eJournals Frühförderung interdisziplinär45/2

Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2026.art09d
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Aktuell: Projekt ElSiE - Entwicklung von Sprache, Theory of Mind und Exekutiven Funktionen: Eine vergleichende Längsschnittstudie zu Einflussgrößen und Zusammenhängen bei Kindern mit und ohne Taubheit

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K. Hermes
S Weinert
M. Dorhs
C. Ruppert
G. Trunte
L. Avemarie
Das Projekt ElSiE befasst sich mit der Entwicklung von Vorschulkindern mit und ohne Taubheit/Hörbehinderung. Besonderes Augenmerk liegt auf dem Erwerb von gebärden- und lautsprachlichen Kompetenzen und deren Zusammenhängen mit der sozial-emotionalen und sozial-kognitiven Entwicklung sowie der Fähigkeit zur Selbstregulation (Exekutive Funktionen). ElSiE ist angesiedelt am Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie, Bildung und Lernen der Otto-Friedrich-Universität Bamberg (Arbeitsgruppe Prof. Dr. Sabine Weinert) sowie am Lehrstuhl für Sonderpädagogik – Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation einschließlich inklusiver Pädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität München (Prof. Dr. Laura Avemarie). Seit 2025 wird das Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit einer Laufzeit von drei Jahren gefördert (Projektnummer 550191415).
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79 Frühförderung interdisziplinär, 45.-Jg., S.-79 - 81 (2026) DOI 10.2378/ fi2026.art09d © Ernst Reinhardt Verlag Projekt ElSiE - Entwicklung von Sprache, Theory of Mind und Exekutiven Funktionen: Eine vergleichende Längsschnittstudie zu Einflussgrößen und Zusammenhängen bei Kindern mit und ohne Taubheit/ Hörbehinderung K. Hermes, S. Weinert, M. Dorhs, C. Ruppert, G. Trunte, L. Avemarie AK TUELL Das Projekt ElSiE befasst sich mit der Entwicklung von Vorschulkindern mit und ohne Taubheit/ Hörbehinderung. Besonderes Augenmerk liegt auf dem Erwerb von gebärden- und lautsprachlichen Kompetenzen und deren Zusammenhängen mit der sozial-emotionalen und sozial-kognitiven Entwicklung sowie der Fähigkeit zur Selbstregulation (Exekutive Funktionen). ElSiE ist angesiedelt am Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie, Bildung und Lernen der Otto-Friedrich-Universität Bamberg (Arbeitsgruppe Prof. Dr. Sabine Weinert) sowie am Lehrstuhl für Sonderpädagogik - Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation einschließlich inklusiver Pädagogik an der Ludwig-Maximilians- Universität München (Prof. Dr. Laura Avemarie). Seit 2025 wird das Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit einer Laufzeit von drei Jahren gefördert (Projektnummer 550191415). Hörbehinderungen zählen zu den häufigsten Behinderungen im Kindesalter (Olusanya et al. 2020). Kinder mit Taubheit/ Hörbehinderung wachsen in der Regel mit Eltern ohne Hörbehinderung auf (Mitchell und Karchmer 2004), sodass eine Lautsprache die Erstsprache ihrer Eltern und damit häufig auch die Familiensprache ist. Diese Sprachmodalität ist jedoch für Kinder mit Taubheit/ Hörbehinderung auch bei fortschrittlicher hörtechnischer Versorgung nicht immer uneingeschränkt zugänglich. In der Folge sind Kinder mit Taubheit/ Hörbehinderung gefährdet, über geringere lautsprachliche Kompetenzen als Gleichaltrige ohne Hörbehinderung zu verfügen (Porcar-Gozalbo et al. 2024, Tomblin et al. 2015). Die besonderen Entwicklungsbedingungen beim Spracherwerb sowie die damit - gegebenenfalls - einhergehenden veränderten Kommunikations- und Lerngelegenheiten stehen, wie vielfältige Studien nahelegen, in Verbindung mit Unterschieden in weiteren Entwicklungsbereichen wie z. B. dem Erwerb einer Theory of Mind (Netten et al. 2017, Yu et al. 2021), sowie der Ausbildung Exekutiver Funktionen (Botting et al. 2017, McCreery et al. 2022). Anders stellt sich die Situation bei tauben Kindern, deren Eltern ebenfalls taub sind, dar, die mit einer Gebärdensprache als Erst- und Familiensprache aufwachsen. Sie leben in einer häuslichen Sprachumgebung, die für sie vollständig zugänglich ist, und erreichen Meilensteine der Sprachentwicklung in der Gebärdensprache zu annähernd gleichen Zeitpunkten wie Kinder ohne Hörbehinderung in der Lautsprache (de Quadros et al. 2016). Auch in Hinblick auf weitere Entwicklungsbereiche wie den Erwerb einer Theory of Mind (Lederberg et al. 2013, Schick et al. 2007) und die Ausbildung Exekutiver Funktionen (Goodwin et al. 2022, Kotowicz et al. 2023) deuten Studien auf eine altersgemäße Entwicklung hin. Obwohl ein umfangreicher Forschungsstand zur sprachlichen, sozial-emotionalen und kognitiven Entwicklung tauber und schwerhöriger Kinder vorliegt, zeigt sich, dass dieser in zentralen Bereichen 80 FI 2/ 2026 Aktuell weiterhin deutliche Begrenzungen aufweist: Stichproben sind oft klein und heterogen; nicht immer wird eine Vergleichsgruppe ohne Hörbehinderung einbezogen und als Entwicklungsindikatoren, insbesondere in Studien zu Exekutiven Funktionen, werden meist nur einzelne Aufgaben oder ausschließlich Elternfragebögen verwendet. Die Aussagekraft solcher Studien ist daher begrenzt. Das Projekt ElSiE kann den bisherigen Forschungsstand bedeutsam erweitern: Es werden verschiedene Entwicklungsbereiche (Sprache, Theory of Mind, Exekutive Funktionen, sozial-emotionale Kompetenzen) und deren Veränderung jeweils anhand mehrerer Indikatoren längsschnittlich erfasst. Neben standardisierten Aufgaben, die Aufschluss über die verschiedenen Entwicklungsbereiche geben, werden die Kinder auch in Interaktion mit ihren Eltern beobachtet. Hierzu wird eine Eltern-Kind-Interaktion auf Video aufgezeichnet und anschließend codiert. Die Eltern füllen zudem einen Fragebogen aus. Die Kinder (und ihre Eltern) werden - beginnend im Alter von drei Jahren (36 - 48 Monate) - über vier Erhebungszeitpunkte und einen Zeitraum von zwei Jahren begleitet, sodass der Längsschnitt das gesamte Vorschulalter abdeckt. Die Vielfalt an einbezogenen Entwicklungsbereichen und die längsschnittliche Erfassung von Veränderungen in einem Alter, in dem sich all die untersuchten Bereiche rasant entwickeln, erlaubt Rückschlüsse auf Entwicklungsveränderungen und -unterschiede zwischen den Kindern, auf Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Entwicklungsbereichen und mögliche Erklärungsansätze hierfür. Hervorzuheben ist, dass ElSiE drei unterschiedliche Gruppen von Kindern/ Familien einbezieht: ◾ Gruppe 1: Kinder mit Hörbehinderung mit Eltern ohne Hörbehinderung, die lautsprachlich aufwachsen, ◾ Gruppe 2: taube Kinder mit tauben Eltern, die gebärdensprachlich aufwachsen sowie ◾ Gruppe 3: Kinder ohne Hörbehinderung. Das erlaubt, verschiedene Entwicklungsverläufe unter unterschiedlichen Entwicklungsbedingungen zu vergleichen: Einerseits die Entwicklung von Kindern mit und ohne Taubheit/ Hörbehinderung (Gruppe 1 und 2 im Vergleich zu Gruppe 3); andererseits die Entwicklung von Kindern mit uneingeschränktem Zugang zur Familiensprache (Gruppe 2 und 3) im Vergleich zu Kindern mit einem potenziell eingeschränkten Zugang zur Familiensprache (Gruppe 1) und schließlich jene von Kindern mit deutscher Lautsprache (Gruppe 1 und 3) im Vergleich zu Kindern mit Deutscher Gebärdensprache (DGS) als Familiensprache (Gruppe 2). Hieraus können vielfältige Rückschlüsse darauf gezogen werden, wie es Kindern in einem frühen Alter gelingt, vielfältige sprachliche, kognitive und sozial-emotionale Kompetenzen zu erwerben. Die Datenerhebung im Projekt ElSiE erfolgt in zwei aufeinander aufbauenden Projekten: Teilprojekt 1 Teilprojekt 1 wurde im Rahmen eines Dissertationsvorhabens an der Universität Bamberg initiiert (Klara Hermes und Prof. Dr. Sabine Weinert). Die Kohorte in Teilprojekt 1 umfasst ca. 80 Kinder mit oder ohne Hörbehinderung, deren Eltern keine Hörbehinderung haben und in deren Familien schwerpunktmäßig die deutsche Lautsprache verwendet wird. Die Datenerhebung erfolgte ab Oktober 2022. Teilprojekt 2 Das Teilprojekt 2 baut auf dem Teilprojekt 1 auf und wird von der DFG gefördert. Das Teilprojekt verfolgt drei Ziele: ◾ Ziel 1: Erweiterung der längsschnittlichen Daten aus Teilprojekt 1 - Familien aus Teilprojekt 1 werden zu zwei weiteren Messzeitpunkten besucht. ◾ Ziel 2: Erhöhung der Stichprobe/ des Datensatzes aus Teilprojekt 1 - weitere Familien mit den oben genannten Kriterien werden rekrutiert (n mit Hörbehinderung = 20, n ohne Hörbehinderung = 50) 81 FI 2/ 2026 Aktuell ◾ Ziel 3: Einbezug einer neuen Teilstichprobe - taube Kinder tauber Eltern, deren Erstsprache die DGS ist (n = 15), partizipieren nun auch an dem Projekt. Das Projekt ElSiE ermöglicht durch die Vielfalt an erfassten Entwicklungsbereichen, ein differenziertes Bild der Entwicklung und Entwicklungszusammenhänge bei Kindern in unterschiedlichen Sprachumwelten zu zeichnen und zu analysieren. Die Erkenntnisse werden für die Weiterentwicklung von Frühförderangeboten hilfreich sein, aber auch insgesamt unser Wissen über die Rolle von Sprache und Kommunikation in der kindlichen Entwicklung bedeutsam erweitern. Literatur Botting, N., Jones, A., Marshall, C., Denmark, T., Atkinson, J., Morgan, G. (2017): Nonverbal executive function is mediated by language: A study of deaf and hearing children. Child Development 88 (5), 1689 - 1700, https: / / doi.org/ 10.1111/ cdev.12659 de Quadros, R. M., Lillo-Martin, D., Chen Pichler, D. (2016): Bimodal bilingualism: Sign language and spoken language. In: Marschark, M., Spencer, P. E. (Eds.): The Oxford handbook of deaf studies in language: Research, policy and practice Oxford University Press. 181 - 196, https: / / doi.org/ 10.1093/ oxfordhb/ 9780190 241414.013.12 Goodwin, C., Carrigan, E., Walker, K., Coppola, M. (2022): Language not auditory experience is related to parent-reported executive functioning in preschoolaged deaf and hard-of-hearing children. Child Development 93, 209 - 224, https: / / doi.org/ 10.1111/ cdev.13677 Kotowicz, J., Woll, B., Herman, R. (2023): Executive function in deaf native signing children. Journal of Deaf Studies and Deaf Education 28 (3), 255 - 266, https: / / doi.org/ 10.1093/ deafed/ enad011 Lederberg, A. R., Schick, B., Spencer, P. E. (2013): Language and literacy development of deaf and hard-of-hearing children: Successes and challenges. Developmental Psychology 49 (1), 15 - 30, https: / / doi. org/ 10.1037/ a0029558 McCreery, R. W., Walker, E. A. (2022): Variation in auditory experience affects language and executive function skills in children who are hard of hearing. Ear & Hearing 43 (2), 347 - 360, https: / / doi.org/ 10.1097/ AUD.0000000000001098 Mitchell, R. E., Karchmer, M. A. (2004): Chasing the mythical ten percent: Parental hearing status of deaf and hard of hearing students in the United States. Sign Language Studies 4 (2), 138 - 163, https: / / doi.org/ 10.1353/ sls.2004.0005 Netten, A. P., Rieffe, C., Soede, W., Dirks, E., Korver, A. M. H., Konings, S., Briaire, J. J., Oudesluys-Murphy, A. M., Dekker, F. W., Frijns, J. H. M. (2017): Can you hear what I think? Theory of mind in young children with moderate hearing loss. Ear & Hearing 38(5), 588 - 597, https: / / doi.org/ 10.1097/ AUD.0000000000000427 Olusanya, B. O., Wright, S. M., Nair, M. K. C., Boo, N.-Y., Halpern, R., Kuper, H., Abubakar, A. A., Almasri, N. A., Arabloo, J., Arora, N. K., Backhaus, S., Berman, B. D., Breinbauer, C., Carr, G., de Vries, P. J., del Castillo-Hegyi, C., Eftekhari, A., Gladstone, M. J., Hoekstra, R. A., … on behalf of the Global Research on Developmental Disabilities Collaborators (GRDDC) (2020): Global burden of childhood epilepsy, intellectual disability, and sensory impairments. Pediatrics 146 (1), e20192623, https: / / doi.org/ 10.1542/ peds.2019-2623 Porcar-Gozalbo, N., López-Zamora, M., Valles- González, B., Cano-Villagrasa, A. (2024): Impact of hearing loss type on linguistic development in children: A cross-sectional study. Audiology Research 14 (6), 1014 - 1027, https: / / doi.org/ 10.3390/ audiolres 14060084 Schick, B., De Villiers, P., De Villiers, J., Hoffmeister, R. (2007): Language and Theory of Mind: A study of deaf children. Child Development 78 (2), 376 - 396, https: / / doi.org/ 10.1111/ j.1467-8624.2007.01004.x Tomblin, J. B., Harrison, M., Ambrose, S. E., Walker, E. A., Oleson, J. J., Moeller, M. P. (2015): Language outcomes in young children with mild to severe hearing loss. Ear & Hearing 36 (Supplement 1), 76S - 91S, https: / / doi.org/ 10.1097/ AUD.0000000 000000219 Yu, C.-L., Stanzione, C. M., Wellman, H. M., Lederberg, A. R. (2021): Theory-of-Mind development in young deaf children with early hearing provisions. Psychological Science 32 (1), 109 - 119, https: / / doi.org/ 10.1177/ 0956797620960389