eJournals Frühförderung interdisziplinär44/3

Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2025.art12d
1_044_2025_3/1_044_2025_3.pdf71
2025
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Originalarbeit: Familienorientierte Frühförderung - ein Update und Perspektiven für die Zukunft

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2025
Klaus Sarimski
Familienorientierung ist ein Leitprinzip der Frühförderung. Zentrales Element ist dabei ein Coaching der Eltern, um ihre aktive Beteiligung an der Förderung zu unterstützen. Allerdings sprechen einige Studien für eine beträchtliche Diskrepanz zwischen einer positiven Grundhaltung der Fachkräfte zu familienorientierten Prinzipien und ihrer Praxis in der Zusammenarbeit mit den Eltern. In diesem Beitrag wird der Coaching-Prozess beschrieben. Es werden mögliche Hindernisse für seine Umsetzung angesprochen. Wenn Eltern für die Fachkräfte schwer erreichbar sind, bietet sich die Nutzung digitaler, internet-basierter Beratungsformen an. In den letzten Jahren wurden – nochmals stimuliert durch die Herausforderungen, die mit der Covid-19-Pandemie verbunden waren – zahlreiche Arbeiten zur Praxis digitaler Beratung, den Erfahrungen von Eltern und Fachkräften bei ihrer Umsetzung und zu ihrer Wirksamkeit veröffentlicht. Der Beitrag gibt eine Übersicht über den Forschungsstand und leitet einige Empfehlungen für die Praxis digitaler Beratung als ergänzende Perspektive für die Zukunft der Arbeit der Fachkräfte in der Frühförderung ab.
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Familienorientierte Frühförderung - ein Update und Perspektiven für die Zukunft Klaus Sarimski Zusammenfassung: Familienorientierung ist ein Leitprinzip der Frühförderung. Zentrales Element ist dabei ein Coaching der Eltern, um ihre aktive Beteiligung an der Förderung zu unterstützen. Allerdings sprechen einige Studien für eine beträchtliche Diskrepanz zwischen einer positiven Grundhaltung der Fachkräfte zu familienorientierten Prinzipien und ihrer Praxis in der Zusammenarbeit mit den Eltern. In diesem Beitrag wird der Coaching-Prozess beschrieben. Es werden mögliche Hindernisse für seine Umsetzung angesprochen. Wenn Eltern für die Fachkräfte schwer erreichbar sind, bietet sich die Nutzung digitaler, internet-basierter Beratungsformen an. In den letzten Jahren wurden - nochmals stimuliert durch die Herausforderungen, die mit der Covid-19-Pandemie verbunden waren - zahlreiche Arbeiten zur Praxis digitaler Beratung, den Erfahrungen von Eltern und Fachkräften bei ihrer Umsetzung und zu ihrer Wirksamkeit veröffentlicht. Der Beitrag gibt eine Übersicht über den Forschungsstand und leitet einige Empfehlungen für die Praxis digitaler Beratung als ergänzende Perspektive für die Zukunft der Arbeit der Fachkräfte in der Frühförderung ab. Schlüsselwörter: Familienorientierung, Coaching, digitale Beratung Family-centered practices in early intervention - an update and future perspectives Summary: Family-centered practices are leading principles in early intervention. An essential element is coaching the parents to promote their active participation in the intervention. However several studies point to a research-practice gap. In this paper, the process of coaching parents and potential barriers for its implementation are described. In the case that parents are difficult to reach telepractice is an alternative to direct coaching. Stimulated by the Covid-19 challenge, the knowledge about practical use of online technologies in early intervention, experiences of caregivers and professionals and outcome has increased in recent years. The paper gives a review of empirical results and derives some recommendations for the practice of digital counseling as an supplement to direct counseling in future perspectives of early intervention. Keywords: Family-centered practices, coaching, telepractice Frühförderung interdisziplinär, 44.-Jg., S.-102 - 112 (2025) DOI 10.2378/ fi2025.art12d © Ernst Reinhardt Verlag 102 Familienorientierung als Prinzip der Frühförderung E in familienorientiertes Konzept der Frühförderung zeichnet sich aus durch eine vertrauensvolle, offene Kommunikation zwischen der Fachkraft und den Eltern sowie eine aktive Beteiligung der Eltern an allen Entscheidungsprozessen und an der Entwicklungsförderung des Kindes. Die Fachkraft orientiert sich an den Bedürfnissen, Zielen, Sorgen und Stärken der Familien. Die Maßnahmen der Frühförderung sind somit nicht allein auf die unmittelbare Förderung des Kindes, sondern auf die Unterstützung der Gesamtfamilie in ihrem sozialen Umfeld ausgerichtet. Das übergeordnete Ziel der Zusammenarbeit ist, die Familie in die Lage zu versetzen, die Herausforderungen, die mit der Beeinträchtigung der Entwicklung ihres Kindes verbunden sind, selbstständig zu bewältigen (Sarimski 2022). Entwicklungsförderung im frühen Kindesalter gelingt, wenn die erwachsenen Bezugspersonen ihre Beziehung zum Kind so gestalten, dass ORIGINALARBEIT 103 FI 3/ 2025 Familienorientierte Frühförderung - ein Update und Perspektiven für die Zukunft seine Eigenaktivität in der Auseinandersetzung mit der Umwelt angeregt wird und es im Alltag und im gemeinsamen Spiel Impulse erhält, die Entwicklungsfortschritte in der „Zone der nächsten Entwicklung“ des Kindes anstoßen. Es gilt, die Eltern für vielfältige Gelegenheiten der Förderung zu sensibilisieren und ihr Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten zu stärken, den Lernprozess des Kindes wirksam unterstützen zu können (Sarimski 2022). In der internationalen Literatur werden die Kompetenzen, die die Fachkraft dazu benötigt, in Kompetenzen zur Stärkung der Beziehung mit den Eltern („relational caregiving“) und in Kompetenzen zur Stärkung der elterlichen Beteiligung an der Förderung („participatory caregiving“) gegliedert (Dunst 2017). Zu den beziehungsorientierten Kompetenzen gehört aktives Zuhören, offene Fragen, Respekt vor den Erfahrungen und kulturellen Haltungen der Eltern, Sensibilität und Empathie für Äußerungen, die die elterliche Belastung erkennen lassen. Zu den Kompetenzen, mit denen die elterliche Beteiligung an der Förderung gestärkt werden sollen, gehört eine Einschätzung der Eltern-Kind-Interaktion, die Beteiligung der Eltern an der Entscheidung über Förderziele sowie die Unterstützung der Eltern bei der aktiven Beteiligung an der Förderung im Alltag. Diese Arbeitsform - in der englischsprachigen Literatur als „Coaching“ bezeichnet - umfasst eigene Erprobung von förderlichen Interaktionsstrategien durch die Eltern, ein Feedback durch die Fachkraft sowie eine gemeinsame Reflektion und Problemlösung bei Schwierigkeiten in der Umsetzung der Strategien. „Coaching“ bedeutet somit keine Anleitung der Eltern im Sinne eines Co- Therapeuten-Modells, wie es in der Anfangszeit der Frühförderung teilweise propagiert wurde, sondern stellt einen Prozess der gemeinsamen Reflektion von Erfahrungen in der Interaktion mit dem Kind durch die Eltern und die Fachkraft dar (Lorio et al. 2020, Huber et al. 2023). Wirkungen familienorientierten Arbeitens Dunst et al. (2007) und Dempsey und Keen (2008) legten zwei Meta-Analysen über 35 Studien zum Zusammenhang zwischen familienorientierten Prozessen in der Frühförderung und Effekten für die Kinder und die Eltern vor. Sie kamen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass familienorientierte Konzepte der Frühförderung sich nicht nur positiv auf die Zufriedenheit der Eltern mit der Frühförderung auswirken, sondern auch ihr Gefühl von Selbstwirksamkeit, die erlebte soziale Unterstützung und Verfügbarkeit von Hilfen stärken sowie ihre psychische Belastung reduzieren. Eltern schätzen dabei sowohl eine vertrauensvolle, partnerschaftliche Beziehung zur Fachkraft als auch die erlebte Unterstützung in der eigenen Gestaltung förderlicher Interaktionen im Alltag als wichtig ein. Darüber hinaus lassen sich auch indirekte Effekte auf die Entwicklung der Kinder belegen. Die Förderung des Zutrauens in die eigene Kompetenz durch die Fachkraft und die psychische Stabilität der Eltern wirken sich positiv auf die Qualität der Eltern-Kind-Interaktion und darüber auf den kindlichen Entwicklungsverlauf aus (Dunst und Espe-Sherwindt 2016). Diese US-amerikanischen Befunde ließen sich in einer flächendeckenden Begleitforschung zur Umstellung des Systems der Frühförderung auf familienorientierte Konzepte in Spanien bestätigen. Es wurden mehr als 400 Eltern zu ihren Erfahrungen befragt (Mas et al. 2019). Es zeigten sich auch hier signifikante positive Wirkungen einer familienorientierten Arbeitsweise auf das psychische Wohlbefinden der Eltern. Allerdings machten diese Studien auch eindrücklich deutlich, dass eine effektive Stärkung der aktiven elterlichen Beteiligung an der Förderung davon abhängt, dass die Fachkräfte die Eltern-Kind-Interaktion beobachten und dann günstige Formen der Interaktionsgestaltung durch ein gezieltes Coaching fördern. Eine positive Qualität der Beziehung zwischen den 104 FI 3/ 2025 Klaus Sarimski Eltern und den Fachkräften allein („relational caregiving“) hatte keinen nachweislichen Effekt auf die elterliche Beteiligung (Mas et al. 2022). Dieser Befund entspricht den Ergebnissen einer Meta-Analyse, die Dunst et al. (2019) in Bezug auf 13 Studien mit mehr als 3500 Bezugspersonen vorlegten. Sie zeigte, dass die Komponenten, die unter dem Begriff des „participatory caregiving“ (bzw. „capacity-building practices“) zusammengefasst sind, das Zutrauen der Eltern in ihre eigenen Kompetenzen stärkten und sich darüber positiv auf die Eltern- Kind-Interaktion und die Kompetenzentwicklung des Kindes auswirkten. Zentrales Ziel des Coachings ist die Stärkung der Responsivität der Eltern, d. h. ihrer Fähigkeit, auf die Aufmerksamkeitsrichtung, die Interessen, die Handlungs- und Kommunikationsbeiträge ihres Kindes einzugehen, und sie aufzugreifen. Die Bedeutung der Responsivität für den Entwicklungsfortschritt von Kindern mit Beeinträchtigungen ist vielfach belegt. Kemp und Turnbull (2014) werteten acht Studien aus, die sich mit den Wirkungen des Coachings - über einen Zeitraum von 11 bis 36 Wochen - bei Kindern mit unterschiedlichen Entwicklungsstörungen beschäftigten. Heidlage et al. (2020) legten eine Meta-Analyse von 25 randomisierten Kontrollgruppenstudien vor, die mit Kindern mit Sprachentwicklungsverzögerungen unterschiedlicher Ursache und ihren Eltern durchgeführt wurden. Eine neuere Studie, bei der 45 Kleinkinder mit Entwicklungsstörungen und ihre Eltern in der Frühförderung über das gesamte zweite Lebensjahr begleitet wurden, zeigte aber auch, dass sich positive Effekte auf die Responsivität der Eltern nicht durch die bloße Einbeziehung in gemeinsame Förderaktivitäten („triadische Aktivitäten“) erreichen lassen. Sie stellten sich nur dann ein, wenn die Eltern eine gezielte Anleitung zur Interaktion mit einer für sie nachvollziehbaren Erklärung, ein Feedback zur Umsetzung von Empfehlungen sowie eine Gelegenheit zur gemeinsamen Reflektion über das Gelingen oder Schwierigkeiten der Umsetzung mit der Frühförderkraft erhielten (Artis et al. 2022). Erklärung und Demonstration einer Strategie zur Förderung einer Kompetenz, eigene Erprobung durch die Eltern, Feedback durch die Fachkraft, gemeinsame Reflexion des Einsatzes der Strategie und Planung von Gelegenheiten zur Umsetzung im Alltag sind offenbar für einen nachhaltigen Effekt unerlässlich (Lorio et al. 2020). Familienorientierung zwischen Theorie und Praxis Befragungen von Fachkräften sprechen durchweg dafür, dass sie den familienorientierten Prinzipien eine hohe Relevanz einräumen, sie diese Prinzipien nach eigener Einschätzung in der Praxis aber nicht so umsetzen, wie sie es selbst für erforderlich halten. Das gilt für verschiedene Aspekte familienorientierten Arbeitens gleichermaßen: die Identifizierung der Bedürfnisse der Eltern, ihre Beteiligung an Entscheidungen, die Abstimmung der Förderplanung auf die Ziele der Familie, die Koordination von Hilfen sowie die aktive Beteiligung der Eltern an der Förderung (z. B. Garcia-Grau et al. 2019, Garcia-Ventura et al. 2020, Tomeny et al. 2021). Allzu oft steht die direkte Förderung des Kindes durch die Fachkraft im Vordergrund. Das belegen auch Ergebnisse von Studien, bei denen das Geschehen in Frühfördersitzungen direkt beobachtet wurde. Sie zeigen, dass eine direkte Interaktion zwischen der Fachkraft und dem Kind den größten zeitlichen Anteil ausmacht, die Eltern häufig in einer reinen Beobachterrolle sind und kaum in gemeinsame Aktivitäten einbezogen werden. Eine Beobachtung der Eltern-Kind-Interaktion, in-vivo-Feedback und Reflektion mit den Eltern werden nur sehr selten eingesetzt (z. B. Sawyer und Campbell 2017, Salisbury et al. 2018, Douglas et al. 2020). 105 FI 3/ 2025 Einige Studien, die im deutschen Sprachraum erschienen sind, deuten in die gleiche Richtung. So bat eine Arbeitsgruppe in der Schweiz 121 Fachkräfte der Frühförderung, über einen gewissen Zeitraum die Art ihrer Tätigkeit laufend mit digitalen Erfassungsgeräten zu dokumentieren (Lütolf et al. 2018). Mehr als die Hälfte der Zeit bezog sich auf die direkte Förderung des Kindes, lediglich 14 % der Zeit auf Elternberatung und -begleitung. In einer Beobachtungsstudie, bei der die Frühförderung von 48 Kleinkindern mit hochgradigen Sehbehinderungen oder Blindheit analysiert wurde, ergab sich ebenfalls, dass sich die Fachkraft in 47 % der Zeit auf die direkte Förderung des Kindes bezog. In 25 % der Zeit wurden die Eltern in die Förderung einbezogen; Gespräche über die Förderplanung und den Entwicklungsverlauf nahmen 27 % der Zeit ein, Gespräche über die Belastung, die die Eltern erlebten, lediglich 10 % (Sarimski und Lang 2018). Es stellt sich die Frage, warum die Umsetzung familienorientierter Prinzipien und einer effektiven Beratung der Eltern zur aktiven Beteiligung an der Förderung in der Praxis weniger gut gelingt, obwohl die Fachkräfte sich sehr wohl ihrer Bedeutung bewusst sind und eine positive Haltung zur Familienorientierung haben. Der Klärung dieses „research-practice gap“ (Romano und Schnurr 2022) ist eine Reihe von Studien im internationalen Sprachraum nachgegangen. Es zeigte sich - entgegen den ersten Vermutungen - kein Zusammenhang zwischen der Realisierung familienorientierter Prinzipien und eines effektiven Coachings mit dem Ausbildungsniveau oder der Berufserfahrung der Fachkräfte; auch die Art der Behinderung spielte dafür keine Rolle (Sawyer und Campbell 2017, Garica-Grau et al. 2019, Artis et al. 2022). Ein mögliches Hindernis für die Umsetzung einer effektiven Elternberatung in die Praxis kann allerdings in der Art und Weise bestehen, wie eine Frühförderstelle ihre Arbeit selbst definiert bzw. wie sie von den Kostenträgern definiert wird. Wenn unter Frühförderung lediglich eine direkte Förderung des Kindes anerkannt und keine hinreichende Zeit zur Elternberatung eingeräumt wird, steht das der Umsetzung familienorientierter Grundsätze im Wege. Befragt man die Fachkräfte, so nennen sie darüber hinaus fehlende zeitliche Ressourcen, geringes Zutrauen in die Fähigkeiten der Eltern zur Umsetzung, geringe Motivation der Eltern zur eigenen Beteiligung, psychische Belastungen der Eltern oder kulturelle Unterschiede und Verständigungsschwierigkeiten aufgrund anderer Familiensprache als häufige Hindernisse (Salisbury et al. 2018, Garcia-Grau et al. 2019, Douglas et al. 2020, Meadan et al. 2020). Digitale Beratungsformen als Perspektive für die Zukunft? Familienorientiertes Arbeiten setzt einen regelmäßigen Kontakt zwischen den Fachkräften der Frühförderung und den Eltern voraus. So selbstverständlich dies auf den ersten Blick klingt, können Veränderungen in der Lebensumwelt von Eltern und Kind eine solche Zusammenarbeit zwischen Eltern und Fachkräften erschweren. Wenn beide Eltern vollzeit- (oder in ausgedehnter Teilzeit) berufstätig sind und die Kinder frühzeitig und für den überwiegenden Teil des Tages in einer Kinderkrippe oder einem Kindergarten betreut werden, bedeutet dies, dass es für die Fachkräfte schwierig ist, gemeinsame Termine mit den Eltern zu vereinbaren. Nicht selten verlegen sie ihre Förderung dann in die Kindertageseinrichtung - eine Entscheidung, die den Bedürfnissen der Eltern nach Entlastung, aber keinesfalls den Qualitätsstandards einer familienorientierten Frühförderung entspricht. Mit Blick auf die Weiterentwicklung der Frühförderung soll im Folgenden diskutiert werden, inwieweit internet-basierte, digitale Arbeitsformen der Frühförderung („telepractice“, „telehealth“, „telemedicine“) auch unter diesen er- Familienorientierte Frühförderung - ein Update und Perspektiven für die Zukunft 106 FI 3/ 2025 Klaus Sarimski schwerten Rahmenbedingungen eine aktive Einbeziehung der Eltern in die Entwicklungsförderung sicherstellen können. Grundsätzlich ist dabei zwischen synchronen und asynchronen Formen der Zusammenarbeit zu unterscheiden. Bei synchronen Formen findet die Beratung als Videokonferenz mit den Eltern statt, bei asynchronen Formen zeitversetzt auf der Basis von Videoaufzeichnungen, die die Eltern von Förder- oder Alltagssituationen vornehmen und den Fachkräften als Grundlage der Beratung digital zur Verfügung stellen. Die Fachkräfte kommentieren diese Videoaufzeichnungen, geben Empfehlungen zu günstigen Strategien der Interaktion und zu Problemlösungen, die die Eltern dann ihrerseits zu einem Zeitpunkt abrufen können, zu dem sie sich dafür Zeit nehmen können. In beiden Formen geht es darum, dass die Eltern ein Feedback zu ihrer Interaktion mit dem Kind durch die Fachkraft und eine Gelegenheit zur Reflektion über die Umsetzung förderlicher Strategien in der Praxis erhalten (Snodgrass et al. 2017, Balldin et al. 2018). Solche digitalen Beratungsansätze versprechen einige Vorteile. Sie ermöglichen einen Zugang auch zu Familien, die für die Fachkräfte durch direkte Besuche schwer zu erreichen sind, weil sie weit entfernt wohnen oder weil - wie bereits gesagt - die Kinder den überwiegenden Teil in einer Kindestageseinrichtung und die Eltern berufstätig sind. Sie erlauben eine Anpassung an zeitliche Freiräume der Eltern bei der Terminvereinbarung für synchrone Kontakte bzw. geben den Eltern die Möglichkeit, das Beratungsangebot außerhalb der Zeit ihrer Berufstätigkeit wahrzunehmen. Die Videoaufzeichnungen erlauben zudem - wie bei mobilen Arbeitsformen der Frühförderung - einen Einblick in die natürliche Umgebung des Kindes. Schließlich sind digitale Beratungsansätze zeit- und kostengünstig für die Fachkräfte und die Eltern, indem sie z. B. weite Anfahrwege ersparen. Allerdings stehen diesen potenziellen Vorteilen auch mögliche Schwierigkeiten entgegen. Nicht alle Familien verfügen über die technischen Voraussetzungen für digitale Kommunikation (u. a. Laptop, leistungsfähige und stabile Internet-Verbindung) oder sind mit dieser Technologie hinreichend vertraut. Eltern und Fachkräfte müssen sich diesen - zunächst ungewohnten - Formen der Kommunikation öffnen, sich grundsätzlich darauf verständigen, dass es in der Frühförderung um die Gestaltung förderlicher Eltern-Kind-Interaktionen geht, und bereit sein, anfängliche Schwierigkeiten oder „innere“ Widerstände zu überwinden. Die Fachkräfte müssen sich ihrerseits bemühen, auch unter diesen Umständen eine vertrauensvolle Beziehung mit den Eltern aufzubauen (u. a. Snodgrass et al. 2017). Praxis der digitalen Beratung Eine „gute Praxis“ der digitalen, internet-basierten Beratung umfasst daher eine vorbereitende Sitzung zur Erklärung des Vorgehens, zur Besprechung der wechselseitigen Erwartungen von Eltern und Fachkräften aneinander, die Vermittlung technischer Informationen zum Vorgehen und die Klärung von Fragen der Vertraulichkeit im Umgang mit den Videoaufzeichnungen (Lerman et al. 2020). Als technische Voraussetzungen sind Kamera oder Smartphone zur Aufzeichnung und stabile Internetverbindungen anzusehen. Ein externes Mikrofon zur Verbesserung der Tonqualität bei der Aufzeichnung und ein Stativ für die Kamera sind wünschenswert, aber nicht unbedingt erforderlich. Um möglichen Hindernissen für das spätere Feedback vorzubeugen, empfiehlt es sich, dass die Fachkräfte im Vorgespräch kurz auf Fragen der Beleuchtung im Raum, die Kameraposition und den Umgang mit der Anwesenheit anderer Personen im Raum - z. B. Geschwistern - eingehen. Die Fördersituation, auf die sich die Beratung beziehen soll, und das Zielverhalten, das gefördert werden soll, müssen möglichst eindeutig, die Instruktionen an die Eltern einfach und nachvollziehbar formu- 107 FI 3/ 2025 lierbar sein. Besonders geeignet sind z. B. gemeinsame (Rollen-) Spielsituationen oder das dialogische Anschauen von Bilderbüchern (Snodgrass et al. 2017). Synchrone Beratung kann z. B. über Zoom- Konferenzen organisiert werden, für eine asynchrone Beratung ist eine externe Speicherung der Videoaufzeichnungen durch die Eltern und ein Zugang für die Fachkräfte (z. B. über Drop- Box oder WeTransfer) erforderlich. Handouts mit den wichtigsten Empfehlungen und Checklisten für die Eltern als Erinnerungshilfe für die tägliche Praxis sind nützliche Ergänzungen für die Beratung. Es liegen einige Studien vor, die die Machbarkeit digitaler Beratungskonzepte in der Frühförderung illustrieren. Meadan et al. (2016) entwickelten z. B. ein Konzept für die digitale Beratung von Eltern von Kleinkindern mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Das Konzept sah zwei persönliche Besuche bei den Familien vor (zur Eingangsdiagnostik und später zur Beurteilung von Fortschritten) sowie eine videogestützte Beratung und Reflektion mit den Eltern via Zoom zu ihrer Interaktion in Fördersituationen im Alltag auf der Basis von Videos, die die Eltern aufzeichneten. Die Auswertung zeigte eine hohe Zufriedenheit der Eltern mit dieser Arbeitsform, eine signifikante Zunahme von entwicklungsförderlichen Strategien durch die Eltern sowie eine Steigerung der Beteiligung der Kinder an der Interaktion. Akemoglu et al. (2022) adaptierten dieses Vorgehen für die Anleitung von Eltern beim gemeinsamen Buchlesen mit ihren Kindern. Das Coaching fand dreimal pro Woche mit jeder Familie statt über einen Zeitraum von acht Wochen. Es umfasste eine Instruktion zu entwicklungsförderlichen Strategien, eine gemeinsame Reflektion mit den Eltern über die Ziele für jedes Kind und ein individuelles Feedback zu ihrem Verhalten in den dialogischen Interaktionen. Ergänzend erhielten die Eltern nach Abschluss des Trainings eine Checkliste, die zur Zuverlässigkeit der Umsetzung und Dauerhaftigkeit der Effekte beitragen sollte. Die Intervention wurde bei zweibis dreijährigen Kindern mit verzögerter Sprachentwicklung im Rahmen einer globalen Entwicklungsstörung oder autistischen Störung evaluiert. Es zeigten sich positive Effekte auf die kommunikativen Fähigkeiten der Kinder (z. B. Umfang des produktiven Wortschatzes), wenn auch in individuell recht unterschiedlichem Ausmaß. Über die Förderung der elterlichen Responsivität und günstiger Strategien in der Interaktion mit dem Kind hinaus können auch andere Elemente familienorientierten Arbeitens in digitaler Form realisiert werden. Die Auswahl der Förderziele in Abstimmung auf die Bedürfnisse und Prioritäten der Eltern, Fragen der gemeinsamen Planung für die Implementierung in den Alltag und der dabei auftretenden Schwierigkeiten und Fortschritte lassen sich in ähnlicher Weise über Videokonferenzen besprechen wie dies bei einem persönlichen Besuch der Fachkraft in der Familie der Eltern möglich ist (Hinton et al. 2024). Erfahrungen von Fachkräften und Eltern Eine Durchsicht der letzten Jahrgänge der internationalen Fachzeitschriften zeigt, dass die möglichen Vor- und Nachteile digitaler, internet-basierter Beratung in einer stetig wachsenden Zahl von empirischen Studien näher untersucht wurden. Dies ist primär eine Auswirkung der Kontaktbeschränkungen während der Corona-Pandemie, in der die Frühförderung weltweit auf digitale Formen der Zusammenarbeit mit den Eltern umgestellt werden musste. Williams und Ostrosky (2023) berichteten z. B. über eine Befragung von 91 Fachkräften zu ihren Erfahrungen in der Corona-Zeit. Sie gaben an, dass in dieser Zeit die Rollen sehr viel kla- Familienorientierte Frühförderung - ein Update und Perspektiven für die Zukunft 108 FI 3/ 2025 Klaus Sarimski rer verteilt waren - sie sahen ihre Aufgabe im Coaching der Eltern mit dem Ziel, ihre aktive Beteiligung an der Förderung zu stärken. Die Fachkräfte gaben an, dass sie seither den Gelegenheiten zum eigenen Erproben von Förderstrategien durch die Eltern, dem Feedback an die Eltern und der Planung zur Implementierung im Alltag einen wesentlich größeren Raum in ihrer Arbeit einräumen. Wenn Eltern ihrerseits in Focus-Gruppen oder Einzelinterviews befragt wurden, wie sie digitale Beratungsangebote bewerten, so ergab sich ein differenziertes Bild. Grundsätzlich wurden die Flexibilität der Unterstützung und das Coaching positiv bewertet. Einige Eltern erlebten es - angesichts der insgesamt für Familien extrem belastenden Corona-Zeit verständlich - als zusätzliche Belastung und zweifelten daran, die Empfehlungen im familiären Kontext wirklich umsetzen zu können. Einige Eltern wiesen auch darauf hin, dass digitale Formen wohl nicht für alle Förderziele umsetzbar seien, z. B. eine krankengymnastische Anleitung bei einem schwer beeinträchtigten Kind eine direkte Interaktion der Therapeutin mit dem Kind erfordert. Andere Eltern berichteten technische Schwierigkeiten (instabile Internetverbindung, mangelnde Passung zwischen Hard- und Software). Zumindest am Anfang der Zusammenarbeit schien vielen Eltern ein direkter Kontakt mit einer Fachkraft wichtig und wünschenswert (Yang et al. 2021, Cheung et al. 2023, Fettig et al. 2023). Studienlage zur Wirksamkeit digitaler Beratung Übersichtsarbeiten zur Effektivität digitaler Beratung beziehen sich überwiegend auf Kinder mit sozial-kommunikativen Entwicklungsstörungen im Rahmen einer Autismus-Spektrum- Störung oder globalen Entwicklungsstörung. Sie belegen durchweg positive Effekte sowohl für synchrone als auch asynchrone digitale Beratungsformen. Unholz-Browden et al. (2020) stellten eine Übersicht über 30 Studien zusammen, bei denen Strategien (nach den Prinzipien der Angewandten Verhaltensanalyse) zur Veränderung von Verhaltensauffälligkeiten bei Kleinkindern mit Autismus-Spektrum-Störung mit und ohne intellektuelle Behinderung an die Eltern ermittelt wurden. Akemoglu et al. (2020) werteten 12 Studien zur Förderung sozial-kommunikativer Fähigkeiten bei Kleinkindern mit autistischen Verhaltensmerkmalen durch digitale, internet-basierte Elternberatung aus. Simacek et al. (2021) fassten die Ergebnisse von 22 Studien zusammen, die mit dem gleichen Ziel im Zeitraum zwischen 2014 und 2020 erschienen waren und ergänzten ihre eigenen Praxiserfahrungen bei der Durchführung von internet-basierten Interventionen. In 12 Studien wurde ein synchroner Ansatz verfolgt, d. h. die Fachkräfte interagierten „live“ mit den Eltern, sieben Studien kombinierten diesen Ansatz mit einer asynchronen Kommentierung von Videoaufzeichnungen, die die Eltern zu Hause vorgenommen und dann in einen gemeinsamen Speicher hochgeladen hatten. Alatar et al. (2023) legten strengere Auswahlkriterien an und analysierten neun Studien bei autistischen Kindern (unter sechs Jahren). Bei zwei Studien handelte es sich um randomisierte Kontrollgruppenstudien. Die Interventionen umfassten drei bis 12 Monate mit einem synchronen Ansatz zur Beratung via Videokonferenz. In allen genannten Übersichtsarbeiten zeigte sich, dass die Eltern, die an den digitalen Beratungsangeboten teilnahmen, zuverlässig die entwicklungsförderlichen Strategien in ihren Alltag übernahmen und mit dieser Form der Unterstützung zufrieden waren. Die Effekte auf die kindlichen Fähigkeiten waren allerdings individuell unterschiedlich. Es zeigte sich nicht in allen Studien ein signifikanter positiver Effekt auf das sozial-kommunikative Verhalten der Kinder. Ein möglicher Einflussfaktor dürften unkooperative oder abwehrende Verhaltens- 109 FI 3/ 2025 weisen der Kinder sein, die die Umsetzung bei Kindern mit einer autistischen Störung erschweren. Eine der wenigen Studien, die einen direkten Vergleich zwischen den Effekten einer distalen, internet-basierten Beratung im Vergleich zu einer direkten Beratung erlaubte, wurde von Gonzalez et al. (2023) veröffentlicht. Die Autorinnen verglichen die Wirkungen auf die rezeptive und expressive sprachliche Entwicklung bei 238 Kindern mit leichter Entwicklungsstörung. Die Untersuchungsgruppe (im Alter unter fünf Jahren) setzte sich je zur Hälfte aus Kindern zusammen, die vor oder während der akuten Phase der Corona-Pandemie betreut wurden. Es zeigte sich in den Entwicklungstests, die zur Evaluation der Intervention eingesetzt wurden, kein signifikanter Unterschied in der Wirkung der Intervention. In beiden Gruppen machten die Kinder signifikante Fortschritte. Allerdings war dieser Fortschritt in der expressiven Sprache etwas größer bei Kindern, bei denen die Förderung direkt stattgefunden hatte. Corona et al. (2021) konnten in einer Stichprobe von 115 Kleinkindern mit autistischen Verhaltensmerkmalen ebenfalls die Effekte von direkten und digitalen Beratungsformen beim Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten und bei der Förderung von sozial-kommunikativen Fähigkeiten miteinander vergleichen. Die Fachkräfte wurden zu ihrer Einschätzung befragt. Die Mehrzahl stimmte uneingeschränkt zu, dass eine digitale Beratung als Form der Frühförderung von kleinen Kindern geeignet ist, etwas weniger empfahlen sie als ausschließliche Form der Beratung von Eltern. Zum Teil schränkten die Fachkräfte die Machbarkeit ein in Abhängigkeit von unterschiedlichen Graden der Beeinträchtigung oder in Bezug auf unterschiedliche Förderbereiche. Die Eltern, die ebenfalls befragt wurden, äußerten sich zu direkter und digitaler Beratung gleichermaßen positiv. Es zeigten sich darüber hinaus bei beiden Beratungsformen positive Veränderungen der elterlichen Interaktion im Sinne der Beratung, bei internet-basierter Intervention etwas geringer ausfallend. In der bereits erwähnten Begleitforschung in Spanien wurden die Familien ebenfalls zu ihren Erfahrungen mit digitaler Beratung in der Corona-Zeit befragt. 659 Familien nahmen an der Befragung teil. Sie beurteilten die technische Durchführbarkeit als gut, berichteten überwiegend, dass ihr Zutrauen in die eigene Kompetenz zur Förderung gewachsen sei und bewerteten die Beratung umso positiver, je mehr Unterstützung sie für die aktive Beteiligung an der Förderung erhalten und dabei ihre familiären Bedürfnisse berücksichtigt fanden. Insgesamt schätzten sie die Nützlichkeit etwas niedriger ein als die Nützlichkeit direkter Beratung und wünschten sich eine Kombination aus direkten und digitalen Beratungsformen für die Zukunft (Martinez-Rico et al. 2023). Fazit Digitale Beratungsformen können die direkte Zusammenarbeit der Fachkräfte mit den Eltern ergänzen. Sie können in der Zukunft nützlich sein, insbesondere um schwer erreichbare Familien in der Frühförderung zu begleiten und ihre aktive Beteiligung an der Entwicklungsförderung zu stärken. Sie sollten jedoch möglichst mit einzelnen direkten Kontakten verbunden werden, damit die Fachkraft eine vertrauensvolle Beziehung mit den Eltern aufbauen und diagnostische Einschätzungen der Fähigkeiten und Verhaltensmerkmale des Kindes und seiner Fortschritte selbst vornehmen kann. Die technischen Voraussetzungen für synchrone oder asynchrone Beratung lassen sich heutzutage in vielen Fällen herstellen. Die Rückmeldung der Eltern spricht für eine befriedigende Durchführbarkeit. Studien zur Wirksamkeit zeigen, dass ein Coaching mit Feedback zu ihrem Verhalten in der Interaktion, Reflektion der Um- Familienorientierte Frühförderung - ein Update und Perspektiven für die Zukunft 110 FI 3/ 2025 Klaus Sarimski setzung von förderlichen Strategien und gemeinsamer Suche nach Problemlösungen das Zutrauen der Eltern in ihre eigenen Kompetenzen stärkt und zu positiven Veränderungen der Interaktionsqualität führt. Allerdings beziehen sich die meisten Erfahrungen, die bisher vorliegen, auf die Förderung sozial-kommunikativer Fähigkeiten bei Kleinkindern mit Beeinträchtigungen in der sprachlichen Entwicklung und/ oder autistischen Störungen. In diesem Arbeitsfeld der Frühförderung können geeignete Kontexte für die Förderung (z. B. Rollenspiele oder gemeinsames Bilderbuchlesen) standardisiert sowie evidenz-basierte Empfehlungen zu Interaktionsstrategien gegeben werden, sodass sie für die Eltern gut nachvollziehbar sind. Die bisherigen Studien legen nahe, dass sich diese Arbeitsform auch auf die Förderung von Spielfähigkeiten und lebenspraktischen Kompetenzen bei Kindern mit einer globalen Entwicklungsstörung erweitern lässt. Es fehlt allerdings bisher an Erfahrungen, inwieweit sich digitale Beratungsformen auch auf andere (z. B. motorische) Entwicklungsziele anwenden lassen und ob sie sich auch bei Kindern mit komplexen Behinderungen als machbar und wirksam erweisen. Darüber hinaus ist zu bedenken, dass einige Eltern spezifischer Unterstützung bedürfen, um günstige Strategien zur Entwicklungsförderung auch bei Kindern mit unkooperativem oder abwehrendem Verhalten umzusetzen. Empfehlungen zu einer systematischen Förderung der Kooperationsbereitschaft der Kinder können in die digitale Beratung integriert werden. Wenn diese nicht ausreichen, sollten sie durch eine funktionale Verhaltensanalyse in direktem Kontakt mit der Fachkraft ergänzt werden, um die Zusammenhänge von problematischen Verhaltensweisen des Kindes zu identifizieren und auf dieser Grundlage positive Verhaltensansätze zu bestärken (Sarimski 2022). Grundsätzlich ist festzuhalten, dass eine Förderung der aktiven Beteiligung der Eltern an der Förderung ein systematisches Coaching mit Feedback und gemeinsamer Reflektion erfordert, um zu nachhaltigen Veränderungen im elterlichen Interaktionsverhalten zu führen. In dieser Hinsicht besteht eine Diskrepanz zwischen einer positiven Grundhaltung der meisten Fachkräfte zu familienorientierten Prinzipien und der Praxis, die vielfach weiterhin auf die kindorientierte Förderung ausgerichtet ist. Eine systematische Fortbildung von Fachkräften, die mit dieser Arbeitsform noch wenig vertraut sind, wäre wünschenswert, um die aktive Beteiligung der Eltern an der Förderung zu stärken (Meadan et al. 2020, McLeod et al. 2021, Romano und Schnurr 2022). Valide Verfahren zur kontinuierlichen (Selbst-) Evaluation, inwieweit die Fachkräfte familienorientierte Prinzipien der Arbeit und Strategien zur aktiven Beteiligung der Eltern umsetzen, könnten in der Praxis genutzt werden (z. B. die „Coaching Fidelity Scale“; Meadan et al. 2023). Prof. i. R. Dr. Klaus Sarimski Löfftzstraße 5 80637 München E-Mail: sarimski@gmx.de Literatur Akemoglu, Y., Laroue, D., Kudesey, C., Stahlman, M. 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