eJournals Frühförderung interdisziplinär41/2

Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2022.art10d
1_041_2022_2/1_041_2022_2.pdf41
2022
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Tests und Screenings: PROVIKIT Seh-Screening für die Nähe für Kinder im Vorschulalter (4 - 7)

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Renate Walthes
Da in der kinderärztlichen Praxis (U7A) überwiegend Funktionen überprüft werden, die mit dem Sehen in der Ferne zu tun haben (Walthes 2021, 24-37), werden Sehprobleme bei Aktivitäten im Nahraum (Puzzeln, Malen, Basteln, Bauen …) eher selten identifiziert. Nahezu alle Entwicklungs- und Intelligenztestverfahren arbeiten mit visuellen Elementen wie zum Beispiel Bilderkennung, Nachzeichnen, Kategorisieren von Objekten und Bildkarten, Mustererkennung oder Auge-Hand-Koordination. Zwar wird in der Einleitung zu den Verfahren betont, dass diese bei festgestellter Sehbehinderung nicht angewendet werden sollten, dies bezieht sich jedoch lediglich auf Kinder, bei denen gemäß sozialrechtlicher Kriterien Augenerkrankungen festgestellt und die bezüglich der Sehschärfe (Visus) und des Gesichtsfelds als sehbehindert eingestuft wurden. Wenn Kinder bei der Lösung von Nahaufgaben Probleme haben oder sie verweigern, dann wird dies als Nichtbestehen der entsprechenden Entwicklungs- oder Intelligenztestaufgabe gewertet, beeinträchtigte visuelle Funktionen, die eine Lösung der gestellten Aufgabe erschweren, werden selten in Betracht gezogen.
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84 Frühförderung interdisziplinär, 41.-Jg., S.-84 - 88 (2022) DOI 10.2378/ fi2022.art10d © Ernst Reinhardt Verlag TESTS UND SCREENINGS PROVIKIT Seh-Screening für die Nähe für Kinder im Vorschulalter (4 - 7) Renate Walthes Wozu ein Seh-Screening für die Nähe? Da in der kinderärztlichen Praxis (U7A) überwiegend Funktionen überprüft werden, die mit dem Sehen in der Ferne zu tun haben (Walthes 2021, 24 - 37), werden Sehprobleme bei Aktivitäten im Nahraum (Puzzeln, Malen, Basteln, Bauen …) eher selten identifiziert. Nahezu alle Entwicklungs- und Intelligenztestverfahren arbeiten mit visuellen Elementen wie zum Beispiel Bilderkennung, Nachzeichnen, Kategorisieren von Objekten und Bildkarten, Mustererkennung oder Auge-Hand-Koordination. Zwar wird in der Einleitung zu den Verfahren betont, dass diese bei festgestellter Sehbehinderung nicht angewendet werden sollten, dies bezieht sich jedoch lediglich auf Kinder, bei denen gemäß sozialrechtlicher Kriterien Augenerkrankungen festgestellt und die bezüglich der Sehschärfe (Visus) und des Gesichtsfelds als sehbehindert eingestuft wurden. Wenn Kinder bei der Lösung von Nahaufgaben Probleme haben oder sie verweigern, dann wird dies als Nichtbestehen der entsprechenden Entwicklungs- oder Intelligenztestaufgabe gewertet, beeinträchtigte visuelle Funktionen, die eine Lösung der gestellten Aufgabe erschweren, werden selten in Betracht gezogen. Das PROVIKIT Sehscreening versucht diese Lücke zu schließen, indem es erste Hinweise auf visuelle Schwierigkeiten in folgenden Anforderungsbereichen gibt: n Formerkennung n Detailexploration n Trennsehschärfe n Binokularsehen n Kontrastsehen n Linienrichtungen n Linienlängen Diese elementaren Sehfunktionen wirken zwar in der visuellen Aktivität im Nahbereich zusammen, wenn Bilderbücher und Fotos betrachtet oder Details angeschaut werden, es ist jedoch hilfreich, sie einzeln in den Fokus zu nehmen. So sind z. B. beim Malen, Linien nachzeichnen, Schreiben oder Puzzle spielen Nahaufgaben mit Auge-Hand-Funktion kombiniert. Es gibt Situationen, in denen ein Kind bei der rein visuellen Exploration kleiner Details Schwierigkeiten hat, diese Aufgabe jedoch gut lösen kann, wenn sie mit Auge-Hand-Funktion kombiniert ist. Ganz konkret: ein Kind entdeckt jede noch so kleine Spielfigur auf dem Tisch. Das wird gleichgesetzt mit guter Detailsehschärfe, ist aber eher die Fähigkeit, etwas zu entdecken, ohne erkennen zu müssen, um was es sich im Detail handelt. Da es schnell nach der Figur greift und dann im Grunde taktil herausfindet, worum es geht, können mögliche Schwierigkeiten in der visuellen Detailexploration verdeckt bleiben. Für das Greifen (Auge-Hand-Koordination) ist nur die Größe und der Umriss relevant, nicht aber die Binnenstruktur. Mit dem PROVIKIT Screening für das Sehen in der Nähe wird der Versuch gestartet, Auffälligkeiten bereits im Vorschulalter früh zu identifizieren. Es wurde im Projekt ProVisioN (TU Dortmund) in der Zusammenarbeit mit der Entwicklungsneuropsychologischen Ambulanz des Sozialpädiatrischen Zentrums an der Kinderklinik Dortmund (Kerkmann et al. 2021) sowie des Kinderneurologischen Zentrums der Sana Kliniken Düsseldorf-Gerresheim (Becher et al. 2018) entwickelt. Alle Fachleute in der 85 FI 2/ 2022 Tests und Screenings Frühförderung (Kinderärzt*innen, Ergotherapeut*innen, Erzieher*innen, Pädagog*innen; Physiotherapeut*innen; Psycholog*innen, Sozialpädagog*innen) die das Sehen von Kindern überprüfen möchten, können dieses Screening anwenden. Aus der umfangreichen Testbatterie der international anerkannten Expertin für pädiatrische Ophthalmologie Prof. Dr. Lea Hyvärinen wurden Testverfahren ausgewählt, die für das Sehen in der Nähe relevant sind und bereits bezüglich ihrer Sensitivität und Validität überprüft wurden. Dies sind im Einzelnen: Testverfahren zum Formensehen, zur Bestimmung der Sehschärfe in der Nähe (Einzel-, Reihen- und Trennsehschärfe) zum Kontrastsehen, zum Stereosehen (höchste Leistung des binokularen Sehens), zur Linienlänge sowie zur Linienrichtung. Kontrastsehen ist eine wichtige Voraussetzung zum Erkennen aller Objekte, Texte und Bilder, die niedrige Kontraststufen aufweisen sowie für die Figur-Grund-Analyse und die Differenzierung von Pastellfarben. „Linienlänge und Linienrichtung sind Überprüfungselemente, die sich bisher nicht in gängigen Testverfahren finden, die jedoch im Hinblick auf mögliche zerebral bedingte Sehbeeinträchtigungen relevant sind. Im visuellen Kortex werden Linienrichtung (V 1) und Linienlänge (V 2) wie auch ihre Zusammensetzung zu einfachen Konturen und Formen (V 3) in spezialisierten Neuronengruppen kodiert. Bei Läsionen im okzipitalen Kortex oder bei einer veränderten Prozessierung visueller Information können Probleme bei der Kodierung von Linienlänge und Linienrichtung entstehen - mit möglichen Auswirkungen auf Erkennen von Konturen und Umrissen, später dann Buchstaben. Linienrichtung und Linienlänge werden in diesem Screening einmal rein visuell und dann in Bezug auf die Auge-Hand-Koordination überprüft. Dies entspricht den Ergebnissen der neurologischen Forschung, die von einer unterschiedlichen Prozessierung visueller Information in ventralen (temporalen) und dorsalen (parietalen) Netzwerken ausgeht. Daher kann die rein visuelle Erkennung von Linienrichtung und Linienlänge beeinträchtigt sein, mit Auge-Handkoordination gelingt sie jedoch und umgekehrt.“ (PROVIKIT Manual 2018, 2; Hogrebe 2019, 59; Hyvärinen 2019) Das PROVIKIT Sehscreening Das PROVIKIT Sehscreening mit LEA-Testverfahren besteht aus den einzelnen LEA-Tests, die entweder einzeln im Fachhandel oder als PROVIKIT Sehtest unter https: / / www.eyesfirst.eu/ provikitsehteste-projekt-provision.html bezogen werden können, aus einem Manual sowie einem Dokumentationsbogen, die beide kostenlos auf der Seite www.provikit.de unter der Rubrik Sehüberprüfungen heruntergeladen werden können. Das Manual enthält neben allgemeinen Informationen zum Screening für jeden Test gesondert Angaben zum Material, zur Durchführung, kindgerechte Formulierungsvorschläge Abbruchkriterien sowie die Einschätzung in unauffällig und auffällig. Wie in allen Screenings bedeutet auch hier eine Einschätzung in „auffällig“ lediglich die Aufforderung zu einer differenzierten Überprüfung und Abb. 1: Manual PROVIKIT 86 FI 2/ 2022 Tests und Screenings weiteren Beobachtung. Insbesondere bei den Aufgaben zur Linienlänge und Linienrichtung empfehlen sich mehrere Wiederholungen. Alle Aufgaben sollen beidäugig offen durchgeführt werden, dies entspricht den Alltagsbedingungen des kindlichen Sehens. Trägt das Kind eine Brille, sollte diese genutzt bzw. vermerkt werden, ob es Situationen gibt, in denen das Kind die Brille spontan absetzt. Eine genaue Beobachtung der Strategien der Kinder ist ausgesprochen hilfreich und bietet weitere Informationen. So bedeutet eine Annäherung z. B. bei den Sehschärfetests, dass die Symbole nicht mehr scharf gesehen und durch die Annäherung eine Vergrößerung erreicht wird. Taktile Strategien sowohl bei den Aufgaben zum Formensehen wie auch bei den Aufgaben zu Linienlängen und Linienrichtungen bedeuten, dass eine rein visuelle Analyse Schwierigkeiten bereitet. Die Ergebnisse können entweder in den Protokollbogen oder direkt in die PROVIKIT Web-App eingetragen werden. Während in der umfangreichen Version der funktionalen Sehüberprüfung der PRO- VIKIT Web-App mehrere Materialien zur Überprüfung einer Sehfunktion angegeben sind, ist in der Screening-App nur jeweils ein Material angegeben. Abb. 2: Protokollbogen PROVIKIT Abb. 3: Manual Aufgabenbeschreibung: außen Testmaterial mit Foto und Aufgabenformulierung. Mitte oben: Durchführungsbeschreibung. Mitte unten: Kriterien für (grün) Aufgabe wird gelöst (= unauffällig), (orange) Aufgabe wird nicht oder teilweise gelöst (= auffällig) 87 FI 2/ 2022 Tests und Screenings Eine Eingabe könnte zum Beispiel so aussehen (Abb. 4). Innerhalb der Web-App werden die Angaben automatisch in eine Matrix (Abb. 5) überführt. Diese gibt eine gute Übersicht über die unauffälligen und auffälligen Funktionen. In diesem Beispiel wird deutlich, dass Aufgaben der Form- und Konturerkennung nicht bewältigt werden können, während Aufgaben mit Auge- Hand-Funktion gelingen und auch Farbe ein hilfreiches Merkmal der Zuordnung ist. Da die Aufgabe zur Kontrastsensitivität mit Optotypen - also Formen - arbeitet, ist es unklar, ob eine geringe Kontrastsensitivität vorliegt oder die Aufgabe wegen der Form- und Konturerkennungsproblematik Abb. 4: Eingabemaske Abb. 5: Matrix nicht gelöst werden konnte. Hier wäre eine Überprüfung mit anderen Testverfahren erforderlich. Insgesamt bietet das Provikit Seh-Screening eine erste Möglichkeit, elementare Sehfunktionen für das Sehen in der Nähe zu überprüfen. Das Manual bietet aufgrund seiner detaillierten Beschreibungen einen leichten Einstieg in die Überprüfung und Beobachtung der aufgeführten Sehfunktionen. Wer sich weiter einarbeiten möchte, dem bietet die PROVIKIT Web-App zwei Videotutorials und eine Fülle an Materialien und Hilfestellungen. (Hogrebe 2019, 51 - 52) Prof. Dr. Renate Walthes Mallnitzer Weg 6 a 58454 Witten 88 FI 2/ 2022 Tests und Screenings Literatur Becher, T., Breitenbach, S., Herting, C., Walthes, R. (2018): Sehe ich etwas, was Du nicht siehst? “. Cerebral bedingte Sehbeeinträchtigungen (CVI) bei Kindern mit Cerebralparese. In: Neuropädiatrie in Klinik und Praxis 17. Jg. (1), 10 - 15 Hogrebe, F. (2019): PROVIKIT-Web-App und PROVIKIT Seh-Screening - ein Angebot des Projektes ProVisioN (TU-Dortmund). In: blind-sehbehindert 139 (1), 48 - 52 Hyvärinen, L. (2019): Visual Processing Functions and Disorders. In: Hyvärinen, L. Jacob, N. (Eds.): What and how does this child see. 2. Auflage. Vistest, 115 - 159 Kerkmann, V., Gawehn, N., Schneider, D. T. (2021): Kinder mit bislang unentdeckten Sehbeeinträchtigungen in IFF und Sozialpädiatrie - Versorgung erweitern und Teilhabechancen erhöhen durch interprofessionelle Zusammenarbeit. Frühförderung interdisziplinär 40 (2), 96 - 102, https: / / doi.org/ 10.2378/ fi2021.art10d PROVIKIT Manual (2018): www.provikit.de; 25. 3. 2021 Walthes, R. (2021): Wird Sehen übersehen? Visuelle Probleme im Kindesalter. Frühförderung interdisziplinär, 40 (1), 24 - 37, https: / / doi.org/ 10.2378/ fi2021.art05d a www.reinhardt-verlag.de Harry Dettenborn Kindeswohl und Kindeswille Psychologische und rechtliche Aspekte 6., überarbeitete Auflage 2021. 169 Seiten. 9 Abb. 5 Tab. (978-3-497-03071-2) kt Aktualisiertes Standardwerk In diesem Buch wird gezeigt, wie die Kriterien Kindeswohl und Kindeswille kontrolliert und sensibel genutzt werden können. Der Praktiker erhält außerdem konkrete Anleitungen zur Diagnostik und zum Umgang mit dem Kindeswillen. Beschrieben werden Altersbesonderheiten sowie die Spezifik des selbstgefährdenden und des induzierten Kindeswillens. Anhand der Entfremdung eines Kindes von einem Elternteil wird gezeigt, wie schwierig eine differenzierte Beurteilung des Kindeswillens ist.