eJournals Frühförderung interdisziplinär44/1

Frühförderung interdisziplinär
1
0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2025.art05d
1_044_2025_1/1_044_2025_1.pdf11
2025
441

Rezension: Dr. Veronika Wolter mit Mario Weidemann: "Ich höre dich"

11
2025
Stephanie Kirchhof
Bereits der Untertitel des Buches enthält einen Hinweis auf Frau Wolters beruflichen Werdegang und ihre Energie, viele Hürden zu überwinden: „Wie ich als ertaubte Oberärztin Hörgeschädigten und Gehörlosen wieder zum Hören verhelfe.“ Frau Wolter ist die erste gehörlose Chefärztin, sicherlich in Deutschland, vielleicht sogar weltweit. In ihrem Buch „Ich kann dich hören“ erzählt sie, unterstützt durch den Autor Mario Weidemann, von ihrer Lebensgeschichte und ihrem beruflichen Werdegang. Das Buch beginnt mit ihrer Schilderung, nach 20 Jahren wieder hören zu können und wie ihre Entscheidung zu einer Cochlea Implantation (CI) ihr Leben veränderte. Aus „hören können“ wird vielmehr ein „dazugehören“. Wie schwer dieser Satz wiegt, wird in den darauffolgenden Kapiteln verständlich.
1_044_2025_1_0006
46 FI 1/ 2025 REZENSION Dr. Veronika Wolter mit Mario Weidemann „Ich höre dich“ 2023, München, Riva Verlag, 206 S., € 17,- Bereits der Untertitel des Buches enthält einen Hinweis auf Frau Wolters beruflichen Werdegang und ihre Energie, viele Hürden zu überwinden: „Wie ich als ertaubte Oberärztin Hörgeschädigten und Gehörlosen wieder zum Hören verhelfe.“ Frau Wolter ist die erste gehörlose Chefärztin, sicherlich in Deutschland, vielleicht sogar weltweit. In ihrem Buch „Ich kann dich hören“ erzählt sie, unterstützt durch den Autor Mario Weidemann, von ihrer Lebensgeschichte und ihrem beruflichen Werdegang. Das Buch beginnt mit ihrer Schilderung, nach 20 Jahren wieder hören zu können und wie ihre Entscheidung zu einer Cochlea Implantation (CI) ihr Leben veränderte. Aus „hören können“ wird vielmehr ein „dazugehören“. Wie schwer dieser Satz wiegt, wird in den darauffolgenden Kapiteln verständlich. Chronologisch aufgebaut führt sie durch ihre Kindheit und die folgenschwere Hirnhautentzündung, die sie im Alter von 9 Jahren erlitten hat. Eine vom Arzt nicht ernst genommene Erkrankung, zu späte und dann falsche Medikation verursachen einen unwiderruflichen Schaden am Innenohr. Die Hörtechnik kann diesen Verlust nicht ausgleichen und mit wenig Beratung und Unterstützung scheint sie mit dieser Situation auf sich allein gestellt. Es ist nicht immer leicht zu lesen, wie sie sich fortan durch die Schule, Abitur, Studium und berufliche Anfänge kämpft. Immer wieder erfährt sie Ausgrenzung, Mobbing und Widerstand. Stets sind ihre Energie und ihr Leistungswille zu spüren. Aufgeben? Keine Option. Um so mehr erfreut es beim Lesen, wenn sie auf einzelne Unterstützer trifft, die sie privat oder beruflich unterstützen. Als Frühpädagogin an einer interdisziplinären Frühförderstelle für hörgeschädigte Kinder in München habe ich mir beim Lesen dieses Buches mehrmals gewünscht, diese Familie hätte die Möglichkeit gehabt, beraten und unterstützt zu werden. Neben all den Hürden, die es leider immer noch für Menschen mit Hörbehinderung gibt, hat sich - hoffentlich - doch einiges getan. Wem würde ich dieses Buch empfehlen? Eltern in der Frühförderung würde ich es weniger ans Herz legen. Zu intensiv wird der Ableismus beschrieben, der Frau Wolter widerfährt. Zu wenig werden konkrete Hilfen und Beratungsstellen erwähnt. Die Lektüre könnte Ängste bei betroffenen Familien schüren. Ich kann mir jedoch gut vorstellen, dass Erwachsene mit einer Hörbehinderung, die selbst vor der Entscheidung stehen, ob sie ein CI möchten, von diesem Buch und der Lebensgeschichte profitieren können. Die Entscheidung, ein mögliches Restgehör zugunsten eines „elektronischen“ Hörens à la CI aufzugeben ist nicht leicht. Auch Frau Wolter fiel sie nicht leicht und sie nimmt uns mit auf ihren Weg. Auch für interessierte Hörende kann dieses Buch spannend sein, um ein wenig in die Welt von Menschen mit einer Hörbehinderung zu blicken und ein Gefühl für deren tägliche Herausforderungen, Höranstrengungen und Hürden zu bekommen. Stephanie Kirchhof DOI 10.2378/ fi2025.art05d