eJournals mensch & pferd international2/2

mensch & pferd international
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1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mup2010.art07d
2_002_2010_2/2_002_2010_2.pdf41
2010
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"Powerblitz - Das verzauberte Rennpferd"

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2010
Birgit Melms
Ulrike Bachmann
Max (Name geändert) kam in der Regelschule überhaupt nicht zurecht, bereits in der zweiten Klasse der Grundschule verweigerte er zeitweise die Teilnahme am Unterricht, tobte, lief weg, weinte und musste von seiner Mutter aus dem Unterricht abgeholt werden. Auch zu Hause zeigte er oft ein so aggressives, ausuferndes Verhalten seinen Geschwistern und auch Eltern gegenüber, dass er schließlich stationär in die Kinder- und Jugendpsychiatrie aufgenommen werden musste. Hier blieb er insgesamt drei Monate, in denen eine umfassende Diagnostik durchgeführt wurde und man in Zusammenarbeit mit seinen Eltern einen Weg suchte, den Schulbesuch für Max wieder möglich zu machen und die Lebenssituation in der Familie zu verbessern.
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70 | mup 2|2010|70-75|© Ernst Reinhardt Verlag München Basel, DOI 10.2378 / mup2010.art07d Forum „Powerblitz - Das verzauberte Rennpferd“ Arbeit mit psychisch kranken Kindern im Rahmen von Schule - mal anders! Birgit Melms, Ulrike Bachmann Max (Name geändert) kam in der Regelschule überhaupt nicht zurecht, bereits in der zweiten Klasse der Grundschule verweigerte er zeitweise die Teilnahme am Unterricht, tobte, lief weg, weinte und musste von seiner Mutter aus dem Unterricht abgeholt werden. Auch zu Hause zeigte er oft ein so aggressives, ausuferndes Verhalten seinen Geschwistern und auch Eltern gegenüber, dass er schließlich stationär in die Kinder- und Jugendpsychiatrie aufgenommen werden musste. Hier blieb er insgesamt drei Monate, in denen eine umfassende Diagnostik durchgeführt wurde und man in Zusammenarbeit mit seinen Eltern einen Weg suchte, den Schulbesuch für Max wieder möglich zu machen und die Lebenssituation in der Familie zu verbessern. Dasselbe Kind - Max - hat sich aber auch die Geschichte von „Powerblitz - dem verzauberten Rennpferd“ ausgedacht, um die es in diesem Artikel gehen soll, er hat das Pferd für die „Hauptrolle“ ausgesucht, die zusätzlichen „Darsteller“ ausgewählt, viele Fotos gemacht, um die Geschichte bildlich zu gestalten, und letztlich das Ergebnis bei der Projektpräsentation in seiner neuen Schule vorgestellt. Wir wollen den Weg und die Bedingungen beschreiben, die zu diesem Ergebnis führten, sind aber überzeugt davon, dass die Geschichte von „Powerblitz“ selbst so aussagekräftig ist, dass sie einer Interpretation von unserer Seite nicht bedarf. Der Autor der Geschichte von „Powerblitz - das verzauberte Rennpferd“ Der Klinikaufenthalt von Max führte zu einer sehr komplexen und auch uneindeutigen Diagnose. Er wird beschrieben als ein Kind mit durchschnittlicher Intelligenz, aber einem sehr komplexen Störungsbild, das nahezu alle Bereiche erfasst. Hierbei ist der Bereich der Emotionen betroffen ebenso wie das Feld der sozialen Interaktionen und der Beziehungsgestaltung. Der Bereich der zwischenmenschlichen Kontaktaufnahme wurde insbesondere dadurch erschwert, dass er sehr lange brauchte, bis er mit ihm nicht oder nur flüchtig bekannten Menschen überhaupt sprach, obwohl er sich verbal normal ausdrücken konnte. Man schrieb ihm zusätzlich eine „kombinierte umschriebene Entwicklungsstörung“ (F83 nach ICD 10) zu, dies wurde nach außen hin sichtbar durch deutliche Beeinträchtigungen sowohl im Bereich der Grobals auch der Feinmotorik. Außerdem attestierte man ihm eine „einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung“ (F90.0 nach ICD 10). Ein Verdacht auf eine Störung aus dem Bereich des autistischen Spektrums ließ sich in der Klinik nicht bestätigen. Nach der abgeschlossenen Diagnostik wurde in Zusammenarbeit mit seinen Eltern entschieden, dass Max in einer Regelschule überfordert sei, und es wurde für ihn ein Platz in der Martin- Luther-Schule (MLS) in der Nähe von Gießen gefunden. Zusätzlich dazu wurde er im Rahmen der Nachmittagsbetreuung in eine sozialpädago- Melms, Bachmann - „Powerblitz - Das verzauberte Rennpferd“ mup 2|2010 | 71 gische Kindertagesgruppe des Kinder- und Jugendwohnheims Leppermühle aufgenommen. Die MLS ist eine staatlich anerkannte Ersatzschule für Kranke, Schulträger ist der Verein für Jugendfürsorge und Jugendpflege e. V. Gießen. In dieser Schule können unter besonderen Bedingungen Schulabschlüsse für Lernhilfe, Haupt- und Realschule erworben werden. Die Schule befindet sich auf dem Gelände des Kinder- und Jugendwohnheims Leppermühle, das unter derselben Trägerschaft steht. In diesem Heim werden Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit psychischen Erkrankungen aus dem ganzen Bundesgebiet im Anschluss an klinische Akutbehandlungen betreut. Zu den Einrichtungen des Heims gehören auch die sozialpädagogischen Kindertagesgruppen, in denen eine gut strukturierte Nachmittagsbetreuung vielfältige Möglichkeiten bietet, an bestehenden Schwierigkeiten zu arbeiten und in enger Zusammenarbeit mit den Eltern und den Schulen - aufbauend auf die Ressourcen der Kinder - Kompetenzen zu stärken mit dem Ziel, in Schule und Alltag besser zurecht zu kommen und - im besten Falle - eine Rückführung in Familie und Regelschule zu begleiten. Für Max bedeutete die Aufnahme in die Grundstufe der MLS, dass er in eine kleine „Lerngruppe“ (wie die Klassen genannt werden) von fünf bis sechs Schülern kam, in der durch die Doppelbesetzung mit einer Lehrerin und einer Sozialpädagogin ein individuelles Eingehen auf seine spezifischen Schwierigkeiten ermöglicht wurde. Zum Konzept der Schule gehört auch, dass ein Eintritt in diese Schule jederzeit möglich ist, die Besuchsdauer richtet sich nach den individuell erarbeiteten Perspektiven. Hierdurch ist ein Schülerwechsel in dieser Schule ein immer wieder vorkommendes Ereignis, so dass alle Beteiligten professionell mit der Situation umgehen können und der Neubeginn bei gutem Verlauf für den hinzugekommenen Schüler positiv besetzt werden kann. Die Aufnahme von Max in die Tagesgruppe ermöglichte jetzt auch, dass in enger Zusammenarbeit mit seiner Lehrerin seine schulischen Probleme bearbeitet werden konnten. Weiterhin konnte durch die pädagogische Arbeit in Schule und Tagesgruppe eine Stabilisierung erreicht werden, und die regelmäßige (einmal wöchentliche) therapeutische Begleitung durch „seine“ Psychologin tat ein Übriges dazu. Schule und Tagesgruppe nutzen auch die sonstigen therapeutischen Angebote des Heims wie Ergotherapie, Logopädie, Motopädagogik und die Angebote der heimeigenen anerkannten therapeutischen Reit- und Voltigierschule FN. Im Rahmen des Unterrichts werden hier morgens in enger Absprache mit den Lehrerinnen heilpädagogische Voltigiergruppen angeboten. Max konnte direkt nach seiner Aufnahme in die MLS in eine kleine heilpädagogische Voltigiergruppe mit dem Pony Lollipop aufgenommen werden. Seine Freude an der Arbeit mit Lollipop und den anderen Kindern bewirkte, dass er sich zu Schuljahresbeginn 2008 in den Wahlpflichtkurs: „Wir machen eine Geschichte / einen Comic / eine Fotogeschichte mit unseren Pferden“ einwählte, der von der Reit- und Voltigierschule angeboten wurde. Der WPU-Kurs: „Pferdegeschichte“ Im Konzept der Schule ist das Angebot des Wahlpflichtunterrichts (WPU) als Projektarbeit fest verankert, jeweils in den letzten beiden Schulstunden freitags werden diese Kurse angeboten. Hierbei wird darauf geachtet, dass im Kursangebot möglichst verschiedene Bereiche abgedeckt werden. Sportliche ebenso wie künstlerische oder musikalische Elemente können genauso eine Rolle spielen wie die Arbeit am PC, das Kochen und vieles andere, wie eben auch die Pferde. Jeweils zum Ende des Schulhalbjahres enden diese Kurse mit einer Präsentation der erarbeiteten Ergebnisse, die von allen Schülern, den Eltern und sonstigen Interessierten besucht wird. Ziel dieser Kurse ist, den Schülern eine ganzheitlich gestaltete und längerfristig orientierte Arbeit an einem Themengebiet anzubieten, das sie interessiert, Birgit Melms, Ulrike Bachmann 72 | mup 2|2010 Melms, Bachmann - „Powerblitz - Das verzauberte Rennpferd“ und so einen positiv besetzten Abschluss einer jeden Schulwoche zu ermöglichen. Unser Konzept für den Kurs: „Pferdegeschichte“ beinhaltete eine offene Ausgestaltung des Themas. Alle Pferde des Reitstalls standen zur Verfügung, ebenso wie eine „Kostümkiste“, eventuell benötigte „Statisten“ (Praktikanten, Mitarbeiter), eine Digitalkamera, Bastel- und Gestaltungsmaterialien und auch die Möglichkeit, die Ergebnisse am PC zu bearbeiten. Die Arbeit insgesamt gliederte sich in drei Phasen: 1. Erarbeiten eines Themas, Erstellen des Grobkonzeptes: • Art der Geschichte (Märchen, Sachgeschichte, Comic, Erzählung) • Grobe Strukturierung des Inhaltes - Erarbeiten der darzustellenden Szenarien • Wahl der „Darsteller“ • Aufgliedern in Kapitel 2. Erarbeiten der einzelnen Kapitel: • Umsetzung der Darstellung in den einzelnen Szenen • Erarbeiten des dazugehörigen Textes • Herstellen der nötigen Fotos, Zeichnungen 3. Fertigstellen der Geschichte: • Schaffung eines Layouts für jede Seite • Ergänzen und Ausgestalten der Seiten • Zusammensetzen der Arbeit zu einem Heft • Präsentation des Ergebnisses auf einer Stellwand Inhaltlich hatten wir Pädagoginnen uns darauf geeinigt, dass wir keine Vorgaben für den Lauf der Geschichte und die Ausgestaltung machen wollten, sondern - in konzentrierter und bewusster Zurückhaltung - das Entstehen der Geschichte und deren Ausgestaltung mit Ideen und praktischen Tipps zu Umsetzungsmöglichkeiten begleiten wollten. Die Geschichte von „Powerblitz“ entsteht Zunächst hatten sich neben Max drei weitere Kinder zu diesem Kurs angemeldet. Aus verschiedensten Gründen, wie sie in einer solchen Schule durchaus immer wieder vorkommen, konnten zwei der anderen Kinder dann doch nicht teilnehmen, und ein Junge, der die ersten Einheiten mitgestaltete, wurde in eine andere Teileinrichtung verlegt, so dass Max alleine übrig blieb. Weil wir das Projekt nicht abbrechen wollten und dies auch möglich war, konnte Max den Luxus der „Eins-zu-eins-Betreuung“ genießen, eine Tatsache, die ihm durchaus entgegenkam. In der ersten Phase der Erarbeitung der Geschichte entschieden sich die Kinder für eine Darstellung, die einerseits realistisch sein, andererseits aber auch märchenhafte Züge tragen sollte. Im Laufe der Weiterentwicklung waren für Max (dann alleine) zunächst die märchenhaften Teile wesentlich. Zum Ende hin wurde die Rolle der (Pferde-)freunde von „Powerblitz“ immer wichtiger. Manchmal waren äußere Faktoren - wie das Wetter - bestimmend für den Verlauf, den die Geschichte nahm. Max hat die meisten Fotos selbst aufgenommen, er hat genau entschieden, was auf den Fotos dargestellt sein sollte inklusive der Art der „Verkleidung“ und der Darstellung der jeweiligen Szene. Für die Fotos, auf denen er selbst mit abgebildet ist, hat er genaue Anweisungen gegeben. Alle Bilder wurden sicherheitshalber aus verschiedenen Blickwinkeln öfter aufgenommen - hier bietet die digitale Fotographie einfache und kostengünstige Arbeitsmöglichkeiten. Bild 1: Fototermin mit den Freunden von „Powerblitz“ Melms, Bachmann - „Powerblitz - Das verzauberte Rennpferd“ mup 2|2010 | 73 Parallel zur Aufnahme der Fotos wurde der Text zur Geschichte entwickelt, auf der Basis von Max’ Ideen unterstützten wir ihn bei der Formulierung. In der Regel konnte er nach einem Vorschlag von unserer Seite sehr genau sagen, wie der vorgeschlagene Text abgeändert werden sollte, so dass er seinen Vorstellungen entsprach. Mit der Vorgehensweise, Fotos und Text mit Hilfe des Computers zu verknüpfen und so zu einem ausdruckbaren Ergebnis zu kommen, konnte Max überhaupt nicht zurechtkommen. Dies waren die einzigen Kursstunden, in denen er vollkommen „versteinerte“ und kein Wort mehr sprach. So suchten wir nach einer anderen Möglichkeit, die Geschichte „aufs Papier zu bringen“: Wir wählten mit ihm von den vielen entstandenen Fotos diejenigen aus, die die Geschichte illustrieren sollten, gliederten mit ihm den Text in einzelne Abschnitte, die dann als „Textschnipsel“ zwischen den Bildern eingefügt werden konnten, und wir begleiteten ihn bei der Gliederung der Geschichte in einzelne Kapitel, für die er seine Überschriften fand. Fotos, Überschriften und Textabschnitte wurden dann ausgedruckt und anschließend von Max in Form der Collagetechnik zusammengestellt. Hierbei hat vieles eine eigene Bedeutung, z. B. die Platzierung von Fotos und Text, die Ergänzung durch zeichnerische Elemente und letztlich die Gestaltung einer Werbeseite (hier nicht mit abgedruckt) auf der Rückseite des letzten Blattes mit Produkten aus der Pferdebranche, die er sehr exakt aus einem Katalog ausschnitt, wobei er besonders darauf achtete, dass der Preis der jeweiligen Artikel mit erfasst war. Besonders wichtig war für ihn auch die Form der ausgeschnittenen Fotos, sie hatte fast immer eine spezielle Bedeutung. Hier sei nur als Beispiel das Foto von „Powerblitz - dem Sieger“ genannt, das in Form eines Pokals ausgeschnitten wurde. Informationen zur Einrichtung findet man unter: www.leppermuehle.de. Informationen zum Konzept der Martin- Luther-Schule und dem Kinder- und Jugendwohnheim Leppermühle wurden der neu aufgelegten Informationsbroschüre der Einrichtung entnommen, die unter info@leppermuehle.de angefordert werden kann. Informationen Besonders wichtig war für ihn auch die Form der ausgeschnittenen Fotos, sie hatte fast immer eine spezielle Bedeutung. Hier sei nur als Beispiel das Foto von „Powerblitz - dem Sieger“ genannt, das in Form eines Pokals ausgeschnitten wurde. Melms, Bachmann - „Powerblitz - Das verzauberte Rennpferd“ mup 2|2010 | 75 Nun wollen wir dem Leser die Möglichkeit geben, die Geschichte von „Powerblitz“ zu lesen, zu genießen, zu interpretieren und sich daran zu erfreuen. Fazit dieses Projektes ist für uns, dass ein kleiner Junge fast ein halbes Jahr lang intensiv an einem schulischen Projekt arbeiten konnte, für das er im Verlauf immer mehr Begeisterung entwickelte und das er - stolz - bei der Präsentation am Ende des Kurses vorstellte. Dabei kam er in unterschiedlicher Form mit all unseren Pferden, den Mitarbeitern des Reitstalls und verschiedensten Praktikanten in Kontakt und erfuhr von unterschiedlicher Seite Unterstützung. Er fehlte fast nie und zeigte ein Durchhaltevermögen, das man ihm ein Jahr vorher vielleicht nicht zugetraut hätte. Jetzt ist er natürlich sehr stolz, dass seine „Powerblitzgeschichte“ auch noch in einer Zeitschrift gedruckt wird, und wir freuen uns mit ihm. Anschrift: Birgit Melms · Therapeutische Reit- und Voltigierschule FN, Kinder- und Jugendwohnheim Leppermühle · Leppermühle 1 · 35 418 Buseck · E-Mail: reithallelm@leppermuehle.de oder birgitmelms@web.de · Internet: www.leppermuehle.de Birgit Melms Bereiterin FN und Diplompädagogin, Reit- und Voltigierpädagogin DKThR und Ausbilderin im Reiten als Sport für Menschen mit Behinderungen, arbeitet seit 1999 als Leiterin der therapeutischen Reit- und Voltigierschule FN des Kinder- und Jugendwohnheims Leppermühle insbesondere in der heilpädagogischen Förderung mit Pferden mit psychisch kranken Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Hierzu gehört auch die Ausbildung und Gymnastizierung der eingesetzten Therapiepferde. Ulrike Bachmann Bereiterin FN und Ausbilderin im Reiten als Sport für Menschen mit Behinderungen, ist seit 2003 Mitarbeiterin in der therapeutischen Reit- und Voltigierschule FN des Kinder- und Jugendwohnheims Leppermühle. Neben der alltäglichen Arbeit mit Menschen und Pferden ist einer ihrer Schwerpunkte die kreative Ausgestaltung der Arbeit, z. B. durch Theateraufführungen und ähnliche Projekte. Die Autorinnen