eJournals Frühförderung interdisziplinär44/4

Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2025.art23d
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2025
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Rezension: Wienke Bracht: Kinder mit Autismus in der Kita. Grundwissen und Hilfen für die Praxis

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2025
Marina Kammermeier
Victoria Lang
Die zweite Auflage des Buches „Kinder mit Autismus in der Kita“ richtet sich an Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen und gibt neben allgemeinen Informationen und theoretischen Grundlagen praktische Hinweise für den Umgang mit Kindern im Autismus-Spektrum in der Kita. Die Autorin, Wienke Bracht, ist Heilpädagogin, arbeitet am Hamburger Autismus Institut und bietet Fortbildungen zu unterschiedlichen Themenbereichen im Kontext Autismus an.
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194 FI 4/ 2025 REZENSION Wienke Bracht Kinder mit Autismus in der Kita Grundwissen und Hilfen für die Praxis 2025. Kohlhammer, 168 S., € 29,- Die zweite Auflage des Buches „Kinder mit Autismus in der Kita“ richtet sich an Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen und gibt neben allgemeinen Informationen und theoretischen Grundlagen praktische Hinweise für den Umgang mit Kindern im Autismus-Spektrum in der Kita. Die Autorin, Wienke Bracht, ist Heilpädagogin, arbeitet am Hamburger Autismus Institut und bietet Fortbildungen zu unterschiedlichen Themenbereichen im Kontext Autismus an. Das erste Kapitel erläutert prägnant, fundiert und unter Einbezug aktueller Entwicklungen (z. B. Verweis auf ICD-11) diagnostische Kriterien, in Fachkreisen diskutierte Ursachen sowie autismusspezifische Besonderheiten u. a. in Wahrnehmung, Kommunikation/ Interaktion, Verhalten und Kognition (z. B. bzgl. exekutiver Funktionen). Zudem thematisiert das Kapitel die Auswirkungen dieser Besonderheiten sowohl für das autistische Kind (u. a. erhöhte Anstrengung, individuelle Anpassungsstrategien, Selbstwertproblematik) als auch für dessen soziales Umfeld (z. B. Belastung durch herausforderndes Verhalten und Anpassungsbedarf ). Das zweite Kapitel widmet sich verschiedenen Themen, die im Kontext von Autismus in Kindertageseinrichtungen relevant sind. Der Fokus liegt dabei auf der Entstehung herausfordernder Verhaltensweisen und dem Umgang damit, sowie auf der Gestaltung von Elterngesprächen bei einem Autismus-Verdacht. Positiv hervorzuheben ist die differenzierte Darstellung herausfordernder Verhaltensweisen, die einerseits ein Verständnis für die Ursachen fordert und anderseits die Belastung der Fachkräfte anerkennt. Dabei wird auf die Bedeutung einer professionellen Haltung der Fachkraft sowie ein Bewusstsein für das eigene Stressniveau verwiesen, da dieses maßgeblich beeinflusst, was als „herausfordernd“ wahrgenommen wird. In diesem Zusammenhang betont die Autorin, dass sich das soziale Umfeld durch entsprechendes Wissen und geeignete Strategien auf potenziell herausforderndes Verhalten vorbereiten kann - was wiederum die Handlungssicherheit der Fachkräfte stärkt. Ein wichtiger kritischer Hinweis besteht zudem in der Thematisierung der Problematik der von außen an das Kind herangetragenen Anpassungsanforderungen - insbesondere im Hinblick auf potenzielle negative Folgen, die durch die Unterdrückung kindlicher Bedürfnisse und das Unterbinden von Stimming (selbstregulierende Verhaltensweisen) entstehen können. Zuletzt gibt das Kapitel Hinweise darauf, wie den Eltern ein Verdacht vermittelt werden kann und was dabei zu beachten ist (z. B. Akzeptanz und Berücksichtigung möglicher kultureller/ religiöser Gründe für die elterliche Ablehnung des Verdacht). Zudem wird thematisiert, wie die Fachkraft Eltern weiterhin unterstützen kann, z. B. durch das Wissen um mögliche Anlaufstellen (z. B. IFF, Familienberatung etc.) und zusätzliche Hilfen im Kita-Kontext (z. B. I-Kraft, HPT, Hilfsmittel etc.), und wie sie diese bei der Diagnoseverarbeitung oder bei Unsicherheiten im Umgang mit kindlichem Verhalten begleiten kann. Im dritten Kapitel folgen Anregungen für konkrete Unterstützungsmaßnahmen und Strategien für herausfordernde Situationen sowie zum Umgang mit Eltern im Kita-Alltag. Die Autorin verweist zu Beginn zunächst auf die Bedeutung des Beziehungsaufbaus zum Kind, welcher durch die Vorhersehbarkeit des eigenen Handelns und durch ein auf die kindlichen Bedürfnisse ausgerichtetes feinfühliges Verhalten gefördert werden kann. Allgemein orientiert sich die Autorin in ihren Praxistipps an der Alltagsrealität in Kindertageseinrichtungen (Stichwort: Personalmangel) 195 FI 4/ 2025 Rezension und verweist darauf, dass kleine Veränderungen bereits mit wenig Personal umsetzbar sind und Entlastung für alle Beteiligten schaffen können. In der anschließenden Darstellung möglicher schwieriger Alltagssituationen (z. B. Eingewöhnung, Morgenkreis, Essenssituationen, Sauberkeitserziehung, Schulübergang) hebt sie die Bereitschaft zur Veränderung und eine gute Kommunikation aller Beteiligten (Kolleg: innen, Eltern, etc.) als grundlegende Voraussetzung hervor. Der mittlere Teil des Kapitels gibt praxisnahe Hinweise zur datenschutzkonformen und individuell abgestimmten Aufklärung über die Autismus- Diagnose eines Kindes gegenüber anderen Kindern und Eltern, zur sensiblen Elternberatung nach der Diagnosestellung (u. a. Umgang mit Überforderung, Betonung von Stärken des Kindes) sowie zum professionellen Umgang mit (möglicherweise abweichenden) Haltungen im Team/ von anderen Fachkräften. Der letzte Teil des Kapitels widmet sich Unterstützungsimpulsen in verschiedenen Bereichen (u. a. Kommunikation, Wahrnehmung, emotionale und soziale Fähigkeiten). Positiv hervorzuheben ist die Aussage, dass es nicht darum gehe, den „Autismus wegzumachen“, sondern darum, Kompetenzen zu fördern, die dem Kind das Leben in einer nicht-autistischen Welt erleichtern. Laut der Autorin erfordert dies eine akzeptierende Haltung gegenüber dem Kind, ein Verständnis für dessen (wahrnehmungsbezogene) Besonderheiten (z. B. für mögliche Über- und Unterempfindlichkeiten und entsprechende Reizgestaltung) sowie die Bereitschaft, die Umwelt an die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten des Kindes anzupassen (z. B. durch entsprechende Strukturierung und Visualisierung). In einem abschließenden Kapitel fasst die Autorin differenziert zusammen, dass die Inklusion eines autistischen Kindes aufgrund der Rahmenbedingungen in Kindertageseinrichtungen häufig nicht vollständig möglich erscheint - oft jedoch bereits eine veränderte Haltung, eine flexible Sichtweise sowie gute Planung und kleine Anpassungen im Umfeld dazu beitragen können, dem Kind eine entspannte und förderliche Teilhabe am Kita-Alltag zu ermöglichen. Das Buch bietet eine hilfreiche Einführung in den Umgang mit autistischen Kindern im Kita-Alltag. Besonders hervorzuheben ist die konsequente Anregung zu einem Perspektivwechsel - sowohl in Bezug auf das Kind als auch auf dessen Umfeld. Die Autorin legt großen Wert darauf, die möglichen Ursachen bestimmter Verhaltensweisen zu verstehen und dabei stets eine wertschätzende, offene Haltung einzunehmen. Sie betont zudem die Bedeutung von Beobachtung, sorgfältiger Vorbereitung, Flexibilität und individueller Anpassung sowie der Selbstfürsorge der Fachkräfte. Trotz oft begrenzter Ressourcen und schwieriger Rahmenbedingungen zeigt das Buch, dass bereits kleine Anpassungen und eine veränderte Haltung die Situation für alle Beteiligten spürbar verbessern können. Da viele relevante Themen im Buch angesprochen werden, bleiben diese teils etwas oberflächlich. So wären neben den umfangreich beschriebenen Fallbeispielen an manchen Textstellen konkrete Beispiele hilfreich (z. B. Unterempfindlichkeit beim Schmecken: Vorliebe für scharfes oder hartes Essen). Für Fachkräfte ohne/ mit wenig Vorwissen bietet das Buch dennoch eine gute Grundlage und weiterführende Hinweise. Sprachlich ist das Buch überwiegend verständlich und differenziert formuliert und vermeidet pauschale Aussagen („Autist: innen sind …“). Einzelne Formulierungen und Satzstrukturen könnten klarer sein, und gelegentliche grammatikalische Fehler und unpassende Begrifflichkeiten (z. B. „Entwicklungsdefizite“) stören den Lesefluss etwas. Insgesamt ein empfehlenswertes Buch für Fachkräfte, die sich dem Thema Autismus in der Kita nähern möchten. Dr. Marina Kammermeier & Victoria Lang DOI 10.2378/ fi2025.art23d