Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2023.art07d
1_042_2023_2/1_042_2023_2.pdf41
2023
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Originalarbeit: Work-Life-Balance und berufliche Belastungen von pädagogischen Fachkräften in der Frühförderung mit hörgeschädigten Kindern
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2023
Kathrin Vogt
Manfred Hintermair
Karolin Schäfer
Der Beitrag stellt die Ergebnisse einer Online-Befragung zur Work-Life-Balance (WLB) von n=95 Frühförderfachkräften im Förderschwerpunkt Hören im Kontext subjektiv erlebter berufsbezogener Belastungen vor. Im Vergleich mit den Aussagen von Fachkräften im Förderschwerpunkt Hören, die nicht in der Frühförderung arbeiten, zeigen sich keine Unterschiede in den erfassten Merkmalen. Die Zufriedenheit der Frühförderfachkräfte mit ihrer WLB steht in Zusammenhang mit dem Umfang der erlebten beruflichen Belastung und gesundheitsrelevanten Merkmalen. Geringere Belastung, persönliche Lebenszufriedenheit und ein gutes soziales Netzwerk tragen zu einer besseren WLB bei, während ein zu extensives Arbeitsengagement mit hohem Streben nach Perfektion und geringe Distanzierungsfähigkeit von beruflichen Inhalten der WLB nicht zuträglich sind. Als besonders belastend hervorgehoben werden von den Frühförderfachkräften vor allem lange Fahrzeiten sowie Verwaltungstätigkeiten.
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Frühförderung interdisziplinär, 42.-Jg., S.-54 - 65 (2023) DOI 10.2378/ fi2023.art07d © Ernst Reinhardt Verlag 54 Work-Life-Balance und berufliche Belastungen von pädagogischen Fachkräften in der Frühförderung mit hörgeschädigten Kindern Kathrin Vogt, Manfred Hintermair, Karolin Schäfer Zusammenfassung: Der Beitrag stellt die Ergebnisse einer Online-Befragung zur Work-Life- Balance (WLB) von n = 95 Frühförderfachkräften im Förderschwerpunkt Hören im Kontext subjektiv erlebter berufsbezogener Belastungen vor. Im Vergleich mit den Aussagen von Fachkräften im Förderschwerpunkt Hören, die nicht in der Frühförderung arbeiten, zeigen sich keine Unterschiede in den erfassten Merkmalen. Die Zufriedenheit der Frühförderfachkräfte mit ihrer WLB steht in Zusammenhang mit dem Umfang der erlebten beruflichen Belastung und gesundheitsrelevanten Merkmalen. Geringere Belastung, persönliche Lebenszufriedenheit und ein gutes soziales Netzwerk tragen zu einer besseren WLB bei, während ein zu extensives Arbeitsengagement mit hohem Streben nach Perfektion und geringe Distanzierungsfähigkeit von beruflichen Inhalten der WLB nicht zuträglich sind. Als besonders belastend hervorgehoben werden von den Frühförderfachkräften vor allem lange Fahrzeiten sowie Verwaltungstätigkeiten. Schlüsselwörter: Work-Life-Balance, Förderschwerpunkt Hören, Frühförderung, berufsbezogene Erfahrungen Work-Life balance and occupational stress of professionals in early intervention for children with hearing loss Summary: This article presents the results of an online survey on the work-life balance (WLB) and experienced work-related stress of n = 95 early intervention professionals working with deaf and hard of hearing toddlers and their families. Compared to the statements of professionals in the field of hearing who are not engaged in early intervention, there are no differences in the recorded characteristics. Early intervention professionals’ satisfaction with their WLB is related to the amount of job strain they experience and health-related characteristics. Lower stress, personal life satisfaction and a good social network contribute to a better WLB, while an overly extensive work commitment with a high striving for perfection and a low ability to distance oneself from professional content are not conducive to WLB. The early intervention specialists emphasize that long travel times and administrative activities are particularly stressful. Keywords: Work-life balance, deaf education, early intervention, work-related stress ORIGINALARBEIT Einführung D er vorliegende Beitrag befasst sich mit der Work-Life-Balance (WLB) von pädagogischen Fachkräften, die an Einrichtungen im deutschsprachigen Raum mit dem Förderschwerpunkt Hören in der Frühförderung tätig sind und Familien mit hörgeschädigten Kindern in den ersten sechs Lebensjahren begleiten. WLB bezeichnet ganz allgemein die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben in einer für die jeweilige Person zufriedenstellenden Balance (Syrek et al. 2011). Es geht darum, private Interessen und Bedürfnisse mit den vielfältigen Herausforderungen des beruflichen Alltags in Einklang zu bringen. Die Zielperspektive ist hierbei eine gesundheitsförderliche und befriedigende Lebensführung. In der vorliegenden Studie wurde die WLB der untersuchten Personen vorrangig unter dem 55 FI 2/ 2023 Work-Life-Balance von Fachkräften in der hörgeschädigtenpädagogischen Frühförderung Fokus des potenziellen Einflusses von beruflichen Belastungen und gesundheitsgefährdenden Verhaltens- und Erlebensmustern betrachtet. Die Wahl dieses Schwerpunktes liegt darin begründet, dass zahlreiche Studien zeigen, dass Personen in helfenden Berufen besonders gefährdet sind, im Verlauf ihrer Berufstätigkeit von chronischer Erschöpfung oder „Burn-out“ betroffen zu sein ( u. a. Neugebauer und Wilbert 2010, Blossfeld et al. 2014). Infolgedessen kann auch die WLB dieser Menschen beeinträchtigt werden. Wenig Beachtung in Bezug auf WLB und berufliche Belastung fand bisher das Arbeitsfeld der Frühförderung von Kindern mit Behinderung bzw. von Kindern, die von Behinderung bedroht sind. Das ist insofern überraschend, als dass es sich um einen Arbeitsbereich im frühkindlichen Bereich handelt, auf dem „die Last der großen Hoffnungen“ (Müller 1985) ruht. Frühförderfachkräfte werden mit hohen Erwartungen von außen konfrontiert, z. B. von Eltern, medizinischem Fachpersonal und anderen Fachkräften, die die Kinder vorschulisch betreuen und begleiten (Weiß 2017). Laut Selbsteinschätzung von interdisziplinären Frühförderfachkräften gehören Aspekte wie Zeitdruck, organisatorischer Aufwand und geforderte zeitliche sowie mobile Flexibilität zu den berufsbezogenen Belastungen, die das Arbeitsfeld der Frühförderung kennzeichnen (Amann 2015) und sich auf die WLB der Fachkräfte negativ auswirken können. Auf inhaltlicher Ebene berichten Frühförderfachkräfte über höhere Belastungen durch die Arbeit mit den Eltern und Familien, wohingegen die kindzentrierte Förderung als weniger belastend erlebt wird (ebd.). Dies hängt laut Seemann (2003) mit einem großen Erwartungsdruck seitens der Eltern und Familien (aber auch der Gesellschaft) zusammen, dass Frühförderung hohe Wirksamkeit für die Entwicklungsfortschritte des Kindes haben soll. Auch schwierige Lebenslagen von Familien, beispielsweise ausgelöst durch Arbeitslosigkeit, einen geringen sozioökonomischen Status, prekäre Wohnverhältnisse oder Fluchthintergrund/ Kriegstraumata sind Faktoren, die Frühförderfachkräfte insofern stark beeinflussen, als dass sie sich schnell dafür verantwortlich fühlen können, Familien bei alltäglichen Problemen zu unterstützen und zusätzliche Barrieren aus dem Weg zu räumen (Weiß 2017). Nicht selten führen ein großes Engagement und die hohe Identifizierung mit den Problemlagen der Familien in eine Selbstüberforderung, die in Resignation oder emotionale Erschöpfung und „Burn-out“ münden kann (Seemann 2003). Eine Fachkraft, die in der interdisziplinären Frühförderung tätig ist, beschreibt diesen Zustand folgendermaßen: „Ich habe mich ständig für alles zuständig gefühlt, ich habe ständig gedacht, ich muß (sic) dem Kind helfen, der Mutter helfen, die ganze Familie entlasten oder Hoffnung geben oder wie auch immer“ (Arnold 1997, 122). Eine Abgrenzung von zu hohen Erwartungen fällt jedoch nicht immer leicht, da es sich bei der Frühförderung um ein Arbeitsfeld handelt, bei dem die gute und vertrauensvolle Beziehung zu den Eltern elementar ist. Laut Thurmair und Naggl (2010) müssen Frühförderfachkräfte aushalten, Enttäuschungen der Eltern zu erleben, schmerzhafte Gefühle auszulösen und Unangenehmes anzusprechen, wobei sie hierbei auch riskieren, das für die Arbeit notwendige Vertrauensverhältnis zu den Eltern zu gefährden. Hinzu kommt der Aspekt der Fürsorge, der insbesondere in helfenden Berufen, die auf zwischenmenschliche Begegnung ausgerichtet sind, eine Rolle spielt und oft mit großer Hingabe und hohem Engagement der Fachkräfte verbunden ist. Gleichzeitig werden unter Umständen Gefühle von Unzulänglichkeit erlebt, wenn man den eigenen hohen beruflichen Ansprüchen aufgrund zahlreicher unkontrollierbarer Bedingungen nicht immer gerecht werden kann (Weiß 2017). 56 FI 2/ 2023 Kathrin Vogt, Manfred Hintermair, Karolin Schäfer Schon in der 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde die Arbeitswirklichkeit sozialer und heilpädagogischer Arbeitsfelder allgemein (u. a. Müller 1985, Kobi 1988) sowie die der Frühförderung (Bieber et al. 1989) mit ihren Herausforderungen und Belastungsfaktoren theoretisch diskutiert. Heute mehren sich die Zeichen, dass die Arbeitsdichte in diesem Handlungsfeld durch neue Anforderungen und Verschärfung der Rahmenbedingungen über die Jahre stetig zugenommen hat (Weiß 2017). Frühförderung hat sich über die Jahre von einer vorwiegend kindzentrierten, medizinisch-therapeutischen Förderung mit Ko-Einbindung der Eltern zu einem komplexen und schwer zu fassenden Handlungsfeld mit vielen vorwiegend familien- und systemorientierten Beratungs- und Interventionsaufgaben entwickelt (Bieber 2002, Sarimski et al. 2021). Es erscheint daher von hohem Interesse, die Berufsgruppe der Frühförderfachkräfte im Erleben ihres Arbeitsfelds sowie ihrer berufsbezogenen Erfahrungen genauer zu betrachten. Ziel der vorliegenden Untersuchung war es, aufgrund der beschriebenen potenziellen Gefährdungen durch die Herausforderungen der Arbeit in der Frühförderung Informationen über die WLB von Frühförderkräften zu gewinnen und diese Informationen vor allem im Kontext berufsbezogener Erfahrungen zu diskutieren. Es wurde hierzu eine spezielle Zielgruppe an Frühförderfachkräften betrachtet, indem ausschließlich Personen befragt wurden, die im Förderschwerpunkt Hören tätig sind. Eine Besonderheit im Förderschwerpunkt Hören ist es, dass die hörgeschädigtenspezifische Frühförderung in Deutschland zumeist nicht an die allgemeinen Interdisziplinären Frühförderstellen angebunden ist, sondern zu großen Teilen durch SonderpädagogInnen der Einrichtungen mit dem Förderschwerpunkt Hören gestaltet wird. In vielen Fällen übernehmen die Frühförderkräfte am Förderzentrum Hören neben ihrer Frühfördertätigkeit auch weiterhin Aufgaben in der Schule oder im Gemeinsamen Lernen (Inklusion). Fragestellungen Folgende Aspekte sollen im Folgenden näher beleuchtet werden: n Fragestellung 1: Zeigen sich Unterschiede in der WLB von Fachkräften im Förderschwerpunkt Hören mit Frühförderaufgaben und Fachkräften, die keine Frühförderaufgaben wahrnehmen? n Fragestellung 2: Bestehen Unterschiede in der beruflichen Belastung und gesundheitsförderlichen/ -gefährdenden Merkmalen zwischen Fachkräften im Förderschwerpunkt Hören mit Frühförderaufgaben und Fachkräften im Förderschwerpunkt Hören, die nicht in der Frühförderung tätig sind? n Fragestellung 3: Zeigen sich Unterschiede in der WLB von Frühförderfachkräften im Förderschwerpunkt Hören, wenn man soziodemografische und arbeitsbezogene Merkmale der befragten Personen berücksichtigt? n Fragestellung 4: Welche Zusammenhänge zeigen sich zwischen der WLB und beruflicher Belastung sowie gesundheitsförderlichen/ -gefährdenden Merkmalen von Frühförderfachkräften im Förderschwerpunkt Hören? n Fragestellung 5: Zeigen sich Unterschiede bzgl. der erlebten Belastung mit Blick auf verschiedene Tätigkeiten (Arbeit mit Kindern, Vorbereitungsarbeiten, Elternarbeit, Fahrzeiten usw.) zwischen Fachkräften im Förderschwerpunkt Hören mit Frühförderaufgaben und Fachkräften ohne Frühförderaufgaben und welche Zusammenhänge bestehen zur WLB? Methodik Durchführung Die Daten der vorliegenden Studie wurden im Rahmen einer großangelegten Befragung im deutschsprachigen Raum an zahlreichen Einrichtungen in Deutschland, Luxemburg, der Schweiz und Österreich mit dem Förderschwer- 57 FI 2/ 2023 Work-Life-Balance von Fachkräften in der hörgeschädigtenpädagogischen Frühförderung punkt Hören gewonnen. Die Befragung wurde mit der Internetplattform „SoSciSurvey“ gestaltet und im Zeitraum vom 2. 3. bis 9. 4. 2020 durchgeführt. Von den insgesamt angeschriebenen 98 Einrichtungen haben 63 Einrichtungen zurückgemeldet, dass der Link zum Fragebogen an das pädagogische Fachkollegium weitergeleitet wurde. Auf dieser Basis waren es 699 beantwortete Fragebögen, die in die Auswertung einbezogen werden konnten. 95 dieser Personen gaben an, dass sie hörgeschädigte Kinder im Rahmen der Frühförderung begleiten 1 . Die Rückmeldungen dieser Frühförderfachkräfte stammen aus insgesamt neun deutschen Bundesländern (98.9 %; davon 28.4 % aus Nordrhein-Westfalen, 22.1 % aus Bayern und 11.6 % aus Baden-Württemberg) sowie aus der Schweiz (1.1 %). Stichprobe Fast 98 Prozent der insgesamt 95 befragten Frühförderfachkräfte sind Frauen. Sie weisen ein mittleres Lebensalter von ca. 46 Jahren (M = 46.7; SD = 10.7) auf und haben eine mittlere Berufserfahrung von ca. 21 Jahren (M = 20.8; SD = 11.3). Der Vergleich mit den Angaben der anderen Fachkräfte aus der Stichprobe (n = 604) zeigt keine signifikanten Unterschiede in Bezug auf Alter (T = -1.39; df = 697; p = .163) und Berufserfahrung (T = -1.01; df = 696; p = .313), jedoch für das Geschlecht: Es sind signifikant mehr Frauen in der Gruppe der Frühförderfachkräfte (Chi 2 = 9.86; df = 1; p = .002). Als beruflichen Hintergrund bringen 64 Prozent der Befragten ein Lehramtsstudium im Förderschwerpunkt Hören und acht Prozent ein anderes sonderpädagogisches Lehramtsstudium mit. Ca. 27 Prozent der Personen arbeiten in der Frühförderung mit außerschulischen fachlichen Qualifikationen, hier vor allem HeilpädagogInnen, SozialpädagogInnen und ErzieherInnen. Der Vergleich mit den Angaben der anderen Fachkräfte zeigt keinen signifikanten Unterschied (Chi 2 = 1.52; df = 2; p = .468). Knapp 35 Prozent der Befragten geben an, an ihrer Einrichtung nur in einem Bereich (also der Frühförderung) beschäftigt zu sein, während ca. 44 Prozent angeben, in zwei Arbeitsbereichen eingesetzt zu werden (neben der Frühförderung zumeist als Lehrkraft in der Schule); etwa 20 Prozent der Personen geben an, in mehr als zwei Bereichen eingesetzt zu sein (z. B. mit Stunden in der Beratungsstelle für pädagogische Audiologie, im vorschulischen Bereich, in der Schule). Hier zeigt der Vergleich erwartungsgemäß einen signifikanten Unterschied zum Rest der befragten Stichprobe: Die Gruppe der Frühförderfachkräfte ist signifikant häufiger in mehr als einem Arbeitsbereich tätig (Chi 2 = 7.25; df = 1; p = .007). 2 Im Mittel werden von jeder der in der Frühförderung eingesetzten Fachkräfte 11 Kinder begleitet (M = 11.3; SD = 7.5), zwei Drittel der Personen begleiten dabei zwischen ein und zehn Kinder, 30 Prozent der PädagogInnen betreuen zwischen 11 und 20 Kinder und die restlichen Fachkräfte (ca. 10 Prozent) begleiten zwischen 21 und 40 Kinder. Vergleicht man die Zahl der Kinder, die im Elternhaus aufgesucht werden, mit der Zahl der Kinder, die in Kindertagesstätten besucht und dort gefördert werden, ergeben sich keine signifikanten Unterschiede, d. h., es werden an beiden Förderorten in etwa gleich viele Kinder begleitet. Ca. 81 Prozent der Fachkräfte begleiten Kinder an beiden Förderorten, etwa sieben Prozent nur im Elternhaus und etwa zehn Prozent ausschließlich in Kitas. Knapp drei Viertel der in der Frühförderung beschäftigten PädagogInnen haben eigene Kinder, davon haben über 60 Prozent zwei Kinder. Bei 73 Prozent der befragten Personen leben aktuell noch Kinder im Haushalt. Der Vergleich mit den Angaben der anderen Fachkräfte zeigt, dass aus der Gruppe der Frühförderfachkräfte signifikant mehr Personen angeben, eigene Kinder zu haben (Chi 2 = 7.03; df = 1; p = .008), in Bezug auf die noch im Haushalt lebenden Kinder bestehen keine signifikanten Unterschiede (Chi 2 = .29; df = 1; p = .590). 58 FI 2/ 2023 Fragebogeninstrumente Fragebogen zur Work-Life-Balance. Zur Erfassung der WLB wurde die Trierer Kurzskala (TKS- WLB) eingesetzt (Syrek et al. 2011). Die Skala umfasst fünf Items, die auf einer Likert-Skala von 1 (= stimmt gar nicht) bis 6 (= stimmt genau) beantwortet werden müssen (Items: „Ich bin zufrieden mit meiner Balance zwischen Arbeit und Privatleben“; „Es fällt mir schwer, Berufs- und Privatleben miteinander zu vereinbaren“; „Ich kann die Anforderungen aus meinem Privatleben und die Anforderungen aus meinem Berufsleben gleichermaßen gut erfüllen“; „Es gelingt mir, einen guten Ausgleich zwischen belastenden und erholsamen Tätigkeiten in meinem Leben zu erreichen“; „Ich bin damit zufrieden, wie meine Prioritäten in Bezug auf den Beruf und das Privatleben verteilt sind“). Die Überprüfung der internen Konsistenz ergibt mit den Daten der vorliegenden Untersuchung analog zur Studie von Syrek et al. einen sehr zufriedenstellenden Kennwert (Cronbachs alpha = .88). In die Analysen geht der gemittelte Summenwert der Skala ein. Screening zum Erleben beruflicher Belastungen. Um konkrete Belastungen in den alltäglich anfallenden beruflichen Tätigkeiten zu erfassen, wurde mit einem von den AutorInnen informell zusammengestellten Fragenkatalog für insgesamt acht Tätigkeitsbereiche (neben den Angaben, wie viel Prozent sie im jeweiligen Bereich derzeit arbeiten), abgefragt, wie belastend die Frühförderfachkräfte die jeweilige Tätigkeit erleben. Die Tätigkeitsbereiche sind: (1) Arbeit mit Kindern/ Jugendlichen, (2) Vorbereitungsarbeiten, (3) Arbeit mit Eltern, (4) Arbeit mit KollegInnen, (5) konzeptionelle Arbeiten, (6) Verwaltungsarbeiten, (7) anfallende Fahrzeiten, (8) sonstige berufliche Aktivitäten/ Aufgaben. Die acht Fragen hierzu werden auf einer Likert- Skala von 1 (= nicht belastend) bis 4 (= sehr belastend) beantwortet. Als Indikator für die Gesamtbelastung wurde für jede Person aus den von ihr beantworteten Items ein Gesamtscore berechnet, der mit in die Analysen einfließt 3 . Screening zum beruflichen Gesundheitscheck. Um gesundheitsrelevante Aspekte zu erfassen, wurde ein von Schaarschmidt und Fischer (2001) entwickelter „Gesundheitscheck“ als Screening zur Erfassung gesundheitsförderlicher sowie -gefährdender Merkmale im LehrerInnenberuf eingesetzt. Das Screening umfasst insgesamt 11 Items, die auf einer Likert-Skala von 1 (= trifft gar nicht zu) bis 7 (= trifft voll und ganz zu) beantwortet werden. Die Items lassen sich gruppieren in die drei Bereiche Arbeitsengagement (5 Items: Arbeit als wichtigster Lebensinhalt, beruflicher Ehrgeiz, Verausgabung, Perfektionsstreben, geringe Distanzierungsfähigkeit), Widerstandsfähigkeit (3 Items: innere Ruhe/ Ausgeglichenheit, geringe Resignationstendenz, offene Problembewältigung) und berufsbegleitende Emotionen (3 Items: berufliches Erfolgserleben, allgemeine Lebenszufriedenheit, soziale Unterstützung). Die Überprüfung der internen Konsistenz der drei Skalen unter Bezugnahme auf die Daten der hier befragten Frühförderfachkräfte variiert zwischen zufriedenstellend (berufsbegleitende Emotionen: Cronbachs alpha = .70), noch vertretbar (Arbeitsengagement: Cronbachs alpha = .66) und nicht gut (Widerstandsfähigkeit: Cronbachs alpha = .56). Statistische Auswertung Alle statistischen Analysen wurden mit dem Programm SPSS 25 durchgeführt. Die Gruppenvergleiche zu den Fragestellungen 1, 2 und 5 erfolgten mittels t-Tests für unabhängige Stichproben. Zum Stellenwert der soziodemografischen Merkmale für die WLB wurden - in Abhängigkeit der Skalierung des jeweiligen Merkmals - t-Tests für unabhängige Stichproben, einfaktorielle Varianzanalysen (ANOVA) oder bivariate Korrelationen nach Pearson gerechnet (Fragestellung 3). Für die Vorhersage der Kathrin Vogt, Manfred Hintermair, Karolin Schäfer 59 FI 2/ 2023 Work-Life-Balance von Fachkräften in der hörgeschädigtenpädagogischen Frühförderung WLB durch berufliche Belastungen und gesundheitsförderliche/ -gefährdende Merkmale wurde eine multiple Regressionsanalyse gerechnet (Fragestellung 4). Ergebnisse Vergleich der Work-Life-Balance von Fachkräften mit Frühförderaufgaben und Fachkräften ohne Frühförderaufgaben (Fragestellung 1) Der Vergleich der WLB der 95 pädagogischen Fachkräfte, die Familien in der Frühförderung begleiten, mit den Daten der 604 Fachkräfte, die ebenfalls im Förderschwerpunkt Hören arbeiten, dabei aber keine Frühförderung durchführen, ergibt keinen signifikanten Unterschied (Fachkräfte mit Frühförderaufgaben: M = 3.96; SD = .95; Fachkräfte ohne Frühförderaufgaben: M = 3.85; SD = 1.07; T = .93; df = 697; p = .353). Vergleich von beruflicher Belastung und gesundheitsförderlichen/ -gefährdenden Merkmalen zwischen Fachkräften mit Frühförderaufgaben und Fachkräften ohne Frühförderaufgaben (Fragestellung 2) Tabelle 1 zeigt die Ergebnisse des Vergleichs für die verschiedenen überprüften Bereiche zwischen der Gruppe der Personen, die an ihrer Einrichtung auch oder ausschließlich Frühförderaufgaben wahrnehmen, und der Gruppe, die andere Aufgaben an ihrer Einrichtung ausüben. Es ergeben sich keine signifikanten Unterschiede. Stellenwert soziodemografischer und arbeitsbezogener Merkmale für die Work-Life-Balance von Fachkräften der Frühförderung (Fragestellung 3) Die Überprüfung, ob sich die WLB der 95 Personen, die in der Frühförderung tätig sind, in Bezug auf die erfassten soziodemografischen und arbeitsbezogenen Merkmale (Lebensalter, beruflicher Hintergrund / Anzahl der begleiteten Familien, Anzahl der Arbeitsbereiche, Anzahl der begleiteten Kinder, eigene Kinder etc.; vgl. Stichprobenbeschreibung) voneinander unterscheidet, ergibt keine signifikanten Ergebnisse. 4 Vorhersage der Work-Life-Balance durch berufliche Belastung und gesundheitsförderliche/ -gefährdende Merkmale (Fragestellung 4) Zur Vorhersage der WLB von Frühförderfachkräften durch berufliche Belastungserfahrun- Anmerkung: n variiert bei den Vergleichen (Fachkräfte mit Frühförderaufgaben: Minimum n = 90; Fachkräfte ohne Frühförderaufgaben: Minimum n = 572). Skala Fachkräfte mit Frühförderaufgaben Fachkräfte ohne Frühförderaufgaben T M SD M SD Berufliche Belastungen (Gesamtscore) Arbeitsengagement (Skalenscore) Widerstandsfähigkeit (Skalenscore) Berufsbegleitende Emotionen (Skalenscore) 2.17 4.26 4.69 5.50 .36 .98 .95 .92 2.18 4.30 4.86 5.44 .45 .97 .95 .93 .41 .42 1.55 -.58 Tab. 1: Vergleich von Fachkräften mit Frühförderaufgaben und Fachkräften ohne Frühförderaufgaben in Bezug auf berufliche Belastung und gesundheitsförderliche/ -gefährdende Merkmale 60 FI 2/ 2023 gen und gesundheitsförderliche/ -gefährdende Merkmale wurde eine multiple Regressionsanalyse gerechnet. Dazu wurde die Skala zur WLB als abhängige Variable in die Analyse einbezogen. Als unabhängige Variablen fanden die Skalenwerte zu den Merkmalen „Berufliche Belastungen“, „Arbeitsengagement“, „Widerstandsfähigkeit“ und „Berufsbegleitende Emotionen“ Eingang in die Berechnung. Soziodemografische Merkmale wurden nicht mit einbezogen, da keines einen signifikanten Effekt in Bezug auf die WLB zeigte (vgl. Fragestellung 3). Das Ergebnis der Regressionsanalyse zeigt, dass mit den einbezogenen Variablen 31 Prozent der Varianz erklärt werden können (Tabelle 2). Frühförderfachkräfte, die ihre Arbeit insgesamt als weniger belastend erleben, haben eine bessere WLB. Weiter spielt das Arbeitsengagement eine Rolle: Frühförderfachkräfte, die ihre Arbeit nicht als den wichtigsten Lebensinhalt sehen, sich in ihrer Arbeit nicht über ihre Kräfte hinaus verausgaben, kein zu hohes Streben nach Perfektion haben und sich nach der Arbeit auch eher gut von dem Erlebten distanzieren können, weisen eine bessere WLB auf. Zudem weisen Frühförderfachkräfte, die sich als beruflich erfolgreich erleben, über ein gutes soziales Netzwerk verfügen und insgesamt mit ihrem Leben zufrieden sind (Skala „berufsbegleitende Emotionen“), ebenfalls eine bessere WLB auf. 5 Vergleich spezifischer Belastungserfahrungen zwischen Fachkräften mit Frühförderaufgaben und Fachkräften ohne Frühförderaufgaben und ihr Zusammenhang mit der Work-Life-Balance (Fragestellung 5) Da sich in der oben gezeigten Regressionsanalyse u. a. berufliche Belastungen als relevanter Faktor für die WLB von Frühförderfachkräften erwiesen haben, wurde ergänzend der Stellenwert der erlebten Belastungen noch differenzierter auf verschiedene anfallende Tätigkeiten bezogen analysiert. Zum Vergleich wurden die Angaben der restlichen Fachkräfte aus der Gesamtstichprobe herangezogen. Tabelle 3 zeigt Daten zum prozentualen Umfang der Tätigkeit der befragten Personen in verschiedenen Arbeitsbereichen (Spalte 2 und 3) sowie zur erlebten Belastung bei der Ausübung dieser Tätigkeiten (Spalte 5 und 6). Die Angaben in Spalte 4 respektive Spalte 7 zeigen die Ergebnisse des Mittelwertvergleichs (t-Test für unabhängige Stichproben) in Bezug auf Häufigkeit und erlebte Belastung für die beiden Gruppen. In Spalte 8 sind die Korrelationskoeffizienten (Pearson) zwischen der Belastung in Bezug auf die verschiedenen Tätigkeiten und der WLB der befragten Frühförderfachkräfte aufgeführt. Die Daten zeigen Unterschiede in Bezug auf die Häufigkeit, in der verschiedene Tätigkei- Anmerkungen: * p < .05; ** p < .01; *** p < .001. Prädiktoren β Summenwert Work-Life-Balance (WLB) T-Wert F (df 4,84) = 10.75*** n (Konstante) n Berufliche Belastungen n Arbeitsengagement n Widerstandsfähigkeit n Berufsbegleitende Emotionen -.30 -.24 .09 .29 4.41*** -3.16** -2.61* .97 2.98** R = .58; R 2 = .34; korr. R 2 = .31 Tab. 2: Multiple Regressionsanalyse mit dem Summenwert der WLB-Kurzskala als abhängige Variable Kathrin Vogt, Manfred Hintermair, Karolin Schäfer 61 FI 2/ 2023 Work-Life-Balance von Fachkräften in der hörgeschädigtenpädagogischen Frühförderung ten wahrgenommen werden. Personen, die Frühförderaufgaben wahrnehmen, verwenden einen geringeren Anteil ihrer Arbeitszeit auf die Arbeit mit den Kindern, gleichzeitig aber mehr Zeit auf die Zusammenarbeit mit den Eltern; sie geben weiter eine geringere Vorbereitungszeit für die Arbeit mit den Kindern an und sie verbringen auch weniger Zeit für die Zusammenarbeit mit anderen KollegInnen; insbesondere aber haben sie deutlich mehr an Fahrzeiten aufzuweisen. Betrachtet man die erlebten Belastungen in den verschiedenen Tätigkeitsbereichen, dann zeigen sich für zwei Bereiche signifikante Unterschiede. Die Fachkräfte der Frühförderung fühlen sich durch die Arbeit mit den Kindern signifikant weniger belastet als die anderen Fachkräfte, die in den Förderzentren unterrichten oder dort andere Aufgaben wahrnehmen. Gleichzeitig erleben sie die mit ihrer Arbeit verbundenen Fahrzeiten signifikant belastender als die anderen Fachkräfte an den Förderzentren. Was den Zusammenhang zwischen der erlebten Belastung in den verschiedenen Aufgabenbereichen und der WLB angeht, zeigt sich ein signifikanter Zusammenhang: Je belastender Verwaltungsarbeiten erlebt werden, umso geringer ist die WLB der befragten Personen. Diskussion In der vorliegenden Studie wurden die Erfahrungen von Fachkräften an Förderzentren mit dem Förderschwerpunkt Hören, die in der Frühförderung mit hörgeschädigten Kindern arbeiten, analysiert. Dies geschah in Bezug auf ihre WLB unter besonderer Berücksichtigung berufsbezogener Aspekte. Hierfür konnten die Daten von 95 Personen aus dem Datenpool einer großen Stichprobe von Fachkräften an Einrichtungen für hörgeschädigte Kinder (n = 699) berücksichtigt werden. Anmerkungen: *** p < .001; ** p < .01; * p < .05; WLB = Work-Life-Balance; relevante Unterschiede nach Bonferronikorrektur (korrigiertes Alpha-Fehlerniveau: p < .006) sind fett gedruckt; n variiert bei den Vergleichen (Fachkräfte mit Frühförderaufgaben: Minimum n = 92; Fachkräfte ohne Frühförderaufgaben: Minimum n = 575). Umfang der Tätigkeiten (%/ SD) Belastung durch die Tätigkeiten (M/ SD) Korrelation WLB/ Belastung der Tätigkeit 6 Tätigkeitsbereiche Fachkräfte mit Frühförderaufgaben Fachkräfte ohne Frühförderaufgaben T-Wert Fachkräfte mit Frühförderaufgaben Fachkräfte ohne Frühförderaufgaben T-Wert Arbeit mit Kindern/ Jugendlichen Vorbereitungsarbeiten Zusammenarbeit mit Eltern Zusammenarbeit mit KollegInnen Konzeptionelle Arbeiten Verwaltungsarbeiten Fahrzeiten Sonstige berufliche Aufgaben 35.06/ 13.04 13.20/ 6.88 11.10/ 6.80 9.31/ 4.07 3.98/ 4.57 11.50/ 8.07 15.11/ 7.70 .75/ 2.54 39.62/ 19.85 17.95/ 11.36 6.87/ 6.29 11.97/ 8.56 5.00/ 5.52 13.12/ 11.89 4.33/ 6.39 1.13/ 4.77 2.86** 5.53*** -5.60*** 3.26*** 1.70 1.66 -12.74*** .75 1.64/ .69 2.00/ .76 2.17/ .63 1.70/ .63 2.27/ .87 2.95/ .80 2.48.83 2.16/ .99 2.00/ .82 2.10/ .79 2.26/ .84 1.88/ .79 2.29/ .91 2.79/ .88 2.00/ .98 1.91/ .94 3.91*** 1.12 1.16 2.06* .18 -1.73 -4.33*** -1.20 .00 -.23* -.24* -.03 -.23 -.41*** -.15 -.40* Gesamtwerte 100.0 100.0 - 2.17/ .37 2.18/ .45 .41 -.43*** Tab. 3: Zusammenhang von Work-Life-Balance und Belastungserfahrungen in verschiedenen beruflichen Tätigkeitsbereichen 62 FI 2/ 2023 Die Analyse in Bezug auf die WLB wie auch für die anderen erfassten Merkmale (berufliche Belastungen, gesundheitsrelevante Merkmale) hat gezeigt, dass sich die Gruppe der in der Frühförderung tätigen Fachkräfte von den Personen aus der Gesamtstichprobe der Fachkräfte, die mit hörgeschädigten Kindern arbeiten, nicht unterscheidet (Fragestellung 1 und 2). Die (ausschließliche oder teilweise) Tätigkeit in der Frühförderung scheint somit im Vergleich mit der Tätigkeit in anderen Arbeitsbereichen am Förderzentrum Hören weder einen positiven noch einen negativen Effekt in Bezug auf eine zufriedenstellende Vereinbarkeit von beruflicher Tätigkeit und privatem Leben zu haben. Bei der Überprüfung, inwieweit soziodemografische und arbeitsbezogene Merkmale eine Rolle für die Ausprägung der WLB von Frühförderfachkräften spielen, zeigten sich ebenfalls keine signifikanten Unterschiede (Fragestellung 3). Faktoren wie beruflicher Hintergrund (Lehramt oder andere Qualifikationen), Berufserfahrung, die Anzahl der Arbeitsbereiche, in denen man eingesetzt wird, die Anzahl der zu betreuenden Kinder in der Frühförderung oder ob man eigene Kinder hat und wie viele, zeigen keinen Zusammenhang zur WLB der Frühförderfachkräfte auf. Was mögliche Faktoren betrifft, die von Bedeutung für das Ausmaß der erlebten WLB sind, hat sich gezeigt, dass der Grad der insgesamt erlebten Belastung in der Tätigkeit relevant ist und weiter gesundheitsrelevante Merkmale wie das Ausmaß des Engagements für die Arbeit bzw. Faktoren wie allgemeine Lebenszufriedenheit, beruflicher Erfolg und ein gutes soziales Netzwerk von Bedeutung sind (Fragestellung 4). Das sind Faktoren, die andernorts bereits als relevant für die Arbeit in der Frühförderung beschrieben wurden (Seemann 2003, Weiß 2017) und die sich so in vergleichbarer Form auch für andere überprüfte Teilstichproben der vorliegenden Studie (z. B. Fachkräfte in der Inklusion, Lehrkräfte an den Förderzentren) gezeigt haben (Schäfer et al. 2021, 2022). Diese Ergebnisse enthalten Hinweise für die Etablierung psychohygienischer Maßnahmen am Arbeitsplatz: So sollten Möglichkeiten des regelmäßigen kollegialen Austauschs aktiv gefördert sowie professionelle Supervisionsangebote oder Beratungsgespräche, z. B. auch mit den Vorgesetzten, kultiviert werden. Dies kann z. B. dazu beitragen, dass den EntscheidungsträgerInnen an den Einrichtungen mit dem Förderschwerpunkt Hören schwierige Rahmenbedingungen der MitarbeiterInnen rechtzeitig mitgeteilt und Möglichkeiten gefunden werden können, mit organisatorischen oder interpersonellen Schwierigkeiten konstruktiv umzugehen. Entlastend kann in diesem Zusammenhang auch (z. B. im Rahmen kollegialer Supervision) die Erkenntnis erlebt werden, dass andere KollegInnen ähnlichen Herausforderungen im Arbeitsalltag ausgesetzt sind und dass man mit den eigenen Gedanken und Gefühlen in Bezug auf das berufliche Handeln nicht alleine ist. Da die Frühförderkräfte meist mit dem Pkw unterwegs sind und Familien zu Hause oder in den Betreuungsinstitutionen aufsuchen, sollte dieser Austausch in der Stammeinrichtung, z. B. durch regelmäßige Teamsitzungen, gesichert sein. Was die Rolle der beruflichen Belastungen betrifft, zeigte sich, dass ein insgesamt erhöhtes berufliches Belastungserleben mit einer geringeren WLB verknüpft ist. Weiterführende Analysen unter Berücksichtigung spezifischer Tätigkeitsmerkmale haben sichtbar gemacht, dass die Häufigkeit, mit der verschiedene Aufgaben anfallen, bei den Frühförderfachkräften anders verteilt ist, als dies bei den Fachkräften ohne Frühfördertätigkeit der Fall ist, was dem spezifischen Anforderungsprofil der Frühförderarbeit geschuldet ist (Fragestellung 5). So ist die Arbeit mit dem einzelnen Kind stärker als in Kathrin Vogt, Manfred Hintermair, Karolin Schäfer 63 FI 2/ 2023 Work-Life-Balance von Fachkräften in der hörgeschädigtenpädagogischen Frühförderung der schulischen Unterrichtstätigkeit mit beratenden oder unterstützenden Angeboten an die Eltern oder ErzieherInnen verwoben und in den momentanen situativen Kontext eingebettet (entsprechend geringer fallen unterrichtsähnliche Vorbereitungsarbeiten aus). Demgegenüber wird die Elternarbeit deutlich häufiger benannt, was erwartbar ist, da die Zusammenarbeit mit den Eltern ein wesentliches Moment einer familienorientierten Frühförderung ausmacht bzw. ausmachen sollte (Sarimski et al. 2021). Auch die geringere Häufigkeit der Zusammenarbeit mit anderen KollegInnen erscheint plausibel, da z. B. mobile Frühförderung vorwiegend Arbeit mit den Familien darstellt - im Gegensatz zur schulischen Arbeit, in der häufiger Absprachen mit KollegInnen getroffen und gemeinsame Planungen (Team- Teaching) vorgenommen werden müssen. Am deutlichsten wird der Unterschied in Bezug auf die Zeit sichtbar, die für Fahrten zu verwenden sind. Frühförderarbeit ist in vielen Einrichtungen mobile Arbeit, was eine Betreuung der Kinder in ihren Familien am Wohnort bedeutet und damit im Gegensatz zur Tätigkeit am Förderzentrum mit Fahrzeiten verbunden ist. Betrachtet man die Belastung durch die verschiedenen Tätigkeiten, zeigt sich, dass Frühförderfachkräfte nicht nur weniger Zeit in der direkten Arbeit mit den Kindern in den Familien verbringen, sondern dass sie diese Tätigkeit auch in signifikant geringerem Ausmaß als belastend erleben im Gegensatz zu den Fachkräften am Förderzentrum, die hier eine höhere Belastung angeben. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Arbeit mit Kindergruppen und Klassen belastender ist als die Arbeit mit einzelnen Kindern, die im Rahmen der individuellen Frühförderung oft als sehr befriedigend erlebt wird. Die Fahrzeiten hingegen sind bei den Frühförderfachkräften nicht nur vom zeitlichen Umfang her sehr viel höher als bei den anderen Fachkräften, sondern sie werden auch signifikant belastender erlebt. Allerdings scheint sich diese höhere Belastung nicht auf den Grad der WLB niederzuschlagen. Vielmehr sind es die erlebten Belastungen durch Verwaltungsaufgaben (Berichte schreiben, Anträge bei den Krankenkassen, Sozialversicherungsträgern stellen etc.), die hoch zu Buche schlagen und die WLB beeinträchtigen. Die Werte für das Belastungserleben durch anfallende Verwaltungstätigkeiten sind unter allen benannten Belastungen am höchsten. Auch das ist wiederum ein Faktum, das sich in anderen Arbeiten zur Frühförderung als bedeutsam erwiesen hat (Amann 2015), ebenso wie auch bei anderen untersuchten Teilstichproben im Rahmen der vorliegenden Studie (Schäfer et al. 2021, 2022). Begrenzungen Neben dem Verweis auf mögliche Selektionseffekte, die im Rahmen von Online-Umfragen auftreten und die Repräsentativität der Befragung einschränken können (Theobald 2003), soll auf zwei inhaltliche Aspekte hingewiesen werden, die ebenfalls Bedeutung bzgl. der Aussagekraft der vorliegenden Ergebnisse haben. So ist kritisch anzumerken, dass in der vorliegenden Arbeit als assoziierte Faktoren zur WLB fast ausschließlich berufsrelevante Merkmale abgefragt wurden, während eine genauere Betrachtung von Faktoren, die aus dem privaten Leben der Befragten in die Gestaltung der WLB mit hineinspielen, nicht vorgenommen wurde (außer bei der Frage, ob die Befragten eigene Kinder haben). Dies ist möglicherweise auch eine Erklärung dafür, dass durch die Regressionsanalyse lediglich 31 Prozent der WLB erklärt werden können. Entsprechend sollten in weiterführenden Studien z. B. die Rolle der Familien- und Lebenszufriedenheit sowie auch Aspekte der Freizeitgestaltung mit erhoben werden. Hier könnte auch eine zusätzliche qua- 64 FI 2/ 2023 litative Datenerhebung hilfreich sein, mit der die individuell sehr unterschiedlichen Einflussfaktoren in ihrem komplexen Zusammenwirken auf die WLB genauer analysiert werden können. Außerdem wurden die Belastungen, die die befragten Personen in ihren beruflichen Aktivitäten erleben, lediglich mit knappen einschätzenden Ratings erhoben. Auch hier wäre für weitergehende Studien vorzuschlagen, die Belastungen in den einzelnen Tätigkeitsbereichen entweder differenzierter (und nicht nur jeweils mit einem Item) abzufragen oder qualitative Interviews durchzuführen, in denen die konkreten belastenden Erfahrungen und Herausforderungen durch ein Gespräch mit den Frühförderfachkräften sichtbar und verstehbar gemacht werden können. Auf diese Weise könnten mögliche Auswirkungen auf die WLB genauer erfasst werden und daraus Hinweise für präventive gesundheitsförderliche Maßnahmen abgeleitet werden. Fazit Die Ergebnisse der Untersuchung bestätigen Erkenntnisse aus vorhergehenden Untersuchungen über das Arbeitsfeld Frühförderung, in denen z. B. organisatorische Rahmenbedingungen wie Verwaltungstätigkeiten, geforderte mobile Flexibilität und Zeitaufwand als besonders belastend bzw. herausfordernd beschrieben wurden (Amann 2015). Jedoch sind gerade dies Faktoren, die von den Personen selbst oft nur in geringem Maße beeinflusst werden können, da sie spezifisch für das berufliche Handlungsfeld sind oder schlichtweg erforderlich, um den geltenden Qualitätsanforderungen zu entsprechen (z. B. Dokumentation von Hausbesuchen). Jedoch könnten hier die Institutionen, die Frühförderung verantworten, ihren Teil dazu beitragen, dass Frühförderkräfte ausreichend organisatorisch und auch mental unterstützt werden, wenn sie Vernetzungs- und Koordinationsarbeit leisten und Familien in schwierigen Lebenslagen begleiten (Seemann 2003). Weiter sollte bereits in der Ausbildung der spezielle Bereich der Frühförderung im Förderschwerpunkt Hören durch alltags- und lebensweltliche Berufsvorbereitung ausreichend thematisiert werden, um LehramtsanwärterInnen ein realistisches Bild über die tägliche Arbeit in diesem Berufsfeld zu vermitteln. Kathrin Vogt Universität zu Köln Audiopädagogik Klosterstr. 79 B D-50931 Köln E-Mail: kathrin.vogt@uni-koeln.de Prof. i. R. Dr. Manfred Hintermair Pfingstrosenstraße 79 D-81377 München E-Mail: hintermair@ph-heidelberg.de Jun. Prof ’in Dr. Karolin Schäfer Universität zu Köln Audiopädagogik Klosterstr. 79 B D-50931 Köln E-Mail: karolin.schaefer@uni-koeln.de Anmerkungen 1 Es wurden nur Personen berücksichtigt, die angegeben haben, dass sie hörgeschädigte Kinder und ihre Familien in der Praxis begleiten/ fördern. Somit wurden andere Fachkräfte, die auch in der Frühförderung tätig sind (z. B. im Rahmen ausschließlich diagnostischer Aufgaben an der Frühförderstelle oder ausschließlich als Leitung einer Frühförderstelle) nicht mit aufgenommen. 2 Ein möglicher Effekt des Faktors „Arbeitsbereiche“ auf die WLB, die beruflichen Belastungen und die Gesundheit (siehe „Fragebogeninstrumente“) wurde vorab überprüft, indem die Aussagen der Gruppe der Fachkräfte, die ausschließlich in der Frühförderung eingesetzt werden (n = 33) mit den Aussagen der Gruppe der Fachkräfte, die zusätzlich zur Frühförderung auch noch andere Aufgaben an ihrer Einrichtung wahrnehmen (n = 62), verglichen wur- Kathrin Vogt, Manfred Hintermair, Karolin Schäfer 65 FI 2/ 2023 Work-Life-Balance von Fachkräften in der hörgeschädigtenpädagogischen Frühförderung den. Es zeigte sich für keinen der Vergleiche (t-Test für unabhängige Stichproben) ein signifikanter Unterschied. Für die weiteren Analysen (siehe „Ergebnisse“) wurden deshalb die Werte der Gruppe als Ganzes (n = 95) verwendet. 3 Da nicht jede Person zu jedem Item eine Einschätzung abgegeben hat (z. B., weil sie in ihrer Tätigkeit keine konzeptionellen Arbeiten macht), wurde der Mittelwert aus der Anzahl der beantworteten Items gebildet. Deshalb kann auch kein Wert für die interne Konsistenz (Cronbachs alpha) berechnet werden. 4 Das Merkmal „Geschlecht“ konnte aufgrund zu geringer N bei den männlichen Frühförderfachkräften in diese Analyse nicht einbezogen werden. 5 Die Ergebnisse zeigen sich in vergleichbarer Weise für die Gruppe der Fachkräfte, die nicht in der Frühförderung arbeiten. 6 Die Korrelationen basieren auf unterschiedlichem n, da nicht jede der 95 Personen in jedem der acht abgefragten Bereiche tätig ist. Literatur Amann, N. (2015): Die subjektive Wahrnehmung der Arbeitswirklichkeit an Interdisziplinären Frühförderstellen - Eine Befragung der Fachkräfte in 5 Bundesländern. Dissertation, Pädagogische Hochschule Ludwigsburg, https: / / doi.org/ 10.2378/ fi2012.art06d Arnold, P. (1997): Die Arbeitswirklichkeit in der Frühförderung aus subjektiver Sicht des Frühförderers. Unveröffentlichte Magisterarbeit, Universität Würzburg Bieber, K., Burgener, A., Jeltsch, B., Lang, B., Mösle-Hüppi, S., Schlinger, I. (Freie Arbeitsgruppe Früherziehung Schweiz, FAGFECH) (1989): Früherziehung ökologisch. Edition der Schweizerischen Zentralstelle für Heilpädagogik, Luzern Bieber, K. (2002): Vom Machbaren, Möglichen und Fremden im Frühbereich. Frühförderung interdisziplinär 21, 41- 49 Blossfeld, H.-P., Bos, W., Daniel, H.-D., Hannover, B., Lenzen, D., Prenzel, M., Roßbach, H.-G., Tippelt, R., Wößmann, L., Kleiber, D. (2014): Psychische Belastungen und Burnout beim Bildungspersonal - Empfehlungen zur Kompetenz und Organisationsentwicklung. Waxmann, Münster Kobi, E. E. (1988): Heilpädagogische Daseinsgestaltung. Verlag für Heilpädagogik, Luzern Müller, B. 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