eJournals Frühförderung interdisziplinär44/2

Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2025.art07d
1_044_2025_2/1_044_2025_2.pdf41
2025
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Originalarbeit: Moderne Frühförderung - Ohne Digitalität undenkbar?

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2025
Marianne Irmler
Britta Dawal
Während die Digitalisierung in allen Lebensbereichen an Präsenz gewinnt, mangelt es in Deutschland an einer wissenschaftlich begleiteten Auseinandersetzung mit den Herausforderungen und Chancen einer digital unterstützten Praxis in der Frühförderung. Die Ergebnisse einer Online-Befragung von 323 Frühförderfachkräften zum Einsatz digitaler Tools in der Frühförderung zeigen, dass diese vorrangig zur Kommunikation (interdisziplinär und mit ihrer Klientel) sowie für Beratungszwecke eingesetzt werden. Im Vergleich mit internationalen Entwicklungen der Digitalität in der Unterstützung von Familien mit einem Kind mit (drohender) Behinderung zeigt sich, dass die Digitalität der Frühförderung in Deutschland noch wenig entwickelt und hinsichtlich ihrer Wirksamkeit analysiert ist.
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Frühförderung interdisziplinär, 44.-Jg., S.-70 - 82 (2025) DOI 10.2378/ fi2025.art07d © Ernst Reinhardt Verlag 70 ORIGINALARBEIT Moderne Frühförderung - Ohne Digitalität undenkbar? Ausgewählte Ergebnisse einer bundesweiten Online-Erhebung Marianne Irmler, Britta Dawal Zusammenfassung: Während die Digitalisierung in allen Lebensbereichen an Präsenz gewinnt, mangelt es in Deutschland an einer wissenschaftlich begleiteten Auseinandersetzung mit den Herausforderungen und Chancen einer digital unterstützten Praxis in der Frühförderung. Die Ergebnisse einer Online-Befragung von 323 Frühförderfachkräften zum Einsatz digitaler Tools in der Frühförderung zeigen, dass diese vorrangig zur Kommunikation (interdisziplinär und mit ihrer Klientel) sowie für Beratungszwecke eingesetzt werden. Im Vergleich mit internationalen Entwicklungen der Digitalität in der Unterstützung von Familien mit einem Kind mit (drohender) Behinderung zeigt sich, dass die Digitalität der Frühförderung in Deutschland noch wenig entwickelt und hinsichtlich ihrer Wirksamkeit analysiert ist. Schlüsselwörter: Frühförderung, Digitalität, Digitalisierung, Online-Befragung Modern Early Childhood Intervention - unimaginable without digitality? Selected results of a nationwide online survey Summary: Whilst digitality is gaining importance in all areas of life, there is a lack of scientifically-underpinned research into the challenges and opportunities of digitally-supported practices in Early Childhood Intervention (ECI) in Germany. The results of an online survey of 323 early intervention professionals on the use of digital tools in ECI show that these are primarily used for communication purposes (both interdisciplinary and with clients) as well as for counselling purposes. Compared to international developments in the digitality of support for families with a child with a (potential) disability, it is evident that the digitality of ECI in Germany is still underdeveloped and has not been analysed in terms of its effectiveness. Keywords: Early Childhood Intervention, digitality, digitalisation, online survey Digitalität im Kontext der Frühförderung F rühförderung versteht sich nicht erst seit Einführung der ICF (International Classification of functioning, disability and health 2001) als ein Angebot, welches Umweltfaktoren in ihrer Gänze und Vielfalt berücksichtigt. Grundlegende Prinzipien der Frühförderung wie Familienorientierung, Interdisziplinarität, Vernetzung, Niedrigschwelligkeit und Lebensweltorientierung stellen seit der ersten systematischen Konzeptionierung von Frühförderung durch den Deutschen Bildungsrat 1973 eine wesentliche Basis der praktischen Arbeit dar (Thurmair und Naggl 2010). Zumindest die Interdisziplinarität ist als eines dieser Prinzipien auch bereits seit 2001 gesetzlich verankert (Sozialgesetzbuch [SGB] IX § 46, Absatz [3]). Interdisziplinäres Arbeiten umfasst unter anderem, verschiedene fachliche Perspektiven und Disziplinen fallbezogen zu vereinen, um abgestimmtes Handeln zu ermöglichen. Sarimski (2017) erweitert dieses Prinzip der Interdisziplinarität begrifflich und bezeichnet es als interdisziplinäre Kooperation und Teamorientierung. Betont wird hierbei, dass die Interdisziplinarität sowohl innerhalb des eigenen Teams als auch mit externen Fachpersonen gestaltet werden kann. Verbunden mit diesem erweiterten Ver- 71 FI 2/ 2025 Moderne Frühförderung ohne Digitalität undenkbar? ständnis von Interdisziplinarität ist die Vernetzung als Arbeitsprinzip der Frühförderung zu sehen. Unter dem Prinzip der Vernetzung beschreiben Thurmair und Naggl (2010, 32) „die Einbettung von Frühförderung in umgebende Systeme“, d. h. es geht um außerinstitutionelle Kooperation und Außenkontakte. Hierfür müssen Ressourcen (personell, zeitlich, finanziell) innerhalb der Frühförderung aufgebracht werden. Familien- und Lebensweltorientierung innerhalb der Frühförderung werden von Peterander und Weiß (2017, 34) als Arbeitsprinzip hervorgehoben: „Der Familienorientierung in der Interdisziplinären Frühförderung kommt ein herausragender Stellenwert zu. Sie ist eine entscheidende Komponente einer erfolgreichen, d. h. nachhaltig wirksamen Frühförderung mit dem Ziel, zu einer entwicklungsförderlichen familiären Lebenswelt beizutragen“. Diese entscheidende Rolle wird deutlich, wenn Studien zur Relevanz der häuslichen Umgebung und der Beziehungsgestaltung zwischen Eltern und Kind für die kindliche Entwicklung betrachtet werden. Die Sensitivität der Eltern und eine qualitativ hochwertige Gestaltung der kindlichen Umgebung zu Hause erweisen sich demnach als wesentlich bedeutsamer für die frühkindliche Entwicklung als Aspekte einer außerfamiliären Betreuung und damit auch einer außerfamiliären Förderung (Tietze et al. 2013). Die Zielgruppe der Frühförderung - die Kinder und ihre Familien - werden auch als „neue digitale“ Generation beschrieben (Livingstone et al. 2017). Die Nutzung digitaler Endgeräte wie Smartphones und Tablets, aber auch die Nutzung digitaler sozialer Netzwerke hat die Art und Weise verändert, wie Familien miteinander kommunizieren. Laut Livingstone et al. (2017) nutzen Familien digitale Medien zunehmend für die Kommunikation untereinander, sei es über Messaging-Apps oder Videoanrufe. Häusliche Umgebung und auch die Eltern-Kind-Interaktionen haben sich in den letzten zehn bis zwanzig Jahren maßgeblich durch die Digitalisierung verändert (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMSFJ) 2016). Auch von bundespolitischer Seite werden Modelle entworfen, wie Familie und Digitalität in Einklang miteinander gebracht werden können und möglicherweise das System Familie von der Digitalisierung profitieren könnte (BMFSFJ 2016). Wie kann und muss sich Frühförderung nun verändern, um den Prinzipien der Familien- und Lebensweltorientierung weiterhin zu entsprechen, wenn sich die Lebenswelten der beeinträchtigten Kinder und ihrer Familien wandeln? Kinder sind zunehmend bereits im frühen Kindesalter in Fremdbetreuung, Familien meist mit zwei berufstätigen Elternteilen nur noch zu bestimmten Tageszeiten erreichbar. Seit Einführung des Rechtsanspruchs auf eine Kinderbetreuung für Kinder unter drei Jahren 2013 stieg die Betreuungszahl dieser Kinder von 503 900 auf 721 600 Kinder im Jahr 2023. Innerhalb von zehn Jahren hat hier eine Steigerung der Betreuung von 43 % stattgefunden (Statistisches Bundesamt 2024). Fachkräfte der Frühförderung sind zunehmend damit beauftragt, Vernetzungsarbeit zu leisten, nicht nur zwischen unterschiedlichen Therapeut: innen, Pädagog: innen und den Elternteilen, sondern auch zwischen entsprechenden Betreuungs- oder zukünftigen Bildungseinrichtungen (Simon und Kühl 2023). In vielen anderen Bereichen aus dem Gesundheitssektor oder dem Sozialen Sektor, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen, stellt Digitalität mit allen ihren Anwendungsmöglichkeiten in diesem Zusammenhang ein Instrument dar, welches zur Unterstützung eines niedrigschwelligen und lebensweltorientierten Angebots dienen kann (z. B. Darkins und Cary 2000, Arigo et al. 2019, Bobert-Stützel 2002, Aßmann und Ricken 2023). Digitalität kennzeichnet nach Aßmann und Ricken (2023) 72 FI 2/ 2025 Marianne Irmler, Britta Dawal eine Struktur, die durch digitale Techniken und Praktiken begründet wird. Digital health als eine auf einen spezifischen Bereich bezogene Digitalität wird in diesem Zusammenhang als ein Konstrukt verstanden, durch das auf Basis eines sinnvollen Einsatzes von Technologien, wie z. B. der intelligenten Verarbeitung von Datenmaterial, die Gesundheit und das Wohlbefinden von Menschen und die Versorgung von Klient: innen verbessert werden (Fatehi et al. 2020, 71). Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass der Dynamik und Anwendung von digital health die Möglichkeit innewohnt, die Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, indem Dienstleistungen im Kontext von Gesundheit und Wohlbefinden mit hohem Standard für alle Menschen weltweit verfügbar gemacht werden können (WHO 2020). Angesichts dieser Einschätzung erscheint es erschreckend, dass in der Frühförderung Deutschlands Digitalität weiterhin ein Nischenthema präsentiert, welches äußerst kontrovers diskutiert wird (Irmler und Dawal 2023). In diesem Zusammenhang ist besonders hervorzuheben, dass im Gegensatz zu anderen Staaten in Deutschland weder aktuelle Studien zum Einsatz digitaler Unterstützungssysteme in der Frühförderung existieren noch eine tatsächliche Expertise bzgl. Digitalität in der Profession oder gar in Curricula der entsprechenden Studiengänge zu erkennen ist (Irmler und Dawal 2023). Die Anzahl an Publikationen im internationalen Bereich im Kontext Digitalität und Frühförderung im weitesten Sinne hat hingegen in den letzten zehn Jahren exponentiell zugenommen. Insbesondere eine Vielzahl an Studien zu Interventionsprogrammen, die sich der Frühförderung zuordnen lassen und in denen Digitalität ein wesentlicher Faktor ist, sind international publiziert worden. Exemplarisch seien an dieser Stelle folgende erwähnt: Aguilar et al. (2018) konnten die Wirksamkeit eines webbasierten Trainings für Eltern von dreibis neunjährigen Kindern mit Schädelhirntrauma zur Förderung der exekutiven Funktionen nachweisen. Cimino et al. (2022) beschreiben die Wirksamkeit einer Online-Intervention bei 24-Monate alten Kindern mit Essproblematik. Ergänzende Befunde sind hier, dass die Qualität der Mutter-Kind-Interaktion gesteigert werden konnte und zudem psychopathologische Symptome der Mütter reduziert werden konnten (u. a. Ängstlichkeit und Depression). Fleming et al. (2021) untersuchten die Wirksamkeit eines Online-Training-Programms zur Eltern-Kind- Interaktion für Eltern von Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten. Die Kinder waren in einem Alter von eineinhalb bis vier Jahren. Es zeigten sich signifikante Verbesserungen der kindlichen Verhaltensauffälligkeiten sowie der Eltern- Kind-Interaktion. Eltern berichteten eine hohe Zufriedenheit mit der Intervention. Parallel finden sich zunehmend Publikationen, in denen Lösungen für mobile Kommunikationswege verdeutlicht werden (z. B. Augustin et al. 2023, Bharat et al. 2023, Sardohan-Yıldırım und Vezne 2022), ebenso wie Veröffentlichungen, in denen digitale Unterstützungssysteme für eine frühzeitige Diagnostik bei Kindern vorgestellt werden (z. B. Loftness et al. 2023, Mukherjee et al. 2024). Weitere Publikationen finden sich im Kontext von Prävention kindlicher Entwicklungsbeeinträchtigungen (z. B. Alam et al. 2023, Crouse et al. 2023). Auch an dieser Stelle werden einzelne Studien und ihre Ergebnisse exemplarisch kurz erläutert. Alam et al. (2023) untersuchten in Ländern des globalen Südens den Einsatz digitaler Anwendungen zur Stärkung elterlicher Kompetenzen und Information über entwicklungsrelevante Themen, um die Entwicklung von Kindern in Risikolagen zu fördern. Im Fokus stand hierbei ein niedrigschwelliges Erreichen von Familien in Risikolagen bei gleichzeitiger Berücksichtigung des jeweiligen kulturellen Hintergrundes. Im Rahmen eines iterativen Vorgehens wurde hierbei eine kultursensible App gebaut. 73 FI 2/ 2025 Moderne Frühförderung ohne Digitalität undenkbar? Mukherjee et al. (2024) stellten im Rahmen eines systematischen Reviews digitale Tools heraus, die zur frühen Erkennung von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) dienen. Hierbei ist entscheidend, dass die Art der Nutzung der Tools durch die Kinder zur Differenzierung zwischen Kindern mit bzw. ohne ASS dient. Die Autor: innen konnten z. B. sowohl game-basierte Methoden als auch virtual-reality-Plattformen oder automatisierte Videoaufzeichnungen hierzu identifizieren. In weiteren Untersuchungen hierzu sollen die Tools evaluiert werden und deren Generalisierbarkeit überprüft werden. Bharat et al. (2023) untersuchten im Rahmen eines Reviews den Nutzen von mHealth Apps (mobile health Apps), um Eltern von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung im Alltag zu unterstützen. Es stellte sich heraus, dass der Nutzen der Apps durch die Eltern teilweise ähnlich positiv bewertet wurde wie eine persönliche Unterstützung durch Fachpersonen, gleichzeitig jedoch Kosten eingespart werden konnten und die gewünschten Veränderungen beim Kind gefördert werden konnten. Auch die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) befasst sich in einem Dokument von Wyeth et al. (2023) mit dem Einsatz digitaler Technologien zur Unterstützung von Kindern mit Behinderungen. Hierbei wurde anhand eines systematischen Reviews untersucht, welche assistiven Technologien für Kinder mit Behinderung zur Verfügung stehen, sowie anhand spezifischer Fallstudien Beispiele für den Einsatz digitaler Tools präsentiert. Zudem wird im Rahmen dieses Dokuments darauf aufmerksam gemacht, dass es nicht nur die Entwicklung entsprechender Tools braucht, sondern auch eine Aus- und Weiterbildung der jeweiligen Pädagog: innen und Therapeut: innen, die diese gemeinsam mit den Kindern anwenden. Einige der bislang vorliegenden internationalen Studien sind auf hohem Evidenzlevel (randomisierte kontrollierte Studien und systematische Reviews) einzuordnen (z. B. Wyeth et al. 2023, Fleming et al. 2021). Im Vergleich dazu bestehen deutsche Publikationen zu dieser Thematik fast ausschließlich aus Erfahrungsberichten oder nicht repräsentativen Befragungen in einzelnen Einrichtungen (z. B. Reiland und Rittel 2020, Rittel 2021, Irmler et al. 2022). Es kann jedoch nicht davon ausgegangen werden, dass bestehende Befunde aus anderen Ländern ohne Weiteres auf das System der deutschen Frühförderung übertragbar wären (Irmler et al. 2022). Ausgehend von dieser mangelnden Befundlage wurde 2022 eine erste Erhebung zum Thema Digitalität in der Frühförderung Deutschlands mittels Online-Fragebogen durchgeführt. Zielsetzungen dieser Erhebungen bestanden darin, (1) eine Ist-Stand-Erhebung zum Einsatz digitaler Formate in der Frühförderung vorzunehmen, (2) eine Ist-Stand-Erhebung zu erlebten Herausforderungen und Barrieren sowie Vorteilen und Veränderungen durch den Einsatz von digitalen Formaten in der Frühförderung zu realisieren, (3) Einstellungen der Fachkräfte zum Thema Digitalität zu erfassen und (4) erste Hinweise für die Zukunft digitaler Formate in der Frühförderung herausstellen zu können. Zielgruppe dieser Befragung waren Fachkräfte der Frühförderung. Im vorliegenden Beitrag werden ausgehend vom methodischen Design der Studie einzelne Ergebnisse der Fragebogen-Erhebung präsentiert. Ein Schwerpunkt der Ergebnisdarstellung liegt in deren Bedeutung für die wesentlichen Prinzipien der Frühförderung: Lebensweltorientierung, Niedrigschwelligkeit, Familienorientierung, Vernetzung und Interdisziplinarität. Abschließend wird erörtert, welche Implikationen die vorliegenden Ergebnisse für eine moderne Praxis der Frühförderung haben können. 74 FI 2/ 2025 Marianne Irmler, Britta Dawal Methodik Die Studie wurde quantitativ konzipiert, um eine möglichst repräsentative Aussage über den Ist-Stand der Digitalität in der Frühförderung in Deutschland zu erhalten. Die Befragung fand im Zeitraum 30. 8. 2022 bis 11.12. 2022 statt. Die befragten Frühförderfachkräfte waren zu diesem Zeitpunkt demnach bereits in den Phasen der Lockdowns damit konfrontiert gewesen, Alternativen zum direkten Kontakt zu entwickeln. Gleichzeitig war dieser Zeitpunkt in einem solchen zeitlichen Abstand zu den Lockdowns, dass auch wieder persönliche Kontakte möglich waren. Zur Rekrutierung der Teilnehmer: innen wurden alle Frühförderstellen angeschrieben, die Mitglied in der Bundesvereinigung für Interdisziplinäre Frühförderung (VIFF) sind. Dies sind gemäß des Vereins ca. 1000 Mitglieder, jedoch können auch Institutionen Mitglied sein. Die Mitglieder wurden hierbei gebeten, den Link an ihre Kolleg: innen weiterzuleiten, wodurch die tatsächliche Grundgesamtheit derjenigen, die der Fragebogen erreicht hat, nur geschätzt werden kann. Es handelt sich um eine gezielte Samplingstrategie. Aufgrund der Anonymität der Daten kann nicht nachvollzogen werden, ob Personen aus bestimmten Regionen oder aus einzelnen Frühförderstellen besonders stark oder gar nicht vertreten waren. Die kontaktierten Frühförderstellen erhielten über einen Verteiler einen QR-Code und einen Link. Die Umfrage wurde über die Online-Umfragesoftware Unipark (EFS Survey, Tivian 2023) erstellt. Basierend auf dem aktuellen Forschungsstand zur Digitalität und Digitalisierung wurde der Online-Fragebogen inhaltlich entwickelt. Der Online-Fragebogen war strukturiert in eine Einstiegsfrage sowie vier Fragenpakete, die in Abhängigkeit zu den vorherigen Antworten (Filterfragen) zur Beantwortung angezeigt wurden. Das erste Fragenpaket thematisierte u. a. Verfügbarkeit, Nutzung und Sicherheit von digitalen Endgeräten in der Frühförderung. Im zweiten Fragenpaket wurde die Nutzung von Apps thematisiert. Im dritten Fragenpaket wurde die Nutzung digitaler Kommunikation, digitaler Angebote kindspezifischer Förderung sowie digitaler Beratung in der Frühfördertätigkeit erfragt. Der Fragebogen endete mit soziodemografischen Fragen. 1 Das Antwortformat war zum Teil dichotom in Form von Zustimmung oder Ablehnung angelegt. Bei einem Großteil der Fragen gab es eine Antwortauswahl, die durch freie Antworten zusätzlich ergänzt werden konnte. Vier Items waren als Zustimmungsfragen mit einer 5er Ratingskala formuliert worden. Hier ging es inhaltlich um Fragen des potenziellen Einsatzes und Nutzens digitaler Endgeräte und Medien in der Frühförderung, d. h. der Einstellung zu digitaler Frühförderung. Ein Pretest fand im Vorfeld mit drei kürzlich aus dem Dienst ausgetretenen Frühförderfachkräften statt. Der Fragebogen wurde mit diesen in Bezug auf Verständlichkeit und Vollständigkeit analysiert und es wurden entsprechende kleinere Anpassungen vorgenommen. Im Kontext dieses Artikels wird die deskriptive Datenanalyse, die mittels Excel (Microsoft Plus Professional Plus 2019) vorgenommen wurde, dargestellt. Ergebnisse An der Studie nahmen insgesamt 323 Fachkräfte teil. Es zeigt sich eine für die Frühförderung übliche Geschlechterverteilung (93,5 %: weiblich, 6,2 %: männlich, 0,3 %: divers) sowie eine heterogene Altersverteilung. Insgesamt stellten die 41 - 50 Jahre alten Fachkräfte mit 31,3 % die 1 Bei Interesse kann der komplette Fragebogen bei der Erstautorin angefragt werden. 75 FI 2/ 2025 Moderne Frühförderung ohne Digitalität undenkbar? größte Gruppe dar, gefolgt von den 51 - 60-jährigen (25,4 %), den 31 - 40-jährigen (21,7 %) und den kleinsten Gruppen der 20 - 30-jährigen (12,3 %) sowie der über 60-jährigen (9,3 %). Von den Teilnehmenden gaben 266 (82.4 %) an, im pädagogisch-psychologischen Bereich tätig zu sein, 57 (17.6 %) im medizinisch-therapeutischen Bereich. Die Frühförderstellen der Befragten befanden sich zum größten Teil in Kleinstädten (42.1 %), gefolgt von Großstädten (32.8 %) und dem ländlichen Bereich (25.1 %). Die Berufserfahrung der Teilnehmenden lag zwischen ein bis zwei und über 20 Jahren. Über die Hälfte der Befragten gab eine Berufserfahrung von über zehn Jahren an. Die 323 Teilnehmenden gaben eine Vielfalt an Nutzungszwecken digitaler mobiler Endgeräte in der Frühförderung an. Es standen zehn Kategorien zur Verfügung sowie die Zusatzkategorie „Sonstige Zwecke“, wobei eine Mehrfachnennung bei dieser Frage möglich war. Am häufigsten wurde hierbei die Nutzung in der direkten Förderung benannt (n = 297) sowie zur Kommunikation mit Kolleg: innen (n = 269) und Angehörigen (n = 263) (Abb. 1). Neben der direkten Förderung als Nutzungszweck können bei diesen Ergebnissen drei größere Einsatzgruppen beschrieben werden: ( 1 ) Kommunikation (mit Kolleg: innen, Angehörigen), ( 2 ) Organisation und Dokumentation (Planung, Erstellung von Förder- und Behandlungsplänen, Erstellung von Fördermaterial, Video-, Bild- und Tonaufzeichnungen) und (3) Beratung (von Angehörigen, Kolleg: innen, videounterstützte Beratungskonzepte) (Abb. 2). Diese drei großen Bereiche finden sich auch in der Auswahl der Apps bzw. der Software wieder, die von den Teilnehmenden angegeben wurde. Die meisten Software-Lösungen beziehen sich hierbei auf Kommunikationsanwendungen (z. B. ZOOM [36,8 %], WhatsApp [10,2 %], Signal [4,8%]), während einzelne auch für Organisation, Dokumentation und Planung zu nutzen sind (z. B. Microsoft Teams [25,8 %]). Sonstige Zwecke Videounterstützte Beratungskonzepte Beratung Kolleg: innen Beratung Angehörige Video-, Bild- und Tonaufzeichnungen Erstellung Fördermaterial Erstellung Förder- und Behandlungspläne Planung und Dokumentation Kommunikation mit Angehörigen Kommunikation mit Kolleg: innen direkte Förderung Nutzungszwecke mobiler digitaler Endgeräte in der FF 0 50 100 150 200 250 300 350 31 100 119 154 168 186 203 205 263 269 297 Abb. 1: Nutzungszwecke mobiler digitaler Endgeräte in der Frühförderung (Angaben in absoluten Zahlen, Mehrfachnennung möglich), n = 323 76 FI 2/ 2025 Marianne Irmler, Britta Dawal Auch an dieser Stelle wird der Schwerpunkt auf Beratungssettings erneut deutlich. Zusätzlich finden sich unter den Ergebnissen vereinzelt Angaben zur Nutzung von Übersetzungs- Apps, spezifischen Apps für die Unterstützte Kommunikation (z. B. Go talk now), Apps zum Abspielen von Musik (z. B. Spotify) und Apps zur pädagogischen Spielförderung (z. B. Furry Friend). Dies sind jedoch meist Einzelnennungen. Für die Betrachtung aller folgenden Ergebnisse ist insbesondere zu beachten, dass nur 58 % (n = 187) der Teilnehmenden überhaupt über Erfahrungen in der digitalen Kommunikation mit den Frühförderfamilien berichteten. Digitale Kommunikation meint hierbei ausschließlich eine Kommunikation mit der Familie oder den Kindern in der Frühförderung über ein Videokonferenzsystem auf einem digitalen Endgerät. Die meisten derjenigen Personen mit Erfahrung hatten diese im Rahmen von Beratung sammeln können (25 %). Insgesamt berichteten demnach nur 187 der 323 teilnehmenden Fachkräfte über Erfahrungen mit dem Einsatz von Videokonferenzsystemen für die Kommunikation mit den Frühförderfamilien und ihren Kindern (Abb. 2). Bei einer spezifischeren Betrachtung des tatsächlichen Einsatzes digitaler Endgeräte in der direkten Frühförderung zeigt sich, dass hier der Bereich „Beratung“ eine wesentliche Rolle spielt. Von den Teilnehmenden, die über Erfahrungen mit dem Einsatz von Videokonferenzsystemen in der direkten Frühförderung berichteten (n = 106), gaben 30 % an, dass sie digitale Endgeräte in Situationen einsetzen, in denen eine Mischung aus Beratung und direkter Frühförderung am Kind stattfindet. In Erstkontakten, in denen ebenfalls das Gespräch und die Beratung eine zentrale Bedeutung einnehmen, nutzten 17 % der Befragten digitale Endgeräte. In der Diagnostik (5 %) und der Förderung im Rahmen einer Gruppe (2 %) wurden digitale Endgeräte von den Teilnehmenden deutlich seltener eingesetzt. Die meisten befragten Frühförderfachkräfte setzten digitale Endgeräte in der direkten Frühförderung am Kind ein (38 %) (Abb. 3). Abb. 2: Erfahrungen mit dem Einsatz von Videokonferenzsystemen in der Frühförderung oder Beratung (Angaben in absoluten Zahlen und Prozent), n = 323 nn Ja, in der Frühförderung eines Kindes nn Ja, in der Beratung (z. B. von Angehörigen oder von anderen Fachpersonen) nn Ja, sowohl in der Frühförderung eines Kindes als auch in der Beratung nn Nein, ich habe keine Erfahrung darin Erfahrungen der Teilnehmer: innen mit dem Einsatz von Videokonferenzsystemen in der Frühförderung oder Beratung 136; 42 % 81; 25 % 83; 26 % 23; 7 % 77 FI 2/ 2025 Moderne Frühförderung ohne Digitalität undenkbar? Aufgrund der in der Befragung deutlich gewordenen besonderen Stellung von Beratung im Zusammenhang mit der Nutzung digitaler Endgeräte wird im Folgenden ein spezifischer Blick auf die von den Teilnehmenden genannten Beratungsfelder vorgenommen. Hierbei beziehen sich die Angaben auf die Gesamtheit der Teilnehmenden, die über Erfahrungen im Abb. 3: Formen von Frühförderung mit dem Kind, die die Teilnehmer: innen über Videokonferenzsysteme schon einmal durchgeführt haben (Angaben in absoluten Zahlen und Prozent, Mehrfachnennung möglich), n = 106 nn Direkte Frühförderung eines Kindes nn Direkte Frühförderung einer Gruppe von Kindern nn Mischung aus Beratung und Frühförderung eines Kindes nn Erstkontakte nn Diagnostik nn Sonstiges Formen von Frühförderung mit dem Kind, die die Teilnehmer: innen über Videokonferenzsysteme schon einmal durchgeführt haben 61; 31 % 4; 2 % 73; 37 % 35; 18 % 11; 5 % 15; 7 % nn Inhaltlich fachliche Beratung (z. B. zur Bezugspersonen-Kind-Interaktion) nn Organisatorische Beratung (z. B. Planung von Terminen, Koordination der Therapien) nn Psychologische Beratung der Angehörigen nn Runde Tische nn Beratung von weiteren Fachpersonen (z. B. Erzieher: innen) nn Beratung mit Nutzung videounterstützter Konzepte (z. B. Marte Meo Konzept, VHT, VIB, Entwicklungspsychologische Beratung) Formen von Beratung, die die Teilnehmer: innen über digitale Medien durchführen 39; 11 % 60; 18 % 48; 14 % 80; 23 % 93; 27 % 23; 7 % Abb. 4: Formen von Beratung, die die Teilnehmer: innen über Videokonferenzsysteme geführt haben (Angaben in absoluten Zahlen und Prozent, Mehrfachnennung möglich), n = 164 78 FI 2/ 2025 Marianne Irmler, Britta Dawal Einsatz von Videokonferenzsystemen in der Beratung berichteten (n = 164). Es wird deutlich, dass sowohl die inhaltlich fachliche Beratung (z. B. zur Bezugsperson-Kind-Interaktion) (23 %) sowie die organisatorische Beratung (z. B. zur Planung von Terminen) (27 %) bereits die Hälfte aller Beratungssettings einnehmen, die von den teilnehmenden Fachkräften genannt wurden. Den geringsten Anteil macht die psychologische Beratung von Angehörigen (7 %) aus, während die Beratung von weiteren Fachpersonen (18 %), Runde Tische (14 %) und die Beratung mit Nutzung videogestützter Konzept (wie z. B. Marte Meo) (11 %) alle weiteren Beratungssettings beinhalten (Abb. 4). Neben der Nutzung spezifischer Software und dem konkreten Einsatz wurden zusätzlich die Einstellungen aller Teilnehmenden (n = 323) zu einer Frühförderung über digitale Medien erfragt. Es zeigte sich hierbei, dass mehr als die Hälfte aller Befragten (1) Frühförderung über digitale Medien als klientenzentrierte Methode betrachtet (67 %) (2) diese als festen Bestandteil einer zukunftsfähigen Frühförderung ansehen (67 %) und (3) als dauerhafte Möglichkeit zur Unterstützung ihrer Arbeit anerkennen (70 %) (Abb. 5). 38 % der Befragten schätzen den Einsatz digitaler Medien lediglich als Übergangslösung (bezogen auf die pandemische Situation) für die Frühförderung ein (Abb. 5). Diskussion An der Online-Befragung nahmen insgesamt 323 Fachkräfte teil. Die Ergebnisse spiegeln demnach nicht die Situation und Einstellungen in allen Frühförderstellen Deutschlands wider und sind somit nicht als generalisierbar anzusehen. Zudem ist davon auszugehen, dass insbesondere Personen teilgenommen haben, die sich für den digitalen Wandel interessieren oder möglicherweise positive Erfahrungen während der Corona-Pandemie gemacht haben. Dennoch können die Ergebnisse einige Hinweise für wesentliche zukünftige Forschungsfelder der Frühförderung geben und als Ausgangslage für entsprechend fachlich notwendige Diskussionen in Bezug auf die Weiterentwicklung des Systems Frühförderung dienen. So zeigt sich in den Ergebnissen z. B., dass digitale Einstellungen von Fachkräften zum Einsatz digitaler Medien in der Frühförderung Ich betrachte Frühförderung/ Beratung über digitale Medien als eine klientenorientierte Methode der Frühförderung. Ich betrachte Frühförderung/ Beratung über digitale Medien als festen Bestandteil einer zukunftsfähigen Frühförderung. Ich betrachte Frühförderung/ Beratung über digitale Medien als dauerhafte Möglichkeit zur Unterstützung meiner Arbeit. Ich betrachte Frühförderung/ Beratung über digitale Medien nur als Übergangslösung. n stimme überhaupt nicht zu n stimme nicht zu n stimme weder zu noch lehne ab n stimme zu n stimme voll und ganz zu 6 % 11 % 26 % 47 % 10 % 4 % 13 % 16 % 52 % 15 % 5 % 11 % 14 % 51 % 19 % 11 % 31 % 20 % 28 % 10 % Abb. 5: Einstellungen von Fachkräften zum Einsatz digitaler Medien in der Frühförderung (Angaben in Prozent), n = 323 79 FI 2/ 2025 Moderne Frühförderung ohne Digitalität undenkbar? Endgeräte bereits vielfältig von Fachkräften eingesetzt werden. Ein systematischer und zielorientierter Einsatz benötigt jedoch theoriegestützte Kenntnisse über den Nutzen und die Wirksamkeit von digitalen Tools. Beispielsweise weisen die Ergebnisse darauf hin, dass die befragten Fachkräfte vielfältige Apps (in erster Linie zur Kommunikation) einsetzen, eher selten jedoch fachspezifische Apps zum Einsatz kommen (z. B. Apps für Diagnostik oder Wissensvermittlung). Hierzu besteht eindeutig noch Forschungs- und Ausbildungsbedarf im Kontext der Frühförderung. In Anbetracht der Ergebnisse ist davon auszugehen, dass Frühförderfachkräfte digitale Tools in erster Linie zur Kommunikation (interdisziplinär und mit ihrer Klientel) sowie für Beratungszwecke einsetzen (s. o.). Damit birgt der Einsatz digitaler Tools eine wesentliche Chance angesichts des Wandels im System Frühförderung. Wie eingangs beschrieben stehen Fachkräfte zunehmend vor der Herausforderung, Familien in Zeiten früher Fremdbetreuung und doppelter Berufstätigkeit weiterhin klientengerecht zu erreichen, zu informieren und über Inhalte und Ziele der Frühförderung laufend aufgeklärt zu halten bzw. in die Förderung einzubinden. Gerade diese Herausforderungslücke könnte durch einen systematischen, datenschutzkonformen und zielgerechten Einsatz digitaler Tools geschlossen werden. Dies macht sowohl die Familien als auch die Fachpersonen zeitlich flexibler und unabhängig von Beratungsorten. Durch Video- oder Online-Beratungen können Eltern direkt mit Fachleuten kommunizieren, ohne lange Anfahrtswege oder Wartezeiten in Kauf nehmen zu müssen (Vismara et al. 2016). Dies kann insbesondere in ländlichen Gebieten oder bei eingeschränkter Mobilität der Eltern eine wichtige Unterstützung darstellen. Der steigende Vernetzungsauftrag, der sich auch im BTHG wiederfindet, stellt ebenso Fachkräfte zunehmend vor logistische Herausforderungen. Auch hier können gezielt und sicher eingesetzte digitale Lösungen zukünftig eine entscheidende Rolle spielen. Im Sinne einer inklusiven Frühförderung nimmt der Anteil an Kommunikations- und Beratungsaufträgen im Gegensatz zur direkten Tätigkeit mit dem Kind deutlich zu (Simon und Kühl 2023). Eine wesentliche Herausforderung wird in den kommenden Jahren jedoch sein, die Finanzierung eben dieser Kommunikation und Beratung zu sichern. In vielen Bundesländern ist die Finanzierung des umfeldzentrierten Arbeitens in der Frühförderung in den Leistungsvereinbarungen nicht oder nur teilweise vorgesehen und findet daher häufig über die Arbeitszeit hinaus statt (Rathgeber et al. 2023). Ebenso unsicher ist die Finanzierung von Leistungen über digitale Tools. Auch hier fanden und finden sich bundeslandspezifische Lösungen, die eine tatsächliche Förderung dieses Nutzens eher hemmen als unterstützen (Wörster 2021). Die Finanzierung dieser Leistungen wird demnach zukünftig eine Problematik sein, mit der sich Frühförderfachkräfte auseinandersetzen müssen. Mit Bezug auf die eingangs erwähnte Einschätzung der WHO, dass durch digital health wesentliche Nachhaltigkeitsziele erreicht werden können, kann auch an dieser Stelle das System Frühförderung Verantwortung übernehmen. Während die aufsuchende Arbeit mit dem Kind immer fester Bestandteil der Frühförderung bleiben wird, können viele Wege eingespart werden, wodurch direkt Ressourcen geschont werden. Ein wichtiger Vorteil ist die Möglichkeit, Informationen und Ressourcen schnell und einfach zugänglich zu machen. Durch digitale Plattformen können Eltern von Kindern mit (drohenden) Behinderungen auf eine Vielzahl von Informationen, Unterstützungsangeboten und Expertenwissen zugreifen, unabhängig von ihrem Standort und zu jeder Tageszeit. Eine Studie von Ferguson et al. (2022) untersuchte die Auswirkungen einer digitalen Plattform für Eltern von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen. Die Ergebnisse zeigten, dass die Eltern 80 FI 2/ 2025 Marianne Irmler, Britta Dawal durch die Nutzung der Plattform Zugang zu relevanten Informationen erhielten, sich besser informiert fühlten und ihre Selbstwirksamkeit gestärkt wurde. Darüber hinaus konnten sie sich mit anderen Eltern austauschen und soziale Unterstützung erhalten. Auf ähnliche Weise konnten Medin et al. (2024) nachweisen, dass durch die digitale Informationsplattform „Nutrition Now“ Eltern und Fachkräfte, die mit Kindern von null bis zwei Jahren zusammenarbeiten, zuverlässig, niedrigschwellig und auf dem aktuellsten Stand der Empfehlungen über die Ernährung von Kleinkindern informiert werden konnten. Wenn Frühförderung weiterhin auf den wesentlichen Prinzipien der Familien- und Lebensweltorientierung aufbauen will und sich damit auch einem ICF-orientierten Arbeiten widmet, wird es aus Sicht der Autorinnen zukünftig keine andere Möglichkeit geben, als sich zunehmend dem Thema der Digitalität in all seinen Facetten im Kontext der Frühförderung zu widmen. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie zeigen, dass auch die Mehrheit der befragten Fachkräfte der Überzeugung ist, dass der Einsatz digitaler Tools nicht nur klientengerecht, sondern auch zukunftsweisend ist. Es braucht jedoch, um dies systematisch und zielgerecht einzusetzen, weitere Forschungsarbeiten in diesem Bereich und eine Bereitschaft, dieses Thema auch im Kontext der Curricula von Ausbildung und Studium fest zu verankern. Deutschland hat hierbei die Möglichkeit, von bestehenden Erkenntnissen aus anderen Ländern zu profitieren und entsprechende Empfehlungen und Standards zu entwickeln. So zeigte z. B. eine Studie von Gonzalez et al. (2023), dass eine videounterstützte Förderung von Kindern mit Entwicklungsverzögerungen ähnlich positive Effekte hatte wie eine persönliche Förderung, mit Ausnahme der Veränderungen in der expressiven Sprache der Kinder. Hier zeigten die Kinder, die den persönlichen Kontakt erfahren hatten, größere Verbesserungen als die Kinder aus der Gruppe mit videounterstützter Förderung. Es gilt also auch herauszustellen, in welchen Momenten der Einsatz digitaler Tools die schlechtere Wahl ist. Auch der Einsatz von Apps für eine frühe Diagnostik von spezifischen Beeinträchtigungen nimmt international zu (z. B. Loftness et al. 2023), sodass möglicherweise Grundideen bestehender digitaler Anwendungen übernommen werden und auf den kulturellen Kontext angepasst genutzt werden könnten. Die größte Schwierigkeit ist möglicherweise den Anfang zu wagen und ein systematisiertes Vorgehen zu lenken. Bedeutung für die Praxis Die Frühförderung wird sich zukünftig vermehrt mit Fragen der Digitalität auseinandersetzen müssen. Nicht nur durch aufgezwungene Umstände wie während der Corona-Pandemie wird diese Auseinandersetzung notwendig, sondern insbesondere durch die sich verändernden Lebenswelten von Familien. Die Ergebnisse der hier vorgestellten Online-Befragung verdeutlichen, dass es spezifische Anteile der Frühförderung gibt, die sich scheinbar besonders für den Einsatz von digitalen Tools eignen (z. B. Beratung). Die Vielzahl an internationalen Studien zu dieser Thematik verdeutlicht, dass sich der digitale Wandel eindeutig auch in Themenfeldern der Frühförderung vollzieht. Deutschland benötigt eigene Forschung in diesem Bereich, um den zukünftigen Einsatz digitaler Tools effektiv vornehmen zu können. Prof. Dr. Marianne Irmler Fachhochschule Kiel Sokratesplatz 2 24149 Kiel E-Mail: marianne.irmler@fh-kiel.de Prof. Dr. Britta Dawal Fachhochschule Südwestfalen Lübecker Ring 2 59494 Soest E-Mail: dawal.britta@fh-swf.de 81 FI 2/ 2025 Moderne Frühförderung ohne Digitalität undenkbar? Literatur Aguilar, J. M., Cassedy, A. E., Shultz, E. L., Kirkwood, M. W., Stancin, T., Yeates, K. O., Taylor, H. G., Wade, S. L. (2018): A Comparison of 2 Online Parent Skills Training Interventions for Early Childhood Brain Injury: Improvements in Internalizing and Executive Function Behaviors. Journal of Head Trauma Rehabilitation 34, 65 - 76, https: / / doi.org/ 10.1097/ htr.0000000000000 443 Alam, M., Hickie, I. B., Poulsen, A., Ekambareshwar, M., Loblay, V., Crouse, J., Hindmarsh, G., Song, Y. J. C., Yoon, A., Cha, G., Wilson, C., Sweeney-Nash, M., Troy, J., LaMonica, H. M. 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