Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2023.art14d
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Originalarbeit: Fachliche Beratung und begleitende Beratung von Eltern - wird die (familienorientierte) Frühförderung beiden gerecht?
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Raphaela Staiger-Iffländer
Ingeborg Hedderich
Für die Zusammenarbeit mit Eltern im Rahmen der familienorientierten Frühförderung werden nicht nur verschiedene Begriffe verwendet, sondern auch Inhalte, Ziele und Methoden bleiben teilweise schwammig. Der vorliegende Beitrag befasst sich deshalb mit der Frage, inwieweit die inhaltliche Unterscheidung zwischen fachlicher Beratung und begleitender Beratung nach Thurmair & Naggl (2010) in der Literatur verwendet wird und unter welcher Terminologie dies geschieht. Anhand einer systematischen Literaturanalyse wird aufgezeigt, dass die inhaltliche Verwendung sehr variiert und keine einheitliche Terminologie besteht. Abschließend wird darauf hingewiesen, dass ein einheitliches Verständnis sowie eine einheitliche Terminologie einen Gewinn für Wissenschaft und Praxis der Frühförderung darstellen würden.
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Frühförderung interdisziplinär, 42.-Jg., S.-110 - 121 (2023) DOI 10.2378/ fi2023.art14d © Ernst Reinhardt Verlag 110 Fachliche Beratung und begleitende Beratung von Eltern - wird die (familienorientierte) Frühförderung beiden gerecht? Eine systematische Literaturanalyse Raphaela Staiger-Iffländer, Ingeborg Hedderich Zusammenfassung: Für die Zusammenarbeit mit Eltern im Rahmen der familienorientierten Frühförderung werden nicht nur verschiedene Begriffe verwendet, sondern auch Inhalte, Ziele und Methoden bleiben teilweise schwammig. Der vorliegende Beitrag befasst sich deshalb mit der Frage, inwieweit die inhaltliche Unterscheidung zwischen fachlicher Beratung und begleitender Beratung nach Thurmair & Naggl (2010) in der Literatur verwendet wird und unter welcher Terminologie dies geschieht. Anhand einer systematischen Literaturanalyse wird aufgezeigt, dass die inhaltliche Verwendung sehr variiert und keine einheitliche Terminologie besteht. Abschließend wird darauf hingewiesen, dass ein einheitliches Verständnis sowie eine einheitliche Terminologie einen Gewinn für Wissenschaft und Praxis der Frühförderung darstellen würden. Schlüsselwörter: Beratung, Begleitung, Eltern, Frühförderung Professional consulting and counseling of parents - does (family-oriented) Early Childhood Intervention live up to both? A systematic analysis of literature Summary: Not only are there different terms used for the collaboration with parents in the context of family-oriented Early Childhood Intervention, but also the content, goals and methods remain partially unclear. Thus, this article addresses the question to which extent the contentrelated distinction between professional consulting and associated counseling of parents according to Thurmair & Naggl (2010) is referred to in the literature and by using which terminology this is achieved. On the basis of a systematic analysis of the current literature, it is revealed that the use of content varies widely and that there is no cohesive terminology. In conclusion, it is emphasized that a uniform understanding and standardized terminology would greatly contribute to the science and practice of Early Childhood Intervention. Keywords: Consulting, counseling, parents, early childhood special education ORIGINALARBEIT Einleitung L ängst ist es ins Selbstverständnis der Frühförderung übergegangen, dass die Familienorientierung ein zentrales Charakteristikum und Alleinstellungsmerkmal im Vergleich zu anderen Interventionen darstellt - und ebenso selbstverständlich ist es geworden, in der Literatur darüber zu schreiben und Kriterien der Familienorientierung zu definieren. Im Zuge dessen werden auch die Begriffe „Beratung“ und „Begleitung“ regelmäßig genannt, um die Orientierung an den Bedürfnissen der Familie zu betonen. Doch - wissen wir überhaupt, wovon wir sprechen oder worüber wir schreiben? Sind die Begriffe „Beratung“ und „Begleitung“ klar definiert oder sind sie zu Containerbegriffen mutiert, die jede/ r mit einer eigenen Definition versieht und dadurch auch Klarheit in der Kommunikation und in der Praxis verloren geht? 111 FI 3/ 2023 Fachliche Beratung und begleitende Beratung von Eltern - Eine systematische Literaturanalyse Theoretischer Hintergrund Historische Entwicklung der Elternarbeit in der Frühförderung Das Verhältnis der Fachpersonen der Frühförderung zu den Eltern der Kinder hat sich kontinuierlich verändert. Wurde zunächst vorwiegend kind- und defizitorientiert gearbeitet, bestand der erste Schritt weg von der reinen Individualförderung in der Hinzuziehung der Eltern, insbesondere der Mütter, in Form des sogenannten Co-Therapeuten-Modells (Krause 2012, Sarimski et al. 2013). Dieses Modell stützte sich auf die Überlegung, dass eine fachliche Förderung des Kindes wirksamer sei, wenn sie in mehr als nur einer Stunde pro Woche stattfindet. Da die Fachpersonen dies jedoch zeitlich nicht leisten konnten, „wurden die Eltern angeleitet, als Ko-Therapeuten die von den Fachleuten entwickelten Programme zu Hause durchzuführen“ (Sarimski et al. 2013, 9). Die so verstandene Co-Therapeutenrolle stellte die Eltern jedoch vor vielfältige Probleme: neben den zeitlichen Ressourcen standen auch die alltäglichen Belastungen und nicht zuletzt die Beziehung als Eltern zum Kind im Weg der ernannten stellvertretenden Therapeutinnen. Außerdem zeigten Langzeitstudien zunehmend, dass die Bedeutung einer förderlichen Beziehung zwischen Eltern und Kind für den Entwicklungsverlauf viel höher einzuschätzen sei als ein systematisches Förderprogramm. So rückte die Familie als System in den Fokus, und damit „auch familiäre psychologische Mechanismen der Behinderungsbewältigung als bedeutsame Parameter für Entwicklung und Förderung des Kindes“ (Krause 2012, 1f). Unter dem Stichwort Familienorientierung wurden nun die partnerschaftliche Kooperation mit den Eltern sowie das Empowerment als handlungsleitende Ideen zentral im Selbstverständnis der Frühförderung. Mit diesem Verständnis ging auch die höhere Gewichtung der Prinzipien des Lebensweltbezugs und der Netzwerkförderung einher (Weiss 2005). Damit erweiterte sich das Aufgabenfeld und auch der Anspruch an die Fachpersonen der Frühförderung enorm. Zu den Aufgaben zählen: „(…) die Vermittlung von Informationen über die Behinderung und die Entwicklungsperspektive des Kindes, die Vermittlung günstiger Interaktionsformen mit dem Kind, die seine Spiel-, Sprach- und Sozialentwicklung unterstützen, das Stärken der elterlichen Entscheidungskompetenz im System der Förder- und Therapieangebote, die Vermittlung möglicher sozialer und finanzieller Entlastungen sowie die psychologische Beratung, um die Alltagsbelastungen, langfristigen Sorgen und Einschränkungen zu bewältigen und ein emotionales Gleichgewicht zu finden oder aufrechtzuerhalten“ (Sarimski 1996, 97; zit. nach Thurmair und Naggl 2010, 198). Dieses breite Aufgabenspektrum verlangt von den Fachpersonen eine Reihe an Kompetenzen und das Einnehmen verschiedener Rollen: diejenigen des Behandelns, des Förderns, des Beratens und des Begleitens (Thurmair und Naggl 2010). Im Alltag der Frühförderung kommt es neben zeitlich knappen Ressourcen auch zum Verschwimmen der Grenzen all dieser Teilaufgaben, was von den Fachpersonen erst recht qualitativ hochstehendes und flexibles Handeln verlangt. Thurmair & Naggl (2010) weisen außerdem zu Recht darauf hin, dass der Einbezug der Eltern und eine (missverstandene) Familienorientierung ebenfalls die gleichen Mechanismen transportieren können wie das „ausrangierte Kotherapeutenmodell“ (S. 211). Hier gilt es, wachsam zu sein, um nicht den Prinzipien der Funktionslogik zu verfallen und statt auf der Ebene des Kindes nun auf Ebene der Eltern und der Familie „optimieren“ zu wollen (ebd.). Um das breite Aufgabenspektrum zu ordnen sowie auf die damit verbundenen, spezifischen Rollen einzugehen, differenzieren Thurmair & Naggl (2010) zwischen „fachlicher Anleitung und Beratung“ einerseits und der „Unterstützung der Eltern in ihrer Auseinandersetzung mit ihrer 112 FI 3/ 2023 Raphaela Staiger-Iffländer, Ingeborg Hedderich Situation“ andererseits (S. 24). Trotz oder gerade wegen anderer Begriffe wie beispielsweise Coaching, Interaktionsberatung oder Empowerment, die die aktuelle Fachdiskussion prägen (vgl. z. B. Sarimski 2017), hat die Differenzierung nach Thurmair und Naggl nichts an Bedeutung verloren, sondern kann im Gegenteil helfen, Klarheit und Struktur in die Begriffe und Inhalte zu bringen. Auch im englischsprachigen Diskurs haben Dunst und Espe-Sherwindt (2016) darauf hingewiesen, dass sich familienorientierte Praktiken in zwei Bereiche unterteilen lassen: „(a) relationship-building practices and (b) practices that actively engage parents and other family members in child, parent-child, parent, and family interventions“ (38). An anderer Stelle werden sie auch als „relational helpgiving practices“ und „participatory practices“ bezeichnet (Dunst und Trivette 2009) und sind durchaus mit der Differenzierung nach Thurmair & Naggl (2010) vergleichbar. Auf diese Unterscheidung soll im folgenden Unterkapitel genauer eingegangen werden. Fachliche Beratung und Begleitende Beratung - Inhalte, Ziele und Methoden Die „Vielschichtigkeit in den Zielen, Methoden und Haltungen ist auch der Grund, weshalb wir nicht von ,der Elternberatung‘ in der Frühförderung sprechen können“ (Thurmair/ Naggl 2010, 199). Die Abgrenzung der beiden zugrunde liegenden Basiskomponenten der Elternberatung stützen Thurmair & Naggl dabei auf die englische Sprache, die für „Beratung“ zwei Begriffe kennt: consulting und counseling 1 . Fachliche Beratung (consulting) Die fachliche Beratung im Rahmen der Frühförderung verfolgt das Ziel, dass Eltern an Wissen, Erfahrung, Theoriebildung und Fachkompetenz anschließen können. Durch die bestehende oder drohende Behinderung ihres Kindes entstehen Fragen und Unsicherheiten, sodass viele Eltern sich von den Fachpersonen Hinweise, Anregungen und Unterstützung im Umgang mit ihrem Kind wünschen. „Die fachliche Beratung macht den Eltern Wissen und Erfahrung zugänglich, die sie selbst nicht haben. Sie informiert, leitet an, macht vor, demonstriert, bespricht Fragen der kindlichen Entwicklung und der Lebensperspektiven des Kindes und hilft auch den Eltern besser zu verstehen, was mit ihrem Kind ist und warum es sich so und nicht anders verhält“ (Thurmair und Naggl 2010, 200). Die Kernelemente der so verstandenen fachlichen Beratung sind Information, Anleitung der Eltern und entwicklungspsychologische Beratung. Zu den Methoden gehören das Teilhaben an und das Beobachten während der Förderung des Kindes, die Förderung begleitender Gespräche, in denen die Fachperson über was, warum und wie informiert, sowie gegebenenfalls konkrete Anleitungen für die Alltagsgestaltung. Die Einbettung der fachlichen Beratung in die Förderstunde bleibt gemäß den Autoren nicht ohne Einfluss auf die fachliche Beratung selbst, deshalb empfiehlt es sich, immer wieder getrennte Settings zu gestalten (,Elterngespräch‘). Für ausführlichere Erläuterungen zu den Herausforderungen und Grenzen der fachlichen Beratung sei auf Thurmair und Naggl (2010) verwiesen. Begleitende Beratung (counseling) Die begleitende Beratung unterscheidet sich nach Thurmair & Naggl in Bezug auf Inhalte, Ziele und Methoden fundamental von der bereits charakterisierten fachlichen Beratung. Die begleitende Beratung möchte die Eltern in ihrer Auseinandersetzung mit der besonderen Situation unterstützen: 1 Im englischsprachigen Diskurs der Frühförderung werden diese Begriffe heute jedoch nicht verwendet. Ähnlich wie im Deutschen ist auch im Englischen die Terminologie uneinheitlich. 113 FI 3/ 2023 Fachliche Beratung und begleitende Beratung von Eltern - Eine systematische Literaturanalyse „Wie die Eltern nämlich die Situation bewältigen, ein Kind zu haben, mit dem etwas nicht in Ordnung ist, ist von unmittelbarer Bedeutung für die Entwicklung des Kindes, aber auch eine eigene Not der Eltern, die sie - nach ihrem Bedürfnis - in den Kontakt mit der Frühförderung einbringen“ (Thurmair/ Naggl 2010, 24) Dabei wird von den Autoren insbesondere betont, dass die ,Bewältigung‘ keinen essenziellen Schritt für die Entwicklung des Kindes darstellt, der erreicht werden müsse, sondern die Achtung der individuellen Entwicklungsprozesse im Mittelpunkt steht. Dazu gehört auch, dass die Eltern je nach Bedürfnis Hilfen erbitten oder auch nicht, was zu zwei Angeboten in der Frühförderung führt: erstens der generellen Begleitung und Unterstützung der Familien, die durch die Langfristigkeit und die Familiennähe der Frühförderung ausgedrückt ist und von den Fachpersonen ein offenes Ohr für die Anliegen, Sorgen und Nöte der Eltern verlangt, und zweitens der weitergehenden psychotherapeutisch orientierten Beratung der Eltern, die als Hilfe zur Umorientierung, zur Anpassung an die Belastungen und zur Weiterentwicklung ihrer Beziehungs- und Handlungsfähigkeit in Bezug auf ihr Kind dienen soll. Dabei betonen die Autoren, dass die psychotherapeutisch orientierte Beratung in gewisser Weise „,quer, und im Gegensatz zu dem [steht], was innerhalb der Förderung und der dazu gehörenden fachlichen Beratung passiert. Sie kann in der Nähe des Förderprozesses nicht gut bestehen und braucht ein eigenes Setting außerhalb der Förderung“ (Thurmair und Naggl 2010, 214). Als Methode gilt hier das Gespräch, die Beziehung zwischen Fachperson und Elternteil(en) ist dabei das wichtigste Instrument des Prozesses. Durch die Beziehung erhält die Fachperson Zugang zur Wirklichkeit der Eltern und der Familie, und durch sie können die Eltern Veränderung erfahren, statt diese als äußere Maßstäbe verordnet zu bekommen (Thurmair und Naggl 2010). Diese begleitende oder psychotherapeutisch orientierte Beratung erfordert von der Fachperson „eine relative Klarheit darüber“, wie eine solche Begleitung gestaltet wird und wo auch Grenzen gesetzt werden müssen, beispielsweise zur eignen Privatsphäre oder zu anderen psychotherapeutisch orientierten Beratungsbeziehungen. Der im Original von Thurmair & Naggl verwendete Begriff „psychotherapeutisch“ muss sicherlich mit Vorsicht verwendet werden, da er eine entsprechende Ausbildung der FrühförderIn implizieren kann oder auf Eltern abschreckend wirken könnte. Im Folgenden wird deshalb der Begriff begleitende Beratung verwendet. Forschungsstand An dieser Stelle werden exemplarisch zwei Studien vorgestellt, deren Ergebnisse erste Hinweise auf die Differenzierung zwischen Fachlicher Beratung und Begleitender Beratung in der Praxis geben. Eine Befragung von Fachpersonen in der Frühförderung zeigte, dass die Themen ,Erziehung‘ und ,Förderung‘ (also Themen, die dem Bereich der fachlichen Beratung zuzuordnen sind) wesentlich häufiger in Elterngesprächen angegeben wurden als die Themen ,Behinderung‘, ,Bewältigung‘ oder ,Lebensqualität‘, die sich - in der Unterscheidung nach Thurmair und Naggl - dem Bereich der begleitenden Beratung zuordnen lassen. Dabei wirkten sich das Lebensalter sowie die Berufserfahrung der Pädagoginnen auf das ,Auftauchen‘ oder das aktive Einbringen der Gesprächsthemen aus: Mit zunehmendem Alter und Berufserfahrung rücken eher ,Behinderung‘ und ,Bewältigung‘ ins Zentrum des Gesprächs (Krause 2012). Von den Eltern werden nach den Themen ,Erziehung‘ und ,Förderung‘ am häufigsten ,persönliche Probleme der Eltern‘ sowie die ,Behinderungsbewältigung‘ ins Gespräch eingebracht, 114 FI 3/ 2023 Raphaela Staiger-Iffländer, Ingeborg Hedderich während vonseiten der Fachpersonen zunächst die Bereiche ,Vermittlung zu anderen Fachpersonen‘ oder ,Unterstützung durch andere‘ eingebracht werden. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass viele Eltern durchaus das Bedürfnis hätten, mehr im Bereich der begleitenden Beratung von der Frühförderung zu profitieren, und weniger die Erklärung im Vordergrund steht, dass vonseiten der Eltern kein Bedarf besteht. In diese Richtung deuten auch jüngere Studienergebnisse von Lütolf, Venetz und Koch (2018), die untersuchten, in welchem Ausmaß die im wissenschaftlichen Diskurs definierten Aufgaben der HFE tatsächlich in der Praxis ausgeführt werden. Die Ergebnisse zeigen, dass für die Förderung des Kindes deutlich mehr Zeit als für Begleitung und Beratung der Eltern eingesetzt werden - was die AutorInnen vor dem Hintergrund der in der Theorie betonten Familienorientierung überrascht hat. Ebenfalls wurde deutlich, dass sich Fachpersonen der Heilpädagogischen Früherziehung (Frühförderung) im Aufgabenfeld ,Begleitung und Beratung der Eltern‘ mit hohen Anforderungen konfrontiert sehen. Fachliche Beratung und begleitende Beratung wurden in dieser Studie jedoch unter dem Begriff ,Beratung und Begleitung‘ zusammenfassend erfasst, sodass sich zum Verhältnis der beiden Bereiche zueinander keine Aussagen machen lassen (vgl. Kap. Ergebnisse). Fragestellungen „Die Unterschiede zwischen Gespräch, Information, fachlicher Beratung und psychotherapeutischer Beratung sind in der Praxis manchmal fließend und sie werden nicht immer genügend voneinander getrennt. Das heißt jedoch nicht, dass es diese Unterschiede nicht gibt“ (Thurmair/ Naggl 2010, 200), so konstatieren Thurmair & Naggl. Daraus ergibt sich für die vorliegende Arbeit erstens die Frage, inwieweit fachliche Beratung und begleitende Beratung trennscharf voneinander abgegrenzt werden und zweitens, inwiefern beide Bereiche als eigenständige Aufgaben der Frühförderung berücksichtigt werden - dies sowohl in der Praxis der Frühförderung einerseits als auch in der Literatur andererseits. Im vorliegenden Beitrag soll es um die Unterscheidung der Begriffe sowie deren Inhalte in der Literatur zur Frühförderung gehen, wobei folgende Fragestellungen die Analyse leiten: n Wird die Unterscheidung zwischen Fachlicher Beratung (,consulting‘) und Begleitender, resp. Psychotherapeutisch orientierter Beratung (,counseling‘) nach Thurmair & Naggl (2010) in der Literatur zur Frühförderung gemacht und konsequent verwendet? Wenn ja, unter welchen Begriffen? n In Studien gibt es Hinweise auf eine „Vernachlässigung“ der Begleitenden resp. Psychotherapeutisch orientierten Beratung in der Praxis (vgl. Ergebnisteil - Studien) - ist eine ähnlich gelagerte Vernachlässigung auch in der Literatur sichtbar? Methode Zur Beantwortung der Fragestellungen wurde die Methode der systematischen Literaturanalyse gewählt. In einem ersten Schritt wurden mit der FIS Bildung Literaturdatenbank sowie dem Archiv der Zeitschrift Frühförderung interdisziplinär zwei Datenbanken ausgewählt, in welchen nach einer ersten Recherche die meisten relevanten Beiträge vermutet werden. Anschließend wurden diese Datenbanken anhand bestimmter Suchbegriffe und Kombinationen systematisch durchsucht. Dabei wurden anstelle der von Thurmair & Naggl (2010) verwendeten Begriffe „fachliche Beratung“ und „begleitende Beratung“ 115 FI 3/ 2023 Fachliche Beratung und begleitende Beratung von Eltern - Eine systematische Literaturanalyse n Die Begriffe „Beratung“ oder „Begleitung“ müssen mindestens einmal isoliert vorkommen (keine Komposita wie z. B. „Beratungsstelle“) und sich sichtbar auf die Beratung resp. Begleitung von Eltern beziehen Aufgrund dieser Kriterien wurden weitere 46 Beiträge ausgeschlossen, sodass 18 Artikel für die Analyse ausgewählt wurden (darunter 10 Studien, vgl. Abbildung 1). Die so extrahierten 18 Artikel wurden anhand einer Konzeptmatrix ausgewertet, die den Bezug zur Frühförderung, die quantitative und qualitative Verwendung der Begriffe „Beratung“ und „Begleitung“, sowie gegebenenfalls häufige Begriffe aus dem direkten Umfeld der beiden Hauptbegriffe umfassten. Anhand der so gefüllten Konzeptmatrix wurde induktiv ein Kategoriensystem gebildet, um die Beiträge zu gruppieren. Als Kriterium für die Hauptkategorien wurde dabei die inhaltliche Unterscheidung von fachlicher Beratung und begleitender Beratung nach Thurmair & Naggl (2010) herangezogen, als Kriterium für die Unterkategorien dann die Verwendung der Begriffe. FIS Datenbank Zeitraum: 2011 - 2021, Filter: Keine Monografien ( (Schlagwörter: FRUEHFOERDERUNG) und (Schlagwörter: ELTERNARBEIT ) ) und (Schlagwörter: BERATUNG) ( (Schlagwörter: FRUEHFOERDERUNG) und (Schlagwörter: ELTERN) ) und (Schlagwörter: BERATUNG) ( (Schlagwörter: FRUEHFOERDERUNG) und (Schlagwörter: ELTERN) ) und (Schlagwörter: „BEGLEITUNG (PSY)“) ( (Schlagwörter: FRUEHFOERDERUNG) und (Schlagwörter: ELTERN) ) und (Freitext: BEGLEITUNG) (Freitext: FRUEHFOERDERUNG und BEGLEITUNG und ELTERN) (Freitext: BERATUNG und BEGLEITUNG und ELTERN) und (Freitext: FRUEHFOERDERUNG) (Schlagwörter: FRUEHFOERDERUNG) und (Freitext: CONSULTING) (Schlagwörter: FRUEHFOERDERUNG) und (Freitext: COUNSELING) 0 12 0 1 3 1 0 0 Frühförderung Interdisziplinär Zeitraum: 2011 - 2021 „Beratung und Begleitung“ „Begleitung und Beratung“ Beratung Begleitung Eltern Frühförderung Beratung Eltern - „entwicklungspsychologische Beratung“ Frühförderung Begleitung Eltern consulting (im Fließtext) counseling (im Fließtext) 4 5 27 39 39 0 0 Tab. 1: Übersicht über die Datenbanken und Suchbegriffe. vereinfachend und aus dem Alltag die Begriffe „Beratung“ und „Begleitung“ als Suchbegriffe verwendet. Außerdem wurden als Kriterien der Zeitraum 2011 - 2021 festgelegt (Zeitpunkt der Recherche: Dezember 2021) sowie die Suche auf Zeitschriftenartikel (keine Monografien, Rezensionen etc.) beschränkt. In Tabelle 1 findet sich eine Übersicht über die verwendeten Datenbanken und Suchbegriffe. Auf diese Art wurden 131 Artikel gefunden und überprüft, wobei 67 davon als Wiederholungen ausgeschlossen wurden. Für die verbleibenden 67 Artikel wurden die folgenden Kriterien für den Einschluss in die Analyse festgelegt: n Klarer Bezug zur Frühförderung/ Heilpädagogischen Früherziehung (keine anderen Elternprogramme oder Hilfestellungen) n keine spezifischen Programme als Hauptthema (z. B. Entwicklungspsychologische Beratung, Harlekin etc.), keine Tests/ Screening-Instrumente 116 FI 3/ 2023 Raphaela Staiger-Iffländer, Ingeborg Hedderich Ergebnisse Die 18 Zeitschriftenartikel wurden in Bezug auf die inhaltliche Unterscheidung der beiden Basiskomponenten nach Thurmair & Naggl (2010) hin analysiert. Außerdem wurde die Verwendung der Begriffe „Begleitung“ und „Beratung“ quantitativ und qualitativ untersucht. Falls im jeweiligen Beitrag keine Definition der Begriffe enthalten war, wurde aufgrund der Verwendung charakterisiert, was im jeweiligen Beitrag darunter verstanden wird. Dabei liegt das Hauptinteresse darin zu untersuchen, ob eine Unterscheidung zwischen fachlicher Beratung und begleitender Beratung deutlich wird, und welche Begriffe für die jeweiligen Inhalte verwendet werden. Die analysierten Artikel wurden aufgrund der Auswertung in drei Kategorien eingeteilt: Artikel der ersten Kategorie thematisieren inhaltlich beide Bereiche (der fachlichen Beratung und der begleitenden Beratung), wobei einige sich konkret auf Thurmair & Naggl (2010) beziehen, andere teilweise eigene Begriffe verwenden. Artikel der zweiten Kategorie beschreiben inhaltlich lediglich Situationen der fachlichen Beratung und verwenden dafür unterschiedliche Begriffe. Die dritte Kategorie umfasst Artikel, die beide Begriffe „Beratung“ und „Begleitung“ verwenden, jedoch keine inhaltliche Differenzierung sichtbar wird. Tabelle 2 zeigt eine Übersicht aller Artikel in den jeweiligen Kategorien. Die Beiträge der Kategorie 1 a beziehen sich namentlich auf die Publikation von Thurmair & Naggl und grenzen die fachliche von der begleitenden Beratung im Sinne von Thurmair & Naggl voneinander ab. Auf begrifflicher Ebene erscheinen jedoch ergänzend oder ersetzend auch Termini wie „beziehungsfördernde Begleitung und Beratung“ (Klein 2013, 91) oder „Bewältigungsbegleitung“ (Pretis 2015, 19). In den Beiträgen der Kategorie 1 b werden ebenfalls Beispiele beider Beratungsrichtungen genannt, allerdings sind die Begriffe deutlich uneinheitlicher. Beispielsweise werden beide Bereiche unter „Beratung“ gefasst, was die Erläuterung sperrig macht: „Sie [die Fachpersonen] versuchen, ihre Beratung auf Fragen zu beschränken, die sich auf die Behinderung des Kindes und seine Förderung beziehen, sehen aber andererseits, dass die Bemühungen nicht erfolgreich sein können, wenn andere Probleme ungelöst bleiben, mit denen eine Familie zu kämpfen hat“ (Sarimski et al. 2014, 76). Im weiteren Verlauf des Artikels erscheint der Ausschlüsse aufgrund von Wiederholungen: 67 Ausschlüsse aufgrund der Kriterien: 46 überprüft: 131 Beiträge analysiert: 18 Beiträge (davon 10 Studien) Abb. 1: Flussdiagramm des Auswahlprozesses. 117 FI 3/ 2023 Fachliche Beratung und begleitende Beratung von Eltern - Eine systematische Literaturanalyse Begriff der „Unterstützung“ im Sinne einer fachlichen Beratung nach Thurmair & Naggl (z. B. „Unterstützung der Eltern bei der Förderung ihrer Kinder im Alltag“ [Sarimski et al. 2014, 68]), während die begleitende Beratung mit „familienorientierte Beratung“ (77) umschrieben wird. Bei Krause (2012) sowie Sarimski und Lang (2018) wird die „Begleitung“ im Sinne einer fachlichen Beratung verwendet, wobei bei Sarimski und Lang (2018) parallel auch „Beratung“ dafür verwendet wird und für die begleitende Beratung der Terminus „emotionale Unterstützung“ (S. 125) verwendet wird. In den Beiträgen der Kategorie 2 a werden inhaltlich Beispiele aus der fachlichen Beratung genannt, wobei diese teilweise „Beratung“ genannt wird (Thätner und Vogel 2012, Kiening und Grohnfeldt 2012, Meier Rey 2014) und andernorts als „familienorientierte Begleitung“ (Hintermair 2015) bezeichnet wird. Bei Meier Rey (2014) taucht der Begriff der Begleitung außerdem in Kombinationen auf („Beratung und Begleitung“ 4, „Unterstützung und Beratung“ 4, „Unterstützung und Begleitung“ 6, „Förderung, Beratung und Begleitung“ [Eckert und Lütolf 2017, 29]), ohne näher beschrieben zu werden. Bei Lütolf, Venetz und Koch (2018) werden die beiden Begriffe ebenfalls durchgehend zusammen verwendet, aber ausschließlich als fachliche Beratung beschrieben: „Zur Aufgabe ,Begleitung und Beratung der Eltern und Bezugspersonen‘ gehören die Kerntätigkeiten Elterngespräche führen (Diagnosegespräche ausgenommen) und Elternveranstaltungen durchführen“ (74). Die Beiträge der Kategorie 3 verwenden beide Begriffe der „Beratung“ und „Begleitung“, wobei diese ohne klärende Zusätze (Pretis 2014) und teilweise in Kombination miteinander vorkommen (Harms 2016). Kategorie Unterkategorie Zugeordnete Artikel 1 - Beide Bereiche werden inhaltlich erwähnt 1 a - begriffliche Unterscheidung in expliziter Anlehnung an Thurmair & Naggl (2010) n Engeln (2011) n Klein (2013) n Pretis (2015) 1 b - begriffliche Unterscheidung uneinheitlich n Krause (2012) n Sarimski (2012) n Sarimski et al. (2012) n Sarimski (2013) n Sarimski et al. (2014) n Steingruber (2014) n Sarimski/ Lang (2018) 2 - nur ein Bereich wird inhaltlich erwähnt 2 a - inhaltlich ausschließlich fachliche Beratung (unter verschiedenen Begriffen) n Thätner/ Vogel (2012) n Kiening/ Grohnfeldt (2012) n Meier Rey (2014) n Hintermair (2015) n Eckert/ Lütolf (2017) n Lütolf et al. (2018) 2 b - inhaltlich ausschließlich begleitende Beratung (unter verschiedenen Begriffen) - 3 - Keine inhaltliche Zuordnung möglich Begriffe „Beratung“ und „Begleitung“ werden beide verwendet, sind jedoch nicht definiert resp. voneinander abgrenzbar n Pretis (2014) n Harms (2016) Tab. 2: Übersicht über die Kategorien und Unterkategorien. 118 FI 3/ 2023 Raphaela Staiger-Iffländer, Ingeborg Hedderich Zu den häufigsten Begriffen im direkten Umfeld von „Beratung“ und „Begleitung“ gehören „Unterstützung“ (Engeln 2011, Krause 2012, Sarimski et al. 2012, Sarimski et al. 2014), „Anleitung“ (Engeln 2011, Sarimski et al. 2014) und „Förderung“ (Thätner und Vogel 2012). „Unterstützung“ (für die begleitende Beratung) und „Anleitung“ (für die fachliche Beratung) werden auch in der ersten Beschreibung von Thurmair & Naggl (20120) verwendet (s. oben). Außerdem werden bei Sarimski & Lang (2018) „(familiäre) Belastung“ und „Coaching“ häufig genannt. Zusammenfassung und Diskussion Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Terminologie rund um die von Thurmair & Naggl getrennt beschriebenen Aufgabenfelder der fachlichen und der begleitenden Beratung keineswegs einheitlich ist. Neben Begleitung und Beratung werden in den hier untersuchten Artikeln auch andere (zusammengesetzte) Begriffe wie „emotionale Unterstützung“, „stützende Beratung“ und andere verwendet. Insbesondere „Unterstützung“ scheint für Inhalte der Sorte „begleitende Beratung“ verwendet zu werden. Die Begriffe der fachlichen Beratung und der begleitenden resp. psychotherapeutisch orientierten Beratung haben sich nicht in einem breiten Sinne durchgesetzt. Häufiger werden die verkürzten Versionen „Beratung“ und „Begleitung“ verwendet - oft jedoch auch als eine Art feststehende Phrase. Dies war insbesondere bei einigen Artikeln der Fall, die die beiden Begriffe zwar enthielten, aber nicht klar definierten, und aufgrund des Kontextes nicht klar ersichtlich wurde, wie sie sich voneinander abgrenzen und deshalb nicht in die Analyse aufgenommen werden konnten. Hier lässt sich die Frage stellen, ob die beiden Begriffe sich so weit durchgesetzt haben, dass sie als selbstverständlich vorausgesetzt werden oder aber vielmehr als „Containerbegriffe“ verwendet werden, die mit wechselnden und nicht transparent definierten Inhalten und Bedeutungen gefüllt werden. Das gleiche gilt für zusammengesetzte Wörter wie „Beratungskompetenz“, die ebenfalls meist ohne Definition angewendet werden. Auffällig ist dabei außerdem, dass häufiger unter dem Begriff der „Beratung“ alle Situationen subsumiert werden, während der Begriff der Begleitung eher spärlich verwendet wird (Kategorie 2 b bleibt leer). Dies könnte auf eine Vernachlässigung des inhaltlichen Bereiches der begleitenden Beratung hindeuten, wie er auch in der Praxis vermutet wird. Die englischen Begriffe, auf welche sich Thurmair & Naggl (2010) stützen, wurden in keinem weiteren Fließtext der gesamt 131 Beiträge gefunden. Einige Male kamen sie in der englischen Übersetzung eines Abstracts vor, wobei anzumerken ist, dass dort meist „counseling“ als Übersetzung für „Beratung“ verwendet wurde. Im englischen Sprachgebrauch ist die Übersetzung „parent counseling“ für Elternberatung durchaus verbreitet, sodass sich hier die Begründung von Thurmair & Naggl (2010) nicht eindeutig auf den heutigen englischen Sprachgebrauch referenzieren lässt. Deshalb kann an dieser Stelle festgehalten werden, dass es sich bei der hier thematisierten Differenzierung der Begrifflichkeiten wohl um ein Thema des deutschsprachigen Diskurses handelt. Auch inhaltlich wird die Unterscheidung nur teilweise oder nicht eindeutig gemacht. Häufig werden zwar verschiedene Situationen beschrieben oder angedeutet, ohne diese jedoch genauer voneinander abzugrenzen. Auch hier bleibt offen, ob die inhaltliche Differenzierung als bekannt vorausgesetzt wird oder aus anderen Gründen darauf verzichtet wird. In Bezug auf die 18 genau untersuchten Artikel lässt sich feststellen, dass in den Titeln der Beiträge der Kategorie 1 überdurchschnittlich häufig das Stichwort „Familienorientierung“ vorkommt. Es scheint also, dass unter diesem Stichwort mehr Wert auf die genauere Differenzierung der ,Elternarbeit‘ gelegt wird. 119 FI 3/ 2023 Fachliche Beratung und begleitende Beratung von Eltern - Eine systematische Literaturanalyse Ebenfalls fällt auf, dass der Großteil der Beiträge zwischen 2011 und 2014 publiziert wurde (12 Stück), während in den Jahren 2015 - 2018 nur 6 der ausgewählten Beiträge publiziert wurden. Aus den Jahren 2019 - 2021 ist kein Beitrag vorhanden. Dies könnte darauf hindeuten, dass die „Hochphase“ der Publikationen zur Familienorientierung und damit zur Beratung und Begleitung von Eltern überschritten ist. Als Limitation der Studie muss klar der Umfang der Stichprobe genannt werden - insofern bleibt die Frage der Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse offen. Als Forschungsdesiderat kann dementsprechend die Ausdehnung der Suche auf weitere Artikel, Datenbanken, aber auch auf Monografien und Kongressbeiträge genannt werden. Ein weiteres Forschungsdesiderat wäre der Einbezug der Begriffe „Unterstützung“ und „Empowerment“ in die systematische Literaturanalyse. Auch eine Meta-Analyse der eingeschlossenen Studien würde das Bild ergänzen. Fazit Im vorliegenden Beitrag wurde dargelegt, dass die inhaltliche Abgrenzung und jeweilige Eigenständigkeit der beiden Bereiche fachliche Beratung und begleitende Beratung (nach Thurmair und Naggl 2010) in den hier untersuchten Artikeln nur teilweise erfolgt. Auf sprachlicher Ebene wird keine einheitliche Terminologie verwendet und die Begriffe „Beratung“ und „Begleitung“ werden nicht selten als feststehende Phrase im Sinne einer Tautologie verwendet, was die Verständigung sowie den Transfer in die Praxis erschwert. Eine klarere inhaltliche und sprachliche Differenzierung der beiden Schwerpunkte könnte sowohl für den theoretischen Diskurs als auch und für die alltägliche praktische Arbeit äußerst gewinnbringend sein. Sie würde dazu beitragen, die beiden Bereiche fachliche Beratung und begleitende Beratung als eigenständige Arbeitsaufträge mit je eigenen Inhalten, Zielsetzungen und Methoden wahrzunehmen. In Anlehnung an Krause (2012) könnte formuliert werden: Wenn sowohl die (familienorientierte) fachliche Beratung als auch die (familienorientierte) begleitende Beratung als wesentliche Charakteristika der Frühförderung erhalten resp. gestärkt werden, wird die Frühförderung die Eltern und damit auch die Kinder weiterhin stärken können. Bedeutung für die Praxis Die ,familienorientierte Beratung und Begleitung‘ gelten als Charakteristikum und Alleinstellungsmerkmal der Frühförderung. Eine trennscharfe inhaltliche Ausdifferenzierung dieser Teilbereiche im Sinne der fachlichen Beratung und der Begleitenden Beratung in der Literatur würde dazu beitragen, auch in der Praxis ein klareres Bewusstsein für die jeweiligen Charakteristika der beiden (eigenständigen) Aufgabenbereiche zu schaffen. Die Hinweise aus empirischen Studien, die darauf hindeuten, dass insbesondere die begleitende Beratung „zu kurz kommt“, während sie von Eltern gewünscht wäre (z. B. Sarimski und Lang 2018, Lütolf et al. 2018, Iffländer und von Rhein 2022), müssen Ansporn sein, diesen Bedarf in Theorie und Praxis aufzunehmen und umzusetzen. Raphaela Staiger-Iffländer, MA Sonderpädagogin (HFE), Doktorandin Universitäts-Kinderspital Zürich Steinwiesstr. 75 8032 Zürich E-Mail: raphaela.staiger-ifflaender@uzh.ch Prof. Dr. em. Ingeborg Hedderich Lehrstuhl für Sonderpädagogik: Gesellschaft, Partizipation und Behinderung Institut für Erziehungswissenschaften, Universität Zürich Freie Str. 36 8032 Zürich E-Mail: ingeborg.hedderich@uzh.ch 120 FI 3/ 2023 Raphaela Staiger-Iffländer, Ingeborg Hedderich Literatur Dunst, C., Trivette, C. M. (2009): Capacity-building family systems intervention practices. Journal of Family Social Work, 12 (2), 119 - 143, http: / / dx.doi.org/ 10.1080/ 10522150802713322 Dunst, C., Espe-Sherwindt, M. (2016): Family- Centered Practices in Early Childhood Intervention. In: Reichow, B., Boyd, B., Barton, E. Odom, S. (Eds.): Handbook of Early Childhood Special Education, 37 - 55. Switzerland, Springer Eckert, A., Lütolf, M. (2017): Autismus-Spektrum- Störungen im frühen Kindesalter - Situationsanalyse und Handlungsempfehlungen für die Heilpädagogische Früherziehung in der Schweiz. Frühförderung interdisziplinär 36, 25 - 33, http: / / dx.doi.org/ 10.2378/ fi2017.art03d Engeln, S. 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Frühförderung interdisziplinär 37, 123 - 133, http: / / dx.doi.org/ 10.2378/ fi2018.art20d Steingruber, P. (2014): Gelingende Elternschaft - auch bei Kindern mit besonderen Bedürfnissen, mit Behinderungen oder chronischer Krankheit? Frühförderung interdisziplinär 33, 34 - 39, http: / / dx.doi. org/ 10.2378/ fi2014.art04d 121 FI 3/ 2023 Fachliche Beratung und begleitende Beratung von Eltern - Eine systematische Literaturanalyse Thätner, K., Vogel, D. (2012): Frühförderung und die Vereinbarkeit von Familie und Berufstätigkeit - Versorgungsqualität im Ballungsraum Berlin aus der Sicht elterlicher Zufriedenheit. Frühförderung interdisziplinär 31, 71 - 79, http: / / dx.doi.org/ 10.2378/ fi2012.art05d Thurmair, M., Naggl, M. (2010): Praxis der Frühförderung. 4. Aufl. Ernst Reinhardt, München/ Basel Weiss, H. (2005): Frühförderung: Woher und Wohin - Entwicklungslinien und Perspektiven. Sonderpädagogische Förderung 50, 81 - 90 a www.reinhardt-verlag.de Kuhlenkamp / Schlesinger Bewegungsförderung in Kindertageseinrichtungen 2021. 211 Seiten. 70 Abb. 2 Tab. (978-3-497-03033-0) kt „Bewegte Kindheit“ Auf der Basis frühpädagogischer Ansätze werden in diesem Buch vielfältige Möglichkeiten der altersgerechten und spielorientierten Bewegungsförderung aufgezeigt. Der Praxisteil beinhaltet Aktivitäten für Innen- und Außenraum. Es werden Bewegungslandschaften aufgebaut sowie Projekte und Eltern-Kind-Angebote vorgestellt. Die kindliche Phantasie wird durch Rollenspiele, den Einsatz von Musik und vielfältiges Material angeregt. Hinweise zur Raumgestaltung und methodisch-didaktische Überlegungen erleichtern die Umsetzung. Mit farbigen Fotos zur Veranschaulichung.
