eJournals Frühförderung interdisziplinär40/4

Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2021.art18d
1_040_2021_4/1_040_2021_4.pdf101
2021
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Originalarbeit: Selbst- und Beziehungsentwicklung in ungewissen Lebenswelten

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2021
Maria Mögel
Frühplatzierungen konfrontieren soziale Dienste und Fachpersonen mit einem Dilemma: der Schutz von Säuglingen und Kleinkindern vor Belastungen in ihrer Herkunftsfamilie erfordert manchmal einen vollständigen Umwelt- und Bezugspersonenwechsel, was in der frühen Kindheit eine traumatische Erfahrung bedeutet. Zusätzlich belasten provisorische Platzierungssettings das alterstypische Bedürfnis der Kinder nach einer konstanten und engen Bindungsbeziehung. Wenn Pflegemütter ein starkes Engagement (Commitment) für die Beziehung zeigen (Bernard und Dozier 2011), scheint die durch Gefährdung und Platzierung geschwächte Selbst- und Beziehungsentwicklung der Kinder sowie ihre Fähigkeit zur Affektregulation gestärkt zu werden. Fallbeispiele zum Beziehungserleben frühplatzierter 3- bis 6-jähriger Kinder aus der Zugehörigkeitsstudie des Marie Meierhofer Instituts für das Kind (2013–2016) illustrieren die Befindlichkeit frühplatzierter Kinder auf dem Hintergrund unterschiedlicher Möglichkeiten von Commitment in Pflegefamilien und Institutionen.
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201 Frühförderung interdisziplinär, 40.-Jg., S.-201 - 212 (2021) DOI 10.2378/ fi2021.art18d © Ernst Reinhardt Verlag Selbst- und Beziehungsentwicklung in ungewissen Lebenswelten Platzierungen in der frühen Kindheit Maria Mögel Zusammenfassung: Frühplatzierungen konfrontieren soziale Dienste und Fachpersonen mit einem Dilemma: der Schutz von Säuglingen und Kleinkindern vor Belastungen in ihrer Herkunftsfamilie erfordert manchmal einen vollständigen Umwelt- und Bezugspersonenwechsel, was in der frühen Kindheit eine traumatische Erfahrung bedeutet. Zusätzlich belasten provisorische Platzierungssettings das alterstypische Bedürfnis der Kinder nach einer konstanten und engen Bindungsbeziehung. Wenn Pflegemütter ein starkes Engagement (Commitment) für die Beziehung zeigen (Bernard und Dozier 2011), scheint die durch Gefährdung und Platzierung geschwächte Selbst- und Beziehungsentwicklung der Kinder sowie ihre Fähigkeit zur Affektregulation gestärkt zu werden. Fallbeispiele zum Beziehungserleben frühplatzierter 3bis 6-jähriger Kinder aus der Zugehörigkeitsstudie des Marie Meierhofer Instituts für das Kind (2013 - 2016) illustrieren die Befindlichkeit frühplatzierter Kinder auf dem Hintergrund unterschiedlicher Möglichkeiten von Commitment in Pflegefamilien und Institutionen. Schlüsselwörter: Frühplatzierungen, Zugehörigkeit, Affektregulation, Commitment der Pflegeeltern How uncertain environments affect the development of the self and growing relationships. Placements in early childhood Summary: Infant placements confront social services and other professionals with a dilemma: In order to protect infants from danger to their development in their family, they must sometimes undergo a complete change of environment and primary caretakers, which in itself presents a risk of traumatization in early childhood. Provisional foster arrangements can also interfere with children‘s age-typical need for a constant and close attachment relationship. When foster mothers show strong commitment (Bernard und Dozier 2011), this seems to strengthen the development of the self, of close relationships and experiences of emotion regulation, put at risk by the initial endangerment and placement. Case studies from the Marie Meierhofer Children‘s Institute Belonging Study (2013 - 2016), exploring how 3to 6-year-old children taken into care early in their lives experience relationships, illustrate the children‘s emotional response to varying commitment in foster families and institutions. Keywords: Infant placements, belonging, emotion-regulation, foster parent commitment ORIGINALARBEIT Einführung I n den ersten 1000 Tagen seines Lebens (Schore 2017) sucht ein Kind, durch exklusive gegenseitige Anziehung mit seinen Eltern verbunden, Beruhigung aber auch Anregung, Freude und Kohärenz im Austausch mit ihnen. Diese Erfahrungen von psychosomatisch und emotional eng abgestimmter Beziehung, Co- Regulation, zwischen einem Baby und seiner Mutter bilden die Grundlage für seine weitere psychische Organisation: den Aufbau eines kohärenten Selbst, den Umgang mit Stress auch in der Beziehung zu anderen und die Erkundung der Umwelt. Biologische wie soziale Mutter-Kind-Beziehungen können dies nicht allein 202 FI 4/ 2021 leisten. Sie und die Väter müssen in eine familiale „caregiving group“ (Lichtenberg et al. 2011) eingebunden sein, die diesen intensiven Beziehungsaustausch unterstützt. Sozial und psychisch belastete Eltern-Kind-Paare kommen hier schnell an ihre Grenzen. Wenn ambulante Hilfen nicht mehr ausreichen, soll eine Inobhutnahme den Schutz des leidenden oder bedrohten Kindes gewährleisten. Aus administrativer Sicht befinden sich die Kinder rasch in Sicherheit, wenn sie aus einer misslichen Umgebung in geordnete und förderliche Verhältnisse in Obhut genommen werden. Aus der Sicht der emotionalen und psychischen Befindlichkeit eines noch präverbalen Babys oder Kleinkindes eröffnet sich bei einer Notfallplatzierung zunächst eine völlig unvertraute Umwelt, in der es mit dem Verlust von Orientierung und vertrauter Beziehung konfrontiert ist. Dies gilt auch dann, wenn die Kinder zuvor hohem Stress oder Deprivation ausgesetzt waren. Die im klinischen Setting nicht selten gehörte Beschreibung, dass ein Säugling unmittelbar nach der Platzierung sichtlich ruhiger wurde, wird oft als Erfolg angeführt. Aus der Perspektive klinischer Erfahrung wäre es sinnvoll zu beobachten, ob das Kind Beruhigung im Kontakt zu einer vertrauten Person oder einem Objekt gefunden hat oder ob die plötzliche Ruhe als Belastungsphänomen eingeordnet werden muss, mittels dem ein Baby durch Rückzug sich seiner selbst zu vergewissern versucht oder sogar angstvoll erstarrt (Mögel 2015). Die Symptomatik eines durch Umweltwechsel verstörten Babys zu Beginn der Platzierung führt häufig zu Fehlinterpretationen seines Verhaltens und auch seines realen Entwicklungsstands, sodass unmittelbare und chronische Belastungen zunächst oft übersehen werden. Auch ist die elterliche Kompetenz nicht immer so eingeschränkt, dass von Anfang an eine langfristige Pflegeelternschaft im Sinne einer psychischen Adoption bedacht werden muss. Zu ihrer Erholung benötigen in Obhut genommene Säuglinge und Kleinkinder daher rasch eine sichere und sensitive Umwelt, in der sie sich im begleiteten Austausch mit ihrer Mutter und/ oder dem Vater rückversichern können, bevor sie sich neuen Bezugspersonen zuwenden. Diese Phase unmittelbar nach der Platzierung verlangt daher eine intensive Aufmerksamkeit für die kindliche Befindlichkeit und dafür, ob und wie sich reparative Prozesse zwischen dem Kind und seinen Eltern einstellen. Aufgrund des häufig notfallmäßigen Charakters früher Platzierungen werden die Kinder meist in provisorische, d. h. als Übergangslösung konzipierte Settings wie Krisenaufnahmegruppen in Kinderheimen oder zu SOSbzw. Übergangspflegeeltern platziert. Hierbei stellen sich viele Fragen: sind diese Orte und Fachpersonen geeignet, den beeinträchtigten engen Austausch zwischen Kind und Eltern zu stimulieren und zu moderieren? Können sie einschätzen, ob und inwieweit sich die Eltern- Kind-Beziehung, das Kind selbst und die Elternschaft erholen können? Dabei steht die Dauer erwachsener Krisen und geplanter Zwischenlösungen meist in einem Missverhältnis zum Zeitempfinden und Entwicklungstempo präverbaler Kinder. Da die Platzierung eines Babys oder Kleinkindes ein zutiefst einschneidender Eingriff in seine und die Biografie seiner Eltern ist, verstreicht Zeit mit Warten auf juristische Entscheidungen. Inzwischen verarmt mangels Intensität und Anleitung im Austausch oft die Beziehung zu den Herkunftseltern, währenddessen sich die Kinder aufgrund der intensiven Entwicklungsdynamik in der frühen Kindheit an wechselnde Bezugspersonen in Heimen oder Übergangspflegemütter zu binden versuchen und nicht selten mit einem indiskriminierenden Bindungsverhalten auf Beziehungswelten reagieren, die nur als vorübergehend konzipiert sind. Trotz dieser bekannten Schwierigkeiten und der hohen Verletzlichkeit der Kinder ist es - zumindest in der Schweiz - bisher weder Standard, solche einschneidenden Übergänge durch Psychotherapeuten zu begleiten, die für die frühe Kindheit spezialisiert sind, noch mit einem pädiatrischen Entwicklungsscreening den Förderbedarf der Kinder einzuschätzen, Maria Mögel 203 FI 4/ 2021 Unsichere Beziehungswelten in Frühplatzierungen wie dies in weiten Teil der USA üblich ist (Childhood Committee on Early Adoption and Dependent Care 2000, Pedrina und Mögel 2016). In Form von Gutachten und Abklärungsberichten ist eine Verlaufskontrolle vonseiten der Behörden zwar institutionalisiert, sie erfolgt zeitlich jedoch oft zu spät und erfasst meist weder den Entwicklungsstand noch die psychosoziale Befindlichkeit des Kindes, deren Schutz die Platzierung legitimiert. Gleichzeitig unterbricht eine frühe Platzierung die oben erwähnten, essenziellen Entwicklungsprozesse der primären Beziehung, die im nächsten Abschnitt als Grundlage der frühen Selbstentwicklung und wie sie in Pflegebeziehungen beantwortet werden kann, näher beschrieben wird. Kohärenz im frühen Emotionsaustausch als Basis von Selbst- und Beziehungsentwicklung Der überwiegende Teil der Abstimmung zwischen einem Baby und seinen Eltern missglückt im ersten Anlauf. Es sind die unmittelbar nachfolgenden Reparaturerfahrungen, das Oszillieren zwischen Inkongruenz und Wiederherstellen von Kohärenz oder Wohlbefinden, die zur allmählichen Routine im Austausch beitragen. Sie treiben die Selbst- und Co-Regulation des Babys in der Beziehung an und fördern eine stabile Bindung mit der vertrauten Umwelt sowie die Entwicklung eines kohäsiven Selbst des Kindes, das zunehmend kompetent mit Veränderungen umgehen kann. In einer traumatisierenden oder deprivierenden Umwelt fragmentieren diese Reparaturprozesse von „Mismatch & Repair“ (Tronick und Gianino 1986) oder finden nur in dysfunktionaler Weise statt. Männliche und irritable Säuglinge scheinen hier besonders empfindlich zu sein (Schore 2017, Tronick und Beeghly 2011). Werden belastete Babys in Obhut genommen, haben sie meist schon Bewältigungsstrategien entwickelt, die ihre Fähigkeiten, sich zu regulieren, und ihren Austausch mit neuen Erwachsenen beeinträchtigen, was den Bindungsaufbau in Pflegefamilien einschränken kann (Dozier et al. 2007). In diesem Zusammenhang spielen Zeitfenster eine große Rolle: Wakelyn (2011) verfolgte im Rahmen einer psychoanalytischen Babybeobachtung den Austausch zwischen einem Baby und seiner Übergangspflegemutter von 3 Monaten bis zur Adoption des Kindes mit 13 Monaten. Die Autorin beobachtete eine zunächst fragile, immer intensiver werdende innige Beziehung, in der das Kind erfreulich gedieh. Mit dem Herannahen der Adoption zeigten sich jedoch verstörende Momente, in denen sich das Kind immer dann apathisch aus der Beziehung zur Pflegemutter zurückzog, wenn sich diese gedanklich mit der bevorstehenden Trennung beschäftigte. Das Beispiel wirft die Frage auf, in welcher Länge und zu welchen Entwicklungsmomenten „Übergangsbeziehungen“ für einen Säugling zumutbar sind. Die bekannten Langzeituntersuchungen der Schicksale rumänischer Heimkinder zeigen, dass persistierende Bindungsstörungen mit Enthemmung auch nach der Adoption in eine Familie anhielten, wenn die Kinder in den ersten anderthalb Lebensjahren länger als ein halbes Jahr in Institutionen gelebt hatten. Rutter und O’Connor (2004) führen dies auf das Fehlen selektiver Bindungsbeziehungen im kritischen Zeitraum der ersten anderthalb Lebensjahre zurück. Tronick und Beeghley (2011) nehmen an, dass institutionelle Formen der Betreuung so junge Kinder einer sozialen Deprivation aussetzen, da der chronische Mangel einer konsistent verfügbaren Bezugsperson, mit der das Kind gemeinsam Bedeutung und tiefe Verbundenheit teilen kann, zu Zuständen von Dysregulation und Hilflosigkeit und langfristig zu negativen Selbstrepräsentationen führt. In einer frankokanadischen Studie (Ducreux und Puentes- Neumann 2020) mit Säuglingen unter drei Monaten, die in Heimen, Pflegefamilien oder in Mutter-Kind-Heimen lebten, wurde die Verhaltensregulation der Kinder und ihre Bereitschaft zum Austausch mit ihrer Umwelt in den ersten Wochen der Platzierung untersucht. Dabei 204 FI 4/ 2021 wurden selbstregulierende und soziale Kompetenzen der Kinder wie Selbstberuhigungsstrategien, visuelle Erkundung, motorische Aktivität, Gesichtsausdruck und Vokalisation in Fütter- und Badesituationen verglichen. Die Ergebnisse zeigten charakteristische Unterschiede je nach Platzierungssetting mit einem hohen Ausmaß an Stresszeichen der Kinder in Heimbetreuung. Die Kinder der Mütter in den Mutter-Kind-Heimen zeigten am meisten Aktivitäten und soziale Initiative, während sich im Pflegefamiliensetting beide Tendenzen zeigten. Die Autorinnen führen diese Unterschiede auf die Bedürfnisse der Neugeborenen nach wiedererkennbaren Routinen und der Frustration dieser Bedürfnisse in einem professionellen bzw. zeitlich limitierten Beziehungsaustausch zurück und plädieren für spezifische supervisorische Begleitung von Pflegemüttern sowie in Einklang mit der Infant-Mental-Health- Forschung zu größter Zurückhaltung gegenüber der institutionellen Betreuung von Säuglingen und Kleinkindern unter drei Jahren (Bakermans-Kranenburg et al. 2011, Dozier et al. 2012, Isenhour et al. 2020, Tibu et al. 2014, Torres et al. 2012). Obwohl noch wenig Forschung zu Platzierungen in Mutter-Kind-Heimen vorliegt, beantwortet dieser Ansatz konsequent das unmittelbare Bedürfnis von Neugeborenen und Babys an eine bevorzugte und kontinuierliche primäre Bindungsbeziehung. Einzelne Mutter-Kind-Heime und Kinderheime versuchen die Väter in diese Angebote miteinzubeziehen und die besonderen Belastungen der Mütter und Kinder durch psycho- und traumatherapeutische Ansätze in der Heimbetreuung zu beantworten (Schmid 2019). Dass dennoch weiterhin Säuglinge und Kleinkinder allein und zur längerfristigen Betreuung in institutionelle Settings platziert werden, liegt u. a. auch in der elterlichen Compliance, die verständlicherweise, wenn auch in Unkenntnis der Folgen, eher für eine Platzierung im Heim gewonnen werden kann, in der der Elternstatus gesicherter scheint als bei einer Pflegefamilie. Stärkung der kindlichen Selbstorganisation durch ein hohes Commitment in Pflegefamilien Unter welchen Umständen das Bedürfnis junger Kinder nach bedeutungsvollen und konsistenten Beziehungen in Pflegefamilien beantwortet werden kann, verfolgten u. a. Bernard und Dozier (2011) in einer Langzeituntersuchung. Ein sehr junges Alter bei der Inobhutnahme, Freude der Pflegemütter in der Interaktion mit dem Kind sowie das Vermissen des Kindes bei Trennungen und der Wunsch, es langfristig in die eigene Familie zu integrieren, wurden als Kriterien eines hohen Commitments, also persönlichen Engagements in der Pflegebeziehung ermittelt. Je höher die Anzahl der von einer Pflegefamilie betreuten Kinder und je ausgeprägter ihr professionelles Selbstverständnis, desto seltener äußerten die Pflegeeltern ein bevorzugtes Commitment. Solche Pflegemütter zeigten auffallende Distanz in der Interaktion mit den Kindern, was deren alterstypisches Bedürfnis nach Körperkontakt und exklusiver Zuneigung und damit den Aufbau einer sicheren Basis auch als Reparatur von Traumatisierungen verhindert (Lieberman und Horn 2011). Ein hohes Commitment der Pflegemütter wirkte dagegen einer externalisierenden Symptomatik entgegen und ging mit stabileren Bindungs- und Selbstrepräsentationen der Kinder im Vorschulalter einher. Vonseiten der Kinder schienen ein günstiges Temperament und die Ausstrahlung des Kindes das Beziehungsengagement der Erwachsenen ebenso zu fördern wie der in der frühen Kindheit bei Erwachsenen und Kleinkindern angetriebene Bindungsprozess, was einer natürlichen, d. h. zärtlichen und gegenseitig hoch bedeutungsvollen Eltern-Kleinkind-Beziehung entspricht. Hindernisse zum Aufbau eines hohen Commitments in der Pflegebeziehung zu einem Baby oder Kleinkind liegen jedoch nicht nur im Rollenverständnis der Pflegeeltern und den häufigen psychosozialen Belastungen auch frühplatzierter Kinder. Auch die anspruchsvolle Maria Mögel 205 FI 4/ 2021 Co-Elternschaft mit den Herkunftsfamilien, inadäquate bzw. retraumatisierende Kontaktsettings sowie die mangelnde Abstimmung der Betreuungssysteme und Behörden untereinander (Vasileva und Petermann 2018) belasten die Schaffung einer kohärenten Lebenswelt für die Kinder. Pflegeverhältnisse, die eine verbindliche Beziehung gewähren sollen, benötigen deshalb ihrerseits Begleitung und Beratung, um sich immer wieder auf die Perspektive des Babys oder Kleinkindes einstellen zu können. Die nachfolgenden Fallbeispiele aus einer Studie mit in Obhut genommenen Vorschulkindern sollen die weiteren Verläufe solcher Verhältnisse illustrieren, wenn die im engen Emotionsaustausch erworbene Selbstregulation der Kinder den anspruchsvollen Entwicklungsprozessen von Autonomie und Theory of Mind, also der Integration von Gefühlen und Gedanken in zeitlicher Perspektive, standhalten muss. Befindlichkeit und Zugehörigkeit im Platzierungssetting - eine Studie mit 16 Vorschulkindern In der Studie „Das Zugehörigkeitserleben in Obhut genommener Vorschulkinder“ des Marie Meierhofer Instituts Zürich (Mögel Wessely 2019) wurden Selbst- und Beziehungsvorstellungen dreibis sechsjähriger Kinder untersucht, die in Schweizer Heimen und Pflegefamilien lebten. Anlass für die Studie war das Fehlen adäquater Instrumente zur Erhebung der kindlichen Beziehungsvorstellungen für Platzierungsgutachten im Vorschulalter. Die Studie orientierte sich deshalb an klinischen Abklärungen und untersuchte das Zugehörigkeitserleben der Kinder jeweils in Zusammenhang mit Charakteristiken ihrer Umwelt (Umweltkohärenz), ihrer psychischen Befindlichkeit (Selbstkohärenz) und mit dem Commitment ihrer Bezugspersonen sowie deren Sensitivität für die Sicht der Kinder auf ihre Beziehungswelten (Zugehörigkeit). Die Vorstellungen der Kinder wurden mit dem für Vorschulkinder ab drei Jahren konzipierten Geschichtenstammverfahren der MacArthur Story Stem Battery MSSB (Bretherton et al. 2009) erhoben, das in der klinischen Forschung und Diagnostik des Vorschulalters maßgeblich eingesetzt wird. Die MSSB basiert auf der bindungstheoretischen Annahme, dass Kinder im Vorschulalter über Repräsentationen von Selbst und Beziehung verfügen, in denen sich sowohl ihre primären Beziehungserfahrungen mit Bindungspersonen und der näheren Umwelt als auch ihre individuelle, alters- und geschlechtsspezifische Sicht spiegeln. Aus der in der MSSB erhobenen Kohärenz alterstypischer Narrative und den Merkmalen der dargestellten Selbst- und Beziehungsrepräsentationen lassen sich reliable und valide Rückschlüsse auf die Selbstorganisation eines Kindes, seine Affektregulation und Beziehungsvorstellungen wie auf Belastungen in seiner sozialen Umwelt schließen (Weber und Stadelmann 2011). Die MSSB wurden in der Zugehörigkeitsstudie mit einem 2-Haus-Setting an die Lebenswelt der Kinder angepasst und, um traumatisches Erleben zu vermeiden, mit Tierfiguren (Bären) statt Püppchen mit charakteristischen Haut- und Haarfarben durchgeführt. Weil sich für platzierte Kinder normspezifische Familienbezeichnungen nicht eignen, wurden die Erwachsenenfiguren des Sets anstatt als Mami, Papi oder Pflegemami als „die großen Bären/ die große Bärin/ der große Bär des Bärenmädchens/ des Bärenjungen“ bezeichnet. In dieser Weise wurden den Kindern zehn Geschichtenstämme präsentiert, die jeweils einen alterstypischen Konflikt bzw. ein Entwicklungsthema enthielten, z. B. Fürsorge vs. Autonomie, Rivalität unter Peers, Selbst- Positionierung u. Ä. Mit der Aufforderung: „Zeig und erzähle mir, wie die Geschichte weitergeht“ wurden die Kinder angeregt, die Geschichte zu ergänzen. Die Darstellungen der Kinder wurden mit Video dokumentiert und bezüglich 64 Items von narrativer Kohärenz, Selbst- und Beziehungsrepräsentationen, Befindlichkeit und Belastung ausgewertet. Themen von Zuge- Unsichere Beziehungswelten in Frühplatzierungen 206 FI 4/ 2021 hörigkeit wurden im Umgang der Kinder mit der 2-Haus-Situation festgehalten (Vermeidung, Grenzen, Konfusion, Kooperation, Verlust & Ausschluss, Affiliation zu einer Familie oder Gruppe). Der videodokumentierte Erzähl- und Interaktionsstil der Kinder diente als Ergänzung zur Einschätzung der psychischen Befindlichkeit durch die Bezugspersonen. Relevante Informationen zu Gesundheit und Platzierungsgeschichte, Beschaffenheit des Platzierungssettings und der Kontaktregelungen zur Herkunftsfamilie wurden mit Fragebögen und Interviews bei den verantwortlichen Fachleuten und Bezugspersonen eingeholt. Die Bezugspersonen, Pflegeeltern oder Heimerziehende, schätzten mit dem Elternfragebogen der Child Behaviour Checklist CBCL 1½ -5 (Achenbach und Rescorla 2000) das psychische Befinden und mit dem SOCOMP (Perren 2008) die fremd- und selbstorientierten sozialen Kompetenzen der Kinder gegenüber Erwachsenen und ihren Peers ein. Zur Erhebung des Commitments der Bezugspersonen bzw. des Pflegekontextes und der Sicht der Bezugspersonen auf die Zugehörigkeitsvorstellungen der Kinder wurde ein semistrukturiertes Bezugspersoneninterview entwickelt, das sich am Basler Triadeninterview (von Klitzing 1996) zur gemeinsamen Elternschaft orientiert und Elemente des „This is My Baby-Interview“ von Bernard & Dozier (2011) integriert. Insgesamt wurden die Daten von 16 Kindern, neun Jungen (56.2%) und sieben Mädchen (43.8%), je acht Kindern aus dem Heim- und Pflegefamiliensetting, in die statistische Auswertung und explorativ-klinische Analysen einbezogen. Acht Kinder lebten in Pflegefamilien mit verschiedenen Organisationsformen und weitere acht in drei Kinderheimen in Gruppen von sieben oder acht Kindern mit durchschnittlich elf Betreuungspersonen. Ein Kind lebte in einem Kleinheim mit fünf bis sechs Kindern und ca. zehn Betreuenden. Die Hälfte der Kinder war zum Zeitpunkt der ersten Platzierung (dazu zählten auch mehrwöchige neonatale Entzugshospitalisationen) unter 6 Monate alt; der Durchschnitt lag bei 15,25 Monaten (Min. = 0, Max. = 51 Monate). Bei der Untersuchung waren die Kinder zwischen dreieinhalb und sechs Jahre alt (M = 4,67; Min. = 3.58; Max. = 6.16). Kohärenz in Beziehung und Umwelt - und im Erleben der Kinder in ihren Narrativen Die Kohärenz der kindlichen Narrative in den MSSB scheint unabhängig von der sprachlichen Kompetenz eines Kindes robuste Hinweise auf Ressourcen oder Belastungen in seiner Umwelt und Befindlichkeit zu geben, mit Geschlechterunterschieden in der Regel zugunsten der Mädchen (Yuval-Adler und Oppenheim 2014). In der Zugehörigkeitsstudie wurde die Narrative Kohärenz mit Selbst- und Beziehungsdarstellungen, dem Umgang der Kinder mit der 2-Haus-Situation und Informationen zur Umwelt und Befindlichkeit der Kinder sowie dem Commitment ihrer Bezugspersonen in Verbindung gesetzt. Die Gruppenresultate dieser Korrelationsanalysen in der kleinen, nicht repräsentativen Studie wurden mit Ergebnissen einer Normalstichprobe (Kindergartenstudie Basel Stadelmann 2006) verglichen und in explorativen Einzelfallvergleichen nachverfolgt (online abrufbar unter Mögel Wessely 2019). Für die Frage nach früher Emotionsregulation in unterschiedlich zugewandten Platzierungssettings relevant sind folgende Ergebnisse: Kinder, deren Platzierungsperspektive von Bezugspersonen wie Versorgern als langfristig eingeschätzt wurde und die in Pflegefamilien lebten, verfertigten deutlich kohärentere Narrative als Heimkinder, auch wenn diese mit langfristiger Perspektive untergebracht waren. Das galt selbst dann, wenn die Kinder mehrere Umplatzierungen durchgemacht hatten. Die für die MSSB typischen Geschlechtsunterschiede verflachten innerhalb der Platzierungssettings, d. h. Jungen in Pflegefamilien produzierten kohärentere Narrative als Jungen in den Maria Mögel 207 FI 4/ 2021 Heimen und Mädchen in Heimen weniger kohärente Narrative als Mädchen in Pflegefamilien. Allerdings inszenierten alle beteiligten Kinder unabhängig von Geschlecht und Platzierungssetting in gut einem Drittel ihrer Narrative Konflikte von Ausschluss und Verlust, was unter dem Eindruck der Entwicklung der Theory of Mind im Vorschulalter „Wer bin ich und zu wem gehöre ich“ (Mögel 2013) und auf dem Hintergrund einer Platzierung nachvollziehbar ist. Kinder, die mit ihren Müttern - in einem Fall dem Vater, in zwei anderen der Großmutter - einen zuverlässigen und engen Kontakt hielten oder von der Pflegefamilie einfühlsam bei den Besuchen begleitet wurden, thematisierten Themen von Verlust und Ausschluss seltener und kohärenter als Kinder, die mit der Thematik alleine gelassen schienen (siehe das Fallbeispiel Jan). Zuverlässig bedeutungsvolle Kontakte zur Herkunftsfamilie wie eine hohe Sensitivität in der Pflegefamilie schienen die Kinder in der Einordnung des emotional herausfordernden Themas der Platzierung zu unterstützen. Die altersgemäß noch große affektregulatorische Abhängigkeit der Kinder von einer sensitiven und zugeneigten Beziehung zeigte sich schon in den Vignetten der Geburtstagsgeschichte, die den Kindern als Einstieg präsentiert wurde. Der Geschichtenstamm „Das Bärenkind feiert Geburtstag“ stimulierte Vorstellungen zur Position der Kinder, ihren Wünschen und Enttäuschungen in ihren komplexen Beziehungswelten. Etwas mehr als die Hälfte der Kinder arrangierte daher auch eine Beteiligung aller Protagonisten beider „Häuser“ am Geburtstagsfest, wenn auch nicht immer mit friedlichem Ausgang. Dagegen ließ ein Mädchen explizit nur die Bärenfrau aus dem „anderen Haus“ mit dem Kind feiern, der Kuchen wanderte jedoch ungegessen in den Keller. Der Vergleich zwischen den beiden folgenden Beispielen mag verdeutlichen, wie bedeutsam die im frühen Beziehungsaustausch eingeübten Reparaturerfahrungen nun sind, wenn die Kinder im Vorschulalter durch die reifenden Denkprozesse zunehmend selbstständiger emotional herausfordernde Vorstellungen und Situationen bewältigen müssen. Beda - Kohärenz und Selbstregulation trotz Belastungen in der Herkunfts- und Pflegefamilie Der 5,6 Jahre alte Beda reagiert zunächst skeptisch auf den Anfang der Geburtstagsgeschichte. Er erscheint ein wenig geniert mit den Bären agieren zu müssen. Die Untersucherin gibt ihm trotz seiner anfänglichen Vermeidung Raum und ermuntert ihn mehrmals. Allmählich kann Beda ihre Hilfe annehmen, um eine durchaus eigene Vorstellung darzustellen. Er versammelt die großen Bären beider Häuser um das Kind, lässt alle Unsichere Beziehungswelten in Frühplatzierungen Abb. 1: Geschichtenstamm - Das Bärenkind feiert Geburtstag. Quelle: Mögel (2019), Manual Geschichtenstammverfahren MSSB 208 FI 4/ 2021 miteinander Kuchen essen und „Happy Birthday“ singen. Dann verabschieden sich die Bären des grünen Hauses und gehen wieder heim, aber beide Bärenmänner bleiben bei der Kindfigur im blauen Haus. Damit eröffnet Beda seine persönliche Sicht, die er in allen Geschichten beibehalten wird: er wählt nur die Männer, wenn es darum geht, Nähe in der Beziehung darzustellen. Bedas knappe aber kohärente Darstellung eröffnet einen Blick in seine etwas karge, aber mehrheitlich verlässliche Beziehungswelt. Er hat die ersten drei Lebensjahre, nach einer Entzugsbehandlung, bei seiner suchtkranken Mutter und damit in einer belasteten, aber bevorzugten Beziehung verbracht, bevor er in seine Pflegefamilie platziert wurde. Regelmäßig holt ihn sein Vater ab, verbringt mit ihm einen Tag und bringt ihn dann zur Mutter, wo Beda seine ebenfalls platzierten, älteren Geschwister trifft. Die Pflegemutter bemerkt, die Mutter könne nicht halten, was sie jeweils verspricht. Sie selbst scheint Bedas Anpassungsschwierigkeiten im Kindergarten und seinem Wunsch nach Zugehörigkeit zu ihrer Familie ambivalent gegenüberzustehen. Bedas Vater schätzt sie hingegen als sehr zuverlässig und bedeutungsvoll für Beda ein. Auch zu ihrem Mann habe Beda einen sehr guten Draht. Obwohl Beda im CBCL mit hohen Verhaltensauffälligkeiten beschrieben wird, gelingt ihm im Rückgriff auf seine Beziehungsressourcen in der MSSB eine kohärente und emotional stimmige Darstellung seiner nicht unbelasteten Lebenswelt und Befindlichkeit. Urs - Inkohärenz in der Regulation von Verhalten und Affekt in institutioneller Platzierung Zerfahren und den eigenen Emotionen und Ängsten ausgeliefert präsentiert sich dagegen die Geburtstagsgeschichte des 5,5 jährigen Urs: Schon beim Zuhören des Geschichtenanfangs fällt er in Babysprache, lacht gepresst, lässt das Kind zuerst schnell vom Kuchen probieren, wirft dann den Kuchen über den Tischrand, „der muss weg“, dann „schimpft ein Papi“. Urs kickt mit dem Bärenkind fortwährend die erwachsenen Bärenfiguren „die sind alle schleimig“. Die Versuche der Untersucherin Urs‘ Ideen aufzugreifen, prallen an seiner agitierten Konfusion ab, obwohl beide vergnügt miteinander in Kontakt sind. Urs‘ nahezu ausnahmslos inkohärenten Narrative zeigen viele bedrängende Szenen von Ausschluss und Überforderung. Beides charakterisiert seine Beziehungswelt. Urs hat wie Beda eine neonatale Entzugsbehandlung durchgemacht, lebt jedoch seit seinem dritten Lebensmonat in einem Kleinheim, das von einem Ehepaar mit eigenen Kindern geführt wird, die im selben Gebäude wie die sechs Pflegekinder wohnen. Seit seinem 9. Lebensmonat verbringt Urs jedes zweite Wochenende und die Ferien in einer Entlastungsfamilie. Der Kontakt zu seinen schwer suchtkranken Eltern brach früh ab. Neuerdings erhält Urs Besuche verschiedener Großeltern und der Kontakt zur Mutter soll wieder aufgebaut werden, obwohl Urs sich vor ihr fürchtet. Im Interview berichtet die Heimmutter von Urs großer Angst, das Heim wie die anderen Pflegekinder wieder verlassen zu müssen. Sie erwähnt auch Urs Mitteilung an sie, dass er ja drei Mamis habe, eine, bei der er im Bauch war, sie und dann noch die Entlastungspflegemutter und dass er zu ihrer, der Familie der Heimmutter, gehören möchte. Einen persönlichen Kommentar zur Sehnsucht und Not des Kindes erlaubt sie sich nicht. Zwar verfügt Urs seit seiner Säuglingszeit in der Person der Heimmutter über eine sensitive Bezugsperson in einer langfristigen Platzierungsperspektive. Aber die professionelle Distanz in der Beziehung, das Überlassen des Kindes an Entlastungspflegeeltern und leibliche Verwandte, die auf Urs so bedrohlich und chaotisch zu wirken scheinen, wie die Erwachsenenfiguren in seinen Geschichten, bieten Urs’ schwacher Selbstkohärenz in seiner zersplitterten Umwelt keinen Halt. Verlustangst und Verwirrung überfordern seine fragile Affekt- und Aufmerksamkeitsregulation, wenn er sich in der MSSB mit Zugehörigkeit und Beziehung befasst. Maria Mögel 209 FI 4/ 2021 Urs’ Schicksal verweist auf die enorme Empfindlichkeit und Irritabilität von Säuglingen, die durch Drogenexposition und Entzugsbehandlung belastet sind. Das Selbstverständnis institutioneller Platzierungssettings kann ihren großen Bedarf nach aufmerksamer und enger Affektregulation weder auf die Dauer noch in einer besonders zugewandten Beziehung beantworten. Der nächste Abschnitt richtet deshalb den Fokus auf die psychischen Belastungen früh platzierter Kinder, vor allem in ungeklärten Platzierungen, wie sie im Heimsetting häufig sind. Dauern solche Aufenthalte an, scheint der Mangel an vertrauten und konstant verfügbaren Bezugspersonen die Affektregulation, den Aufbau von Selbstkohärenz und die Beziehungsfähigkeit im Sinne eines Entwicklungstraumas zu überfordern, wie z. B. van der Kolk (2009) die chronische Traumatisierung entwicklungsnotwendiger Beziehungsbedürfnisse in der frühen Kindheit im Gegensatz zu umschriebenen Traumen wie körperliche oder sexuelle Misshandlung beschreibt. Negative Beziehungsrepräsentationen belasten den sozialen Austausch In der Einschätzung der psychischen Befindlichkeit durch die Bezugspersonen im CBCL 1 ½ - 5 (Achenbach et al. 2000) fand sich bei fast der Hälfte der Kinder und vor allem bei den Jungen eine hohe klinische Belastung mit internalisierenden Symptomen, wie sie aus der Forschungsliteratur bekannt sind (Heflinger et al. 2000). Eine zeitgleich durchgeführte Schweizer Studie stellte eine identisch hohe internalisierende Belastung bei in Obhut genommenen Schulkindern fest (Schröder et al. 2017). Diese fällt bei sehr jungen Kindern zunächst eher als Rückzug auf und wird oft auch als sozial erwünscht eingeordnet, bevor die Probleme in der Affektregulation deutlich werden. Diese zeigten sich in der Zugehörigkeitsstudie im Vergleich mit einem normativen Sample (Stadelmann 2007) im sehr hohen Vorkommen von sogenannt „atypischen Gefahrenthemen“ in gut einem Drittel der Narrative, vor allem bei Kindern aus dem Heimsetting. Atypische Gefahrenthemen verweisen auf Verstörung oder Trauma in der Beziehungswelt und fanden sich häufig in der Geschichte „Das verlorene Hündchen“, in dem ein Lieblingstier verloren geht und wieder auftaucht. Das Thema aktivierte bei den Kindern sichtlich Schlüsselerlebnisse von Verlusterfahrungen und teilweise auch von Verstörung. Obwohl die Kinder im Pflegefamiliensetting von den Pflegeeltern sozial und psychisch oft als belastet eingeschätzt wurden, konnten sie sich meist kohärent (d. h. die Affektregulation blieb stabil) mit den in den MSSB evozierten Themen von Zugehörigkeit und Verlust auseinandersetzen, während die Grup- Unsichere Beziehungswelten in Frühplatzierungen Abb. 2: Geschichtenstamm - Das verlorene Hündchen. Quelle: Mögel (2019), Manual Geschichtenstammverfahren MSSB 210 FI 4/ 2021 pe der Heimkinder, die weniger Platzierungen durchgemacht hatte, so von ihren Affekten überwältigt wurde, dass ihre Selbstregulation und ihre Fähigkeit zu denken einbrachen und sie sich, wie im folgenden Beispiel, auch im Kontakt zu den Untersucherinnen nicht auffangen konnten. Jan - überwältigende Gefühle von Schuld und Frustration Der 4; 10 Jahre alte Jan lebt seit anderthalb Jahren in einem großen Kinderheim und soll mittelfristig in eine Pflegefamilie umplatziert werden. Seine Betreuerin bemerkt, dass er sich sehr um seine psychisch kranke Mutter sorgt, die die wöchentlichen Besuche nur unregelmäßig wahrnehmen kann. Der Vater besucht Jan vierzehntägig, scheint ihm jedoch wenig nah zu sein. In der „Geschichte vom verlorenen Hündchen“ lässt Jan den Bärenbuben das Hündchen im grünen Haus finden und streicheln. Auf die Frage der Untersucherin: „Wie fühlt sich der Bärenbub, nachdem er das Hündchen wiedergefunden hat? “, antwortet Jan völlig unvermittelt und ohne das Hündchen weiter zu beachten: „Der hat die Mami nicht gerne“, dabei schlägt er - lächelnd - mit dem Bärenkind mehrmals und heftig auf den Kopf der Bärenfrau. Dann fängt Jan sich kurz, zeigt auf die Männerfiguren, „nur die“, dabei sieht er die Untersucherin mit einem gepressten Lächeln und herausfordernd an und fährt fort: „jetzt frisst der die“, er schlägt mit dem Hündchen auf alle drei Bärenfrauen ein. Die Videoaufnahme hält fest, wie sich die Untersucherin, von der Heftigkeit von Jans Darstellung überrascht, rasch wieder fangen und anteilnehmend nachfragen kann: „Wer wären denn die da …? “ Aber Jan unterbricht den kurzen Moment eines geteilten Blick- und Emotionskontakts zwischen sich und der Untersucherin mit einem aufgesetzt wirkenden Lächeln und den Worten: „Jetzt ist die Geschichte fertig.“ Jans kontrollierende Reaktion scheint ihm zu helfen, mit überflutenden Affekten fertig zu werden. Die im Protokoll aufgrund des abrupten Szenen- und Stimmungswechsels als Dissoziationsphänomen festgehaltene Episode zeigt, wie eine kindliche Depression den Austausch zwischen dem Kind und einem unbelasteten, sensitiven Erwachsenen verzerren und damit auch in einer künftigen Pflegefamilie zum Hindernis für Momente von Reparatur in der Beziehung werden könnte. Die Darstellung einer vom Kind zerstörten Mutter verweist zudem eindringlich darauf, wie sehr die Kinder Entlastung von bedrängenden Schuldgefühlen, Einordnung und enge Begleitung in der Beziehung zu ihren kranken Eltern bedürfen. Jans Narrativ beinhaltet ein weiteres Element, das auch bei anderen Heimkindern gehäuft vorkam: ein vollständiges Fehlen der Rückversicherung bei Erwachsenen. Kinder aus Pflegefamilien stellten dagegen viele Szenen dar, in denen Erwachsene Kinder trösteten, schützten oder disziplinierten. Dieser unterschiedliche Umgang mit Beziehungen fand sich auch auf der Seite der Erwachsenen: so äußerten Pflegeeltern Commitment und Sensitivität für die kindliche Perspektive in sehr unterschiedlichem Ausmaß. Dennoch konnten sie deutlich mehr und detaillierter über die Beziehungswünsche und Emotionen der Kinder wie zu ihrer eigenen Beteiligung an der Beziehung Auskunft geben, als selbst sehr sensitive Heimerziehende, die aufgrund ihrer professionellen Rolle gehemmt schienen, ihre eigene Bedeutung für ein Kind und dessen Beziehungswelt zu reflektieren. Da vorsprachliche und sehr junge Kinder ihre Bedürfnisse nur teilweise oder im engen Beziehungsaustausch äußern können, sind diese häufig irritablen und vielfach vorbelasteten Kinder auf die besondere Aufmerksamkeit ihrer Umwelt für Anzeichen von Stress, Erholung oder Störung von Entwicklung und Befindlichkeit angewiesen. Eine regelhafte Einschätzung der körperlichen und psychosozialen Entwicklung und psychischen Befindlichkeit der Kinder zu Beginn einer Platzierung könnte dazu bei- Maria Mögel 211 FI 4/ 2021 tragen, einen Förder- oder Behandlungsbedarf rechtzeitig zu erkennen, bevor Verhaltensauffälligkeiten oder ungünstige Erziehungsstrategien Kinder und Bezugspersonen überfordern und die Platzierung gefährden. Bedeutung für die Praxis Das Ziel einer Inobhutnahme in der frühen Kindheit sind der Schutz und die Erholung des belasteten Säuglings oder Kleinkindes und die Mobilisierung vorhandener Ressourcen in der Eltern-Kind-Beziehung. Wenn die gemeinsame Behandlung einer verstörten Mutter-Kind-Beziehung nicht gelingt oder indiziert ist, sollten die Kinder, zum Schutz ihrer nicht verschiebbaren Entwicklungsprozesse von Bindung und Affektregulation, möglichst rasch in Pflegefamilien in Obhut gegeben werden, die ihr alterstypisches Bedürfnis nach Zärtlichkeit und bevorzugter Zuneigung in einer konstanten, zeitlich nicht limitierten Beziehungswelt beantworten können. Fachleute sollten die Empfindlichkeit der frühkindlichen Entwicklung gegenüber Umwelt- und Beziehungsverlust kennen, um Vorgehen, Perspektive und Kontaktsettings bei Platzierungen diesen kindlichen Bedürfnissen anpassen zu können. Dr. rer. nat. Maria Mögel Psychotherapeutin FSP Möhrlistr. 23 8006 Zürich E-Mail: moegel@fsp-hin.ch Literatur Achenbach, T. M., Rescorla, L. A. (2000): Manual for the ASEBA Preschool forms and Profiles. University of Vermont Department of Psychiatry. 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