Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Editorial 1/2026
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Helmut Hollmann
Frühförderung in Zeiten des Reformstaus – oder: Aufbruch zu neuen Ufern!?
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1 FI 1/ 2026 EDITORIAL Frühförderung in Zeiten des Reformstaus - oder: Aufbruch zu neuen Ufern! ? Helmut Hollmann Liebe Leserin, lieber Leser, ich schreibe diese Zeilen am Tag nach dem Gedenken an den Überfall der Hamas auf Israel vor zwei Jahren 2023. Betroffen von den unsäglichen Gräueln zunächst in Israel, dann im Gaza-Streifen sind sehr viele junge Menschen, Familien und v. a. Kinder. Das Leid und die fortgesetzte Traumatisierung aller Beteiligten stimmen traurig und machen ratlos in der Perspektive auf eine Zukunft. Wie sollen die Menschen dort selbst bei einem Schweigen der Waffen zu einem geordneten, friedvollen und vielleicht sogar durch Respekt füreinander geprägten Umgang finden auf Basis dieser Erlebnisse? Und wie können und sollen Eltern ihre Kinder in diese ungewisse Zukunft führen und ihnen Lebensmut vermitteln? Sicher fragen Sie sich, was dies alles mit Frühförderung in Deutschland zu tun hat. Wir treten hier ein für die Belange benachteiligter Kinder und ihrer Familien, bemühen uns um die Realisierung inklusiver Vorgehensweisen und zielen mit unserer Arbeit auf gelingende soziale Teilhabe für alle. Dabei fühlen wir uns mitunter politisch und finanzierungstechnisch nicht ausreichend wahrgenommen und gewürdigt, außerdem drangsaliert durch Verordnungen, Regularien und Bürokratie. So berechtigt dies im Einzelfall ohne Frage ist: der Blick in das Schreckensszenario des Nahen Ostens ebenso wie auf die Ukraine oder in die Krisen- und Kriegsregionen Afrikas sollte uns immer wieder bewusst machen, über welches Füllhorn der Möglichkeiten wir in Deutschland verfügen, und hiermit auch sehr viel Gutes bewirken. Es ist das Bestreben aller in der Frühförderung tätigen Fachkräfte, diesen positiven Impetus zu bewahren und auszubauen. Dennoch lassen sich Veränderungen nicht vermeiden; Reformen sind entsprechend den Erweiterungen der Perspektiven in Wissenschaft und Praxis grundsätzlich notwendig. Umgekehrt birgt Stillstand das Risiko der unzureichenden Anpassung an die Dynamik der Systeme. Doch ist bei wachsender Komplexität sowohl der Inhalte als auch der Organisationsstrukturen nunmehr ein scheinbarer Kulminationspunkt zu konstatieren: aus dem Ruf nach Umbau und Modernisierung resultiert eher Ratlosigkeit und Unentschiedenheit. Das erschwert nicht nur zukunftsfähige Entwicklungen, sondern gefährdet auch den Bestand aufgrund von Ineffizienz der historisch gewachsenen Parallelstrukturen. Diesen Aspekt arbeitet Britta Dawal heraus in ihrem Beitrag „Frühförderung als Brückeninstitution - Ein Schlüssel zur Sicherung inklusiver Bildung im Übergang von der Kita zur Schule? “ Anhand ausgewählter Ergebnisse einer NRW-weiten Online-Erhebung beschreibt sie 2 FI 1/ 2026 Editorial die Ist-Situation der Transition aus der Frühförderung sowohl in den Bereich der KiTa als auch besonders bei der Einschulung. Mit vier markanten abschließenden Positionen werden pragmatische Ansätze einer Verbesserung formuliert. So sehr kindliche Entwicklungsstörungen und hierbei insbesondere Sprachstörungen eine Hypothek für die Schullaufbahn darstellen, so sind es langfristig doch die Verhaltensprobleme, aus denen entscheidende Limitationen für die Entwicklung eines Kindes resultieren, auch was die erfolgreiche Umsetzung von Unterstützungs- und Fördermaßnahmen betrifft. Fehlende Passung im Sozialverhalten, unzureichende Selbstregulation und Emotionalstörungen mit depressiven oder ängstlichen Mustern führen zu anhaltenden Problemen in der Alltagsbewältigung und sozialen Einbindung. Eine manifeste auditive Sinnesstörung wie hochgradige Hörbeeinträchtigung oder Taubheit erschwert es Eltern grundlegend, in die stützende Kommunikation mit ihrem jungen Kind zu kommen und so die erforderlichen Grundlagen der sozial-emotionalen Entwicklung zu stützen. Martin Hintermair, Karolin Schäfer und Vanessa Hoffmann stellen den „Fragebogen zur Emotionskommunikation von Eltern mit hörgeschädigten Kindern im Vorschulalter (F-El-EmKom)“ vor. Anhand der praktischen Erprobung erläutern sie grundlegende Aspekte dieses immer noch unzureichend beachteten Entwicklungsbereiches und verweisen anhand der Studienergebnisse auf Parameter des Gelingens, die von allgemeiner Relevanz sind. Die Fachbeiträge der vor Ihnen liegenden Ausgabe der „Frühförderung interdisziplinär“ sind Bausteine auf dem Weg zu neuen Ufern unserer Erkenntnisse. Es ist dies der 45. Jahrgang der Zeitschrift, die sich dem Transfer von Wissenschaft in die Praxis besonders verpflichtet fühlt. Die Institutionen der Frühen Entwicklungsförderung stehen zweifelsohne vor einer Umbruchphase ihrer Organisation und systematischen Positionierung, wie es schon das Themenschwerpunktheft „Frühförderung neu denken“ vor drei Jahren antizipiert hat. Hierin liegt die Chance, Parallelstrukturen zu überwinden und zu einer breiten professionellen Zusammenarbeit zu finden. Beide Arbeiten zeigen hierzu jeweils themenzentrierte Ansätze konkret auf. Es liegt bei jeder und jedem von uns, dies im Kleinen und individual patientenbezogen zu gestalten. Anforderung an die Kostenträger ist es, die strukturellen und finanzierungstechnischen Rahmenbedingungen zu schaffen. Das muss in Anbetracht des allgemeinen „Geldmangels“ in unserer Wohlstandsgesellschaft nicht den Ruf nach Mittelerhöhung umfassen, sondern verlangt zunächst den überfälligen Wechsel hin zu einer familienzentrierten Sichtweise mit Abkehr vom wissenschaftlich antiquierten, fast isoliert kindzentrierten Vorgehen. Dazu fehlt bisher der Mut. Ich wünsche Ihnen diese Entscheidungskraft in Ihrem beruflichen Alltag und für das gesamte Neue Jahr 2026 im Namen von Herausgeberschaft, Schriftleitung und Verlag. Viel Freude und Erkenntnisgewinn bei der Lektüre! Dr. Helmut Hollmann
