mensch & pferd international
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Heilsame Bindungserfahrungen
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Regina Schnorbach
Die Kinder psychisch erkrankter Elternteile gelten als Hochrisikogruppe für die Entwicklung psychischer Störungen. Sie können emotionalen und sozialen Belastungen ausgesetzt sein, die sich nachteilig auf ihre Entwicklung auswirken. Daher brauchen sie Hilfsangebote, die ihre besonderen Lebensumstände berücksichtigen und sie in der Bewältigung ihrer Lebenssituation unterstützen. Eine mögliche Maßnahme ist die Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd. Diese soll hier vorgestellt werden. Gerade bei problematischen Bindungserfahrungen kann der durch einen Pädagogen strukturierte und begleitete Kontakt zu einem Pferd heilsam sein, denn als Herdentier bezieht es den Menschen in sein ausgeprägtes Sozialverhalten mit ein, ist dabei aber für viele Kinder ein neuer Beziehungspartner, mit dem alternative Erfahrungen möglich werden. In der Arbeit mit dem Pferd ist es auch möglich, den psychisch erkrankten Eltern eine neue Perspektive zu eröffnen und sogar mit Elternteil und Kind gemeinsam am und mit dem Pferd aktiv zu werden.
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164 | mup 4|2009|164 - 175|© Ernst Reinhardt Verlag München Basel Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd für Kinder psychisch kranker Elternteile Schlüsselbegriffe: Kinder, psychisch erkrankte Elternteile, Hochrisikogruppe, heilsame Bindungserfahrung, Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd Die Kinder psychisch erkrankter Elternteile gelten als Hochrisikogruppe für die Entwicklung psychischer Störungen. Sie können emotionalen und sozialen Belastungen ausgesetzt sein, die sich nachteilig auf ihre Entwicklung auswirken. Daher brauchen sie Hilfsangebote, die ihre besonderen Lebensumstände berücksichtigen und sie in der Bewältigung ihrer Lebenssituation unterstützen. Eine mögliche Maßnahme ist die Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd. Diese soll hier vorgestellt werden. Gerade bei problematischen Bindungserfahrungen kann der durch einen Pädagogen strukturierte und begleitete Kontakt zu einem Pferd heilsam sein, denn als Herdentier bezieht es den Menschen in sein ausgeprägtes Sozialverhalten mit ein, ist dabei aber für viele Kinder ein neuer Beziehungspartner, mit dem alternative Erfahrungen möglich werden. In der Arbeit mit dem Pferd ist es auch möglich, den psychisch erkrankten Eltern eine neue Perspektive zu eröffnen und sogar mit Elternteil und Kind gemeinsam am und mit dem Pferd aktiv zu werden. Heilsame Bindungserfahrungen Regina Schnorbach Schnorbach - Heilsame Bindungserfahrungen mup 4|2009 | 165 Regina Schnorbach Lebenssituation der Kinder psychisch erkrankter Elternteile In der BRD leben ca. 500.000 Kinder mit einem psychisch kranken Elternteil (Pretis / Dimova 2004, 24). Eine schwere psychische Erkrankung zieht häufig soziale Problematiken, wie Arbeitslosigkeit, daraus resultierende finanzielle Einschränkungen sowie schwierige Wohnverhältnisse nach sich. Zudem können familiäre Disharmonien wie Scheidung und Störungen in der Eltern-Kind-Beziehung weitere Belastungsfaktoren sein (Lenz 2008, 12). Daher gelten die Kinder psychisch kranker Elternteile als Hochrisikogruppe für die Entwicklung eigener psychischer Störungen. In zahlreichen Studien wird von der besonderen Situation der Kinder psychisch erkrankter Elternteile berichtet. So stellten Schone und Wagenblass (2002, 67) fest, dass von mehr als jeder zehnten Familie, die Hilfe zur Erziehung in Anspruch nahmen, mindestens ein Elternteil eine psychiatrische Diagnose hatte oder in psychiatrischer Behandlung war. Eine Studie aus Winterthur (Gurny u. a. 2008) in der Schweiz zeigt, dass von 38 % der Kinder aus der Region, welche sich in psychiatrischer oder psychotherapeutischer Behandlung befanden, ein Elternteil psychisch erkrankt war, und Mattejat (1998, 67) berichtet, dass das Risiko für Kinder eines psychotischen Elternteiles selbst einmal an einer Psychose zu erkranken, etwa zehnfach erhöht ist. Betrachtet man die Lebenssituation der betroffenen Kinder altersmäßig, ergibt sich, dass der Anteil der Kinder, die bei ihrem psychisch erkrankten Elternteil leben, mit zunehmendem Alter der Kinder prozentual abnimmt. Im Gegenzug lösen Kleinkinder, obwohl in besonderem Maße auf die Versorgung und Betreuung der Eltern angewiesen, oft keine erhöhten Aktivitäten der Jugendhilfe aus. Sie erhalten weniger Hilfs- und Unterstützungsangebote als ältere Kinder (Schone / Wagenblass 2002, 88). In der Fachliteratur spricht man von den „Vergessenen Kindern“ (Pretis / Dimova 2004, 34). Dabei ist es im Sinne einer Prävention angebracht, gerade Kleinkindern Hilfsangebote zukommen zu lassen: „Besser früh betreuen, als später behandeln“ (Deneke 1998, 87). Die Bedeutung der frühen Bindung für die Entwicklung von Kindern In der Bindungsforschung finden sich Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen ungünstigen Bindungserfahrungen der Kindheit und einer späteren psychischen Beeinträchtigung (Bowlby 2005). Insofern scheinen positive Bindungserfahrungen von essentieller Bedeutung für die Entwicklung von Kindern zu sein. Gerade frühe Bindungserfahrungen werden als ursächlich für das Vertrauen angesehen, welches Menschen in sich und andere setzen können (Grossmann / Grossmann 2004, 508). Es wird davon ausgegangen, dass sie zudem das spätere Bindungsverhalten des Kindes beeinflussen. Denn dieses spiegelt die erlebte Interaktion mit den frühen Bezugspersonen wider (Grossmann / Grossmann 2004, 507). Als von entscheidender Bedeutung für eine gesunde Bindungsfähigkeit wird die Feinfühligkeit, mit der Eltern ihrem Kind begegnen können, gesehen. Die Bindungsforscher Karin und Klaus Grossmann (2004) haben in Langzeitstudien belegt, dass die Fähigkeit der Eltern, sich in ihren Säugling einzufühlen und adäquat auf das Verhal- Bild 1: Vater-Kind-Reiten 166 | mup 4|2009 Schnorbach - Heilsame Bindungserfahrungen ten des Kindes zu reagieren, der Grundstein für die gesunde psychische Entwicklung und spätere Bindungsfähigkeit des Kindes ist. Das Bindungsverhalten entwickelt sich im ersten Lebensjahr. Offen gezeigtes Bindungsverhalten wird in einer Belastungssituation sichtbar. Besonders die Trennung von der Bezugsperson ist aussagekräftig im Hinblick auf das Bindungsverhalten des Kindes. Typisches Bindungsverhalten in einer solchen herbeigeführten „fremden Situation“ ist das Streben des Kleinkindes nach Schutz und Nähe zur Bezugsperson auf Kosten des Explorationsverhaltens. In der Bindungsforschung unterscheidet man je nach Bindungsqualität zwischen einem sicheren, unsicher-vermeidenden oder unsicher-ambivalenten Bindungsmuster am Ende des ersten Lebensjahres (siehe Tab. 1). Dabei wird differenziert, mit welcher Deutlichkeit das Kind sein Bindungsverhalten zeigt. Hier wird zwischen einem organisierten (gut erkennbaren) und einem desorganisierten (kurze uneinheitliche Signale) Bindungsverhalten unterschieden (Grossmann / Grossmann 2004, 133 - 160). Zeichen einer gesunden Entwicklung ist die Ausbildung eines organisiert sicheren Bindungsmusters. Hier können sich psychische Erkrankungen der Eltern nachteilig auswirken, wobei die Belastungen für die Kinder, bezogen auf die verschiedenen psychiatrischen Krankheitsbilder, variieren. Bindungsmuster/ Bindungsqualität Situation des Kindes Sicheres Bindungsmuster (B) Unsicher-vermeidendes Bindungsmuster (A) Unsicher-ambivalentes Bindungsmuster (C) Im Beisein der Bindungsperson (BP) Spontane Exploration, freundlich zur BP und zur Fremden. Offene Kommunikation auch der negativen Gefühle. BP ist sichere Basis Spontane Exploration, wenig Kommunikation, freundlich zur Fremden. Keine negativen Gefühle beobachtbar Wenig Exploration, bleibt nahe bei BP. Ängstlich gegenüber der Fremden, mißtrauisch gegenüber BP hinsichtlich Weggehen Während der Trennung Vermißt BP. Läßt sich nur unzureichend und ungern von F. trösten Registriert scheinbar unbekümmert das Weggehen der BP. Spielqualität nimmt jedoch ab. Läßt sich gern von F. ablenken und trösten Toleriert gar keine Trennung. Schreit verzweifelt. Starke Zurückweisung der Fremden Rückkehr der Bindungsperson Aktives, initiatives, starkes Drängen nach Nähe und Kontakt zur BP. Zuwendung beruhigt das Kind, es kann weiter spielen. BP ist wieder sichere Basis Ignorieren, fortbewegen, abwenden von der BP. Weiter freundlich zur Fremden. Spielt weiter. Je stärker die Belastung wird, desto weniger werden die negativen Gefühle gezeigt Starkes, verzweifeltes Drängen zur BP. Vermischt mit Ärger oder kleinen Wutausbrüchen. Oder hilflos, passiv, unfähig zu irgendeinem Verhalten außer Weinen. Keine Exploration mehr möglich Gesamtstrategie und Erwartung an die Bindungsperson Flexibler Wechsel/ ausgewogene Balance von Bindungs- und Explorationsverhalten je nach Trennungsgrad. Umgang mit Belastung ≥ aktive Suche nach Nähe und Hilfe bei vertrauten Personen; Vertrauen in die Unterstützung der BP, wenn gewünscht Exploration wird überbetont auf Kosten der Bindungsgefühle und -verhaltensweisen Umgang mit Belastung ≥ Ablenkung und Beschwichtigung. Angst vor Zurückweisung durch die BP, wenn man sich selbst schwach fühlt Bindungsgefühle und -verhalten werden überbetont auf Kosten der Exploration. Große Angst vor Verlust; unbeherrschbare Vermischung aus Angst und Ärger, Umgang mit Belastung ≥ Verzweiflung BP = Bindungsperson, F = Fremde Tabelle 1: Bindungs- und Explorationsverhaltensweisen von Einjährigen in der fremden Situation (Grossmann 2004, 140) Schnorbach - Heilsame Bindungserfahrungen mup 4|2009 | 167 Psychische Erkrankung der Eltern als Belastungsfaktor - Störungen in der Eltern-Kind- Interaktion Die Kinder depressiver Elternteile können besonders unter der mangelnden Resonanz und der affektiven Erstarrung der Eltern leiden (Wüthrich u. a. 1997, 143). Schon bei drei Monate alten Kindern lassen sich Entwicklungsverzögerungen feststellen (Field u. a. 1996, 49 - 66). Besonders zwischen dem zwölften und achtzehnten Lebensmonat können die Kinder massiv Bindungsunsicherheiten zeigen (Jacob / Johnson 2001, 38-52). Die Kinder psychotischer Elternteile können erleben, dass die Reaktionen des Elternteils auf sie nicht adäquat sind (Schone / Wagenblass 2002, 20). Ein Merkmal einer psychotischen Störung kann sein, dass nicht zwischen innerem Erleben und äußerer Realität unterschieden werden kann. Der psychotisch erkrankte Elternteil reagiert dann mehr auf seine innere, möglicherweise durch Wahnsymptome (z. B. Stimmenhören) beeinflusste, Wahrnehmung, als auf die Signale des Kindes. Eine Situation könnte so aussehen: Das Kind strampelt und schreit und stößt sich heftig von der Mutter ab, um sich von ihr zu befreien. Diese lacht und küsst das Kind, weil sie die Intention des Kindes nicht wahrgenommen hat. Bei Kindern von Elternteilen mit einer depressiven oder psychotischen Problematik kann es daher zu einem unsicher-vermeidenden Bindungsmuster kommen, das sich im ersten Lebensjahr z. B. in einer sehr geringen Angstreaktion gegenüber fremden Personen zeigen kann (Remschmidt/ Mattejat 1994, 41). Kinder mit diesem Bindungsmuster lassen sich in der Trennungssituation von der Bezugsperson gut von fremden Personen ablenken und trösten (Grossmann / Grossmann 2004, 140; siehe Tab. 1). Kinder, deren Elternteile an einer Borderline-Problematik leiden, erleben häufig eine Instabilität in der Beziehung zu ihrem erkrankten Elternteil. Für viele Menschen mit Borderline- Problematik kann es, aufgrund eigener belastender Bindungserfahrungen, schwer sein, eine konstante Nähe mit anderen Menschen zu leben (Knuf/ Tilly 2008). Auch die Beziehung zu ihren Kindern ist daher häufig von Ambivalenz geprägt. Das elterliche Verhalten wird dann vom Kind, aufgrund des Wechsels von Zuneigung und Zurückweisung, als nur schwer vorhersehbar erlebt. Nicht selten kommt es zu Kontaktabbrüchen. Damit sind die Kinder gefährdet, ein unsicher-ambivalentes Bindungsmuster auszuprägen (siehe Tab. 1). Eine zusätzliche Belastung für die Eltern-Kind- Beziehung sind häufige Trennungen durch Klinikaufenthalte, die bei allen Krankheitsbildern vorkommen können. Besonders in Krisen ist das Verhalten des kranken Elternteiles für die Kinder nicht zu verstehen. Es wird als Mangel an Zuwendung und der Verlässlichkeit der Bezugsperson empfunden und Kleinkindalter 0-3 Jahre Kindergartenalter 3-6 Jahre Internalisierende Störungen mit folgenden Verhaltensweisen: emotionaler Rückzug ängstliches Bindungsverhalten geringes Explorationsverhalten - Sprachentwicklungsverzögerungen überängstliches Verhalten - Externalisierende Störungen mit folgenden Verhaltensweisen: hyperaktives Verhalten aggressive Verhaltensweisen übergroße Fürsorglichkeit - Verunsicherung / Desorientierung - Aufmerksamkeitsdefizite - Auffälligkeiten im Sozialverhalten - Tabelle 2: Häufige Störungsbilder bei Kindern mit einem psychisch erkrankten Elternteil (Petris / Dimova 2004, 46) 168 | mup 4|2009 Schnorbach - Heilsame Bindungserfahrungen stellt ebenfalls eine ungünstige Bindungserfahrung dar (Remschmidt/ Mattejat 1994). Viele Kinder psychisch kranker Eltern sind zusätzlich mit dem Phänomen der Umkehr der Eltern-Kind-Beziehung belastet. Sie spüren die Bedürftigkeit der Eltern und übernehmen die Aufgabe, sie zu trösten und zu umsorgen. Parentifizierende Eltern können oft nur in unzureichendem Maße dem Bedürfnis der Kinder nach einer liebevollen Beziehung, die durch Nähe, Einfühlung und Verlässlichkeit gekennzeichnet ist, nachkommen (Lenz 2008, 37). Eine zuverlässige durch Nähe und Wärme geprägte unterstützende Beziehung im Kindesalter muss nicht auf die Eltern beschränkt sein (Lösel 1994). Großeltern, ältere Geschwister, aber auch Personen außerhalb der Familie können hier ausgleichend wirken. Wichtig scheint für die Kinder das Gefühl zu sein, für diese Person etwas Besonderes darzustellen (Lenz 2008, 59). Auffälligkeiten der Kinder Die mangelnden Kompetenzen der Eltern in den oben genannten Bereichen können sich langfristig, wie oben beschrieben, negativ primär auf das Bindungsverhalten der Kinder auswirken. Kinder psychisch kranker Eltern können dann ein unsicher-vermeidendes oder unsicher-ambivalentes Bindungsmuster zeigen (Grossmann / Grossmann 2004, 140). Sekundär kommt es häufig zu weiteren Schwierigkeiten. Die Kinder reagieren auf die verschiedenen Belastungsfaktoren zwar individuell sehr unterschiedlich, aber häufig mit den in Abbildung 1 genannten Störungsbildern bzw. Symptomen (Petris / Dimova 2004) aus dem Bereich der externalisierenden oder internalisierenden Verhaltensauffälligkeiten. Das Pferd als heilsamer Bindungspartner Pferde sind soziale Wesen und beziehen den Menschen in ihr Bindungsverhalten mit ein. Das Sozialverhalten von Pferden ist dabei durch eine relativ große Konstanz und Vorhersagbarkeit geprägt. Unsicher gebundene Kinder können die soziale Unterstützung anderer als weniger wichtig erachten als sicher gebundene, was sie daran hindert sie anzunehmen (Klauer 2005). Daher zeigen Kinder mit einer unsicheren Bindungserfahrung zu Beginn des Kontaktes zum Pferd eher Zurückhaltung, wenig Selbstvertrauen und Ängstlichkeit. Mit dem Pferd als Partner erfahren sie Reaktionen auf ihre Person, die sie im Sinne von Ursache und Wirkung verstehen können. Dies ist wichtig für Kinder, für die das Verhalten ihres psychisch kranken Elternteiles häufig unvorhersehbar ist. Desorientierung und Verunsicherung können gemindert werden, und es gelingt auch Kindern, deren Kontaktaufnahmen durch Misstrauen und Ängste erschwert sind, ein Beziehungsaufbau zum Pferd. Der Umgang mit einem Pferd kann dann für diese Kinder psychisch kranker Elternteile heilsam sein, denn in der Art des Kontaktes zum Pferd können sie einiges von dem finden, was ihnen möglicherweise im Kontakt mit ihrer primären Bezugsperson fehlt: Das Pferd bietet ihnen engen Körperkon- ■ takt und trägt sie auf seinem Rücken. Das Gehalten- und Geschaukeltwerden durch das Pferd erinnert an die frühe enge Mutter-Kind- Beziehung (Klüwer 2005); dies auch noch zu einem Zeitpunkt, zu dem die Mutter aufgrund Eine zuverlässige durch Nähe und Wärme geprägte unterstützende Beziehung im Kindesalter muss nicht auf die Eltern beschränkt sein. Großeltern, ältere Geschwister, aber auch Personen außerhalb der Familie können hier ausgleichend wirken. Wichtig scheint für die Kinder das Gefühl zu sein, für diese Person etwas Besonderes darzustellen. Schnorbach - Heilsame Bindungserfahrungen mup 4|2009 | 169 des Körpergewichts des Kindes dieses nicht mehr tragen kann. Das Getragenwerden durch das Pferd kann zu einer Regression führen, durch die früheste Entbehrungen zumindest teilweise nachgeholt werden können: „So kann aus tiefer Verunsicherung und Misstrauen, über die Beziehung zum Pferd doch noch Vertrauen in sich und andere entstehen.“ (Schnorbach 2009, 43). Das Pferd begegnet den Kindern mit hoher ■ Sensibilität und Einfühlungsvermögen und kommuniziert auf analoger Ebene, u. a. über den Bewegungsdialog (Klüwer 2005, 18). Dies ist eine weitere Parallele zu der auf Empathie basierenden frühen Beziehung zur primären Bezugsperson. Eine Bindung, die auf den Komponenten Nähe, Zuwendung, Einfühlung und Verlässlichkeit basiert, wirkt sich nachweislich stärkend auf die psychische Sicherheit des Menschen aus (vgl. Großmann / Grossmann 2004, 182f). Hier kann das Pferd eine „Hilfsfunktion“ übernehmen. Die Arbeit mit dem Pferd Die hier vorgestellte Maßnahme findet im Rahmen einer Einrichtung des betreuten Wohnens für chronisch psychisch kranke oder behinderte Erwachsene statt. Seit 1998 gehört zu der Einrichtung ein Frau-und-Kind-Haus. In diesem Wohnheim werden psychisch erkrankte Mütter, in letzter Zeit auch immer häufiger Väter, mit ihren Kindern aufgenommen. Während des Aufenthaltes im Wohnheim werden die überwiegend alleinerziehenden Mütter oder Väter im Erziehungsalltag unterstützt. Die Kinder können bei Klinikaufenthalten des Elternteiles in der Einrichtung verbleiben. Sie werden betreut und aufgefangen und erleben einen geregelten Alltag. Es wird geklärt, ob ein Bedarf an weitergehender therapeutischer Unterstützung besteht. Hierzu zählt die Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd. Aufgrund der Erfahrungen der letzten zehn Jahre ist in diesem Bereich ein Konzept entwickelt worden, welches die psychisch erkrankten Elternteile mit einbezieht. Im Rahmen einer systemischen Betrachtungsweise ist es sinnvoll, bei der Förderung von Kindern das Umfeld mit im Blick zu haben. Dies gilt natürlich in besonderem Maße für Kinder, deren Förderbedarf aufgrund psychischer Erkrankungen der Eltern entsteht. Daher ist eine Vernetzung von drei Angeboten entstanden: Das Reiten für die Kinder ■ Das Mutter- / Vater-Kind-Reiten ■ Das Reiten für die Elternteile ■ Abbildung 1 zeigt diese drei Settings in grafischer Form sowie die der Arbeit zugrunde liegende Problematik der Elternteile und Kinder und die Zielsetzung der Maßnahme. Zusätzlich wird die Aufgabe des Pädagogen sowie die Rolle des Pferdes verdeutlicht. Das Reiten für die Kinder Rahmenbedingungen: Es stehen zwei Therapiepferde und zwei Reitpädagoginnen zur Verfügung. Die Pferde werden mit einem Voltigiergurt ausgerüstet. Das Angebot findet in der Halle oder im Gelände statt. Für die Kindergruppe befinden sich „Baumaterialien“ wie Stangen, Hütchen usw. in der Reithalle, mit denen die Kinder die Stunde mitgestalten können. Das Angebot findet in der Gruppe oder aber bei Bedarf auch als Einzelförderung statt. Ablauf: Die einstündige Einheit hat eine auch für kleinere Kinder überschaubare Struktur, die von Eine Bindung, die auf den Komponenten Nähe, Zuwendung, Einfühlung und Verlässlichkeit basiert, wirkt sich nachweislich stärkend auf die psychische Sicherheit des Menschen aus. Hier kann das Pferd eine „Hilfsfunktion“ übernehmen. 170 | mup 4|2009 Schnorbach - Heilsame Bindungserfahrungen den Bedürfnissen der Pferde bestimmt wird. Sie werden vor dem Reiten von den Kindern geputzt, für die Stunde mit Gurt etc. ausgerüstet und am Ende bekommen sie Leckerlis in die Futtereimer. Inhalte: Die Inhalte der Stunde werden von den Themen mitbestimmt, die die Kinder mitbringen, denn die Wünsche der Kinder können dem Reitpädagogen Hinweise auf ihre psychische Befindlichkeit geben. So kann sich eine Stunde zum Beispiel um das Thema „gemeinsames Handeln“ drehen, wenn die Kinder zusammen einen Weg aus den Materialien für das Pferd bauen. Eine andere Stunde kann das „Schlafen auf dem Pferderücken“ zum Thema haben, wenn ein Kind dies an diesem Tag braucht und die anderen Kinder es auch ausprobieren wollen. Die Aufgabe des Reitpädagogen ist es, eine Beziehungsbasis zwischen Kind und Pferd und einen Dialog zwischen den Kindern untereinander zu schaffen. Er erfasst die momentane Befindlichkeit der Kinder, reagiert auf Wünsche und Bedürfnisse und spielt eine vermittelnde Rolle in der Interaktion. Der vierjährige Kevin traute sich fast ein Jahr lang nicht auf den Rücken unseres Pferdes Carino. Für ihn bestand die Welt aus einem unwägbaren Risiko und er hatte viele Ängste. Unsere Hilfestellungen konnte er nicht annehmen, denn er hatte sich ein Verhaltensmuster, basierend auf Ablehnung und Verweigerung, angeeignet. Er zeigte deutlich ein unsicher-vermeidendes Bindungsverhalten. Er misstraute uns zutiefst und es war erschreckend zu sehen, in welche emotionale Isolation er sich zurückgezogen hatte. Als er sich schließlich doch auf den Rücken des Pferdes wagte, nahm er keine Übungsvorschläge von uns an. Immer häufiger legte er sich auf den Rücken des Pferdes und ließ sich in sich gekehrt tragen. Von da an wurde er offener, beteiligte sich am Gruppengeschehen und wurde schließlich voll integriert. Dem Pferd war es gelungen das Eis zu brechen. Auf Carinos Rücken konnte Kevin das, was er als Vierjähriger an Nähe, Zuneigung, Vertrauen und Unterstützung brauchte, endlich finden und auch annehmen (ausführliche Fallbeschreibung: Schnorbach 2006). Probleme: Unsicher-vermeidendes oder unsicher-ambivalentes Bindungsverhalten Ziele: Stabilisierung des - Bindungsverhaltens Mobilisierung von - Ressourcen Aufgaben: Vermittler „Übersetzer“ für das Verhalten des Pferdes Vorbild im Umgang mit dem - Pferd Verdeutlicht gegenüber den Eltern Signale des Kindes, falls diese nicht entsprechend wahrgenommen werden Greift Themen auf, spricht diese an, zeigt ggf. Lösungsstrategien Probleme: Psychische Erkrankung mit den entsprechenden Auswirkungen auf das Erziehungsverhalten Ziele: Psych. Stabilisierung - Reflexion des eigenen - Bindungsverhaltens Mobilisierung v. Ressourcen - Aufgaben: Tritt auf der analogen Ebene in einen Dialog, kann Aufgabe des „Tragens“ und „Haltens“ übernehmen Dient als Übertragungsobjekt - Dient als verbindendes - Element Reagiert artgerecht - Spiegelt die emotionale - Atmosphäre Zeigt Bindungsverhalten auch gegenüber Menschen Kind Therapeut Pferd Elternteil Abb. 1: Settings in der Förderung von Kindern psychisch kranker Elternteile mit dem Pferd Schnorbach - Heilsame Bindungserfahrungen mup 4|2009 | 171 Das Mutter- / Vater-Kind-Reiten Rahmenbedingungen: Zur Verfügung stehen zwei Therapiepferde und zwei Reitpädagoginnen. Die Pferde werden mit Voltigiergurt ausgerüstet, so dass sie von Elternteil und Kind zusammen geritten werden können. Es nehmen pro einstündiger Einheit zwei Elternteile mit ihrem(n) Kind(ern) teil. Das Angebot kann in der Reithalle oder im Gelände stattfinden. Ablauf: Der Ablauf wird bestimmt von einer Grundstruktur, die die Pferde vorgeben. Sie werden vor der Stunde gemeinsam geputzt und bekommen nach der Stunde Leckerlis in ihre Futtereimer. Inhalte: In der Gestaltung der Reitstunde werden die Wünsche und Bedürfnisse der Teilnehmer berücksichtigt. Mutter / Vater und Kind können zusammen reiten, müssen es aber nicht. Jeder kann auch auf einem eigenen Pferd reiten. In einem Ablauf, der Freiräume bietet und aufnimmt, was die Teilnehmer mitbringen, zeigen die Kinder häufig schnell, welche inneren Themen sie beschäftigen. Im Mutter- / Vater-Kind-Reiten ist das Pferd das verbindende Element. In der Auseinandersetzung mit ihm wird das Thema Beziehung berührt, denn Menschen zeigen hier oft angst- und barrierefreier, wie sie Beziehung bisher erfuhren und welche Verhaltensmuster oder sogar emotionalen Überlebensstrategien sie sich daraufhin angeeignet haben. Das liegt darin begründet, dass sie in der Bindung zu einem Pferd mehr Entfaltungsspielraum finden, als sie es aus zwischenmenschlichen Beziehungen kennen, wo häufig Erwartungen und Rollen festgelegt sind (Mehlem 2005, 24). Mit der gemeinsamen Aktion Bild 2: Das Pferd als verbindendes Element Der vierjährige Jimmy ritt neben seiner Mutter und wollte immer von ihr wegreiten. Als ich ihn fragte, wann er denn wiederkäme, sagte er: „Nie mehr! “ Aus seiner Vorgeschichte wusste ich, dass seine frühe Kindheit von traumatisierenden Kindheitserfahrungen geprägt war. Davor hatte ihn die Mutter, obwohl sie dabei war, nicht schützen können - eine traumatische Erfahrung auch für sie. In den weiteren Stunden zeigte Jimmy deutlich einen starken Vertrauensverlust seiner Mutter gegenüber. Bei gemeinsamen Übungen fiel es ihm schwer, sich auf ihre Hilfestellung zu verlassen. Seine Mutter konnte wenig Vertrauen in seine Fähigkeiten setzen und hatte das Gefühl, ihn stetig schützen zu müssen. Das ließ ihm wenig Möglichkeit zur Entwicklung von Eigenständigkeit und er reagierte mit „Wegreiten“. In den weiteren Stunden lernte seine Mutter ihn loszulassen und Jimmy, der vorher auffallend unsicher auf dem Pferd gesessen hatte, entwickelte rasant schnell Selbstvertrauen und suchte sich auf dem Rücken des Pferdes immer neue Herausforderungen. Der Schritt in eine „neue Richtung“ ermöglichte beiden, die bisherige enge Beziehungsstruktur hinter sich zu lassen, und machte den Weg frei für eine sich freier entwickelnde lebendige Gemeinsamkeit. 172 | mup 4|2009 Schnorbach - Heilsame Bindungserfahrungen am Pferd wird zugleich die Beziehung der Teilnehmer untereinander belebt. Auch hier ist das Pferd hilfreich, wenn es zum Beispiel Spannungen und Disharmonien durch Flucht oder Unzufriedenheit anzeigt oder auf Harmonie mit Präsenz reagiert (Urmoneit 2005, 138). Dies lädt dazu ein, im Umgang mit ihm neue Wege des Verständnisses und der Verständigung mithilfe des Reitpädagogen zu entwickeln. Wenn Mutter oder Vater zunächst dem Kind Hilfestellung und Halt geben, ist das eine Situation, in der die Kinder ihre Bezugsperson als Sicherheit bietend und unterstützend erleben können. Bei Kindern mit unsicher-vermeidendem Bindungsmuster ist daraufhin oft eine Annäherung an die Bezugsperson zu beobachten. Auf dem Pferd können verschiedene Facetten der Mutter / Vater-Kind-Beziehung erfahren werden. Nähe und Verbundenheit und Aufeinander-bezogen-sein beim gemeinsamen Reiten auf einem Pferd finden hier ihren Platz, ebenso wie das Erlebnis von Eigenständigkeit und Selbstverwirklichung beim Einzelreiten. Die psychisch erkrankten Elternteile erhalten bei Bedarf Hilfestellung bei der Wahrnehmung und Deutung der Signale ihrer Kinder. Das Gewiegt- und Getragenwerden durch das Pferd ist für diesen Prozess für alle Beteiligten gleichermaßen unterstützend und vermittelt eine Atmosphäre von Akzeptanz und Zuwendung. Zudem bekommen die Elternteile ein Gespür dafür, was ihre Kinder von ihnen brauchen. Denn auch bei ihnen wird die Erinnerung an das Getragenwerden in ihrer eigenen Kindheit geweckt. Haben sie selbst nicht genug Unterstützung und Zuwendung erhalten, hilft diese Erfahrung, sich in die Bedürfnisse ihres Kindes einzufühlen (Strausfeld 2009, 179). Das Reiten für die Elternteile ohne das Kind Rahmenbedingungen: Zur Verfügung stehen zwei Therapiepferde und zwei Reitpädagoginnen. Das Angebot findet in der Reithalle oder im Gelände statt. Ablauf: Der Ablauf der Stunde orientiert sich an den Wünschen und Bedürfnissen der Teilnehmer. Sie kann aus einer Kontaktaufnahme zum frei auf der Weide oder in der Halle laufenden Pferd, Bodenarbeit, Reiten mit Gurt oder Sattel oder auf dem blanken Pferderücken, dem Umsorgen des Pferdes etc. bestehen. Hier wird je nach Krankheitsbild bewusst weniger äußere Struktur geschaffen, um mehr Entfaltungsspielraum zu bieten. Die Art der Annäherung an das Pferd kann hier wichtige diagnostische Hinweise liefern. Inhalte: Das Reitangebot für die Elternteile ohne ihr Kind ist aus dem Bedürfnis der Eltern entstanden, mehr für sich selbst zu tun. Problematiken aber auch Ressourcen, die in den gemeinsamen Stunden gewissermaßen angestoßen wurden, lösten den Wunsch nach Vertiefung aus. Dies macht Sinn, denn es stehen sehr oft eigene Eine Mutter mit einer Borderline-Problematik entdeckte in den gemeinsamen Reitstunden, wie heilsam der Kontakt zu Pferden für sie war. Es entstand eine tiefe Beziehung zu unserem Therapiepferd Ado, in der sie vieles nachholen konnte, was ihr in der Kindheit gefehlt hatte. Auf seinem Rücken fühlte sie sich angenommen und zugehörig. Gerade für Menschen mit Borderline-Problematik, die möglicherweise oft Ablehnung und Kränkung in Beziehungen erfahren, ist das Gefühl, akzeptiert und angenommen zu werden bedeutsam. Es gibt ihnen ein Fundament an Selbstvertrauen. Die Mutter stabilisierte sich und bekam Klarheit darüber, dass vielen ihrer belastenden Symptome traumatisierende Erfahrungen zugrunde lagen. Ado spendete ihr Trost, wenn er sie trug. Obwohl sie in ihren Beziehungen ein Muster der Unterdrückung internalisiert hatte, gelang es ihr mit Ados Hilfe, neue Wege der Beziehungsgestaltung für sich zu entdecken. Ado reagierte auf Unterdrückung mit Flucht und bewirkte so, dass sie ihr Verhalten reflektierte und veränderte. Sie erkannte, dass sie Zeit brauchte, um sich weiterentwickeln zu können und ertappte sich immer wieder im Umgang mit ihrem Kind in alten schädigenden Beziehungsfallen. Mit Klarheit fällte sie den Entschluss, ihr Kind in einer pädagogisch geschulten Pflegefamilie unterzubringen. Sie kann die Erziehung ihrer Tochter bis heute konstant begleiten. Schnorbach - Heilsame Bindungserfahrungen mup 4|2009 | 173 schwierige Beziehungserfahrungen hinter einer psychischen Erkrankung. Da dies wiederum die eigene Beziehungsfähigkeit des Elternteiles negativ beeinflusst, entsteht ein Teufelskreislauf der Weitergabe problematischer Bindungserfahrungen an die nächste Generation. Häufig begegne ich in der Arbeit so genannten „Nichterfahrungen“. Für die Teilnehmer kann es dann zum Beispiel eine ganz neue Erfahrung sein, wenn das Pferd sich ihnen zuwendet, Kontakt anbietet und präsent ist. Dies haben sie in ihrer eigenen Kindheit nicht ausreichend erfahren. Als Träger von Projektionen und Übertragungen hilft das Pferd, abgespaltene Persönlichkeitsanteile zu reintegrieren oder emotionale Konflikte und Bedürfnisse aufzudecken (Scheidacker 2005). Auch hier ist es das nicht im menschlichen Sinne wertende Verhalten des Pferdes, das Menschen eine Annäherung zum eigenen Selbst hin wagen lässt. Die Präsenz, Nähe und der Körperkontakt, den das Pferd bietet, gibt ihnen das Gefühl von Akzeptanz, wenn sie sich zeigen, wie es ihrer Persönlichkeit entspricht. Mit dieser Kombination von behutsam aufdeckender und gleichzeitig stabilisierender Wirkung kann der Kontakt zu einem Pferd für viele psychisch kranke Menschen heilsam sein. Anhand der Beziehung zum Pferd kann das eigene Bindungs- und Erziehungsverhalten reflektiert werden, was sich positiv auf die Eltern-Kind-Beziehung auswirkt. Die Aufgabe des Reitpädagogen besteht hier darin, Raum für die Begegnung zwischen Mensch und Pferd zu schaffen. Er begleitet das Geschehen, „dolmetscht“ das Verhalten des Pferdes, gibt strukturelle Hilfen, greift entstehende Thematiken auf, vermeidet aber (je nach Krankheitsbild) u. U. aufdeckende Interventionen, um nicht destabilisierend zu wirken. Er fördert und unterstützt Situationen mit dem Pferd, aus denen Erkenntnisse im Sinne der psychischen Weiterentwicklung gewonnen werden können. Viele psychisch erkrankte Elternteile sind sich der Problematiken, die ihre Erkrankung für ihr Kind mit sich bringen kann, bewusst. Sie spüren, wenn der Erziehungsalltag sie überfordert und sie bemerken eventuelle Auffälligkeiten ihrer Kinder. Dennoch kann die Hemmschwelle groß sein, Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen. Dahinter steht die Angst, dass ihnen die Kinder weggenommen werden könnten. Diese Angst spielt auch zu Beginn der Heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd meist eine große Rolle und ich begegne ihr mit einer Grundhaltung, die sich folgendermaßen beschreiben lässt: Kein Elternteil schadet bewusst seinem Kind, ■ es ist immer ein „nicht können“ und kein „nicht wollen“, das hier vorliegt. Viele psychisch kranke Elternteile brauchen ■ Hilfe bei der Erziehung und in der Beziehung zu ihren Kindern. Um nicht destabilisierend einzuwirken, ist ■ es wichtig, „Fehlergucken“ zu vermeiden und Ressourcen zu stärken. Bild 3: Das Pferd als Träger von Übertragungen und Projektionen 174 | mup 4|2009 Schnorbach - Heilsame Bindungserfahrungen Auch im Falle einer zum Schutz und Wohl des ■ Kindes notwendigen Trennung von Elternteil und Kind ist es wichtig, diese Situation unterstützend zu begleiten, damit sie nicht zu einer traumatischen Erfahrung des Verlustes und des Versagens wird. Sich der Aufgabe zu stellen ein Kind großzu- ■ ziehen, obwohl man unter einer psychischen Beeinträchtigung leidet, hat meinen vollen Respekt. Fazit In meiner praktischen Arbeit mache ich die Erfahrung, dass die Kinder durch die alternative Bindungserfahrung mit dem Pferd mehr Vertrauen entwickeln können. In der gemeinsamen Arbeit mit Kindern und Eltern kann die Interaktion zwischen Mutter / Vater und Kind verbessert werden. In der Einzelarbeit mit dem Elternteil können Ressourcen mobilisiert und das elterliche Bindungsverhalten in der Beziehung zum Pferd reflektiert und verändert werden. Wesentliche Resultate der Maßnahme sind: Psychische Stabilisierung ■ Emotionale Nachreifung ■ Ichstärkung ■ Mehr Verstehen und Verständigung zwischen ■ Elternteil und Kind Mehr Vertrauen in sich selbst und andere ■ Die Kinder psychisch erkrankter Eltern(teile) dürfen nicht länger die „vergessenen Kinder“ sein. Obwohl es an Studien zur Erfassung ihrer Situation und auch an der Entwicklung von pädagogischen Hilfsmaßnahmen nicht mangelt, scheitert deren Umsetzung allzu häufig an dem Mangel an Fördergeldern. Die besondere Relevanz dieser Angebote als präventive Maßnahme für eine Hochrisikogruppe kann daher nicht genug betont werden. Dieser Artikel soll einen Beitrag dazu leisten. Literatur Bowlby, J. (2005): Frühe Bindung und kind- ■ liche Entwicklung. 5. Aufl. Ernst Reinhardt, München / Basel Deneke, C. (1998): Besser früh betreuen als ■ später behandeln. In: Mattejat, F., Lisofski, B. (Hrsg.): Nicht von schlechten Eltern. Kinder psychisch Kranker. Psychiatrie, Bonn, 87 - 91 Mehlem, M. (2005): Angst und Pferde - Wege ■ zur Bewältigung und Integration von Ängsten mit Hilfe der Pferde. In: Fachgruppe Arbeit mit dem Pferd in der Psychotherapie (FAPP), Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten (DKThR) (Hrsg.): Psychotherapie mit dem Pferd. Beiträge aus der Praxis. 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Anschrift: Regina Schnorbach · Forststraße 13 · D-50767 Köln E-Mail: regina.schnorbach@netcologne.de Internet: www.heilende-helfer.de Die Autorin Schnorbach - Heilsame Bindungserfahrungen mup 4|2009 | 175 Gurny, R., Cassée, K., Gavez, S., Los, B., Al- ■ bermann, K. (2008): Kinder psychisch kranker Eltern. Prävalenz und Versorgungslage. Winterthurer Studie. In: http: / / www.ipw.zh.ch / internet/ gd / ipw / de / medien / medienmeldun. SubContainerList.SubContainer1.ContentContainerList.0015.DownloadFile.pdf, 18.12.2008 Jacob, T., Johnson, S. L. (2001): Sequential ■ interactions in the parent-child communications of depressed fathers and depressed mothers. Journal of Family Psychology 15, 38 - 52 Klauer, T. (2005): Psychotherapie und soziale ■ Unterstützung. Psychotherapeut 6, 425 - 436 Klüwer, B. (2005): Selbsterfahrung auf dem ■ Pferd. Mensch und Pferd - eine Beziehung mit Jahrtausende alter Geschichte. 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