Frühförderung interdisziplinär
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0721-9121
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/fi2026.art14d
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Originalarbeit: Chancen und Risiken digitaler Frühförderung
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Andrea Thiel
Andreas Seidel
Das familienorientierte (häusliche) Arbeiten in der Frühförderung rückt seit einigen Jahren aufgrund bestehender Rahmenbedingungen, wie der Förderung im Kindergarten, in den Hintergrund (Weiß 2019). Die vorliegende Untersuchung beschäftigte sich mit der Fragestellung, welche Chancen und Risiken die digitale Förderung und Beratung im Setting der Interdisziplinären Frühförderung bietet. Damit verknüpft ist die Frage, inwieweit die digitalen Optionen die elterliche Einbindung in den Frühförderprozess unterstützen können. Die Ergebnisse zeigen, dass digitale Förderung und Beratung in der Frühförderung das grundlegende Prinzip der familienorientierten Arbeit stärken und die Einbindung der Personensorgeberechtigten in den Frühförderprozess verbessern können.
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Chancen und Risiken digitaler Frühförderung Ausgewählte Ergebnisse einer qualitativen Studie zur digitalen Frühförderung Andrea Thiel, Andreas Seidel Zusammenfassung: Das familienorientierte (häusliche) Arbeiten in der Frühförderung rückt seit einigen Jahren aufgrund bestehender Rahmenbedingungen, wie der Förderung im Kindergarten, in den Hintergrund (Weiß 2019). Die vorliegende Untersuchung beschäftigte sich mit der Fragestellung, welche Chancen und Risiken die digitale Förderung und Beratung im Setting der Interdisziplinären Frühförderung bietet. Damit verknüpft ist die Frage, inwieweit die digitalen Optionen die elterliche Einbindung in den Frühförderprozess unterstützen können. Die Ergebnisse zeigen, dass digitale Förderung und Beratung in der Frühförderung das grundlegende Prinzip der familienorientierten Arbeit stärken und die Einbindung der Personensorgeberechtigten in den Frühförderprozess verbessern können. Schlüsselwörter: Digitale Frühförderung, elterliche Einbeziehung, Familienorientierung Opportunities and risks of digital support in early intervention Summary: The backround of Family-oriented work in Early Childhood Intervention has been moving for several years due to existing framework conditions, such as support in the kindergarten (Weiß 2019). The present research addresses the question of what opportunities and risks digital support and counseling offer in the setting of interdisciplinary Early Childhood Intervention. This is followed by the secondary question of whether digital Early Childhood Intervention can support and, if necessary, increase parental involvement in the Early Childhood Intervention process for clients. The results confirmed the assumption that digital Early Childhood Intervention strengthens the fundamental principle of family-oriented work. Keywords: Digital Early Childhood Intervention, parental involvement, family-oriented work Frühförderung interdisziplinär, 45.-Jg., S.-94 - 103 (2026) DOI 10.2378/ fi2026.art14d © Ernst Reinhardt Verlag 94 Fragestellung und Zielsetzung U ntersuchungen, wie die „NICHD Study of Early Child Care“ (The NICHD Early Child and Care Research Network 2002) oder die Untersuchungen von Mahoney und Perales (2019, 15) beschreiben, dass der elterliche Einfluss auf die Entwicklung des Kindes größer sei als die Variable der außerfamiliären Betreuung, wie z. B. durch (Heil-) Pädagog: innen. Trotz der sehr hohen Bedeutung der elterlichen Einbindung in den Frühförderprozess gelingt dies laut Krause „nur bis zu maximal zwei Stunden je halbes Jahr für Elterngespräche“ (Weiß 2019, 24f.). Auch der Umstand, dass in Thüringen regelhaft in den Kindergärten gefördert wird (ebd.), lässt die Frage nach der kontinuierlichen Elternarbeit offen. Um diese Lücke zu schließen, wurde in der Studie der Blick auf die elterliche Einbindung in Form der digitalen Frühförderung erörtert. Inwiefern können digitale Frühförderangebote die klassischen Angebote der Frühförderung im Sinne der Familienorientierung sinnvoll ergänzen? 1 Digitale Beratung und Förderung in der Frühförderung Die digitale Form der Frühförderung ist in Deutschland aus der Sars-CoV2-Pandemie in ORIGINALARBEIT 95 FI 3/ 2026 Chancen und Risiken digitaler Frühförderung den Jahren 2019 - 2022 hervorgegangen. Die pandemische Lage wirkte weltweit und in vielen Regionen Deutschlands auch auf den Bereich der Frühförderung als Katalysator für eine digitale Entwicklung. Ohne die Möglichkeiten für persönliche Kontakte galt es, andere Wege zur Versorgung der Klient: innen zu erkunden. Die American-Speech-and-Language-Hearing- Association (2024) untergliedert drei Hauptformen der digitalen Förderung: ◾ Synchrone Angebote: In diesem Setting sind die videogestützte Förderung und Therapie der zentrale Baustein. Inhalte des synchronen Angebotes sind Förderung, Beratung, und Anleitung, sowie Befunderhebung (zeitgleich treffen sich Fachkraft und Klient: in). ◾ Asynchrone Angebote: Hier übermitteln die Praktiker: innen Bild- und Textmaterial, Audiodaten u. Ä. via E-Mail, Foren oder andere Messenger-Dienste an die Klient: innen für häusliche Übungen, die zu einer beliebigen Zeit abgerufen und genutzt werden könnten. Auch Apps zum Heimtraining schließt das asynchrone Angebot mit ein. ◾ Hybride Angebote: Dies ist eine Mischung aus synchronen und asynchronen Angeboten. Beispielsweise kann eine Unterstützung der häuslichen Übungen mit zusätzlicher videogestützter Anleitung erfolgen. In einem systematischen Review wurde die Wirksamkeit der digitalen Förderungen von zehn pädiatrischen Professionen untersucht (Ogourtsovaa et al. 2023). Es wurden dabei insgesamt 55 Studien betrachtet, die die Wirksamkeit der digitalen Interventionen bei jungen Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen und deren Familie untersuchten (ebd.). Die Studien für Kinder im Vorschulalter zeigten, dass die digitale Förderung mindestens gleich wirksam war wie die Förderung in Präsenz. In einer weiteren Veröffentlichung aus dem Early Childhood Education Journal diskutierten Hinton und Kolleg: innen (2023), inwiefern die Methode der Routines-based home Visits digital umgesetzt werden könne. Die Ziele der digitalen Hausbesuche untergliederten die Autor: innen in vier Bereiche: a) Einbezug der Familien und anderer Familienmitglieder als Unterstützer: innen für die Entwicklung des Kindes b) Eltern ermutigen, aktiv an der Förderung teilzunehmen c) Eltern-Kind-Interaktion verbessern d) Selbstvertrauen der Eltern in der Umsetzung von Strategien stärken. Die Autor: innen beschreiben, dass Tele-Routines-based home Visits sich von den Präsenzhausbesuchen unterscheiden, aber vor allem durch technische Mittel, wie Videodienstleister mit teilbaren Bildschirmen und In-Ohr-Kopfhörer, effektiv umgesetzt werden können. Die Autor: innen verweisen auf die Reflektion der Förderungen durch evaluierte Checklisten (ebd.). Eine weitere US-amerikanische Studie betrachtete die digitale heilpädagogische Förderung bei gehörlosen und schwerhörigen Kindern (Behl et al. 2017). Insgesamt wurden 48 Kinder mit ihren Familien untersucht. Die Gruppe, die digitale Förderung erhielt, erzielte positive Ergebnisse zugunsten der digitalen Förderung. In einem 10-wöchigen digitalen Elterntraining (COnfident Parent INternet Guide) mit 56 Familien untersuchten Hutchings und Kolleg: innen (2023) ein digitales Förderkonzept. Das Programm soll Eltern in alltäglichen Herausforderungen mit ihren Kindern unterstützen. Es basiert auf Videos, die sich die Eltern eigenständig ansehen können. Das kindliche Verhalten, die Elternkompetenz als auch die psychische Gesundheit wurden vor, während und nach der Untersuchung gemessen. Es konnte eine signifikante Verbesserung der Erziehungsfähigkeiten gemessen werden (ebd.). Allerdings nahmen nach sechs Monaten lediglich 52,6 % der Eltern an der Messung teil (ebd.). 96 FI 3/ 2026 In den Untersuchungen von Tully und Kolleg: innen (2021) konnten aus 27 Studien Barrieren und Chancen für die digitale Versorgung herausgearbeitet werden. Sie beschreiben Unsicherheiten über die zu verwendenden Technologien und deren Verbindungsprobleme, äußern Bedenken über die rechtlichen Fragen und beschreiben die Sorge über die gründliche Untersuchung (ebd.). Die Potenziale werden in den Schulungen und Ausbildungen zur digitalen Form gesehen, außerdem seien wohnortentfernte Leistungen durch digitale Versorgung besser zu erreichen (ebd.). Katja Rittel (2022) beschreibt in ihrem Artikel „Onlinearbeit in der Frühförderung - sehr viel besser als nichts! “, dass nahezu alle Förderinhalte aus der Präsenzförderung im digitalen Setting umsetzbar seien. Die Fachkräfte müssen bedenken, dass ihnen ein kleinerer Ausschnitt zur Verfügung stehe. Alle Entwicklungsbereiche können gefördert werden (ebd.). Eine Online-Stunde solle, wie auch in Präsenz, abwechslungsreich und interaktiv sein, um die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsleistung aufrechtzu erhalten. Neben Bewegungselementen und kleinen Massagen können Übungen am Tisch eingebaut werden (ebd). Weiterhin führt Rittel (2022) an, dass der Leistungserbringer darauf achtet, dass die eigenen Handlungen und drei großen „Ws“ (Wann, Was und Wo? ), erläutert werden, um die damit verbundene Anleitungskompetenz der Eltern zu stärken (ebd.). Der Bereich der Kognition könne nahezu uneingeschränkt Anwendung finden (ebd.). Lediglich die Vorbereitung, dass das Material vorab per Mail, Post oder technisch auf einem gemeinsamen Bildschirm zu bearbeiten ist, muss berücksichtigt werden. Auch Brettspiele können selbst entwickelt werden oder aus der Lebenswirklichkeit der Kinder genutzt werden (ebd.), so Katja Rittel in einem Erfahrungsbericht. In einer Untersuchung mit 323 teilnehmenden Fachkräften aus dem Frühförderkontext von Irmler und Dawal (2025) wurde deutlich, dass bereits digitale Endgeräte divers eingesetzt wurden. Neben der direkten digitalen Förderung mit den Klient: innen können Kommunikation, Organisation und Beratung als Einsatzbereiche der digitalen Endgeräte zugeordnet werden. Weiterhin führen sie an, dass Forschungs- und Ausbildungsbedarf bestehen (ebd). 2 Methodik: Fokusgruppe als Erhebungsinstrument Für die vorliegende Studie wurde die qualitative Methodik der Fokusgruppe gewählt. Die Fokusgruppe gilt als ressourcenschonendes, qualitatives Erhebungsinstrument der empirischen Sozialforschung (Schulz et al. 2012, 9). Die Fokusgruppe setzte sich aus Fachkräften aus Reihen der Teilnehmer: innen im Workshop „Chancen und Risiken digitaler Frühförderung“ beim 22. Frühfördersymposium der VIFF in Köln zusammen. Voraussetzung für eine Teilnahme war Expertise in der Frühförderung mit praktischer Berufserfahrung. Die Workshopteilnehmer: innen wurden angefragt, an der Fokusgruppe mitzuwirken. Die Auswahl nach Alter und Geschlecht erfolgte zufällig. Es nahmen fünf Frauen teil, mit einer Altersverteilung zum Zeitpunkt der Befragung zwischen 32 und 53 Jahren. Es entstand aufgrund der Eingrenzung durch das Interesse am Workshop und die Teilnahme am Kongress eine sehr homogene Stichprobe. Weitere Struktur entstand in der Fokusgruppendiskussion durch den zuvor erstellten Leitfaden, der als Orientierung diente. Die vorliegende Untersuchung bezog sich auf synchrone heilpädagogische Angebote. Der Leitfaden untergliederte sich in zwei Bereiche. Im ersten Abschnitt wurden die Erfahrungen mit heilpädagogischer digitaler Frühförderung und Beratung erfragt. Daran anknüpfend erfolgte die Einschätzung der Teilnehmerinnen und der damit verbundenen Risiken und Chancen der digitalen heilpädagogischen Frühförderung Andrea Thiel, Andreas Seidel 97 FI 3/ 2026 Chancen und Risiken digitaler Frühförderung und Beratung. Der zweite Teil des Leitfadens befasste sich mit der aktuellen technischen Ausstattung der teilnehmenden Einrichtungen. Dabei ist anzumerken, dass die inhaltlichen Aspekte begrenzt wurden, um im Diskurs in die Tiefe zu lenken (Schulz 2012, 67). Es oblag der moderierenden Person thematisch zu variieren, spezifische Fragen zu stellen oder angegliederte Fragestellungen frei zu formulieren (ebd.). Ebenso kann die Anordnung der Fragen dem Diskussionsverlauf angepasst werden. Der Leitfaden wurde durch einen Pretest mithilfe der Praktiker: innen der Interdisziplinären Frühförderstelle der AWO-Soziale Dienste gGmbH Gotha auf Durchführbarkeit untersucht. Es erfolgte eine Transkription der Diskussion nach Dressing und Pehl (2010). Die Auswertung des Transkriptes erfolgte mit MAXQDA. In Anlehnung an Kuckarzt und Rädiker (2022, 39) ist die fortfolgende Definition für die vorliegende Studie zutreffend: „Unter qualitativer Inhaltsanalyse wird die systematische und methodisch kontrollierte wissenschaftliche Analyse von Texten, Bildern, Filmen und anderen Inhalten von Kommunikation verstanden. Es werden nicht nur manifeste, sondern auch latente Inhalte analysiert. Im Zentrum der qualitativen Analyse stehen Kategorien, mit denen das gesamte für die Forschung bedeutsame Material codiert wird. Die Kategorienbildung kann deduktiv, induktiv oder deduktiv-induktiv erfolgen. Die Analyse geschieht primär qualitativ, kann aber auch quantitativstatistische Auswertungen integrieren; sie kann sowohl kategorieals auch fallorientiert erfolgen.“ 3 Ergebnisse Zentraler Bestandteil der Forschungsfrage war die Eruierung der Chancen- und Risikovielfalt digitaler heilpädagogischer Frühförderung und Beratung. Nach einer detaillierten Analyse des Transkripts fiel die Mehrdimensionalität der Potenziale und Risiken auf. Chancen Im folgenden Abschnitt sind die Aussagen der Teilnehmerinnen als induktiv erstellte Kategorien zusammengefasst und anschließend beispielhaft beschrieben. Es ergeben sich Unterkategorien, die den deduktiv (Leitfaden) vorgegebenen Chancen zuzuordnen sind. Um eine übersichtliche Struktur zu schaffen, sind die Unterkategorien jeweils mit einem C für Chancen markiert. (C 1) Flexibilität Die Teilnehmerinnen beschreiben als Potenzial die Flexibilität der Förderungen und beziehen sich hierbei auf den zeitlichen Faktor einer Terminvereinbarung und der Absprachen zu einem beratenden Angebot. Eine Teilnehmerin beschreibt den Einsatz der Sprachnachrichten. Sie könne dadurch flexibel entscheiden, wann sie sich der digitalen Beratung und Beziehung zuzuwenden könne. Die Fachkraft kann sich eigenständig einteilen, die Nachricht abzuhören und eine beratende Haltung einzunehmen. Der Umstand, dass eine Fragestellung den Adressaten bzw. die Adressatin nicht erreicht, wird folglich ausgeschlossen. Durch einen variablen Einsatz der digitalen Formen steige die Flexibilität in der Terminvereinbarung und Beratung (Z 25). (C 2) Setting im sicheren Hafen Weiterhin wurde das Setting der digitalen Förderung im beratenden Modus als Chance betrachtet. Eine Teilnehmerin der Fokusgruppe beschreibt dabei die angenehme häusliche Atmosphäre. Eltern können auf dem eigenen Sofa sitzen und dies als sicheres Umfeld nutzen, wenn es beispielsweise um unangenehme Themen gehe (Z 23). 98 FI 3/ 2026 (C 3) Wertschätzung für Frühförderfachkraft Im Verlauf der Fokusgruppendiskussion wurde geäußert, dass die Familien große Wertschätzung den Fachkräften gegenüber erbringen, da sie das Handeln und Anleiten erleben. „Das war dann eine große Wertschätzung für das Handeln, also die Anleitung, die denken sich da ja was dabei, was die da so sagen“ (Z 23), so eine Teilnehmerin der Fokusgruppe. (C 4) Familienorientierung: Anleitungskompetenz und Lebensweltorientierung Eines der grundlegenden Prinzipien der Frühförderung ist die familienorientierte Arbeit. In der Fokusgruppe wird die Familienorientierung als Potenzial der digitalen Frühförderung aufgeführt und vielfältig diskutiert. Inwieweit kann die digitale Frühförderung die elterliche Einbindung in den Frühförderprozess unterstützen? Die Teilnehmenden berichteten von folgenden Potenzialen, die der Kategorie der Familienorientierung zuzuordnen sind. Zum einen (A) werden Eltern direkt angeleitet, weiterhin kann (B) die Lebenswelt der Eltern kennengelernt werden. Zum anderen kommt die Frühförderfachkraft zusätzlich in Kontakt mit dem (C) häuslichen Umfeld des Kindes. Weiterhin wird die (D) Erreichbarkeit der gesamten Familie gewährleistet, nicht nur die eines Elternteils, da die Versorgung der Geschwisterkinder gegeben ist. Final führten die Teilnehmerinnen an, dass die (E) Vermittlung eines besseren Wissensstands der Eltern bzgl. der Entwicklung des Kindes erreicht werden könne. Die Summe aus den vorliegenden Chancen, die sich für die Familienorientierung ergeben, lässt die Frage entstehen, inwiefern durch die digitale Frühförderung und Beratung diese Säule der Familienorientierung gestärkt werden könne. (C 5) Neue Handlungsfelder Weiterhin wurden im Verlauf der Fokusgruppe neue Handlungsbereiche beschrieben, die durch die digitale Frühförderung und Beratung entstehen. Für die Teilnehmer: innen der Studie war eine Erweiterung des Frühfördersettings bedeutsam, um beispielsweise die Einbindung der Eltern besser zu gewährleisten. Für eine übersichtliche Darstellung der Ergebnisse sind die Aussagen der Teilnehmerinnen zusammengefasst und sehen wie folgt aus. ◾ Alltagsbeobachtungen und -begleitung (z. B. Essenssituationen) ◾ Digitale Förderung ◾ Digitale Beratungen der Eltern bzw. Personensorgeberechtigten und Bezugspersonen ◾ Digitale Fallberatungen - Interdisziplinarität ◾ Digitale Teamsitzungen (C 6) Beziehung Die Beziehungsgestaltung zu den Kindern und den Familien wurde von den Teilnehmerinnen ebenso als Potenzial der digitalen Frühförderung und Beratung beschrieben. Dabei äußerte eine Teilnehmerin, dass sie bei terminlichen Schwierigkeiten beispielsweise durch die Berufstätigkeit der Eltern kaum Kontakt und Beziehung zum Elternhaus habe. Sie sehe die Chance in der digitalen Frühförderung und Beratung, um Beziehung und Kontakt herzustellen und zu halten. Eine andere Teilnehmerin spricht davon, dass trotz der Digitalisierung Beziehung aufgebaut werden könne. Außerdem wurde die Begleitung der Eltern, die Eltern-Kind-Interaktion und die Beziehung hervorgehoben. Der Beziehungserhalt via Sprachnachricht unterstütze ebenso den Frühförderprozess positiv. (C 7) Erreichbarkeit Eine Teilnehmerin spricht davon, dass sie einige Familien gar nicht erreichen könne (Z 12). Weiterhin wird angeführt, dass Kindergärten durch die digitale Beratung besser an dem interdisziplinären Austausch teilnehmen und deren Erreichbarkeit und Anbindung in den Andrea Thiel, Andreas Seidel 99 FI 3/ 2026 Chancen und Risiken digitaler Frühförderung Förderprozess steigen könne (Z 20). Auch Therapeut: innen externer Kooperationspartner: innen gelinge es besser, an einer „20-Minuten- Zoom-Konferenz“ teilzunehmen, da es besser in den Alltag zu integrieren sei (ebd.). Für Dienstberatungen und die Erreichbarkeit der Mitarbeiter: innen sei die digitale Form als Potenzial einzuordnen. Die Mitarbeiter: innen seien leichter zu erreichen und man müsse nicht auf Dienstpläne achten, da die Dienstberatungen aufgezeichnet werden und am nächsten Tag angeschaut werden könnten (ebd.). Hier kann eine Schnittstelle zur Flexibilität im Sinne von terminlichen Vereinbarungen der Familien und Fachkräfte gezogen werden. Risiken Im Rahmen der Fokusgruppe wurden mithilfe des Leitfadens die Risiken der digitalen Frühförderung diskutiert. Es konnten dabei vier Risikokategorien induktiv gebildet werden. Zur übersichtlichen Einordnung der Subkategorien wurden die Risiken mit R bezeichnet. (R 1) Fortbildung Die Teilnehmerinnen sehen die unzureichende Fortbildung und Begleitung als größtes Risiko für die Nutzung der digitalen Frühförderung. Das Spektrum reichte von keiner Begleitung und Fortbildung (Z 10) bis hin zu total unsicherem Handeln (Z 25), über keine Erfahrungen (Z 8) bis hin zu fehlendem wissenschaftlichen Hintergrund (Z 10). (R 2) Fehlende rechtliche Leitlinien Eine Teilnehmerin erläuterte datenschutzrechtliche Hürden sowie nicht geklärte Kostenträgerübernahmen. Die Teilnehmerin beschrieb dabei ein aktuelles Antragsverfahren und die derzeitige noch nicht geregelte Kostenübernahme in ihrer Kommune einer digitalen Beratung (Z 8). (R 3) Technik Als weitere Hürde wurde die Technik benannt. Dabei beschrieb eine Teilnehmerin, dass der Download einer App für die Eltern als Hürde empfunden wurde (Z 8). Auch die Medienkompetenz der Fachkräfte wurde als Risiko beschrieben (Z 10), was neben der technischen Vorausbildung ebenso die Schnittstelle zur Fortbildung darstellt. Weiterhin wurde die technische Ausstattung als solche als Hürde angeführt (Z 10). (R 4) Ablehnende Haltung Die ablehnende Haltung wurde mehrfach als hemmender Faktor angeführt. Dabei beziehen sich die Aussagen auf die Haltung des Fachpersonals. Die Teilnehmenden beschreiben, dass die digitale Förderung „total boykottiert“ worden sei (Z 8). Auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, die entstehende Überforderung und daraus resultierende ablehnende Haltung wurden als Hürde benannt (Z 10). In Tabelle 1 sind die Potenziale und Hürden entsprechend der Kategorien mit beispielhaften Zitaten zu finden. Diskussion Die vorliegenden Ergebnisse verdeutlichen, dass digitale Frühförderung ein Spannungsfeld zwischen Erweiterung professioneller Handlungsmöglichkeiten und strukturellen sowie kompetenzbezogenen Herausforderungen darstellt. Die identifizierten Chancen - insbesondere Flexibilität, Erreichbarkeit und neue Handlungsfelder - können in hohem Maße mit dem Paradigma der Familienorientierung korrespondieren. Damit greifen die Ergebnisse zentrale Forderungen aus der Forschung auf, die eine stärkere Einbindung der Eltern in den Förderprozess betonen (Mahoney und Perales 2019). 100 FI 3/ 2026 Andrea Thiel, Andreas Seidel Chancen digitaler Frühförderung (C 1) Flexibilität „Da ist man flexibler in Terminen […].“ (Z 32) (C 2) Setting als sicherer Hafen „Was viele gesagt haben, sie sitzen beim Elterngespräch auf dem Sofa, und das ist dann auch ganz angenehm das Sofa zu haben, wenn es vielleicht auch um gar nicht so einfache Themen geht, dann sind sie wenigstens in ihrer schönen gewohnten Umgebung.“ (Z 23) (C 3) Wertschätzung der „Das war dann eine große Wertschätzung für das Handeln, also die Anleitung, Frühförder: in und Eltern die denken sich da ja was dabei, was die da so sagen.“ (Z 23) (C 4) Familienorientierung „Ich glaube, das ist für viele Bereiche die große Chance, die Familien zu erreichen, auch die ganzen Familien zu erreichen und nicht nur die Mutter, die mit dem einzelnen Kind kommt.“ (Z 43) (C 5) Neue Handlungsfelder „Wir sollten vielmehr die Lebenswelt unserer Eltern kennenlernen, weil man einfach über Zoom, sei´s ein Kind mit selektivem Mutismus, was man auf einmal im Hintergrund hört. Wo die Heilpädagogin das im Leben noch nie die Stimme gehört hat […] das wäre bei uns in der Einrichtung unmöglich gewesen, das zu erleben.“ (Z 28) (C 6) Beziehung „Ich denke, die Chance ist einfach, dass man es wirklich als Ergänzung nimmt […]wenn Kinder chronisch krank sind und auf Station wären, vielleicht im Klinikum behandelt werden müssen, dann wollen die Eltern schon Kontakt halten, aber können nicht, weil es grade nicht geht und dann ist das ein guter Punkt und Möglichkeit eben doch eben Kontakt zu halten.“ (Z 32) (C 7) Erreichbarkeit „Gut gelang es, dass wir Leute gewinnen konnten, die wir sonst nie an runde Tische gekriegt haben. Kitas, die zu weit weg von uns sind, die sich sonst nie am runden Tisch beteiligt haben z. B. den einen oder anderen Therapeuten.“ (Z 20) Risiken digitaler Frühförderung (R 1) Technik „Also einfach nur die Medienkompetenz bei Fachkräften.“ (Z 10) (R 2) Ablehnende Haltung „Es ist nicht das Gleiche, man muss es anders denken. Das ist schon auch ein Aufwand, ja ein Schritt auch wie man bedenken muss, was die Arbeit neu definiert hat. Arbeit wird neu definiert.“ (Z 27) (R 3) Fehlende rechtliche Leitlinie „Und jetzt gab es im Gremium Anfragen dazu, ob nicht Anteile der Elternberatungen digital umgesetzt werden dürfen und welche Kostenträger. Da steht die Antwort noch aus.“ (Z 8) (R 4) Unzureichende „Die Hürde in das eigene Vertrauen, in die eigentlichen Fähigkeiten, das Begleitung/ Fortbildung umsetzen zu können, ohne vorher irgendwie dazu Informationen bekommen zu haben ohne irgendwie durch jemanden befähigt worden zu sein, das zu tun.“ (Z 10) Tab. 1: Chancen- und Risikoprofil 101 FI 3/ 2026 Chancen und Risiken digitaler Frühförderung Die Studienergebnisse zeigen auch, dass digitale Settings keineswegs eine Reduktion professioneller Qualität bedeuten müssen, sondern vielmehr eine Transformation der Interaktionsformen darstellen (Rittel 2022). Die beschriebenen Potenziale der direkten Anleitung der Eltern sowie der Einblick in die Lebenswelt der Familien bestätigen Rittels Annahme (2022), dass nahezu alle Förderinhalte auch digital umsetzbar sind - allerdings unter veränderten Bedingungen, etwa durch eine stärkere Strukturierung und bewusste Anleitungskompetenz der Fachkräfte. Mit einer „Frühförder: in-Eltern-Kind-Triade“ kann eine direkte Einbindung und Anleitung der Eltern bzw. Personensorgeberechtigten erfolgen (Reinders-Schmidt 2019, 42ff.). Dies gilt auch für ein digitales Setting in der Frühförderung. Die Unterstützung der Anleitungskompetenz der Eltern steht dabei im Vordergrund und kann dem „Zweck der familienorientierten Arbeit“ zugeordnet werden (ebd.). Als weitere Chance der digitalen Frühförderung kann der Kontakt zur Lebenswelt der Eltern im häuslichen Setting benannt werden. Die Fachkraft erlebt die Lebenswirklichkeit des Kindes und der Familie. Dies entspricht der „Kontextnähe der familienorientierten Arbeit“ (Reinders-Schmidt 2019, 42ff.) in digitaler Form. Analog zum häuslichen persönlichen Kontakt können so Vermittlung von Wissen und Fertigkeiten an die Eltern auch im digitalen Kontext vermittelt werden. Die Familie erlangt beispielsweise Wissen über Ressourcen und Beeinträchtigungen des Kindes und erlernt entwicklungsfördernde Handlungen, was ebenso zweckdienlich für ein familienorientiertes Arbeiten ist. Gleichzeitig machen die Ergebnisse deutlich, dass die Umsetzung digitaler Frühförderung nicht primär durch technische Einschränkungen beeinträchtigt, sondern eher durch organisatorische und formale Rahmenbedingungen eingeschränkt werden kann. Hier zeigen sich deutliche Parallelen zu den Befunden von Irmler und Dawal (2025), die auf einen hohen Bedarf an Qualifizierung sowie an struktureller Verankerung digitaler Angebote hinweisen. Technische Ausstattung und ein Mindestmaß an technischer Kompetenz sind bei digitalen Förderprozessen notwendig (Starke 2016). Weiterhin wurde in der Untersuchung ein ablehnendes Verhalten als mögliche einstellungsbezogene Barriere beschrieben. Dies ist zum einen eine persönliche Einstellung von Fachkräften, die durch individuelle Erfahrung sowie andere Kontextfaktoren geprägt wird. Sowohl eine unzureichende technische Ausstattung und Ausbildung, unsichere rechtliche Bestimmungen und ein eingeschränktes Fortbildungsangebot für Online-Förderung können die Einstellung von Fachkräften beeinflussen und die Implementierung der digitalen Frühförderung und Beratung hemmen. Aber: dies ist veränderbar, und aus Barrieren können Förderfaktoren werden. Diejenigen Fachkräfte, die digitale Erfahrungen gesammelt haben, stehen den Möglichkeiten digitaler Angebote positiver gegenüber als diejenigen, die noch keine solche Praxiserfahrung gemacht haben (Bürger et al. 2021). Die in der Fokusgruppe identifizierten Risiken können als Ausdruck eines noch unzureichend professionalisierten Digitalisierungsprozesses verstanden werden. Während digitale Endgeräte bereits vielfältig genutzt werden, fehlt es offenbar häufig noch an konzeptioneller Integration und systematischer Unterstützung (Irmler und Dawal 2025). Mit rechtlicher Sicherheit und mehr Angeboten für die Fort- und Weiterbildung in diesem Bereich könnten Vorbehalte gegenüber digitalen Fördermöglichkeiten erheblich gemindert werden. Wichtig in der Diskussion um digitale Förderung ist klarzustellen, dass digitale Fördermaßnahmen die Frühförderung in Präsenz nicht ablösen, sondern ergänzen sollen. Ebenso gilt es deutlich zu machen und festzuschreiben, dass digitale Fördermaßnahmen kein 102 FI 3/ 2026 Sparkonzept sind, sondern ebenso einer auskömmlichen Finanzierung bedürfen. Relevant erscheint die Wechselwirkung zwischen den identifizierten Chancen und Risiken. So kann beispielsweise die Flexibilität digitaler Angebote nur dann wirksam werden, wenn technische Infrastruktur und Medienkompetenz vorhanden sind. Ebenso hängt die Qualität der Beziehungsgestaltung maßgeblich von der Haltung der Fachkräfte ab. Diese Befunde lassen sich als Hinweis darauf interpretieren, dass Digitalisierung in der Frühförderung weniger eine rein technische Innovation darstellt, sondern vielmehr einen tiefgreifenden professionellen und organisationalen Wandel erfordert. Im Kontext digitaler Angebote für Fördersettings wird deutlich, dass diese insbesondere dort ihre Stärke entfalten, wo klassische Settings an Grenzen stoßen - etwa bei eingeschränkter Erreichbarkeit von Familien, komplexen Alltagskontexten oder interdisziplinärer Zusammenarbeit (Rittel 2022, Irmler und Dawal 2025). Gleichzeitig bleibt festzuhalten, dass digitale Frühförderung nicht als Ersatz, sondern als komplementäres Element zu verstehen ist. Die digitale Förderung ist als eigenständige Ergänzung im Förderprozess mit spezifischen Stärken zu betrachten. Die bislang hierzu in Deutschland vorliegenden Ergebnisse unterstreichen, dass Digitalisierung bereits Einzug in die Praxis der Frühförderung gehalten hat, jedoch weiterer Entwicklungs- und Forschungsbedarf besteht (Irmler und Dawal 2025). Aufgrund der kaum vorhandenen empirischen Daten zum Thema der digitalen Frühförderung im deutschsprachigen Raum ist die Forschung in diesem Bereich weiterhin unerlässlich. Fazit Zusammenfassend zeigt die Studie, dass digitale Frühförderung ein erhebliches Potenzial zur Weiterentwicklung familienorientierter Praxis bietet. Insbesondere die Möglichkeit, Eltern stärker in den Förderprozess einzubinden, ihre Handlungskompetenzen zu erweitern und einen direkten Einblick in die Lebenswelt der Familien zu gewinnen, stellt einen zentralen Mehrwert dar. Damit kann digitale Frühförderung einen Beitrag dazu leisten, die vielfach kritisierte Lücke in der Elternarbeit zu schließen. Gleichzeitig wird deutlich, dass die erfolgreiche Implementierung digitaler Angebote an bestimmte Voraussetzungen gebunden ist. Neben einer adäquaten technischen Ausstattung sind vor allem qualifizierende Maßnahmen, rechtliche Klarheit und eine offene professionelle Haltung erforderlich. Ohne diese Rahmenbedingungen besteht die Gefahr, dass die identifizierten Potenziale nicht ausgeschöpft werden können oder digitale Angebote sogar auf Ablehnung stoßen. Für die zukünftige Ausgestaltung digitaler Angebote in Fördersettings ergibt sich daraus die Notwendigkeit, diese systematisch in bestehende Konzepte zu integrieren, Fachkräfte gezielt zu qualifizieren und strukturelle Rahmenbedingungen anzupassen. Nur so kann digitale Frühförderung ihr Potenzial entfalten, die Familienorientierung nachhaltig zu stärken und die Qualität der Frühförderung insgesamt zu verbessern. Andrea Thiel, M.A. Interdisziplinäre Frühförderstelle AWO-Soziale Dienste gGmbH Gotha Schöne Allee 6 99867 Gotha Mail: andrea.thiel@awo-gotha.de Prof. Dr. Andreas Seidel Professur für Sozialpädiatrie Hochschule Nordhausen Weinberghof 4 99734 Nordhausen Mail: seidel@hs-nordhausen.de Andrea Thiel, Andreas Seidel 103 FI 3/ 2026 Chancen und Risiken digitaler Frühförderung Literatur American Speech-Language-Hearing Association (2024): Telepractice. In: https: / / www.asha.org/ practice-portal, 26.02.2024 Behl, D., Blaiser, K., Cook, G., Barrett, T., Callow-Heusser, C., Moog Brooks, B., Dawson, P., Quigley, S., White, K., (2017): A Multisite Study Evaluating the Benefits of Early Intervention via Telepractice. Infants & Young Children. 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