eJournals Frühförderung interdisziplinär44/2

Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2025.art10d
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2025
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Rezension: Marianne Bossard, Sarah Wabnitz: Beratungsprozesse mit Eltern partizipativ gestalten. Das 8-Schritte-Verfahren für die Frühe Kindheit

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2025
Nina Allwang
Mit der Frage: „Sind sie schon PINK?“, beginnt das sehr aufschlussreiche und praxisnahe Buch „Beratungsprozesse mit Eltern partizipativ gestalten“ von den Schweizer Autorinnen Bossard und Wabnitz. PINK steht hier für Partizipative Individuelle Kooperative Prozessbegleitung und vermittelt einerseits eine Haltung in Beratungsprozessen mit Eltern und andererseits ein praxisnahes, prozesshaftes Vorgehen. Eine neue, anders gedachte Elternbegleitung durch eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe, eine gemeinsam gleichwertige Kommunikation und eine Kooperation mit Eltern in einem Förderprozess sind die Merkmale dieser Elternberatung. Durch einen systemischen Ansatz soll eine nachhaltige Wirksamkeit gefördert werden. Die Grundlage für die Zusammenarbeit mit den Eltern bildet gemäß dem Verständnis der Autorinnen der bio-psycho-soziale Ansatz der ICF (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit), sowie das gemeinsame Entdecken der Lebensräume der Familie anhand einer partizipativen Prozessbegleitung.
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87 FI 2/ 2025 Rezensionen (aufgrund der Bandbreite ist diese Auswahl gezwungenermaßen notwendig) im Kapitel Förder- und Behandlungskonzepte. Für die Physiotherapie, die Ergotherapie oder auch die Heilpädagogische Spiel- und Handlungsförderung werden somit grundlegend einzelne Konzepte ausgeführt (z. B. Bobath-Konzept) und wiederum anhand der Fallbeispiel-Kinder gut nachvollziehbar beschrieben. In diesem Kapitel - wie auch im gesamten Band - gelingt es der Autorin sehr gut, die Balance zwischen gewünschter Breite und notwendiger Tiefe der Themen zu halten. Ausgeklammert bleibt der Bereich Logopädie/ Sprachtherapie, der gerade im Hinblick auf den Schwerpunkt Unterstützte Kommunikation natürlich hoch relevant ist - aber inhaltlich in einem separaten Band verortet werden wird. Als separates Hauptkapitel ist die Zusammenarbeit mit den Eltern/ Bezugspersonen und die Vernetzung im Sozialraum konzipiert. Neben vielen Ankerstellen, die bereits in den vorangegangenen Kapiteln auf diese wichtigen Aspekte verwiesen, wird hier nochmals mit Untermalung der Fallbeispiele auf unterschiedliche Rahmenbedingungen Bezug genommen. Hier werden auch spezifische Themen, wie beispielsweise Kinder mit progredienten Erkrankungen thematisiert, die in besonderer Weise die Aufmerksamkeit der Zusammenarbeit mit den Familien erfordern. Hervorzuheben sind die wiederum mit Fallbeispielen unterlegten Kapitel zur Kooperation mit Kindertageseinrichtungen und zum Übergang in die Schule. Diese Ausführungen bieten nicht nur Studienergebnisse zur gegenwärtigen Praxis, sondern auch einen ebenso breiten Ideenfundus zur möglichen Gestaltung. Das gut lesbare Buch überzeugt zunächst durch den klaren Aufbau und die durchgängig sichtbare Rezeption des aktuellen internationalen Forschungsstandes. Vor allem aber profitieren (zukünftige) Fachkräfte in der Frühförderung und darüber hinaus von den wiederum durchgängig begleitenden Fallvignetten, die beginnend mit der ICF-basierten Beschreibung u. a. von Körperfunktionen und -strukturen über die interdisziplinäre Diagnostik und partizipationsorientierte Förderplanung bis hin zur Intervention alle Aufgabenfelder und Prinzipien im Bereich der Frühförderung zeigen - und dies in der Bandbreite der Unterstützungsbedarfe von Kindern mit (senso-)motorischen Beeinträchtigungen. So werden vielfältige, unterschiedliche Ausgestaltungsmöglichkeiten der Frühförderung transportiert, die stets die Partizipation [Teilhabe] ermöglichen und sichern wollen. Markus Spreer, Leipzig DOI 10.2378/ fi2025.art09d Marianne Bossard, Sarah Wabnitz Beratungsprozesse mit Eltern partizipativ gestalten Das 8-Schritte-Verfahren für die Frühe Kindheit 2024, Vandenhoeck & Ruprecht Verlag, 224 S., € 25,- Mit der Frage: „Sind sie schon PINK? “, beginnt das sehr aufschlussreiche und praxisnahe Buch „Beratungsprozesse mit Eltern partizipativ gestalten“ von den Schweizer Autorinnen Bossard und Wabnitz. PINK steht hier für Partizipative Individuelle Kooperative Prozessbegleitung und vermittelt einerseits eine Haltung in Beratungsprozessen mit Eltern und andererseits ein praxisnahes, prozesshaftes Vorgehen. Eine neue, anders gedachte Elternbegleitung durch eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe, eine gemeinsam gleichwertige Kommunikation und eine Kooperation mit Eltern in einem Förderprozess sind die Merkmale dieser Elternberatung. Durch einen systemischen Ansatz soll eine nachhaltige Wirksamkeit gefördert werden. 88 FI 2/ 2025 Rezensionen Die Grundlage für die Zusammenarbeit mit den Eltern bildet gemäß dem Verständnis der Autorinnen der bio-psycho-soziale Ansatz der ICF (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit), sowie das gemeinsame Entdecken der Lebensräume der Familie anhand einer partizipativen Prozessbegleitung. Die Ebene der ICF-Klassifikation Aktivität und Partizipation dient dazu, die Lebenswelten des Kindes (nach UNICEF) gemeinsam zu erkunden. Mithilfe der ICF werden Ressourcen und Barrieren, welche die Aktivitäten/ Partizipation hemmen oder ermöglichen, benannt. Dies beantwortet die Fragen lebensnah am Alltag des Kindes: Wo ist Teilhabe möglich, wo gibt es Barrieren? Ziel ist es, die Selbstwirksamkeit und Selbststeuerung der Familien zu stärken und sie in ihren partizipativen Fähigkeiten zu unterstützen. Über farbenfrohe, Wimmelbildern ähnelnden Abbildungen im Buch, sowie die Möglichkeit vom Download über einen Link, ist der Zugang zu praxisorientiertem, ansprechendem Material gewährleistet. Es regt an mit Eltern direkt in den Prozess einzusteigen, ins Gespräch zu kommen und Inhalte des Gespräches visualisiert festzuhalten. Gleichzeitig wird die Haltung von PINK, eine systemische Grundhaltung und dem Ansatz des biopsycho-sozialen Models, über einen selbstreflektiven Prozess des Lesers angeregt. Im Buch sind an unterschiedlichen Stellen Fragen zu eigenem Handeln und Denken in vergangenen Beratungsprozessen formuliert, die dem Leser Möglichkeiten zur Reflexion bieten. Das empfohlene Vorgehen mit Eltern zeichnet sich durch ein 8-Schritte-Verfahren im Beratungsprozess der Bezugspersonen aus. Es bietet eine Anleitung zur Gesprächsvorbereitung, der Begrüßung und dem Ablauf des Gesprächs mit Rollenklärung sowie Empfehlungen, wie Eltern zum Erzählen ermutigt werden können. Anschließend wird abgeglichen, ob alle das Gleiche verstanden haben und die Eltern priorisieren die für sie relevanten Lebensräume anhand der PINK-Landkarte. Im sechsten Schritt werden anhand einer Festlegung von Schwerpunkten der gemeinsamen Zusammenarbeit weitere Schritte und Maßnahmen besprochen. Am Ende des Beratungsgespräches wird in Schritt 7 alles anhand eines Prozessbegleitungsplaners durch die Fachperson zusammengefasst und mittels einer gemeinsamen Werteformulierung für die Zusammenarbeit ein „Arbeitsbündnis“ (Contracting) geschlossen. In einem achten und letzten Schritt wird anhand einer Zusammenfassung der Schwerpunkte, dem PINK-Flip, das Ergebnis visualisiert, um den Beratungsprozess „beweglich“ zu halten und immer wieder abgleichen zu können, ob Veränderung/ Anpassung nötig ist. Dieses schrittweise Vorgehen ermöglicht allen Beteiligten verdeckte, fördernde und hemmende Faktoren in der Lebenswelt des Kindes und seiner Familie zu erkennen. Dadurch kann eine Umdeutung dieser passieren, konkrete Handlungsschritte können besprochen und schließlich neue Lösungen zur verbesserten Teilhabe erarbeitet werden. Das Buch lässt sich sowohl als Mini-Handbuch oder ausführliches Fachbuch lesen, denn jedes Kapitel steht für sich, so die Autorinnen. Es beinhaltet einen starken Praxisbezug durch immer wiederkehrende Erklärungsmodelle, wie einer Beschreibung des Prozessschrittes, einer Rollenklärung und Zuständigkeitsbeschreibung sowie was getan werden soll und welche PINK-Materialien für diesen Schritt empfohlen werden. Das 8-Schritte-Verfahren kann zu Beginn eines Förderprozesses oder einer Beratung stehen sowie im Verlauf zur Klärung dienen. Es ermöglicht eine kooperative Prozessberatung und -begleitung durch gleiche Startinformationen, transparente Kommunikation und gleichwertiges Mitreden und -handeln Können. 89 FI 2/ 2025 Rezensionen Als Zielgruppe dieser Beratungsform beschreiben die Autorinnen alle Berufsgruppen, die mit Familien arbeiten, aus den Bereichen Sonderpädagogik und frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung. Insgesamt ist es ein sehr hilfreiches, praxisorientiertes Buch mit vielen sich ergänzenden Denkmodellen, die die Einführung der ICF in der Frühförderung unterstützen. Auch bietet dieses Buch eine komplexe, systemische Herangehensweise im Sinne des menschenrechtlichen Behinderungsverständnisses und lädt zur Umsetzung ein. Die selbstreflektiven Anregungen sind hilfreich, um zu ergründen, ob man bereits in diesem Sinne denkt und handelt. Die Handlungsempfehlungen erinnern an die praktische Frühförderarbeit und ermöglichen einen Abgleich und Rollenklärung in Bezug auf die beschriebene PINK-Haltung. Nina Allwang DOI 10.2378/ fi2025.art10d a www.reinhardtverlag.de Mit zahlreichen Abbildungen und Tabellen. 7., aktual. Auflage 2022. 169 S. (978-3-497-03160-3) kt Frühgeborene optimal betreuen Eltern brauchen während und nach der klinischen Betreuung von Frühgeborenen gezielte Beratung. Das Präventivmodell von Edith MüllerRieckmann berücksichtigt vielfältige Aspekte: somatopsychi sche, psychosoziale, frühpädagogische, entwick lungsdiagnostische und psychologische. Eltern gewinnen so früh Vertrauen in die ihnen bevorste hende Verantwortung für ihr frühgeborenes Kind. Wertvolles Kernstück des Buches ist ein Beobach tungsbogen, mit dem die Entwicklung des frühge borenen Kindes jedes Gestationsalters in differen zierten Entwicklungs und Verhaltensbereichen über die ersten Jahre hinweg festgehalten werden kann. Neu in der 7. Auflage: Zentrale Themen wie Ope ration, Narkose und Ernährung werden anhand neuer Fallbeispiele analysiert.