eJournals Frühförderung interdisziplinär42/2

Frühförderung interdisziplinär
1
0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2023.art09d
1_042_2023_2/1_042_2023_2.pdf41
2023
422

Tests und Screenings: Vineland-3 zur Diagnostik adaptiver Kompetenzen in der Frühförderung

41
2023
Klaus Sarimski
Das Konzept der adaptiven Kompetenzen umfasst die Dimensionen kognitiv-kommunikativer, praktischer und sozialer Fertigkeiten als individuelle Voraussetzungen für die soziale Teilhabe. Mit der kürzlich veröffentlichten deutschen Version der „Vineland Adaptive Behavior Scales-3“ steht nun auch für den deutschen Sprachraum ein diagnostisches Verfahren zur Verfügung, das von Eltern und pädagogischen Fachkräften genutzt werden kann und hohe Ansprüche an die Testgüte erfüllt. Die Normen wurden an mehr als 1100 Kindern erhoben. Die Skalen erlauben eine Profilauswertung und geben wertvolle Informationen für die Planung von Frühfördermaßnahmen bei Kindern ab dem Alter von drei Jahren.
1_042_2023_2_0004
81 Frühförderung interdisziplinär, 42.-Jg., S.-81 - 84 (2023) DOI 10.2378/ fi2023.art09d © Ernst Reinhardt Verlag Vineland-3 zur Diagnostik adaptiver Kompetenzen in der Frühförderung Klaus Sarimski TESTS UND SCREENINGS Zusammenfassung Das Konzept der adaptiven Kompetenzen umfasst die Dimensionen kognitiv-kommunikativer, praktischer und sozialer Fertigkeiten als individuelle Voraussetzungen für die soziale Teilhabe. Mit der kürzlich veröffentlichten deutschen Version der „Vineland Adaptive Behavior Scales-3“ steht nun auch für den deutschen Sprachraum ein diagnostisches Verfahren zur Verfügung, das von Eltern und pädagogischen Fachkräften genutzt werden kann und hohe Ansprüche an die Testgüte erfüllt. Die Normen wurden an mehr als 1100 Kindern erhoben. Die Skalen erlauben eine Profilauswertung und geben wertvolle Informationen für die Planung von Frühfördermaßnahmen bei Kindern ab dem Alter von drei Jahren. Adaptive Kompetenz - das Konzept Adaptive Kompetenzen umfassen Fertigkeiten, die das Kind oder der Jugendliche erworben hat und mit denen es die sozialen Erwartungen erfüllt, die an ein Kind oder Jugendlichen seines Alters im entsprechenden sozialen Kontext (z. B. in der familiären Umgebung oder in der Schule) gestellt werden. Während Intelligenztests die Fähigkeiten messen, die ein Kind unter optimalen (Test-) Bedingungen zu zeigen vermag, beziehen sich Verfahren zur Beurteilung adaptiver Kompetenzen auf Fähigkeiten, die es in alltäglichen Situationen zeigt. Die Konstrukte intellektueller und adaptiver Kompetenzen sind miteinander verbunden, jedoch unabhängig voneinander. Nicht jedes Kind zeigt adaptive Kompetenzen, die seinem intellektuellen Niveau entsprechen. Es kann sein, dass diese höher (oder aber auch niedriger) sind. als auf der Grundlage eines Intelligenztestergebnisses zu erwarten wäre. Die Einschätzung des Entwicklungsstandes dieser Kompetenzen und der relativen Stärken und Schwächen im Kompetenzprofil eines Kindes liefert deshalb wertvolle Informationen für die Förderplanung von Kindern mit Entwicklungsstörungen. In der DSM-5 ist sie - ergänzend zur Beurteilung der intellektuellen Fähigkeiten - obligatorisch vorgesehen zur Diagnosestellung einer intellektuellen Behinderung. Die Prüfung dieses Kriteriums für die Diagnosestellung wurde in Deutschland bisher weitgehend vernachlässigt. Dies ist u. a. darauf zurückzuführen, dass es bislang an standardisierten Testverfahren zur Beurteilung von adaptiven Kompetenzen mit empirisch gesicherter Testgüte und deutscher Normierung fehlte. Die Veröffentlichung der deutschen Fassung der „Vineland Adaptive Behavior Scales - Third Edition“ (Vineland-3; Sparrow et al. 2016/ 2021), die unter Mitarbeit einer Arbeitsgruppe um A. von Gontard erstellt wurde, stellt deshalb eine wesentliche Bereicherung des Spektrums der diagnostischen Verfahren dar. Das gilt auch für die Diagnostik im Bereich der Frühförderung. Das Konzept der adaptiven Kompetenzen umfasst drei Dimensionen, durch die die persönliche Kompetenz eines Kindes oder Jugendlichen als - im Sinne der ICF-Konzeption von Behinderungen - individuelle Voraussetzung für die soziale Teilhabe zu beschreiben ist: kognitiv-kommunikative, praktische und soziale Kompetenzen (Tassé et al. 2012, Sarimski 2015 a). Diese Kompetenzen lassen sich nicht durch standardisierte 82 FI 2/ 2023 Tests und Screenings Beobachtungs- oder Testsituationen beurteilen. Ihre Einschätzung erfordert die Befragung von Bezugspersonen. Eltern oder pädagogische Fachkräfte, die das Verhalten des Kindes oder des Jugendlichen im Alltag aus ihren Beobachtungen kennen, werden mit einer standardisierten Liste von Fertigkeiten befragt, um zu ermitteln, welche Fertigkeiten er oder sie typischerweise im Alltag zeigt bzw. teilweise beherrscht. Vineland Adaptive Behavior Scales Der deutschen Fassung der „Vineland Adaptive Behavior Scales“ liegt die dritte Version des amerikanischen Originals (Vineland-3) zugrunde. Die Autoren stellen getrennte Fragebögen für Eltern, bzw. pädagogische Fachkräfte von Kindern und Jugendlichen ab dem Alter von drei Jahren zur Verfügung, mit denen die adaptiven Kompetenzen in den Bereichen der Kommunikation, der sozialen Fertigkeiten und der Alltagsfertigkeiten beurteilt werden können (Tab. 1). Optional ist die Verwendung einer Skala für motorische Fertigkeiten in der Altersgruppe bis zu neun Jahren, die nicht in den Gesamtscore eingeht, sowie ein Screening zur Einschätzung von internalisierenden und externalisierenden Verhaltensproblemen. Im Fragebogen für pädagogische Fachkräfte sind zwei Skalen („Zahlenverständnis“ und „Schulgemeinschaft“) vorgesehen, die die Skalen „Hausarbeit“ und „Leben in der Gemeinschaft“ aus dem Elternfragebogen ersetzen. Die Autoren nahmen diese Veränderung vor, da pädagogische Fachkräfte häufig angaben, keine ausreichende Gelegenheit zu haben, die Fertigkeiten in den letztgenannten Bereichen einzuschätzen. Zusätzlich wurde eine bereichsspezifische Screening-Version aus den Items der Gesamtskalen zusammengestellt, die mit geringerem Zeitaufwand eine Bestimmung von domänenbezogenen Skalenwerten und eines Gesamtwertes ermöglichen. Diese Kurzformen können verwendet werden, wenn das Ziel der Untersuchung nicht eine differenzierte Bestimmung des Unterstützungsbedarfs des Kindes ist, sondern lediglich eine Entscheidung über die Zuordnung der Diagnose einer intellektuellen Behinderung getroffen werden soll und ein Vergleich des Niveaus in den Bereichen der adaptiven Kompetenz angestrebt wird. Durchführung und Auswertung Für die Langfassung des Fragebogens, die Eltern oder pädagogischen Fachkräften vorgelegt werden kann, wird eine Bearbeitungszeit von 40 bzw. 25 Minuten angegeben. Die Elternversion enthält 502 Items (mit Einstiegs- und Abbruchkriterien, die eine effiziente Durchführung erlauben), die Version für pädagogische Fachkräfte („Lehrerfragebogen“) enthält 333 Items. Die jeweiligen Kurzformen können binnen 10 - 15 Minuten ausgefüllt werden. Die Normwerte sind mit einem Mittelwert von 100 und einer Standardabweichung von 15 in jeder der vier Domänen skaliert. Die Werte, die sich in den Domänen „Kommunikation“, „soziale Fertigkeiten“ und „Alltagsfertigkeiten“ ergeben, können zu einem Gesamtscore zusammengefasst werden. Domänen Subskalen Kommunikation n Zuhören und Verstehen n Sprechen n Lesen und Schreiben Soziale Fertigkeiten n Umgang mit anderen n Spielen und Freizeit n Anpassung Alltagsfertigkeiten n Für sich selbst sorgen n Hausarbeit n Leben in der Gemeinschaft Motorik n Feinmotorik n Grobmotorik Tab. 1: Vineland Adaptive Behavior Scales ( VABS-3; Bezeichnungen gemäß der deutschen Adaptation des Verfahrens) 83 FI 2/ 2023 Tests und Screenings Die Domänen sind weiter gegliedert in Subskalen, für die ebenfalls jeweils Testalteräquivalente und Standardwerte in den Normtabellen nachgeschlagen werden können. Die Testalteräquivalente machen deutlich, für welche Altersgruppe die beobachteten Fertigkeiten eines Kindes typisch wären (d. h. dem mittleren Skalenwert einer Altersgruppe entsprächen). Diese Angabe erlaubt eine anschauliche Beschreibung von Stärken und Schwächen eines Kindes bei der Besprechung diagnostischer Befunde mit den Eltern oder pädagogischen Fachkräften. Für die Berechnung von Standardwerten (sogenannte v-Werte) wurde eine Skalierung mit dem Mittelwert 15 und einer Standardabweichung von 3 gewählt. Diese Skalierung, die eine Spreizung in mehr als vier Standardabweichungen erlaubt, ist für den Anwender ungewöhnlich, entspricht aber der Intention der Autoren, die adaptiven Kompetenzen auch bei Kindern mit niedrigem Entwicklungsniveau differenziert einschätzen zu können. Die Skalenwerte - getrennt nach Altersjahrgängen von drei bis 21 Jahren - können in einem Begleitband zum Manual der Vineland-3 nachgeschlagen werden. Zusätzlich finden sich dort Kennwerte für die Analyse von Stärken und Schwächen in einem individuellen Profil. Sie zeigen jeweils, welche Abweichungen in den einzelnen Domänen und Subskalen vom individuellen Mittelwert als signifikant anzusehen sind, und erlauben einen paarweisen Differenzvergleich von Subskalen. Testgüte Im Rahmen der Untersuchung der Testgüte der deutschen Fassung wurde die Reliabilität der Skalen mittels der Berechnung der internen Konsistenzen überprüft. Sie liegen auf Ebene der Skalen und für den Gesamtwert Adaptives Verhalten (sowohl für die Langform als auch für die Kurzform) im guten bis exzellenten Bereich (überwiegend über .90). Angaben zur Test-Retest-Reliabilität und zur Übereinstimmung zwischen verschiedenen Beurteilern wurden im Manual aus der amerikanischen Version übernommen. Die Normen wurden für den Eltern- und den Lehrerfragebogen in Deutschland an einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe erhoben. Die Normstichprobe für den Elternfragebogen umfasste N = 1.182 Personen, für den Lehrerfragebogen N = 1.100 Personen. Die klinischen Referenzstichproben umfassten insgesamt N = 100 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 3 -19 Jahren mit den Diagnosen ADHS, Autismus- Spektrum-Störung und Intelligenzminderung. Diese Teilstichproben wurden für die Prüfung der klinischen Sensitivität für unterschiedliche Entwicklungsstörungen herangezogen. Die Ergebnisse, die im Manual referiert werden, sprechen für eine hohe Validität der Vineland-3 zur Diskrimination klinischer Subgruppen. In Bezug auf Kinder mit intellektueller Behinderung zeigten sich erwartungsgemäß signifikante Unterschiede in der Höhe adaptiver Kompetenzen im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, die nach demografischen Merkmalen parallelisiert war. Der Gesamtwert „Adaptives Verhalten“ lag bei 53.6, d.h. mehr als zwei Standardabweichungen unter dem Durchschnitt der Altersgruppe. In der Skala „Soziale Fertigkeiten“ berichteten die Eltern etwas höhere Kompetenzen als in den Bereichen zur Kommunikation, Alltagsfertigkeiten und Motorik. Im Vergleich der Ergebnisse in den einzelnen Subskalen zeigten sich relative Stärken in „Hausarbeit“, „Umgang mit anderen“ und „Anpassung“, während in der Subskala „Sprechen“ die Diskrepanzen zu den Fähigkeiten gleichaltriger Kinder am stärksten ausgeprägt waren. Aus dem amerikanischen Original werden zusätzlich Übereinstimmungen zwischen der Einschätzung adaptiver Kompetenzen in den Bereichen „Kommunikation“ und „Motorik“ mit den entsprechenden Skalen eines Entwicklungstests (Bayley-III) referiert. Ein Vergleich mit einem anderen (ebenfalls amerikanischen) Verfahren zur Beurteilung adaptiver Kompetenzen (ABAS-3) 84 FI 2/ 2023 Tests und Screenings ergab ebenfalls Übereinstimmungen in mittlerer Höhe. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass beide Verfahren das Konstrukt „adaptive Kompetenzen“ angemessen erfassen, auch wenn sie sich in der Zuordnung einzelner Fertigkeiten zu den Bereichen adaptiver Kompetenz unterscheiden. Insgesamt belegen die Befunde die Validität der Vineland-3 als Instrument zur Beurteilung adaptiver Kompetenzen. Anwendung in der Frühförderung Es liegen zahlreiche Studien zur Beurteilung der adaptiven Kompetenzen bei unterschiedlichen klinischen Stichproben vor. Dabei wurde überwiegend die Vorgängerversion des Verfahrens (Vineland-II) verwendet. Saulnier & Klaiman (2018) geben eine Übersicht über die Forschungsbefunde zu den Entwicklungsprofilen von Kindern mit intellektueller Behinderung, Autismus- Spektrum-Störung, Lernstörungen, Hör- oder Sehbehinderung, Cerebralparese, Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom und anderen psychischen Störungen. Bei der Untersuchung von Kindern mit intellektueller Behinderung lassen sich unterschiedliche Profile von Stärken und Schwächen u. a. bei Kindern mit Down-Syndrom, Fragilem-x-Syndrom, Williams-Beuren-Syndrom und Prader-Willi-Syndrom nachweisen. Im deutschen Sprachraum wurden die Vineland-Skalen (Vineland-II) z. B. in der Heidelberger-Down-Syndrom-Studie verwendet. Bei der jährlichen Befragung von Eltern von Kindern mit diesem genetischen Syndrom, die in den ersten sechs Lebensjahren erfolgte, zeichnete sich bereits im Alter von zwei Jahren ein Entwicklungsprofil mit relativen Schwächen im Bereich der expressiven Sprache und der grobmotorischen Fähigkeiten ab (Sarimski 2015 b, 2018). Auch wenn bedauerlicherweise für die deutsche Version - anders als im amerikanischen Original - keine Normen für Kinder in den ersten drei Lebensjahren erhoben wurden, zeigen solche Befunde den Wert für die Planung von Frühfördermaßnahmen bei unterschiedlichen Entwicklungsstörungen. Sie machen darauf aufmerksam, in welchen Bereichen ein besonders ausgeprägter (Früh-)Förderbedarf besteht und welche relativen Stärken der Kinder für die soziale Teilhabe im Alltag genutzt werden können. Prof. i. R. Dr. Klaus Sarimski Dipl.-Psych. Löfftzstr. 5 80637 München E-Mail: sarimski@gmx.de Literatur Sarimski, K. (2015 a): Diagnostik und Förderung sozial-adaptiver Kompetenz. In: Kuhl, J., Euker, N. (Hrsg.): Evidenzbasierte Diagnostik und Förderung von Kindern und Jugendlichen mit intellektueller Beeinträchtigung. Göttingen, Hogrefe, 219 - 248 Sarimski, K. (2015 b): Entwicklungsprofil, Verhaltensmerkmale und Familienerleben bei Kindern mit Down-Syndrom - Erste Ergebnisse der Heidelberger Down-Syndrom-Studie. Empirische Sonderpädagogik 7, 5 - 23 Sarimski, K. (2018): Entwicklung von Kindern mit Down-Syndrom im frühen Kindesalter. Universitätsverlag Winter, Heidelberg Saulnier, C., Klaiman, C. (2018): Essentials of adaptive behavior assessment of neurodevelopmental disorders. Wiley, New York Sparrow, S. S., Cicchetti, D.V., Saulnier, C. A. (2016/ 2021): Vineland adaptive behavior scales (3rd ed.). Bloomington, MN: NCS Pearson. Deutsche Fassung in Zusammenarbeit mit A. von Gontard, C. Wagner, J. Hussong und H. Mattheus. Pearson, Frankfurt Tassé, M. J., Schalock, R. L., Balboni, G., Bersani, H., Borthwick-Duffy, S., Spreat, S., Thissen, D., Widaman, K. F., Zhang, D. (2012): The construct of adaptive behavior: Its conceptualization, measurement, and use in the field of intellectual disability. American Journal on Intellectual and Developmental Disabilities 117, 291- 303, https: / / doi.org/ 10.1352/ 1944-7558-117.4.291