eJournals Frühförderung interdisziplinär43/3

Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2024.art14d
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2024
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Aus der Praxis: Ganzheitliche Sexualpädagogik in der Kita im Kontext Taubheit/Schwerhörigkeit

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2024
Jörg Maywald
Katharina Urbann
Es ist evident, dass Kinder mit einer Taubheit/Schwerhörigkeit besonders häufig von sexualisierter Gewalt betroffen sind. In Befragungen gaben rund 45% der erwachsenen befragten tauben und schwerhörigen Menschen an, in ihrer Kindheit und/oder Jugend sexualisierte Gewalt erlebt zu haben (Kvam 2004, Schröttle et al. 2012). Als sogenannte ‚Risikofaktoren‘ für sexualisierte Gewalterfahrungen werden u.a. sprachliche Barrieren, Auffälligkeiten in der sozial-emotionalen Entwicklung sowie mangelndes sexuelles und präventives Wissen angeführt (Urbann et al. 2022). Auch ist vielfach belegt, dass Kinder mit einer Taubheit/Schwerhörigkeit in ihrer sprachlichen und sozial-emotionalen Entwicklung im Vergleich zu ihren hörenden Peers Verzögerungen aufweisen (Mayer und Trezek 2015, Peterson 2016). Hörende Erziehungsberechtigte kommunizieren mit ihren tauben und schwerhörigen Kindern weniger über eigene und fremde Gefühle, Gedanken und Wünsche als Erziehungsberechtigte hörender Kinder (Dirks et al. 2020, Morgan et al. 2014). Sensible und häufig tabuisierte Themen wie sexuelle Selbstbestimmung werden von hörenden Erziehungsberechtigten eher ausgeklammert (Fries 2020). Im Folgenden werden Möglichkeiten des Zusammenwirkens sprachlicher und sozial-emotionaler Förderung, sexueller Bildung sowie der Prävention sexualisierter Gewalt im Kita-Kontext dargestellt, indem die ‚Risikofaktoren‘ in sogenannte ‚Schutzfaktoren‘ umgewandelt werden. Sexuelle Bildung und die Prävention sexualisierter Gewalt lassen sich im übergreifenden Konzept einer ganzheitlichen Sexualpädagogik vereinen, die auf sprachlicher und sozial-emotionaler Förderung basiert (Maywald 2022, siehe Abbildung 1).
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155 Frühförderung interdisziplinär, 43.-Jg., S.-155 - 161 (2024) DOI 10.2378/ fi2024.art14d © Ernst Reinhardt Verlag AUS DER PRAXIS Ganzheitliche Sexualpädagogik in der Kita im Kontext Taubheit/ Schwerhörigkeit Zum Zusammenwirken von sprachlicher und sozial-emotionaler Förderung, sexueller Bildung und der Prävention sexualisierter Gewalt Jörg Maywald und Katharina Urbann Einleitung Es ist evident, dass Kinder mit einer Taubheit/ Schwerhörigkeit besonders häufig von sexualisierter Gewalt betroffen sind. In Befragungen gaben rund 45 % der erwachsenen befragten tauben und schwerhörigen Menschen an, in ihrer Kindheit und/ oder Jugend sexualisierte Gewalt erlebt zu haben (Kvam 2004, Schröttle et al. 2012). Als sogenannte ‚Risikofaktoren‘ für sexualisierte Gewalterfahrungen werden u. a. sprachliche Barrieren, Auffälligkeiten in der sozial-emotionalen Entwicklung sowie mangelndes sexuelles und präventives Wissen angeführt (Urbann et al. 2022). Auch ist vielfach belegt, dass Kinder mit einer Taubheit/ Schwerhörigkeit in ihrer sprachlichen und sozial-emotionalen Entwicklung im Vergleich zu ihren hörenden Peers Verzögerungen aufweisen (Mayer und Trezek 2015, Peterson 2016). Hörende Erziehungsberechtigte kommunizieren mit ihren tauben und schwerhörigen Kindern weniger über eigene und fremde Gefühle, Gedanken und Wünsche als Erziehungsberechtigte hörender Kinder (Dirks et al. 2020, Morgan et al. 2014). Sensible und häufig tabuisierte Themen wie sexuelle Selbstbestimmung werden von hörenden Erziehungsberechtigten eher ausgeklammert (Fries 2020). Im Folgenden werden Möglichkeiten des Zusammenwirkens sprachlicher und sozial-emotionaler Förderung, sexueller Bildung sowie der Prävention sexualisierter Gewalt im Kita-Kontext dargestellt, indem die ‚Risikofaktoren‘ in sogenannte ‚Schutzfaktoren‘ umgewandelt werden. Sexuelle Bildung und die Prävention sexualisierter Gewalt lassen sich im übergreifenden Konzept einer ganzheitlichen Sexualpädagogik vereinen, die auf sprachlicher und sozial-emotionaler Förderung basiert (Maywald 2022, siehe Abbildung 1). Bevor die einzelnen genannten Elemente in ihrem Zusammenwirken beleuchtet werden, wird im ersten Kapitel die psychosexuelle Entwicklung von Kindern skizziert. Kinder sind sexuelle Wesen Über die gesamte Lebensspanne hinweg sind Menschen sexuelle Wesen (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 2011, Maywald 2022). Bereits Säuglinge erkunden ihre Umwelt (z. B. Spielzeug) mit dem Mund. Formen rhythmischen Abb. 1: Ganzheitliche Sexualpädagogik auf der Basis sprachlicher Förderung und sozial-emotionaler Förderung (eigene Darstellung) ganzheitliche Sexualpädagogik Prävention sexualisierter Gewalt sexuelle Bildung sprachliche Förderung sozial-emotionale Förderung 156 FI 3/ 2024 Aus der Praxis Saugens (an der Mutterbrust, an Flasche oder Schnuller) bereiten ihnen Vergnügen, beruhigen und entspannen. Sie berühren sich selbst und entdecken dabei ihren Körper. Kleinkinder bis zum dritten Lebensjahr werden sich ihrer selbst bewusst. Sie erleben, dass sie sich als Person mit ihrem Körper und in ihrem Aussehen von anderen Kindern und von Erwachsenen unterscheiden (Entwicklung der Identität). Mit großem Interesse explorieren sie ihren eigenen Körper und den Körper anderer Menschen. Sie untersuchen ihre Genitalien, berühren und stimulieren diese. Auch zeigen sie ihre Genitalien anderen Kindern und Erwachsenen (sogenannte Schau- und Zeigelust). Das Feststellen von Unterschieden zwischen Körpern fördert die Neugierde und das Erlernen erster Begriffe für Geschlechtsteile. Körperausscheidungen werden ebenfalls in dieser Altersphase bewusst wahrgenommen, so kann das bewusste Einhalten und Loslassen ihrer körpereigenen Ausscheidungen für sie zu einer lustvollen Erfahrung führen. Neben der Exploration und Wahrnehmung von Differenzen ist die Entwicklung eines Körperschamgefühls für diese Altersphase zentral. Kinder beginnen nicht nur auf die Einhaltung eigener Körper- und Schamgrenzen zu achten, sondern auch das Respektieren der Grenzen anderer Personen. Im vierten und fünften Lebensjahr dienen insbesondere Rollen- und Körpererkundungsspiele der intensiven Exploration eigener und anderer Körper. Dabei testen Kinder ihre zugeschriebenen Geschlechterrollen als Mädchen oder Junge aus und erkunden beispielsweise durch Schminken und Verkleiden, wie es sich im anderen Geschlecht anfühlen könnte. Manche Kinder dieser Altersspanne verschaffen sich durch das Stimulieren ihrer Genitalien ein Wohlgefühl, wobei nicht alle Kinder regelmäßig masturbieren oder dieses Verhalten in der Kita zeigen. Das Interesse der Kinder am Thema ‚Fortpflanzung‘ steigt und Vorstellungen über Zeugung, Schwangerschaft (intrauterines Wachstum) und Geburt entstehen. Die Kinder benennen Gefühle von Verliebtheit im Zusammenhang mit nahestehenden Personen als Ausdruck tiefer Verbundenheit und großer Sympathie. Vor dem Hintergrund der psychosexuellen Entwicklung von Kindern werden im Folgenden Eckpfeiler sexueller Bildungsarbeit im Zusammenwirken zunächst mit der sprachlichen Förderung und anschließend mit der sozial-emotionalen Förderung tauber und schwerhöriger Kinder in der Kita beschrieben. Sexuelle Bildung im Zusammenwirken mit sprachlicher Förderung Sexuelle Bildung verfolgt das Ziel, die „Selbstaneignung sexueller Identität“ (Sielert 2015, 12) lebenslang zu begleiten (Sielert 2022). Dies impliziert, dass sexuelle Bildung von Beginn an stattfinden sollte, auch in der Kita. Die Grundvoraussetzung für sexuelle Bildungsarbeit in der Kita ist eine stabile gemeinsame sprachliche Basis zwischen Kindern und pädagogischen Fachkräften (Goppelt-Kunkel et al. 2022). Denn nur auf Basis einer gemeinsamen stabilen Sprache kann die zentrale Aufgabe sexueller Bildungsarbeit in der Kita, die professionelle Begleitung der psychosexuellen Entwicklung der Kinder, erfüllt werden (Maywald 2022). Die vorrangige Aufgabe der Frühförderung tauber und schwerhöriger Kinder besteht darin, die sprachliche Entwicklung der Kinder zu fördern. Mit diesem Bewusstsein für sprachliche Förderung können pädagogische Fachkräfte der kindlichen Neugierde für den eigenen Körper und die Körper anderer (Kinder) begegnen und somit neben sprachlicher Förderung gleichzeitig auch sexuelle Bildungsarbeit praktizieren. Beispielsweise umfasst sexuelle Bildung u. a. Sexualaufklärung im Sinne von Wortschatzarbeit. Diese kann durch das Benennen von Körperteilen (inkl. Geschlechtsteilen) beim Begleiten von Toilettengängen oder in Wickelsituationen erfolgen. Es wird empfohlen, sich innerhalb der Kita auf die Verwendung einheitlicher, diskriminierungsfreier Begrifflichkeiten für Geschlechtsteile zu einigen (z. B. Penis und Vulva bzw. entsprechende Gebärden (s. Website der Bayerischen Aidshilfe). Neben dem Wortschatzaufbau kann sprachliche Förde- 157 FI 3/ 2024 rung im Kontext sexueller Bildungsarbeit auch stattfinden, wenn die neugierigen Fragen der Kinder zu körperbezogenen Vorgängen (z. B. Schwangerschaft) alters- und entwicklungsgemäß beantwortet werden. Dabei gilt, dass die Kinder bestimmen, welche Informationen für sie aktuell relevant sind. Fällt die Antwort der Erwachsenen zu knapp aus, stellen Kinder eine (oder mehrere) Anschlussfragen. Welche sprachlichen Aspekte in diesem Kontext zu fördern sind, liegt in den professionellen Händen der pädagogischen Fachkräfte (Schmitt und Simon 2020). Bilderbücher zu sexuellen Themen können sowohl für die pädagogischen Fachkräfte bei der Beantwortung der Fragen der Kinder als auch für die Kinder zur Anregung zum Fragenstellen eine hilfreiche Unterstützung sein. Über die Materialbörse des Instituts für Sexualpädagogik können Bilderbücher und andere Materialien zur sexuellen Bildungsarbeit recherchiert werden (Institut für Sexualpädagogik 2024). Eng verknüpft mit der sprachlichen Entwicklung ist die sozial-emotionale Entwicklung der Kinder, deren Zusammenwirken mit sexueller Bildung im folgenden Abschnitt beschrieben wird. Sexuelle Bildung im Zusammenwirken mit sozial-emotionaler Förderung Die enge Verknüpfung zwischen sprachlicher Entwicklung und sozial-emotionaler Entwicklung wird z. B. beim Ausdrücken und Verstehen von Gefühlen und Bedürfnissen oder beim Beachten von Regeln offenbar (Hintermair et al. 2016). Die genannten Beispiele wiederum sind Themen, die in der Begleitung der psychosexuellen Entwicklung der Kinder, der sexuellen Bildung, aufgegriffen werden (Maywald 2022). Kinder in der Kita darin zu begleiten, ihre Emotionen bewusst wahrzunehmen, (sprachlich) auszudrücken und zu verstehen, ist Teil der sexuellen Bildung. Im Zuge von Körpererkundungs- und Rollenspielen kann mit Kindern reflektiert werden, welche Berührung sich für sie angenehm, schön oder komisch angefühlt hat. Um Gefühle möglichst spezifisch und differenziert ausdrücken und verstehen zu können, eignen sich Materialien zur visuellen Unterstützung wie „Ein Dino zeigt Gefühle“ (Manske und Löffel 1996) oder der „Gefühleflip - Biber Bib lernt Gebärden“ (Mebes und Urbann 2017). Im Zuge des Aushandelns von (Körper-)Grenzen, Bedürfnissen, Wünschen und Gefühlen in alltäglichen Situationen kann sprachliche und auch sozial-emotionale Förderung integriert werden. Diese beginnt mit dem sprachlichen Äußern von Grenzen durch die pädagogischen Fachkräfte: „Ich möchte gerade nicht, dass du auf meinem Schoß sitzt. Du kannst dich gerne auf einen Stuhl nah neben mich setzen.“ Anknüpfend daran können allgemeingültige Verhaltensregeln abgeleitet und besprochen werden (z. B.„Wenn eine Person etwas nicht möchte und Nein sagt, gilt das. Die andere Person hört darauf und akzeptiert das Nein. Die beiden finden dann eine Lösung, die für beide gut ist. Wie bei uns gerade. Du wolltest auf meinen Schoß. Das wollte ich nicht. Nun sitzen wir nebeneinander. Das finden wir beide schön. Du darfst auch Nein zu einem anderen Kind sagen, wenn du etwas nicht möchtest. Das andere Kind muss dann aufhören.“). Klare Regeln sind auch wichtig für Körpererkundungsspiele unter Kindern, um ihnen in einem geschützten Rahmen das ungezwungene Entdecken ihrer Körper zu ermöglichen (Maywald 2022). Pädagogische Fachkräfte sollten darauf achten, dass (1) die Kinder bei Körpererkundungsspielen ähnlichen Alters sind; (2) Körpererkundungsspiele nur im gegenseitigen Einverständnis durchgeführt werden; (3) keine Gegenstände in Körperöffnungen gesteckt werden; (4) Kindern bekannt ist, dass sie bei Missachtung einer Regel pädagogischen Fachkräften Bescheid geben können und dürfen. Die vier genannten Aspekte werden im Buch „Sina und Tim“ kindgerecht in einfachen Sätzen formuliert aufgegriffen und durch klare Bilder illustriert (Enders et al. 2019). „Tipps für Mütter und Väter, Pädagoginnen und Aus der Praxis 158 FI 3/ 2024 Pädagogen“ zum Umgang mit „Doktorspielen oder sexuellen Übergriffen“ stellt die Fachberatungsstelle Zartbitter Köln auf der Webseite www.sichere-orte-schaffen.de in zwölf Sprachen übersetzt zur Verfügung. Eine feinfühlige Kommunikation von klaren Grenzsetzungen ist auch im Umgang mit Masturbation in der Kita notwendig. Einerseits sollte dem Kind vermittelt werden, dass Selbststimulation etwas Schönes ist. Andererseits muss das Kind lernen, dass Masturbation in Gegenwart anderer Menschen Befremden auslösen und Schamgrenzen verletzen kann. Dies sollten die pädagogischen Fachkräfte ansprechen und dem Kind deutlich machen, dass es zu diesem Zweck - ähnlich wie bei anderen intimen Verrichtungen - einen vor den Blicken anderer Menschen abgeschirmten Ort aufsuchen soll, auch zu seinem eigenen Schutz: „Ich habe das Gefühl, dass es für dich sehr angenehm ist, wenn du deine Vulva streichelst. Das ist schön. Deine Vulva kannst du gerne streicheln, wenn du allein bist.“ Sexuelle Bildungsarbeit geht mit einer positiven und verantwortungsvollen Haltung gegenüber Sexualität einher und bildet die Basis für die präventive Arbeit zum Schutz vor sexualisierter Gewalt (Lißeck und Urbann 2017). Denn nur auf der Folie dessen, was ein Kind will, kann es das, was es nicht will, einordnen. Somit gilt sexuelle Bildung - im Zusammenwirken mit sprachlicher und sozial-emotionaler Förderung - als ein zentraler ‚Schutzfaktor’ vor sexualisierter Gewalt. Auf die Prävention sexualisierter Gewalt als ein Teil ganzheitlicher Sexualpädagogik wird im folgenden Abschnitt eingegangen. Sexuelle Bildung im Zusammenwirken mit der Prävention sexualisierter Gewalt Sexualisierte Gewalt umfasst ‚Hands-on-Taten‘ und ‚Hands-off-Taten‘. ‚Hands-on-Taten‘ schließen zum einen Handlungen mit direktem und eindeutig als sexuell identifizierbarem Körperkontakt zwischen betroffener Person und Täter: in ein. Zum anderen werden darunter auch penetrative Formen des Körperkontaktes wie (versuchtes) Eindringen mit Körperteilen oder Gegenständen in Genitalien, Mund oder Anus gefasst. Unter ‚Hands-off-Taten‘ werden sexuelle Handlungen mit indirektem oder ohne Körperkontakt verstanden, z. B. Übergriffe im digitalen Raum oder die Nötigung, sexuelle Handlungen an sich selbst vorzunehmen (Amann 2023, Jud 2015). ‚Hands- On-Taten‘ und ‚Hands-Off-Taten‘ können sowohl sexualisierte Handlungen sein, zu denen ein Kind gegen seinen Willen gezwungen wird, als auch solche, denen ein Kind aufgrund mangelnder kognitiver, sprachlicher, physischer und psychischer Fähigkeiten (noch) nicht zustimmen kann (ebd.). Aus dieser Definition wird ersichtlich, dass präventive Ansätze, die sich ausschließlich an Kinder richten, nicht ausreichen können, um sie vor sexualisierter Gewalt zu bewahren. Vielmehr stehen erwachsene Personen in der Verantwortung, Kinder vor sexualisierten Gewalttaten zu schützen. Aus diesem Grund werden neben der Beschreibung von kindzentrierten Präventionsinhalten Aufgaben der pädagogischen Fachkräfte in der Kita ergänzend dargestellt. Einige der im vorherigen Abschnitt genannten Beispiele enthalten bereits Aspekte, die nicht nur der sexuellen Bildung, sondern auch der Prävention sexualisierter Gewalt zugeordnet werden können (z. B. die Themen Körper oder das Kommunizieren von Grenzen als klassische Bausteine von Präventionsprogrammen; Lißeck und Urbann 2017). Der enge Zusammenhang zwischen sexueller Bildung und der Prävention sexualisierter Gewalt wird auch im Kontext von Körpererkundungsspielen deutlich. Diese sollten in einem angemessenen Maße beaufsichtigt werden, um eine ausgewogene Balance zwischen dem Recht der Kinder auf Intimität und der Achtung ihrer Privatsphäre einerseits und ihrem Anspruch auf Schutz vor Übergriffen andererseits zu finden. Ein sogenannter ‚Snoezelraum‘ könnte den Rückzugs- und Erholungsbedürf- Aus der Praxis 159 FI 3/ 2024 nissen der Kinder Rechnung tragen und gleichzeitig ein notwendiges Maß an Transparenz und Aufsicht erlauben. Wie zuvor beschrieben, sollten Regeln für Körpererkundungsspiele kommuniziert werden. Manchmal halten sich Kinder im Rahmen von Körpererkundungsspielen nicht an die Regeln und es kommt zu sexuellen oder anderen körperlichen Übergriffen. Nicht in jedem Fall geschieht dies absichtsvoll. So kann es vorkommen, dass ein Kind im Eifer des Spiels ein anderes Kind zu sehr kitzelt und ihm weh tut. Meistens bemerken die Kinder solche Grenzverletzungen, die aus Naivität oder im Überschwang entstehen, schnell, und unterbrechen ihr Spiel. In anderen Fällen benötigen die beteiligten Kinder dabei die Unterstützung einer pädagogischen Fachkraft, um die Grenzüberschreitungen aufzuarbeiten und ggf. die gesteckten Grenzen im weiteren Spiel einzuhalten (Maywald 2022). Bilderbücher wie „Kein Küsschen auf Kommando“ und „Kein Anfassen auf Kommando“ (2019) von Marion Mebes erklären das Setzen von Grenzen und Neinsagen anschaulich und kindgerecht. Wenn Grenzverletzungen durch Kinder mit Absicht, gezielt und/ oder wiederholt stattfinden, wird von sexuellen Übergriffen gesprochen (Maywald 2022). Kinder sollten nicht nur ihr Recht auf Neinsagen kennen, sondern auch wissen, wo bzw. bei wem sie sich Hilfe holen können, wenn sie von sexualisierter Gewalt oder sexuellen Übergriffen betroffen sind, und wie sie ihr Hilfegesuch ausdrücken können. An dieser Stelle wird einmal mehr die Wichtigkeit einer stabilen gemeinsamen sprachlichen Basis deutlich (Goppelt-Kunkel et al. 2022). Denn nur so ist das Mitteilen (seitens der Kinder) und Verstehen (seitens der pädagogischen Fachkräfte) von Hilfegesuchen möglich. Sich Hilfe zu holen ist nicht nur für Kinder ein Recht, sondern auch für pädagogische Fachkräfte eine wichtige Aufgabe. Sexuelle Übergriffe unter Kindern sowie andere Formen sexualisierter Gewalt durch Erwachsene erfordern ein fachlich kompetentes Eingreifen der pädagogischen Fachkräfte. Wenn gewichtige Anzeichen für sexualisierte Gewalt vorliegen, ist es gemäß § 8 a Absatz 4 SGB VIII Aufgabe der Kita, eine Gefährdungseinschätzung vorzunehmen und dabei eine insoweit (hinsichtlich Kindeswohlgefährdung) erfahrene Fachkraft beratend hinzuzuziehen. Darüber hinaus bieten Fachberatungsstellen auch Hilfe und Begleitung an - sei es vor Ort oder über das Hilfetelefon. Kontaktmöglichkeiten und weitere Informationen zum Umgang mit sexualisierter Gewalt können unter www.hilfe-portal-missbrauch.de eingesehen werden. Der Ablauf des Hilfe Holens sollte in einem ganzheitlichen sexualpädagogischen Konzept der Kita verankert sein, um allen Beteiligten Sicherheit zu schenken (Maywald 2022). Neben den Themen ‚Körper‘, ‚Grenzen‘ und ‚Hilfe holen‘ beinhalten Präventionsprogramme in der Regel auch die Differenzierung zwischen guten und schlechten Geheimnissen sowie den Umgang mit diesen sowie das Thema ‚Gefühle‘. Alle genannten Themen klassischer Präventionsarbeit werden für den Kita-Kontext im Bilderbuch „ECHTE SCHÄTZE! “ des PETZE-Instituts für Gewaltprävention (2016) aufgegriffen. Vertiefende Hintergründe zum Thema sexualisierte Gewalt im Kontext Taubheit/ Schwerhörigkeit sowie weiterführende Implikationen für die Praxis sind u. a. in den Veröffentlichungen von Urbann et al. (2015, 2022) sowie Urbann und Avemarie (2021) aufgeführt. Relevanz eines ganzheitlichen sexualpädagogischen Konzepts Die beschriebenen Aspekte sollten in einem ganzheitlichen sexualpädagogischen Konzept der Kita, in dem ein Gewaltschutzkonzept integriert ist, verankert sein. Folgende Bausteine eignen sich als Elemente eines solchen Konzepts: ◾ Die psychosexuelle Entwicklung wird als Bestandteil der Gesamtentwicklung jedes Kindes anerkannt und professionell begleitet; Aus der Praxis 160 FI 3/ 2024 ◾ Die pädagogischen Fachkräfte verständigen sich auf eine professionelle, klare Sprache hinsichtlich kindlicher Sexualität; ◾ Sexualität wird als Bildungsthema in der Kita berücksichtigt. Fragen der Kinder werden altersgerecht beantwortet; ◾ In der Einrichtung gelten kindgerechte Regeln für den Schutz der Privatsphäre jedes Kindes und für den Umgang mit Körpererkundungsspielen und Masturbation; ◾ Die pädagogischen Fachkräfte und Kinder kennen ihre Rechte und Möglichkeiten zum Hilfe holen. Kitas, die sich einer sexualfreundlichen und zugleich die Kinder schützenden (sexuellen) Bildung verpflichten und diese im Alltag umsetzen, erreichen dadurch mehrere Ziele. Sie greifen wichtige Bildungsthemen der Kinder auf und pflegen einen angemessenen und Grenzen wahrenden Umgang mit den unterschiedlichen Ausdrucksformen kindlicher Sexualität. In einer körper- und gefühlsfreundlichen Kita lernen Kinder, dass sie sich selbst mit ihrem Körper wahrnehmen und akzeptieren sowie Freude, Wonnegefühl und Lust empfinden können. Sie lernen Nein zu sagen, sich abzugrenzen und persönliche Schamgrenzen anderer zu respektieren. In diesem Rahmen lassen sich sprachliche sowie sozial-emotionale Kompetenzen gewinnbringend fördern. Prof. Dr. Jörg Maywald Fachhochschule Potsdam Kiepenheuerallee 5 14469 Potsdam E-Mail: joerg.maywald@fh-potsdam.de Dr.in Katharina Urbann Humboldt-Universität zu Berlin Abteilung Gebärdensprach- und Audiopädagogik Unter den Linden 6 10099 Berlin E-Mail: katharina.urbann@hu-berlin.de Literatur Amann, G. (2023): Sexueller Missbrauch an Kindern. Grundlagen, Therapie und Prävention. 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