Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2026.art12d
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Rezension: Ulrike Funke: Trinken und Essen im Autismus-Spektrum
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Ulrike Wohlleben
Ulrike Funke hat das Therapiekonzept Komm!Ass entwickelt und ist bereits hinlänglich bekannt als fortbildende Logopädin und Autorin mehrerer Bücher zum Thema „Menschen im Autismus-Spektrum“. Mit ihrem neuen Werk wendet sie sich dem Thema „Trinken und Essen“ zu, um ihren reichen Erfahrungsschatz in der Unterstützung von Menschen im Autismus-Spektrum interessierten Leser:innen zur Verfügung zu stellen. Der Grundgedanke ihrer Herangehensweise wird auch bei diesem Thema konsequent verfolgt und ist im Untertitel des Buches bereits erkennbar: „Wahrnehmungsbesonderheiten nutzen – Genuss ermöglichen“: Beobachtete Gewohnheiten und auftauchende Schwierigkeiten von Menschen aus dem Autismus-Spektrum werden auf Besonderheiten in deren Wahrnehmungsverhalten zurückgeführt und damit erklärt, um ihnen auf dieser Grundlage hilfreich begegnen zu können. Als Ziel jeglicher Unterstützung formuliert die Autorin, genussvolles Trinken und Essen zu ermöglichen und damit zu einer verbesserten Lebensqualität für sie beizutragen.
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86 FI 2/ 2026 Rezensionen Ulrike Funke Trinken und Essen im Autismus-Spektrum 2025, Stuttgart, Kohlhammer Ratgeber, 220 S., € 29,- Ulrike Funke hat das Therapiekonzept Komm! Ass entwickelt und ist bereits hinlänglich bekannt als fortbildende Logopädin und Autorin mehrerer Bücher zum Thema „Menschen im Autismus- Spektrum“. Mit ihrem neuen Werk wendet sie sich dem Thema „Trinken und Essen“ zu, um ihren reichen Erfahrungsschatz in der Unterstützung von Menschen im Autismus-Spektrum interessierten Leser: innen zur Verfügung zu stellen. Der Grundgedanke ihrer Herangehensweise wird auch bei diesem Thema konsequent verfolgt und ist im Untertitel des Buches bereits erkennbar: „Wahrnehmungsbesonderheiten nutzen - Genuss ermöglichen“: Beobachtete Gewohnheiten und auftauchende Schwierigkeiten von Menschen aus dem Autismus-Spektrum werden auf Besonderheiten in deren Wahrnehmungsverhalten zurückgeführt und damit erklärt, um ihnen auf dieser Grundlage hilfreich begegnen zu können. Als Ziel jeglicher Unterstützung formuliert die Autorin, genussvolles Trinken und Essen zu ermöglichen und damit zu einer verbesserten Lebensqualität für sie beizutragen. Wie gewohnt, nutzt Ulrike Funke eine sehr klare, gut verständliche Sprache, um die theoretischen Grundlagen ihrer dann folgenden praktischen Hinweise zu entwickeln. Die Gliederung des Buches in insgesamt 16 Kapitel inklusive Literaturempfehlungen folgt einer stimmigen Überlegung: von der Beschreibung autistischer Wahrnehmung über diejenige besonderer Ess- und Trinkverhaltensweisen zur Darstellung der oralmotorischen Entwicklung wird ein theoretischer Rahmen gelegt, der anschaulich und dennoch angenehm kurz gehalten ist. Die Auswirkungen problematischer Trink- und Essgewohnheiten für Verdauung, Zuckerhaushalt und auch die Psyche der Betroffenen schließt sich als informatives Überblickskapitel an. Besonders spannend für alle, die sich mit dem Thema „Trinken und Essen“ aus therapeutischer Perspektive befassen, sind die Ausführungen zu Co-Regulation als Unterstützung von außen, um anstehende Entwicklungsschritte von Beginn an bewältigen zu können; dies wird als besonders wichtig für den hier thematisierten Bereich hervorgehoben. Stimming als Regulationsmechanismus von Menschen im Autismus- Spektrum wird als „notwendige spezifische Stimulation beschrieben, um bestimmte Aktivitäten durchführen und das Nervensystem im Tagesverlauf vor Überforderung schützen zu können“ (S. 59 unten) und anschaulich untermauert mit einem kurzen Ausflug in die Physiologie von Sympathikus und Parasympathikus und deren Auswirkungen auf Wahrnehmungsprozesse. Diese Ausführungen bilden den Einstieg in die Darstellung dessen, was die Autorin an Unterstützungsmöglichkeiten und gezielten Interventionen anbietet, um Menschen im Autismus-Spektrum in ihren speziellen Trink- und Essproblemen zu mehr Genuss und verbesserter Lebensqualität verhelfen zu können. Gezielte Stimulationsmöglichkeiten und dafür einzusetzende Hilfsmittel für verschiedene Körperbereiche (Kopf, Hals, Nacken, Ober- und Hinterkopf, Kinn …) sowie deren einzuhaltende Abfolge werden aufgeführt und mit freundlichen und einprägsamen Zeichnungen ergänzt, wenngleich sie im Rahmen anderer Konzepte bezogen auf die Art der Durchführung und vor allem deren Zielsetzung kritisch betrachtet werden. 87 FI 2/ 2026 Rezensionen Der ausführliche Kern des Buches beschreibt Definition und Aufgaben jedes einzelnen Wahrnehmungssystems (vestibulär - propriozeptiv - taktil - gustatorisch - olfaktorisch - thermisch - auditiv - visuell) jeweils in unmittelbarer Gegenüberstellung mit den auftretenden Besonderheiten im Autismus-Spektrum. Besonders interessant dabei sind die jeweiligen Zitate von betroffenen Menschen, die eindrücklich Auskunft geben über ihre jeweils individuellen Wahrnehmungsprozesse im Zusammenhang mit Trinken und Essen. Für jedes Wahrnehmungssystem schlägt die Autorin konkrete und detaillierte Interventionen vor, die dessen Aktivität regulieren und so mehr Genuss bei Trinken und Essen ermöglichen sollen. Konkrete Vorschläge auf dieser Grundlage schließen sich an, die der Verbesserung motorischer Abläufe bei Trinken und Essen dienen. Naheliegenderweise sind diese nicht alle neu, sondern bereits in Teilen aus anderen therapeutischen Ansätzen zur Verbesserung orofazialer Aktivitäten bekannt (myofunktionelle Therapie, orofaziale Regulationstherapie nach J. Brondo). Interessant zu lesen sind im 9. Kapitel die Strategien, die bei Trinken und Essen von Menschen im Autismus-Spektrum beobachtet werden können (safe-food, same food,. constant food…) - sie holen sicherlich viele Leser: innen bei eigenen Beobachtungen ab. Die Anregung, all diese Besonderheiten zunächst verstehen zu wollen, um sie dann behutsam verändern zu helfen, folgt aktuellen Ansätzen zur Arbeit mit neurodiversen Menschen und vermittelt durchgehend eine wertschätzende Haltung ihnen gegenüber. Die Kapitel 10 bis 13 spannen den Bogen des Fachbuches wiederum etwas weiter; sie betonen das Prinzip von Selbstbestimmtheit bei Essen und Trinken, schildern sinnvolle Rahmenbedingungen, Struktur -und Planungshilfen und stellen eine kleine Spielesammlung bereit. Fazit: ein sehr umfassendes, praxisorientiertes und gut gegliedertes Buch einer erfahrenen Therapeutin. Mancherorts wären mehr und direktere Literaturverweise wünschenswert gewesen, vor allem in den beschreibenden Kapiteln über die Wahrnehmungssysteme. Ein kleines Unbehagen entsteht angesichts der Sicherheit, mit der „Informationen von Menschen im Autismus-Spektrum als anders wahrgenommen und verarbeitet“ beschrieben werden (S. 90). Natürlich ist der Autorin bewusst, dass Wahrnehmung ein subjektiver Vorgang und nur dem Betreffenden selbst wirklich zugänglich ist und deshalb alle Menschen, die in diesen Bereichen arbeiten, auf Hypothesen bauen und Zuweisungen vermeiden sollten. Auch formuliert Ulrike Funke im Vorwort ihre Überzeugung, dass es primär darum geht, die Trink- und Essgewohnheiten von Menschen im Autismus-Spektrum zu verstehen und auf dieser Grundlage individuelle Hilfen anbieten zu können. Dieser entscheidende Aspekt geht dennoch in der etwas mechanischen Aufzählung möglicher „Besonderheiten im Autismus-Spektrum“ und dafür geeigneter Interventionen an einigen Stellen verloren. Dr. Ulrike Wohlleben DOI 10.2378/ fi2026.art12d
