Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Rezension: Agathe Israel, Cecilia Enriquez de Salamanca (Hg.): Baby, Familie, Beobachter*in. Subjektive Prozesse in der Säuglingsbeobachtung
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2023
Kathrin Keller-Schuhmacher
Mit ihrem „Geniestreich“ der Säuglingsbeobachtung (Harris 1983) hat Esther Bick uns, die wir als Psychotherapeut*innen, Erzieher*innen, Pädagog*innen, Ärzt*innen, Hebammen, Sozialarbeiter*innen mit Kindern und ihren Familien arbeiten, eine einmalige Lernerfahrung ermöglicht, in der wissenschaftliche Objektivität und emotionale Erfahrungen der Beobachter*innen zusammenkommen. Dieses Zitat stelle ich an den Anfang meiner Rezension des Buches „Baby, Familie, Beobachter*in, weil es Wesentliches der Säuglingsbeobachtung („Infant Observation“) - nämlich Säuglingsbeobachtung: wer und wozu? - prägnant zusammenfasst: Nicht nur in Psychotherapie und Beratung, sondern auch im pädagogisch-sozialen und medizinischen Bereich lässt sich Säuglingsbeobachtung trefflich in Aus- und Weiterbildung zur professionellen und persönlichen Entwicklung nutzen. Das schlanke Buch eröffnet die Reihe des Jahrbuchs für teilnehmende Säuglings- und Kleinkindbeobachtung. Es enthält Vorträge der 8. Tagung „Wie erleben und gebrauchen das Baby und die Familie die Beobachter*in als Dritte sowie die Vorstellung einer zweijährigen Säuglingsbeobachtung.
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99 FI 2/ 2023 Rezensionen -zusammenbruch durch Trauma auf. Anhand konkreter Beispiele aus der Praxis veranschaulicht er komplexe neuropsychologische Abläufe im Körper und macht damit neurowissenschaftliche Erkenntnisse, insbesondere der Polyvagaltheorie für den Leser gut verständlich. Er stellt nachvollziehbar den Zusammenhang zwischen autonomem Nervensystem und Fütterstörung/ Sondendependenz dar und drückt damit eine Kernaussage des Buches aus. Wilken postuliert ein entsprechend traumasensibles Vorgehen in der Therapie. Wie genau dies im Kontext Fütterstörung aussehen kann, bleibt uns der Autor aber schuldig. Das letzte Kapitel, das die vage Überschrift „Therapeutische Synthese: Das Wissen in die Therapie mitnehmen“ trägt, beschreibt keinerlei konkrete Vorgehensweise. Es bleibt bei einem Aufgreifen der bisherigen Inhalte und einer Haltungsbeschreibung des Therapeuten gegenüber dem Kind und den Eltern. Innerhalb weniger Seiten ist dieses Kapitel abgehandelt. So gut es Markus Wilken in den vorherigen 230 Seiten gelungen ist, dem Leser die Entstehungsgeschichte und Wirkzusammenhänge von frühkindlicher Nahrungsverweigerung verständlich und in flüssig lesbarem Schreibstil zu erklären, so ratlos und abrupt lässt er den Leser am Ende zurück. Erfahrenen Therapeuten mögen sich neue Perspektiven und Impulse für Therapieansätze eröffnen, für Einsteiger und Interessierte wären konkrete Interventionen und Therapieschritte wünschenswert gewesen. Mirjam Hilgerloh DOI 10.2378/ fi2023.art12d Agathe Israel, Cecilia Enriquez de Salamanca (Hg.): Baby, Familie, Beobachter*in Subjektive Prozesse in der Säuglingsbeobachtung Jahrbuch für teilnehmende Säuglings- und Kleinkindbeobachtung Psychosozial-Verlag 2021, 101 S., € 19,90 Mit ihrem „Geniestreich“ der Säuglingsbeobachtung (Harris 1983) hat Esther Bick uns, die wir als Psychotherapeut*innen, Erzieher*innen, Pädagog*innen, Ärzt*innen, Hebammen, Sozialarbeiter*innen mit Kindern und ihren Familien arbeiten, eine einmalige Lernerfahrung ermöglicht, in der wissenschaftliche Objektivität und emotionale Erfahrungen der Beobachter*innen zusammenkommen. Dieses Zitat stelle ich an den Anfang meiner Rezension des Buches „Baby, Familie, Beobachter*in, weil es Wesentliches der Säuglingsbeobachtung („Infant Observation“) - nämlich Säuglingsbeobachtung: wer und wozu? - prägnant zusammenfasst: Nicht nur in Psychotherapie und Beratung, sondern auch im pädagogisch-sozialen und medizinischen Bereich lässt sich Säuglingsbeobachtung trefflich in Aus- und Weiterbildung zur professionellen und persönlichen Entwicklung nutzen. Das schlanke Buch eröffnet die Reihe des Jahrbuchs für teilnehmende Säuglings- und Kleinkindbeobachtung. Es enthält Vorträge der 8. Tagung „Wie erleben und gebrauchen das Baby und die Familie die Beobachter*in als Dritte sowie die Vorstellung einer zweijährigen Säuglingsbeobachtung. In der Vorbemerkung rollen die Herausgeberinnen Geschichte und Entwicklung der „Infant Observation“ in Großbritannien und Deutschland auf. Dies beinhaltet die Würdigung der Verdienste für Praxis und Theoriebildung von Esther Bick, die 1964, im Rahmen von John Bowlbys Auftrag zur 100 FI 2/ 2023 Rezensionen Entwicklung eines Ausbildungskurses für Kinderanalytiker, die Methode der „Infant Observation“ entwickelt hatte. Explizit zitiert werden die zwei goldenen Regeln des Beobachtens von Esther Bick: „Das wichtigste Ziel bei der Babybeobachtung ist - nach meinen Erfahrungen - wirklich zu beobachten - zu lernen, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen, keine Clichés, keine Theorien, keine Denkmodelle zu benutzen, sondern die Dinge immer wieder neu zu sehen, denn kein Baby ist wie das andere (…). Deswegen ist es so fundamental zu lernen, was Beobachten heisst, nämlich mit einer tabula rasa an die Sache herangehen: Sie wissen nichts! Das ist alles und das ist auch die Regel Nr. 1 für den Beobachter … Die Regel Nr. 2 (…) besteht darin, nichts weiter als ein Empfänger zu sein, alles passiv in sich aufzunehmen (…), niemals jedoch auch nur irgendeine kleine Veränderung zu erbitten, niemals in irgendeiner Weise einzugreifen, sei es auch nur, um eine Frage zu stellen, denn, wenn Sie auf die Situation Einfluss nehmen, beobachten Sie nicht mehr die eigentliche Situation.“ Im theoretischen Hauptteil des Buches, dem Aufsatz Baby, Familie, Beobachter*in - Subjektive Prozesse in der Säuglingsbeobachtung, nähert sich Agathe Israel Antworten u. a. auf diese Fragen an: Was macht es mit dem Baby, wenn es beobachtet wird? Wie kommuniziert es präverbal mit dem*der Beobachter*in? Wozu nutzt das Baby die*den Beobachter*in? Wie wandelt sich die Beziehung zur*zum Beobachter*in? Vignetten aus Beobachtungsprotokollen illustrieren die Aussagen und machen die Reflexionen darüber gut nachvollziehbar. Das Co-Referat von Peter Bründl trägt den Titel „Was ist es für ein Baby? “. Der Autor geht darauf ein, wie sich Beobachter*innen ihrem Unbewussten und ihren eigenen kindlichen Erfahrungen öffnen, um im gegenseitigen Augen- und Mimikspiel - dem „Seelen-Augen-Gesten-Dialog“ mit dem Baby - zur Selbstwirksamkeit des Kindes beizutragen. In der detaillierten, flüssig geschriebenen und spannend zu lesenden Beschreibung der zweijährigen Babybeobachtung „Sina - eine Säuglingsbeobachtung“ zitiert deren Autorin, Lisa Wolf, ausführlich aus den Gedächtnisprotokollen, die die Basis bildeten für das gemeinsame Nachdenken in der begleitenden Supervisionsgruppe, was zum festen Bestandteil der teilnehmenden Säuglingsbeobachtung gehört. Aus diesem Text erschließt sich sowohl Sinas Entwicklung vom Säugling zum Kleinkind als auch der Lernprozess der Beobachterin. Wer mit Kindern, speziell mit Säuglingen/ Kleinkindern und ihren Müttern und Vätern zu tun hat, erhält durch die Lektüre einen Einblick in eine Beobachtungsform, deren Erfahrungen für die frühesten Ängste und Affekte am Lebensanfang sensibilisieren und sowohl das Verständnis für die innere Welt des präverbalen Kindes als auch für das eigene „innere Kind“ bereichert. Auch dann, wenn er*sie nicht „psychoanalytisch“ ausgebildet ist und sich mit den entsprechenden Fachausdrücken wenig auskennt. Ein kleines Glossar mit den wichtigsten Begriffen wäre hier, im Sinne eines „Brückenbauens“, allenfalls hilfreich gewesen. Kathrin Keller-Schuhmacher DOI 10.2378/ fi2023.art13d
