mensch & pferd international
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Sterntalerhof - Palliative Begleitung mit Pferden
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Lisa Graschopf
Der Sterntalerhof hat es sich zur Aufgabe gemacht, Familien in Ausnahmesituationen, wie bei schweren Erkrankungen, Behinderungen oder nach traumatischen Ereignissen, ein Stück ihres Weges zu begleiten. Besondere Aufmerksamkeit gilt hierbei den jungen Gästen, die von einer chronischen, lebensbedrohlichen oder lebenslimitierenden Erkrankung betroffen sind. Der Sterntalerhof versteht sich als Raststelle (ursprünglicher Begriff von Hospiz), wo alle Familienmitglieder zur Ruhe kommen und wieder Kraft tanken, um mit Zuversicht ihren eigenen Weg in vertrauter Umgebung gehen zu können. Neben Kunst- und Musiktherapie ist die therapeutische Arbeit mit Pferden ein elementarer Bestandteil dieser Form palliativer Begleitung.
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mup 3|2009|127 - 135|© Ernst Reinhardt Verlag München Basel | 127 Sterntalerhof - Palliative Begleitung mit Pferden Lisa Graschopf Der Sterntalerhof hat es sich zur Aufgabe gemacht, Familien in Ausnahmesituationen, wie bei schweren Erkrankungen, Behinderungen oder nach traumatischen Ereignissen, ein Stück ihres Weges zu begleiten. Besondere Aufmerksamkeit gilt hierbei den jungen Gästen, die von einer chronischen, lebensbedrohlichen oder lebenslimitierenden Erkrankung betroffen sind. Der Sterntalerhof versteht sich als Raststelle (ursprünglicher Begriff von Hospiz), wo alle Familienmitglieder zur Ruhe kommen und wieder Kraft tanken, um mit Zuversicht ihren eigenen Weg in vertrauter Umgebung gehen zu können. Neben Kunst- und Musiktherapie ist die therapeutische Arbeit mit Pferden ein elementarer Bestandteil dieser Form palliativer Begleitung. Schlüsselbegriffe: Palliative Begleitung, Pädiatrische Palliativversorgung, Palliative Care, Heilpädagogisches Voltigieren, Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd 128 | mup 3|2009 Graschopf - Sterntalerhof - Palliative Begleitung mit Pferden Der Sterntalerhof Der Sterntalerhof (Burgenland, Österreich) existiert seit 1999 und wurde von der Voltigierinstruktorin und Psychotherapeutin Regina Heimhilcher sowie dem klinischen Seelsorger Peter Kai ins Leben gerufen. Derzeit können ein bis zwei Familien beherbergt sowie eine ambulante Begleitung von ca. 15-20 Kindern pro Woche ermöglicht werden. Zusätzlich werden regelmäßig so genannte Geschwisterwochen organisiert, wobei die Geschwister von lebensbedrohlich oder chronisch kranken Kindern bzw. Jugendlichen ganz im Mittelpunkt der Begleitung stehen. Während des einbis dreiwöchigen Aufenthaltes steht den Gästen dabei ein eigenes, voll ausgestattetes Holzwohnhaus zur Verfügung. Das operative Team des Sterntalerhofs besteht aus einem Palliativmediziner, einem Seelsorger, einer Psychotherapeutin, einer Kinderkrankenschwester, einer Sonder- und Heilpädagogin, einer Sozialfachbetreuerin, einem Musiktherapeuten und einer Kunsttherapeutin. Bei Bedarf kann der Sterntalerhof auch öfter für einen Therapieaufenthalt zur Verfügung stehen. Der Sterntalerhof ist ein Regenerations- und Erholungsort für Familien, die von Krankheit, Behinderung oder Verlust unmittelbar bedroht oder betroffen sind. Er erfüllt heutige Standards pädiatrischer Palliativversorgung und ist damit ein Bindeglied zwischen medizinischer Vollversorgung im Spital und Selbstständigkeit zu Hause, wo die Familie für sich wieder als vitale Kraftquelle wirken kann. Derzeit gibt es am Sterntalerhof fünf ausgebildete Therapiepferde, ein Pony, eine Labrador-Hündin, eine Katze, einen Der Begriff „palliativ“ (zu lat. pallium für „Mantel“) bedeutet schützend und lindernd. Wie ein Mantel vor Wind und Wetter schützt, so meint dieser Begriff heute den Schutz vor innerer Kälte, Einsamkeit, Angst; das Lindern von seelischem und körperlichem Schmerz. Palliative Begleitung, auch „Palliative Care“ genannt, wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als neues Fachgebiet 2002 folgendermaßen definiert: „Palliative Care ist ein Ansatz zur Verbesserung der Lebensqualität von PatientInnen und ihren Familien, die mit Problemen konfrontiert sind, welche mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung einhergehen - und zwar durch Vorbeugen und Lindern von Leiden, durch frühzeitiges Erkennen, die untadelige Einschätzung und Behandlung von Schmerzen sowie anderen belastenden Beschwerden körperlicher, psychosozialer und spiritueller Art“ (Übersetzung nach WHO 2009). Im Deutschen wird synonym für den englischen Terminus „palliative care“ auch der Begriff „Palliativversorgung“ verwendet. Geht es um die Begleitung von Kindern und Jugendlichen handelt es sich um eine pädiatrische Palliativversorgung. Weitere Informationen dazu finden sich auf folgender Homepage: http: / / www.dgpalliativmedizin.de Palliative Begleitung, Palliative Care, Pädiatrische Palliativversorgung Bild 1: Kraft tanken Graschopf - Sterntalerhof - Palliative Begleitung mit Pferden mup 3|2009 | 129 Kurzohrzwergziegenbock und zwei Kamerunschafe, die in den therapeutischen Alltag mit einbezogen werden. Kraft tanken, Ruhe finden und Zuversicht gewinnen sind die Hauptanliegen für betroffene Familien. Die Echtkosten für eine Woche Therapie- Aufenthalt am Sterntalerhof (als gemeinnütziger Verein darf kein Gewinn beansprucht werden) belaufen sich auf ca. 2500 Euro. Da betroffene Familien diesen Betrag nur selten aufbringen können, gibt es verschiedene Möglichkeiten der Finanzierung. Jede Familie zahlt, soviel ihre Situation zulässt. Den Rest bringt der Sterntalerhof über Spenden auf oder unterstützt bei der Abwicklung von Ansuchen an verschiedene Stiftungen, Institutionen evtl. auch Krankenkassen. Hintergründe Die Anzahl behandlungsbedürftiger Kinder hat in den letzten Jahren trotz oder paradoxerweise genau durch den medizinischen Fortschritt zugenommen. Gerade bei Krebserkrankungen kann auch Jahre nach einer erfolgreichen Therapie nicht von Heilung gesprochen werden, da die Möglichkeit eines Rückfalls über längere Zeit bestehen bleibt. Mittlerweile sind 10% aller Kinder von einer chronischen Erkrankung betroffen. Das bedeutet unter Umständen neben einer jahrelangen Ungewissheit über den Ausgang der Erkrankung auch die Belastung durch strapaziöse Therapien. Für einen kleinen Teil lebensbedrohlich erkrankter Kinder und ihre Familien steht an dieser Stelle die Qual der Gewissheit, dass ein Überleben der Krankheit nicht möglich ist (Petermann / Bode / Schlack 1990, 17 f). Die allgemeinen Belastungen betroffener Familien sind vielfältig. Es gibt wohl kaum ein Ereignis, das eine Familie so hart trifft, wie der Tod oder eine lebensbedrohliche Situation eines ihrer Kinder, sei es durch eine unerwartete akute oder chronische Erkrankung, durch einen Unfall oder durch eine dauerhafte Behinderung. Lebensbedrohlich erkrankte Kinder werden aus psychopathologischer Sicht als Hochrisikogruppe eingestuft. Sie sind in besonderem Maße gefährdet, psychische und psychosomatische Störungen zu entwickeln (Petermann / Bode / Schlack 1990). Dies lässt sich besonders gut anhand des Salutogenesemodells von Antonovsky (vgl. Abb. 1) verdeutlichen. Antonovskys Modell basiert auf der grundlegenden Fragestellung, warum man- Ressourcen (Widerstandsfaktoren) Stressoren (Risikofaktoren) Kohärenzsinn Spannungsmanagement Psychosoziale Stressoren Physikalische und biochemische Stressoren Generalisierte psychosoziale Ressourcen Spannungszustand als Resultat der Situationsanforderung Gesundheits-Krankheits-Kontinuum Generalisierte genetische und konstitutionelle Ressourcen Abb. 1: Stark vereinfachte Darstellung des Salutogenesemodells nach Antonovsky (in Anlehnung an Knoll 1997, Kraus 1987, Antonovsky 1997) 130 | mup 3|2009 Graschopf - Sterntalerhof - Palliative Begleitung mit Pferden che Menschen unter widrigen Umständen gesund bleiben, während andere (psychisch oder physisch) erkranken (Knoll 1997, 26). Grundsätzlich geht Antonovsky davon aus, dass Gesundheit und Krankheit nicht als zwei voneinander klar abzugrenzende Zustände anzusehen sind, sondern als zwei Pole auf einem Kontinuum, auf dem sich der „Gesundheitszustand“ einer Person verorten lässt (Knoll 1997, 26). Für die jeweilige Verortung einer Person auf dem Kontinuum sind zwei Bereiche von besonderer Bedeutung: zum einen mögliche Stressoren (psychosozialer oder physikalisch / biochemischer Art), die belastend auf das Individuum einwirken, und zum anderen mögliche Ressourcen (psychosozialer oder genetisch / konstitutioneller Art) (Knoll 1997, 27 f). Für Kinder mit lebensbedrohlichen Erkrankungen lässt sich festhalten, dass sie in der Betrachtungsweise dieses Modells einer doppelten Belastung ausgesetzt sind: Einerseits wirken zahlreiche Stressoren auf sie ein und andererseits fehlen ihnen - bedingt durch die Erkrankung - auch einige Ressourcen, die für die Belastungsverarbeitung relevant wären. Das Modell Antonovskys umfasst mit dem Kohärenzsinn (Sense of Coherence - SOC) noch eine weitere Komponente auf der Ressourcenseite. „Antonovsky versteht darunter eine globale Persönlichkeitsdimension, die als überdauerndes Gefühl des Vertrauens in die Vorhersagbarkeit der inneren und äußeren Umwelt eines Individuums beschrieben werden kann“ (Knoll 1997, 29). Der Kohärenzsinn spielt vor allem für die Aktivierung der Ressourcen eine wichtige Rolle (Knoll 1997, 30). Bei jüngeren lebensbedrohlich erkrankten Kindern ist vermutlich davon auszugehen, dass Lebenserfahrungen, die zu einem stabilen Kohärenzsinn führen können, in geringerem Maße vorhanden sind als bei nicht erkrankten Kindern. Abbildung 2 verdeutlicht anhand einiger Beispiele, welchen Stressoren Kinder mit lebensbedrohlichen Erkrankungen ausgesetzt sind und welche Ressourcen sich zusätzlich durch die Erkrankung vermindern können. Die Relevanz des Pferdes in der palliativen Begleitung Auch nach gründlichen Recherchen zu meiner Diplomarbeit mit dem Thema „Die palliative Begleitung progredient erkrankter Kinder durch Heilpädagogisches Voltigieren und Reiten am Beispiel des Sterntalerhofes“ (2008) konnte ich keine Literatur finden, in der die pädagogische und / oder therapeutische Arbeit mit dem Pferd und palliative Begleitung kombiniert dargestellt werden. Allerdings gibt es sowohl im pädagogischen als auch im palliativmedizinischen und psychotherapeutischen Bereich beschriebene Zielsetzungen und Grundhaltungen für Handlungsstrategien im perithanatalen Problemkreis. Diese überschneiden sich häufig mit erforschten Auswirkungen und Arbeitszielen des Heilpädagogischen Voltigierens und Reitens (HPV / R) sowie mit Erfahrungsberichten aus der psychotherapeutischen Arbeit mit dem Pferd. Daher kann auf der theoretischen Ebene davon ausgegangen werden, dass eine pferdgestützte palliative Begleitung als sinnvoll anzusehen ist. Leider kann dieses Thema im Rahmen dieses Artikels nicht vertieft werden. Genauere Informationen dazu sind in Graschopf (2008) zu finden. Generell ist festzuhalten, dass der Einsatz des Pferdes in der palliativen Begleitung darauf setzt, die Ressourcen lebensbedrohlich erkrankter Kinder zu reaktivieren und zu stärken, um ihnen den Umgang mit den zahlreichen primären und sekundären Folgen der Erkrankung zu erleichtern. Alles, was Kinder und Jugendliche bei der Bewältigung ihrer Krankheit und deren Folgen unterstützt, sollte genutzt werden. Die individuellen Vorlieben, das Alter der Kinder, ihre kulturelle Herkunft sowie ihr familiäres bzw. soziales Umfeld berücksichtigend, müssen speziell abgestimmte Strategien entwickelt werden, um der jeweiligen Situation gerecht zu werden. Wesentlich ist zunächst die Förderung und Therapie mit dem Pferd auf physiologischer und motorischer Ebene, durch die mögliche physikalische / biochemische Belastungen reduziert und Ressourcen im konstitutionellen Bereich (wieder) Graschopf - Sterntalerhof - Palliative Begleitung mit Pferden mup 3|2009 | 131 aufgebaut werden können. Hierunter kann z. B. die aktivierende Wirkung des Trabs bei Kindern, die sich aufgrund ihrer Schmerzmedikation müde fühlen, fallen oder die schleimlösende Wirkung rhythmischer Bewegungsimpulse des Pferdes bei Kindern mit zystischer Fibrose. Neben dem physiologisch-motorischen Bereich sind für den Aufgabenbereich der palliativen Begleitung mit Pferden in eher loser Anlehnung an das Salutogenesemodell drei weitere wesentliche Bereiche von Jenessen (2006) herausgearbeitet worden, die alle auf die Reduzierung von Stressoren und die Stärkung der Ressourcen und des Kohärenzsinns abzielen: Psycho-emotionale Begleitung ■ Förderung des Copings ■ Förderung leistungsbezogener Fähigkeiten ■ Psycho-emotionale Begleitung In der psycho-emotionalen Begleitung geht es vor allem um die Grundhaltung von Begleitpersonen, wie z. B. PädagogInnen, PsychologInnen, TherapeutInnen und SeelsorgerInnen gegenüber betroffenen Kindern und Jugendlichen, welche für eine adäquate Beziehungsgestaltung unabdingbar ist. Es geht z. B. um Verfügbarkeit, Nähe, Aufrich- Fehlende / Reduzierte Ressourcen bei Kindern mit lebensbedrohlichen Erkrankungen Stressoren bei Kindern mit lebensbedrohlichen Erkrankungen Physikalische und biochemische Stressoren sind z. B.: Körperliche Schmerzen Folgen der Medikation & Nebenwirkungen von Medikamenten Begleiterscheinungen und Folgen eines medizinischen Eingriffs fehlende oder reduzierte genetische & konstitutionelle Ressourcen sind z. B.: Erkrankung aufgrund genetischer Disposition Auswirkungen der medizinischen Behandlung auf die Konstitution Destabilisierung / Veränderung des Körperbildes Psychosoziale Stressoren sind z. B.: Plötzliches Eintreten der Erkrankung Unabsehbarkeit des Verlaufs der Erkrankung, Verlauf der Krankheit in Schüben Erleben von Abhängigkeit & Hilfsbedürftigkeit Einschränkung des Handlungsspielraums Mitleidsreaktionen der Umwelt Erleben von „Nicht-Dazugehören“ und „Anderssein“ fehlende oder reduzierte psychosoziale Ressourcen sind z. B.: Wegfall oder Veränderung vorher gewohnter sozialer Beziehungen in Familie, Schule, Peergroup Destabilisierung des Selbstbildes, z. B. durch körperliche Veränderungen, Einschränkungen der Handlungsfähigkeit etc. Bislang funktionierende kognitive Strategien werden als nicht wirkungsvoll erlebt Abb. 2: Mögliche Belastungen bei Kindern und Jugendlichen mit lebensbedrohlichen Erkrankungen 132 | mup 3|2009 Graschopf - Sterntalerhof - Palliative Begleitung mit Pferden tigkeit, Empathie, um Annahme, Akzeptanz und Respekt (Graschopf 2008, 60-90). Der wichtigste aller Grundsätze und die entscheidende Voraussetzung für eine erfolgreiche, einfühlsame Begleitung ist allerdings der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung, auf die hier genauer eingegangen werden soll: Gerade durch lang andauernde oder lebensbedrohliche Erkrankungen und Erfahrungen von Schmerz und Angst, kann das Vertrauen zu sich selbst, zu seinen Mitmenschen, zur Umwelt und zu Gott massiv beeinträchtigt werden (Schmeichel 1983, 225). Durch das freundliche Wesen des Pferdes, sein instinkthaftes Einfühlungsvermögen, seine Bereitschaft zu Anpassung und Gehorsam und seine ständigen Beziehungsangebote wird eine Vertrauensbeziehung zwischen Kind und Pferd meist sehr schnell aufgebaut (Jaresch- Lehner 1999, 73). Es kann auch vorkommen, dass die faszinierende und vertrauensvolle Begegnung zwischen Mensch und Tier erst eine hoffnungsvolle Neuorientierung in der Begegnung mit anderen Menschen ermöglicht (Jaresch-Lehner 1999, 60). Klüwer (2005, 12 ff) hat in ihren theoretischen Begründungen zum Therapeutischen Reiten Überlegungen zur Vertrauensbildung angestellt. Durch den Bewegungsdialog, die ähnlichen Bewegungs- und Haltekonstellationen beim Reiten, wie auch beim getragenen Säugling oder Kleinkind, können nicht nur körperliche Entwicklungen nachgeholt oder gefördert werden, es werden auch tiefere Schichten des Menschen erreicht, womit die Erfahrung von Urvertrauen wieder erlebbar wird. Auch Gäng (2004, 29) schreibt, dass die Eigenschaften des Pferdes besonders dazu geeignet sind, Urvertrauen zu bilden bzw. nachzuholen. Man kann davon ausgehen, dass die rhythmischen Schrittbewegungen des Pferdes, welche in direktem Körperkontakt und nonverbalem Austausch erlebt werden, sogar an vorgeburtliche Erfahrungen anknüpfen, welche Assoziationen zum Getröstet- und Geborgensein zulassen (Schulz 2009, 88 f). Scheidhacker (2005) nimmt noch einen weiteren Aspekt der Vertrauensbildung hinzu. Das Pferd ist nicht nur ein verlässlicher Beziehungspartner, sondern gleichzeitig auch Projektionsfeld für Phantasien, Wünsche und ein archetypisches Symbol, das für Mutter, Vater, Kind, aber auch für Freiheit, Mut und Lebendigkeit stehen kann, je nach individueller Entwicklungsphase. Der intensive Körperkontakt und die schaukelnden Bewegungen auf dem Pferderücken scheinen frühe Emotionen zu mobilisieren, die an den Archetypus der Großen Mutter erinnern, welche zumeist nährend und tragend erlebt wurde (Scheidhacker 2005, 162). Damit wird auch an die von Spruck (1996, 118) in der palliativen Begleitung geforderte Vermittlung von Hoffnung und Trost erinnert, welche nicht nur durch eine vertrauensvolle Beziehung zum Pferd, nicht nur durch Begleitpersonen, nicht durch Worte, sondern welche in der konkreten ganzheitlichen Erfahrung des Gewiegt- und Geschaukeltwerdens erlebt werden kann - und das in jedem Alter. Förderung des Copings Im Bereich der Förderung des Copings richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Stärkung innerfamiliärer Ressourcen, das Selbstwertgefühl und das Erleben von Selbstwirksamkeit jedes Einzelnen. Jenessen (2006) formuliert in Anlehnung an das Salutogenesemodell copingförderliche pädagogische Aspekte, die durch drei wesentliche Punkte definiert werden: Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit. Im Sinne der Verstehbarkeit Durch das freundliche Wesen des Pferdes, sein instinkthaftes Einfühlungsvermögen, seine Bereitschaft zu Anpassung und Gehorsam und seine ständigen Beziehungsangebote wird eine Vertrauensbeziehung zwischen Kind und Pferd meist sehr schnell aufgebaut. Graschopf - Sterntalerhof - Palliative Begleitung mit Pferden mup 3|2009 | 133 geht es darum, Kinder und Jugendliche altersadäquat über ihre Situation aufzuklären und ihnen Möglichkeiten zu eröffnen, mit Gleichgesinnten oder vertrauten Bezugspersonen über aktuelle Bedürfnisse, Sorgen oder Anliegen zu sprechen (Jenessen 2006, 90). Durch das HPV mit Gruppen können Zugänge zu gleichfühlenden Kameraden ermöglicht werden. Im Sinne der Handhabbarkeit sollen Erlebnisse der Unter- oder Überforderung in Entwicklungsprozessen vermieden werden. Durch die von Kröger (1998, 117) beschrieben Prinzipien der individuellen Leistungssteigerung durch kleinste Schritte und positive Verstärkung wird diesen Forderungen im HPV durchaus nachgekommen. Da es bei schwer erkrankten Kindern und Jugendlichen verständlicherweise dennoch zu Überforderungsmomenten kommen kann, sind ebenfalls Aspekte der psycho-emotionalen Begleitung erforderlich. Das Gefühl von Sinnhaftigkeit entsteht vor allem aus dem Erkennen, dass die eigenen Handlungen sinnvoll und notwendig sind und dem konkreten Erleben eigener Selbstwirksamkeit und Kompetenz. In der Arbeit mit einem Pferd werden diese Qualitäten unmittelbar bewusst. Nicht nur durch Voltigierübungen und -spiele, wie sie Gäng (2004) beschreibt, sondern vor allem durch den Umgang mit dem Pferd. Alle Arbeiten, die damit verbunden sind (Pflege des Tieres, des Sattelzeugs, des Stalls usw.) werden eindeutig als notwendig anerkannt und gerne gemacht (Gäng 2004, 27). Ausgehend von einer emotionalen Bezogenheit zu Tieren und einem womöglich angeborenen Bedürfnis, mit ihnen umgehen zu wollen, erscheint es sinnvoll, ihnen auch Pflege und Fürsorge entgegen zu bringen. Je mehr Kinder und Jugendliche über die Bedürfnisse ihres Partners „Pferd“ erfahren, umso mehr wollen sie ihnen auch gerecht werden (Gäng 2004, 28). Dabei ist es von großer Bedeutung, dass die Intensität der Kontaktaufnahme zum Pferd immer variabel ist. Kinder und Jugendliche können selbst entscheiden, welcher Kontakt für sie reizvoll und leistbar ist. Auch Betroffene, die von einer intensiven Betreuung abhängig sind und damit selten Entscheidungen selber treffen dürfen, können hier in vielen Situationen Selbstbestimmung erfahren. Das Gefühl der Macht über ein so großes, körperlich eigentlich überlegenes Tier wird hier ebenfalls von Bedeutung sein. Zur Verdeutlichung ein Zitat von einem Mädchen: „Es ist ein tolles Gefühl, wenn ein Pferd mitkommt, weil du das willst.“ - „Es ist ein tolles Gefühl, wenn du spürst, wie ein so großes Tier dir so gehorcht.“ Förderung leistungsbezogener Fähigkeiten Weiter geht Jenessen (2006, 87) von der Annahme aus, dass leistungsbezogene Förderung für die Persönlichkeitsentwicklung betroffener Kinder entscheidend ist. Hier steht im Vordergrund, ein stabiles Selbstwertgefühl aufzubauen und ein - soweit wie möglich - „normales“ Leben aufrecht zu erhalten. Die pädagogische Herausforderung liegt nach Jenessen darin, die Motivation für Leistungen zu heben, weil es durch krankheitsbedingte Problemsituationen oftmals zu leistungsvermeidendem Verhalten kommt. Der große Vorteil in der pädagogisch-therapeutischen Arbeit mit Pferden ist, dass Pferde vor allem auf Kinder eine immense Anziehungskraft ausüben. Ein Pferd lädt zum Betrachten, zum Berühren und Streicheln, zum Füttern und Putzen, zum Horchen Bild 2: Leistungsbezogene Förderung im Spiel auf dem Pferd 134 | mup 3|2009 Graschopf - Sterntalerhof - Palliative Begleitung mit Pferden und Riechen und natürlich besonders zum darauf Reiten ein. Sein hoher Aufforderungscharakter veranlasst sogar ängstliche und zurückhaltende Kinder etwas Neues auszuprobieren und damit ihre Erfahrungen zu erweitern. Ringbeck (1997) beschreibt, dass Kinder Pferden häufig ihre Sorgen anvertrauen, bei ihnen Trost und Zuwendung suchen und sich sogar verschlossene Kinder über die Beziehungsbrücke „Pferd“ wieder den Mitmenschen öffnen können. Die hohe Motivation der Kinder im Umgang mit dem Pferd einerseits und die positive Beziehung vieler Kinder zum Pferd andererseits sind gute Ausgangspunkte für die Bereitschaft, sich Ziele zu setzen und sich Anforderungen zu stellen. Kröger (1998) arbeitet hier vor allem mit positiver Verstärkung und dem Prinzip der kleinsten Schritte. Wenn also im HPV das Prinzip der kleinsten Schritte eingehalten wird (d. h. individuelle Leistungssteigerung möglichst ohne Überforderung) und Pädagoginnen und Pädagogen diese Schritte in individuell angemessener Reihenfolge bei den Kindern einbringen, stellen sich unabdinglich Erfahrungen ein, etwas leisten zu können. Das HPV hat hierbei als bewegungsorientierte Intervention den besonderen Vorteil, dass eigene Leistungen direkt erfahrbar werden und keiner Beurteilung von außen bedürfen. „Mir ist in der Pädagogik kein Medium bekannt, das dem Lernenden so viele Erfolge erfahrbar werden läßt, wie das Voltigieren. (…) Ich habe es noch bei keinem Kind anders erlebt. Plötzlich läßt es sich nicht mehr zur Seite drängen, wird kreativ und stellt auch Übungsfolgen auf dem Pferd vor. Es ist wieder wer! “ (Kröger 1998, 117). Durch diese Aussage lässt sich auch unschwer erkennen, wie stark diese Erfolgserlebnisse dazu beitragen können, Selbstwert aufzubauen und es ermöglichen, sich in persönlicher und sozialer Identität darzustellen. Zusammenfassung Pferde eignen sich als Ergänzung einer palliativen Begleitung in vielerlei Hinsicht. Sie lassen sich beobachten, berühren, pflegen, füttern, reiten. Sie sind anspruchsvolle Partner und in ihrem Verhalten weitgehend verlässlich. Sie tolerieren wertungsfrei das jeweilige Ausmaß von Nähe und Distanz. Pferde haben ein feines Gespür für menschliche Befindlichkeiten und sind absolut authentisch in ihrem Verhalten. Sie bewerten, bemitleiden und bestrafen nicht. Durch die Möglichkeit des Reitens entsteht das Gefühl des Getragenseins und Gewiegtwerdens. Dadurch sind Pferde auch bestens geeignet, verletztes Vertrauen zu ‚heilen’ und das Bedürfnis nach positiver Zuwendung zu befriedigen. Trotzdem müssen bei aller Begeisterung für das HPV und die therapeutische Arbeit mit Pferden generell auch die Grenzen beachtet werden. HPV ist kein Allheilmittel und kann die erkrankten Kinder und Jugendlichen nicht gesund machen. Es kann den Prozess des Umgangs mit der Erkrankung und den Sterbeprozess begleiten und vielleicht aus den genannten Gründen erleichtern, es kann so etwas wie „Sternstunden“ erzeugen - Momente des Glücks, des Aufgehoben-Seins in einer schweren Zeit. Die Auswirkungen des HPVs bieten erkrankten Kindern und Jugendlichen in un- Lisa Graschopf Sonder- und Heilpädagogin (Mag.), drei Jahre Mitarbeit beim Sozialmedizinischen Dienst in der mobilen Betreuung, seit Mai 2006 Mitwirkende am Sterntalerhof, Voltigierübungsleiterin, HPV i.A. Anschrift: Lisa Graschopf · Sterntalerhof-Verein für ganzheitliche Lebensbegleitung · Grazer Straße 58 · A-7551 Stegersbach E-Mail: lisa.graschopf@sterntalerhof.at Die Autorin Graschopf - Sterntalerhof - Palliative Begleitung mit Pferden mup 3|2009 | 135 terschiedlicher Weise Möglichkeiten zur Bewältigung dieser besonderen Situation, auf die auch nicht leichtfertig verzichtet werden sollte. Am Sterntalerhof konnten in den letzten Jahren Erfahrungen gemacht werden, welche die genannten theoretischen Aussagen nur bestätigen können. Das Pferd überzeugt durch sein Wesen mit Empathie, Authentizität und bedingungsloser Akzeptanz. Diesen Grundhaltungen, die in der palliativen Begleitung unabdingbar sind, damit die Würde des Menschen wieder in den Mittelpunkt rücken kann, scheinen Pferde oft mehr als der Mensch nahe zu kommen. Literatur Antonovsky, A. (1997): Salutogenese. Zur Ent- ■ mystifizierung der Gesundheit. dgvt, Tübingen Gäng, M. (2004): Heilpädagogisches Reiten. ■ In: Gäng, M. 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(2005): Auf der Suche ■ nach der heilen(den) Mitte - Möglichkeiten und Grenzen im Psychotherapeutischen Reiten. In: Fachgruppe Arbeit mit dem Pferd in der Psychotherapie (FAPP) und Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten e. V. (DKThR) (Hrsg.): Psychotherapie mit dem Pferd. Beiträge aus der Praxis. Pferdesport Verlag Rolf Ehlers, Warendorf, 161-179 Schmeichel, M. (1983): Probleme der Förde- ■ rung von Kindern und Jugendlichen mit progredienten Krankheiten. In: Haupt, U., Jansen, G. (Hrsg.): Handbuch der Sonderpädagogik. Band 8. Pädagogik der Körperbehinderten. Carl Marthold, Berlin, 221-230 Schmitt, G. M. (1996): Selbsterleben und ■ Krankheitsverarbeitung bei chronischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. In: Lehmkuhl, G. (Hrsg.): Chronisch kranke Kinder und ihre Familien. Quintessenz, München, 65-76 Schulz, M. (2009): Heilpädagogisch-psychomo- ■ torische Aspekte der vorschulischen Förderung mit Hilfe des Pferdes. In: Gäng, M. 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