eJournals Frühförderung interdisziplinär40/4

Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2021.art19d
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2021
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Aus der Praxis: Wenn plötzlich alles anders kommt

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2021
Bettina Achhammer
Melanie Reinbold
Cornelia Schunke
Das HELLP-Syndrom ist eine der schwerwiegendsten Schwangerschafts-Komplikationen, eine Form der Präeklampsie, die auch als Schwangerschaftsvergiftung bekannt ist. Etwa eine von 150 bis 300 Schwangeren ist davon betroffen. Das HELLP-Syndrom ist nur eine von verschiedensten Schwangerschaftskomplikationen, die zu einer vorzeitigen Beendigung der Schwangerschaft führen können. Insbesondere Mehrlingsschwangerschaften haben ein erhöhtes Risiko einer Frühgeburt. Etwa jedes zehnte Neugeborene in Deutschland kommt vor der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt. Damit stellen Frühgeborene hierzulande die größte Kinderpatientengruppe dar. Aber nicht nur frühgeborene Kinder werden in der Neonatologie versorgt, sondern auch Kinder, bei denen es während der Geburt zu Komplikationen kommt, die mit Syndromen oder Fehlbildungen zur Welt kommen oder die nach der Geburt schwer erkranken (z.B. an einer Neugeboreneninfektion).
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AUS DER PRAXIS Wenn plötzlich alles anders kommt Die Harl.e.kin-Nachsorge in Bayern in Zeiten von Corona Bettina Achhammer, Melanie Reinbold, Cornelia Schunke April 2020. Corona-Pandemie. Deutschland ist im Lockdown. Zwischen Verunsicherung und Durchhalteparolen, zwischen Systemrelevanz und Hamsterkäufen, zwischen AHA und Regenbogenbildern erwartet Frau Ahrens 1 ihr erstes Kind. Bislang war die Schwangerschaft unproblematisch und die werdenden Eltern freuen sich auf den Familienzuwachs. Gerade hat der Mutterschutz begonnen, es bleiben noch sechs Wochen zum Geburtstermin. Doch unter die Vorfreude auf das Baby mischen sich coronabedingt Unsicherheit und Sorgen. Frau Ahrens hat große Angst sich mit Corona zu infizieren und möglicherweise ihr Baby anzustecken; sie befürchtet, dass ihr Mann bei der Entbindung vielleicht nicht dabei sein kann; sie macht sich schon jetzt viele Sorgen um die erste Zeit mit Baby inmitten der Corona-Pandemie. Dann am Abend bekommt Frau Ahrens plötzlich starke Bauchschmerzen und ihr wird übel. Sie befürchtet zunächst etwas Falsches gegessen zu haben, aber als die Schmerzen immer stärker werden, fährt ihr Mann sie sicherheitshalber zur Kontrolle ins Klinikum. Und dann geht alles ganz schnell: Die Laborwerte bestätigen ein HELLP-Syndrom, mit einem Notkaiserschnitt wird das Baby entbunden und Frau Ahrens auf die Intensivstation verlegt. Das HELLP-Syndrom ist eine der schwerwiegendsten Schwangerschafts-Komplikationen, eine Form der Präeklampsie, die auch als Schwangerschaftsvergiftung bekannt ist. Etwa eine von 150 bis 300 Schwangeren ist davon betroffen. Das HELLP-Syndrom ist nur eine von verschiedensten Schwangerschaftskomplikationen, die zu einer vorzeitigen Beendigung der Schwangerschaft führen können. Insbesondere Mehrlingsschwangerschaften haben ein erhöhtes Risiko einer Frühgeburt. Etwa jedes zehnte Neugeborene in Deutschland kommt vor der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt. Damit stellen Frühgeborene hierzulande die größte Kinderpatientengruppe dar. Aber nicht nur frühgeborene Kinder werden in der Neonatologie versorgt, sondern auch Kinder, bei denen es während der Geburt zu Komplikationen kommt, die mit Syndromen oder Fehlbildungen zur Welt kommen oder die nach der Geburt schwer erkranken (z. B. an einer Neugeboreneninfektion). Während Frau Ahrens auf der Intensivstation um ihr Leben kämpft, wird der kleine Justus, geboren in der 35. Schwangerschaftswoche mit 2180 g Geburtsgewicht, in der Neonatologie ebenfalls intensivmedizinisch versorgt. Das Neugeborene kann selbstständig atmen, allerdings seine Körpertemperatur noch nicht gut halten. Seine Mutter kann nicht bei ihm sein. Sein Vater darf unter Einhaltung strengster Hygienevorschriften zu Justus, allerdings jeweils nur für kurze Zeit. Justus verbringt die erste Zeit im Wärmebettchen und erhält aufgrund einer Neugeborenengelbsucht eine Phototherapie. Er ermüdet schnell beim Trinken, da er noch nicht kräftig genug ist, und wird 1 Es handelt sich bei Familie Ahrens um ein fiktives Beispiel, das so oder so ähnlich an jedem der bestehenden Harl.e.kin-Standorte vorgekommen sein könnte. Die Namen sind frei erfunden. 213 Frühförderung interdisziplinär, 40.-Jg., S.-213 - 219 (2021) DOI 10.2378/ fi2021.art19d © Ernst Reinhardt Verlag 214 FI 4/ 2021 somit über eine Magensonde ernährt. Als es Frau Ahrens besser geht, kann sie immer häufiger zu Justus auf die Neonatologie kommen zum Kuscheln, Wickeln und für erste Stillversuche. Dafür darf sein Papa jetzt nicht mehr zu Justus, die Corona-Beschränkungen erlauben nur einen Besucher pro Tag. So sind beide Eltern sehr froh, als sie nach etwa drei Wochen stationärem Aufenthalt hören, dass sie bald nach Hause entlassen werden. Auch wenn die Eltern sich schon richtig auf zu Hause freuen, sind sie doch sehr unsicher. Die Zeit auf der Intensivstation war sehr kräftezehrend und Frau Ahrens fühlt sich dem Alltag mit Baby noch nicht ganz gewachsen. Wird Justus zu Hause weiterhin gut zunehmen? Wird er seine Temperatur gut halten können? Wie können sie Justus vor einer Corona-Infektion schützen? Werden sie es zu Hause schaffen - ohne die Hilfe der Schwestern auf Station? Wer kann sie unterstützen, wenn Großeltern, Freunde, Verwandte aufgrund der Kontaktbeschränkungen nicht zu Besuch kommen können? Da wird Familie Ahrens in der Kinderklinik vom Entlassmanagement die Harl.e.kin-Nachsorge vorgestellt. Dieses niedrigschwellige und für sie kostenfreie Angebot nehmen sie gerne an. Die Harl.e.kin-Nachsorge in Bayern begleitet Familien mit einem früh- oder risikogeborenen Kind im Übergang von der Klinik nach Hause. Bayernweit ist das Nachsorgemodell inzwischen an 25 Standorten implementiert und wird durch das Bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales gefördert. Ziel der Harl.e.kin-Nachsorge ist die nachhaltige Stärkung der elterlichen Kompetenzen bezüglich Pflege und Versorgung, sowie der Aufbau einer förderlichen Eltern-Kind- Beziehung, um somit bestmögliche Voraussetzungen für die Entwicklung des Kindes und der gesamten Familie zu schaffen. Hierzu arbeiten im fachlichen Tandem jeweils eine erfahrene Kinderkrankenschwester der Kinderklinik als Nachsorgeschwester sowie eine Mitarbeiterin der Frühförderstelle als Mobiler Dienst (MDFF) zusammen. Durch die kombinierte Fachlichkeit des Tandems werden sowohl pflegerische Fragen als auch Fragen zu Interaktion, Bindung und Entwicklung beantwortet. Das Nachsorgeangebot zeichnet sich durch ein niedrigschwelliges Indikationsspektrum aus, das kindliche und elterliche Faktoren gleichermaßen aufgreift. Die Beratung erfolgt in Form von Hausbesuchen, um den Eltern zusätzliche Fahrtwege zu ersparen. Sowohl die Dauer der Nachsorge, die Frequenz der Hausbesuche als auch die fachlichen Schwerpunkte werden im Verlauf der Beratung stets flexibel an den individuellen Bedarf der Familie angepasst. Die Nachsorge beginnt im besten Fall bereits in der Klinik mit einem persönlichen Erstgespräch und einem Kennenlernen des Nachsorgetandems gegen Ende des Klinikaufenthaltes. So können die Eltern beide Fachpersonen kennenlernen und Vertrauen fassen. Dabei werden die drängendsten inhaltlichen Fragen besprochen und das weitere Vorgehen geplant. Beim Erstgespräch beginnt auch der für die Nachsorge so wichtige vertrauensbildende Beziehungsaufbau und es wird ein Termin für den ersten Hausbesuch vereinbart. Dabei können die Familien mitbestimmen, ob sie erstmal in Ruhe zu Hause ankommen wollen oder ob sie direkt nach der Entlassung Unterstützung brauchen. Je nach Bedürfnis der Eltern erfolgt dann der erste Hausbesuch bereits wenige Tage nach der Entlassung oder später. Aufgrund der geltenden Bestimmungen zum Corona-Infektionsschutz waren diese Abläufe im Frühjahr 2020 so nicht mehr möglich. Es mussten kurzfristig neue Wege der Kontaktaufnahme und zum Beziehungsaufbau gefunden werden. Dann ist der Tag der Entlassung gekommen - Familie Ahrens geht mit Justus nach Hause. In der Klinik war ein persönliches Kennenlernen mit ihrem betreuenden Tandem der Harl.e.kin-Nachsorge coronabedingt nicht möglich. Die Mutter hat sich im Entlassgespräch eine zeitnahe erste Kontaktaufnahme durch das Harl.e.kin-Tandem gewünscht. Aufgrund der geltenden Kontaktbeschränkungen darf das Tandem nicht zum Aus der Praxis 215 FI 4/ 2021 Hausbesuch kommen. Daher nimmt die Nachsorgeschwester von Harl.e.kin zwei Tage nach der Klinikentlassung telefonisch Kontakt mit der Mutter auf. Frau Ahrens ist erleichtert, sie hat sich bereits viele Fragen notiert und ist froh, dass sie nun eine Ansprechpartnerin hat, die sie bereits aus der Klinik kennt. Die Mutter berichtet, dass sie versucht, sich an den ihr bekannten Ablauf aus der Klinik zu halten. Sie weckt Justus alle vier Stunden, stillt ihn und füttert anschließend nach. Sie kontrolliert die aus der Flasche getrunkene Menge und wiegt Justus mehrmals täglich. Außerdem misst sie bei jedem Wickeln die Temperatur und fragt sich, ob es für Justus warm genug ist, da es ihr in der Kinderklinik wärmer vorkam als zu Hause. Die Nachsorgeschwester beruhigt Frau Ahrens am Telefon. Sie rät ihr die Körpertemperatur von Justus zweimal täglich zu messen und darauf zu achten, dass die Raumtemperatur auch nachts etwas über 18° C liegt. Außerdem äußert sie sich zuversichtlich über die Gewichtszunahme und beruhigt die Mutter, sie brauche Justus nur noch jeden zweiten Tag zu wiegen und solle das Nachfüttern mit der Flasche schrittweise reduzieren. Der Kleine sei inzwischen schon deutlich kräftiger und könne beim Stillen mehr Muttermilch aufnehmen. Aufgrund der großen Verunsicherung seitens der Mutter vereinbart die Nachsorgeschwester das nächste Telefonat bereits für den übernächsten Tag. Im Anschluss ruft sie ihre Tandempartnerin der Harl.e.kin-Nachsorge an, um den Fall gemeinsam zu besprechen. Die Situation, die Mutter alleine am Telefon zu beraten, ist neu für die Nachsorgeschwester und herausfordernd. Die Mitarbeiterin vom Mobilen Dienst der Frühförderstelle bestärkt ihre Kollegin darin, dass Frau Ahrens auch durch die telefonische Beratung Unterstützung erfährt, dass sie eine zuverlässige Ansprechpartnerin hat und mit der Zeit mehr Selbstvertrauen gewinnen wird. Das Tandem verabredet, dass zunächst die Nachsorgeschwester weiter im telefonischen Kontakt mit Frau Ahrens bleibt, sie sich aber im Anschluss an das nächste Telefonat wieder austauschen. Für einen gelingenden Einstieg in den Harl.e.kin- Nachsorgeprozess ist der erste Hausbesuch nach dem Erstkontakt auf Station ein bedeutender Schritt. Tritt das Tandem beim ersten Hausbesuch gemeinsam auf, ist gewährleistet, dass von Anfang an ein Vertrauensverhältnis zwischen den Eltern und beiden Fachpersonen aufgebaut werden kann. Ferner sind so beide Tandempartnerinnen von Beginn an über die ersten und zentralen Anliegen der jeweiligen Familie informiert und in den Beratungsprozess involviert. Doch im Frühjahr und Sommer 2020 war vieles anders. Die Beratung der Harl.e.kin-Nachsorge konnte coronabedingt für mehrere Wochen bis Monate nur aus der Ferne (über Telefon und Video) erfolgen. Der Zutritt zur Klinik war Externen untersagt. Da in der ersten Zeit der Pandemie persönliche Kontakte unterbunden waren, waren auch Hausbesuche nicht mehr möglich. Doch die Harl.e.kin-Nachsorge stand nicht still. Zu dringlich waren die Anliegen der Eltern. Es stellte sich die Frage, wie Eltern, die durch die Kontaktbeschränkungen vor noch größeren Herausforderungen standen, gut im Übergang nach Hause begleitet werden können. Anstelle von Hausbesuchen wurden die Eltern in der ersten Zeit des Lockdowns deshalb am Telefon beraten. In einigen Fällen kam das Nachsorge- Tandem dadurch nur sehr schwer in eine Beratung und die Nachsorge endete schon nach wenigen Anrufen oder wurde von den Eltern vorzeitig abgebrochen. Häufig jedoch ergab sich in dieser besonderen Situation eine sehr intensive Begleitung mit deutlich mehr Kontakten, als das üblicherweise der Fall ist. Der Beratungsbedarf der Eltern war hoch - oftmals höher als vor der Pandemie - neue Fragen und Sorgen sind hinzugekommen. Außerdem war das Tandem meist eine der wenigen Kontaktmöglichkeiten der Familie. Für die Mitarbeiter*innen war die telefonische Betreuung in diesem Umfang neu. Der Austausch im fachlichen Tandem war hier von großer Bedeutung. Schnell wurden Wege gefunden, sich über die Zentrale Koordination der Harl.e.kin- Nachsorge in Bayern über die Erfahrungen zwischen den verschiedenen Standorten auszutau- Aus der Praxis 216 FI 4/ 2021 schen. Ein zentraler Leitfaden zur telefonischen Beratung unterstützte die Standorte bei den Telefonkontakten. In kurzer Zeit wurden an vielen Harl.e.kin-Standorten Möglichkeiten zur Durchführung von Videoberatungen geschaffen, einschließlich der Investition in technisches Equipment und die Auslotung geeigneter Software. Viele Familien nahmen das neue Angebot interessiert und offen auf und die Mitarbeiter*innen der Harl.e.kin-Nachsorge berichteten neben allen Unsicherheiten von positiven Erfahrungen mit dem Einsatz digitaler Medien im Beratungsprozess. Als große Herausforderung erwies sich die Etablierung der Nachsorge im Tandem. Mitarbeiter*innen von verschiedenen Harl.e.kin-Standorten berichteten, dass es mitunter schwer gelang, den zweiten Tandempartner aktiv in die Beratung einzubeziehen, wenn von Beginn an nur Kontakt zu einem Teil des Tandems bestand. So kam es im Jahr 2020 entgegen der Konzeption der Harl.e.kin- Nachsorge teilweise vor, dass nur ein Teil des Harl.e.kin-Tandems im direkten Kontakt mit der Familie stand und der andere Partner überwiegend beratend im Hintergrund den Prozess begleitete. Für die Tandems war es dann teils schwierig, eine Situation zu bewerten und individuell zu beraten. Die Beurteilung der Entwicklung, der häuslichen Gegebenheiten und Lebensumstände, des körperlichen und psychischen Zustandes von Eltern und Kindern sowie die Wahrnehmung der Eltern-Kind-Bindung sind aus der Ferne kaum möglich und der persönliche Kontakt fehlte vor allem auch beim Aufbau einer vertrauensvollen Beratungsbeziehung. Frau Ahrens zeigt sich beim zweiten Telefonat weiterhin verunsichert. Sie macht sich Sorgen, ob Justus genügend trinkt, da er nach dem Stillen nicht mehr viel nachtrinkt. Die Nachsorgeschwester rät ihr, darauf zu achten, wie viele nasse Windeln Justus hat, um von der Urinmenge auf die Trinkmenge zu schließen. Frau Ahrens ist dankbar für diesen Tipp. Die Nachsorgeschwester hört am Telefon, dass Justus im Hintergrund weint, und schlägt vor, dass Frau Ahrens sich später nochmal melden darf, wenn sie Justus beruhigt hat. Eine halbe Stunde später ruft Frau Ahrens dann bei der Nachsorgeschwester an. Sie hat Justus gewickelt und gestillt - jetzt schläft das Baby. Die Mutter stellt noch viele weitere Fragen zum Thema Gewichtszunahme, Schlafen, Unruhe und Haut- und Körperpflege. Die Nachsorgeschwester hat am Telefon den Eindruck, dass auch Frau Ahrens sehr müde ist und spricht diese darauf an. Die Mutter berichtet, dass Justus letzte Nacht sehr unruhig war und sie selbst kaum geschlafen habe. Den Vorschlag der Harl.e.kin-Nachsorgeschwester, sich im Anschluss an das Telefonat kurz hinzulegen, während Justus noch schläft, nimmt Frau Ahrens dankbar an. Beim nächsten Telefonat etwa eine Woche später klingt Frau Ahrens schon deutlich sicherer. Sie berichtet, dass sie mit Justus bei der U-Untersuchung beim Kinderarzt war und dieser sehr zufrieden gewesen sei. Der Kleine habe bereits gut zugenommen und wiege jetzt 2590 g. Er wird nun vollgestillt, schläft aber meistens bereits nach kurzer Zeit wieder ein. Die Nachsorgeschwester berät Frau Ahrens, wie sie Justus beim Stillen wachhalten kann. Die Mutter schildert, dass sie meistens froh ist, wenn Justus beim Stillen einschläft, da die Nächte derzeit so unruhig sind und sie sich sehr erschöpft fühlt. Da ihr Mann nun wieder zur Arbeit geht, möchte sie diesen dann nachts nicht wecken. Die Nachsorgeschwester fragt, ob sie es sich vorstellen könnte, sich nachmittags hinzulegen, wenn ihr Mann von der Arbeit kommt, oder abends schon früher schlafen zu gehen, sodass ihr Mann sich um Justus kümmert, solange er selbst noch wach ist. Frau Ahrens findet diese Vorschläge gut und möchte sie mit ihrem Mann besprechen. Weitere Telefonate finden in immer größeren Abständen statt. Frau Ahrens wirkt zunehmend entspannter und scheint mit Justus gut zurechtzukommen. Allerdings habe Justus in letzter Zeit immer wieder Bauchschmerzen. Die Nachsorgeschwester rät zu einer Bauchmassage mit Küm- Aus der Praxis 217 FI 4/ 2021 melöl und einem Wärmekissen. Da Justus inzwischen längere Wachphasen am Tag hat, hat Frau Ahrens auch Fragen zur motorischen Entwicklung, zum Einsatz von Spielsachen und zur Gestaltung eines kindgerechten und sicheren Zuhauses. Die Nachsorgeschwester schlägt vor, dass sich nun die Mitarbeiterin vom Mobilen Dienst bei Frau Ahrens melden wird. Mit ihrer Zusatzausbildung in entwicklungspsychologischer Beratung übernimmt sie im Tandem die Beratung zu Bindung, Interaktion und Entwicklung. Nach einem ersten Telefonat zwischen dem Mobilen Dienst der Frühförderstelle und der Mutter wird eine Videoberatung vereinbart, an der sowohl die Eltern als auch das Tandem gemeinsam teilnehmen. Nach anfänglichen Bedenken aufseiten der Eltern wird diese Art zu kommunizieren als sehr hilfreich und positiv erlebt. Es folgen mehrere Videokontakte, in denen sowohl die Mitarbeiterin vom Mobilen Dienst als auch die Nachsorgeschwester gemeinsam zu verschiedensten Fragen, wie etwa dem Einführungszeitpunkt von Beikost, beraten. Zu diesen Themen schickt die Mitarbeiterin vom Mobilen Dienst der Familie auch Broschüren zur Information zu. Als die coronabedingten Kontaktbeschränkungen immer mehr gelockert werden und das Harl.e.kin- Tandem mit einem entsprechenden Hygienekonzept wieder Hausbesuche machen darf, wird zum Abschluss ein gemeinsamer Hausbesuch bei Familie Ahrens verabredet. Diese freut sich sehr darüber, dass sie das Harl.e.kin-Tandem, das ihnen in der schwierigen ersten Zeit über Telefon und Video zur Seite stand, nun auch endlich persönlich kennenlernen kann. Die Eltern sind sehr stolz auf die Entwicklung von Justus und fühlen sich selbst in ihrer Elternrolle sicher. Beim Hausbesuch berichtet Frau Ahrens, dass es ihr in der ersten Zeit auch psychisch sehr schlecht ging, sie habe durch die Erlebnisse rund um die Geburt von Justus viele Ängste und Selbstzweifel gehabt und sich mit Justus zu Hause anfangs überfordert gefühlt. Durch die beratende Unterstützung des Harl.e.kin- Tandems habe sie jedoch immer mehr eigene Sicherheit entwickelt und es gehe ihr nun deutlich besser. Auch das Harl.e.kin-Tandem ist froh, dass sie trotz der schwierigen Umstände Familie Ahrens im Übergang von der Klinik in den neuen Alltag zu Hause begleiten und die Nachsorge zu einem guten Abschluss bringen konnte. Das Fallbeispiel von Familie Ahrens zeigt einerseits, vor welchen Herausforderungen Familien stehen können, bei denen durch eine zu frühe Geburt oder Erkrankung ihres Kindes vieles anders kommt, als sie es sich vorgestellt haben, und welche zusätzlichen Sorgen und Nöte durch die Pandemie die Unsicherheit noch mehr verstärkten. Andererseits macht es deutlich, wie flexibel die Harl.e.kin-Nachsorge unter Pandemiebedingungen im Jahr 2020 kurzfristig angepasst werden musste. Es zeigt die Schwierigkeit, trotz Kontaktbeschränkungen weiterhin Kontakt zu Familien herzustellen und zu halten und das Beratungsangebot für die Familien in kürzester Zeit neu zu gestalten. Wie Familie Ahrens geht es vielen Eltern früh- oder risikogeborener Kinder. Die zu frühe und oft überstürzte Geburt oder die Erkrankung eines neugeborenen Babys sorgt bei Eltern oft für große Verunsicherung. Unzählige Fragen, Ängste und Sorgen um das Neugeborene und seine Entwicklung mischen sich in die Freude über das neue Leben. Erfahrungsgemäß erleben Eltern vor allem die Anfangszeit mit einem vorzeitig oder krank geborenen Kind als sehr herausfordernd. Neben den unsicheren Entwicklungsprognosen für das Kind kamen 2020 durch Covid-19 rund um die Geburt zusätzlich verunsichernde und belastende Faktoren hinzu: Die Angst, selbst mit dem Virus zum Zeitpunkt der Geburt infiziert zu sein, diesen im schlimmsten Fall an das zu früh geborene oder kranke und somit geschwächte Kind weiterzugeben; eine teilweise oder gänzlich fehlende Geburtsvorbereitung; die Einschränkung, dass der werdende Vater nur kurz während der Geburt in der Klinik sein durfte, waren nur einige der enorm belastenden Faktoren, die das ohnehin schon einschneidende Lebensereignis Frühgeburt im vergangenen Jahr noch verschärften. Aus der Praxis 218 FI 4/ 2021 Und auch nach der Geburt sahen sich Eltern früh- oder risikogeborener Kinder mit vielfältigen Einschränkungen und Hürden auf den neonatologischen Stationen konfrontiert. Während der Pandemie war es aufgrund der Vorgaben in den Kliniken vielfach nicht möglich, dass beide Elternteile zeitgleich bei ihrem Kind waren. Eltern, die sonst gemeinsam am Inkubator Ängste und Unsicherheiten teilten und zusammen lernten, ihr Neugeborenes zu versorgen, waren nun jeweils allein der Situation ausgesetzt. Sie sahen sich teils nur kurz bei der Übergabe, tauschten Informationen in wenigen Worten. Mögliche Geschwisterkinder lernten ihr neues Familienmitglied lediglich über Bilder und Videos kennen, konnten nicht zu Besuch mit in die Klinik, konnten aufgrund der coronabedingten Kontaktbeschränkungen aber auch nicht von Oma oder Opa betreut werden. Nach der Klinikentlassung mussten die Nachsorgeuntersuchungen in der Klinik - die ebenfalls für Eltern häufig sehr angstbehaftet sind - in der Regel von nur einem Elternteil alleine bewältigt werden. Kontakte zu familiären Unterstützungsnetzwerken, Freunden oder anderen Eltern gab es kaum und wenn dann häufig nur in digitaler Form. Und auch die Harl.e.kin-Nachsorge steht mit Beginn der Pandemie vor großen Herausforderungen und passt im Verlauf ihr Nachsorgekonzept flexibel und kreativ an die Anforderungen an. Wie die Dokumentation der Mitarbeiter*innen verschiedener Standorte zeigt, finden durch die besonderen Umstände die Beratungen teils deutlich häufiger und länger statt, was in vielen Fällen eine sehr enge Beziehung zwischen Familie und Berater*innen zur Folge hat. Gerade in der ersten Zeit des strengen Lockdowns, in der es viele Eltern vermieden, mit ihrem Neugeborenen einen Arzt aufzusuchen und Therapieeinrichtungen geschlossen hatten, sowie Kontakte zu anderen Eltern untersagt waren, war die Verbindung zum Tandem besonders bedeutsam. Insgesamt wird durch die vielen Telefonate sehr intensive Beziehungsarbeit geleistet. Auch ermöglicht die Telefonberatung teils schnellere Kontaktaufnahmen nach der Entlassung aus der Klinik, denn es muss nicht erst ein Termin für einen Hausbesuch abgestimmt werden. Die Terminkoordination wird einfacher, wenn nur ein Tandempartner die Familie anruft, der Zeitaufwand reduziert sich dadurch, dass es keine Fahrtzeiten zu den Hausbesuchen gibt, und Fahrtkosten zu den Familien vor Ort werden eingespart. Diese Einsparungen werden an vielen Harl.e.kin-Standorten in die technische Ausstattung der Harl.e.kin-Nachsorge investiert (wie z. B. in Laptops, Tablets, Smartphones), denn zusätzlich zur Telefonberatung wird schrittweise die Videoberatung in den Nachsorgeprozess integriert und etabliert. Nach anfänglichen Berührungsängsten und technischen Schwierigkeiten mit Onlinekommunikationsplattformen kann so trotz Kontaktbeschränkungen kontinuierlich Kontakt zu den Eltern, aber auch untereinander im Tandem gehalten werden. Die Rückmeldungen der Standorte zeigen, dass in dieser besonderen Zeit auch viele teils sehr kreative Lösungen gefunden werden, um die Eltern weiterhin professionell und kompetent zu unterstützen. So finden viele Beratungsgespräche kurzerhand im Garten oder beim Spazierengehen statt. Tandempartner*innen werden mit persönlichen Steckbriefen vorgestellt. Mithilfe geeigneter Software für Gruppenchats kommuniziert das Tandem mit den Eltern online. Zusätzlich werden den Eltern ergänzende Informationsmaterialien mit der Post oder per E-Mail zugeschickt. An manchen Standorten erhalten die Familien von ihrem Tandem aktuelle Informationen darüber, welche Therapeuten ab wann unter welchen Bedingungen wieder Termine anbieten und was bei Terminen mit dem Neugeborenen zu beachten ist. Fühlt man sich in die oben beschriebene Fallgeschichte ein, spürt man, wie schwierig die Situation für Eltern früh- und risikogeborener Kinder zum Beginn der Coronakrise im Jahr 2020 war und teilweise bis heute ist. Exemplarisch wird Aus der Praxis 219 FI 4/ 2021 deutlich, welch wichtige Aufgabe der Harl.e.kin- Nachsorge auch und gerade während der Pandemie zukommt und wie engagiert sich die Mitarbeiter*innen von Harl.e.kin an allen Standorten trotz umfassender Einschränkungen und zahlreicher Herausforderungen für ihre Harl.e.kin- Familien einsetzen. Dr. Bettina Achhammer Zentrale Koordination der Harl.e.kin-Nachsorge in Bayern Arbeitsstelle Frühförderung Bayern Seidlstr. 18 a 80335 München E-Mail: harlekin.achhammer@affby.de Aus der Praxis a www.reinhardtverlag.de 2020. 287 Seiten. 41 Abb. 40 Tab. (9783497029433) kt Clinical Reasoning SprachtherapeutInnen sollen Entschei dungen im Therapieprozess professio nell treffen und fundiert begründen. Sie erhalten mit diesem Buch das nöti ge Handwerkszeug. In 15 Fallbeispielen machen Spezialisten der Sprachthe rapie den Prozess der Entscheidungs findung für verschiedene Störungs bilder nachvollziehbar. 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