eJournals Frühförderung interdisziplinär45/2

Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2026.art06d
1_045_2026_2/1_045_2026_2.pdf41
2026
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Aus der Praxis: Mitarbeitergewinnung in der Frühförderung im ländlichen Raum - Strategien und Chancen

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2026
Susanne Dolscheid
Heilpädagogische und interdisziplinäre Frühförderung spielt eine entscheidende Rolle in der Entwicklung von Kindern mit Entwicklungsrisiken oder Behinderungen. Die ersten Lebensjahre sind besonders prägend für die neuronale Entwicklung. Eine gezielte Frühförderung kann Verzögerungen frühzeitig erkennen und diesen entgegenwirken. Zudem hilft sie, individuelle Fähigkeiten zu stärken und Kompensationsstrategien zu entwickeln. Ein interdisziplinärer Ansatz stellt sicher, dass verschiedene Fachrichtungen – darunter Heilpädagog:innen, Ergotherapeut:innen, Logopäd:innen, Physiotherapeut:innen, Psycholog:innen und Ärzt:innen – zusammenarbeiten, um eine umfassende Förderung zu gewährleisten. Dies ermöglicht eine gleichzeitige Unterstützung der motorischen, kognitiven, sprachlichen und sozialen Entwicklung.
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66 Frühförderung interdisziplinär, 45.-Jg., S.-66 - 68 (2026) DOI 10.2378/ fi2026.art06d © Ernst Reinhardt Verlag Mitarbeitergewinnung in der Frühförderung im ländlichen Raum - Strategien und Chancen Susanne Dolscheid AUS DER PRAXIS Einleitung Heilpädagogische und interdisziplinäre Frühförderung spielt eine entscheidende Rolle in der Entwicklung von Kindern mit Entwicklungsrisiken oder Behinderungen. Die ersten Lebensjahre sind besonders prägend für die neuronale Entwicklung. Eine gezielte Frühförderung kann Verzögerungen frühzeitig erkennen und diesen entgegenwirken. Zudem hilft sie, individuelle Fähigkeiten zu stärken und Kompensationsstrategien zu entwickeln. Ein interdisziplinärer Ansatz stellt sicher, dass verschiedene Fachrichtungen - darunter Heilpädagog: innen, Ergotherapeut: innen, Logopäd: innen, Physiotherapeut: innen, Psycholog: innen und Ärzt: innen - zusammenarbeiten, um eine umfassende Förderung zu gewährleisten. Dies ermöglicht eine gleichzeitige Unterstützung der motorischen, kognitiven, sprachlichen und sozialen Entwicklung. Darüber hinaus bietet die Frühförderung Eltern und Familien wertvolle Unterstützung. Nach aktuellem Stand des Wissens ist es erforderlich, dass die Eltern den Entwicklungsprozess ihres Kindes aktiv gestalten. Hierzu vermitteln die Mitarbeitenden der Frühförderung die notwendige fundierte Beratung im Umgang mit Entwicklungsbesonderheiten. Dies trägt dazu bei, die Teilhabechancen und soziale Integration der Kinder zu verbessern. Durch Frühförderung haben Kinder mit Beeinträchtigungen bessere Chancen auf eine erfolgreiche Integration in Kindergärten und Schulen. Die Frühförderung ist zudem eine präventive Maßnahme: Ohne rechtzeitige Förderung können sich Defizite verfestigen, was später zu schulischen oder sozial-emotionalen Schwierigkeiten führen kann. Frühzeitige Unterstützung kann langfristig auch kostenintensive Maßnahmen reduzieren. Gleichzeitig stehen Frühförderstellen, insbesondere in ländlichen Regionen, vor besonderen Herausforderungen bei der Sicherstellung dieser wichtigen Arbeit. Zu nennen sind hier insbesondere der Fachkräftemangel und der demografische Wandel. Laut dem Statistischen Bundesamt (o. D.) ist die Bevölkerung im Erwerbsalter (20 bis 66 Jahre) rückläufig, und das Erwerbspersonenpotenzial würde ohne Zuwanderung bis Mitte der 2030er-Jahre um 7, 9 Millionen schrumpfen. So sind in der Einrichtung, die ich leiten darf, in den letzten drei Jahren allein durch den Eintritt in den Ruhestand vier von 12 Kolleg: innen ausgeschieden, deren Stellen wir nachbesetzen mussten und wollten. Eine weitere Mitarbeitende orientierte sich in diesem Zeitraum um, weil die veränderten Rahmenbedingungen der Frühförderung nicht mehr zu ihrem Bild der Arbeit passten und eine Fachkraft beendete ihre Tätigkeit nach etwa einem Jahr, da sie diese nicht mit den persönlichen Lebensumständen vereinbaren konnte. Ziel dieses Beitrags ist es daher, von eigenen Erfahrungen in der Mitarbeitergewinnung zu berichten, Lösungsansätze und Perspektiven aufzuzeigen und einen Diskurs anzustoßen. Denn wenn dem Fachkräftemangel nicht gemeinsam entgegengewirkt wird, werden insbesondere auf dem Land Angebote für behinderte oder von Behinderung bedrohte Kinder und ihre Familien wegfallen. 67 FI 2/ 2026 Aus der Praxis Herausforderungen der Mitarbeitergewinnung in der Frühförderung im ländlichen Raum Leitungskräfte von Frühförderstellen sehen sich mit strukturellen, berufsspezifischen und soziokulturellen Herausforderungen konfrontiert. Ländliche Regionen unterscheiden sich deutlich von städtischen Gebieten und weisen innerhalb ihrer Strukturen eine große Heterogenität auf (siehe dazu das Nationale Zentrum Frühe Hilfen, NZFH). Eine geringe Bevölkerungsdichte erschwert den Zugang zu qualifiziertem Fachpersonal, während der demografische Wandel und die Abwanderung junger Menschen in städtische Gebiete das Problem verschärfen. Zusätzlich sind Berufe in der Frühförderung besonders betroffen, da sie häufig eine hohe Verantwortung mit vergleichsweise niedriger Vergütung kombinieren. Weitere Herausforderungen sind eine begrenzte Infrastruktur - etwa eingeschränkte Verkehrsanbindungen und ein reduziertes Freizeitangebot -, die die Attraktivität ländlicher Regionen für potenzielle Fachkräfte verringern. Zudem fehlt es vielen Bewerber: innen an konkretem Wissen über das Arbeitsfeld der Frühförderung, weshalb sie sich in ihrer Jobsuche oft auf bekanntere berufliche Tätigkeiten konzentrieren. Lösungsansätze Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, müssen Träger und Verantwortliche gezielte Strategien zur Mitarbeitergewinnung entwickeln. Dazu gehören: 1. Kooperationen mit Fachschulen und Universitäten - Praktikumsangebote und enge Zusammenarbeit mit Ausbildungsstätten können frühzeitig Interesse für das Berufsfeld wecken. In unserer Einrichtung haben wir bereits positive Erfahrungen mit dieser Strategie gemacht. Eine unserer neuen Kolleginnen kam über ein früheres Praktikum zu uns und entschied sich später für eine Anstellung, da sie sich bereits mit den Strukturen und dem Team vertraut fühlte. 2. Aufbau regionaler Netzwerke - Eine stärkere Präsenz der Frühförderstellen in der Region kann das Bewusstsein für die Bedeutung dieser Arbeit schärfen. Außerdem trägt dies dazu bei, die Einrichtung als Marke in der Region zu stärken. 3. Frühzeitige Stellenausschreibungen - Um geeignete Nachfolgelösungen zu finden, sind vorausschauende Personalplanungen notwendig. Bereits elf Monate vor Ausscheiden einer Kollegin in den passiven Teil ihrer Altersteilzeit stellten wir die Stellenausschreibung online, sodass bereits ein halbes Jahr vor Stellenantritt der neue Arbeitsvertrag unterzeichnet werden konnte. 4. Betonung der Sinnhaftigkeit der Arbeit - Die erfüllende Tätigkeit in der Frühförderung, das Gemeinschaftsgefühl und die positive Arbeitsatmosphäre sollten gezielt hervorgehoben werden. 5. Strukturierte Einarbeitung neuer Mitarbeitender - Eine sorgfältige Einführung in die Arbeitsprozesse trägt zur langfristigen Mitarbeiterbindung bei. In unserer Einrichtung legen wir großen Wert auf eine enge Begleitung neuer Kolleg: innen. Alle langjährigen Mitarbeitenden sind ansprechbar und stehen für Fragen zur Verfügung. Die gelebte Hilfsbereitschaft im Team sorgt dafür, dass sich neue Mitarbeitende schnell einfinden und wohlfühlen. Derzeit fehlt es jedoch an finanzieller Unterstützung für diese Maßnahmen durch die Leistungsträger, was eine zusätzliche Belastung für bestehendes Personal und Leistungserbringer bedeutet. Hospitationsmöglichkeiten während des Bewerbungsprozesses sind essenziell. 6. Gezieltes Standortmarketing zur Darstellung der Vorteile des ländlichen Raums - Um potenzielle Fachkräfte für eine Tätigkeit in ländlichen Regionen zu gewinnen, ist es wichtig, die dort vorhandenen Vorteile hervorzuheben. Dazu gehören beispielsweise niedrigere Lebenshaltungskosten, ein naturnahes Umfeld, eine hohe Wohnqualität sowie eine enge Gemeinschafts- 68 FI 2/ 2026 Aus der Praxis struktur, die das soziale Leben bereichert. Eine transparente Kommunikation dieser Vorteile kann dazu beitragen, bei Fachkräften für eine Tätigkeit in diesen Regionen Interesse zu wecken. 7. Professioneller Online-Auftritt und Social Media - Digitale Plattformen können genutzt werden, um die Sichtbarkeit zu erhöhen und potenzielle Bewerber: innen gezielt anzusprechen. Die Pflege der eigenen Homepage, damit potenzielle Bewerber: innen sich einen Eindruck von der Arbeit und dem möglichen Arbeitgeber machen können, ist sehr wichtig. Als Leitung werde ich dabei von einer Mitarbeitenden unseres Trägervereins unterstützt, die für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. 8. Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Vergütung - Eine leistungsgerechte Bezahlung, die der Verantwortung und den Anforderungen des Berufs gerecht wird, ist essenziell. In unserer Einrichtung versuchen wir dies sicherzustellen, indem wir uns an den TVöD anlehnen. Dies erfordert jedoch die Unterstützung und Refinanzierung durch die Leistungsträger. Zudem stehe ich als Einrichtungsleitung regelmäßig mit dem Träger und der Geschäftsführung im Austausch, um langfristig bessere Rahmenbedingungen für unsere Mitarbeitenden zu schaffen. 9. Erhöhung der Flexibilität durch hybride Arbeitsmodelle - Die Möglichkeit einer Kombination aus Präsenz- und Online-Arbeit kann die Attraktivität des Berufs steigern, erfordert jedoch klare Absprachen, beispielsweise hinsichtlich Datenschutz und Arbeitszeiterfassung. Die technischen Voraussetzungen wurden in unserer Frühförderstelle geschaffen, sodass wir mit den Mitarbeitenden gemeinsam ein Konzept entwickeln können, das z. B. Dokumentationsarbeiten von zu Hause aus ermöglicht. 10. Zusätzliche Anreize zur Mitarbeiterbindung - Unterstützung bei der Wohnungssuche oder Mitarbeiter-Benefits können helfen, qualifizierte Fachkräfte langfristig zu binden. Gute Erfahrungen haben wir z. B. mit einer betrieblichen Rentenversicherung, der Möglichkeit des Bike- Leasings, dem Mitarbeitendenprogramm Corporate Benefits oder vergünstigten Konditionen in einigen Fitnessstudios der Region gemacht. Fazit Die Sicherstellung der heilpädagogischen und interdisziplinären Frühförderung in ländlichen Regionen ist essenziell für die Entwicklung und Teilhabe von Kindern mit besonderen Bedürfnissen. Der Fachkräftemangel stellt jedoch eine zunehmende Herausforderung dar. Durch gezielte Strategien zur Mitarbeitergewinnung und -bindung können Träger in Kooperation mit der Einrichtungsleitung dieser Problematik entgegenwirken. Dabei sind sowohl strukturelle Verbesserungen als auch eine stärkere Unterstützung durch die Leistungsträger notwendig. Persönliche Kontakte, strukturierte Einarbeitung und eine wertschätzende Teamkultur haben sich in unserer Einrichtung bereits als erfolgreiche Maßnahmen erwiesen. Zudem ist der regelmäßige Austausch mit dem Träger und der Geschäftsführung entscheidend, um nachhaltige Verbesserungen zu erzielen. Nur durch gemeinsames Handeln kann sichergestellt werden, dass Frühförderangebote auch in Zukunft flächendeckend zur Verfügung stehen. Susanne Dolscheid Leitung „Haus früher Hilfen“- interdisziplinäre Frühförderung & integrierte Familienberatung Weierhofweg 48 51674 Wiehl Tel. (0 22 62) 6 99 20 Literatur NZFH Frühe Hilfen (o. D.): Frühe Hilfen in ländlichen Räumen. In: https: / / www.fruehehilfen.de/ grundlagenund-fachthemen/ fachthemen/ fruehe-hilfen-inlaendlichen-raeumen/ , 3. 3. 2025 Statistisches Bundesamt (o. D.): Mitten im demografischen Wandel. In: https: / / www.destatis.de/ DE/ Themen/ Querschnitt/ Demografischer-Wandel/ demografie-mitten-im-wandel.html, 3. 3. 2025