Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2023.art10d
1_042_2023_2/1_042_2023_2.pdf41
2023
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Aus der Praxis: Praxisbericht: Soziale Arbeit unter Pandemiebedingungen am Beispiel der Interdisziplinären Frühförderstelle des Christlichen Jugenddorfwerk Deutschlands e.V. in Erfurt
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2023
Volker Kühn
Steven Koch
Mit dem massenhaften Auftreten der im März 2020 von der WHO offiziell zu einer Pandemie erklärten Covid-19-Infektionen (WHO 2020) wurde durch die Bedrohung der Erkrankung selbst sowie durch die behördlichen Infektionsschutzmaßnahmen und Hygieneverordnungen das Leben unserer Gesellschaft in sämtlichen Bereichen verändert. Neben Begriffen wie Hygienekonzept, Kontaktverbot, Maskenpflicht, Systemrelevanz, Kontaktrückverfolgung und Absonderungsbescheid, die in den täglichen Sprachgebrauch Eingang fanden, erreichten auch ungewöhnliche Maßnahmen wie Kita- und Schulschließungen sowie Notbetreuungen das allgemeine Tagesgeschehen und beeinflussten natürlich auch die Soziale Arbeit in der Interdisziplinären Frühförderstelle (IFF) des Christlichen Jugenddorfwerk Deutschlands e.V. (CJD) in Erfurt. Die IFF bietet ein ganzheitliches Förder- und Therapieangebot in Form von Komplexleistungen, welche der Entwicklungsförderung von behinderten Kindern dienen, sowie von Kindern, die in ihrer Entwicklung von Behinderungen bedroht werden. Dabei arbeiten Physio-, Ergo-, Logotherapeuten*innen und Heilpädagogen*innen ganzheitlich und klientenzentriert mit den Kindern und deren Eltern interdisziplinär zusammen und stellen die Lebenswelten der Klient*innen und deren Familien in den Fokus der therapeutischen und pädagogischen Arbeit.
1_042_2023_2_0005
AUS DER PRAXIS 85 Frühförderung interdisziplinär, 42.-Jg., S.-85 - 92 (2023) DOI 10.2378/ fi2023.art10d © Ernst Reinhardt Verlag Praxisbericht: Soziale Arbeit unter Pandemiebedingungen am Beispiel der Interdisziplinären Frühförderstelle des Christlichen Jugenddorfwerk Deutschlands e.V. in Erfurt Volker Kühn, Steven Koch Hintergrund und Zielsetzung Mit dem massenhaften Auftreten der im März 2020 von der WHO offiziell zu einer Pandemie erklärten Covid-19-Infektionen (WHO 2020) wurde durch die Bedrohung der Erkrankung selbst sowie durch die behördlichen Infektionsschutzmaßnahmen und Hygieneverordnungen das Leben unserer Gesellschaft in sämtlichen Bereichen verändert. Neben Begriffen wie Hygienekonzept, Kontaktverbot, Maskenpflicht, Systemrelevanz, Kontaktrückverfolgung und Absonderungsbescheid, die in den täglichen Sprachgebrauch Eingang fanden, erreichten auch ungewöhnliche Maßnahmen wie Kita- und Schulschließungen sowie Notbetreuungen das allgemeine Tagesgeschehen und beeinflussten natürlich auch die Soziale Arbeit in der Interdisziplinären Frühförderstelle (IFF) des Christlichen Jugenddorfwerk Deutschlands e.V. (CJD) in Erfurt. Die IFF bietet ein ganzheitliches Förder- und Therapieangebot in Form von Komplexleistungen, welche der Entwicklungsförderung von behinderten Kindern dienen, sowie von Kindern, die in ihrer Entwicklung von Behinderungen bedroht werden. Dabei arbeiten Physio-, Ergo-, Logotherapeuten*innen und Heilpädagogen*innen ganzheitlich und klientenzentriert mit den Kindern und deren Eltern interdisziplinär zusammen und stellen die Lebenswelten der Klient*innen und deren Familien in den Fokus der therapeutischen und pädagogischen Arbeit. Zahlreiche Studien haben inzwischen untersucht, wie sich verschiedene Therapiemaßnahmen auf Sozialarbeit (Meyer und Buschle 2020), Kleinkinder und ihre Familien (Lannen et al. 2021) und die Arbeit in pädagogischen Einrichtungen auswirken (Grgic et al. 2022), und erwartungsgemäß mehrheitlich Verschlechterungen konstatiert. In der vorliegenden qualitativen Studie wurden die Einflüsse des pandemischen Geschehens auf die Arbeit der IFF des CJD in Erfurt untersucht, welche auf dem Zusammenwirken verschiedener Teilsysteme beruht, die auf jeweils ganz unterschiedliche Art und Weise von den Maßnahmen betroffen sein können. Es sollte damit am Beispiel dieses konkreten Systems gezeigt werden, wo die Pandemiemaßnahmen Devianzen und Defizite zum Vorschein brachten, wie diese in den verschiedenen Teilsystemen wahrgenommen wurden und welche Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen für die IFF und seine Teilsysteme daraus ableitbar sind. Die Interdisziplinäre Frühförderstelle (IFF) des CJD in Erfurt Die IFF setzt sich aus dem Therapiebereich, der pädagogischen Förderung und der Leitung sowie außerhalb des CJD den Leistungsempfängern (die Kinder mit ihren Familien), den Leistungsträgern (das Amt für Soziales und Gesundheit, Abteilung Eingliederungshilfe), den Kinderärzten*innen und den beteiligten Kindergärten zusammen. In der täglichen Praxis erfolgt eine Erstkontaktaufnahme mit den Kindern und deren Eltern typischerweise über die Empfehlung 86 FI 2/ 2023 Aus der Praxis eines Kinderarztes, in einigen Fällen auch über die Mitarbeiter*innen eines Kindergartens. Nach einem Erstgespräch erfolgt ein Anamnesegespräch mit den Eltern und mit den Kindern wird ein Diagnoseverfahren durchgeführt. Daraufhin wird interdisziplinär ein Förder- und Behandlungsplan erstellt, der sowohl vom zuständigen Kinderarzt als auch vom Amt für Soziales und Gesundheit genehmigt werden muss. Nach Beendigung dieses Aufnahmeprozesses beginnen die individuellen Förder- und Therapieleistungen in den jeweiligen verordneten Disziplinen, die für die optimale Entwicklung des Kindes erforderlich sind. Das qualitative Leitfadeninterview und die Interviewpartner Für eine interdisziplinäre und multiperspektivische Evaluation dieser Systeme, d. h. um gezielt die verschiedenen Wahrnehmungen der Akteure der beteiligten Systeme in Bezug auf die Einflüsse und die Veränderungen durch die Corona-Pandemie erfassen und in den jeweiligen Dimensionen einordnen und analysieren zu können, wurde die Methode des qualitativen Leitfadeninterviews gewählt. Diese Wahl basiert auf der Anschauung, dass die Wahrnehmungen der Beurteilung der Sozialen Arbeit in der IFF in Hinsicht auf eine qualitativ bedarfsgerechte Leistungserbringung immer nur individuell und subjektiv empfunden werden. Diese Beurteilung entsteht im Moment der Interaktion zwischen den Mitarbeitern*innen und den Klienten*innen, aber auch im Moment der Interaktion mit den beteiligten Systemen. Dabei wurde von vornherein auf eine Einbeziehung der Leistungsempfänger (Kinder und deren Familien) verzichtet, da die subjektiven Wahrnehmungen der einzelnen Eltern und deren Kinder zu sehr differieren, um ein allgemeines Bild daraus ableiten zu können, was wohl nur durch eine umfassende Fragebogenstudie mit allen oder wenigstens sehr vielen Familien möglich gewesen wäre. So umfasste die Liste der gewählten Interviewpartner den Sachgebietsleiter der Eingliederungshilfe des Amtes für Gesundheit und Soziales, eine bereits seit Langem mit dem IFF zusammenarbeitende Kinderärztin, den (zum Zeitpunkt des Interviews bereits ehemaligen) Leiter der IFF, eine Heilpädagogin und einen Therapeuten der IFF. Alle Interviewpartner zeigten sich sehr am Thema dieser Forschungsarbeit interessiert und wollten konstruktiv zum Gelingen dieser Arbeit beitragen. Inhaltlich galt es im Interview folgende Fragen zu beantworten: n Was hat sich an der Leistungserbringung von Förder- und Therapieangeboten unter Pandemiebedingungen verändert? n Waren und sind die Förder- und Therapieleistungen der IFF unter Pandemiebedingungen bedarfsgerecht? n Wie muss die Bereichsleitung auf die veränderten Bedingungen reagieren? Die Fragen der Leitfadeninterviews wurden aus themenrelevanten, den Forschungsfragen entsprechenden Dimensionen und deren Items erarbeitet und sollten für alle Interviewpartner*innen identisch sein, um aus ihnen gleichwertige und repräsentative Erkenntnisse zu erhalten. Zur inhaltlichen Strukturierung des Leitfadens der qualitativen Interviews wurden gemäß Mayring (Mayring 2015) Haupt- und Unterkategorien erarbeitet, wobei hier der Begriff Dimension für Hauptkategorie und der Begriff Item für Unterkategorie gewählt wurde. Die Auswertungen, Interpretationen und Schlussfolgerungen dieser Interviews erfolgen auf der theoretischen Fundierung von Niklas Luhmanns Konstruktivismus und dessen systemtheoretischen Ansätzen (Rosa et al. 2018). Dimensionen und Items des Leitfadeninterviews Aus den theoretischen und praktischen Überlegungen zur Erfassung der zu untersuchenden Problematik wurden sechs Dimensionen und mehrere jeweils zugehörige Items erarbeitet. Da 87 FI 2/ 2023 Aus der Praxis am Beginn der Arbeit der IFF stets die Erstkontaktaufnahme steht, wurde als erste Dimension die Kontaktaufnahme mit den Items Niederschwelligkeit und Kontaktaufnahme mit und ohne die Einschränkungen der Pandemiebedingungen gewählt. Die zweite Dimension zielte auf die Prozessgestaltung ab, wobei die Leitfrage sich darauf bezog, wie die Abläufe und die Zusammenarbeit mit den beteiligten Systemen eingeschätzt wurden. Des Weiteren wurde dabei nach einer Einschätzung in Bezug auf die Einführung des neuen Bewilligungsverfahrens für die Frühförderung und die diesbezüglichen Pandemieeinwirkungen gefragt. Die dritte Dimension war die Erfassung der Qualität der Zusammenarbeit der Systeme. Diese Qualitätseinschätzung sollte möglichst breit von den zu untersuchenden Systemen aufgenommen werden und umfasste daher die Items Kommunikation, Austauschmöglichkeiten, Feedback, Reflexion und den Einfluss der Pandemiebedingungen. Als weitere, unabhängig vom Kontext der anderen erfasste, vierte Dimension wurde noch einmal speziell auf die Veränderungen aufgrund der Corona-Pandemie eingegangen. Die Befragten sollten spezifisch ihre Wahrnehmungen in Bezug auf die Corona-Pandemie schildern, die allgemeinen Veränderungen, die sich ständig verändernden Verordnungen von Bund und Land sowie um ihre ganz persönlichen Reize und Ängste. Es sollen Erkenntnisse gewonnen werden, wie es den Menschen (Akteuren der Sozialen Arbeit) ganz persönlich mit den Veränderungen in unserer Gesellschaft durch diese Pandemie geht. Die fünfte Dimension wurde unter dem Begriff Beschwerdemanagement zusammengefasst und es wurde dabei versucht einen Ist-Zustand zu erfassen, ob es ein gemeinsames Beschwerdemanagement der beteiligten Systeme in Bezug auf die Frühförderung überhaupt gibt und wie dieses gestaltet ist. Ein Beschwerdemanagement ist bekanntlich ein bedeutender Teil des Qualitätsmanagements und nur, wenn die beteiligten Systeme über etwaige Defizite informiert sind, können sie diese auch verringern oder abbauen. Innerhalb der sechsten und letzten Dimension, der zukunftsorientierten Prozessgestaltung, sollte es einen Ausblick auf die Zukunft der IFF geben. Anhand der Items Potenziale, Wünsche und Lehren wurde das Ziel verfolgt, Impulse und Anregungen aller Befragten zu erfassen, um daraus Empfehlungen abzuleiten, wie die Bereichsleitung der IFF auf die veränderten Bedingungen reagieren sollte. Interpretative Auswertung der Interviews Die mit dem Einverständnis der Interviewpartner mitgeschnittenen Interviews wurden transkribiert, in Inhaltsabschnitte zerlegt und nach Mayrings kategorienorientierter Inhaltsanalyse ausgewertet (Mayring 2015). Die Dimension der Kontaktaufnahme Zum Thema Erstkontakt gab es bei den Befragten des Systems der IFF große Übereinstimmung. Ihren Aussagen zurfolge erhalten die meisten Eltern Informationen zur IFF über Flyer, die in Kitas und bei den Ärzten ausliegen, und über das Internet. Zur Niederschwelligkeit gab es übereinstimmende Äußerungen, dass die Frühförderstelle immer telefonisch zu erreichen sei, dieser Schritt der Kontaktaufnahme aber dennoch für einige Eltern eine Hemmschwelle darstellt. Aus Sicht der Leitung wäre diesbezüglich eine technische (digitale) Lösung wünschenswert, über welche Termine online gebucht werden können. In Bezug auf den Einfluss der Pandemiebedingungen wurden überwiegend die 3-G-Regeln und die Hygieneschutzkonzepte als erschwerend für die Kontaktaufnahme beschrieben. „Im Moment, das mit der 3-G-Regel find ich ein bisschen schwierig. Also, dass man sagen muss: ,Sind Sie bei diesen der Punkten 3-G, können Sie da mitgehen? ‘ “ (Int. 2, Pädagog: in, T. 1, Z. 58 ff.) „Aktuell ist es ja so, dass Eltern, die spontan zu uns kommen, leider praktisch unsere Einrich- 88 FI 2/ 2023 Aus der Praxis tung nicht betreten dürfen, … nur mit tagesaktuellem Test, ja sodass man dann eben die Leute vor der Tür sozusagen halten muss …“ . (Int. 3, Therapeut: in, T. 1, Z. 49 ff.) „… ich würde sagen sehr, sehr individuell erschwert, aufgrund von unterschiedlichsten Sachen, ich fasse des jetzt mal unter Ängsten zusammen, unter Unsicherheiten. ,Sind Öffnungszeiten im Internet, die da stehen, überhaupt noch relevant? ‘ Viele gehen nicht hin…“ . (Int. 5, Sachgebietsleiter: in EGH, Z. 84 ff.) Demgegenüber sah allerdings die Kinderärztin keine Probleme bei der Kontaktaufnahme zur IFF während der Corona-Pandemie und fühlte sich folglich nicht dadurch eingeschränkt. Die Dimension der Prozessgestaltung Bei der Einschätzung der Zusammenarbeit in der Prozessgestaltung ergab sich, dass diese als im Umfang sehr gering und generell als unzureichend betrachtet wurde. „Aber Berührungspunkte gibt es hier eigentlich weniger, nur zu dem Abrechnungssystem.“ (Int. 1, Angebotsleiter: in, Z. 76 f.) „… mit dem Sozialamt ist die Zusammenarbeit jetzt nicht so intensiv, so würde ich das mal ausdrücken“. (Int. 2, Pädagog: in, T. 1, Z. 77 f.) „… von wenig Zusammenarbeit kann ich berichten, was das Amt für Soziales und Gesundheit betrifft“. (Int. 4, Kinderarzt, Z. 119 f.) Zur Beurteilung der Vor- und Nachteile der Einführung des neuen Bewilligungsverfahrens inmitten einer Pandemiesituation wurden als vorteilhaft überwiegend eine höhere Effizienz und die Vereinheitlichung des Antragsprozesses genannt, eine Ansicht, die von der Kinderärztin allerdings nicht geteilt wurde. Zugleich wurde von allen Befragten übereinstimmend die fehlende Individualität bei der Beurteilung der Kinder und die Verschlechterung der Niederschwelligkeit bedauert. Andererseits wurde kein Einfluss der Corona-Pandemie auf die Einführung der neuen Prozessgestaltung wahrgenommen, der über geringfügige Verzögerungen hinausging. Die Dimension der Zusammenarbeit der Systeme In der Beurteilung der Kommunikation zwischen den Systemen wurde dessen überwiegende Beschränkung auf Telefonate, in geringerem Ausmaß auch auf E-Mails, als negativ angeführt, zudem auch die Tatsache, dass einzelne Systeme von der Kommunikation ausgeschlossen wären. „Was die Sozialämter anbelangt, da kommt es immer ein bisschen auf den zuständigen Sachbearbeiter an. Der Austausch aus meiner Sicht ist schon immer konstruktiv und im Sinne des Kunden.“ (Int. 1, Angebotsleiter: in, Z. 147 ff.) „Das findet nicht statt … und dann wäre eigentlich die bessere Kommunikation oder ein besserer intensiver Austausch schön, um für das Kind das Beste herauszuholen.“ (Int. 2, Pädagog: in, T. 1, Z. 133 ff.) „Kommunikation zwischen den Ärzten und - und dem Amt für Soziales findet in Schriftform statt, wenn überhaupt …“ . (Int. 5, Sachgebietsleiter: in EGH, Z. 278 ff.) Eine tatsächliche Feedbackkultur wurde als nicht vorhanden charakterisiert „Von den externen Systemen erhalte ich tatsächlich wenig Feedback.“ (Int. 3, Therapeut: in, T. 1, Z. 123) und Reflexionsprozesse als in allen Systemen intern sehr intensiv stattfindend, aber zwischen den beteiligten Systemen als nicht existent. 89 FI 2/ 2023 Aus der Praxis Die Pandemiebedingungen erschwerten erwartungsgemäß die Zusammenarbeit der Systeme, wobei die Kinderärztin auch positive Seiten dieser Entwicklung sah. „Es ist insofern schwierig, weil wir als Team teilweise nicht mehr zusammen und uns in einem Raum treffen dürfen.“ (Int. 3, Therapeut: in, T. 1, Z. 145 f.) „Nicht nur, dass die Kinder nicht in den Kindergarten gegangen sind, vielleicht dort die Behandlung nicht bekommen haben, sondern wenn Förderstunden im Häuslichen waren, da haben immer die Eltern einen großen Nutzen zusätzlich davon … dieser ganze Gruppen-Benefit, das ist schon eine Sache, die haben wir auch bemerkt …“ . (Int. 4, Kinderarzt, Z. 232 ff.) Die Dimension der pandemiebedingten Veränderungen Die spezifischen Auswirkungen der Pandemie mit ihren Einschränkungen wurden sehr deutlich als erschwerend wahrgenommen, wobei dies vor allem den Eins-zu-Eins-Kontakt mit den Klienten*innen betraf und sogar zur Beobachtung seltsamer Verhaltensänderungen in der frühkindlichen sozialen Kommunikation führte. „Der Mund-Nasenschutz hat für mich immer ein Hemmnis … war für viele Kinder ein Hemmnis, um Vertrauen aufzubauen, … es hat aber auch wiederum dazu beigetragen, dass nach und nach alternative Fördermöglichkeiten entstanden sind …“ . (Int. 1, Angebotsleiter: in, Z. 231 ff.) „Wir können die Eltern nicht mehr so im geschützten Raum empfangen, sondern eben vorne am Eingang auf der Straße. … Man kann über eine Maske schlecht seine Gefühle im Gesicht wahrnehmen, das ist halt etwas schwierig.“ (Int. 2, Pädagog: in, T. 2, Z. 8 ff.) „…prinzipiell können wir in die Therapie die Eltern nicht mehr so leicht einbinden aufgrund des Betretungsverbotes, das teilweise herrscht…“ . (Int. 3, Therapeut: in, T. 2, 8 ff.) „Die Kommunikation ist sehr schwierig. Es sind viele Leute sehr, sehr ängstlich, was den Praxisbesuch betrifft …“ . (Int. 4, Kinderarzt, Z. 291 ff.) „Und ich glaube, dass auch vielen Kindern gerade so im ersten, zweiten, dritten Lebensjahr diese ganze Maskenpflicht auch ein Teil Kommunikationsaufnahme wegnimmt. Wir sehen das bei vielen kleinen Babys, wenn wir sie untersuchen. Früher haben sie gelächelt, wenn man sie anspricht, und jetzt kommt immer dieses Kopfnicken, weil die Kinder bemerken, das ist die soziale Reaktion, mit der ein Erwachsener zuerst mit einem Baby Kontakt aufnimmt, das kann man richtig als neuen Tick bei den Babys benennen, das fand ich sehr bemerkenswert.“ (Int. 4, Kinderarzt, Z. 300 ff.) Was die Wahrnehmungen der Verordnungen von Bund und Land betraf, so erzeugten diese im Wesentlichen Unsicherheiten bezüglich ihres genauen Inhalts, ihrer sachlichen Rechtfertigung, und resultierten letztlich in einer Gewöhnung an sich ständig verändernde Bedingungen. Den negativen Auswirkungen wurde mit vermehrter Kommunikation innerhalb der Systeme entgegengewirkt, sodass den Akteuren Unsicherheiten genommen werden konnten und sie in der Lage waren, ihre Aufgaben trotz allem zu lösen. Auf diese Weise wurden auch die persönlich empfundenen Ängste gut abgefangen, auch wenn diese als zusätzliche Belastung empfunden wurden. Die Dimension des Beschwerdemanagements Aus den Befragungen zum Beschwerdemanagement wurde ersichtlich, dass es zwischen den beteiligten Systemen der Frühförderung gar keine Art von Beschwerdemanagement gibt, das als solches wahrgenommen wird. 90 FI 2/ 2023 Aus der Praxis „Also es gibt für alle beteiligten Systeme kein einheitliches Beschwerdemanagement …“ . (Int. 1, Angebotsleiter: in, Z. 284 f.) „…also Beschwerdemanagement, ja, ist mir jetzt nicht so bekannt …“ . (Int. 3, Therapeut: in, T. 2, Z. 52 f.) Die zukunftsgerichtete Dimension Durch die Frage, wie die Leitung der IFF auf die Pandemiebedingungen reagieren sollte und welche Potenziale, Wünsche und Lehren aus dem Erlebten ableitbar seien, sollten Impulse und Anregungen der Interviewpartner für Verbesserungen erhalten werden. Für den Angebotsleiter stellen die neuen Fördermöglichkeiten (digitale Lernplattform) ein Potenzial dar, das man auch in Zukunft ausbauen und nutzen sollte. Die Kinderärztin plädierte für eine „Fast-Überweisung“, um den Kindern in besonderen Lebenslagen den Zugang zur Frühförderung zu erleichtern. Die hier bezeichnete „Fastüberweisung“ ist ein nichtoffizielles erfundenes Dokument, dass sich mehrere Erfurter Kinderärzte gemeinsam ausgedacht haben, um der Empfehlung zur Frühförderung eines Kindes einen offiziellen Charakter zu geben. Aufgrund dieses „Dokumentes“ haben viele Eltern ihre Kinder zur Frühförderung angemeldet, die wahrscheinlich sonst der Empfehlung des jeweiligen Kinderarztes nicht gefolgt wären. Gemeinsam war allen Befragten, dass sie zukünftige direkte Treffen und Zusammenarbeit als wichtig erachteten. Dabei wurden bereits innovative Ansätze entwickelt: „Dann haben wir einen sogenannten Mutti- Zettel erfunden, also ein kleines Formlos-Rezept, wo draufsteht ,Wir möchten gern, dass dieses Kind gefördert wird, das ist wichtig, aus diesen und jenen Gründen.‘ “ (Int. 4, Kinderarzt, Z. 447 ff.) Weiteres wurde wiederholt und interdisziplinär der Wunsch nach einem Gesamtplanverfahren mit der Beteiligung aller Systeme zum Ausdruck gebracht. „…, dass man dann so einen gemeinsamen runden Tisch hat mit Arzt und Kindergarten und wir, ja Sozialamt auch gerne, die Eltern mit am Tisch und dass man dann eigentlich mal gemeinsam berät, …“ . (Int. 2, Pädagog: in, T. 2, 72 ff.) Die aus dem unter Pandemiebedingungen Erlebten zu ziehenden Lehren waren überwiegend mit einem positiven Ausblick konnotiert. Die aus der Not geborenen kreativen Lösungsansätze sollen ihren Fortbestand haben und weiter genutzt werden. Zudem kam mehrfach eine Haltungsänderung der Akteure zum Ausdruck. Durch die Notwendigkeit, sich auf die sich ständig ändernden Bedingungen anzupassen, wurde Flexibilität als wichtige Ressource erkannt. Schlussfolgerungen Die Corona-Pandemie hat auch in der IFF erwartungsgemäß die Diskrepanz zwischen bestehenden widersprüchlichen Anforderungen an die in der Sozialen Arbeit involvierten Akteure verschärft und neue hinzugefügt. So wurde in Bezug auf die Frage, was sich an der Leistungserbringung von Förder- und Therapieangeboten unter Pandemiebedingungen verändert hat, fest-gestellt, dass der Zugang zu Frühförderung in der IFF schwieriger geworden ist. Es zeigte sich, dass sich die Hemmschwelle zur Kontaktaufnahme für die Eltern erhöht hat, wobei die Verschlechterung der Niederschwelligkeit (Barrierefreiheit) und die fehlende individuelle Beurteilung der Kinder aber nicht nur auf die Corona- Pandemie, sondern auch auf die Einführung eines neuen Bewilligungsverfahrens zurückzuführen waren. Weiter wurde innerhalb der Dimension der Prozessgestaltung die Qualität der Zusammenarbeit der Systeme als mangelhaft wahrgenommen. Während der Interaktion mit den Kindern gab es aufgrund der Hygienekonzepte, die u. a. ein Betretungsverbot (für Eltern) der Einrichtung bedingten und das Tragen des Mund- und Nasenschutzes (Mitarbeiter: innen), Probleme in 91 FI 2/ 2023 Aus der Praxis der Beziehungsarbeit und Veränderungen in der sozialen und kommunikativen Entwicklung der Kinder (Kopfnicken statt Lächeln). Vor allem durch das Tragen von Mund- und Nasenschutz wurde es schwierig, über Mimik und Gestik Gefühle zu übermitteln und diese wahrzunehmen. Der Umfang der Entwicklungsdevianzen der Kinder, die sich aus diesen Umständen ergaben, ist derzeit noch nicht einzuschätzen. Zugleich wurden aber auch positive Effekte der durch die Pandemie bedingten Veränderungen wahrgenommen. Zum Beispiel verbrachten aufgrund von Kitaschließungen die Eltern mehr Zeit mit ihren Kindern, was zur Verbesserung der Eltern-Kind-Beziehung beigetragen haben mag. Von Förderungen im eigenen Haushalt partizipieren nach allgemeiner Einschätzung alle Familienmitglieder und das Erlebte führt vonseiten der Eltern zu einer höheren Wertschätzung für die geleistete Arbeit von Erzieher: innen, Therapeut: innen und Pädagog: innen. Die Kommunikation zwischen den Systemen fand unter Pandemiebedingungen nur begrenzt statt, wobei Feedback und Reflexionen auch abseits der Pandemie nur innerhalb der Systeme stattfanden. Ebenso zeigte sich, dass keine Evaluationsform zwischen oder außerhalb der beteiligten Systeme (Umwelt) der Frühförderung zu existieren scheint, genauso wie es auch kein gemeinsames Beschwerdemanagement gibt. Aus dem Interview mit dem Mitarbeiter des Amts für Soziales und Gesundheit ergab sich die Einsicht, dass dieses noch mit dem Aufbau quantitativer und qualitativer Strukturen beschäftigt ist, um eine bedarfsgerechte Leistungserbringung zu gewährleisten und mögliche Evaluationsformen zu installieren. Es besteht daher begründete Hoffnung auf diesbezügliche Verbesserungen in der Zukunft. Die von beteiligten Akteuren selbst erschaffenen kreativen Lösungs- und Förderansätze sollten in ihrem Fortbestand weiter genutzt und ausgebaut werden. Bedingt durch deren Erfolg wurde die Flexibilität der Systeme (innen und außen) als bedeutende Ressource erkannt und diese sollte weiter gefördert werden. Parallel dazu sollte auch die Kommunikation innerhalb der Systeme forciert werden, um den Mitarbeiter: innen in solchen volatilen Zeiten Sicherheit in ihrem professionellen Handeln zu geben. Zudem äußerten alle Befragten gleichermaßen den Wunsch nach engerer Kommunikation (inkl. Feedback, Beschwerdemanagement usw.) und letztlich wäre ein Gesamtplanverfahren, bei dem alle beteiligten Systeme an einem Tisch sitzen und gemeinsam Förderpläne und -ziele individuell für jedes Kind erarbeiten, der Idealzustand der Frühförderung, den es zu erreichen gilt. Organisieren und verantworten kann ein multiperspektivisches und interdisziplinäres Vorgehen letztlich nur der Leistungsträger, der die Rahmenbedingungen vorgibt. Die Bereichsleitung der IFF sollte entsprechend den anderen Systemen zuarbeiten, die Netzwerkarbeit untereinander verstärken und dem Amt für Gesundheit und Soziales unterstützend als Kommunikationsmultiplikator und inhaltlich fachlich zur Seite stehen. Resümierend ist festzustellen, dass das System der IFF (inkl. Teilsysteme) während der Corona-Pandemie seine Funktionen erfüllte, wozu nicht zuletzt die Flexibilität und Kreativität der beteiligten Akteure wesentliche Beiträge geleistet haben. Volker Kühn Marktplatz 12 99885 Ohrdruf E-Mail: volker.kuehn@stud.internationale-ba.com Steven Koch Am Dietrich 2 a 98617 Meiningen Tel. 0172/ 7938354 E-Mail: Steven.koch@doz.internationale-ba.com steven.koch@uni-wh.de 92 FI 2/ 2023 Aus der Praxis Literatur Grgic, M., Neuberger, F., Kalicki, B., Spensberger, F., Maly-Motta, H., Barbarino, B., Kuger, S., Rauschenbach, T. (2022): Interaktionen in Kindertageseinrichtungen während der Corona-Pandemie - Elternkooperation, Fachkraft-Kind-Interaktionen und das Zusammenspiel der Kinder im Rahmen eingeschränkter Möglichkeiten. Diskurs Kindheits- und Jugendforsch./ Discourse. J. Child. Adolesc. Res. 17, 27 - 56 Lannen, P., Duss, I., Bombach, C., Graf, N., Simoni, H. (2021): Kleinkinder und ihre Familien zu Zeiten der COVID-19 Pandemie in der Schweiz. Frühförderung Interdiszip. 40(3), 119 -133 Mayring, P. (2015): Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. 12., überarb. Aufl. Beltz, Weinheim Meyer, N., Buschle, C. (2020): Soziale Arbeit in der Corona-Pandemie: Zwischen Überforderung und Marginalisierung. Empirische Trends und professionstheoretische Analysen zur Arbeitssituation im Lockdown. IUBH Discuss. Pap. - Sozialwissenschaften 4, 1 - 26 Rosa, H., Strecker, D., Kottmann, A. (2018): Soziologische Theorien. utb basics, Konstanz und München WHO (2020): Ausbruch der Coronavirus-Krankheit (COVID-19). Weltgesundheitsorganisation, Reg. für Eur. a www.reinhardt-verlag.de Mit zahlreichen Kopiervorlagen. 5., durchges. Auflage 2021. 128 Seiten. 21 Abb. DIN A4. (978-3-497-03050-7) kt Kinder lernen bereits im Kindergartenalter, kleine und große Krisen selbständig zu überwinden, erwerben soziale Kompetenz und gehen entspannt mit Stress um. An diesen Ressourcen setzt das Programm PRiK an: Vorhandene Fertigkeiten von Kindern im Alter von vier bis sechs Jahren werden gezielt gefördert und ihre Resilienz gestärkt. Im ersten Teil des Buches werden zentrale Elemente des Konzepts der „Resilienz“ erläutert. Im zweiten Teil finden sich Fördereinheiten zur praktischen Umsetzung des Programms. Kinder stark machen!
