eJournals Frühförderung interdisziplinär45/2

Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2026.art08d
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Aus der Praxis: 21 Alleskönner - ein Starterkit für die Frühförderung

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Martina Wolf
„So, Frau Jung, das ist Ihr Regal. Sie können ja mal schauen, was sie davon gebrauchen können. Vielleicht ist das ein oder andere nicht ganz vollständig aber jetzt fangen Sie erst mal an und dann können wir ja je nach Bedarf noch was Neues kaufen.“ Anika steht hilflos und mit hängenden Schultern vor einer Fülle von Dingen, die sie aus dem Praktikum oder der eigenen Kindheit kennt. Sie hat gerade in der Frühförderung angefangen und wird nun das Spieleregal ihrer Vorgängerin übernehmen. Viele Schachteln, einige davon schon in die Jahre gekommen mit angeschlagenen Ecken und Kanten. Materialien, die offensichtlich nicht vollständig sind, und Spiele mit seitenlangen Anleitungen, durch die man sich erst einmal kämpfen muss, bevor man die Vielzahl der aufgedruckten Ziele erreichen kann. Ein ziemlich schmuddeliges Bilderbuch, das sie gerade aussortieren will, erweist sich als Lieblingsbuch ihrer Vorgängerin. Der Gedanke, mit diesem abgewetzten Buch arbeiten zu müssen, lässt sie erschaudern und Anika spürt: Hier geht es nicht nur um ein individuelles Handwerkszeug, sondern um Beziehungsgeschichten, Gewohnheiten und implizite Erwartungen.
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72 Frühförderung interdisziplinär, 45.-Jg., S.-72 - 74 (2026) DOI 10.2378/ fi2026.art08d © Ernst Reinhardt Verlag AUS DER PRAXIS 21 Alleskönner - ein Starterkit für die Frühförderung Martina Wolf Prolog „So, Frau Jung, das ist Ihr Regal. Sie können ja mal schauen, was sie davon gebrauchen können. Vielleicht ist das ein oder andere nicht ganz vollständig aber jetzt fangen Sie erst mal an und dann können wir ja je nach Bedarf noch was Neues kaufen.“ Anika steht hilflos und mit hängenden Schultern vor einer Fülle von Dingen, die sie aus dem Praktikum oder der eigenen Kindheit kennt. Sie hat gerade in der Frühförderung angefangen und wird nun das Spieleregal ihrer Vorgängerin übernehmen. Viele Schachteln, einige davon schon in die Jahre gekommen mit angeschlagenen Ecken und Kanten. Materialien, die offensichtlich nicht vollständig sind, und Spiele mit seitenlangen Anleitungen, durch die man sich erst einmal kämpfen muss, bevor man die Vielzahl der aufgedruckten Ziele erreichen kann. Ein ziemlich schmuddeliges Bilderbuch, das sie gerade aussortieren will, erweist sich als Lieblingsbuch ihrer Vorgängerin. Der Gedanke, mit diesem abgewetzten Buch arbeiten zu müssen, lässt sie erschaudern und Anika spürt: Hier geht es nicht nur um ein individuelles Handwerkszeug, sondern um Beziehungsgeschichten, Gewohnheiten und implizite Erwartungen. Die Wirkung eines Spiels scheint weniger vom Zustand abzuhängen als von der Begeisterung, mit der es eingesetzt wird. Was für die Vorgängerin funktionierte, muss für sie nicht passen. Mit diesem Buch wird sie jedenfalls kein Kind hinter dem Ofen hervorlocken. Sie schiebt es schnell wieder auf seinen angestammten Platz. Bevor Anika geht, sucht sie sich noch ein paar Dinge aus, die sie spontan ansprechend findet. Ein paar Spiele, Papier und Stifte, die Muggelsteine und ein paar Bücher. Ach ja, eine noch ziemlich neu aussehende Handpuppe ist auch dabei. Den Rest räumt sie auf die unteren Bretter ihres neuen Regals. Wenn eine neue Kolleg: in in der Frühförderung ihre Tätigkeit aufnimmt, dann weiß sie häufig noch nicht so genau, mit welchen Mitteln und Medien sie Kinder für sich gewinnen und gleichzeitig die angestrebten Therapie- und Förderziele erreichen kann. Die täglich wechselnden Herausforderungen, die den vielfältigen und individuellen Bedürfnissen von Kindern in einem breiten Altersspektrum und ihren Familien geschuldet sind, brauchen ein umfassendes Instrumentarium, das gekonnt „gespielt“ sein will. Das ist eine komplexe Aufgabe, insbesondere wenn man teilhabeorientiert arbeiten möchte. Die Schachteln, Beutel oder Kisten, die man von der Einrichtung zum Kindergarten oder in den Hausbesuch befördert, sollten leicht zu tragen, handlich und nicht allzu teuer sein. Die Therapie- und Förderangebote finden im Idealfall ihre Anknüpfung im Alltag des Kindes, und Eltern wissen um die Bausteine, die zur Erreichung der gemeinsam formulierten Ziele notwendig sind. Wie kann das gelingen? Vielleicht, indem man neuen Mitarbeiter: innen eine Art „Starterkit Frühförderung“ zur Verfügung stellt, das mit der Zeit berufsspezifisch erweitert und ausgebaut werden kann. Im Folgenden werden 21 Alleskönner für die Frühförderung vorgestellt. Einfache Alltagsmaterialien wie Post-it, Taschenlampen oder Schneebesen, die vielfältig verwendbar sind, um Kinder zu begeistern, ihnen Lernerfahrungen zu sichern und um sie an alltäglichen Abläufen teilhaben zu lassen. Zur Mitnahme geeignet, robust und in der Mehrzahl fast in jedem Haushalt anzutreffen: 73 FI 2/ 2026 Aus der Praxis 1. Memory-Karten: (mit abgebildeten Alltagsgegenständen) Wortschatzerweiterung, Einkaufsspiel, Gedächtnisspiel, Kategorienbildung, Einbindung in einen Bewegungsparcours, Lautdifferenzierung, Geschichten entlang von Bildern entwickeln 2. Verschiedenfarbige Post-its: Zuordnen, Plätze markieren (um dorthin zu werfen, laufen oder springen), kleine Kugeln formen, Gedächtnisspiel, Ratespiel „Wer/ was bin ich? “ 3. Bälle: Koordination, Dialog, einmal du - einmal ich 4. Bausteine: Gestaltung, gezielte Handmotorik, Problemlösung, vor- und nachbauen, als Element in anderen Spielen (z. B. im Raum verteilt verbunden mit verschiedenen Bewegungsanforderungen) 5. Wimmelbuch: Dinge finden, Dinge benennen, Geschichten erzählen, Szenen nachspielen, -malen 6. Spielfiguren: (Handpuppen/ Playmobilfiguren o. Ä./ Tiere) Rollenspiele, Einbindung in andere Spiele, Tierlaute, Kategorien, Wissen, Wortschatz, als Icebreaker. 7. Brettspielfiguren: für selbstgebastelte (Würfel-)spiele, Einbindung in andere Spiele 8. Tücher: Bewegung, etwas verdecken, jonglieren, zaubern, etwas einpacken, Zirkus spielen, Tanzen 9. Taschenlampe: Etwas mit Licht nachspuren, mit Licht Aufmerksamkeit bündeln, einen Parcours nach dem Lichtstrahl ablaufen. 10. Papiere: (verschiedenfarbig, unterschiedliche Stärke, transparent, gemustert…) Muster malen, falten, schneiden, knüllen, kleben, dokumentieren, kommunizieren, Entwicklung festhalten, Schatzkarten als Grundlage für eine Bewegungsanforderung malen, gemeinsam mit dem Kind „Arbeitsblätter“ entwickeln. 11. Mäppchen: (mit verschiedenen Stiften, Kleber, Schere) Mal- und Bastelaktivitäten, Dokumentation und für Sketchnotes (z. B. um schwierige Situationen aufzuzeichnen) 12. Muggelsteine (und oder Knöpfe): Als Geld, Belohnung, Spielsteine 13. Klebebänder: (möglichst verschiedene Farben und Stärken) Bilder kleben, etwas auf dem Boden markieren, Verzierung 14. Luftballons: Auflockerndes Bewegungsspiel (der Luftballon darf den Boden nicht berühren) 15. Schnüre (und/ oder Seile): etwas verschnüren, Formen legen, Grenzen setzen, basteln. 16. Puppengeschirr: (1 - 2 Teller, 1 - 2 Tassen, Becher, Topf, Besteck), für Rollenspiele mit Puppen und Tieren 17. Wäscheklammern (verschiedene): Sortieren nach Farbe, Größe oder Material, Übung der Feinmotorik beim Öffnen und Klammern, als Spielmaterial für Konstruktionen oder um etwas zu befestigen 18. Verschiedene Aufkleber: (Motive, Punkte, Etiketten, Kinderpflaster) zur Dekoration, Markierung oder beim Basteln, Punkte-Aufkleber z. B. zum Zählen, Sortieren oder für kreative Spiele, Pflaster in Verbindung mit Malen oder beim „Verarzten” von Stofftieren. 19. Schneebesen: Experimentieren mit Bewegungen, Klängen und Texturen, für Rollenspiele, als Mikrofon oder mit Stoff umwickelt als Handpuppe, zum Mischen von Materialien (z. B. Seifenwasser, Farbe) 20. Strohhalme: Bastelmaterial (für Formen, Figuren oder einfache Konstruktionen), zum Pusten (z. B. bei Farbexperimenten mit Wasserfarben) 21. Knete: Feinmotorik und Kreativität, Figuren, Buchstaben oder Landschaften formen, spielerisches Training von Fingerkraft und Ausdauer Abb.: Martina Wolf Abb.: Martina Wolf 74 FI 2/ 2026 Aus der Praxis Es ist unbedingt zu beachten - insbesondere bei Kindern unter 3 Jahren (Entwicklungsalter) - ausschließlich kindersichere bzw. großformatige Materialien zu verwenden, um ein Verschlucken auszuschließen. Sämtliche Materialien werden auf sichere Oberflächen, keine scharfen Kanten und Beschädigungen kontrolliert. Mit einem „21 Alleskönner-Frühförderkorb“ bzw. „-trolley“, entsteht so eine Art „Kaleidoskop” mit unzähligen Kombinationsmöglichkeiten für eine alltagsnahe und praktikable Entwicklungsförderung. Neben leicht umsetzbaren Anregungen auch für den Übertrag ins Elternhaus wird eine besondere Betonung auf Materialien und Situationen gelegt, die in der Stunde entstehen. So kann z. B. ein käuflich zu erwerbendes Arbeitsblatt in unansehnlicher Schwarz-weiß-Kopie wunderbar durch ein gemeinsam entwickeltes Bild ersetzt werden. Vielleicht ist es dann der Weg, den der Familienhund beim Spaziergang zurücklegt oder der Heimweg vom Kindergarten, der dann im Zwischenraum zweier Linien mit dem Stift nachgefahren wird. Vorgefertigte Materialien, die nach der Stunde wieder verschwinden, hinterlassen im Alltag der Familien kaum Spuren. Alltagsnahe Gegenstände wie Schneebesen, Stifte, Pappe, Bälle oder Taschenlampen schaffen dagegen unmittelbare Anknüpfungspunkte: Sie sind vertraut, verfügbar und laden Eltern dazu ein, Aktivitäten selbstständig fortzuführen. Dieser Ansatz stärkt Teilhabe, reduziert Materialabhängigkeit und rückt die Beziehungsgestaltung ins Zentrum, statt das Gelingen an spezielle Spiele zu binden. Epilog „So, Frau Jung, das ist Ihr Trolley. Er bietet Ihnen mit 21 Alleskönnern ein Starterkit für den Einstieg in die Praxis. Sicher möchten sie das ein oder andere berufsspezifische Material noch ergänzen, aber jetzt fangen Sie erst mal an und dann können wir ja nach Ihrem Bedarf noch was Zusätzliches kaufen.“ Vielleicht steht Anika auch hier zunächst etwas ratlos vor den Dingen, die sich ihr offenbaren, wenn sie den Trolley öffnet. Was soll sie mit einem Schneebesen in der Frühförderung? Sie entdeckt einen kleinen Hefter mit vielen Ideen, der von ihren Kolleg: innen, die schon länger so arbeiten, zusammengestellt wurde. Dort findet sie altersdifferenzierte Einsatzbeispiele sowie eine kleine Mappe mit „Mitnahme-Ideen“ für Eltern. Sie wird neugierig und freut sich auf die ersten Fördereinheiten. Martina Wolf Arbeitsstelle Frühförderung Bayern Seidlstraße 18 a 80335 München E-Mail: m.wolf@affby.de Abb.: Martina Wolf