Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2025.art18d
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Stichwort: Wichtig ist, was im Alltag läuft: Autismus aus einem bio-psycho-sozialen Blick
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Andreas Seidel
Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) sind komplexe neuronale Entwicklungsstörungen, die durch qualitative Störungen und Beeinträchtigungen in der sozialen Interaktion, Kommunikation sowie in der Wahrnehmung und im Verhalten definiert sind. In den letzten Jahren hat sich beim Thema Autismus der Fokus zunehmend auf die Teilhabe von Menschen mit Autismus verlagert. Dabei gewinnt die ICF (International Classification of Functioning, Disability and Health) als bio-psycho-soziales Modell der Weltgesundheitsorganisation (WHO) an Bedeutung für eine ganzheitliche Betrachtung bei ASS.
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155 Frühförderung interdisziplinär, 44.-Jg., S.-155 - 158 (2025) DOI 10.2378/ fi2025.art18d © Ernst Reinhardt Verlag STICHWOR T Wichtig ist, was im Alltag läuft: Autismus aus einem bio-psycho-sozialen Blick Andreas Seidel Zusammenfassung Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) sind komplexe neuronale Entwicklungsstörungen, die durch qualitative Störungen und Beeinträchtigungen in der sozialen Interaktion, Kommunikation sowie in der Wahrnehmung und im Verhalten definiert sind. In den letzten Jahren hat sich beim Thema Autismus der Fokus zunehmend auf die Teilhabe von Menschen mit Autismus verlagert. Dabei gewinnt die ICF (International Classification of Functioning, Disability and Health) als bio-psycho-soziales Modell der Weltgesundheitsorganisation (WHO) an Bedeutung für eine ganzheitliche Betrachtung bei ASS. ASS: Zwischen biologischer Disposition und sozialer Konstruktion Autismus wurde lange Zeit vornehmlich mit einem bio-medizinischen Fokus gesehen und dann auch meist medizinisch-pathologisch interpretiert. Menschen mit ASS galten als defizitär, behandlungsbedürftig und „anders“. Diese Sichtweise hat sich in den letzten Jahren zunehmend gewandelt (Schwarz 2020, Bölte et al. 2024). Dies zeigt sich auch darin, dass für die Diagnosebeschreibung in der ICD-11 nun die „dimensionale“ Beschreibung einer Autismus-Spektrum-Störung gewählt wird, während mit der ICD-10 noch ein kategorialer Diagnosebegriff im Sinne von Krankheit benutzt wurde (Schwarz 2020, WHO 2023). Darüber hinaus wird Autismus heute zunehmend als neurodiverse Variante menschlichen Seins verstanden. Diese Perspektive betont, dass Menschen, welche die Diagnosekriterien von Autismus erfüllen, nicht „krank“ oder „gestört“ sind, sondern vielmehr andere Denk- und Wahrnehmungsmuster aufweisen, die unter ungünstigen Kontextbedingungen in einer Gesellschaft zu relevanten Beeinträchtigungen der Aktivitäten und Teilhabe und damit zu Behinderung führen können (Bölte et al. 2024). Das bio-psycho-soziale ICF-Modell greift diese Idee auf, indem es Behinderung nicht als ausschließlich individuelles Problem betrachtet, sondern als Resultat der Wechselwirkung zwischen gesundheitlichen Beeinträchtigungen und gesellschaftlichen Kontextfaktoren (WHO 2001, Bölte et al. 2024). Die unterschiedliche Sichtweise von ICD (als Klassifikation von Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) und ICF wird auch dadurch deutlich, wenn deren Inhalte kategorisiert werden. Dabei ist zu erkennen, dass die ICD vornehmlich Beeinträchtigungen von mentalen Körperfunktionen sowie von Kommunikation, Interaktion und Verhalten beschreibt (WHO 2019, WHO 2023). Die ICF hingegen schaut, wie es der betroffenen Person mit einer ASS in der Lebenswirklichkeit geht, beschreibt Beeinträchtigungen und Ressourcen. Um die ICF für den Alltag handhabbarer zu machen, werden Core-Sets oder Checklisten benutzt (Seidel et al. 2021). Das ICF-Core-Set für Kinder im Vorschulalter benennt auch Angaben z. B. zu den Sinnes- und Wahrnehmungsfunktionen sowie Inhalte aus fast allen Lebensbereichen (außer Kapitel 6). Der größte Unterschied zwischen ICD und ICF ist bei den Kontextfaktoren zu sehen; diese werden nur in der ICF beschrieben. Das heißt: Kontext und Kontextorientierung können wir differenziert nur mit der ICF beschreiben (Bölte et al. 2024). Auch die 156 FI 4/ 2025 Stichwort klinisch-diagnostischen Werkzeuge, die im Rahmen der (Differenzial-) Diagnostik von Autismus benutzt werden (z. B. ADOS oder ADI-R) beachten ebenfalls die Kontextfaktoren, also Umwelt- und personbezogene Faktoren, nur sehr eingeschränkt (Black et al. 2025). Autismus im Vorschulalter: Bedeutung und Praxis der Frühförderung in Deutschland ASS manifestieren sich häufig bereits im frühen Kindesalter. Typische Hinweise auf eine solche Entwicklungsabweichung zeigen sich oft vor dem dritten Lebensjahr - etwa in Form von eingeschränkter sozialer Interaktion, fehlendem Blickkontakt, repetitivem Verhalten oder Verzögerungen in der Sprachentwicklung. Eine frühzeitige Diagnostik und daran anschließende frühe Förderung und Therapie sind entscheidend, um Entwicklungsrisiken zu minimieren und Teilhabechancen langfristig zu verbessern (Voigt 2024). In Deutschland kommt dabei dem System der interdisziplinären Frühförderung eine zentrale Rolle zu. Die Frühförderung in Deutschland richtet sich an Kinder mit (drohenden) Behinderungen bis zum Schuleintritt und verfolgt das Ziel, die kindliche Entwicklung ganzheitlich zu fördern unter besonderer Berücksichtigung von Familie und anderer Kontextfaktoren (Voigt 2024). Die Rolle der ICF in der Praxis und Autismusforschung Die ICF der WHO dient als internationale Klassifikation, um Gesundheitszustände als Funktionsfähigkeit ganzheitlich zu erfassen (WHO 2001). Sie unterscheidet dabei zwischen: ◾ Körperfunktionen ◾ Körperstrukturen ◾ Aktivitäten (individuelle Handlungskompetenzen) und ◾ Partizipation (gesellschaftliche Teilhabe) sowie ◾ Umweltfaktoren und ◾ personbezogenen Faktoren Die untenstehende Abbildung zeigt die Wechselwirkungen der Komponenten im bio-psychosozialen Modell (WHO 2001): Im Kontext von Autismus bedeutet das zum Beispiel in der Praxis: ein Mensch kann Schwierigkeiten in der nonverbalen Kommunikation haben, aber durch barrierefreie verbale Kommunikation, unterstützende Technologien und ein inklusives Umfeld dennoch im besten Fall vollständig am sozialen Leben teilhaben. Umweltfaktoren können dabei oft entscheidend sein, da diese Funktionsfähigkeit und Teilhabe als Förderfaktoren unterstützen und als Barriere beeinträchtigen können (Bölte et al. 2024). Gesundheitsproblem (Gesundheitsstörung oder Krankheit) Körperfunktionen und -strukturen Umweltfaktoren personbezogene Faktoren Aktivitäten Partizipation Teilhabe 157 FI 4/ 2025 Stichwort Viele Hindernisse für Kinder mit Autismus entstehen nicht (alleine) durch ihre neurologische Disposition, sondern durch soziale Ausgrenzung, mangelndes Wissen, unflexible Strukturen oder unzureichende Unterstützungssysteme (Seidel et al. 2021). Für Kinder im Vorschulalter könnte dies zum Beispiel durch eine fehlende oder zu spät beginnende Frühförderung gegeben sein. Frühfördermaßnahmen können die Entwicklung von Kindern mit Autismus erheblich unterstützen (Voigt 2024). Sie fördern nicht nur kognitive und kommunikative Kompetenzen, sondern stärken auch die Eltern in ihrer Rolle. Entscheidend ist dabei ein interdisziplinärer Ansatz, der die individuelle Entwicklung in den Mittelpunkt stellt und Umweltfaktoren gezielt verändert, etwa durch angepasste Gruppenangebote oder sensorisch abgestimmte Lernräume. Frühzeitige Interventionen haben dabei nachweislich positive Auswirkungen auf die späteren Bildungs- und Teilhabechancen der Kinder (Voigt 2024). Kinder mit ASS benötigen auch Fachkräfte, die ausreichend geschult sind, um deren Bedürfnisse zu erkennen und zu begleiten. Solche Fachkräfte sind Förderfaktoren für diese Kinder. Sind keine Fachkräfte vorhanden, diese nicht ausreichend qualifiziert oder haben diese vielleicht eine ablehnende Haltung oder Vorurteile, so gibt es aus Sicht des betroffenen Kindes eine Barriere. Die ICF-Konzeption erlaubt es, solche Barrieren sichtbar zu machen und gezielte Interventionen in Kooperation mit der betroffenen Person, der Familie sowie dem sozialen Umfeld zu entwickeln. Es ist zu erwarten, dass die Forschung mit der ICF bei ASS in den kommenden Jahren weitere Möglichkeiten für die Themen Diagnostik, Funktionsfähigkeit und Dokumentationsstrukturen aufzeigen wird (Bölte et al. 2024, Black et al. 2025). In der Praxis der Frühförderung ist das Anwenden der ICF-Klassifikation bereits seit mehreren Jahren vorgegeben. Teilhabe und Inklusion Mit dem Bundesteilhabegesetz von 2016 wurde und wird in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention umgesetzt nach dem handlungsleitenden Motto: Nichts über uns ohne uns. Ein zentrales Ziel moderner Inklusionspolitik ist dabei auch das Empowerment - die Stärkung individueller Selbstbestimmung und sozialer Teilhabe (Seidel et al. 2021). In Bezug auf Autismus bedeutet dies unter anderem: ◾ Peer-Support und Selbstvertretung ◾ barrierefreie Kommunikation ◾ Individuelle Gestaltung von Lebens- und Spielräumen Dies bedeutet auch, dass Inklusion für Kinder mit ASS nicht nur theoretisch möglich, sondern praktisch umsetzbar ist - wenn der Wille zur strukturellen Veränderung besteht. Entwicklungs- und Lernvorgänge der Person mit ASS alleine reichen für eine bestmögliche Teilhabe und Inklusion meist nicht aus; hier braucht es zusätzlich die bestmögliche Anpassung der Umwelt(-faktoren). Autismus ist also kein Problem oder eine Krankheit, das/ die an sich gelöst und überwunden werden muss - sondern eine Variation menschlicher Existenz, die Respekt und Anpassung verdient (Seidel et al. 2021). Ein inklusives Verständnis von Teilhabe und Neurodiversität erfordern dabei aber auch ein gesellschaftliches Umdenken: weg von normativen Vorstellungen von Normalität hin zu einer pluralistischen Anerkennung von Vielfalt (Seidel et al. 2021, Black et al. 2025). Fazit Die Lebenswirklichkeit von Menschen mit Autismus zeigt die Notwendigkeit, biologische, psychologische und soziale Aspekte gleichermaßen zu berücksichtigen. Das ICF-Modell der WHO bietet diesen „ganzheitlichen“ integrativen Rahmen, der nicht nur Defizite und Beeinträchtigun- 158 FI 4/ 2025 Stichwort gen beschreibt. Mit der ICF werden auch Ressourcen und Potenziale sichtbar gemacht und die Bedeutung von Kontextfaktoren betont, damit eine individuell bestmögliche Teilhabe erreicht werden kann. Ein Aspekt, der dabei besonders hervorzuheben ist, ist die Frühförderung von Kindern mit ASS. Sie stellt einen entscheidenden Schritt dar, um individuelle Entwicklungswege frühzeitig zu unterstützen, Eltern zu stärken und strukturelle Teilhabebarrieren bereits vor Schuleintritt abzubauen. Auch für Kinder mit ASS gilt: wichtig ist, was im Alltag läuft. Prof. Dr. Andreas Seidel Hochschule Nordhausen Weinberghof 4 99734 Nordhausen E-Mail: seidel@hs-nordhausen.de Telefon: 03631 420 568 Literatur Black, M. H., Remnélius K. L., Alehagen L., Bourgeron T., Bölte S. (2025): From Symptomatology to Functioning - Applying the ICF to Autism Measures to Facilitate Neurodiversity-Affirmative Data Harmonization. J Autism Dev Disord 55(1),114 - 129, https: / / doi.org/ 10.1007/ s10803-023-06204-2 Bölte, S., Alehagen, L., Black, M. H., Hasslinger, J., Wessman, E., Lundin Remnélius, K., Marschik, P. B., D‘Arcy, E., Crowson, S., Freeth, M., Seidel, A., Girdler, S., Zander, E. (2024): The Gestalt of functioning in autism revisited: First revision of the International Classification of Functioning, Disability and Health Core Sets. Autism 28(9), 2394 - 2411, https: / / doi.org/ 10.1177/ 13623613241228896 Schwarz, K. (2020): Autismusbilder. Beltz Juventa in der Verlagsgruppe Beltz, Weinheim Basel Seidel, A., Schneider, S., Steinborn, P. A. (2021): Praxishandbuch Autismus - ICF orientiertes Arbeiten. Beltz Juventa Verlag, Weinheim und Basel Voigt, F. (2024): Frühdiagnostik und Frühtherapie bei Autismus-Spektrum-Störungen. 2. Überarbeitete Auflage. Ernst Reinhardt Verlag, München WHO (2001): International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF). World Health Organization, 2001 WHO (2019): International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems. 10th Revision (ICD-10). Geneva, World Health Organization WHO (2023): International Classification of Diseases for Mortality and Morbidity Statistics (11th Revision). Geneva: World Health Organization
