schweiz. Erarbeitet von INFRAS, erstellt im Auftrag der Schweizerischen UNESCO-Kommission. Bern (2019). 2 https: / / www.fruehehilfen.de; https: / / jacobsfounda tion.org/ activity/ primokiz/ ; 20. 10. 2020 3 Die Sustainable Development Goals (SDGs - Ziele für nachhaltige Entwicklung) wurden von den Mitgliedsstaaten der UNO beschlossen, sind seit 2016 in Kraft und sollen bis 2030 global und von allen UNO-Mitgliedsstaaten erreicht werden. Sie beinhalten 17 Ziele mit 169 Unterzielen für eine nachhaltige ökologische, soziale und ökonomische Entwicklung. 4 SDG 4.2: by 2030 ensure that all girls and boys have access to quality early childhood development, care and pre-primary education so that they are ready for primary education 5 Wustmann Seiler, C. & Simoni, H. (2016; 3. Auflage). Orientierungsrahmen für frühe Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz. Erarbeitet vom Marie Meierhofer Institut für das Kind, im Auftrag der Schweizerischen UNESCO-Kommission und des Netzwerks Kinderbetreuung Schweiz. www.orientie rungsrahmen.ch (1. Auflage 2012)