mensch & pferd international
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1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Pferdegestützte Sprachtherapie?! Das Pferd in der Therapie von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen
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2009
Lynn Aschenbach
Die Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd wird inzwischen bei verschiedensten Störungsbildern erfolgreich eingesetzt und auch bei Menschen mit Sprachstörungen bereits häufig praktiziert. Trotzdem gibt es in der deutschsprachigen Fachliteratur nur wenige Publikationen dazu. In diesem Beitrag wird auszugsweise ein Konzeptentwurf vorgestellt, mit dem Anliegen, sprachtherapeutische Prinzipien und Strategien bei Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen in die Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd zu integrieren, um die positiven Effekte beider Ansätze im Sinne einer Sprachtherapie mit Hilfe des Pferdes miteinander zu verbinden.
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Das Pferd in der Therapie von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen Lynn Aschenbach Die Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd wird inzwischen bei verschiedensten Störungsbildern erfolgreich eingesetzt und auch bei Menschen mit Sprachstörungen bereits häufig praktiziert. Trotzdem gibt es in der deutschsprachigen Fachliteratur nur wenige Publikationen dazu. In diesem Beitrag wird auszugsweise ein Konzeptentwurf vorgestellt, mit dem Anliegen, sprachtherapeutische Prinzipien und Strategien bei Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen in die Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd zu integrieren, um die positiven Effekte beider Ansätze im Sinne einer Sprachtherapie mit Hilfe des Pferdes miteinander zu verbinden. Schlüsselbegriffe: Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd, Sprachtherapie, Logopädie, Sprachentwicklungsstörung, Kommunikation Pferdegestützte Sprachtherapie? ! 88 | mup 2|2009|88 - 97|© Ernst Reinhardt Verlag München Basel Die Entwicklung der Sprache ist ein sehr komplexes und von vielen verschiedenen Faktoren abhängiges Geschehen. Das Kind erlernt sprachliche Kompetenzen durch die aktive Auseinandersetzung mit sich selbst und den Gegenständen und Personen seiner Umwelt. Dabei verlaufen die verschiedenen Entwicklungslinien der sensorischen, motorischen, kognitiven, sozialen, emotionalen und sprachlichen Kompetenzen parallel zueinander und bedingen sich in Wechselwirkungsprozessen gegenseitig. Aufgrund dieser multifaktoriellen Verläufe weisen Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen häufig in mehreren Bereichen ihrer Entwicklung Auffälligkeiten auf. Das Störungsbild ist generell sehr vielschichtig und impliziert dadurch differenzierte therapeutische Maßnahmen hinsichtlich Anspruch und Individualität. Die Forderung nach einer ganzheitlichen und individuellen Therapie für Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen, die nicht nur isoliert auf die sprachlichen Fähigkeiten ausgerichtet ist, sondern auch Ressourcen und Fähigkeiten in anderen Entwicklungsbereichen und ihre Relevanz für die Sprachentwicklung berücksichtigt, ist von besonderer Aktualität und wird bereits in verschiedenen Ansätzen umgesetzt. Ich habe mich im Rahmen meines ersten Studienschwerpunktes „Sprachheilpädagogik“ und verschiedener Praktika in sprachtherapeutischen Einrichtungen mit Störungsbildern und Therapieansätzen auseinandergesetzt. In einer der Einrichtungen lernte ich die tiergestützte Sprachtherapie mit einem Hund kennen. Durch Erfahrungen, die ich während Praktika in meinem zweiten Studienschwerpunkt „Bewegungserziehung“ in Einrichtungen für Therapeutisches Reiten sammelte, entstand die Idee, das Pferd als Medium in die Therapie von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen zu integrieren. In den folgenden Ausführungen werden die theoretischen Überlegungen vorgestellt und anhand eines Therapiebausteins wird ihre praktische Umsetzung exemplarisch demonstriert. Der Einsatz des Pferdes bei Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen Der Therapiebedarf von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen, die Zielsetzungen der Sprachtherapie und die Ziele und Fördermöglichkeiten der Heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd weisen Berührungspunkte auf. Die Sprachtherapie ist inhaltlich nicht isoliert auf die sprachliche Entwicklungsebene ausgerichtet. Vielmehr werden die basalen Grundvoraussetzungen für Sprache in allen anderen Entwicklungsbereichen mit einbezogen. Bei der Heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd handelt es sich um ein Angebot, welches den Klienten ganzheitlich anspricht und somit eine Förderung der gesamten Persönlichkeitsentwicklung und auch seiner sprachlichen Fähigkeiten ermöglicht. Das Pferd bietet durch seine verschiedenen Einsatzmöglichkeiten und arteigenen Charakteristika eine Vielzahl an Erfahrungsmöglichkeiten und bewirkt auf diese Weise eine Beeinflussung der gesamten Entwicklung. Besonders gut geeignet ist das Pferd, weil es als nonverbal kommunizierendes Wesen kein sprachliches Verhalten erwartet. Auf der Basis uneingeschränkter Akzeptanz werden eine gelungene Kommunikation und somit kommunikative Erfolgserlebnisse ermöglicht. Zudem bietet das Therapiesetting eine Fülle an sprachlichen Anlässen und Angeboten. Obwohl eine Förderung im sprachlichen Bereich durch die Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd immer häufiger auch bei Kindern mit sprachlichen Auffälligkeiten durchgeführt Besonders gut geeignet ist das Pferd, weil es als nonverbal kommunizierendes Wesen kein sprachliches Verhalten erwartet. Aschenbach - Pferdegestützte Sprachtherapie? ! mup 2|2009 | 89 wird, ergeben Recherchen im deutschsprachigen Raum bislang weder ein Konzept zu Inhalten und Vorgehensweisen noch empirische Studien, welche die Wirksamkeit des Einsatzes belegen könnten. Die Kombination der beiden Disziplinen macht es dringend erforderlich, sich damit auseinanderzusetzen, welche Konsequenzen sich hieraus sowohl für die Sprachtherapie als auch für die Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd ergeben. Je nach Schwerpunkt könnte es sich um Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd mit dem Schwerpunkt Kommunikation und Sprache oder alternativ um Sprachtherapie mit dem Pferd handeln. Hieraus würden sich ganz unterschiedliche Konsequenzen im Hinblick auf die Inhalte und Methoden der Intervention, aber auch im Hinblick auf die Anforderungen an die Ausbildung des Anbieters und die Finanzierungsmöglichkeiten ergeben. Eine konkrete Aussage darüber zu treffen ist bislang jedoch schwierig, weil es in Deutschland noch keine umfassenderen praktischen Erfahrungen in diesem Arbeitsfeld gibt. Ein Blick in die USA zeigt aber, dass zumindest in Bezug auf die Qualifikation der Professionellen dort eine gangbare Lösung gefunden wurde. In den USA ist der Einsatz des Pferdes in der Sprachtherapie unter dem Oberbegriff der „American Hippotherapy“ bereits eine fest integrierte Methode. Die jeweilige Ausrichtung der Hippotherapie ist dort von der ursprünglichen Ausbildung des Therapeuten abhängig. Sprachtherapeuten, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten, Psychologen und Psychotherapeuten absolvieren eine Zusatzausbildung in der Hippotherapie und setzen das Pferd als Behandlungsmedium in ihrem Fachgebiet ein (Apel 2007, 28). Da das hier vorgestellte Konzept einen starken Fokus auf ein Modell aus der Sprachtherapie legt und sich auf einer theoretischen Ebene damit beschäftigt, inwieweit es sich auf die Arbeit mit dem Pferd übertragen lässt, liegt hier der Schwerpunkt auf der Sprachtherapie, so dass aus dieser Perspektive das Konzept eher in Richtung einer pferdgestützten Sprachtherapie tendiert. ZielsetzungdesKonzeptentwurfes Das Ziel des Konzeptentwurfes besteht darin, eine Grundlage für die Therapie von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen durch das Medium Pferd zu schaffen. Dabei kann an dieser Stelle nicht der Anspruch erhoben werden, dass eine alleinige Therapie ausreicht. Vielmehr geht es darum, eine additive und abwechslungsreiche Therapieform als Erweiterung der therapeutischen Maßnahmen anzubieten, die sich von üblichen Therapien abhebt und solche ergänzt. In diesem Sinne kann der Einsatz des Pferdes als sprachtherapeutische Ergänzungsmaßnahme verstanden werden, die von einem Sprachtherapeuten oder Logopäden mit einer geeigneten Zusatzqualifikation in der Arbeit mit dem Pferd durchgeführt wird. Als eine Alternative wäre zu überlegen, die Intervention durch ein Team von zwei Personen mit Qualifikationen in jeweils einem der beiden Bereiche zu organisieren. Das Ziel besteht darin, dem Kind durch vielfältige Erlebnisse und Erfahrungen mit dem Pferd Entwicklungsanregungen zu bieten, welche in einem Therapiezimmer schwer oder gar nicht zu ermöglichen sind. Besonders bei Kindern mit erheblichen Rückständen in ihrer Sprachentwicklung kann diese Form der Therapie zudem eine interessante und motivierende Abwechslung im häufig durch mehrere Therapiesitzungen pro Woche geprägten Alltag bieten. Dementsprechend orientiert sich der Konzeptentwurf an den Prinzipien der Sprachtherapie, die sich in der Praxis bereits bewährt haben und zum Therapieerfolg führen, und integriert diese in Methoden der Heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd. Inhaltliche Ansatzpunkte der Förderung Bei der Auseinandersetzung mit mög- 90 | mup 2|2009 Aschenbach - Pferdegestützte Sprachtherapie? ! lichen therapeutischen Vorzügen und Inhalten einer pferdegestützten Sprachtherapie erfolgt eine Orientierung an den Ebenen der Sprachentwicklung und an gängigen sprachtherapeutischen Methoden. Da Kinder mit Störungen in der Sprachentwicklung kein einheitliches Störungsbild aufweisen, muss, entsprechend der Vorgehensweise in der Sprachtherapie, individuell überprüft werden, in welchen Bereichen die Schwierigkeiten des Kindes liegen und im Sinne der Entwicklungsorientierung zunächst mit der Förderung in der vorgelagerten Entwicklungsebene begonnen werden. In der weiteren Förderung kann und sollte dann auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig angesetzt werden. Auswirkungen auf Entwicklungsprozesse in verschiedenen Entwicklungsbereichen Grundsätzlich sollte eine Therapie von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen auch eine Förderung und Berücksichtigung der übrigen Entwicklungsbereiche mit einschließen, da es sich beim Spracherwerbsprozess nicht um einen isolierten Vorgang, sondern vielmehr um ein Zusammenspiel der verschiedenen Entwicklungsdimensionen handelt, die sich gegenseitig bedingen und ergänzen. Diese Vernetzung besteht zwischen der sprachlichen, sensorischen, motorischen, kognitiven, emotionalen und sozialen Entwicklung. Dabei können vorhandene Fähigkeiten und Stärken des Kindes in allen Entwicklungsbereichen als Ansatzpunkte der Förderung genutzt werden. Auswirkungen auf Entwicklungsprozesse im sprachlichen Bereich In modernen Ansätzen zur Entwicklung der sprachlichen und kommunikativen Kompetenzen wird vermehrt auf Zusammenhänge mit der Selbst- und Persönlichkeitsentwicklung hingewiesen. So verknüpft beispielsweise Katz-Bernstein (2003, 70) in ihrem Verständnis von Sprachentwicklung die „Persönlichkeitsentwicklung und [den] Erwerb von kommunikativen, repräsentativen, symbolischen, pragmatischen und diskursivnarrativen Fähigkeiten“. Es werden in der nachfolgenden Tabelle jene Ebenen genauer beschreiben, welche als bedeutende Meilensteine in der kindlichen Sprachentwicklung gelten und deshalb als Prämissen für die Therapie im Konzeptentwurf Berücksichtigung finden sollen. Die förderlichen Charakteristika des Pferdes für jede Entwicklungsebene werden an dieser Stelle nur auszugsweise aufgezeigt. Zusätzlich zu den therapeutisch nutzbaren Eigenschaften des Pferdes müssen eigene Ideen für das Intervenieren des Therapeuten, Therapieübungen und Spiele, die zur Unterstützung des Therapieerfolgs beitragen, integriert werden. Anhand eines praktischen Beispiels soll dies im Anschluss verdeutlicht werden. Praktisches Beispiel: Therapiebaustein „Löwenjagd“ Im Rahmen meiner Diplomarbeit habe ich zur Erprobung des Konzeptes für jeden Therapieschwerpunkt mehrere Therapiebausteine entwickelt, durchgeführt und dokumentiert. An dieser Stelle wird exemplarisch für die Vorgehensweise innerhalb einer Therapiesitzung einer dieser Therapiebausteine vorgestellt. Die folgende Dokumentation des Therapiebausteins ergibt sich aus der vor der Durchführung angefertigten Planung und der nach der Erprobung verfassten Reflexion. Die Zielsetzung des Therapiebausteins wird ausschließlich für die Auswirkungen im sprachlichen Bereich aufgeführt. Ergänzt wird diese durch den Bereich der auditiven Wahrnehmung und der Mundmotorik, da ein direkter Zusammenhang zur Sprache besteht. Der nachfolgende Therapiebaustein hat seinen Förderschwerpunkt im Bereich der symbolisch-narrativen Ebene . Da jedoch immer eine Verknüpfung zwischen den Entwicklungsebenen besteht, werden auch die positiven Auswirkungen in den anderen Bereichen aufgeführt. Aschenbach - Pferdegestützte Sprachtherapie? ! mup 2|2009 | 91 Tabelle 1: Pferdegestützte Therapieansätze Ebene Kompetenzen bzw. mögliche Ansätze der Förderung Charakteristika des Pferdes und des Umgangs mit dem Pferd Kommunikative Ebene Verinnerlichung von Kommunikations- und - Dialogstrukturen (Katz-Bernstein 2005, 39) Katz-Bernstein (2005, 39) zählt zu diesen - Dialogregeln beispielsweise: „Begrüßungs- und Abschiedsrituale - Blickaustausch und Wechsel von Augen- - kontakt vor und während des Sprechens Turn-taking-Verhalten des Sprechens - und Zuhörens im Wechsel Austausch von nicht-verbalen Regu- - latoren, Gesten und Körpersignalen, die den Sprecherwechsel im Konsens bestimmen“ Pferd bringt als Herdentier eine hohe Sensi- bilität für mimisch-körperliche Ausdruckssignale mit (Klüwer 2005, 8) Nonverbales Kommunikationsverhalten, entspricht dem analogen Aspekt der Kommunikation nach Watzlawick und wird in diesem Zusammenhang als Mittel der Beziehungsaufnahme und Beziehungsgestaltung betrachtet (Watzlawick et al. 2003, 63f) Reiten auf dem Pferderücken: Der auf diese - Weise entstehende Bewegungsdialog und das antwortende Verhalten des Pferdes sind für die Kommunikation förderliche Variablen (Klüwer 2005, 10) → Empfindung von Gleichgewicht, Spannungen, Körperhaltung, Temperatur, Vibration, Hautkontakt, Rhythmus, Tempo, Dauer, Tonhöhe, Klangfarbe, Resonanz und Schall, ähnlich den Erfahrungen mit der Bezugsperson im Säuglingsalter Evaluative, kognitiv-affektive Ebene Herstellung einer triangulären Verbindung zwischen Gegenständen und Personen → als dritte Dimension der Kommunikation Entdeckung der Bedeutung von Wörtern - Wecken von Aufmerksamkeit und Inte- resse dafür, was eine Person mit einem Gegenstand macht und dazu sagt Aufgrund des hohen Aufforderungscharak- ters des Pferdes und der Tatsache, dass es eine neue, oftmals unbekannte Variable für das Kind darstellt, wird sein Interesse daran geweckt. Das Pferd kann dementsprechend sowohl in ganz frühen Phasen der Triangulierung als dritte Variable neben dem Kind und dem Therapeuten stehen als auch in späteren Phasen, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, sprachliche Anlässe zu bieten und ein Sammeln von Erfahrungen zu ermöglichen. Repräsentative Ebene innere Bilder und Vorstellungen für die - Objekte der Umgebung, Handlungen und Interaktionen aufbauen → für Erinnerung abrufbar machen Erkenntnis, dass durch Handlungen und - Wörter etwas erreicht werden kann und der Einsatz von Sprache eine Konsequenz nach sich zieht Fähigkeiten im semantisch-lexikalischen - Bereich (Wortschatz) in Produktion und Rezeption Das Pferd verhält sich dem Menschen ge- genüber artspezifisch und verfügt über eine feine Wahrnehmung. Dadurch erhält das Kind sofort eine Rückmeldung auf seine Handlungen oder sein Verhalten (Baum 2005, 245) → Angst, Unruhe und Ungeduld des Kindes übertragen sich auf das Pferd und werden dem Kind auf diese Weise für seine Wahrnehmung zugänglich und ermöglichen eine Auseinandersetzung mit dem Thema. 92 | mup 2|2009 Aschenbach - Pferdegestützte Sprachtherapie? ! Ebene Kompetenzen bzw. mögliche Ansätze der Förderung Charakteristika des Pferdes und des Umgangs mit dem Pferd Symbolischnarrative Ebene Ausdifferenzierung von kognitiv-affekti- ven Abstraktionsprozessen in Spiel und in den sprachlichen Fähigkeiten Übergang vom Funktionszum Symbol- spiel Erweiterung der narrativen Fähigkeiten - → bessere Strukturiertheit und Illustriertheit der Erzählungen Erweiterung des Wortschatzes und einer - Ausdifferenzierung der grammatischen Fähigkeiten, um Beziehungen und Interaktionen formulieren zu können. Klüwer (1994) beschreibt als einen interes- santen Effekt des Reitens auf dem Pferderücken die so genannte „kommunikative Öffnung“. Damit ist gemeint, dass sich die Klienten nicht nur physisch, sondern auch psychisch lockern → oft sind emotionale Regungen, wie z. B. ein Ansteigen der Gesprächsbereitschaft beobachtbar. Es werden dann beispielsweise Fragen gestellt oder von Erlebnissen berichtet. Das Reiten bietet Anlässe, mit anderen ins - Gespräch zu kommen und sich mit seinen Gesprächspartnern auseinanderzusetzen. Besonders die Artikulation eigener Bedürfnisse kann beim Reiten und im Umgang mit dem Pferd gefördert und geübt werden. Nicht nur dem Pferd gegenüber ist der Mensch gefordert, seine Vorstellungen zu vermitteln, um z. B. das Pferd durch einen Parcours zu führen, sondern auch gegenüber potentiellen Gruppenmitgliedern, wenn man z. B. eine Übung nicht durchführen möchte oder ein anderes Spiel spielen möchte. Pragmatischkommunikative Ebene Pragmatische Fähigkeiten - → Sprache sozial, zielgerichtet und angemessen einsetzen, mit dem Ziel Handlungen und Beziehungen anzuregen, zu verändern oder zu erhalten (Katz-Bernstein 2005, 52) Regulation von Distanz und Nähe - → fortschreitende Loslösung von der Bezugsperson und zunehmender Eigenständigkeit Aufgrund der Ähnlichkeiten und der jahrtau- sendelangen gemeinsamen Kulturgeschichte von Mensch und Pferd hat das Pferd einen starken Symbolcharakter für den Menschen (Baum 1991, 19) → Gefühl von Geborgenheit und Schutz. Das Kind kann ein eventuell fehlendes Vertrauen entwickeln und seine Beziehungsfähigkeiten ausbauen. Zur Erreichung des Ziels der Loslösung von der Bezugsperson kann eventuell ein besonders attraktives Pferd ausgewählt werden oder das Kind sucht selber eines aus, damit die Aufmerksamkeit des Kindes nicht hauptsächlich auf die Bezugsperson gerichtet ist. Operationale Ebene Verinnerlichung von Wertmaßstäben - → das eigene Verhalten und das sprachliche Handeln werden bewusst und selbstständig reguliert und reflektiert Identitätsentwicklung - → anhand einer Selbstdefinition hinsichtlich aller bisher erworbenen Fähigkeiten und Vergleiche zu Gleichaltrigen Erzählfähigkeit - → die sprachlichen und kognitiven Fähigkeiten müssen einen ausdifferenzierten Stand erreicht haben, um Verhaltensweisen und Interaktionen folgen und diese erfolgreich bestreiten zu können Verschiedene Autoren verweisen auf be- stimmte Grundähnlichkeiten zwischen Pferd und Mensch in Hinblick auf körperliche Analogien und ähnliche Verhaltensweisen. Diese Aspekte zieht Papke (1997, 16) als prinzipielle Möglichkeit heran, um sich mit dem Pferd zu vergleichen, zu identifizieren und seine Wünsche auf das Pferd zu projizieren. Dies wertet sie als großen Vorteil in der Mensch- Pferd-Beziehung. Greiffenhagen/ Buck-Werner (2007, 17) weisen darauf hin, dass das Pferd aufgrund der engen psychoemotionalen und sozioemotionalen Verbindung den Menschen dazu auffordert, nach sich selbst zu fragen und über Nähe und Distanz zu ihm und Vergleich mit und Abgrenzung von ihm seine eigene Identität herauszubilden. Aschenbach - Pferdegestützte Sprachtherapie? ! mup 2|2009 | 93 Tabelle 2: Sprachtherapeutische Zielsetzungen des Therapiebausteins Sprachliche Ebene Konkrete Zielsetzung Kommentar Kommunikative Ebene Verbesserung der sprachlichen - Strukturen Rhythmisches Sprechen in einem angepassten Tempo üben Evaluative, kognitiv-affektive Ebene Kreativität ausbauen - Eigene Spielideen entwickeln - Repräsentative Ebene Phonetische Kompetenzen verbessern Lexikalische Kompetenzen entwickeln Artikulation verschiedener Lau- te erlernen Wortschatzerweiterung - Symbolisch-narrative Ebene Symbolisierungsfähigkeit fördern Strukturen und Sprachstruktu- ren verbessern Gegenstände und Personen werden zu anderen Charakteren umfunktioniert strukturierten Satzbau erlernen - Pragmatisch-kommunikative Ebene / / Operationale Ebene Wertmaßstäbe, Werte & Normen aufbauen Entscheiden, wie es dem Thera- piepferd geht, ob es Angst hat etc. Was könnte ich selber gerade fühlen? Warum handelt die Therapeutin jetzt auf diese Weise? Auditive Wahrnehmung auditive Merkfähigkeit verbes- sern Reim merken und wiedergeben können Mundmotorik Gesichtmuskulatur sensibilisie- ren und aufbauen deutliche Bewegungen mit der mimischen Muskulatur durchführen Geplanter Verlauf Für dieses Spiel wird zuerst das benötigte Material ausgewählt und in der Reithalle platziert. Nun wird der etwas veränderte Reim „Wir gehen jetzt auf Löwenjagd …“ gemeinsam gesprochen und entsprechende Bewegungen werden ausgedacht und durchgeführt. Reim: „Wir gehen jetzt auf Löwenjagd und haben keine Angst, wir haben unser Pferd dabei und auch ein scharfes Schwert! Uhh! Doch was sehe ich da? “ Pause. Die flache Hand wird zur besseren Sicht über die Augen gehalten. „Ein riesengroßes … Meer. Wir kommen nicht d’rüberher.“ Pause. Mit den Händen eine Geste „d’rüber“ machen. „Wir kommen nicht d’runterher.“ Pause. Mit den Händen eine Geste „d’runter“ machen. „Wir kommen nicht d’rumherum.“ Pause. Mit den Händen eine Geste „d’rum“ machen. „Wir müssen mittendurch! “ Pause. Mit den Händen eine Geste geradeaus machen: Geräusch beim Schwimmen: Blubbern, wie ein Fisch. Bewegung beim Schwimmen: Auf dem Pferderücken flach auf den Bauch legen und fest an den Hals des Pferdes drücken. An bestimmten Stellen des Reimes werden Pausen gemacht, um entsprechende Bewegung durchzuführen und begleitende Geräusche zu 94 | mup 2|2009 Aschenbach - Pferdegestützte Sprachtherapie? ! produzieren. Anschließend wird der Reim wiederholt, allerdings mit anderen Hindernissen und Geräuschen. Material Gerte, Seilchen, Ringe … (je nach Kreativität des Kindes) Methodisch-didaktische Überlegungen Mit dieser Vorgehensweise sollen die oben genannten Zielsetzungen wie folgt erreicht werden: Es soll kreativ eine Symbolspielhandlung inszeniert und dazu verschiedene Materialien symbolisch eingesetzt werden. Die ständige Wiederholung der Reime dient zum einen zur Strukturierung der Geschichte und zum anderen dem korrekten Satzbau, der sich einprägt. Des Weiteren verlangt der Reim eine gewisse Merkfähigkeit und Gedächtnisleistung. Die Bewegungsabläufe dienen der Förderung der Motorik und die dabei gesprochenen Laute sollen zur korrekten Artikulation (auf Lautebene, durch Nachahmung) anregen. Das Pferd nimmt bei diesem Spiel die Rolle eines gleichberechtigten Spielpartners ein, der in jede Handlung miteinbezogen wird und dem bestimmte Eigenschaften und Gefühle zugeordnet werden können. Hinweise zum Therapeutenverhalten Die Beziehung zwischen Kind und Pferd steht bei der Förderung besonders im Mittelpunkt. Da das Pferd alleine allerdings nur indirekte therapeutische Auswirkung auf die Gesamtentwicklung bzw. die zu fördernden Bereiche des Kindes hat, besteht die Aufgabe des Therapeuten darin, durch seine Erfahrung und durch bestimmte therapeutische Techniken die Qualitäten des Pferdes aufzudecken und nutzbar zu machen. Für die Therapie von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen ist es demnach unerlässlich, bestimmte, im Folgenden exemplarisch aufgeführte sprachtherapeutische Prinzipien zu berücksichtigen. Der kommunikative Rahmen, den das Pferd automatisch durch seine Anwesenheit und sein artspezifisches Verhalten bietet, sollte genutzt und gestaltet werden. Das Sprechverhalten des Therapeuten wird in Sprechtempo, deutlicher Artikulation, Satzlänge, sowie Zuhörverhalten an das Sprechniveau des Kindes angepasst. Zusätzliches sprachförderndes Verhalten, welches sich in jeder Situation mit dem Pferd realisieren lässt, ist handlungsbegleitendes Sprechen (z. B. Spielaufbau oder Spielanleitungen erklären), „korrektives“ Feedback (z. B. Kind: „Da habe.“ Therapeut: „Ach, du möchtest die Bürste haben! “), gezieltes Nachfragen und Strukturierung der Erzählungen. Weiterhin sollten immer wieder Anlässe geschaffen werden, die das Kind zum Sprechen animieren. Eine Förderung der Responsivität kann dadurch erreicht werden, dass die Handlungen und Äußerungen des Kindes aufgegriffen, strukturiert und weiterentwickelt werden und der Therapeut auf die nonverbale Kommunikation des Pferdes eingeht und diese nutzt. Beim Einsatz des Pferdes in der Therapie von Sprachentwicklungsstörungen sollte der Therapeut immer im interdisziplinären Zusammenhang agieren. Regelmäßige Rücksprachen mit der sinnvoller Weise parallel stattfindenden Sprachtherapie und dem Kindergarten oder der Schule dienen der Koordinierung der Maßnahmen und der Förderung von Transferleistungen. Ebenso wichtig wie die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist die Beratung und Begleitung der Bezugspersonen des Kindes. Die Beobachtung der Eltern-Kind-Interaktion kann häufig aufschlussreich und therapierelevant sein. Eine anschließende Vermittlung von sprachlichen Strukturen und Techniken kann auch hier die Übertragung der Therapieinhalte auf den Alltag des Kindes erleichtern. Aschenbach - Pferdegestützte Sprachtherapie? ! mup 2|2009 | 95 Schlussbemerkung Der auszugsweise vorgestellte Konzeptentwurf wurde im Rahmen meiner Diplomarbeit ausführlich in theoretischer Form bearbeitet und anschließend praktisch erprobt. Für die praktische Erprobung wurden zu jedem der vorher festgelegten Therapieschwerpunkte einige Therapiebausteine geplant, die in ihrer Zielsetzung schwerpunktmäßig die Kompetenzen der jeweiligen Ebene ansprechen und erweitern sollten. Die Durchführung zeigte, dass die theoretischen Überlegungen in der Praxis anwendbar sind. Allerdings ist es in einem nächsten Schritt notwendig, das Ausmaß und die Intensität der positiven Auswirkungen der Heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd auf das sprachliche Verhalten und die sprachlichen Kompetenzen von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen zu überprüfen. Literatur Apel, L. (2007): Hippotherapy and Therapeutic Riding Highlight! The Exceptional Parent 37, 28-34. Baum, D. (2005): Handlungsorientierung in der Arbeit mit psychisch kranken Menschen. In: Kröger, A. (Hrsg.): Partnerschaftlich miteinander umgehen. FN-Verlag, Warendorf, 238-263 Baum, M. (1991): Das Pferd als Symbol. Fischer, Frankfurt a. M. Baumgartner, S. (2008): Kindersprachtherapie. Eine integrative Grundlegung. Reinhardt, München Greiffenhagen, S., Buck-Werner, O. N. (2007): Tiere als Therapie. Neue Wege in Erziehung und Heilung. Droemer Knaur, München Grohnfeldt, M. (1999): Störungen der Sprachentwicklung. 7. Aufl. Spiess, Berlin Hellrung, U. (2002): Sprachentwicklung und Sprachförderung. Ein Leitfaden für die Praxis. Herder, Freiburg Katz-Bernstein, N. (2003): Therapie aus pädagogisch-psychologischer Sicht. In: Grohnfeldt, M. (Hrsg.): Lehrbuch der Sprachheilpädagogik und Logopädie. Band 4. Beratung, Therapie und Rehabilitation. Kohlhammer, Stuttgart, 66-90 - (2005): Selektiver Mutismus bei Kindern. Erscheinungsbilder, Diagnostik, Therapie. Ernst Reinhardt, München / Basel -, Quasthoff, U. (2007): Diskursfähigkeiten. In: Grohnfeldt, M. (Hrsg.): Lexikon der Sprachtherapie. Kohlhammer, Stuttgart, 72-75 Klüwer, B. (1994): Der Einsatz des Pferdes als Medium der Selbsterfahrung im Kontext psychomotorischer Entwicklung und Therapie. Dissertation, TH Aachen Klüwer, C. (2005): Die spezifischen Wirkungen des Pferdes in den Bereichen des therapeutischen Reitens. In: Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten (Hrsg.): Heilpädagogisches Voltigieren und Reiten in pädagogischen Handlungsfeldern. Sonderheft 2005. FN Verlag, Warendorf, 5-11 Papke, A. (1997): Das Pferd als Medium in der Psychologischen Psychotherapie. Dissertation, Universität Berlin Scheidhacker, M. (2003): Psychotherapeutisches Reiten in der Psychosomatischen Therapie. In: Olbrich, E., Otterstedt, C. (Hrsg.): Menschen brauchen Tiere. Grundlagen und Praxis der tiergestützten Pädagogik und Therapie. Kosmos, Stuttgart, 173-183 Lynn Aschenbach Dipl.-Rehabilitationspädagogin mit den Studienschwerpunkten Sprachheilpädagogik und Bewegungserziehung; Diplomarbeit zum Thema: „Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd als ergänzende Intervention für Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen - Konzeptentwurf und praktische Erprobung“, Trainerin-C Voltigieren seit 2007 Anschrift: Lynn Aschenbach · Rosenstraße 2 · 44575 Castrop-Rauxel · E-Mail: L.Aschenbach@web.de Die Autorin 96 | mup 2|2009 Aschenbach - Pferdegestützte Sprachtherapie? ! Schulz, M. (2005): Betrachtungen zu Dimensionen der Bewegung aus Heilpädagogisch-Psychomotorischer Sicht. In: Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten (Hrsg.): Heilpädagogisches Voltigieren und Reiten. Grundlagen. Sonderheft 2005. FN Verlag, Warendorf, 26-31 Struck, H., Gultom-Happe, T. (2006): Frühe Förderung mit Hilfe des Pferdes bei geistig behinderten und entwicklungsverzögerten Kindern. In: Kaune, W. (Hrsg.): Das Heilpädagogische Voltigieren und Reiten für Menschen mit geistiger Behinderung. FN Verlag, Warendorf, 21-46 Thun-Hohenstein, C. (2005): Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren und seine Auswirkungen auf die Sprache anhand eines Fallbeispiels. In: Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten (Hrsg.): Heilpädagogisches Voltigieren und Reiten in pädagogischen Handlungsfeldern. Sonderheft 2005. FN Verlag, Warendorf, 21-46 Watzlawick, P., Beavin, J. H., Jackson, D. D. (2003): Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. 10. Aufl. Hans Huber, Bern Zollinger, B. (2004): Die Entdeckung der Sprache. 6. Aufl. Haupt, Bern Aschenbach - Pferdegestützte Sprachtherapie? ! mup 2|2009 | 97
